Einzelbild herunterladen

zur Revolution neigten, aus Polen und dem ehe­maligen Westrußland n-ach Zentralrußland in Be­wegung gesetzt und bildeten dort die revolutionären Zellen, dre au dem großen russischen Umsturz führ­ten. In diesem Sinne wird auch späterhin in den angeführten Sätzen von denLeidenschaften einer gleichmacherischen Propaganda" gesprochen.

Wer ist nun dieser herbe Sittenschilderer? Diese Charakterstudie des Englands der ersten Kriegs- monate stammt aus der Feder von H. G. Wells, dessen technisch - naturwissenschaftliche und soziolo­gische Zukunftsvisionen in England und den Ber­einigten Staaten eine recht starke Lesergemeinde gefunden Haden. Wells selbst bezeichnet sich als ge­mäßigten Sozialisten, dessen britisä)es Nationalge­fühl aber über jeden Zweifel erhaben ist. Es ist wahr: Wells ist sehr temperamentvoll, gleicht etwa demFloh in der Streichholzschachtel" und gehört zu jenen Schriftstellern, die die Anfänge einer Be­wegung fast überklar erkennen und eine zukünftige Entwicklung schon etwas in die unmittelbare Gegen­wart hineinstellen. Wir wollen mit keinem Worte die Bedeutung des Sittenbildes übertreiben, das Wells von dem zeitgenössischen England entwirft; wir haben daher auch Vorbehalte ausdrücklich er­wähnt, die in der Natur dieses Schriftstellers lie­gen. Aber der Tatbestand als solcher wird uns von genauen Kennern der englischen Verhältnisse auf Grund ihrer Beobachtungen in den letzten Mona­ten vor der englisch-französischen Kriegserklärung an Deutschland bestätigt; ebenso schildern neutrale Beobachter und zahlreiche Engländer die Wirkungen der umfassenden Räumung der englischen Groß­städte in genau derselben Weise wie Wells selbst.

Aber hören wir nun weiter, welche Schluß­folgerungen Wells aus der eindrucksvollen Schilderung dieses Tatbestandes zieht! Er schreibt: Die Masse ist zwar in England immer eigensinnig gewesen, aber die Welt bat sie doch seit anderthalb Jahrhunderten nicht in so schlechter Laune gesehen, und zwar darüber kann kein Zweifel bestehen viel weniger wegen der deutschen als wegen der eigenen Führer. Der Vertrauens­schwund gegenüber der eigenen Regierung und der englischen Gesellschaftsordnung ist heute schon enorm. Was wir auch von den nationalsozialisti­schen und faschistischen Regierungsformen denken mögen auf alle Fälle muffen wir zugeben, daß es ihnen gelingt, das Leben in der Richtung auf eine neue Gemeinschaft aufzubauen. Nationalsozialisten und Faschisten unternehmen we­nigstens den Versuch, eine Ordnung herzu- stellen, und sind insofern der in England herrschen­den Klasse weit voraus. Das britische Imperium hat sich als das am wenigsten konstruk - t i v e aller Regierunassystem erwiesen. Es bringt keineneue Politik" (eine Anspielung aus die innen­politischen Reformen des amerikanschen Präsiden­ten Roosevelt) und keinen Füns-Jahre-Plan hervor, sondern es versucht einfach, seine unvermeidliche Auflösung hinauszuschieben und in der alten Weise weiterzumachen, bis es nichts mehr herzugeben hat."

Die jetzige englische Regierungspolitik ist verderb­lich. Ruhe um jeden Preis, selbst um den Preis eines Vorbeugungskrieges, das ist der leitende Grundsatz der älteren britischen Staatsmänner. Es schien ein­mal, als ob dieses Imperium so etwas wie das einigende Band eines Weltsystems werden würde, aber jetzt hat es offenbar keine andere Zukunft mehr als die Auflösung. Nun haben die Heu- Ligen englischen Staatsmänner durch eine Kette von unglaublichen Fehlern das, was vom britischen Jn- perium noch übrig geblieben ist, in einen Krieg verwickelt, um ,mit Hitler ein Ende zu machen. Aber weder für ihre Gegner, noch für die übrige Welt haben sie einen Vorschlag, was nun eigentlich nach Hitler kommen soll. Offenbar hoffen sie auf eine unklare Weise Deutschland lähmen zu können, um dann wieder zu ihren Golfplätzen oder Forellen­bächen oder zum Dahindösen am Kaminfeuer kom­men zu können."

Versuchen wir, das Wesentliche dieser Schluß­folgerungen festzuhalten! Wells vermißt in der britischen Politik das Ideal einer Lebens­form, das der Zeit angemessen ist und das dem großen englischen Weltreich einen inneren Sinn und eine überzeugende Berufung geben könne. Darum jein Hinweis, daß die englischen Staatsmänner mit den alten abgelagerten Methodenf o r t ro u r st e l n", wie ein österreichischer Ministerpräsident vor fünfzig Jahren ähnliche, wenn auch vielleicht noch etwas krassere Ermüdungserscheinungen der habsburgischen Monarchie charakterisiert hat.

Weihnachtsbaum und Kosmos

Von Karl Zoerster-Bornim.

Die Fichte, Picea excelsa, im Dolksrnund auch Tann« genannt, der eigentliche Baurn der schwarAen Turmwälder des Nordens und der Alpen, ist oer mächtigste und beherrschende aller Nadelholzarten der Gebirge. Verbreitet ist sie über die riesigen mit­teleuropäischen, litauischen, baltischen, estnischen, polnischen, russischen, finnischen und schwedischen Landflächen, in denen Dies herrliche Wesen urtüm­lich bodenständig ist. Dieser Baum gehört zugleich Bergreaionen bis hinauf in 2000 Meter Höhe, stürmt fogar in Krüppelform noch 500 Meter höher, hat im Hochgebirge seinen Ursprung, ist aber zu­gleich wie die Arve, ausgesprochener Wälderbaum der Tiefebene.

Don der Tanne unterscheidet sich die Fichte durch die hängenden ringsumnadelten Zweige. Sie bringt noch malerischer Schönheit hervor als die starre Tanne. Mit 100 Jahren wird sie 35 Meter hoch, mit 80 Jahren 30 Meter hoch, mit 60 Jahren 25 Meter. Erst im 40. Jahre beginnt sie zu blühen. Europas Berge tragen nachweislich mehr als tau­sendjährige Fichten. Mit 50 Jahren wird 50 Meter Fichtenhohe erreicht.

Wenn man aus den Mittelmeerländern wieder nach Deutschland kommt, empfängt uns Fichtenwald wie das eigentliche Märchenantlitz des Nordens. Die Sprache versagt uns die Worte, wenn wir unserer innersten Anbetung dieser Pflanze und ihrer um den Menschen so unbekümmerten himmlischen Schwermut und Kraft Ausdruck geben wollen.

Der Baum ist wie geschaffen zum Weihnachts­baum, also zum Kultus oes Lichtwendefestes, dem zu Ehren wir einen immergrünen Baum mit Bie­nenwachslichtern bestecken und im Winterdunkel Weibelieder fingen. Wir fühlen uns hier einem menschlichen Prinzip verbunden, dem man nun seit fast zwei Jahrtausenden Tempel baut durch alle Zonen bis in die Tropen und Eisländer. Es ist die Wirklichkeit von Gut und Böse, von Treu und .Glauben, welche zutiefst alle großen und kleinen Dinge der Welt beherrscht und lenkt und, wo sie nicht gleich lenkt, dennoch sichtbar oder in unsicht­barer liefe richtet.

Dem Glauben an ein kommender Händereichen unter diesem Zeichen, mitten im dunklen tiefen Win-

Schneesturm und Kälte an der finnischen Eismeerfront.

H e l s i n t i, 22. Dez. (DNB.) Der Vormarsch der Russen an der Eismeerfront ist auf den Höhen von Höyenjäroi, 50 Kilometer südlich von Salmijärvi, zum Stehen gekommen. Der fürchterliche Schneesturm, der seit Mittwoch früh über die Gegend rast, dauert noch an, und die Temperaturen schwanken zwischen 30 und 36 Grad Kälte. Die Russen, die in diesem Kampfabschnitt mit motorisierten Kolonnen operieren, unternahmen eine Schwenkung nach W e - ft e n, da ihnen der Weg nach Boris Gleb durch die Finnen versperrt wurde. Die Luftwaffe kann in den Kampfabschnitten feit Dienstag nicht mehr eingesetzt werden, da der Schneesturm die Tätigkeit von Bombenmaschinen und Aufklä­rungsflugzeugen so gut wie unmöglich macht. Auch die Aktionen der Artillerie werden durch den Schnee- sturm stark behindert.

Im nordöstlichen Kampfabschnitt waren die Russen während des Mittwochs und in der Nacht zum Donnerstag weiter im Vor­marsch begriffen. An der Front bei Salla haben sie Fortschritte gemacht auf dem Vormarsch nach S a v u k o s k i. Am Mittwochabend griffen die

Finnen, die nordöstlich von Kemijärvi eine neue Verteidigungslinie gebildet hatten, die vormarschie­renden russischen Truppen an. Der Angriff kam überraschend, als russische Pioniere und technische Truppen sich anschickten, den Kemi-Fluß zu über­schreiten. Der Kampf ist noch nicht entschieden.

Wallstreet hat keine Neigung zu einer Anleihe für Finnland.

Neuyork, 22. Dezember (DNB. Funkspruch.) Nach einer Meldung von Associated Preß suchte Finnland bei der Regierung der Vereinigten Staa­ten um eine Anleihe von 50 Millionen Dollar nach, die für den Ankauf von Kriegs­material bestimmt sein sollen. Die internatio­nal News" bemerkt, daß diese Anleihe zwar in Kongreßkreisen propagiert werde, daß aber die Wallstreet-Bankiers sie nicht befür­worteten. Diese hätten geäußert, Finnlands Zukunft sei zu ungewiß, um eine Anleihe zu rechtfertigen, wenn auch Finnland bisher seine Schulden pünktlich bezahlt habe.

Schwierigkeiten des britischen Exports

Scharfe Konkurrenz der Neutralen in Südamerika.

N e u y o r k, 21. Dez. (DNB.) Auf einer Sitzung der Bank of London and South America Ltd. sprach der Vorsitzende, Lord Wardington, über Groß­britanniens Schwierigkeiten einer Ausfuhrverstär­kung. Er sagte, der Kampf, wie er sich gegenwär­tig darstelle, werde mehr und mehr zu einem Kampf auf wirtschaftlichem Gebiet. Die Quelle aber, aus der Großbritannien den größ­ten Teil feiner wirtschaftlichen Stärke schöpfe, fei der Ausfuhrhandel des Landes. Der Aus­druckGroßbritannien muß exportieren ober sterben", verliere dadurch nicht an Wert, daß er häufig Aitiert werde. Wenn Großbritanniens Ausfuhrhandel fchon in Friedenszeiten fehr wichtig für das Land fei, erhöhe sich fein Wert in Zeiten des Krieges noch wesentlich, Da das Land auf diese Weise seine Devisen erhalte, um seinen gewal­tigen Bedarf an Nahrungsmitteln u f ro. zu bezahlen, da es all diese Dinge aus dem Aulande einsühren müsse und andererseits feine Goldreserven und fremden Guthaben schonen müsse. Weiteryin dürfe auch jetzt nicht die Frage der Be­schäftigung der britischen Industrie in der Zeit nach dem Kriege aus dem Auge ver­loren werden.

Lord Wardington fetzte sich besonders für Er­oberung derjenigen überseeischen Märkte ein, bie Deutschland früher beliefert habe, ins- besondere die Märkte Südamerikas. In den meisten südamerikanischen Ländern aber hätten die Schwierigkeiten der letzten Jahre zu einer amt- lichen Ko ntrolle der Einfuhren geführt, und bei Ausbruch des gegenwärtigen Krieges hätten

viele füdameri tonischen Länder ihr« Einfuh­ren stark gedrosselt, um ihre Handelsbilanz günstiger zu stellen. Zum andern dürfe man in England aber auch Nicht vergessen, daß England bei erhöhten Ausfuhren nach Südamerika erhöhte Einkäufe südamerikanischer Produkt« tätigen müsse. England müsse seine Derkaufsmethoden so modern wie nur möglich halten, um auch Mit an­deren Ländern fonfurrieren zu können. England müsse auch mit einer ft arten Konkurrenz neutraler Länder und ganA besonders der Vereinigten Staaten auf oen südamerika- irischen Märkten rechnen, deshalb werde es keine leichte Aufgabe für Großbritannien fein, die südameritanischen Märkte für England zurückzuer­obern.

In einem Kommentar zu den Ausführungen Lord WaMngtons bemerttFinancial News" vom 20. 12., das Haupthindernis für eine Eroberung der südamerikanischen Märkte durch Großbritannien sei die Anstrengung, die man in neutralen Län­dern, wie den Vereinigten Staaten, Japan und Italien mache, um Waren in Südamerika.abzusetzen. Die Industrien dieser neu­tralen Länder seien vor allem nicht so vielen Kon­trollen unterworfen, wie die Industrien Englands in der jetzigen Kriegs zeit. Eine weitere Schwierig- keit sei die, daß die rohstoffproduzieren-den Länder eigene Industrien zur Bearbeitung der Roh­stoffe aufbauen und sich deshalb mit Zollschranken umgeben. Auf lange Sicht gesehen, liege hierin über­haupt die Schwierigkeit für den Ausfuhrhandel der Zukunft.

Jede neue Lebensform ist immer eine neue Ordnung. Es ist sehr bezeichnend, daß Wells ganz klar das Bedürfnis nach einer Ordnung ver­kündet, die jenseits des Horizonts der ganA in den alten Gleisen des Staats- und Gesellschaftslebens fuhrwerkenden englischen Staatsmänner liegt. Und das Gefühl für die Notwendigkeit dieser neuen Lebensordnung schärst Wells den Blick dafür, daß die englische Politik zwarmit Hitler ein Ende machen will", daß sie aber nicht sagt und nicht sagen kann,ro a s nun eigentlich nach Hitler kommen soll". Wie man von neutralen Beobach­tern hören kann, ist dieses Gefühl, daß sich die eng- lische Politik im alten Kreise fehlerhaft dreht, in England fo allgemein, daß auch die Sowjettussen diesen Tatbestand zu ihrer Kenntnis genommen haben und daß dieserTatbestand sehr wesentlich die Entscheidungen des Kremls im Hochsommer 1939 beeinflußt hat! Dr. Ho.

Gialin über Versailles.

Das Diktat sollte die deutsch-russische Annäherung hintertreiben

Moskau, 21. Dez, (DNB.) Das Geroerkfchafts- blatt ,/Erub" bringt zum 60. Geburtstag Stalins einen interessanten Beittag über die Stellung Sta­lins zum Versailler Vertrag. Er führt den Nach­weis, daß Stalin den Versailler Vertrag von jeher als die größte Ungerechtigkeit gegenüber Deutschland betrachtet hat. Stalin habe feit Jahren vorausgesehen daß das deutsche Volk sich niemals mit diesem Schandver­trag abfinden uno neue Kräfte entfalten werde, um sich von diesem Joch zu befreien. Schon im Jahre 1920 habe Stalin erklärt, daß derRäubervertrag" von Versailles kein Friede fei, sondern Dutzende von Millionen Menschen zu Knechten mache. Mit der gleichen Klarheit habe Stalin später den D a

ro e 5 plan und den Poungplan al» die ge­mein ften Manöver des englisch-ftanAosischen Fi. nanzkapitals zur Ausbeutung Deutschlands ent­tarnt. Gleichzeitig jedoch habe Stalin erkannt und mehrfach ausgesprochen, daß der Versailler Ver­trag auch gegen die Sowjetunion ge­richtet war und insbesondere durch die Unter- drückung des deutschen Volkes eine Annäherung Deutschlands und der Sowjetunion hintertrei­ben wollte. In der Erkenntnis dieser Sachlage hätten Deutschland und die Sowjetunion endlich im Jahre 1939 gemeinsam und endgültig mit dem Versailler System in der Zone ihrer natürlichen Interessen aufgeräumt. Der Nichtangriffspakt, der Freundschastsvertrag und die Wirtschaftsab- machungen feien heute nicht nur für Europa von geschichtlicher Bedeutung, sondern für die ganze Welt.

Der Wehrmachtsberich» vom Donnerstag.

Lebhafte örtliche Artillerietätigkeit im Westen.

Berlin. 21. Dez. (DRV.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

Im Westen etwas lebhaftere ArtillerietätigkeiL

Ein französischer Aahaufklärer wurde kurz nach Ueberfliegen der Grenze durch deutsche Jagdflieger in Gegend Pirmasens abgeschossen.

Fliegeralarm in Nordwestfrankreich, und Ostengland.

Paris, 21. Dez. (DNB.) Im Nordwesten Frank» reichs wurde am Mittwoch Fliegeralarm gegeben. Er Dauerte von 17.30 bis 18 Uhr. Unbekannte Flugzeuge erschienen, wie aus London gemeldet wird, am Mittwochabend über den östlichen Grafschaften.

Deutscher Protest gegen Internierung der.Gpee-'-Besatzung.

Berlin. 21. Dez. (DNB.) Die argentinische Re. gierung hat ein Dekret über die Internierung der Besatzung des deutschen Panzerschiffes Admiral Graf Spee bekanntgegeben. Gegen dieser Dekret hat die Reichsregierung förmlichen Protest eingelegt unter Berufung darauf, daß Schiff­brüchige. die ein neutrales Land erreichen, nichl interniert werden, wie auch die holländische Regierung die schiffbrüchigen Besatzungen der KreuzerAbukir".hogue" undLressy" nichl internierte, sondern alsbald freigab.

panamerikanisches Gespräch.

Washington, 22. Dez. (Europapreß.) Die Vereinigten Staaten stehen noch immer in Erörterung mit den zwanzig übrigen amerikanischen Republiken, mit denen sie eine gemeinsame Aktion gegen die Ver­letzung der Neutralität der amerika­nischen Gewässer durch kriegführende Staaten beraten. Die Verhandlungen sollen, wie Staats­sekretär Hüll am Donnerstag erklärte, so schnell wie möglich zu Ende gebracht werden. Ihr (Ergeb­nis wird eine Note sämtlicher amerikanischen Staaten an die Kriegführenden sein. Der Wortlaut sei aber noch nicht feftgefteßt

Französische Drohungen gegen die Neutralen.

Brüssel, 22. Dez. (Europapreß.) Die Haltung Der kleineren neutralen Mächte bildet gegenwärtig wiederum offenbar auf amtliche Anweisung den Gegenstand lebhafter Angriffe Der französischen Presse. So schreibt beispielsweise der frühere Kriegs« minifter Jean Fabry imMatin , es fei eine falsche Rechnung Der Neutralen, zu glauben, Eu­ropa könne mit gekreuzten Armen Dem rie­sigen Konflikt beiwohnen, in Den Die größten Reiche Der Welt verwickelt feien. Es würde mehr als ein Wunder fein, wenn nicht früher oder später vor­nehmlich die Belgier, Holländer und Luxemburger gezwungen würden, an Dem Konflikt teilzunehmen. Das gleiche gelte aber auch für Skandinavien und Den Balkan.

ter, ist Das Wesen Des Weihnachtsfestes geroiDmet. All Die großen Geleise Der Erdnatur münden in einen Rangierbahnhof: hier bereitet sich eine Welt über Der ©eit vor. Aus Dem ruhelosen Stampf ums Dasein spinnen sich hier die Grundlagen für Die ruhevolle Hilfe im Dasein. Mitten in Dieser ver­schleierten und vom Tanz Der Kristalle umwobenen Rätselwelt Des Winterlebens feiern wir Das Hoff­nungsfest Der einstigen Entwirrung und Entminte- rung. Der Deutsche hat Das Weihnachtsfest gestaltet und Den ewig grünen kampftrotzenden Baum mit Lichtern aus Blumenstoff besteckt, Abbild Des gro­ßen Weltenbaumes, in Dessen Geäst die Sternen­lichter brennen. Weihnachten ist das universalste aller Feste; man wird ihm mit Dem Aelterwerden immer tiefer untertan und zugetan. Von Deutsch­land aus zieht die Weihnachtsbaumsitte immer größere Kreise.

Kein Baum feiert Den Schnee so herrlich wie Die Fichte und läßt sich schöner von ihm feiern. Und Wunderdinge wohnen in ihrem Holz: Kunstseiden und Geigen werden daraus gemacht. Diese Fichte, Picea excelsa, ergeht sich rn nur geringen Variatio­nen, und nur, wer tiefer hinblickt, sieht, daß jede Fichte ein anderes Gesicht hat und eine andere Geschichte. Jedoch das ganze große Fichtenwesen Der Welt hat sich in wunderbare Verwandlungen aus- einanbergefaltet Bald reckt üch's turmhoch, windet sich in malerischen Linien, Dürft sich au winzigen Fichtengnomen, streckt sich in flache Kissen, baut Tafeltische, bizarre Säulen, Hängeformen oder Zwergkegel, die fünfzigjährig erst einen Meter hoch sind, wandelt das Grün in die Blautöne Der Nelken­polster. Trotz aller schönen Pracht- und Zwerg- gestalten Der Gärten ist Die große schwarze Fichte doch die Krone des ganzen Fichtenreiches und wie geschaffen zum winterlichen Festbaum. Kann man sich auf Erden eine Pflanze oorstellen, in der ein stärkerer Siegerwllle, ein tieferes und stolzeres Einssein mit Kamps und Leid und Nord und Eis und Sturm und Fels verkörpert ist.

Wer mag Den Baum zuerst mit Lichtern besteckt haben. Diese liebenswerte Seele ist verschwunden und verges en; aber der Glanz des Weihnachts­baums wird in große Zukunft Der Welt hinaus- leuchten als ein immer tiefer erfaßtes Symbol da­für, daß aus Dem Bündnis von Zartheit und ewiger Festigkeit die zuverlässigste Heilkraft der Welt wachsen wird.

Weihnachten im ewigen Eise.

Von ($. M. Wöhel

Im Jahre 1912 stieß die Mannschaft Des Rod- benfängersFramsö" unter Dem 75. Breitengrad an Der Küste Grönlands auf ein fast völlig von Schnee und Eis verschüttetes Zeltlager mit Den irdischen Ueberreften einiger Männer. In einer von Rost zerfressenen Kassette lagen Blätter eines Tage­buches Des Kapitäns Maximilian Predöhl. Aus Den Aufzeichnungen ging hervor, Daß Predöhl im Jahre 1907 im Auftrage seiner Regierung in Den nörd­lichen Gewässern Meeresforschungen unternommen hatte. Infolge anhaltender Stürme wurde das Ex° peditivns-SchiftAlbattos" über Den 80. Breite­grad hinaus verschlagen und vom Eise eingeschlossen. Die ungeheueren Eisfelder tauten in Den kurzen Sommermonaten nicht auf, und DerAlbatros" lag mit feiner Mannschaft zwei Jahre an Grön­lands nördlichster Spitze im Packeis. Am 21. Fe­bruar 1909 versuchte Predöhl mit Dem Rest feiner tapferen Männer den Süden Grönlands zu er­reichen. Sie vertießen Das Schift, Schneestürme, Kälte und Mangel an Lebensrnitteln riefen Den völlig Erschöpften bald ein letztes Halt zu.

Die Eintragungen Des 24. Dezember 1908 im Tagebuch Kapitän Predöhls waren folgende:

An Bord desAlbattos", 24.12.1908.

Heute haben wir auch Den Steuermann Ohlsen zur letzten Ruhe unter einen Stein keael gebettet. Drei Tage lag er tm Starrkrampf. Braun und Petersen liegen in Fieberdelirien infolge ©foibutes. Auch bei ihnen sind Anzeichen Des Starrkrampfes eingetreten.

Von 24 Mann Der Besatzung sind noch 14 am Leben, Darunter mehrere Krüppel, Denn Dr. Schwerin, Der Schiffsarzt, mußte einige Gliedmaßen ampu­tieren.

Bob hat Küchendienst und heute ist Weih­nacht! Gern möchte ich meinen Gefährten eine Freude bereiten, aber Die Lebensrnittel finD fast gänzlich erschöpft. Ich kann nur ein wenig Wal- roßspeck bewilligen, Dazu Den letzten Vorrat an Schiftszwieback und Tee. Ich weise Bob an, daß ein jeder Der Mannschaft einige rohe Kartoffeln essen soll, unsere letzte vorhandene Arznei gegen Den Skorbut. Frifches Walroßfleisch könnte Rettung

bringen. Eine Jagd ist jeDoch zur Zeit unmöglich, Da tiefe Polarnacht uns umfangen hält. Infolge Nahrungsmangel klagt Die Mannschaft über Atem- beschwerden und geschwollene Füße. Der Schiffs- Zimmermann Martens leidet am wenigsten unter -skorbut und Hunger, er ist ein gewandter Jäger und räumt tüchtig unter der unerträglichen Ratten­plage auf. Manche kräftige Fleischsuppe verdankt er den zur Strecke gebrachten Nagetieren. Trotzdem die Holzverschanzungen DesAlbattos" nahezu in Den Ofen gewandert ist, gelingt es nicht Die Jnnen- temperatur Der Kajüte unter 3 Grad Kälte herab­zudrücken. Im Freien wurden heute 48 Grad Kälte gemessen. Die Luft erregt beim Atemholen ein stechendes Gefühl. Ich halte eine Ansprache an die getreue Mannschaft und Offiziere und danke in heiA- lichen Worten im Namen Des Vaterlandes für tapfere Pflichterfüllung. Ich gebe Der Hoffnung Ausdruck, mit Der Wiederkehr Des Lichts Versuche zur Erreichung bewohnter Gegenden zu unterneh­men.

In Ermangelung von Geschenken ist John aus die Idee gekommen, fernen Kameraden feit einiger Zeit kleine Gegenstände heimlich zu entführen. Er teilt nun Taschenmesser, Spiegel, Tabakdosen usw., wahre Wertgegenstände nach unserem Begriff, wie­der an Die glücklichen Besitzer aus. Bunte Postkarten mit Sommerlandschaften und zerlefene Briefe wan­dern von Hand zu Hand.

*®in WeihnachtslieD ringt sich aus rauhen Keh­len. Manches Auge schimmert feucht. Die Gedanken sind in Der fernen Heimat bei Den Sieben

11 Uhr nachts--

Einer nach Dem andern Der Mannschaft ist hi Die Decken und Felle seiner Koje gekrochen. Di« Kranken wimmern leise. Martens bat OfenDftnft, Das Feuer Darf nicht erlöschen.--

In PelAe- gehüllt mache ich Den RundgMS um Das Schiff und schaue irt Die schweigende Molar­nacht mit ihren Wundern und Schrecken. Zu phan­tastischen Formen erstarrt liegt Die Landschaft. Dn Sterne schimmern, in ungewöhnlichem Glanze. 8m Horizont leuchtet magisches Nordlicht--ein ge­waltiges Kreuz--sich in Den Himmel hinauf-

reckend.

Hier bricht Der Bericht Des Tagebuches twm 24. Dezember 1908 ab.