Hr.189 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, (S.August (939
Aus der Stadl Gießen.
Das Lied der Dreschmaschine.
Die Dreschmaschine beherrscht jetzt wieder das Dorf. Ueberall hören wir auf Höfen und freien Plätzen das eintönige Summen. Schön ist die Arbeit bei der Dreschmaschine freilich nicht. Der Bauer »st froh, wenn der Tag des Drusches vorbei ist.
Wohl krönt das Ergebnis die gesamte Erntezeit, ober es sind doch harte Tage für alle, für Frauen niqb Männer. Diele Hände sind nötig, um die Arbeit bei der Dreschmaschine fortlaufend zu bewäl- aigen. Schon früh am Morgen wird begonnen, nint) es geht dann unaufhörlich bis zur Mittagsgast. Es gibt nur einen kurzen Halt, wenn andere •Siebe und Walzen beim Fruchtwechsel eingesetzt «werden müssen. Scheint dann die Sonne, noch mit ;Kraft und Eindringlichkeit, so mischt sich in den «unendlichen Staub, der überall, in der Scheune, im Hof, im Garten, aufwirbelt, viel, viel Schweiß. Wie sehen die Gesichter der Helfer aus! Manchem Linsatzbereiten freiwilligen Erntehelfer will das Lied Ver Dreschmaschine nicht behagen. Mutig hat er beim ersten Pfiff angepackt, aber nun geht das ununterbrochen den ganzen Tag. Abgehetzt, verstaubt, mit entzündeten Augen vom Schmutz, sagen alle am Abend: Endlich!
"Aber ist der Tag auch noch so schwer, der Ab- chluß gleicht alles wieder aus. Frisch gewaschen, mit gutem Appetit versehen, erscheinen alle Arbeits- Hute beim Nachtessen. Die Hausfrau setzt ihre Ehre Darein, daß alles in Hülle und Fülle vorhanden «ist. So ist es kein Wunder, daß beim Dresch- maschinen-Essen bald alle Mühe vergessen ist. Da werden lustige Geschichten zum besten gegeben, und manches alte Volkslied wird dann noch gesungen.
Draußen aber auf den Fluren sehen wir nun Sie kahlen Stoppelfelder. Wo einst wogende Saaten ffich im Winde bewegten, da gähnt die Leere. Nur noch harte, kurze Reste starren uns entgegen. Aber überall drängt schon neues Leben nach. Niedrig wachsendes Unkraut oder auch junger Klee haben nun Luft und Licht und können sich entfalten. Ein Bild des Lebens: Aus den gelben Stoppeln quillt irisches Grün hervor. Die ausströmende Kraft der mngen Pflanzen wird bald die alten Reste überwuchert haben. Noch einige Tage, und der Bauer • ährt wieder hinaus ins Feld, um die neue Saat Der Erde zu übergeben... h. —
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Westwall"; „Ins -laue Leben". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ich "in Sebastian Ott".
Die Vesidenzfrage für Dozenten.
Durch Erlaß an die Unterrichtsverwaltungen der Länder mit Hochschulen gibt der Reichswissenschafls- rninister bekannt, daß mit dem Inkrafttreten der Ueichs-Habilitations-Ordnung für die Beurlaubung :ier in das Beamtenverhältnis berufenen Dozenten nd außerplanmäßigen Professoren die Bestimmungen des § 17 des Deutschen Beamtengesetzes entbrechend gelten. Detz Minister stellt fest, daß die Dozenten und außerplanmäßigen Professoren mähend der vorlesungsfreien Zeit des Studienjahres in yrern Urlaub nicht beschränkt sind. Von einer über roet Wochen währenden Abwesenheit haben sie dem Dekan der Fakultät bzw. Abteilung Mitteilung zu machen. Während des Semesters kann die Por- Tsungstätigkeit nur mit Genehmigung des Ministers unterbrochen werden. Ausgenommen ist eine Unterbrechung infolge Erkrankung. Der Minister ermächtigt die Rektoren, die Unterbrechung der Vor- ^esungstätigkeit bis zu zwei Semestern zu gewähren, roenn es sich um Dozenten oder außerplanmäßige Professoren handelt, die weder Diäten noch eine baufenbe Mehrauftragsvergütung oder eine laufende Beihilfe beziehen.
Bann und Iungbann 116 beim Adolf-Hitler-Marfch. *
Als Vertreter des Bannes und des Jungbannes 116 der HI. nehmen drei Kameraden am Adolf- Hitler-Marfch des Gebiets Hessen-Nassau der HI. nach Nürnberg teil. Die Teilnehmer an diesem Marsch befinden sich zur Zeit, bereits als Marschblock zusammengefaßt, auf der Gebietsführerschule. Der Adolf-Hitler-Marsch wird am Donnerstag, 17. August, um 20.30 Uhr, mit einer Kundgebung auf dem Paradeplatz in Darmstadt eingeleitet. Anschließend an diese Kundgebung geht der Marsch nach Pfungstadt, wo am Morgen des 18. August am Grabe des ermordeten HJ.-Kameraden Christian Crößmann eine Gedenkfeier stattfinden wird.
BDM.-!lntergau 116 Gießen.
BDM.-Derkgruppe la/116.
Ab Dienstag, 15.8., findet wieder jeden Dienstag um 20.15 Uhr auf dem 1900-Sportplatz (am Trieb) der Dienst der gesamten Gruppe statt. Alle Mädel haben zu erscheinen, auch die aus der Gruppe Gymnastik. Turnzeug ist mitzubringen.
VDM.'Derkgruppe 4a/116, Werkschar.
Am Dienstag, 15. August, treten alle Mädel der Werkschar, welche die Reichssportwettkämpfe noch nicht nachgeholt haben, um 20 Uhr am Universitätssportplatz an.
Freizeit der Jungarbeiterinnen.
NSG. In Zusammenarbeit mit dem BDM.-Obergau Hessen-Nassau führt die Gaujugendwaltung der DAF. in diesem Jahr zum erstenmal zehntägige Freizeitlager für in der DAF. organisierte Jungarbeiterinnen durch. Die Lager, die in landschaftlich reizvoll gelegenen Jugendherbergen unseres Gaues durchgeführt werden, dienen der gesundheitsfördernden und sinngemäßen Freizeitgestaltung. Die Kurse finden für jeweils rund 30 Mädel statt. Das erste Lager wurde in Lorch am Rhein durchgeführt. Ein weiterer Lehrgang begann am 11. August in der Gelnhäufer Jugendherberge.
Heffen-Aaffauer BOM.-Mädel kommen überall herum.
NSG. Während auf der diesjährigen Hessen- Nassau-Fahrt rund 4500 Mädel und Jungmädel des hessen-nassauischen BDM. die Schönheiten unseres eigenen Gaues erlebten, konnten bei den Großfahrten der vergangenen Wochen 15 Fahrtengruppen ihre Fahrtenwege erweitern und fernere Teile deutschen Landes kennenlernen. Das Haupteinsatzgebiet der Großfahrten waren Schlesien und das Sudetenland. Darüber hinaus waren Wiesbadener und Frankfurter Mädel, sowie eine Fahrtengruppe aus dem Vogelsberg im sonnigen Franken, Odenwälder Mädel zogen durch den Schwarzwald, die Offenbacher fuhren in den Bayrischen Wald, ins Erzgebirge und in die Nordmark. Gleichfalls zur Nordmark sind Limburger Mädel gefallen, und eine Fahrtengruppe aus dem Dillgebret und dem Biedenkopfer Land hat den Teutoburger Wald erwandert.
Kameradschaft der Tat.
Das Unteroffizierkorps der 15. Kompanie E.- Batls. und die Zivil-Angestellten des E.-Bataillons unseres Jnf.-Regts. 116 haben in schöner Weise ihre Kameradschaft der Tat bewiesen. Am vergangenen Samstag rückten sie nach Großen-Linden aus, um dort einem Kameraden der Verwaltung, der sich ein Haus bauen will, bei seinem Vorhaben zu unterstützen. In der Zeit von 13 bis 19 Uhr halfen die Unteroffiziere und Angestellten bei den Ausschachtungsarbeiten und förderten damit das Vorhaben in ansehnlicher Weise. Am kommenden Samstag wird die Arbeit von den Unteroffizieren der Kompanie und den Zivil-Angestellten in gleicher Weise fortgesetzt werden.
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Vom Marinetag in Dresden.
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In Dresden, wo 90 Flaggen des NSD.-Marinebundes geweiht wurden, hielt der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, Großadmiral 2)r. h. c. Roeder, eine Ansprache. Hinter dem Großadmiral sieht man Admiral a. D. Souchon und Bundesführer Konteradmiral z.D. von Hintzmann; rechts Reichskriegerführer General der Infanterie Reinhard und SA.-Obergruppenführer Schepmann. — (Scherl-Bilderdienft-M.)
Armbinden für den Selbstschutz.
Wie das Präsidium des Reichsluftschutzbundes mitteilt, ist die Frage der Kenntlichmachung der verschiedenen Kräfte des SelbstsäMtzes durch Armbinden nunmehr geklärt. Die Armbinden werden auf dem linken Oberarm getragen. Der Luftschutzwart trägt eine hellblaue Armbinde, 10 Zentimeter breit, mit je 1 Zentimeter breiten weißen Streifen am unteren und oberen Rand, dazwischen ein weißer Kreis (6 Zentimeter Durchmesser). Die Laienhelferinnen tragen hellblaue Armbinden ohne Streifen, 10 Zentimeter breit, in der Mitte mit einem weißen 5 Zentimeter großen Kreuz. Melder tragen hellblaue Armbinden ohne Streifen, 10 Zentimeter breit, in der Mitte mit einem weißen 5 Zentimeter großen „M“. Don der Kenntlichmachung der Hausfeuerwehr durch Armbinden ist abgesehen worden. Die Einführung der neuen Armbinden soll allmählich erfolgen. Die alten Armbinden können bis zum 31. Mrz 1940 aufgetragen werden.
In Wiesbaden kann man fernschreiben.
NSG. Jede Ausstellung ist bemüht, den Gästen und Besuchern etwas besonderes zu bieten. Und das mit Recht! Liegt doch darin eine gewisse Anziehungskraft, die immer alle in ihren Bann zu ziehen' weiß. Etwas ganz besonderes zeigt im Rahmen der großen Ausstellung „Wille und Tat" in Wiesbaden die Deutsche Reichspost. Neben einer umfassenden Darstellung aller postalischen Gebiete und solcher Aufgaben, die ihr die* fortschrittliche Technik in heutiger Zeit zugewiesen hat, wird die Besucher vor allem interessieren, daß sie Gelegenheit haben, im Ausstellungsstand der Reichspost fernzuschreiben. Wie das bewerkstelligt wird, wollen wir vorerst noch nicht verraten. Darüber hinaus sieht der Besucher die moderne Einrichtung einer drahtlosen Rundfunkeinrichtung im Betrieb, den Drahtfunk als solchen, ebenfalls im Betrieb ein Fernsprechwähleramt u. a. m. Also, eine lebendige und hochinteressante Sache. Auch werden die Besucher mit der Technik des Fernsehens bekannt gemacht. Alles drahtlos und wunderbar zugleich! Ein glänzendes Zeugnis für den großen Fortschritt unserer modernen Technik. Kein Besucher wird sich
den vielen Wundern, die an Ort und Stelle vor- geführt werden, entziehen können. Was aber hier wunderbar erscheint, ist für den Fachmann heute eine ganz selbstverständliche Sache. Darum dürfte gerade dieser Stand für alle Besucher von besonderem Interesse sein.
Oberhessischer Gebirgsverein Gießen.
Am Sonntag führte der Oberhessische Gebirgsverein, Zweigverein Gießen, seine August-Wanderung durch. Die Bahn brachte — wie uns berichtet wird — die Wanderschar über Niederwalgern nach Damm. Von hier führte die Wanderung das schöne Salzbödetal abwärts, vorbei an der Etzelmühle und dem besonders malerischen Fachwerkbau der Stein-
Oer Mann, der sein Anio vergaß.
Eine Geschichte von Kurt Krispien.
Bruck öffnet das Fenster und sieht auf die Straße hinaus. Unten vor der Tür wartet sein fittuto. Der blaue Lack schimmert in tadellosem Glanz, die Metallteile leuchten in der Sonne, daß <!5 eine Freude ist. Ein hübscher Anblick! Dennoch seufzt Bruck tief und reibt sich sorgenvoll das Kinn. Zr ist ein bißchen leichtsinnig und voreilig gewesen, lils er sich diesen teuren, großen Wagen kaufte. Inzwischen ist ihm einiges mißglückt, sichere Unternehmungen haben sich als Fehlschläge erwiesen, und lo'as Ende davon ist, daß Bruck den Wagen nicht mehr halten kann. Er fährt ihn heute zum letztenmal ...
Nun schön, es ist nur ein Heb er gang, aus dem nr sogar noch etwas lernen kann; aber ein bißchen wehmütig wird ihm doch zumute, als er den Motor nnläßt und dos tiefe, starke Summen in seine Ohren i Klingt. Der Wagen war ein Mittler vieler Freude, --nd das ist vorläufig vorbei. Bruck fährt durch J hange, breite Straßen, die leer und einsam in der d »Sonne liegen. Wer konnte, hat die Stadt verlassen. I ’j’ein Wunder, es ist Sonntag, und die Sonne 1 scheint! Da gibt es nicht sehr viele, die sich mit iiren Balkonblumen begnügen, da ist es schwer, zu i .ßaus zu bleiben!
Auch Bruck fährt immej rascher, je weiter er kinauskommt. Die blühenden Gärten der Vororte V\ treiben hinter ihm zurück, der Wagen surrt vorbei cn grünen Feldern, durch eine Wald- und Wasserlandschaft, bis sich der Weg zu einem See hinunter- 1 s-nkt, auf dem schräge weiße Segel liegen. Da r rlangsamt Bruck die Fahrt, steuert auf eines der Fferlofale zu und läßt feinen Wogen auf dem ; ynrkplatz stehen. Gemächlich bummelt er dann durch bin trotz der frühen Stunde schon fast vollbesetzten ; (barten. Da am Wasser scheint noch ein Tischchen l f:ei zu sein. Bruck setzt sich und bemerkt sogleich, \ i ihm schon jemand zuvorgekommen ist; denn |; frier der Lehne des zweiten Stuhls hängt ein dün- ;! nir, blauer Seidenmantel. Flüchtig denkt Bruck ! i b.iran, sich einen anderen Platz zu suchen, ober es si-;t sich hier zu schön, und einen Tisch für sich allein i:rb er wohl doch nicht finden. Warum denn auch?
iBruck lehnt sich behaglich zurück und versucht, sich in den Reiz der schönen Landschaft zu versenken, ■ a:ier irgend etwas lenkt ihn ab. Fast uybewußt « stieift er den blauen Mantel mit einem kleinen I Seitenblick. Wer mag die Besitzerin fein? Ob sie iXein gekommen ist?.
Was geht das mich an, entscheidet Bruck mit großer Energie; vermutlich ist sie alt und dick! Er wendet sich mit einem Ruck zum See und starrt auf die glitzernde, blaugraue Fläche hinaus. Was aber, wenn sie schlank und dunkel ist ... denkt er dabei versonnen.
Nun, Erika ist schränk und dunkel. Und jung und hübsch dazu. Sie hat sich mit ihrer Freundin hier draußen verabredet, aber die Freundin ist nicht gekommen. Ein Mißverständnis offenbar. Soeben hat Erika zum drittenmal vergeblich versucht, sie telephonisch zu erreichen. Es meldet sich niemand. Ruth ist doch ein recht unzuverlässiges Geschöpf!
Erika ist ein bißchen ratlos, als sie zu ihrem Tisch zurückkehrt. Do erhebt sich vor ihr ein großer blonder Mensch und sagt: „Ich glaubte, hier wär nach ein Plätzchen frei. Darf ich hier fitzenbleiben?"
„Bitte, bitte", nickt Erika zerstreut, nimmt ihren Mantel auf und geht.
Jetzt könnte Bruck ja mächtig froh fein, jetzt hat er ja den ganzen Tisch für sich allein, und kein blauer Mantel wird ihn länger stören. Aber es liegt ihm plötzlich nichts daran. Er sieht unentschlossen hinter dem Mädchen her und steht dann auf. Ein Kellner eilt herbei. „Ist die Dame schon fort- gegangen?", fragt er hastig, „sie Hot ihren Kaffee noch nicht bezahlt!" .. .
„Das ist luftig", sagt Bruck vergnügt. „Nem, rufen Sie sie nicht zurück, ich zahle!
Er erreichte Erika draußen auf der Straße. Sie geht so langsam, daß er keine Schwierigkeiten hat, sie einzuholen. „Ein glänzender Einfall von Ihnen, etwas spazierenzugehen", beginnt Bruck harmlos, als er mit ihr auf gleicher Höhe ist. „Ich bin auch
Na dann gehen Sie nur!" sagt Enka kurz und
Na dan gehen Sie nur!" sagt Erika kurz und bleibt zurück. Aber Bruck bleibt gleichfalls stehen.
Es ist qar nicht nett von Ihnen, mich so zu behandeln, wo ich doch Ihren Kaffee bezahlt habe!
O weh'" ruft sie erschrocken, „das habe ich ja ganz vergessen! Und Sie haben das für mich erledigt? Vielen Dank, und erlauben Sie, daß ich es Ihnen gleich roieöergebe." Sie kramt tn ihrer Handtasche. „Wieviel war es denn?
Bruck winkt großmütig mit der Hand. „Oh, bitte, das hat Zeit! Zinsen kostet es sowieso.
Sie mustert ihn mißtrauisch. „Was meinen Sie damit —?" „ . f
„Nichts weiter, als daß Sie mir erlauben, ein Stückchen mit Ihnen zu gehen", sagt Bruck und sieht sie bittend an. „Ich bin allein.
Es liegt etwas in seinem Ton was Enka bestimmt, schweigend einzuwilligen, obwohl das sonst nicht ihre Art ist. Sie gehen am Rande der Straße. Autos fahren vorbei, es staubt em bißchen, und I Erika erinnert sich lächelnd, daß sie sich eigentlich
immer gewünscht hat, einen netten Menschen mit einem Wagen kennenzulernen.
Indessen führt Bruck sie abseits von der großen Straße auf einen waldigen Hügel, der einen hübschen Ausblick bietet. Hier bleibt er stehen. Die warme Luft liegt wie ein weicher Mantel über ihren Schultern, und alle Pracht und Kühnheit des Frühlings ist in den jungen Birken.
„Gefällt es Ihnen hier?" fragt Bruck. „Wollen wir uns etwas fetzen?"
In breiten Bündeln fällt die Sonne durch das Land. Erika hat längst ihren Hut abgenommen; jetzt wirft sie ihren Mantel in das Gras und streckt sich darauf aus. Bruck fetzt sich neben sie. Er sieht ihr unverwandt in das Gesicht und hat viel von seiner anfänglichen Sicherheit verloren. Er spürt, daß er von Augenblick zu Augenblick tiefer in ein Gefühl gerät, das wie kein anderes danach verlangt, erwidert zu werden. Sie sprechen beide wenig. Er hat ihr seinen Namen genannt und was er sonst noch für notwendig fand. Heber den Gräserspitzen taumeln Schmetterlinge, weiße und braune ... Vom See her tönt das Tacken eines Motorbootes, Kielwellen klatschen leise in das Schilf am Ufer unten. Da fängt Bruck.wieder an zu reden. „Ich muß Sie öfters sehen", sagt er ungefähr, „mit Ihnen Zusammensein! Dabei ist mir der Gedanke verhaßt, daß ich Ihnen aufdringlich erscheinen könnte mit meiner sonderbaren Eile. Aber es ist mir so, als ob wir uns seit Jahren kennen, und ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß wir wie Fremde auseinandergehen sollten!"
Das, was er ihr da sagt, ist gewiß nicht sonderlich neu und wohl schon oft gesagt; weil aber die gütige Natur ihren gewaltigen Rahmen dazu hergibt, haben seine Worte Klang und Tiefe. Erika lauscht mit gesenkten Lidern, doch sie fühlt seinen fragenden, drängenden Blick auch mit geschlossenen Augen. Sie fühlt auch, wie er sich zu ihr herüberbeugt, sie fühlt feinen Mund auf ihren Lippen und bewegt sich nicht. Sekunden rinnen ineinander wie kleine Ewigkeiten, dann macht sie sich hastig frei und springt auf.
„Sind Sie mir böse?" fragt er leise.
Sie schüttelt den Kopf mit einem stolzen, offenen Lächeln und greift nach seiner Hand. „Wir wollen zum See hinunter und ein Boot nehmen", schlägt sie vor, „damit rudern wir bis zur grünen Bucht, danach gehen wir zur Waldmühle, und dort werden wir weiter sehen!"
Der Umfang ihrer Vorschläge und die bestimmte Form, in der sie sie vorbringt, entzücken ihn. Was für ein Tag, was für ein Mädchen! Erika!
Es ist spät am Abend, als er sie nach Haufe bringt. Sie haben sich gleich für den nächsten Tag verabredet, und Bruck zählt bereits die Stunden, die
ihn noch vom Wiedersehen trennen. Dabei achtet er nicht auf den Weg, ein Auto hupt und bremst verärgert. Bruck springt zur Seite und erinnert sich mit einem Schlag: Hallo, der Wagen! Er hat wahrhaftig feinen Wagen ganz vergessen! Lächelnd sucht er einen Telephonautomaten und ruft seine Garage an. „Ja, der Wagen steht in Birkenfeld, Seeterras- fen, Sie können ihn da vom Parkplatz abholen."
„Nanu, Herr Bruck! Panne gehabt —?"
„Nein, nein, das war es nicht, Herr Gabelentz.
Ich brauchte ihn nicht ..."
Gloria-palast: „Ins blaue Leben."
Der Film als Traumfabrik, als Märchenbilderbuch des technischen Jahrhunderts der unbegrenzten Möglichkeiten; das Wunder wird Wirklichkeit und der Sehnsuchtswunsch einer kleinen Angestellten mit 250 Mark Monatsgehalt geht in Erfüllung: sie gewinnt das große Loos mit einer Fahrt nach Italien, sie erlebt drei wunderschöne Tage im Paradies ... Venedig, Florenz, Neapel. Hernach freilich, als die drei Tage um find, kommt die Rückkehr in den Alltag, die große Desillusionierung und Eni- zauberung: der Fürst, der das kleine Mädchen durch das südliche Paradies begleitete, war gar fein richtiger Fürst, sondern ein falscher, ein kleiner italienischer Geiger und genau so arm wie das Fräulein Anni Wagner aus Wien. So grausam kann der Film sein; aber der Film kann auch großmütig sein und schenkt also der kleinen Anni ein dauerhafteres Glück, und zum Schluß wird man einsehen, daß sie. mit der Fahrt „ins blaue Leben" doch so etwas wie den Haupttreffer gezogen hat. Lilian Harvey spielt, diesmal ohne Willy Fritsch, das Fräulein aus Wien und gaukelt den Leuten den Traum ihres Lebens vor: einmal eine große Dame sein — der Film wird nicht müde, diese Melodie zu variieren, und da er hier nicht sehr viel Handlung hat — manchmal kommt man sich vor wie im Kulturfilm —, sv bleibt auch für Gesang und Tanz noch allerlei Raum. Vittorio de Sica macht mit glaubhafter Schüchternheit und Naivität, drollig radebrechend, den falschen Fürsten. Otto Treßler ist der freundliche alte Herr, der hier die Rolle der guten Fee im modernen Märchen spielt. Hilde von Stolz und Fritz Odemar find mit zwei komischen Episodenrollen vom Ensemble noch zu nennen. Regie führt mit den großzügigen Mitteln, welche die Ufa für dergleichen blaue Träume freigebig zur Verfügung stellt, Augusto Genina; wunderschön und verlockend die Reisebilder aus Italien. —
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Den ersten Teil des Programms füllt der Westwall-Film, der schon eingehend gewürdigt wurde.
Hans ityriot


