Nr.l15 Drittes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
8reitag,l9.MaiMY
Aus der Stadt Gießen.
Wie schützt man sich vor Blitzgefahr?
Lpd. Jetzt ist häufiger mit Gewittern zu rechnen. Da ist es gut, zu wissen, wie man sich schützt, falls man einmal im Freien vom Gewitter überrascht wird. Kann man sich in ein nahegelegenes Haus flüchten, dann können einem in der Regel Blitze nichts mehr anhaben. Es ist jedoch auch unter Dach und Fach bei Gewittern darauf zu achten, daß kein Durchzug im Raum herrscht. Richt ratsam ist es, sich dicht an eine Wand zu stellen, weil der Blitz bei einem möglichen Einschlagen an dieser vorbeifährt. Zweckmäßig hält man sich daher in der Mitte des Raumes auf und vermeidet es, in Gruppen dicht beieinander zu stehen.
Bedenklicher ist es, wenn man im Freien oder im Gebirge von Gewittern überrascht wird. In diesem Falle legt man sich glatt auf die Erde, unbekümmert darum, daß die Kleidung beschmutzt wird. Eine Reinigung ist noch nicht so schlimm, als sich einer Lebensgefahr auszusetzen. Denn es ist bekannt, daß gerade auf dem Felde arbeitende Leute und auch die im Freien sich aufhaltenden Tiere am stärksten unter Blitzgefahr stehen.
Beachtet man die erforderlichen Verhaltungsmaßregeln, dann braucht man keine Angst zu haben. Natürlich ist es auch verkehrt, sich bei stärkeren Gewittern unter Bällmen vor den Regengüssen in Sicherheit zu bringen. Gefährlich ist besonders der Aufenthalt unter solchen Bäumen, die höher als die anderen sind, oder die emporsteigende trockene ober abgestorbene Aeste aufweisen. Aber nicht alle Bäume sind gleich blitzgefährdet. So wirken die vielen Haare der Buche sogar blitzablenkend, so daß man sich in Buchenwäldern schon bei Gewittern aufhalten kann. Dagegen ziehen-die glatten Blätter der Eichen, die Nadeln der Tannen und Fichten, ferner Pappeln, und Lärchen viel stärker den Blitz an.
Dornotizen.
Tageskalender für Freilag.
Stadttheater: 20 bis 22.30 Uhr: „Der Alte geht um". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Gouverneur". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Hochzeitsreise". — Reichstreubund ehemaliger Berufssoldaten, Standort Gießen: 20.15 Uhr im Kleinen Hörsaal des Landwirtschaftlichen Instituts, Senckenbergstraße 17, Vortrag.
Sladllheaker Gießen.
Heute abend findet eine Wiederholung des Volksschauspiels „Der Alte geht um" von Karl Ruckels- hausen statt. Spielleitung Hans Geißler, Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 32. und letzte Vorstellung der Freitag- Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.
Bezirksverwaltungsgericht Gießen.
Das Bezirksverwaltungsgericht Gießen hat in feiner Sitzung vom 15. Mai folgende Entscheidungen getroffen:
Die Klage des Karl H o l l e r II. in Echzell gegen den Bescheid des Landrats in Büdingen wegen Versagung der Legitimationskarte für 1939 wurde als unbegründet kostenpflichtig abgewiesen.
In der Sache: Klage des Bezirksfürsorgeverbandes Stadt Frankfurt a. M. gegen den Bezirksfürsorgeoerband Landkreis Friedberg wegen Fürsorge für Eugen Schweinstz wurde der Beklagte zum Kostenersatz verurteilt.
Die Klage des Philipp Karl Vömel in Vilbel gegen den Bescheid des Landrats in Friedberg wegen Versagung des Wandergewerbescheins für 1939 wurde als unbegründet kostenpflichtig abgewiesen. ,
Die Klage der Maria Klein in Ilbenstadt gegen den Bescheid des Landrats in Friedberg wegen Versagung des Wandergewerbescheins für 1939 wurde als unbegründet kostenpflichtig abgewiesen.
Neuer Höchststand der Beschäftigung im hessischen Wirtschaftsgebiet.
Die Pressestelle des Landesarbeitsamts Hessen in Frankfurt a. M. teilt mit:
Der Monat April war arbeitseinsatzmäßig einerseits gekennzeichnet durch ein weiteres A n - wachsen des> Arbeitskräftebedarfs in verschiedenen, namentlich den mehr saisonabhängigen Wirtschaftszweigen, anderseits durch den Neuer nsatz einer großen Zahl von zusätzlichen Arbeitskräften, insbesondere von Jugendlichen, Ausländern, bisher nicht Erwerbstätigen, zuletzt erkrankten Personen und auch noch — wenn auch in verhältnismäßig sehr geringem Umfang — von arbeitslosen Kräften. Beide Tendenzen waren ungefähr gleich stark, so daß im ganzen eine nennenswerte Entspannung im Arbeitseinsatz nicht eingetreten ist. Der Schulentlassenen- Jahrgang 1939 ist bereits — soweit die Jugendlichen für eine Arbeitsaufnahme in Betracht kommen — zum überwiegenden Teil in die Wirtschaft eingegliedert. Die stacke Zunahme der B e - chäftigung um rund 44 0 00 ist hauptsächlich hierauf und auf die Heranziehung von Kräften aus dem Ausland und dem Protektorat (Italiener, Tschechen, Slowaken usw.), weiterhin auch auf den Rückgang des früher sehr überhöhten Krankenstandes (■—10 000) zurückzuführen.
Die Gesamtbeschäftigung im Landesarbeitsamtsbezirk Hessen erreichte Anfang Mai mit einer Zahl von 1 066 000 Arbeitern und Ängestellten einen bisher noch nicht erreichten Höchststand; sie liegt nunmehr bereits um 35 000 über dem letzten Höhepunkt von Anfang August 1938 und um nicht weniger als 72 000 oder rund 7 v. H. über der Höhe des 'Vorjahres. Besonders bemerkenswert ist dabei für den Monat April die sehr st a r f e Zunahme der Frauenarbeit, die allein
in diesem Monat um über 16 000 oder um rund 6 v. H. tugenommen hat, ein Zeichen für die erfolgreichen Bemühungen um eine möglichst vollständige Erfassung der schulentlassenen Mädchen im Rahmen des Pflichtjahres und um die weitere Gewinnung von bisher nicht erwerbstätigen Frauen für den Arbeitseinsatz. Von den 1939 schulentlassenen Mädchen sind bisher zum Dftcrtermin (Monate März und April) schon über 10 000 als Pflichtjahrmädchen in der Land- und Forstwirtschaft zum Einsatz gekommen, die verhältnismäßig geringe Zahl der außerdem noch zur Verfügung stehenden Mädchen wird in Kürze vermittelt werden.
In fast allen Wirtschaftszweigen, namentlich in den großen Mangelgruppen, ist die Arbeitseinsatzlage nach wie vor stark angespannt. Es fehlt an Fach- und Hilfsarbeitern aller Art. Die Landwirtschaft im besonderen hat trotz des Einsatzes von 6000 Pflichtjahrmädchen, 1100 italienischen Landarbeitern, sowie von zahlreichen männlichen Jugendlichen aus dem Landdienst der HI. und von Arbeitsmännern und Soldaten immer noch einen erheblichen Bedarf an Arbeitskräften, der mit den bisher üblichen Mitteln nicht zu decken ist; besondere Maßnahmen sind deshalb in Vorbereitung. In der Bauwirtschaft hat der Mangel an Baufach- und -Hilfsarbeitern eine Zurückstellung oder Einschränkung, von weniger vordringlichen Bauvorhaben notwendig gemacht. Auch im Metallgewerbe mangelt es weiterhin an Fach- und Spezialarbeitern aller Art, obwohl im Monat April wiederum viele berufsfremde Kräfte in ihren alten Beruß zurückgeführt und Berufsangehörige aus den Ueberschußberufen nach vorheriger Umschulung in den Metallbetrieben eingesetzt worben sind.
Gau Heffen-Tlassau stellt vier Reichssieger im Handwerker-Wettkampf 1939.
Sonderbericht des Gießener Anzeigers.
y. Frank furt a. M., 19. Mai. Arn heutigen Freitag vormittag eröffnete Reichsorganisations- leiter Dr. Ley die R e i ch s a u s st e l l u n g „Handwerke r-W ettkampf 1 939" und verkündete zugleich unter Ueberreichung einer Ehrenurkunde die Reichssieger, die als beste Könner ihres Berufes aus der großen Ausscheidung des gesamten deutschen Handwerks hervorgegangen sind. Unter den Reichssiegern befinden sich auch vier aus dem Gau Hessen-Nassau.
In der Leistungsklasse der Meister konnte den Titel eines Reichssiegers der Frankfurter Uhrmachermeister August S p l t e r erringen, der zwar nicht ein selbständiges Geschäft führt, aber als Meister und Werkstattleiter in einem der bekanntesten Frankfurter Uhrengeschäfte tätig ist. Der 43jährige Reichssieger ist gebürtiger Sachfenhäuser. Dor dem Krieg besuchte er eine damals weltbekannte Uhrmacher-Lehrwerkstätte in Kurhessen. Schon als junger Mann konnte er vor dem Krieg durch die Anfertigung einer Präzisions-Taschenuhr die höchste Auszeichnung des Deutschen Uhrmacherbundes erreichen. Am'Weltkrieg hat er als Kriegsfreiwilliger vier Jahre teilgenommen. Vom Feld zurückgekehrt, widmete er sich wieder seinem Beruf als Uhrmacher, legte 1926 in Frankfurt die Uhrmachermeisterprüfung ab und betätigte sich dann in den Jahren des Niedergangs des Handwerks auch auf* Uhren-induftriellem Gebiet. Als mit dem Nationalsozialismus die Wiederbelebung des deutschen Handwerks begann, kehrte er zu feinem ursprünglichen Beruf zurück und trat als Meister in diese Frank
furter Handwerkfirma ein. Schon beim ersten Hand- merfertag zählte seine Arbeit zu den drei besten aus dem ganzen Reich. Dor zwei Jahren hat er außer Konkurrenz für den Handwerkertag ein besonderes Uhrmodell gearbeitet, und bei der Internationalen Handwerkerausstellung im letzten Jahr höchste Auszeichnung erlangt. Seine Meisterarbeit, die er jetzt für den Handwerker-Wettkampf 1939 geliefert hat, ist das Uhrwerk für eine Herrenarmbanduhr, das von ihm ganz aus dem Rohmaterial aufgebaut wurde. Es ist ihm dabei gelungen, für das Kernstück des Werkes, in der Fachsprache „Kaliber" genannt, eine neue Form zu finden, die es ermöglicht, ein so konstruiertes Werk sowohl in ein längliches, als in ein rundes Gehäuse einzubauen. Das Uhrwerk selbst ist nur 3,5 Millimeter hoch und weist außerdem noch manche andere beachtliche technische Neuerung auf, wie auch die Derwendung neuer Werkstoffe bei der Konstruktion erprobt wgrde. Uhrmachermeister Söller ist auch der Kreis- und Gausachschastswalter der DAF. für das Uhrmacher-Handwerk. >-
Als Meisterin ihres Gewebes konnte die kaum 30jährige Putzmachermeisterin Eva Franke-, Weißgerber aus Darmstadt Reichssiegerin werden." Diese Meisterin, die im Sudetenland, in Karlsbad, geboren wurde, hat erst vor drei Jahren ihre Meisterprüfung abgelegt, nachdem sie 1932 in Darmstadt ihr eigenes Geschäft eröffnet hat. Für den Handwerker-Wettkampf hat sie einen Hut geliefert, der schlechterdings als eine Spitzenleistung * geschmacklicher Formgebung und handwerklicher
Verarbeitungskunst zu bewerten ist. Es ist ein kleiner Aufschlaghut aus schwarzer Spitze, der am besten zu einem schwarzen Spitzen-Nachmittagskleid zu tragen ist. Die ganz feinen Fachkenner der Damenhutmode wollen sogar wissen, daß der Hut dann am schönsten wirke, wenn er von einer Frack mit rotblondem Haar getragen wird. Das handwerklich Wesentliche an diesem duftigen Gebilde ist die Versteifung des hauchdünnen Spitzenmaterials, die dadurch erreicht wurde, daß die etwas ein» gehaltenen Randteile mit Peddigrohr eingefaßt wurden.
Auch zwei Gesellen aus dem Gau Hessen- Nassau konnten in ihrer Leistungsklasse den ehrenden" Titel eines Reichssiegers erringen. So wurde in
der Berufsgruppe der Beschlagschmiede der Geselle Reinhard Adler, der zur Zeit als Feldwebel bei dem Artillerie-Regiment 33 in Darmstadt steht, für feine vorbildliche Arbeit Reichssieger. Dieser Erfolg des Feldwebels Adler knüpft gewissermaßen an die große Tradition an, die vor dem Krieg schon und auch in der Nachkriegszeit sich die Wehrmacht gerade auf dem Gebiete des Pferdebeschlagwesens gesichert hatte. Die Meisterleistung des Feldwebels bestand in der unter Aufsicht durchzuführenden völlig einwandfreien Beschlagung eines Pferdes. Eine Arbeit, bei der es ja nicht nur darauf ankommt, dis notwendigen Kenntnisse für den Umgang mit dem Eisen zu haben, sondern nicht minder auch, das Tier richtig behandeln zu können.
Der.zweite Geselle aus Hessen-Nassau, der Reichs«, sieger wurde, ist der Klempnergeselle Fritz G Ö l 3 t der in einem Frankfurter Betrieb beschäftigt ist. 1912 wurde Fritz Gölz in Schlüchtern geboren, kam schon als Kind nati) Frankfurt und erlernte hier zunächst das Spenglerhandwerk. Seit sieben Jahren ist er jetzt auch in einem Unternehmen tätig, und hat bei dem Handwerkermeister dieses Betriebes auch das Jnstallationshandwerk hinzugelernt. Zum ersten Mal hat er sich am Handwerkerwettkampf beteiligt. Er schuf ein Werkstück, das heute nur noch selten von Handwerkern hergestellt wird, eine Geldkassette mit Einsatz, für die er Weißblech als Material verwandte. Die von ihm selbst entworfene und in allen Einzelheiten ausgeführte Arbeit erreichte die Auszeichnung einer Reichssiegerarbeit, weil sie durch ihre gefälligere und günstigere Form sich von früher üblichen Kassetten unterscheidet, und zudem auch für die praktische Arbest größere Zweckmäßigkeit bietet.
Mit der Eröffnung der Reichsausstellung „Handwerkerwettkampf 1939" und Ehrung der Reichssieger durch Reichsorganisationsleiter Dr. Ley nahm der „Tag des Deutschen Handwerks" am Freitagvormittag feinen Anfang. Insgesamt 6000 Arbeiten waren zu diesem Reichsentscheid eingegangen. 211 Handwerker erhielten für ihre Leistung das Prädikat „Reichsbeste", und von diesen, wurden 1 2 2 Reichssieger. Außerdem wurden 1289 Wettkampfteilnehmer mit der Plakette für hervorragende Leistungen ausgezeichnet. Unter den Reichssiegern befinden sich 54 Meister und 45 Gesellen. In 23 Fällen konnte der Reichssiegertitel von Arbeitsgemeinschaften er-, rungen werden.
Reichssportwettkampf der Hitler-Zugend.
Am 3. und 4. Juni findet der Reichssportwettkampf der Hitler-Jugend statt. Hierbei werden unsere Jungen in friedlichem Wettstreit ihre Kräfte messen können. Die Wettkämpfe zerfallen in zwei, Gruppen, in Einzelkämpfe und Mannschaftskämpfe, Ausgetragen wird ein Dreikampf: für Pimpfe 60-
Eine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin
30 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Versuche doch, mich zu verstehen, Joe!" bat sie eindringlich. „Ich bin immer ein . schwerfälliges Menschenkind gewestn. Du weißt, wie Vater war, und meine Mutter starb zu früh für mich. Da kamst du, das ganz große Erleben, das sich jedes Mädchen erträumt; ich hatte nie geglaubt, daß es so etwas, wirklich gibt. Diesem großen Gefühl habe ich nachgetrauert, nicht dir. Aber das weiß ich jetzt erst. Wäre unsere Ehe bestehen geblieben, so wäre es wahrscheinlich im Laufe der Jahre langsam ab- geklungen. Aber das Zusammensein war kurz, und die Erinnerung hat es an sich, daß sie das Schlechte rascher verblassen läßt. Gestern, als du mich küßtest, da begriff ich erst, daß mein Fühlen m diesen Jahren mit dir nichts mehr zu tun hatte. Du bist mir ganz fremd." „
„Herr Holk dürfte dir desto naher stehen
„Das tut- er!" sagte sie offen. „Aber ich wäre nie zu ihm gegangen, ehe ich mir über mein Empfinden für dich völlig klar mar. Auf einer „Unaufrichtigkeit kann man fein Glück aufbauen.
Mikeny starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Male. Er müßte eigentlich empört sein, daß fte ihm den Laufpaß gab und sich zu feinem Rivalen bekannte in dem gleichen Augenblick, in dem er stcy am Ziel glaubte; aber so seltsam es war, er brachte keine Empörung auf. Eher war es wie ein schmerz in ihm. eine schmerzliche Enttäuschung, d>e dl-smal nicht einem Fehlschlag äußerer Dmge galt. 3n oieler Stunde begriff er endlich, daß die Frau da vor ihm das Beste und Wertvoll,te war^ was er m fernem Leben gehabt hatte. Und der Mann, beflen ganzem Dasein Lüge und Unaufrichtigkeit gewesen war, streikte die'Massen vor ihrer Wahrhaftigkeit
„Ich wollte, meine Mutter wäre wie du gewefen! sagte er leise.
(E^erhob^sich^'.Jch gehe. Aus deinem Leben verschwinden, das ist wohl das einzige, was ich für dich noch tun kann." , - h.ri
' „Nicht bitter werden, Joe! bat ste. ,,Du findest so viele Frauen, die dich glücklich machen^ • ' mehr als ich mit meiner Schwerblutigkeit e l vermocht hätte. Und ich wünsche dir von Herzen, daß du glücklich wirkst."
Er faßte ihre Hand und zog sie an die Lippen. „Leb wohl, und auch für dich — Glück!" Dann war er gegangen.
Dina blieb noch einen Augenblick sitzen -und ließ ihren Kopf auf die Sessellehne finken: nun mar Joe Mi.keny endgültig und unwiderruflich Vergangenheit geworden. Sie fühlte sich matt und erschöpft wie nach schwerer körperlicher Anstrengung und" gleichzeitig wunderbar leicht und zufrieden. Nun waren sie doch in Frieden auseinander gegangen; fein häßlicher Abschied würde ihre Zukunft belasten.
Sie gab sich einen energischen Ruck und stand auf. Hatte sie so viele Jahre an diese Erinnerung verloren, so wollte sie jetzt nicht mehr eine einzige Stunde barangeben und nur noch vorwärts denken.
Sie verließ das „Claridge" und ging zum Reisebüro. „Kann ich morgen einen Platz im Züricher Flugzeug haben» Strecke Berlin?"
„Wollen Sie bis Berlin durchfliegen?"
Dina zögerte 'einen Augenblick. Holk würde sehr überrascht sein; es war noch feine Woche seit ihrer Trennung vergangen. Ihr Kommen durch Biringen zeigte ihm, daß sie mit Mikeny fertig war; die Folgerung zu finden, mar seine Sache. Darum mar es richtiger, nach Berlin durchzufliegen und es ihm zu überlassen, ob er am nächsten Tage — zum Wochenende — Nachkommen mürbe. Sie vereinbarte, baß sie den Flugschein nach Berlin am nächsten Morgen in Zürich im Büro in Empfang nehmen würde.
Im Kulm angekommen, bat sie um die Rechnung und ging auf ihr Zimmer um fertigzupacken. Sie war noch dabei, als Margit erschien.
Ihre Kusine gebrauchte fast dieselben Worte rote Mikeny: „Du willst abreisen? Das ist doch nicht dein Ernst?"
Und fast mit den gleichen Worten entgegnete Dina ihr: „Das kann dich doch nicht überraschen, da du es seit Montag weißt." t
„Ja, aber ich dachte ..." Margit mar tatsächlich aus der Fassung gebracht. .
„Und roas dachtest du?" fragte Dina eiskalt.
Margit begriff, daß ihr Plan mißlungen mar. „Du bist verrückt!" sagte sie wütend.
„Warum? Weil das Geld der Großtante nicht von Mikeny verspielt werden wird? Ist dir sonst noch nie eine Intrige mißglückt, daß du so außer dir bist?" . r
„Was ist bas für ein Ton? Wie sprichst du zu mir?" .,
„Immer noch höflicher, als du es um mich verdient hast!" war die schneidende Antwort.
Margit war so leicht nicht einzuschüchtern .Beabsichtigst du, mir eine Szene zu machen? fragte sie herausfordernd.
Dina drehte sich ihr zu und musterte sie von oben bis unten. „Nein", sagte sie nur, aber es flirrte eine derartige Verachtung in ihrem Ton, daß Margit rot wurde wie nach einer Ohrfeige.
„Ich habe es doch nur gut gemeint! versuchte sie die Gekränkte zu spielen.
Dina hatte die ganze Zeit weitergepackt und schloß jetzt ihren Handkoffer zu. Sie mar nicht sonderlich aufgeregt, höchstens ein bißchen erstaunt, daß Margit auch jetzt noch Komödie spielte. Eine Art, die gottlob im Aussterbtzn begriffen ist! fielen ihr Mikenys Worte ein. Welch vernichtendes Urteil von diesem Frauenliedling und Frauenkenner! Im übrigen zählte für sie die Cousine ebenfalls zu den Dingen, die endgültig der Vergangenheit angehörten.
Sie mar fertig und wandte sich zur Tür. „Ich will fein Aussehen hier in dem Kreis, der uns kennt", sagte sie mit völliger Ruhe, „ich werde mit dir lunchen und mich so von dir verabschieden, wie man es erwartet. Aber damit ist unsere Verbindung gelöst. Sollte ich dir später noch einmal begegnen, kenne ich dich nicht mehr."
Hätte Dina gehabt und eine Szene gemacht, Margit hätte dennoch bas letzte Wort gefunben. Dieser gleichgültigen Höflichkeit zeigte sie sich nicht gewachsen. Stumm folgte sie Dina in ben Speise- saal.
Der Noeberfche Kreis, soweit er im Kulm wohnte, ließ es sich nicht nehmen, Dina zur Bahn zu bringen, und sie war dankbar für die Begleitung, die es ihr ersparte, mit Margit allein zu sein. So fiel es nicht weiter auf, daß die beiden Cousinen kaum miteinander sprachen. Man hatte Dina Blumen und Konfekt gebracht und tauschte die bei solcher Gelegenheit üblichen Redensarten, als im Augenblick der Abfahrt Mister Griffin erschien.
,Lch wäre untröstlich gewesen, Sie verpaßt zu haben", sagte er und atmete heftig wie ein Mensch, der in großer Eile ist. „Ich habe eben erst in Ihrem Hotel erfahren, baß Sie mit diesem Zuge reisen. Darf ich bitten?"
Er überreichte Dina einen Blumenstrauß von beachtlichen Ausmaßen, festgebunden auf einem kleinen Damenschirm.
Dina wußte nicht, wie sie sich verhalten sollte. „Aber, Mister Griffin", begann sie zögernd, „das kann ich doch unmöglich ..."
„Bitte, Platz nehmen!" rief der Schaffner, und sie sah sich im Zuge, ehe sie überhaupt wußte, wie ihr geschah. Noch ein Winken und Grüßen, dann fuhr die Bergbahn an.
Erst nach einer Weile merkte sie, daß sie immer noch die Abschiedsgabe des Mr. Griffin unter den
Arm geklemmt hatte. Schade um die schonen Blumen: sie wurden ganz zerdrückt. Sie betrachtete den kleinen Schirm: so viel Geschmack hätte sie diesem Spießer gar nicht zugetraut. Ein hübsches schwarz- graues Muster und der Grifs aus stumpfem Glas — in einer merkwürdig bizarren Form. Sie besah ihn interessiert. Sieht fast aus wie Bergkristall, dachte sie dabei, und ist sicher nicht billig gewesen. Ein Unsinn, solch kostbaren Ersatz für ben alten Schirm zu geben! Hätte ich mehr Zeit gehabt, hätte ich ihn bestimmt nicht genommen. Aber nun ist es zu spät.
Nun war es zu spät, wie Mr. Griffin richtig gerechnet hatte, als er vor bem Bahnhof wartete, um atemlos in letzter Minute auf den Bahnsteig zu stürmen.
Während Dina Wegner in bei Bergbahn zu Tals fuhr, einem neuen Abschnitt ihres Daseins entgegen, saß Joe Mikeny oben im Praetschli. In einer plötzlichen Aufwallung hatte er die Skier genommen und war über ben Tschuggen heraufgekommen, fein erster selbständiger Ausflug auf den Brettern, und der sonst leichte Ausstieg hatte ihn müde gemacht. Man hatte ihm etwas zu essen gebracht, aber er hatte bald ben Teller von sich geschoben und rauchte nun eine Zigarette nach der anderen. Er fühlte sich auf eine seltsame und unerklärliche Weise verändert, ohne dennoch zu begreifen, was.eigentlich mit ihm vorgegangen war. Diese Flucht in das Alleinsein, dieses Bestreben, über sich selbst klar zu werden, das hatte ec bisher nie gekannt.
Der oberflächliche Joe Mikeny hat bis zu diesem Tage nicht gewußt, daß er auch so etwas wie eine Seele hat; zwar eine schwache und verkümmerte nur, aber doch eine Seele. Die Aussprache mit Dina hat die Bande zerrissen, die Leichtsinn und Charakterschwäche um fein besseres Ich gelegt haben, nun zwingt es ihn gebieterisch zur Auseinandersetzung mit sich selbst.
Diese Frau hat feine Pläne zerschlagen und ihn abgewiesen, und dennoch fühlt er weder Haß noch Zorn gegen sie. Was gibt ihr solche Macht?!
Sie ist stärker als du, weil sie ein großer Mensch ist! antwortete seine befreite Seele. Nur große Menschen stellen sich so ehrlich ihren Problemen, ringen so bitter um Klarheit mit sich selbst, und dir hat sie ein Gefühl abgezwungen, das du noch nie einer Frau gegeben hast, weil es keine verdiente außer ihr: Achtung!
Das mar es. Man kann eine Frau nicht hassen, deren tiefen Wert man erkannt hat, wenn auch erst in dem Augenblick, in dem sie endgültig verloren war.
(Fortsetzung folgt.)


