Nr. 57 Erstes Blatt
189. Jahrgang
Mittwoch, 8. März 1939
Erfcheml täglich., außer Sonntags und Feiertags BeUagen: Die Illustrierte (Siebener Familienblatter Heimat im Bild Die Scholle
Monatt-Vezugspreir:
Mit 4 BeUagen RM.1.95 Ohne Illustrierte . 1.80 Zustellgebühr „ -25 Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt
Zernsprechanschlüste unter Sammelnummer 2251 Anschrift für Drahtnach« richten: Anzeiger Siehe« postschecttonto:
Krantfurt am Main 11686
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: Srühlsche UnlverfitStrdruckerei «.Lange In Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Lchulstraße ?
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis8'/,Uhr des Vormittags
Grundpreise für l mm höhe für Anzeigen von 22 mm Breite 7 Rpf., für Text- anzeigen von70mm Breite 50 Rpf.,Platzvorschrift nach vorh. Dereinbg 25% mehr.
Ermäßigte Grundpreise:
Stellen-, Vereins-, gemeinnützige Anzeigen sowie einspaltige Gelegenheitsanzei- gen 5 Rpf.,Famllienanzei- gen, Bäder-, Unterrichts-u. behördliche Anzeigen 6Rpf. Mengenabschlüsse Staffel B
Brasilianische Realpolitik in Washington.
Von unserem H. B.-Korrespondenien
Oie Parlamentswahlen in Belgien.
Rio de Janeiro, Mörz 1939.
Nordamerikanische Zeitungen haben dem brasilianischen Außenminister A r a n h a etwas verärgert bescheinigt, er fasse die Aufgabe seiner Besprechungen „ ä u ß e r st praktisch" auf. Aranha betonte nämlich sofort nach seiner Ankunft, daß er hauptsächlich beabsichtige, die für Brasilien ungünstige Entwicklung feiner Handelsbeziehungen zu Nordamerika zu verbessern. Er lehnte damit von vornherein die nordamerikanischen Versuche ab, seinen Besuch dazu auszunützen, um der Welt die Bildung einer politischen Achse Rio—Washington demonstrativ anzukündigen. Obwohl so das Thema seiner Besprechungen auf die Frage einer Verbesserung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Nordamerika und Brasilien beschränkt wurde, stellten sich auch hier einer Verständigung große Hindernisse entgegen. Brasiliens handelspolitische Interessen zielen heute in erster Linie darauf hin, für seinen Wirtschaftsaufbau, für die Erschließung seiner Naturreichtümer und Verkehrswege die erforderliche ausländische Mitarbeit zu möglichst günstigen Bedingungen zu erhalten und außerdem eine wesentliche Steigerung seiner Ausfuhr zu erzielen.
Was Nordamerika in den Besprechungen von Washington Brasilien zunächst anbot, war die Bereitschaft, endlich — wie dies andere mit Brasilien Handel treibende Länder schon längst tun — für seine Ausfuhr nach Brasilien langfristige Finan zierungs Möglichkeiten bereitzustellen. Diese Bereitschaft stellt für Brasilien die Vorbedingung dar, um überhaupt in Zukunft noch in erheblichem Umfang als Kunde Nordamerikas auftreten zu können. In völligem Mißverstehen dieser Sachlage glaubte Nordamerika jedoch offensichtlich, für die „Gewährung" eines langfristigen Kredits zur Förderung seiner Ausfuhr nach Brasilien erhebliche Gegenleistungen fordern zu müssen. Es verlangte anscheinend, daß Brasilien sämtliche für die Durchführung seines Fünfjahresplanes erforderlichen Bestellungen ausschließlich an Nordamerika vergibt, wobei der nordamerikanischen Gesetzgebung entprechend die wichtigen Rüstungsbest e l l u n g c n sämtlich gegen sofortige Bezahlung in Devisen zu vergeben wären.
Nicht genug, damit sollte Brasilien sich außerdem durch eine gesonderte Wiederaufnahme des Dienstes auf die in nordamerikanischem Besitz befindlichen Titel seiner Auslandsschuld sozusagen erst einmal kreditfähig erweisen. Für eine Steigerung der brasilianischen Ausfuhr nach den Vereinigten Staaten wurden gleichfalls erhebliche Gegenleistungen gefordert. Vom nordamerikanischen Landwirt- schaftsministerium wurde betont, daß Nordamerika wohl mehr Kaffee von Brasilien beziehen könne. Dazu müsse aber Brasilien „in seinem eigenen Interesse" erst einmal wieder mehr Kaffee anbauen und seine seit einigen Jahren so gesteigerten Baumwollpflanzungen einschranken.
Ein Eingehen auf diese nordamerikanischen Vorschläge hätte Brasilien unter die völlige wirtschaftliche Vormundschaft der Vereinigten Staaten gebracht. Es hätte auf den Ausbau seiner Handelsbeziehungen zu Europa verzichten müssen, da Nordamerika ja sowohl die nichtmilitärischen Lieferungen für Brasiliens Fünfjahresplan wie die Rüstungsbestellungen für sich reserviert haben wollte. Brasilien hätte weiter auf den Ausbau jeder von Nordamerika als Konkurrenz empfundenen Erzeugung verzichten müssen. Der Uebergang zur Polykultur in Brasiliens Landwirtschaft, der die Ausfuhr Brasiliens während der jetzigen Rohstoffkrise vor einem Zusammenbruch bewahrt hat, sollte wieder der Monokultur des Kaffees Platz machen. Brasilien wäre erneut von den erheblichen Konjunkturschwankungen des Kaffeemarktes ausschließlich abhängig geworden, im besonderen sogar abhängig von den Schwankungen des noramerikanischen Kaffeemarktes.
Der brasilianische Außenminister hat diesen nordamerikanischen Ansprüchen eine Reihe von Tatsachen entgeqengestellt. Er hat einmal darauf verwiesen, daß die brasilianische Zahlungsbilanz mit den Vereinigten Staaten seit 1 9 2 9 p ass i v ist, da Brasilien den angeblich vorhandenen Aktivsaldo aus seiner Handelsbilanz mit Nordamerika durch seine Zins- und Dividendenzahlungen nach Nordamerika aufgebraucht hat. Aranha betonte weiter, daß dieser von Nordamerika so betonte Ausfuhrüberschuß Brasiliens im USA. - (Majan gleichzeitig immer kleiner wurde, da Nordamerika immer weniger von Brasilien kaufte, Brasilien aber immer mehr von Nordamerika. Diese Entwicklung ist seit Abschluß des reziproken Handelsvertrags zwischen beiden Ländern besonders ausgeprägt. Drittens konnte er aber auch Nachweisen, daß der Ausfuhrüberschuß an sich stets recht prob(e= matisch war, weil Brasilien nordamenkanische Waren nicht nur aus Nordamerika f e 1 b ft em- fühxt, sondern in großem Umfange aus Kanada, noch stärker aber über die niederländischen Antillen, von denen aus fast das ganze nach Brasilien gehende Petroleum der nordamenkamschen Trusts verschifft wird. Nordamerika kann sich also nicht darauf stützen, daß es Brasilien einen großen Ausfuhrüberschuß in Devisen verschafft, da dieser Ueber- fchuß allein schon im Handelsverkehr durch and^- weitige Einfuhrzahlungen an nordamerikanische Unternehmen aufgebraucht wird. Darüber hinaus wird Brasilien noch durch die nach Nordamerika fließenden Zahlungen für in Brasilien angelegtes nordamerikanisches Kapital belastet.
also nicht gewillt, für nordamerikanische Kredite den Preis üppiger Gegenleistungen zu zahlen, es hat
vielmehr von Nordamerika erweiterte Ausfuhrmöglichkeiten für seine eigene Erzeugung zu fordern.
Als die Besprechungen in Washington auf diesem Punkt angelangt waren, kündete Aranha seine Abreise an. Zur allgemeinen Ueberraschung wurde gleichzeitig bekanntgegeben, daß Präsident Roosevelt, der Aranha, den von ihm persönlich eingeladenen Gast der nordamerikanischen Regierung, bis dahin wegen Erkrankung nicht empfangen hatte, noch Mitte der Woche zu den nordamerikanischen Manö- vern vor der südamerikanischen Atlantikküste ab- reisen werde. In letzter Stunde hat Roosevelt nun doch noch Aranha empfangen. Aranha teilte mit, daß Roosevelt ihn gebeten habe, bis zu seiner Rückkehr von den Manövern in zwei Wochen die Besprechungen weiterzuführen. Gleichzeitig teilte er aber auch mit, daß für den Ausbau der brasilianisch-nordamerikanischen Handelsbeziehungen „Kredite im üblichen Sinn" wohl nicht mehr in Frage kämen. Es ist jetzt ein neuer Vorschlag aufgetaucht, der sich bemüht, den brasilianischen Wünschen nach Förderung der Ausfuhr Brasiliens entgegenzukommen. Die Ausbeutung der brasilianischen Naturreichtümer, die nicht mit nordamerikanischen Erzeugnissen konkurrieren, soll von nordamerikanischer Seite finanziert werden. Man denkt dabei an Manganerzförderung, an die Erzeugung von Spezialstahl, an den Anbau von Chinin, an verstärkte Gummigewinnung. Es ist sehr interessant, daß die beiden für Brasilien wichtigsten Zweige der Ausbeutung seines Naturreichtums, Eisenerz und Petroleum, nicht genannt sind, da ihre Ausdeutung eine Konkurrenz zur gleichartigen Erzeugung der Vereinigten Staaten bilden wurde.
Noch interessanter ist aber, daß die nordamerikanische Finanzhilfe in einer Form gedacht ist, die für das brasilianische Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit eine ernste Gefahr darstellt. Sie soll nämlich nicht durch Warenlieferung oder Kreditbereitstellung erfolgen, sondern durch die Gründung eines gemischten brasilianisch - nordamerikanischen Unternehmens mit rein nordamerikanischem Kapitaleinfluß. Dieses Unternehmen soll mit nordamerikanischen Technikern und Sachverständigen die Ausbeutung der fraglichen Erzeugungszweige in Angriff nehmen. Es soll also mit anderen Worten eine U eberfremd ung wichtiger brasilianischer Wirtschaftszweige erfolgen.
In der brasilianischen Presse wurde bereits darauf hingewiesen, daß das geplante Unternehmen m i t der brasilianischen Gesetzgebung in Konflikt geraten würde. Die nationalistische Wirtschaftsgesetzgebung, die in Brasilien wie in den meisten andern südamerikanischen Ländern während der letzten Jahre eingeführt wurde, sucht nämlich jeden ausländischen Einfluß in den volkswirtschaftlichen Schlüsselindustrien zu unterbinden. Brasilien hat deshalb sowohl einen Minenkodex wie einen Wasserkraftkodex erlassen, die eine Erschließung von Bodenschätzen ebenso wie die Ausnützung von Wasserkraft nur rein brasilianischen Unternehmen gestatten. Um auch verstärkten Aus- landseinsluß unmöglich zu machen, dari das Kapital dieser Unternehmen nur aus Namensaktien bestehen, die sämtlich im Besitz geborener Brasilianer sein müssen. Nicht einmal die brasilianische Frau eines Ausländers ober eines naturalisierten Brasilianers darf solche Aktien besitzen. Diese Entwicklung zu einem straffen wirtschaftlichen Nationalismus hat in Südamerika bereits so tiefe Wurzeln geschlagen, daß Brasilien seine Gesetzgebung kaum ändern wird, um nordamerikanischen Üeberfremdungswünschen zu genügen. Wenn die Besprechungen Aranhas doch noch Erfolg haben sollen, werden daher noch andere Vorschläge auftauchen müssen. Die nordamerikanischen Hoffnungen, wenigstens statt des mißlungenen Versuchs der politischen Bevormundung Südamerikas die wirtschaftliche Bevormundung zu setzen, scheinen jedoch wenig aussichtsreich.
Seine Mizellen in Argentinien.
Argentinische Regierungskommission widerlegt antideutsche Hetze.
Buenos A i r e s . 7. März. (DNB.) Die Hetzkampagne, mit der das Geschwätz von einer^ Bedrohung Südamerikas durch die autoritären Staaten aufgefrischt werden sollte, ist kläglich zusammengebrochen. Mehrere Blätter hatten vor einer „Nazi-Infiltration in Patagonien" oder ähnlichen Ausdehnungsgelüsten des „Pangermanismus" gewarnt. Angesehene deutsche und argentinische Firmen, die für die Erschließung des Südens Pionierarbeit geleistet haben, wurden — mit gemeinsten Methoden einer unlauteren Konkurrenz — verdächtigt. Gesellige Zusammenkünfte Reichsdeutscher wurden zu Verschwörerzirkel um- gefälscht und auf großschraffierten Landkarten die Gebiete vorgeftihrt, deren Annektion in den Berliner Amtsstuben bereits fest beschlossen war. Die Regierung setzte eine Kommission von Abgeordneten ein, die mit eingehenden Nachforschungen an D r t und Stelle beauftragt wurde. Nach einer Reise von 2300 Kilometer kreuz und quer durch Patagonien stellte dieser Ausschuß jetzt fest, daß an allen Verdächtigungen kein wahres Wort sei und daß es vor allem keine faschistischen und nationalsozialistischen Zellen, die im Widerspruch zur Staatsverfassung ständen, im Lande gebe.
E. P. Brüssel, 8. August.
In Brüssel sind die Wahlvorbereitungen in vollem Gange. Die Parteioorstände tagen in Dauersitzungen. Nach nie ist eine Kammerwayl, die jetzt wegen des Osterfestes auf den 2. April festgesetzt wurde, innerhalb einer so kurzen Frist an- beraumt worden. Die Kandidatenlisten müssen im ganzen Lande schon bis zum nächsten Sonntag eingereicht sein. Dies hat zur Folge, daß die Versammlungen der Parteimitglieder, die „Pols", die die Kandidatenlisten aufstellen, nur eine sehr geringe Beteiligung aufweisen werden. Es ist technisch unmöglich, in dieser kurzen Zeit eine größere Anzahl der eingeschriebenen Parteimitglieder zusammenzubringen. Die „Libre Bel- giquez/ schreibt, die politischen Parteien seien über den ungewöhnlich kurzen Termin geradezu erschrocken.
König Leopold hat an den Minister Präsidenten Pierlot einen Brief gerichtet, in dem er von der völligen Unmöglichkeit spricht, eine dauerhafte Regierung zu bilden, und an gewissen politischen Zeiterscheinungen scharfe Kritik übt. Er habe in einer der letzten Ministerratssitzungen zu seinem Bedauern feststellen müssen, daß die verfassungsmäßigen Grundsätze immer h ä u- f i g e r verkannt worden seien. Er habe manchmal Entscheidungen billigen müssen, die o h n e i h n getroffen worden seien. Dazu werde er häufig mit einer moralischen Verantwortung belastet, die ihm nicht z u f a l l e. Zudem fei der König der einzige Bürger, dem die Mittel zur Verteidigung feiner* Ansichten und Handlungen versagt seien. Zum Schluß sagt der König: „Bei der be= chlossenen Befragung des Landes bitte ich alle meine Volksgenossen,' ihre Gedanken und Wünsche auf die Lösung des für die Zukunft des Landes wesentlichen Problems zu richten: inneres Gleichgewicht, einträchtige Zusammenarbeit in gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Loyalität im Dienste der nationalen Einheit, des Zusammenhalts gegenüber den internationalen Problemen, die eine sehr nahe Zukunft aufwerfen kann. ...Die Geschicke Belgiens sind in den Händen der Belgier selbst. Mögen Sie einen Blick über* i e Grenzen werfen. Sie werden sich dann von der Notwendigkeit überzeugen, daß dem Lande unverzüglich ein Parlament gegeben werden muß, das in einem großzügigen Geist der Gerechtigkeit und Billigkeit die nationale Einhei? verkörpert und auf das ich eine Regierung stützen kann, die fähig sein muß, ich Respekt zu verschaffen und das geistige Prestige Belgiens aufrechtzuerhalten. Das find, mein lieber Ministerpräsident, die Betrachtungen, die ich Ihnen mitteilen zu müssen glaubte, nachdem ich das Auf
lösungsdekret unterzeichnet habe. Wenn Sie glauben, daß Sie das Wohl des Landes fördern können, ermächtige ich Sie, sie zu veröffentlichen."
Der Brief wird von der ganzen belgischen Presse in großer Aufmachung wiedergegeben. Man hebt hervor, der König habe einen yohen Grad von Pflichtbewußtsein gezeigt und den Leitgedan- kenzurWahl gegeben. Dieser Wahlkampf müsse dem Ernst der Lage entsprechen-. Jeder Belgier müffe sich bewußt sein, daß die Einheit der Nation heute mehr denn je notwendig sei. Man unterstreicht, daß der König nicht die politischen Einrichtungen als solche, sondern nur die Art und Weise verurteilt ha.be, in der sie gehandhabt würden. So sehr auch die Parlamentsauflösung als eine Befreiung von der Ungewißheit begrüßt wird, so sehr bedauert man, daß sie überhaupt notwendig war. Nur die flämischen Nationalisten vermerken mit Genugtuung, daß dies die erste Kammerauflösung sei, die ihren Grund in dem Gegensatz zwischen Flamen und Wal- Ionen habe.
Die liberale „Independence Beige" fordert die gefchäftsführende Regierung auf, sofort den Foll Martens zu lösen, damit dieser nicht im Mittelpunkt der Neuwahlen stehe. Es wäre unverzeihlich, wenn der ganze Wahlkampf sich um diese eine Person drehen würde. Die wallonisch-katholische „Gazette" meint hingegen, daß die Wähler sich für oder gegen Martens aus'sprechen müßten. Es handele sich um die Meinung für oder gegen einen „Verräter". Der flämisch - katholische „Courant" meint, Martens werde auf feinen Forderungen bestehen bleiben. Flandern müsse unter allen Umständen Kulturautonomie erhalten. Aehnlich äußert sich' der demokratisch - flämische „Standaard", der darauf hinweist, daß die flämischen Parteien mit den Forderungen nach Kulturautonomie und Durchführung der Einsprachigkeit in Flandern vor die Wählerschaft treten würden. „Volk e n Staat" betont, daß zum ersten Male in der belgischen Geschichte ein Parlament auf Grund der Nationalitätenfrage aufgelöst worden sei. Die Wahlen müßten die Abrechnung mit der zentralistischen Staatsidee und die Selbstregierung in Flandern bringen. Die konservativ - katholische „Nation B e i g e " meint, daß die Wahlen keine Milderung des flämisch-wallonischen Gegensatzes, sondern im Gegenteil eine weitere Verschärfu ng bringen würden. Nur die ebenfalls konservativ-katholische „Libre Belgique" stellt ein politisches Ziel der Wahlen in den Vordergrund: dem Drei-Parteiensystem ein Ende zu bereiten, indem die antimarxistischen Parteien genügend verstärkt würden, um ohne öie Mitarbeit der Sozialdemokraten regieren zu können.
Maja behauptet sich gegen die Kommunisten.
Burgos, 8. Mörz. (Europapreß.) Nach Meldungen aus Madrid, die sich mit den Aussagen der zahllosen Ueberläufer decken, haben die spanischen Kommunisten die Abschüttelung durch den neuen Miaja-Ausschuß nicht so ruhig hingenommen, wie man zuerst glauben konnte. Eine Reihe kommunistischer Bataillone haben sich zusam- mengeschlossen und versuchten, in Madrid einzumar- schieren. Zwei bewaffnete kommunistische Abteilungen konnten sich verschanzen. Anhänger des Miajas versuchten, die kommunistischen Abteilungen aus ihren Schlupfwinkeln zu vertreiben. Die beiden kommunistischen Abteilungen haben sich in den Abendstunden ergeben müssen. Miaja hatte Geschütze gegen die Schlupfwinkel der Kommunisten in Stellung bringen müssen. Als die Kommunisten daraufhin die Waffen streckten, versuchten die Einwohner von Madrid, die verhaßten Söldner der spanischen Tscheka zu lynchen. Die Soldaten Miajas mußten einschreiten, um die Kommunisten vor diesem Los zu bewahren.
Miaja, Casado und Besteiro hielten Ansprachen an die Bevölkerung von Madrid, in denen sie auf die Notwendigkeit hinwiesen, den kommunistischen Umtrieben einen eisernen Widerstand entgegenzusetzen. 50 gefangene „Offiziere", die auf kommunistischer Seite gekämpft haben, wurden sofort e r - schossen. I m südlichen Stadtteil Madrids waren noch einige kommunistische Widerstandsnester. Es handelt sich um die sehr volkreichen und von jeher stark mit kommunistischen Elementen durchsetzten Stadtviertel, die sogenannten „Vier Wege". Die Kommunisten hatten sich in mehreren Gebäuden verschanzt. Die Junta-Milizen hatten an sie ein Ultimatum gerichtet, sich zu ergeben, andernfalls würden die Gebäude g e ft ü r m t werden. In den Abendstunden war in Madrid wieder Ruhe eingekehrt. Der „Verteidigungsrat" durfte damit Herr der Lage geblieben fein.
Miaja hat an die Bevölkerung des noch unter roter Herrschaft stehenden Teiles Spaniens einen Aufruf gerichtet, in dem er ein baldiges Ende d e s K r i e g e s ankündigt. Der neue Verteidigungs- Ausschuß sei gebildet worden, so heißt es in dem Aufruf, um „in gesetzlicher und ehrenhafter Weise" dem Kriege ein Ende zu bereiten. Das sei die einzige Aufgabe des Ausschusses. Der Aufruf fahrt dann wörtlich fort: „Wir wollen kein unnützes Blutvergießen. Mein einziger Wunsch ist es, daß der Friede in Spanien wieder einkehre, und daß die Vernunft wieder zu ihrem Recht komme. Ich kann euch versichern, daß der Krieg bald zu Ende sein wird. Es gibt Leute, die glauben, daß sie für eine Regierung kämpfen, die nicht mehr besteht, nämlich für die Regierung Negrin. Wißt ihr, wo sie sich befindet? In Frankreich!
Burgos fordert bedingungslose Unterwerfung.
Burgos, 7. März. (Europapreß.) Das natio- nalspanische Außenministerium weist darauf hin, daß es für die nationalspanische Armee nicht notwendig sei, irgendeine Uebereinfunft einzugehen, um Ma drid in die Gewalt zu bekommen. Wenn sie es in der gegenwärtigen Stunde wollte, würde ihr dies ebenso leicht fallen, wie etwa eine Ennahme von Valencia oder Cartagena. Die Regierung sei nicht bereit, auf irgendwelche Bedingungen ihrer Gegner ein zu gehen. Wenn diese eine Beendigung der Feindseligkeiten wollten, sei eins die unbedingte Voraussetzung: die vo list ändiae und bedingungslose Unterwerfung. Darin, daß gewisse sowjetspanische militärische Befehlshaber und Politiker heute Negrin beschimpften, fei in Wirklichkeit nur eine Falle zu erblicken, in die aber die nationalspanische Regierung nicht gehen werde. Die Vorbereitung der militärischen Operationen gehe ohne jede Rücksicht auf die Ereignisse in der sowjetsponischen Zone vor sich. Aus diesem Grunde seien sowohl die Erklärungen Miajas sowie die Ansprachen Besteiros und Casa- dos ungehört verhallt. Angesichts ihrer Hal- fung müsse man auch alle Vermittlungsbestrebungen in London und in Paris als zwecklos bezeichnen.
Der nationalspanische Sender Burgos stellt fest, daß die Angehörigen des neugegründeten Madrider roten „Verteidigungsrates" keineswegs besser als die übrigen roten Verbrecher sind. So sei D e « ft e i r o stellvertretender Leiter der ersten „republi* konischen Regierung" gewesen und habe bei Aus« bruch des Krieges nicht hinter dem berüchttgten Largo Caballero in feiner Ablehnung Francos und der Aufpeitfchung zum Klassenhaß gestanden. In Miaja stelle sich der Schöpfer jenes verbrecherischen Planes der Verteidigung der offenen Stadt Madrid vor.
Tausende von Lebensmitielwagen vor den Toren Madrids.
Burgos, 8. März. (Europapreß.) Der bereits ernannte nationalspanische Bürgermeister von Madrid, Alberto Alcocer, erklärte Pressevertretern, sämtliche Vorbereitungen seien soweit gediehen, daß bereits achtundvierzig Stunden nach dem Einmarsch der nationalen Truppen in Madrid alle öffentlichen Aemter funktionieren würden. Tausende mit Lebensrnitteln beladene Lastwagen warteten auf den Augenblick, um auf sämtlichen Zufahrtsstraßen nach Madrid zu fahren. In Merida


