Nr. 18 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)
2l./22.Zanuar 1959
OerVaier des Konstitutionalismus Zu Montesquieus Geburtstag
vor 250 Jahren.
Don Eugen Siebert.
Die Staatstheori^ die der Liberalismus in offener Feindschaft gegen den absoluten Staat und gegen eine starke Staatsgewalt in Anlehnung an das politische Denken Englands und Frankreichs aufboute und grundsätzlich bis zum heutigen Tage vertritt, ist der K o n st i t u t i o n a l i s m u s. Der liberale Moralphilosoph John Stuart Mill faßte diese Lehre dahin zusammen: „Das Ziel der Patrioten war, Schranken zu setzen der Macht, welche der Herrscher über die Gemeinschaft ausüble, und -diese Einschränkung war es, die sie unter Freiheit verstanden." Zwei Menschenalter ^vor ihm sagte Wilhelm von Humboldt, das Streben eines Menschen sei der Drang nach Bildung, zu dieser Bildung sei „Freiheit die erste und unerläßliche Bedingung". Hieraus ergab sich die Entfesselung des Individuums, der Kampf des Individuums gegen den Staat, und auch Mill sieht in der Stärke des Staates eine Gefahr und in seiner Schwäche einen Segen für die Freiheit und Kultur. Wenn Nietzsche den Staat als das kälteste Ungeheuer bezeichnet, dann wirkt in diesem Philosophen, der gänzlich unliberal war, der Gedanke fort: Staat ist gleich Absolutismus, daher Kampf!
Um das Werk des Theoretikers des festländischen Konstitualismus, des Charles de Secondat, Baron de la Bröde et de' Montesquieu geschichtlich zu verstehen, muß man zuerst umreißen, was denn der Absolutismus wirklich war. Das Zeitalter der Feudalität hatte nicht nur in Deutschland das selbstverständliche Recht anerkannt, daß die Stände das Recht des bewaffneten Widerstandes besaßen, wenn sie mit ihrem Oberherrn nicht zufrieden waren. Jede niedere Gewalt konnte der höheren Widerstand leisten, vhne daß man darin einen Frevel gegen die göttliche Ordnung sah, sondern nichts weiter als einen Rechts st reit, der auf Altgermanisch durch das Gottesurteil des Kampfes entschieden wurde. Daher das allgemeine Fehderecht, das jeder Freie, nicht nur der Adel, besaß. Ein ausschließliches göttliches Recht also bestand nicht, und die Einführung dieser Theorie des Absolutismus ging ganz folgerichtig, wie Montesquieu in seinem Werke „Vom Geist der Gesetze" ausführte, auf die spätrömische Zeit zurück, in der der alte Nationalstolz, der Freiheitssinn der republikanischen Römer, ihre kriegerische und politische Tüchtigkeit, die er in seinem Werk „Betrachtungen über die Größe und den Verfall der Römer" 1727 gefeiert hatte, am orientalischen Wesen und der Ueberfremdung zugrunde gegangen war. Gegenüber einem „göttlichen" Königsrecht gab es keine menschlichen Rechte der Stände und der Landverfassungen. Gab es politisch berechtigte Stände, dann gab es keinen Absolutismus, also kein göttliches Königsrecht, gab es das göttliche Königsrecht, dann verschwanden die politischen Rechte der Stände und es blieb nur der reine Absolutismus. Erst in der neueren Zeit, in dem Frankreich Richelieus und Ludwig XIV., hat sich der Absolutismus, den Montesquieu Despotismus nennt, voll entwickelt. Hierbei haben die Konfessionen entscheidend mitgewirkt: die katholische wie die protestantische klammerten sich an den Thron, dem sie absolutes Recht zusprachen, denn der Absolutismus ist nichts anderes als die Praxis des göttlichen Rechtes. Denn was nennt man wohl ein göttliches Recht? Gewiß ein Recht, das aus dem Kreis des Bedingten heraustritt und als unbedingt gelten soll, wie es Gottes Wille ist, d. h. absolut, in wörtlicher Uebersetzung. Nun gehört aber zum Wesen des Rechtes, daß es selbst bedingt ist, so gewiß wie es nirgendwo ein unbedingtes Recht
gibt, weil jedes Recht durch andere Rechte beschränkt ist. Das göttliche Recht hingegen, das als solches absolut und unbedingt sein müßte, ist somit der Zerstörer allen Rechtes und gar nichts anderes als der rechtlose Absolutismus.
Um 1700 herum war die Fiktion des göttlichen Rechtes des Monarchen allenthalben auf dem Festlande durchgedrungen. Die Kirche war dem Absolutismus hörig, der Adel war zu einem höfischen Dienstadel herabgesunken und beide Stände hatten nur das Privileg der Steuerfreiheit, aber sonst war auch der Adel der Willkür des Monarchen preis- gegeben, die anderen Stände kamen gar nicht in »rage. Es ist nun sehr bezeichnend, daß die liberale Theorie von der Einschränkung der Allgewalt des Königs gerade aus dem Adel kam, der seinen versunkenen Rechten nachtrauerte, und daß gerade i n Frankreich, dem Mutterlande des Absolutismus, der entscheidende Stoß gegen den Absolutismus durch Montesquieu, den Schloßherrn von La Brede an der weinfrohen Garonne, geführt wurde. Dieser Franzose war der beste Typ seiner Rasse. Er war witzig und scharfsinnig, von einer glücklichen Kraft, Gedanken zu formulieren, er hatte, was alle Welt wußte und er lächelnd, einem Gebrauch seines. Zeit folgend, verneinte, die „Persischen Briefe" (1721) geschrieben, in denen nicht nur der Absolutismus sondern alles lächerlich gemacht wurde, was damals Frankreich ausmachte: seine Einrichtungen, seine Kirche, seine Frauen, seine Arbeitsmethoden. Vier Jahre später schrieb Montesquieu ein sehr schlüpfriges Werk im Zeitgeschmack. Er kam, er wußte nicht wie, in die Reihe der „Unsterblichen", denn er hatte noch nichts geleistet, sieht man von den „Persischen Briefen" ab, deren Autorschaft er abstritt und die ihm sicherlich nicht die von jedem Franzosen ersehnte Oeffnung der Pforten der Akademie eingebracht hätten. Erst 1734 folgte sein Werk über die Römer, in dem er zum ersten Mole den Versuch machte, das Schicksal dieses Volkes aus seiner inneren Entwicklung herzuleiten. Inzwischen reiste er viel, war besonders lange in England, und 1748 erschien sein Buch „V o m G e i st d e r Gesetze"^ drei Bänden, die geradezu revolutionierend wirkten. Es war die These vom Konstitutiona- lismus, die heute noch in parlamentarisch regierten Ländern maßgebend ist.
Ein Revolutionär, der Anwalt der „glorious re- volution“ von 1689, John Locke, hatte eigentlich durchs seine „Zwei Abhandlungen über die Regierung", die 1690 erschienen waren, das englische Wunschbild zusammengefaßt und eine naturrechtliche Begründung eines konstitutionellen Staates gegeben. Schon bei ihm findet man die Trennung der drei Gewalten im Staate, immer aber soll das Volk die Kontrolle erhalten. Das Volk, daß waren in England die frei geborenen Engländer, also die Gentry und die reichen Kaufleute. Das übrige war Masse und hat erst durch die Wahlreformen, z. B. durch die Lloyd Georges nach dem Weltkriege, mehr an Macht gewonnen, ohne jedoch die Gesellschaftsordnung und deren Einfluß anzugreifen. Montesquieu aber, unvertraut mit der englischen Gesellschaft in ihrem inneren Wesen, rationaler Franzose, verlegte sich in seinem „Geist der Gesetze" auf ein wildes Theoretisieren. Er hatte schon in feinen „Persischen Briefen" behauptet, die alten Germanen wären ursprünglich keine Barbaren, denn sie seien freie Menschen gewesen, er wiederholte dieses Wort jetzt, indem er die Konstitution, die in England angeblich herrschen solle, geradezu aus den germanischen Wäldern herleitete, und er fand den Charakter dieser Konstitution in der Beschränkung der Köyigsgewalt, die er im Gegensatz zu Locke nicht abschaffen wollte. Montesquieu schlug vor, Frankreich in eine konstitutiv- nelle. Monarchie umzuwandeln, diese Umwandlung sollte legitim erfolgen, und wenn dieser Rat befolgt worden wäre, sähe die Weltgeschichte vielleicht anders aus.
Nach Anpassung Montesquieus haben wir drei souveräne Gewalten zu unterscheiden, die vollständig getrennt sein müßten, da eine Aufhebung dieser
Trennung die Willkürherrschaft über die Bürger mit sich bringen würde. Diese Gewaltenteilung sieht Montesquieu in der gesetzgebenden, in der richterlichen und in der vollziehenden Gewalt. Die gesetzgebende Gewalt soll durch die Repräsentanten des Volkes, also durch ein Parlament, ausgeübt werden, oder diese Gewalt soll wieder geteilt werden, denn die Beschlüsse einer Volkskammer sollen durch eine andeve Kammer überprüft werden. Das ist das Urbild des Senats in Frankreich, Nordamerika usw., es ist ein Ausfluß des Mißtrauens, denn an und für sich kann aus einer Quelle, dem Volke, auch nur eine einzige Willenskundgebung fließen, und keine getrennte. Diese typisch französische Idee verneint eigentlich den Begriff Volk als den alleinigen Willensträger, und dieser innere Widerspruch ist heute noch in den sogenannten Demokratien ungelöst. Der Derfassungsstaat nach Montesquieuschem Muster beschränkt im Namen der Freiheit die monarchische Gewalt radikal. Montesquieu erkannte und sprach es aus, daß die vollziehende Gewalt besser durch den einzelnen als durch viele verwaltet werden könne, aber in Wirklichkeit machte er den König zur Puppe des Parlamentarismus. Die
richterliche Gewalt schNeßlich sollte durch Volksgerichte ausgeübt werden, und der Theoretiker Montesquieu hielt sogar berufsmäßige Richter für gefährlich, weil diese nur zu leicht das Vertrauen des Volkes verlieren könnten. Er trat dafür ein, daß die Richter dem Volke entnommen würden und ihr Richteramt nur auf Zeit ausüben sollten, wie noch heute in der Schweiz.
Montesquieu, der am 10. Februar 1755 starb, hat damit die Theorie des Parlamentarismus geliefert, der durchaus fein Kräftigungs- sondern ein Auflösungsmittel für einen Staat ist, er hatte künstlich drei Gewalten getrennt und als souverän hingestellt, die immer zu einer Einheit streben. Er hatte das Individuum zum Träger alles Rechtes gemacht. Frei sollte derjenige sein, dessen Willen sich mit dem Gesetz deckt, das wäre ober nur dann der Fall, wenn ein Volk autonom sei, sich selbst regiere. Montesquieu übersah dabei, daß eine solche individuelle Freiheit notwendigerweise den Staat und seine Gewalt in Atome auflösen mußte. Aus Gründen der völkischen Selbsterhaltung sind daher die modernsten Nationen Gegner dieser individuellen und staatlichen Anarchie geworden.
Vor zwanzig Jahren.
Fremdherrschaft über Deutschland zu Beginn der «-pariser Friedenskonferenz^.
i.
Es sind jetzt gerade Zwanzig Jahre vorbei, seit- dem in Paris di e „Friedenskonferenz" begann, die den Heb er gang vom Waffenstillstand zu einem Friedensvertrag vorbereiten sollte. Wohlverstanden, es handelte sich nicht etwa um eine Konferenz am Runden Tisch zwischen Deutschland und der Entente. Deutschland war an diesem Konferenzbeginn nur insofern beteiligt, als gelegentlich ein Sachverständiger irgendeine Auskunft zu geben hatte. Was da in den Januartagen 1919 in Paris begann, war so gut wie ausschließlich eine Versammlung der Alliierten zwecks Vorbereitung eines Entwaffnungs- und Unterwerfungsdiktates für Deutschland und zwecks Verteilung der aus dem deutschen Zusammenbruch anfallenden Beute.
Der kurzlebige Schwindel Wit den 1 4 P u n k t e n des amerikanischen Präsidenten Wilson, dessen unwürdige, ja teilweise sogar lächerliche Rolle in Pavis in die Geschichte eingegangen ist, ging schr schnell vorüber. Schon die Waffenstillstandsbedingungen waren von einem F o ch diktiert worden, der den deutschen Unterhändlern auf ihre Fra^e nach seinen Vorschlägen schroff geantwortet hatte: „Ich habe Ihnen keine Vorschläge zu machen", und ihnen dann das Waffen stillst andsdiktat überreichen ließ. Der Entwurf jenes Versailler Diktates aber, das in der Sprache unserer ehemaligen Gegner auch heute noch den bewußt erlogenen Titel „Friedensvertrag" führt, stammte von einem der schärfsten Deutschenhasser, von T a r d i e u , seine Hand war geführt worden von P o i n c a r 6, hinter dem sich wieder der Schatten Clemenceaus erhob. Um sie alle und um die ganze „Friedenskonferenz", zu der sage und schreibe insgesamt 1700 Mitglieder aus 27 Staaten gehörten, standen die Heere der Alliierten.
Diesseits des Rheines aber — mußte da nicht ein Deutschland stehen, das nun im Zusammenbruch um so einiger da st and, wie es eines großen Volkes und seiner Geschichte würdig gewesen wäre? Jenes Deutschland vom Januar 1919 mit feiner verzweifelnden Ohnmacht, mit seiner inneren Zerrissenheit, mit seiner beginnenden Inflation, mit den hungerhohlen Gesichtern der Massen und den feisten Visagen der jüdischen und nichtjüdischen Schieber und Kriegsgewinnler, dieses Deutschland gab es vor erst 2 0 Jahren! Wir erinnern uns
daran in einem Augenblick, in dem das neue Deutschland dem 30. Januar 1939 entgegengeht und mit diesem Datum das politische Jahr seiner bisher größten Erfolge, das Jahr Großdeutschlands, ab- schließt.
So aber sah es im Deutschland des Januar! 1919 aus: Es begann wie unter einem grauenhaften Symbol mit der Gründung der „Revolutionären K o m m u n i st i sch e n Arbeiterpartei Deutschlands" am 1. Januar. Ungehindert reifte der bolschewistische Propagandachef, der Jude Karl Radek, in Deutschland herum und agitierte für den Kommunismus. Irgendeine Möglichkeit gar, dem von Paris her drohenden
Der Optiker amKchnhofl
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Ihrer Krankenkasse
Verhängnis noch mit einer letzten Zusammenraffung der Kräfte zu begegnen, war im Laufe der letzten fünf Wochen längst aussichtslos geworden; nur noch 20 Divisionen, schlecht ausgerüstet, standen in der westlichen Hälfte Deutschlar^s, eine verschwindende Zahl gegenüber den überreichlich und aufs beste gerüsteten Massen der feindlichen Heere (und doch hätte eine einzige entschlossene Division nach Scheidemanns Ausspruch wenigstens im Innern Deutschlands „die ganze Revolution zum Teufel jagen können"!). In München, wo der bolschewistische Jude Eisner herrschte, wurde der Oberst Ritter von Epp zusammen mit einer Anzahl Offiziere auf Befehl Eisners verhaftet — er konnte damals noch nicht ahnen, daß der General Ritter von Epp einmal Statthalter eines Staatsoberhaupt tes in München fein werde, das den Namen Adolf Hiller trug. Dieser Gefreite Hiller, ein unbekannter junger Mann, faßte damals in einer schlechthin aussichtslosen Lage — aussichtslos auch für ihn, den Mittellosen und Einflußlosen — „den Entschluß, Politiker zu werden", wie er später in seinem Buch „Mein Kamps" niederschrieb.
Am 2. Januar 1919 erklärte der deutsche Außenminister Graf Brockdorf-Rantzau: „Einen Frieden der Gewalt, der Vernichtung und Versklavung lehne ich ab." Er hat nach diesem aufrechten
Leben auf dem Turmfeil.
Don Dr. Alfred Lehmann.
Es gibt artistische Nummern, nach deren Beendigung man geradezu befreit aufatmet, weil sich eine ungeheure Spannung gelöst hat. Die Zahl solcher Nummern ist gewiß nicht groß, aber die „Vier Wallendas, Turmseilakt", eine in Generation berühmt gewordene Artistentruppe internationalen Rufes, rechnen bestimmt zu ihnen.
Das Herz schlägt dem Zuschauer bis zum Hals, wenn er den Höhepunkt der Darbietung erlebt: Auf das Turmseil, also das hochgespannte Taufeil, fahren zwei Mitglieder der Truppe in bestimmten Abständen auf Fahrrädern hinaus. Sie tragen eine Stange, die ihre beiden Schultern verbindet. Ein Dritter klettert über die Schulter des einen Radfahrers auf diese Stange und balanciert in deren Mitte ebenfalls, auf einem Stuhl fitzend. Der Stuhl schwebt also auf der Stange. Inzwischen hat Helene Wallenda das Seil betreten; sie erklimmt kühn die Schultern des auf dem Stuhl Sitzenden. Sie steht aufrecht, indes sich der Mann ebenfalls aufrichtet. Würde man so etwas auf ebener Erde machen, wäre es schon eine ganz ausgezeichnete Sache — so aber wird der Akt 18 bis 20 Meter hoch in der Luft ohne schützendes Netz vorgeführt. Nur an Tagen, wo ein Mitglied der Truppe nicht ganz auf der Höhe ist, werden für alle Fälle einige Zirkusangestellte mit einem kleinen Netz unten aufgestellt. „Aber wenn wir schon einmal fallen", sagte ein Mitglied trocken, „dann stehen die Kerls doch woanders." Sie müssen allerdings zugeben, daß es einige Male doch genützt hat. In Europa darf die Nummer laut polizeilicher Vorschrift sehr zum Mißfallen der Artisten nur mit Netz vorgeführt werden. Die Wallendas find der Meinung, daß dieses Netz sie in ihrer Arbeit nachlässiger macht.
Die Wallendas sind eine alte Artistenfamilie. Bereits vier Generationen verdienten sich ihren Unterhalt als Artisten, zumeist auf dem Seil, und die fünfte, die jetzt zweijährige Karla, war in den Armen der Mutter auch schon einmal mit oben auf dem schmalen Pfad. Der Urgroßvater Hans Wallenda stammte aus Mannheim. Er führte anfangs dressierte Wölfe vor, und wenn Not am Mann war, auch Füchse, Hunde, Enten oder Gänse, und kletterte gelegentlich auch huf ein niedriges Drahtseil.
Ein Sohn dieses Urgroßvaters Hans besaß einen Zirkus in Belgien, ein anderer, Gerhard, mar der Vater der jetzigen Truppe. Ihn packte eines Tages ein unbeschreiblicher Wandertrieb — er verließ seine Familie, obwohl ihm seine Frau drei Kinder geschenkt hatte. Ab und zu kam einmal eine Nachricht
von ihm oder über ihn aus irgendeinem Erdteil nach Hause; die letzte aber, die 1937 eintraf, war die seines Todes. Der Ruhm, der heutigen Nummer ihre hervorragende Grundlage gegeben zu haben, gebührt eigentlich Mama Wallenda, die jetzt in Amerika die wohlverdiente Ruhe genießt. Trotz aller Arbeit und trotz der Sorge, sich und die Kinder über Wasser zu halten, brachte sie es fertig, ihnen zunächst einige Akrobatentricks aus ihrer eigenen Zirkuszeit beizubringen, die dann immer weiter gesteigert wurden.
Karl, der Manager der Truppe, kam mit fünfzehn Jahren zum Zirkus. Ein kleiner Wanderzirkus hatte einen talentierten jungen Mann gesucht, der Handstände vorführen konnte. Karl hatte sich gemeldet. Der Direktor des Zirkusses betrachtete ihn sehr kritisch.
„Zeig mal, was du kannst", sagte er schließlich. Karl machte auf ebener Erde einen Handstand.
„Hier doch nicht!" sagte der Direktor. „Doch dort oben auf dem Seil!" Zaghaft und ungläubig blickte Karl zu dem Seil hinauf, was über der Manege gespannt war. Aber da ihm plötzlich zu Bewußtsein kam, daß er ja zur Heimreise keinen Pfennig Geld in der Tasche hatte, kletterte er schließlich mit Angst und Bangen die Strickleiter hinauf und brachte, immer an das fehlende Geld denkend, schließlich auf dem Seil einen einigermaßen zufriedenstellenden Handstand fertig. Innerlich nahm er sich gleich vor, die gefährliche Sache nur eine Woche lang zu betreiben, bis das Geld zur Heimreise beisammen war. Aber nach einer Woche war alle Angst überwunden, und Karl blieb.
Im Jahre 1923, als er achtzehn Jahre alt war, beschloß er, eine eigene Nummer zu gründen. Er hatte sie sich folgendermaßen gedacht: Zwei Mann sollten auf dem Seit balancieren, und ein dritter sollte auf ihrem Kopf Handstand machen. Dieser Dritte wollte er selbst fein, vorausgesetzt, daß es ihm gelang, die Untermänner zu finden. Sein Bruder Hermann erklärte sich begeistert bereit, und der Zweite wurde Joe Geiger, der seinen Namen in Wallenda umnannte. Von da an wurde der Name Wallenda wieder eine große Zugnummer. Die Wallendas führten auf dem Turmseil — das stärkere Turmfeil ist stets wesentlich höher gespannt als das dünne Drahtseil — alles nur Mögliche wie Stelzenlaufen, Kopfstände und Pyramiden vor. Aber jedesmal, wenn Karl sich einen Trick ausgedacht hatte, kamen andere Artisten, die ihn kopierten.
Folglich blieb ihm in seinem artistischen Ehrgeiz keine andere Lösung als einen'Trick zu erfinden, dessen Waghalsigkeit alle Nachahmer von vornherein abschreckte. Die Pyramide sollte noch höher gestellt werden. Also hieß es, ein viertes Mitglied zu suchen. Es mußte leicht an Gewicht fein, also am besten eine Frau.
Die Anzeige, die die Wallendas aufgaben, hatte Erfolg. Es meldete sich Helene Kreis, die, ebenfalls einer Artistenfamilie entstammend, feit ihrem achten Jahre Zahnarbeit geleistet hatte. Um die Namensänderung zu vereinfachen, wurde sie von Karl geheiratet. Die Nummer wurde nun so umgeftellt, daß Joe und Hermann mit der Stange auf den Schultern über das Seil liefen, Karl mit dem Stuhl auf dieser Stange balancierte und Helene auf feine Schultern steigen sollte. In der Tat gelang das Wagnis und wurde zur Zugnummer in ganz Europa.
Den ersten großen Erfolg hatten die Wallendas im Berliner Wintergarten. Im Winter 1933/34 wurde die Nummer auf Fahrräder abgeändert, weil sie schon wieder Nachahmer gefunden hatte. Karl mietete ein Stockwerk in einem leerstehenden Warenhaus, wo sie ungestört arbeiten konnten, ohne daß ihnen ihr neuer Trick schon wieder abgelauscht wurde. Sie übten auf einem Seil, das nur einen Meter hoch über dem Boden gespannt war. „Wenn es hundertmal geklappt hat, ohne daß wir auseinanderfallen, gehen wir höher!^ Im Frühjahr 1934 klappte es und wurde ein ungeahnter Erfolg.
Entweder Jjaben die Wallendas sehr viel Glück oder sie sind außerordentlich geschickt. Wahrscheinlich ist beides der Fall, denn die Pyramide ist nur zweimal auseinandergefallen. Das erste Mal passierte es 1930 in Akron, als man noch ohne Fahrräder arbeitete. Das Seil, das wahrscheinlich nicht fest genug gespannt war, gab nach. Geistesgegenwärtig packten die Untermänner Hermann und Joe im Fallen das Seil. Karl klammerte sich im Sturz an Hermanns Bein, und Joe gelang es, die fallende Helene mit einer Beinschere abzufangen. Sie hielten sich alle so lange am Seil, bis das Netz unter ihnen gespannt worden war.
Der zweite Unfall ereignete sich 1937 in Schenec- tady, USA. Regen und Sturm wüteten, und der Wind riß am Zelt. Den Vieren war nicht recht wohl zumute, und man ließ die Fahrräder weg. Auch das Zirkuspersonal war gebeten worden, das Netz bereit zu halten. Die bösen Ahnungen sollten sich erfüllen: das Seil riß! Joe gelang es, sich mit einer Hand an dem gerissenen Seil festzuklammern, mit der anderen fing er Hermanns Balancierstange auf, die sicher einen der Untenstehenden verletzt hätte. Karl fehlte zwar das Netz, landete aber glücklicherweise auf einem Haufen Teppiche. Hermann fiel gleich ins Netz, aber Helene schnitt wieder schlecht ab." Sie fiel gegen ein seitliches Drahtseil und riß sich dabei eine tiefe Beinwunde, die ihr vier Wochen Krankenhaus eintrug. Sie wäre unfehlbar auf dem harten Boden aufgescklagen, wenn die geistesgegenwärtigen Zirkusleute sie nicht noch glücklich mit dem Netz auf- gefangen hätten.
Die Wallendas fürchten nichts bis auf eins: daß die Zirkusbeleuchtung einmal während ihrer Darbietung versagen könnte. Allerdings meint Karl mit Gemütsruhe: „Dann bleiben wir eben sitzen, bis es wieder hell wird!" Jedenfalls find sie alle vier der Meinung, daß die geschilderten Unfälle längst nicht so schlimm sind wie der Autounfall, den Karl im Winter 1937 auf einer Fahrt von München nach Berlin erlitt. Der Wagen überschlug sich, wie Karl gezählt hatte, zehnmal. Seine Beine wurden unter dem Wagen begraben, und er brauchte eine halbe Stunde, um sich hervorzuarbeiten.
Ruhe und Geistesgegenwart — das sind die Fundamente, auf denen diese einmalige Nummer beruht. Die Vier wissen sehr wohl, daß schließlich für jeden einmal der Tag kommt, der einen bösen, vielleicht den letzten Fall bringt. Aber was bedeutet dieses Bewußtsein einem wirklichen Artisten?
Zeitschriften.
— „Die Kun st", Monatshefte für Malerei, * Plastik und Wohnkultur (Verlag F. Bruckmann in München) bringt in ihrem Januar-Heft in einem schönen, originalgetreuen Farbdruck das stimmungsvolle Gemälde „Ruhe auf der Flucht" von Adriaen Jfenbrant aus der Alten Pinakothek in München. Den Artikel „Tektonische Plastik" von Bruno Kroll umrahmen einige neue Arbeiten des Berliner Bildhauers Ludwig Kaspar. „Vom malerischen Sehen" betitelt sich der Begleittext zu den Bildern des Malers Erwin Filter. Von Jacopo della Quercia, dessen 500. Todestag Italien vor kurzem mit einer Ausstellung in Siena feierte, veröffentlicht „Die Kunst" das Grabmal der Ilaria del Carretto im Dom San Martino in Lucca. Das hohe Niveau der Malerei in Norwegen lassen die Bilder von Johan Christian Claussön Dahl, Theodor Kittelsen, Hugo Lous Mohr, Edvard Munch u. a. erkennen. „Die Dämonie des Tieres" enthüllen einige Arbeiten des Münchener Malers Joseph Mader. Der Textbogen bringt einen Brief Vincent van Goghs an den Maler Anthon Ridder van Rappard über künstlerische Probleme und eine Betrachtung Ernesto de Fioris „Bildhauernöte". Der zweite Teil, der der modernen Architektur gewidmet ist, bringt in schönen Innen- und Außenaufnahmen Bauten von Otto Roth, München, Prof. Karl Wach und Baurat H. Roßkotten, Düsseldorf. Fritz Hellwags Aufsatz „Offene Teilung des Raumes" wird von Abbildungen besonders stilvoller Wohnräume ergänzt. Zu einem der wichtigsten Kapitel der Raumkultur, der Beleuchtung, bringt F. A. Kauffmann Vorschläge.


