Einzelbild herunterladen

Aus der Stadt Gießen.

Ser Mumm.

Der Mumm ist eine von den Gaben, die alle forschen Jungen Haben, und staunend sieht's das Publikum und sagt: Derfl... der Kerl hat Mumm! Der Mumm ist was, das muß man zeigen. Das Haar muß dir zu Berge steigen, braust du hinein in den Verkehr so ähnlich wie die Feuerwehr.

Als Autler mußt du überholen,

den Schutzmann mußt du schwer verkohlen, mußt Haltezeichen übersehen, mußt überhaupt aufs Ganze gehen.

Vor allen Dingen aber hat man diese Pflicht per Motorrad.

Da mußt du hin und wieder knallen, daß alle auf den Rücken fallen.

Du mußt mit deiner Hupe bellen, besonders an den Haltestellen, und dann mit achtzig drum herum, krach bauz und Vollgas. Das ist Mumnß. Als Radler ist das nicht zu machen, da gibt es aber andere Sachen.

Wenn Autos um die Trambahn schlängeln, mußt du dich schnell dazwischendrängeln.

Du kannst auch mal zu vieren fahren, um deinen Mumm zu offenbaren, kannst Kurven schneiden und dergleichen. Wer Mumm hat, gibt kein Richtungszeichen.

Hat jemand weder Rad noch Wagen, braucht er trotzdem nicht zu verzagen; denn auch zu Fuß in allen Zeiten gibt es zum Mumm die Möglichkeiten.

Man läuft den Autos ins Gehege, benutzt zu Fuß die Radfahrwege.

Die Straßenbahn kommt mit Gebrumm, hopp hopp hinauf! Das nennt man Mumm! Will man nun noch mehr Mumm besitzen, dann muß man kräftia einen blitzen, und dann im Zickzack schief und krumm rin ins Vergnügen. Das ist Mumm!

Ein Friedhof wird dann eingerichtet für Helden, die der Mumm vernichtet, und staunend liest das Publikum am Leichenstein: Er starb mit Mumm!

Oculus.

Zeppelin-Landung in Gießen.

Voraussichtlich am 30. Juli.

Der Bevölkerung unserer Stadt steht für den Sonntag, 30. Juli, ein besonderes Erlebnis bevor. In den vergangenen Tagen wurden zwischen dem Städtischen Verkehrsamt, der Fliegerhorstkomman- dantur und der ZeppelinMeederei in Frankfurt a.M. Verhandlungen geführt, mit dem Ziel, in Gießen eine Landung des Luftschiffes LZ 130 Graf Zeppelin" zu ermöglichen. Die Verhand­lungen darüber sind noch nicht völlig abgeschlossen, es besteht jedoch die Aussicht, daß sie zu einem erfolgreichen Ende geführt werden. Die Zeppelin- Landung soll nach einigen Manöoern, die unmittel­bar über den Zuschauern ausgeführt werden sollen, gegen 17 Uhr erfolgen.

Feier der Sommersonnenwende auf dem Trieb.

Eine erhebende Stunde. - Bekenntnis zu Volk und Vaterland.

Gestern abend leuchteten auch über unserer enge- ren Heimat die Sonnwendfeuer. Die Partei mw ihre Gliederungen veranstalteten auf dem Trieb die diesjährige Sommer-Sonnwendfeier, die sich zu einer erhebenden und eindrucksvollen Stunde gestaltete. Der warme Sommerabend begünstigte die Feier­stunde, zu der sich neben den Angehörigen der Par­tei und ihrer Gliederungen auch viele Volksgenossen eingefunden hatten. Schon als die Jugend anmar­schierte, als die Studenten mit ihrer Fahne Auf­stellung nahmen, herrschte reges Leben. Sehr zahl­reich war auch die Schutzpolizei, soweit sie dienstfrei war, angetreten. Manch schönes Bild bot sich dar, als aus dem Dunkel der Bäume in der Kaiserallee die Hakenkreuzbanner sich abhoben, die die Politi­schen Leiter mit sich führten. Nach einer Weile klang dann auch der Marschrhythmus der SA.-Kolonnen die Straße herauf. Dor der Dolkshalle, zu beiden Seiten des Rednerpultes nahmen sie Aufstellung. Die Fahnen bildeten eine breite Front. Im weiten Viereck aufmarschiert standen Hitler-Jugend und der BDM.

Als zur festgesetzten Stunde der Hoheitsträger der Partei, Kreisleiter Backhaus, erschien, konnte ihm der Führer der SA. mit der Aufstellung der Formationen der Bewegung eine große Anzahl Volksgenossen zur Feier der Sommersonnwende melden. An der Feier nahm auch der Kreisstab der NSDAP., Oberbürgermeister Ritter und zahlreiche Offiziere der Wehrmacht teil.

In den stillen Abend hinein klang der Sonn- wendruf des Musikzuges der HI. Ein Führer der SA. gab einen Dorspruch wieder, der mit den Wor­ten ausklang:Du heilig Deutschland sollst ewig sein!" Fanfarenstöße gaben das Zeichen für die aus den vier Himmelsrichtungen anmarschierenden Fackel- ttägern der HI., die sich um den Holzstoß scharten und mit wechselnden Feuersprüchen dem Sinn dieser Weihestunde Ausdruck gaben. Ein Sprecher der SA. erinnerte an die Grenzwacht in Ost und West und gab dumit das Feuerzeichen. Während der Holzstoß

entzündet wurde, erklang, vom Musikzug der SA. angestimmt, das LiedFlamme empor". Sodann hielt

Kreisleiter Backhaus

folgende Feuerrede:

Wiederum sind in unserem großdeutschen Vater- Land überall auf den Bergen und Höhen Feuer ent­zündet worden, und wiederum haben sich überall deutsche Menschen unter dem schweigenden Heimat­himmel um diese Feuer versammelt, wie das unsere Vorfahren in der Vergangenheit ebenfalls getan haben. Diese Sonnwendfeuer sollen uns immer wie­der daran erinnern, daß ein ewiges Werden und Vergehen als unumstößliches Gesetze des ewigen Schöpfers besteht. Es soll uns aber auch ermahnen, eine große und herrliche Pflicht zu erfüllen, nämlich, das Leben zu bejahen und zum Einsatz für die Un­vergänglichkeit unseres Volkes zu bringen. Und wenn vor unseren Augen die Glut auflodert, dann soll dieses Licht in unsere Herzen eindringen und soll den unverlöschiichen Glauben an Deutschland hinein­brennen.

Wie wir hier unter dem nächtlichen Himmel uns um das lodernde Feuer versammelt haben, so haben es auch unsere Ahnen gleichermaßen getan. Sie haben von dem Feuer aufgeblickt in die Un­endlichkeit des Sternenhimmels und haben die Gott­heit verehrt, die ihnen die Gnade des Lebens ge­schenkt hatte. Sie wußten um die Erhabenheit der Schöpfung und sie verehrten die Gottheit im Wer­den und Wachsen der Natur, im Wehen der Winde, im Wandel der Wetter und in allen sonstigen Er­scheinungen des Lebens. Das war zu einer Zeit, als unsere alten Vorfcchren noch nicht angekränkelt waren Don dem Mischen Glauben, als sie noch nichts wußten von Moses und Abraham und all dem artfrenü>en, was in das deutsche Volk hinein­getragen wurde. Ihr Gotteshaus war das Himmels­zelt mit seiner Unendlichkett und in allen Vor­gängen der Natur sahen sie die große Gottheit des

AusrufzumGießenerC>tudententag1939

Die örllichen Studententage haben Mark- und Meilensteine, Augenblick der Sammlung und Aktivierung der Kräfte zu sein in un­serem Ringen um eine politische, nattonal- sozialistische Hochschule, in der die studentische Jungmannschaft mitverantwortlich für die gesamte Erziehung und als nationalsozia­listischer Stoßttupp organisch verankert ist."

Dr. Gustav Adolf Scheel.

In diesen knappen Worten hat der Reichs­studentenführer den örtlichen Studententagen ihr Ziel gegeben. Sie werden Tage der Sammlung und Tage der Rechenschaft des Studententums barstellen. Darüber hinaus werden sie Marksteine sein auf dem Weg zur politischen, nationalsozialistischen Hochschule. Sie sind damit eindeutig politisch aus­gerichtet, und diese Ausrichtung zeigt auch klar den Unterschied zwischen den Studententagen und den vom Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung festgesetzten Hochschulwochen oder Hoch­schultagen. Während letztere die Aufgabe haben, an diesen Tagen allen Volksgenossen zu zeigen, wie und was die Hochschule arbeitet und somit haupt­sächlich die Anerkennung für die Arbeit der Hoch-

schule in den breiten Schichten gewonnen werden soll, ist es Aufgabe der örtlichen Studententage, immer klarer und eindeutiger Form und Gestalt der politischen Hochschule zu entwickeln.

Jeder Altakademiker erinnert sich noch lebhaft an viele der großen Studentenfeste der einzelnen Universitätsstädte. Sie waren Festtage der Hoch­schule und der Studentenschaften, vor allem aber Ehrentage und Stiftungsseste der einzelnen studen­tischen Verbindungen, und stellten Höhepunkte im studentischen Leben der älteren Generation dar. Wie auf dem gesamtstudentischen Gebiet hat die nationalsozialistische Revolution auch auf dem Ge­biet der kulturellen Erziehung auch einen neuen Tatbestand geschaffen, neue Richtlinien aufgestellt und damit auch die Gestalt der örtlichen deutschen Studententage gewandelt.

Im Jahre 1938 wurde der Gießener Studenten­tag zum ersten Male in diesem Sinne durchgeführt. Der Gießener Studententag 1 9 3 9 wird in den Tagen vom 6. bis 9. Juli die neue Ziel­setzung und das nationalsozialistische studentische Wollen noch auf breiterer Basis durch machtvolle Kundgebungen zum Ausdruck bringen.

germanischen Menschen und sie waren genau so mie mir erfüllt von einer großen Sehnsucht und von einem unendlichen Glauben. Denn in ihren Adern floß das gleiche Blut wie in unseren. Sie fühlten im Werden und Wachsen draußen in der Natur genau wie wir das Geheimnis der Ewigkeit. Ist unser Sein nicht eine wunderbare Bestätigung für den unendlichen Glauben jener längst vergangenen Geschlechter?

Und wenn wir vom Gipfel eines Berges oiefes wundervolle Land überschauen, und wenn mir über­all auf den höchsten und schönsten Punkten unserer Berge die alten Burgen emporragen sehen, dann wissen wir, daß dies der Ausdruck chres Glaubens und ihres Schaffens und ihrer Liebe zu ihrer Heimat gewesen ist. Solanas sie diesen Glauben be­saßen und der Stimme ihres Blutes folgten und nicht fremde Einflüsse diesen Glauben zerstörten, standen sie zusammen und waren unüberwindlich gegen alles, was über sie hereinbrach.

Als dann aber dieser Glaube durch fremde Ein­flüsse erschüttert und zerbrochen wurde, da kam die Zeit des Niedergangs und der gegenseitigen Miß­achtung, und da verlöschten auch die Feuer der Sonnwende auf den Bergen. Und die ewigen Ge­setze der Gottheit, die sich draußen in der Natur dem deutschen Menschen offenbart hatten, waren nicht mehr Richtschnur und Lebensgesetz unserer germanischen Vorfahren. Wir wissen aber auch, daß der alte germanische Glaube und die Stimme un­seres Blutes nimals vollständig verlöscht werden konnten, sondern daß sie im Kern unseres deutschen Volkes erhalten geblieben sind, und daß große deut­sche Männer, ob bewußt oder unbewußt, diese Ge­setze immer wieder als Richtschnur ihres Handelns herausgestellt haben. Unendliches Leid und viele Widerstände galten zu überwinden, bis das deutsche Volk in seiner Gesamtheit sich zum Echten, zum Wahren und zum Ewigen zurückgefunden hatte. Und wenn mir nun wiederum um die lodernde Flamme uns versammelt haben, dann wollen wir alle die deutschen Menschen grüßen, die in den stillen Gräbern ruhen in Flandern und in den Kar­pathen; wir wollen grüßen alle die, die der Glaubt an die Ewigkeit ihres Volkes niemals verlassen hat.

Und so werden an dieser Stätte und zu dieser Stunde unter diesem Himmel auch dereinst unsere Söhne und Enkel vor den sprühenden Flammen stehen und dankbar und stolz bekennen, welch' große Gnade das Leben ist. Wir wissen nicht, welches Schicksal ihnen einst zuteil merden wird, und den­noch brennt in unseren Herzen jede Faser von dem Wunsch und dem Willen, daß sie sein mögen wie wir, daß sie denken und fühlen mögen wie wir, daß sie sprechen und schaffen und stolz und tapfer sein mögen wie wir es in den Jahren unseres Le­bens und unseres Kampfes gewesen sind. Und un­ser heiliger Wunsch und unser stolzer Glaube kann nur der sein, daß auf diesem großdeutschen Raume, auf dem wir leben, für alle Zeiten nur Menschen unseres Blutes leben werden; daß niemals dieses unser Volk zugrundegeht und vernichtet wird, und daß andere Menschen, die nicht von unserer Art sind, dieses Land bewohnen. Ja, das ist die heißeste und tieffte Sehnsucht, die wir alle haben. Und des­halb soll dieses Feuer und die Flamme, die uns in dieser Stunde entgegenschlägt, geweiht sein von dem trutzigen Geist, der deutsche Menschen stets er­füllt hat. Er soll uns seine Glut ins Blut hinein­brennen, daß er das Unterpfand für das ewige Leben unseres Volkes bildet. Fackelträger dieses

f in ülann wie tauend ändert

Roman von Konraö £rani

Copyright by Carl Ouncker Verlag, Berlin ^35

22. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Da richtete sich Irmgard auf, zog mit unendlicher Vorsicht den Briefbeschwerer aus dem Spalt, klemmte rasch den Fuß dazwischen und schob den Geheimschrank auf. Die Angeln waren gut geölt. Es war still wie im Grab. Nicht so entsetzliche Dinge denken, Mädchen! befahl sich Irmgard. Nicht an Tod und Gräber nur an das Leben und die Flucht. Jetzt rauschte Wasser in ein Tongefäß und Irm­gard zwängte sich durch die Geheimtür, zog sie hin­ter sich zu. Sie horte genau das Einschnappen des Schlosses ...Ob Nase es auch gehört hatte?

Mit zitternden Händen tastete sie nach dem Licht­schalter. Um Gottes willen! Würde sie ihn nie fin­den? Da rechts war er, sie wußte es ganz genau! Sie mußte Licht haben. In der stockfinsteren Kam­mer fand sie sonst die Tür nicht und würde über den Tisch fallen. Ein Schrank konnte auf sie stür­zen und dann war der Zwerg schon hinter ihr, der Zwerg, der feiner war ...

Licht! Licht!

Endlich hatten die Finger den Schalter ertastet, es war eine furchtbare Qual, ihn anzudrehen ... Vielleicht war die Geheimtür schon offen, und Nase stand dicht hinter ihr. Grinste und hatte einen Re­volver in der Hand.

Schritte im Laden, sie Hangen dumpf, aber waren kicht zu verkennen. Mit drei Sprüngen war Irm­gard bei der Tür, sprang wieder zurück. Sie mußte die Tür verbarrikadieren. Sie hatte ja Zeit. Bis Nase den Mechanismus ausgelöst hatte, mußte sie ein Hindernis vorgeschoben haben. Sie zerrte mit Riesenkräften an einem Schrank. Langsam gelang es ihr, ihn vor die Tür zu schieben. Da erst fiel ihr ein die Tür schwang ja nach dem Laden zu auf. Sie konnte sie nicht verbarrikadieren. Nun schluchzte sie laut auf. Wozu still schweigen, wenn er schon hinter ihr her war. Kühl legte sich die Klinke in die heiße Hand. Sie zerrte. Die Tür rührte sich nicht. Ruhig Blut! Du darfst schreien, schreien dar ft du, soviel du willst vielleicht hört dich je­mand aber du mußt gefaßt und gesammelt die Klinke untersuchen.

Sie wagte nicht, sich umzudrehen. Wenn sie ihn sah, den Bösen, den Feind dann konnte sie nicht mehr denken, dann mußte sie wieder versteinert warten, was er ihr antat. Sie drehte an dem Knaus, sie drückte daran. Und die Tür gab nach ...

Hinter ihr eine scharfe Stimme.

Halt! Bleiben ©ie stehen!"

Aber die Tür war offen, und auf schluchzend sprang das Mädchen hinaus. Die Tür fiel zu aber in wenigen Sekunden hatte er sie geöffnet. Ihn kostete es keine Mühe ... und sie stand in einem finsteren Flur. Wohin laufen? Rechts? Links? Ihre Hand berührte eine kalte, staubige Mauer. Sie horchte. Ihre Augen bohrten sich in die Dunkelheit. Nach links zu! Dort schimmert schwach

Helligkeit auf. Draußen dämmerte es ja noch, nur hier war es dunkel wie im Grab.

Das Mädchen flog schluchzend durch einen ftn» ' teren Flur, Schritte hinter ihr, rasche Schritte. Ja, ie hatte recht gehabt, sie kam der Helligkeit näher. Ein Hof mußte es fein. Und in einem Hof waren Menschen, Fenster gingen auf einen Hof und in den Fenstern lagen Menschen.

Krach! Sie flog der Länge nach hin, raffte sich auf... Worüber bin ich nur gefallen? Was war bas? Ein Sarg! Irmgard stand der falte Angst- chweiß auf der Stirne. Die Schritte kamen immer näher. Ich darf nicht meinen, ich darf nicht mucksen, lamit er mich nicht hort... befahl sie sich. Ich bin schon im Nachbarhaus. Im Haus der Sargtischlerei. Aber sie konnte ihr mildes Schluchzen nicht unter­drücken. Sie sprang in den Hof... Bretterstöße... Hobelspäne... Unter einem Schutzdach halbfertige Särge. Das war kein richtiger Hof, das war ein vergessener Winkel, in dem für den Tod gearbeitet wurde.

Wie ein Drachenmaul öffnete sich ein anderer Flur. Irmgard hastete darauf zu. Ihre Knie zit­terten. Lange hielt sie es nicht mehr aus und die Schritte waren so nahe. Er sprach kein Wort, er verfolgte sie still wie der Tod. Wenn er sie nun anrufen würde sie würde stehenbleiben und sich nicht rühren können. Aber weil er schwieg, lief sie weiter.

Licht! Der Flur war plötzlich hell.

Der Feind wollte aus dem Hof in den hellen Flur springen. Sie spürte es. Bis drei zählen... eins, zwei drei... Dann hat er mich an der Gurgel. Legten sich die harten Hände schon um sie?

Irmgard lehnte geschlossenen Auges an der kalten Mauer. Sah nichts, wollte nichts sehen.

Aber sie horte die Stimme, die Stimme Made­leines:Wenn Sie einen einzigen Schritt tun, schieße ich!"

Irmgard riß die Augen auf. Da stand Madeleine und hielt einen Revolver in der Hand, dicht hinter Madeleine stand Hilde und ein Schatten wich in den Hof zurück. Verschwand... Da sank Irmgard lautlos zusammen. Sie war zum erstenmal in ihrem Leben ohnmächtig geworden...

XVI.

Eineinhalb Stunden später strahlte die Wohnung und der Antiquitätenladen des Heinrich Nase im hellsten Licht. So lange hatte es gedauert, bis Madeleine die schluchzende Irmgard ins Hotel ge­schafft und die Behörde informiert hatte. Und bis letztere mit viel Energie sich für den seltsamen Zwerg interessierte.

Irmgard war bald zu sich gekommen. Und als sie im Hotel auf einer bequemen Couch lag, war ihr erstes Wort:Ich habe furchtbaren Hunger!" Da wußte Madeleine, daß dem Mädchen an Leib und Seele kein Schaden zugefügt morden war. Es dauerte nicht lange, und Irmgard fing an, sich sehr groß und wichtig vorzukommen. Ihr Selbstgefühl stieg, als ein Kriminalbeamter mit klugen, grauen Augen erschien und sich für ihr Abenteuer ungemein interessierte.

Wenn ich einen Revolver gehabt hätte", renom­mierte sie,bann wäre ich gar nicht baoongelaufen. Ich hätte »Hände hoch!' geschrien und chn gefesselt,"

Seien Sie sehr froh, Fräulein Turach, daß Sie keinen Revolver gehabt haben!" schmunzelte der Kriminalist.Er hätte binnen dreißig Sekunden Ihren Revolver gehabt... und wahrscheinlich wäre es Ihnen nicht gut bekommen."

Irmgard machte verwunderte Augen.

Er hätte nicht daran gedacht, die Hände hoch­zuheben, da er sich völlig darauf verlassen hätte, Sie würden doch nicht schießen", erklärte der Kri­minalist.Es ist nicht jedermanns Sache, einen Menschen abzuknallen."

Warum ist er sofort verschwunden, als Made­leine ihn bedrohte?" warf Hilde ein. Sie war für die Schwester gekränkt.

Ein nachdenklicher Blick streifte Frau Jlkes schöne, klare Züge, ihre dunklen Augen und ihre feste Hand. Ihr hat er geglaubt? daß sie schießen und wahrscheinlich auch treffen wird", meinte der Be­amte.

Irmgard kam sich zwar erniedrigt und beleidigt vor, aber da sie mit Genuß in ihr Schinkenbrot biß, mar der Kummer über die Geringschätzung of­fenbar noch erträglich

Nachdem der Beamte alle Aussagen getreulich zu Protokoll genommen hatte, stand er auf.Jetzt werde ich mich schleunigst auf den Schauplatz Ihrer Abenteuer begeben", sagte er.Ein paar von un­seren Leuten sind schon unterwegs ober bereits an Ort und Stelle. Hoffentlich haben sie ihn noch er­wischt."

Zwei Wachleute und der Kommissar hatten an der Wohnungstür geklingelt, sie hatten gegen die Tür, die vom Nachbarhaus in die Kammer führte, gepoltert. Die Wohnung blieb still und dunkel. Dann brachen sie die Tür auf, die offizielle Tür sozusagen; denn die zweite war mit Stahlplatten verstärkt und wäre eine recht harte Nuß gewesen.

Die Wohnung war leer. Eine Kanne mit Tee, sie fühlte sich noch lauwarm an, stand auf dem Tisch. Daneben ein Teller mit Butter, Wurst und Käse. Ein sehr bescheidenes Essen für einen Mann, der Stoße von Banknoten im Schrank liegen hat", brummte der Kommissar und machte sich daran, den Geheimschrank zu untersuchen. Es fand sich kein Geld, das unbeschriebene Briefpapier war ver­schwunden und die Briefschaften desgleichen. Drei Mappen mit Zeichnungen lagen im selben Fach, das Irmgard genannt hatte.

Was machen mir mit dem Zeug?" fragte der Polizist.Im Zimmer findet sich nur der übliche Kram. Nichts Auffälliges ... Jetzt gehen mir an die Kammer."

Ich habe unseren Kunstsachverständigen heraus­trommeln lassen", grinste der Kommissar.Der soll auch einmal schmecken, wie es lut, wenn man die halbe Nacht auf den Beinen ist. Außerdem über­nehme ich ungern die Verantwortung für Dinge, von denen ich überhaupt nichts verstehe. Vielleicht fällt dem etwas auf."

Die staubigen Schränke der Kammer enthielten sauber geordnet alte Stoffe, Schnitzereien, Bie- dermeiergläfer.Das ist offenbar ein Warenlager", meinte der Wachmann, und seine globigen Fäuste drehten achtsam ein Meißner Porzellanfigürchen in der Hand»

Nur feine Müdigkeit vorschützen!" sagte fein Kamerad und stöberte mit ungebeugter Energie eine Kommode durch.

Ganz obenauf lag ein in Zeitungspapier gehüllter Gegenstand. Der Schutzmann wickelte ihn aus.Ob das auch zu seinem Warenlager gehört?" Seine Augenbrauen drückten Mißbilligung und Erstaunen aus. Er schwenkte einen ab gebundenen Gummi­schlauch, der mit Bleischrot gefüllt war, in der Hand.Ein gut funktionierender Totschläger ..."

Wickeln Sie ihn gleich wieder in das Papier ein", befahl der Kommissar,wir werden chn in aller Ruhe und Gründlichkeit untersuchen."

Gleichzeitig mit dem Inspektor, der Irmgard vernommen hatte, tauchte ein sehr übelgelaunter älterer Herr auf.Wozu Bilbheim mich von einer Bridgepartie losgerissen hat, mit roher Gewalt! das weiß auch kein Mensch außer ihm selber", schimpfte er.Es hätte sich wahrscheinlich bis mor­gen früh gehalten."

Arbeit macht das Leben süß, Herr Doktor", lächelte Bilbheim unb schob ihm die Mappen mit ben Zeichnungen zu.Ich wäre Ihnen für eine ge­naue Bestandsaufnahme verbunden. Alles, was in dem Geheimschrank des merkwürdigen Herrn Nase liegt, ist für mich von größtem Interesse."

Doktor Werner setzte sich knurrend an das Pull und betrachtete das Blatt, das obenauf lag. Es war eine herrliche, ausgezeichnet erhaltene Dürer-Zeich­nung. Da glänzten die Augen des Kunstsachoerstän­digen hellauf. Und er versank in staunende Betrach­tung all der Schönheit. Doktor Werner war im Her­zen ein Sammler, wenn ihm auch sein Einkommen starke Beschränkung auferlegte.

Nicht einmal bas Hämmern unb Rumoren in der Kammer störte ihn.

Nach der Entdeckung des Totschlägers hatte Bild­heim alle übrigen Aufgaben zur Seite gestellt. Diese fensterlose Kammer verdiente seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Er wippte nachdenklich auf den Zehen. Stutzte. Wippte nicht bas Brett im Fuß­boden mit?

Er kniete nieder und tastete die schmierigen Bret­ter ab.Geben Sie mir rasch eine Zange!" befahl er. Dann zog und zerrte er an den Nägeln.

Die Bretter wurden losgemacht, unb vier Män­ner knieten neben einem Loch, nein neben einer Schicht, die aus einer weißen Masse bestand. Sie hob sich deutlich von dem andern Erdboden ab. Das ist Kalk, gelöschter Kalk", murmelte Bilbheim. Unb diefer Teil des Hauses ist nicht unterkellert.."

Sein Kollege Hauser hatte die Zange gepackt unb hämmerte sacht auf die bröckelnde Masse. Er hatte eine Stelle entdeckt, die ihm nicht gefiel ... Dann packte die Zange einen Tuchfetzen ...

Die Kriminalisten betrachteten ihn lange,Das ist ein Teil von einem Herrenrock", sagten sie plötz­lich wie mit einer Stimme. Unb singen fieberhaft zu arbeiten an.Vorsicht! Achtung!" wiederholten im­mer wieder die Beamten. Ein Bettlaken war auf bem Boden ausgebreitet, darauf würbe jeder Tuch- lappen, jeder Knopf unb alles, was sie sonst noch fanden, gelegt ... Sie hatten ein Grab ent­deckt. Ein Grab mit einer Leiche.