Eingemeindung nach Gießen angeordnet
Aus Gründen des öffentlichen Wohls erfolgt.
Aus der Stadt Gießen.
Winterstille.
Der Stadtwinter ist nur ein halber Kerl! Kaum ist die weiche, reine Schneedecke gefallen, so beginnt das Kratzen und Schaben, das Fegen und Schaufeln. Nach einigen Stunden ist der Schnee zu Haufen getürmt, er wird abgefahren, und grau und schwarz und ärmlich liegen Straßen und Plätze.
Wer es ermöglichen kann, wird jetzt aus der Stadt in die Pracht des Bergwinters hinausziehen. Die Bahn bringt ihn schnell in den Vogelsberg. Schon durch die Scheiben des Abteils leuchtet ein Glitzern uni) Gleißen verführerisch herein, daß das Auge sich am schönen Bild der Landstraße festsaugt. Ja, im Vogelsberg ist der Winter ein ganzer Kerl! Mir gegenüber sitzt ein beleibter Herr, der eifrig in seiner Zeitung herumstöbert, Blatt um Blatt knisternd wendet und nur ab und zu zu mir herüberblickt. Da er mich so anhaltend durchs Fenster starren sieht, wirst auch er einen Blick nach draußen und bemerkt dann tiefsinnig: „Es hat aber sehr geschneit hier!" Nun bleibt mir ja nichts anderes übrig, als ihm ebenso tiefsinnig und geistreich seine weltwendende Entdeckung zu bestätigen: „Ja, es hat sehr geschneit hier." Damit ist auch schon unsere angeregte Unterhaltung erschöpft. Er studiert weiter, ich aber kann mich nicht sattsehen an der erhabenen Weite des Schneefeldes im hohen Vogelsberg.
Hier kann man im Schnee noch Neuland entdecken, hier kann man zu feinem eigenen Ich wiederfinden. Denn an vielen Stellen hat noch keines Menschen Fuß heute schon den Schnee gespurt; nur unsere eigenen Tritte leuchten blau aus der weißen Weite. Auf dem besten Wege in die tiefste Einsamkeit sind wir hier, und hoffend, erwartend schreiten wir in sie. Der dickwollioe Schnee saugt alles Laute auf, die Unendlichkeit der Fernen strahlt Ruhe und Innerlichkeit in unsere Seele.
Wer Größe der Landschaft und Urkraft des Berg- winters erleben will für Arbeit und Leben, der komme in das winterliche Märchenreich des Vogelsberges! ,K.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis nach 23 Uhr, „Aida". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Dir gehört mein Herz". — Lichtspielhaus (Bahnhofstr.): „... heute abend — Hotel Ritz". — Oberhessischer Kunstverein, 17 bis 18 Uhr, Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Der große Erfolg „Aida".
Heute abend im Stadttheater Wiederholung des großen Opernerfolges „Aida" bon G. Verdi. Musikalische Leitung: Paul Walter, Spielleitung: Gert Buchheim, Chöre: Heinz Markwardt, Tanzleitung: Thea Maaß, Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung findet gleichzeitig als 15. Vorstellung der Dienstag-Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende nach 23 Uhr.
Harald kreuhberg tanzt im Sladttheater Gießen.
Die Intendanz des Stadttheaters Gießen hat den bekannten Tänzer Harald Kreutzberg für ein ein-» mäßiges Gastspiel am Donnerstag, 12. Januar, verpflichtet. Kreutzberg, der sich augenblicklich auf einer einmaligen Gastspielreise durch Deutschland befindet, bringt ein vollkommen neues Programm. Am Flügel: Friedrich Wilckens. Das Gastspiel findet außer Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.
„Die fliegende Liefe!" spricht in Gießen.
Am kommenden Donnerstagabend wird die Kunstfliegerin und Europameisterin Liesel Bach auf Einladung des Goethe-Bundes und des Kaufmännischen Vereins Gießen einen Lichtbilder- und Schmalfilmvortrag „Zehn Jahre Kunstflug" halten. Sie wird einen spannenden Bericht über viele schwierige und lustige Erlebnisse ihrer Fliegerlaufbahn geben.
DOM.-!lntergau 116 Gießen.
VDIN.-Derk-Gruppe 1/116.
Der Dienst im neuen Jahr fängt am Dienstag, 10.1., wieder an. Alle Mädel treten um 20 Uhr am Lyzeum mit Turnzeug an.
RSG. 3n einem Erlaß vom 3. Januar 1939 hat der Reichsstatthalter in Hessen, Gauleiter Sprenger, bestimmt, daß mit Wirkung vom 1. April 19 3 9 die Gemeinden Wieseck und klein- L in den sowie die selbständige Gemarkung Schif- fenberg in die Stadt Gießen eingegliedert werden. (Im „Gießener Anzeiger" Nr. 306 vom 31. Dezember 1938 und Nr. 1 vom 2. Januar 1939 hatten wir über die bevorstehende Eingliederung bereits berichtet. D. Schriftltg.)
Die Gemeinde Wieseck und die Stadt Gießen grenzen mit ihren bebauten Ortsteilen bereits an mehreren Stellen fast aneinander. Wieseck ist als Vorort der Stadt Gießen in wirtschaftlicher und verkehrsmäßiger Beziehung bereits stark mit der Stadt verbunden. Ein großer Teil der Einwohner Wiesecks arbeitet in Gießen. Wieseck wird mit Elektrizität und Gas aus den Werken der Stadt Gießen versorgt. Für die Wasserversorgung besitzt Wieseck zwar ein eigenes Werk, das jedoch zur Versorgung nicht ntehr ausreicht, so daß der zusätzliche Bedarf aus Gießen bezogen wird. Im Verkehrswesen ist Wieseck, da es keine Reichsbahnverbindung besitzt, ebenfalls von Gießen abhängig, indem es auf die Städtische Straßenbahn angewiesen ist.
Auch die Gemeinde Klein-Linden reicht mit ihrem bebauten Ortsteil unmittelbar an Gießen heran. Sie ist wirtschaftlich und verkehrsmäßig bereits stark
Der jetzt fertig gestellte Jahresabschluß der Bezirkssparkasse Gießen zeigt wiederum eine erfreuliche Aufwärtsentwicklung. Diese Entwicklung drückt sich sowohl bestands- als auch umsatzmäßig ans. Die Bilanzsumme hat eine Erhöhung um 2,2 Mill. RM. auf 30 274115,10 RM. erfahren. Diese Erhöhung wurde maßgeblich veranlaßt durch einen Spar- einlagenzuwachs von 22554 69,5 2 R M., der sich aus einem Einzahlungsüberschuß von 1506 365,69 RM. und einer Zinsgutschrift von 749103,83 RM. zusammensetzt. Somit haben sich seit Ende 1933 die Spareinlagen der Bezirkssparkasse Gießen um zirka 9 Millionen R M. erhöht, ein Ergebnis, das dem Sparwillen der heimischen Bevölkerung das beste Zeugnis ausstellt. ■ Um ein weniges verringert hat sich der ausgewiesene Bestand an Giroeinlagen gegenüber dem Vorjahre. Im Gegensatz hierzu sind jedoch die Umsätze im Giroverkehr um 15 v. H. auf 73 Mill. RM. gestiegen.
Eine besondere Befruchtung dürfte das Geschäftsleben unseres Bezirkes durch die verstärkte Kredit- und Darlehensgewährung erfahren haben. So wurden allein im Berichtsjahr über 1,8 Mill. RM.
Wir haben wohl schon alle einmal als Kinder eine Frellde daran gehabt, wenn ein Betrunkener mehr oder weniger hilflos durch die Straßen stolperte. Es sieht auch meist zu komisch aus, wenn er plötzlich schräg über die Straße segelt, kuriose Kurven beschreibt, um dann im letzten Augenblick vor dem Hinfallen gerade noch den stützenden Laternenpfahl zu erreichen.
Wie gesagt, Kinder haben ihren Spaß daran, aber auch Erwachsene schmunzeln. Manchmal allerdings entrüsten sie sich auch und entfernen sich mit ärgerlich gerunzelter Stirn. Der Mann, um den sich alles
an Gießen gebunden und als Vorort der Stadt anzusprechen. Der überwiegende ^Teil der Bevölkerung findet seine Arbeit in der Stadt Gießen, von der Klein-Linden auch mit Elektrizität und Wasser versorgt wird. Eine Gasversorgung besteht hier noch nicht; sie kann nach dem Anschluß an die Stadt eingerichtet werden. Auch Klein-Linden hat keinen eigenen Bahnhof. Die Einwohner benutzen den unmittelbar bei ihrem Ort gelegenen Gießener Bahnhof. Für den Ortsverkehr besteht eine Autobusverbindung mit Gießen.
Die selbständige Gemarkung Schiffenberg besteht aus einem großen fiskalischen Wald mit der ehemaligen Deutschorüensburg Schiffenberg, zu der ein Forsthaus und eine Wirtschaft gehören. Die Burg und der umliegende Wald sind ein beliebtes Ausflugsziel der Stadtbevölkerung. Nachdem große Teile der Umgebung Gießens anderweitig in Anspruch genommen und damit dem Ausflugsverkehr entzogen sind, besteht seitens der Stadt naturgemäß großes Interesse, den Schiffenberg als Ausflugspunkt auszugestalten. Insbesondere beabsichtigt die Stadtverwaltung, die Straßen nach der Burg auszubauen, elektrisches Licht zuzuleiten, den Wirtschaftsbetrieb auszugestalten usw.
Die nunmehr oorgenommene Eingemeindung von Wieseck, Klein-Linden und dem Schiffenberg ist aus Gründen des öffentlichen Wohles erfolgt. Sie trägt dazu bei, der Stadt Gießen neues Bau- und Siedlungsgelände zu erschließen und das Verkehrsnetz auszubauen.
als Hypothekendarlehen ausgeliehen, die zum großen Teil zu Neubauzwecken verwandt wurden. Hierdurch wurde der BestäNd an im Geschäftsbezirk gewährten Hypotheken auf über 11 Mill. RM. erhöht.
An eigenen Wertpapieren wird ein Betrog von 7,4 Mill. RM. ausgewiesen.
Einen erfreulichen Rückgang haben die Zinsrückstände gegenüber dem Vorjahr in einem Gesamtbeträge von zirka 25 000,— RM. erfahren, so daß am 31.12. 38 die eigentlichen Zinsrückstände lediglich noch 41 000,— RM. betrugen.
Die Zahlungsbereitschaft der Bezirkssparkasse entspricht unverändert den gesetzlichen Bestimmungen. Ihre Zinspolitik kann nach wie vor die allgemeine Anerkennung der gesamten Kundschaft erfahren.
Nach Vornahme von Abschreibungen auf Grundbesitz und Geschäftseinrichtung wird ein Reingewinn, der sich gegenüber dem Vorjahre geringfügig erhöht hat, in Höhe von 68266,74 RM. ausgewiesen.
Die in Kürze zur Veröffentlichung gelangende Bilanz, Gewinn- und Verlust-Rechnung werden über weitere Einzelheiten näheren Aufschluß geben.
dreht — sowohl bildlich gesprochen als auch wörtlich genommen —, merkt von alledem nichts. Der ist „selig", sein Rausch beschwingt ihn, ihm ist die Welt in eitel Sonnenschein getaucht. Das dicke Ende kommt nachher.
*
Ein betrunkener Mann auf der Straße, für manche eine Quelle der Belustigung, für andere ein Grund zum Aerger, bedeutet für uns eine Bedrohung unseres Lebens und unserer Gesundheit. Nicht, daß nun jeder Betrunkene plötzlich könnte auf der Straße anfangen zu wüten, die Gefahr liegt'einfach
Sparemlagenzuwachs von 2,2 Mionen M.
Günstiger Jahresabschluß der Bezirkssparkasse Gießen im Geschäftsjahr 1938.
Vorsicht, schützt Gesundheit und Leben?
Betrunken auf der Straße.
Kämpft gegen die Verkehrsunfälle durch Beachtung der Eorgfaltspflicht.
in der Unzurechnungsfähigkeit des vom Alkohol Be? nebelten. Im Straßenverkehr unserer Zeit muß schon der nüchterne Mann achtgeben. Wie soll sich da erst der Betrunkene gefahrlos bewegen, der in seinem Rausch Nicht rechts und links unterscheidet, sich nur unbändig stark fühlt und in sich die Kraft spürt, die ganze Welt aus den Angeln zu heben. Der soll sich in diesem Zustand an Verkehrsregeln halten? Der soll die Straße rechtwinklig überschreiten? Der soll auf entgegenkommende Fahrzeuge achten? Er wird weder das eine, noch das andere tun, weil er dazu gar nicht in der Lage ist. Wenn er'Glück hat, kommt er noch gerade so heil nach Hause. Wenn nicht, schläft er seinen Rausch, im Krankenhaus aus.
Der betrunkene Fußgänger gefährdet in erster Linie fein eigenes Leben, wenn auch durch einen durch ihn herbeigeführten Unfall andere Volksgenossen in Mitleidenschaft gezogen werden können. Wieviel gefährlicher aber ist es, wenn ein angetrunkener Autofahrer hinter dem Steuerrad Platz nimmt. Im Hochgefühl der vom Alkohol vorgetäuschten Kraft wird er sich schneidig vorkommen und entsprechend fahren, das künstlich aufgepeitschte Lebensgefühl wird ihn so sicher machen, daß er jede Vorsicht außer acht läßt. Um das Ende einer solchen Fahrt kennenzulernen, brauchen wir nur irgendeine Zeitung auf- zuschlagen. Fast in jeder Nummer wird über einen Unfall berichtet, den ein betrunkener Autofahrer herbeiführte.
Also soll man den Alkohol verbieten? Dieser Gefahrenherd im Straßenverkehr, der um so gefährlicher ist, als ein Betrunkener sich in völlig unberechenbaren Bahnen bewegt, kann auf andere Weise bekämpft werden. Einmal durch rücksichtslose Festnahme aller betrunkenen oder angetrunkenen Fußgänger, Fuhrwerkslenker und Autofahrer und ihre unnachsichtliche Bestrafung. Leider stellt sich oft erst nach einem Unfall heraus, daß einer der Beteiligten unter Alkohol steht. Hier hilft nur härteste Strafe ohne jede Rücksichtnahme. Die deutsche Polizei hat entsvrechende Maßnahmen getroffen und greift durch.
Wieviel besser aber wäre es, wenn die Polizei überhaupt nicht einzugreifen brauchte. Auch das läßt sich erreichen, wenn jeder soviel Kameradschaftsbewußtsein hat, wenn er mal über den Durst getrunken hat, weiß, was er zu tun hat. Er wird sich bann niemals angetrunken an das Steuer fetzen und sich und andere Verkehrsteilnehmer gefährden.
Es ist übrigens ein weitverbreiteter Irrtum, zu alauben, daß die Wirkung zu reichlich genossenen Alkohols durch Kaffee aufgehoben werden kann. Im Gegenteil fördert der Kaffeegenuß nach dem Alkohol die vorzeitige Ermüdung und Erschlaffung.
*
Kein Betrunkener darf die Straße entlangtorkeln, kein Angetrunkener ein Auto steuern. Das kann und muß in unser aller Interesse verlangt werden. Wer kameradschaftlich denken kann, wird immer entsprechend handeln. Wer das nicht kann, wird mit den Sicherheitsorganen des Staates in für ihn außerordentlich unangenehmer Weise Bekanntschaft machen fg. (RAS.)
Verleihung
des Treudienst-Ehrenzeichens.
Vom Führer und Reichskanzler wurde dem vielen Gießenern gut bekannten Telegraphen-Bauführer Heinrich Wagenbach das goldene Treudienst- Chrenzeichen verliehen. Das Ehrenzeichen wurde ihm gestern nachmittag bei einem Betriebsappell der Gefolgschastsmitglieder des Telegraphenbaubezirks Gießen von dem Betriebsführer des Telegraphenbauamts Darmstadt, Postrat Dipl.-Jng. Pirat, feierlich überreicht. Dabei würdigte dieser die Verdienste, die sich der Ausgezeichnete auf dem Gebiete des Telegraphenbaues und Sprechstellendienstes besonders in der Stadt Gießen seit über 40 Jahren erworben hat.
Der Führer und Reichskanzler bat den nachgenannten Beamten der Justizbehörden des Oberlandesgerichtsbezirks Darmstadt als Anerkennung für langjährige treue Dienste das Treuedienst-Ehrenzeichen verliehen. Das Ehrenzeichen wurde im Auftrage des Oberlandesgerichtspräsidenten und des Generalstaatsanwalts den ausgezeichneten Beamten
wmmwtfli?
Roman von Hubert Rausse.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
27. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
So kam die Aufführung heran. Das Haus war feit Tagen ausoerfauft. Die Meinung, daß Brasky in feinem Spielplan eine besondere glückliche Hand habe, verbreitete sich nicht nur unter feinen neiderfüllten Kollegen, sondern fand auch ihren Weg in die Presse.
Elisabeth hatte sich in den letzten Proben mit einer inneren Erregung ausgegeben, die die reine Kontur ihrer bisherigen schauspielerischen Leistung zu verwischen drohte. Für ihre Rolle waren Ruhe und Reife und Klarheit die letzte Forderung. Aber wie sollte eine eifersüchtige Elisabeth ruhig und klar sein?
„Bitte nicht nervös werden", sagte Harten und zog sie beiseite. „Diese Frau kennt keine Schärfe!"
„Oh, gegen das Unrecht schon!"
„Nein —, daß sie schwankt in ihrer Liebe, das ist nur ein leichter Hauch, der den reinen Kristall ihres Wesens trübt. Es ist eine Trübung aus Betrübnis. Aber die Hauptsache bleibt immer der Kristall!"
„Aber wenn sie erfährt, daß sie den Mann bisher falsch beurteilt hat, daß er sie betrügt und hintergeht ..."
„Betrügt? Davon ist doch gar keine Rede. Eifersucht ist zwar sehr weiblich, und sie wäre bei der Art, wie die Cheveley von der Fall verkörpert wird, auch sehr verständlich, aber sie stände weder der Lady Childern noch der Elisabeth Hellfahr zu Gesicht. Also bitte!"
Wie recht er hat! Sie trägt ihr Persönliches, ihr eigenes Erleben in» die Gestaltung ihrer Rolle hinein. Sie muß ruhig werden. Sie läuft am Vormittag des Aufführungstages tief hinein in den Tiergarten, über dessen Schneedecke ein blauer Dezemberhimmel sich wölbt. Meisen fliegen mit ihr von Zweig zu Zweig und stäuben den Schnee wie weißen Puder von den Aesten. Ein paar Reiter kreuzen ihren Weg. Dampf wölkt vor den Mäulern der Pferde.
Elisabeth hat viel Wind verloren aus ihren vollen Segeln, mit denen sie nach Berlin gesteuert ist. Ihr stolzer Eroberermut ist durch nächtliche Tränen geschwächt! Der Teufel der Eifersucht hat sie in seinen Krallen. Und Elisabeth kann und will es sich
nicht eingestehen, daß es die Liebe ist, die die Eifersucht gebiert.
Als sie am Rande des Tiergartens einen Augenblick stehen bleibt und ihr Tüchlein an die Augen führt, um die bangen Tränen zu trocknen, sprengt eine Reiterin nah an ihr vorüber, wirft am Ende des Reitweges das Pferd auf der Hinterhand herum und galoppiert den gleichen Weg an ihr vorüber zurück. Unter dem Dreispitz ein braunes Gesicht, dunkle, blitzende Augen über der kleinen feingebogenen Nase, die Argesilla!
Elisabeth ballt die Faust.
Das hat ihr gerade noch gefohlt — die Argesilla!
Die Premiere war ein glanzvolles Ereignis. Durch das Loch am Vorhang sah man ein Meer von weißen Hemdbrüsten und nackten Frauenschultern. Das geistige Berlin war im Haus.
Elisabeth spielte wie in einer seelischen Erstarrung. Ihre Sicherheit brachte die nichtigen Worte, die Gesten, das Mienenspiel; aber es fehlte der Glanz, der von innen her das Aeußere erleuchtet. Man sah eine schöne Frau, aber man ahnte in ihr ein steinernes Herz.
Die sie kannten, empfanden diesen Wandel. Sie hielten für eine Sache der Regie, was in Wahrheit eine Sache des Herzens war.
Aber Elisabeth litt an sich selbst. Was ist denn mit mir, dachte sie. Da drinnen ist alles leer und flach und der Klang meiner Lippen findet keinen Widerhall in meiner Brust. Und dabei sah sie mit wachsendem Erstaunen, wie Jte neben ihr einen Menschen hinstellte, glühend vor Leben, strahlend vor Sinnenfreude und Kraft. Diese Miß Cheveley konnte die Männer mit Recht zu ihren Füßen sehen! So waren sie, die schwarzen, die Zigeunerinnen der Liebe, die Argesilsas und wie sie immer hießen'
Der Sturm des Beifalls, der das Ende der V*v.f= führung umbrandete, ließ alle Zweifel und Bedenken wieder zurücktreten. Erft als Jte und Elisabeth in ihrer Garderobe waren und nun müde wieder den Schlag des Herzens suchten, um in den eigenen Menschen zurückzufinden, nun das Leben der Bühne versank und weggetan wurde mit den Kleidern der Rollen, und unter der Schminke wieder die eigene Haut zum Vorschein tarn, nun sagte Elisabeth:
"Wie glänzend du warst! Wie ganz neu, und besser als in allen Proben. Wie du gewachsen bist seit München!"
„Elisabeth!" Es war ein fast kindlicher Jubel in Jtes Stimme.
„Du", sagte sie und legte ihren Arm in schwesterlicher Dankbarkeit um Elisabeths Schultern. „Daß du das sagst! Aus deinem Mund ist es mir wie eine Bestätigung und eine Gewißheit!"
2hr heißes junges Herz brannte der reiferen
Freundin in Dankbarkeit entgegen. Sie sah mit ibi;en warmen dunklen Augen in die blauen Elisabeths.
„Ich bin so selig, und ich. weiß, ich war gut! Weißt du warum?"
„Warum?" fragte Elisabeth lächelnd,
„Weil er da mar!"
„Er? Wer?"
„Nun, du kennst ihn doch, der Herzog!"
„Wer?"
„Der Herzog. In der Orchesterloge rechts! Mit der Herzogin!"
Für einen Augenblick lief es wie ein drohender Schwindelanfall über Elisabeth hin. Ihr Blick wurde hart, und ihre Miene erstarrte. Aber sie faßte sich wieder.
„Der?" sagte sie. „Das ist dein neuer Freund?"
Jte nickte.
„Und die Herzogin?" fragte Elisabeth.
Jte zuckte die Achseln und wandte sich wieder dem Spiegel zu.
„So seid ihr alle, ihr Blonden. Wo wir den Mut haben, habt ihr ein Gewissen. Ick nehme ihr nichts, deiner Herzogin. Aber ich orauche den Herzog, und er liebt mich. Was kann ich dafür? Er hat sich in meine Kunstreiterin vergafft, und als Miß Cheveley kann ich gerade das geben und zeigen, was ihn reizt und begeistert. Er kann mir hier in Berlin die Stellung verschaffen, die ich brauche, um den Sprung ins Burgtheater machen zu können!"
„Ausgerechnet der Herzog? Und ausgerechnet ins Burgtheater?"
„Die Sehnsucht nach dem Burgtheater haben wir Ottakringer und wir Falls im Blut"
Die alte Anna brachte einen Korb voller prächtiger Rosen. Die hatte der Herzog geschickt. Jte suchte den Brief heraus und aab dann die Rosen bis auf eine zurück: „Zuviel Blumen riechen nach Begräbnis. Behalte du sie!"
„Und die Herzogin?" fragte Elisabeth zum zweitenmal.
Jte zuckte die schmalen Achseln und warf unmutig die Locken zurück. Eine Falte stand tief und hart in ihrer Stirn.
„Triffst du sie mal?"
„Sicher?"
„So sag ihr, wer ich bin", sagte Jte. „Die Fall aus Ottakring. Ich bin nicht schlecht, aber ich habe ein Ziel, und das muß ich erreichen!"
Elisabeth fehlte an diesem Abend in der fröhlichen Gesellschaft. Jago, dem sie in ihrer herben Verschlossenheit besonders gut gefallen hatte, erwartete sie vergeblich.
*
Das Urteil der Presse über die Ausführung war sehr verschieden. Jte Fall schnitt zwar überall gleich gut ab, aber die Lady der Elisabeth fand eine widersprechende Kritik. Balbo in seinem „Porträt einer Schauspielerin" schrieb die Worte, die Elisabeth am tiefsten trafen: „Eine gute Schauspielerin, mehr — eine reife Frau. Sie würde den hellen Ernst und die schwebende Ueberlegenheit sicher finden, roenn sie das große Können ihrer Routine rein aus ihrem Herzen speisen würde. Aber da steht wohl die Fran der Künstlerin im Wege."
Elisabeth las die Zeilen allein in ihrem Zimmer. Ihr war, als sei ihr ein Schleier von ihrem Inneren gerissen. Was wußte dieser Mann von ihr, dieser Mann, der den Jago einen Freund der Argesilla genannt hatte?
Oh, wenn sie fliehen könnte! Fort wie damals in München! Aber das Elternhaus und die stille Mädchenstube waren nicht mehr der Ort des Friedens wie einst in ihren Kindertagen, und der Blick vom See ging auch zu jener Terrasse hinüber, deren Lorbeerbäume ihre Tränen gesehen hatten. Sie wußte keinen Platz, wo sie Ruhe hätte finden können.
Und die Heimat bedurfte ja ihrer. Der Heimat wegen stand sie auf der Bühne. Schon zweimal hatte sie den in Devisen ausbezahlten Teil ihrer Gage dem Bruder überwiesen und beide Male glückliche Dankbriefe bekommen. Auch sie hatte ihr Ziel, auch sie mußte über Herzen gehen — zunächst und zu allererst über ihr eigenes.
Sie meinte, mie sie immer rnieder meinte in diesen Tagen und Wochen.
Fünfzehntes Kapitel.
Obrnohl Jago von seinen Geschäften stark in Anspruch genommen mar, hatte er immer rnieder versucht, mit Elisabeth zu einer Aussprache zu kommen. Einmal hatte sie sich verleugnen lassen, an ein paar Abenden nach den Vorstellungen sah er sie zwar, aber in so großer Gesellschaft, daß eine engere Fühlung sich nicht ermöglichen ließ. Doch — er hatte den langen und geduldigen Atem der wahren Liebe, die sich Zeit lassen kann, indes die kurzlebige Verliebtheit mit jeder Stunde zu geizen gezwungen ist.
Heute aber mußte es ihm gelingen. Der Tag seiner Abreise rückte näher, er hatte noch in Remscheid zu tun, er wollte sich in Paris mit seinem Bruder Manuel treffen, um mit ihm gemeinsam nach Madrid weiter zu fahren; er rechnete mit einem Fortbleiben von mehreren Wochen, wenn nicht von einem Monat, er wollte mit dem Wissen nm fein Glück ins Elternhaus fahren und zum Weihnachtsfest nach Madrid. (Fortsetzung folgt.)


