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Mittwoch. 14-Iunr 1959

Ur. 156 Erstes Blatt

189. Jahrgang

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Sie Blockade her Konzessionen in Tientsin

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sudski nur angedrohte Peitsche schon mehrmals gegen das widerspenstige Völkchen angewandt, und eben jetzt wieder hat sie ein paar selbstherrliche Amts­walter der oppositionellen Studentenschaft, die etlichen Kommilitonen kurzerhand das Lebenslicht ausbliesen, in den Kerker geschickt.

Aber nicht nur die Studentenschaft bietet einen wahren ideologischen und geistigen Trümmerhaufen. Auch die Pfadfinder schäft geht ihre eigenen Wege und ist gegenwärtig eine Art von Privat- garde des durch seine deutschfeindlichen Exzesse be­kannten Kattowitzer Wojewoden Graczynski. Nun müßte man annehmen, daß sich in der oppo­sitionellen Jugend irgendwo ein Kern her- auskriskallisiert, der die künftige Entwicklung be­stimmt, um so mehr, als die schöpferische Eigenart der Jugend anderer Völker doch einen starken An­reiz bieten müßte. Mit Bedauern muß aber jeder aufmerksame Beobachter in Polen feststellen, daß in der jungen Generation Haß und Neid gar üppig ins Kraut treiben, was sich vor allem in einer maßlosen Intoleranz gegenüber den jungen Söhnen der Volksgruppen äußert. Unser Bedauern ist um so großer, als das neue Europa auch mit einem Beitrag der jungen Nation in Polen rechnete. Statt dessen erzeugen diese negativer Auswirkungen in dem Raum an der Weichsel einen Leerraum, ein geistiges Vakuum, in dem sich die Bakterien der Zersetzung einnisten.

Es muß anerkannt werden, daß sich die Erkennt­nis von dem Zusammenbruch der Jugenderziehung in einsichtigen Kreisen bereits durchsetzt. Vor allem bemüht sich das O f fi z i e r k 0 r p s , die Eltte- truppe des Staates, den Trümmerhaufen aufzu- räumen und zu retten, was zu retten ist. Es Laut feit einem Jahre eine eigene junge Front

auf soldatischer Grundlage auf uni) tut dies um so lieber, als es dadurch auch seinen innerpolitischen Einfluß stärkt. Die unter dem Kommando eines Obersten stehendeAkademische Legion" umfaßt schon fünfundsiebenzig vom Hundert der Studenten. Im ganzen Lande bestehenAbteilungen für vormilitärische Erziehung", die alle Volksschichten erfassen. Schließlich findet man auch sehr bescheidene Anfänge eines Arbeitsdienstes. Aber bedeu­tet die' Einigung der Jugend auf dem Exerzierplatz nicht ein Verzicht auf das von Pilsudfki doch an­gestrebte Ziel einer breiten politischen Volks­bewegung? Ist dies nicht ein Verrat der Poli­tiker an dem Vermächtnis des Marschalls, der das Volk und vor allem seine jungen Kräfte in den Rahmen des von Soldaten erkämpften Staates hin­einwachsen lassen wollte?

Pilsudski hat einmal dieschöpferischen Marter großer Leistungen" das Bindeglied zwischen Män­nernvon einzigartigem Persönlichkeitsausmaß" genannt. Was Pilsudfki hier im Hinblick auf den gegenwärtigen Staatspräsidenten Prof. M 0 s c i ck i gesagt hat, war nicht nur originell, sondern auch sehr weise. Aber Pilsudski soll in den letzten Jahren seines Lebens traurig darüber gewesen sein, daß der völkische Nachwuchs so arm an konstruktiven Kräften ist, von Menschen ganz zu schweigen, die einmal dieschöpferische Marter großer Leistungen" auf sich nehmen würden. Es fehlt dieser Jugend der ernste Wille zur Besinnung und zur Vertiefung. Sie leidet an einer ideologischen Erschöpfung, wie sie sonst nur bei satten Rentnervölkern auftritt. Auch geht sie, wie die Verteilung der Hochschulhörer auf die einzelnen Fakultäten lehrt, Berufen aus dem Wege, in denen man ohne einen unerhörten Arbeits­willen fein Fortkommen findet. Vor allem scheut sie es, sich mit wirtschaftlichen Dingen zu befassen. Ihre parteipolitischen Fehden muten an, als spuke in den jugendlichen Köpfen noch der Ungeist des Hochadels im alten Polen, der über feinen eigenen Händeln das Schicksal des Vaterlandes vergaß.

war nicht nur geistig, sondern auch organisatorisch ein Fehlschlag, und es nimmt nicht wunder, daß so maßgebende Gruppen wie die Pfadsinder und die rührigenNationalradikalen" auf Grund ihrer bösen Erfahrungen dem Lager den Rücken ge­kehrt haben. Zieht man in Betracht, daß die Bauernjugend nach wie vor in unversöhnlicher Opposition verharrt und die Sozialisten noch immer nicht die Tatsache überwunden haben, daß ihr ehemaliges Mitglied Pilsudski bei derStation Unabhängigkeit Polens" halt machte und aus dem sozialistischen Wagen stieg, wird der Fehlschlag des Lagers nur noch offenkundiger.

So bietet denn die polnische Jugend heute ein Bild der geistigen Richtungslosigkeit und der Zer­fleischung. Während andere große Völker Europas, wie das deutsche und das italienische, ihre stärksten Impulse immer mehr von der Jugend emp­fangen und eben dadurch in den Rang junger Nationen auffteigen, fällt dieser entscheidende Faktor im Leben des Polentums fort. Man darf sich durch den Lärm nicht täuschen lassen, mit dem beispiels­weise d ie S t ud e n t e n sch a f t ihre Anteilnahme nn den geschichtlichen Ereignissen zu beweisen sucht. Die deutschfeindlichen Demonstrationen in Warschau anläßlich des Ciano-Besuches im März waren von der Haßstimmung nicht nur gegen das Reich, sondern auch gegen das heimische Regime be­stimmt, und es wurde mit zynischer Freude zur Kenntnis genommen, daß diese Zwischenfälle dem polnischen 'Außenminister peinlich waren. Nicht an­ders sind die dauernden Ausschreitungen an den Hochschulen zu beurteilen. Innerlich ausgehöhlt und leergelaufen, stürzt sich diese Jugend in wilde Aktionen und rennt gegen alles an, was ihr Zügel anlegen will. Ihre Opfer sind die Lehrer, sind die Deutschen, und zum Abschluß werden Barrikaden­kämpfe mit der Polizei inszeniert, dis nie ohne Blutvergießen beendet werden. .

Es ist eine bedauernswerte Jugend, die m Polen heranwächst, eine Jugend ohne Führer und ohne Ideale, eine Jugend ohne den Villen, die Götter aus den Sternen zu holen. Was an ihr gesund ist, ihr Tatendrang und ihre Aben­teurerlust, wird mißgeleitet und endet in übelster Demagogie, die es mit der Wahrheit nicht mehr genau nimmt. Auf der einen Seite berauscht sie sich an den nicht näher- definierten Schlagworten:

Polen, Vormauer des Christentums! Vorhild Europas! Antithese des Germanentums!", auf ter anderen Seite nährt sie ihre Wunschträume mit einem Feldzug zur Eroberung Danzigs, Ostpreußens und Deutsch-Oberschlesiens, wie dies erst jüngst in einer studentischen Denkschrift an die Rektoren bat3 gelegt wurde. Statt sich auf die dringlichsten Auf­bauziele im eigenen Lande zu werfen, bringt jeder Tag neue Beweise für die innere Haltlosigkeit dieser Generation, und man kann es nur als Ausschwei­fung bezeichnen, wenn man hört, daß sie wahrhaftig an eine neue .Huldigung Preußens vor Polen glaubt. .

Der Marschall hat einmal in einer Rede vor dem Sejm, nachdem er ihn ausgescholten hatte, bezwei­felt, ob man in Polen ohne Peitsche regieren könne. Inzwischen hat die Regierung die von Pu-

Warschau, Juni 1939.

Es ist erst ein paar Jahre her, seit sich ein Lemberger Hochschullehrer, der zu den politischen Profilen des Piljudski-Regimes gehörte, die Vor- tragsfreiheit am Katheder mit dem Revolver in der Hand gegen randalierende Studenten verteidigen mußte. Man war damals in Polen eher geneigt, solche Zwischenfälle als Kinderkrankheiten einer Generation abzutun, die noch nicht den eigenen Schwerpunkt gefunden hat. Dieses Urteil erweist sich heute leider als leichtfertig und falsch. Wenn eine Jugend sich jetzt, also vier Jahre nach dem Tode des Marschalls Pilsudski, an dem Mythos dieses großen Nationalhelden vergreist und seine Bilder aus den akademischen Bauten entfernt, wie dies in Krakau und Wilna geschah, dann ist die Frage nach Richtung und Ziel des jungen Polen­tums berechtigt.

Die Männer, die mit Pilsudskidas noch vor Schwäche zitternde Polen" auf ihre Schultern hoben, konnten erst 1925 darangehen, auch an die Gewin­nung der Jugend für ihren Staat zu denken. So verwunderlich es für einen Fremden ist diese Jugend hatte ihren Standort vorwiegend nicht im Lager Pilsudskis, sondern hing den Ideen des verwässerten Panslawisten D m 0 w s k i nn. Denn sie entsprachen der Mentalität des jungen Polentums, seiner Neigung zur Phantasie und sei­nemDrang nach dem Westen", nach den Zentren einer alten und verehrungswürdigen Kultur. Darin liegt ja die Tragik des Regimes Pilsudskis, daß es für feine soldatische Dynamik, die sich sogar einen Weg nach dem Schwarzen Meer suchen wollte, keine Stütze im Nachwuchs fand. Es ist kein Zufall, daß derGott" der Studenten eqi Pole aus den ehe­mals deutschen Teilgebieten, Dmowski, war, während Pilsudski Zeit seines Lebens niemals aus der west- östlichen Atmosphäre von Wilna, seinem Geburtsort, herauskam. So hat sich die letzte Teilung Polens, obwohl sie schon mehr als eineinhalb Jahrhunderte zurückliegt, in verhängnisvoller Weise bis heute ideologisch erhalten und bestimmt in entschei­dendem Maße die inneroölkischen Auseinander­setzungen.

Diejen Riß zu heilen, ist den Männern um Pil- sudski dis heute nicht gelungen, weder dem Gründer desLagers der Nationalen Einheit", dem Obersten K-oc, noch seinem Nachfolger, General Skwar- c z y n s k i. DerDienst der Jugend" im Lager als Sammelbecken bereits bestehender Jugendverbände

Spannung in Tientsin.

Dr. Li. London, 14. Juni.

Die japanischen Behörden haben entsprechend ihrer Ankündigung am Mittwochmorgen die Blockade der englischen und französischen Niederlassung in Tientsin wirksam werden lassen. Der Verkehr zwischen den Niederlassungen und dem chinesischen Teil der Stadt wird von den Japanern verhindert. Nur die Lebens­mittelzufuhr und der Uebertritt amtlicher Personen ist erlaubt. Die japanischen Behörden weisen darauf hin, die Blockade bleibe so lange in Kraft, bis die englischen Behörden ihre Politik änderten und ohne Einschränkung mit den Japanern bei der Ausrichtung der neuen Ordnung im Fernen Osten zusammen­wirkten. In der englischen und in der französischen Konzession leben 3700 europäische Staatsangehörige; 2700 davon sind Engländer. Englische Militärlast­wagen durchfahren die Straßen der Niederlassung und verteilen Lebensrnittel, die in größeren Vor­räten vorhanden sein sollen.

Nach einem DNB.-Funkspruch aus Tien­tsin sah die Millionenstadt mit fieberhafter Span­nung der Blockade der französischen und englischen Niederlassungen durch japanische Truppen entgegen. Der bisherige englische Standpunkt desGewalt gegen Gewalt"- Grundsatzes läßt ernste Zwischenfälle befürchten, die die Beziehungen JapanEngland neuerdings verschärfen müssen, obwohl die japa­nischen Behörden die Uebergabe der Konfession au trockenem Wege" erstreben. Seit mehreren Stun­den sind alle in die Konzessionen führenden Straßen militärisch besetzt und durch spanische Reiter sowie durch Stacheldraht a b g e r i e g e 11, hinter denen englisches Militär und englische Polizei Verteidi­gungsstellen bezogen haben. Nur drei Straßen sind für den Ein- und Ausgangsverkehr freigegeben, deren Passieren nur mit japanischen Pässen möglich ist. Gleichzeitig wurde die schärfste Kontrolle über alle Fahrzeuge und Waren angeordnet. Die eng­lischen Familienangehörigen wurden bereits nach dem bekannten Meerbadeort Peiteiho abgeschoben. Sämtliche Lebensrnittel stiegen im Preise um 20 Prozent an. Die Massenauswanderung der in den Konzessionen zu Hunderttausenden lebenden Chi­nesen dauert an. Die Geschäftstätigkeit ruht, zu­mal die große Zufuhrader, der Peiho-Fluß, praktisch gesperrt ist. Es ist anzunehmen, daß chinesische natio­nale Terroristen durch neue Attentate die Spannung noch vergrößern werden.

Die Auffassung in Tokio.

Tokio, 14. Juni. (DNB. Funkspruch.) Zur Blockade der brittschen Niederlassung in Tientsin erklärte der Sprecher des japanischen Außenamts, daß es sich um Entscheidungen und Maßnahmen der örtlichen Behörden in Tientsin handele, also des Befehlshabers der Truppen und des japa­nischen Generalkonsuls; selbstverständlich werde To­kio laufend unterrichtet. Der Sprecher bestätigt au Anfragen, die Haltung der Armee habe zum Aus- druck gebracht, daß es sich jetzt nicht mehr allein um die Frage der Auslieferung der Terroristen in Tientsin handele, sondern um Garantien für hie Zukunft. Man erwarte von den örtlichen englischen Behörden, daß sie den störenden Elementen in der Politik und Wirtschaft Nordchinas nicht Vorschub leisten. Der Sprecher er­klärte ferner, daß es sich bei der Blockade nicht um die Anwendung von Gewalt handele, sondern um eine klare Selb st schütz maßnahm e. Die britische Konzession würde nicht besetzt, sondern

polens Jugend ohne Führer

Von unserem JR. H.-Korrespondenien.

Es wird von einem englischen Vorschlag zur Bil­dung eines Dreier-Ausschusses berich­tet bestehend aus einem Engländer, einem Japa­ner und einem Neutralen. Als Neutraler ist von England ein Amerikaner vorgeschlagen worden, der die Aufgabe haben soll, zwischen den beiden Par­teien Dermittlerdienste zu leisten. Nach den letzten hier eingetroffenen Meldungen hat die japanische Regierung jedoch diesen englischen Vorschlag a b - gelehnt, da Japan unter keinen Umständen da­mit einverstanden sein könne, einen Ameri­kaner in dem Ausschuß alsSchiedsrichter" auf- treten zu lassen."

Trotzdem wünscht man m London offensichtlich mit Rücksicht auf die englischen Mißerfolge in Eu­ropa nicht eine Zuspitzung der Sage, geschweige denn einen offenen Konflikt mit Japan. Das geht auch eindeutig aus den Berichten der Londoner Blätter hervor, die alle die Hoffnung aussprechen, daß der englisch-japanische Streit um die vier chinesischen Terroristen, deren Auslieferung die Japaner ver­langen, auf friedlichem Wege und ohne Blockade beigelegt werden könne.

Die Abneigung der Weftmächte gegen Feindselig­keiten im Fernen Osten sei, so schreibtDaily Tele­graph", offenkundig im Hinblick auf b i e ent­schlossene Achsenfront in Europa so klar, daß die Japaner die Geduld der brttischen Re­gierung bisher ohne jede Zurückhaltung ausgenutzt hätten. Man habe jetzt ganz den Eindruck, Japan wolle seineSchlappen" in China dadurch wieder gutmachen, daß es sich an einem Dritten schadlos halte. Einschüchterungsversuche hätten aber, so schreibt das Blatt, keinen Zweck; sie würden Eng­lands Haltung nurversteifen".Daily Herald" er­klärt, sollte es sich Herausstellen, daß die Japaner den englischen Vorschlag einer unparteiischen Kommission zur Regelung des Streitfalles nicht annehmen und daß sie stattdessen auf nichts anderes abspielten als die Zerstörung ausländischer Nieder­lassungen, dann sei die Lage erpft, denn dann würde die gesamte Position Englands im Fer­nen Osten auf dem Spiele stehen.

Dr. Li. London, 14. Juni.

Zum ersten Male seit geraumer Zeit bilden die Meldungen über die Lage im Femen Osten wieder die Schlagzeilen der Londoner Presse. Die Berichte über die Zuspitzung des englisch-japanischen Verhält­nisses weichen kaum voneinander ab. Japan wird beschuldigt, England durch seinen Beschluß, über die englische Konzession dieBlockade" zu verhängen, herausgefordert zu haben, wobei man die Verantwortung für das japanische Vorgehen den lokalen japanischen Behörden in Tien­tsin in die Schuhe schiebt. Mit der Kritik an der Tokioter Regierung ist man vorerst noch recht zu­rückhaltend, da man eine Hoffnung auf eine Kom­promißlösung in London noch nicht aufgegeben hat.

Worte und Taten.

DieTimes" zeigt sich sehr verärgert darüber, daß die deutsche und die italienische Presse die letzten Reden von Chamberlain und Lord Halifax mit der Bemerkung abtun:Alles Worte, wo aber sind die Taten?" Das englische Blatt glaubt uns damit vertrösten zu sollen, daß es in Aussicht stellt, den Worten würden zur gegebenen Zeit auch die Taten folgen. Mit Verlaub: das deutsche Volk hat in den letzten 25 Jahren so viel gelernt, daß es auf chöne Redensarten des Auslandes, besonders wenn ie aus London kommen, keinen großen Wert legt.

Die englische Politik macht verzweifelte Anstren­gungen, ihre wankende Vorherrschaft zu stützen und zu sichern und sucht dafür zunächst einen neuen Degen auf dem Festlande. Frankreich allein will ihr nicht genügen, nachdem die stählerne Achse BerlinRom den europäischen Kontinent vom Nor­den zum Süden durchschneidet. Deshalb umwirbt England die Sowjetunion, und diesem Zwecke gelten feine ferneren Bemühungen zur Einkreisung Deutschlands. Chamberlain hat im Unterhause mit großer Entschiedenheit den Verdacht zurückgewiesen, daß England die Verhandlungen mit Moskau ver- chleppen wolle, im Gegenteil, er willsein Bestes dafür tun", das Ziel zu erreichen. Mit Spannung erwartet nun London den Erfolg der Moskaureife des Ministerialdirektors William Strang. Lord Hali- äx sah sich veranlaßt, im Oberhaus seine Rede, die er am vorigen Donnerstag hielt, zu ergänzen und zu interpretieren. Dabei beteuerte er,einen prak­tischen offenherzigen Versuch" machen zu wollen, um mit Deutschland und Italien in neue Verhandlungen zu treten. Daß es sich dabei um eine Entlastungs­offensive handelt, um ein Täuschungsmanöver, dar- über liegen genügend Anzeichen vor. Einer der Lords im Oberhause hat offenherzig davon gesprochen, daß die englische Politik mitdemdeutschenVolke in direkte Verbindung treten müsse. Damit ist das Bestreben gekennzeichnet, über den Kopf der deut­schen Regierung hinweg die Stimmung in Deutsch­land beeinflussen zu können. Die Herren in London sollten sich diese Mühe sparen. Auch hier hat uns die Erfahrung aus der Zeit des Weltkrieges wert­volle Lehren geliefert, die in Deutschland, noch nicht vergessen sind.

Gebt der Wahrheit Flügel!" Das ist das Stich­wort, unter dem derDaily Telegraph", das Organ einer mit den Londoner Rothschilds befreundeten Gruppe, für die sofortige Errichtung eines englischen Jnformationsministeriums eintritt. Die offizielle Lesart sindet sich in derTimes". Dort heißt es, daß die Richtung eines Jnformationsmini­steriums bei Kriegsausbruch selbstverständlich fei; warum aber nicht schon im Frieden beginnen? Damit ist der wirkliche Grund für die jetzt so heftige Forderung nach dem Jnformationsministerium zart umschrieben. Die Engländer sind, wie sowohl aus öffentlichen wie privaten Aeußerungen hervorgeht, sehr betroffen, daß ihre Argumentation trotz der vielen Ministerreden, trotz der Zulassung ihrer re­präsentativen Blätter in Deutschland und trotz der Rundfunkpropaganda auf das deutsche Volk kei­nen Eindruck macht. Sie waren seit je gewohnt, bei einzelnen deutschen Parteien und Gruppen ein Echo zu finden, wobei wir ausdrücklich hervorheben, daß viele Deutsche, die damals dieses oder jenes Argument von England her übernahmen, aus ge*

nur der Verkehr zwischen der Konzession und dem übrigen Tientsin überwacht werden.

In politischen Kreisen Tokios glaubt man oor* läufig nicht, daß EnglandGegenmaßnahmen" er­greifen werde, weil hierzu kein Grund vorläge. Die britischen Behörden in Tientsin hätten anscheinend vollkommen übersehen, daß Nordchina eine mili­tärische Operationszone sei. Infolgedessen sei es notwendig, daß sich die fremden Konzessionen aller Eingriffe in die politischen oder wirtschaftlichen Verhältnisse des besetzten Gebietes enthielten, an­dernfalls gäbe es keinen anderen Ausweg als eine grundsätzliche Revision der mit den Nie­derlassungen verbundenen exterritorialen Sonder­bestimmungen.

Das Echo in Paris.

Paris, 14.Juni (DNB. Funkspruch). Die Aus. merksamkeit der französischen Presse ist auf die Spannung gerichtet, die sich zwischen Großbritan­nien und Japan um Tientsin entwickelt hat. Der Figaro" schreibt, die französische Regierung, die in Tientsin ebenfalls bedeutende Interessen besitze, habe sich mit der britischen Regierung in Verbin­dung gesetzt, um einen gemeinsamen A k - tionsplan auszuarbeiten. Das Blatt weist auf die in Singapur begonnenen französisch-enlischen General st absbesprechungen hin, die eine Art Verlängerung der militärischen Reichskonferenz darstellten, an Der die Vertreter Englands, Australiens und Neuseelands teilgenonr- men hätten. Der Londoner Berichterstatter des rechtsstehendenJour" weist darauf hin, daß das japanische Ultimatum am heutigen Mittwoch früh abläuft und daß nach den in London ein getroffenen Informationen die japanischen militärischen Behör­den bereits alleMaßnahmen getroffen hätten, um von diesem Zeitpunkt ab alle Verkehrs­verbindungen zwischen der brittschen und der fran­zösischen Konzession und der Außenwelt abzuschnei­den. Der Außenpolitiker derEpoque" beleuchtet die Möglichkeiten, die sich für Japan und die Achse BerlinRom bei den Schwierigkeiten Eng­lands ergeben könnten. Dabei wird die fteundschast- liche Haltung der Achse gegenüber Japan mit sicht­bar unangenehmen Gefühlen unterstrichen.