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Marienburg, im Mai.
Durch die Hellen Reihen windbewegter Birken längs der Landstraße kamen wir hoch oben im Nordosten des Reiches in das Fischerdorf Karkeln. Es ist nicht immer die Idylle eines Ferientraumes, als die es uns' jetzt bei der Ankunft erscheint, wenn wir über die strohbedeckten Häuser hinüber in die Weite des K u r i s ch e n Haffes blicken. Im Winter, wenn das Eis auf dem Haff einen halben, ja, einen ganzen Meter dick wird, find hier manche Dörfer gelegentlich monatelang von der Umwelt ab- gefchnitten. Dann kommt das Wild, kommen die schweren, dunklen Elche, Zeugen der Urzeit, bis ins Dorf hinein. Biel schwerer noch als sonst irgendwo ringen die Menschen dort oben ein wetterhartes Geschlecht, um Nahrung und Existenz.
Dort steht dicht am Haff die Jugendherberge „Elchniedcrun g", ein breit gelagerter Bau im Stil der östlichen Waterkant, fest und ttutzig von außen, hell und wohnlich von innen. Bis zur Ku- rischen Nehrung sieht man hier bei klarem Wetter hinüber. Das neue Haus mit seinen 105 Betten und 50 Massenlagern ist gleichzeitig wichtigste Durchgangsstation für den Wanderverkehr von der Jugendherberge (JH.) „R o s s i t t e n" auf der Ku- rischen Nehrung nach dem Festlande.
Warum sotten wir heute noch weiter, wenn es hier so schön ist? Aber die schnellen Busse rollen wieder durch das in der Frühlingsarbeit begriffene Ostpreußen hinunter nach Goldap. Und schon stehen wir vor der dortigen JH. Der handfeste schmucke Fachwerkbau strahlt weit hin von der Anhöhe in der Sonne. Herrlich der Blick von der Terrasse über den waldumstandenen Schillehner See, den im Hintergrund die schwarzgrüne Feierlichkeit der Rominter Heide abgrenzt.
Hier laßt uns Hütten bauen? Aber die listige Fahrtleitung ködert uns Säumige, die wir in den Anblick der Landschaft versunken dastehen, mit der Verheißung, wir kämen heute noch bei Tageslicht zur JH. „U n t e r e i ß e l n" 5ei Tilsit. Nicht lange,
Wer mehrere dieser Reichspressefahrten mitgemacht hat, weiß, mit welcher beispielhaften Orga- nisätionskunst und welcher alles bedenkenden Aufmerksamkeit sie vorbereitet werden. Es war daher sehr instruktiv, daß wir gestern in der Frühe eines silbrig kühlen ostpreußischen Frühlingstages die Jugendherberge in der einzigen Großstadt Ostpreußens in Königsberg, 311 sehen bekamen. Wohin stellt man ein Jugendherberge in einer solchen Stadt so, daß sie einerseits nicht stundenweit von der Bahn usw. entfernt ist und andererseits nicht binnen kurzem irgendwo draußen am Rande der Stadt von den sprunghaft oorschnellenden Siedlungen verschluckt wird? Ein ebenso gescheiter wie geschickter Einfall stellte das Haus zwei Minuten vom Haupt- bahnhof entfernt auf den mächtigen Unterbau einer der alten Kasematten dec Festung von 1868, errichtete darüber die fröhliche Helligkeit und Geräumigkeit des weitausladenden Baues und erreichte mit alledem, daß es mitten in einer Großstadt am Zentrum des Verkehrs und trotzdem inmitten heiterer Grünanlagen und spiegelnder Wasserflächen der säuberlich eingefaßten alten Festungsgräben liegt.
Instruktiv ist das Beispiel der Jugendherberge in Königsberg deshalb, weil es sehr interessante Vergleichsmöglichkeiten als Großstadtbau zu den Herbergshäusern am Rande der stillen Landstädtchen hier mitten „im t i e f st e n O st p r e u ß e n" oder in der Nachbarschaft der See- und Walddörfer gibt. Ein halbes Dutzend Herbergen sahen wir schon gestern und heute und werden morgen noch mehr sehen. Der Betrachter ist geradezu bestürmt durch eine Fülle von landschaftlichen und architektonischen Schönheiten.
Aus Anlaß der bevorstehenden Reichswerbe- und Opfertage für die deutschen Jugendherbergen am 6. und 7. Mai hat einer unserer Sonderberichterstatter auf Einladung der Leitung des Reichsverbandes für deutsche I Jugendherbergen an einer Bereisung der Häuser in Ostpreußen teilgenommen.
Niedersee (Kreis Ortelsburg), im April.
11 Leit zwei Tagen fahren wir nun schon durch eine I br- landschaftlich schönsten Provinzen Deutschlands, Ijnen eine Jugendherberge nach der anderen und graten eigentlich in eine gelinde Verzweiflung, imn immer wieder ertappt man sich in diesem „bnb der dunklen Wälder", wie das schöne Ost- üpiußenlied singt, und in diesem Land der unwilligen großen und kleinen Seen bei der Ueber- Iciing: dies hier, dieser Wald und dieser See mit i)n urgemütlichen Städtchen da drüben ist ja der i fdienfte Urlaubsaufenthalt, den man sich wünschen fir n!
i Uber eine halbe Stunde später, wenn die drei Autobusse der Reichspressefahrt 1939 des Reich's- vi:rbandes für deutsche Jugendher- bnr gen weitergerollt sind, gibt es bereits wieder |t)( lebhaftesten Meinungsaustausch darüber, daß dieser Blick über die Weite des Kurischen Haffs et»a oder das Bild der Rominter Heide vielleicht bch noch schöner sind als das, was wir vorhin vn einer anderen Jugendherberge aus sahen.
3as Ende vom Siebe ist, daß wir bereits mitten inSder Bereisung Ostpreußens es einfach aufgeben, einer bestimmten Landschaft oder einer bestimmten [Jizendherberge den Siegespreis zuzuteilen. Wir fir • alle miteinander, die ausländischen Berufs- klmeraden mit einbegriffen, völlig gefangen von dm tausendfachen Wechsel land schaft - f e r Schönheiten einerseits und ihrer Jugendherbergen andererseits. Und was diese Heime dr wanderfrohen Jugend angeht, so weiß man ätf) bei ihnen nicht, was einem das Herz fxoher 1 m.ti)t, die sorgliche Liebe, mit der man Form und B.lstil der Herbergen überall der umgebenden bidschaft aufs glücklichste anpaßte, oder die vor- bkuchte, sehr moderne, sehr praktische Aufmerksam- te, mit der man diese ebenso raumschönen wie urchigen und schlichten Häuser nach der wohnlichen, de technischen und nicht zuletzt der erzieherischen I Snte hin ausstattet.
isaß die Hitler-Jugend und der Neichsoerband fiii deutsche Jugendherbergen für die Heimstätten be: wandernden Jungen und Mädel ihren eigenen tot' gefunden haben, der ganz unmerklich die An- qeiehme mit dem Nützlichen, das Heitere mit dem stliieherischen zu vereinen weiß, ist längst bekannt. p:i es ist selbstverständlich, daß die besten und m dernsten technischen Einrichtungen, du sich bewährt ^crbrn, im Innern jeweils wieder- fcben, cs mag sich um die geradezu einladenden, dlissauberen Duschanlagen ober um die elektrischen Amderküchen ober um die großen Gerneinschasts- ftki-en ober sonst etwas hanbeln. Aber nichts wäre ßnlther, als nun deswegen anzunehmen, daß die Jugendherbergen nun in Friesland friesisch und in äoiern bayerisch und in Ostpreußen ostpreußisch Ffgemacht" sind. Erstens gibt es keine „Auf- no^ung" an den deutschen Jugendherbergen, dafür ihr eine umso gediegenere und solidere Bauweise in! Ausstattung: schließlich sollen ja diese Häuser, bkoaus den Mitteln des deutschen Volkes für seine ^uicnb erbaut werden, viele, viele Menschenalter ar. dienen und wirken. Und zweitens wird jeder, s»ci Augen hat zu sehen, auch. bei einer solchen Abfahrt durch ein geschlossenes Gebiet immer [Mer mit Bewunberung feststellen, wie völlig foutchiedcnartig bei aller künstlerischen Einfühlung nüie Landschaft bie Häuser selbst in solchen Ge- ,ie m sind, die landschaftlich einander verwandt c)c ‘ gar gleich erscheinen.
„Land der dunklen Wälder..."
Ostpreußens Schönheit in seinen Landschaften und seinen Jugendherbergen.
Don unserem nach Ostpreußen entsandten Sonderberichterstatter.
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Gießener Stavttheater.
Berliner Gastspiel:
„Intimitäten" von Noel Coward.
g>5 gibt eine lustige Art von Wetterhäuschen, wo drechselnd rechts der Mann und links die Frau >m Vorschein kommt mit Regenschirm und Son- i-nchirm. So ähnlich ist das hier. Das ffietter= pi chen ist ein Flitterwochenhotel an der französi- qe- Küste, und statt des einen Paares speien die Mp:» eit geöffneten Terrassentüren abwechselnd gleich ■x aus: jedes auf der Hochzeitsreise, und von <km Pärchen ein Teil zum zweiten Male auf der Kizeitsreise, und diese beiden Teile waren das et Mal (es ist ein bißchen umständlich zu erzäh- «);zusammen auf der Hochzeitsreise; leider wyrden ii ::alb wieder geschieden. Eine herrliche Situation, Kl nur im Lustspiel vorkommt.
Lsem die Familienverhältnisse hinreichend klar to irben sind, weiß auch schon, wie es wettergeht: i k deiben Paare zanken sich fürchterlich, als sie ik ^unverhoffte Zusammentreffen bemerken, ahnen |ühteil, entzweien sich und finden sich aufs neue ... Ims Kreuz. Verwechselt das Bäumchen — ein j kftnötes Lustspielmotio. Das vormals geschiedene 1 Kirchen verbündet sich zum zweiten Mal und ent- \ IIft: nach Paris, die übrig gebliebenen Hälften tii-jsich zum ersten Mal zusammen und reisen I^Lrher. Dort geht das Quartettspiel mit vertausch- 1 lei Rollen und herzerfrischendem Krach weiter: die Ji>ö ,n neuen Paare, die beiden alten Paare, die Ihirm Männer, die beiden Frauen — zuletzt sitzen düe vier ganz erschöpft um den Kaffeetisch, und i k Nesellschaftsspiel könnte gut und gern von vorne i rrjengen.
tret mehr als drei Akte hat das Stück nicht, ll^l'st die kommen einem manchmal ein bißchen 1 leig vor.) Außer Krach und Persöhnung in am intern Wechsel passiert nämlich nicht mehr viel. Itie: C 0 ward , von dem wir früher hier ein lösiPiel „Weekend" sahen, gehört zu der Sorte 1 vr. 1 Engländern, welche die sympathische Gabe 1 Hm, mit schöner Offenheit das zu sagen, was 1 irr 1 meistens lieber runterschluckt.
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V fallen wirklich eine ganze Menge witziger Be- 1 ir-'uin^en, und es gibt allerlei Situationen, die f rirn auf eine verblüffende Weise ganz natürlich i stimmen, so ausgefallen die Voraussetzungen iti Jbie gehäuften Zufälligkeiten dieses Unterneh- sind. Gespielt wurde von einem kleinen Ber- Ilin Rundreise-Ensemble, von dessen Darstellern
einige durch den Film auch in der Provinz bekannt wurden. Regie führte Kurt Richards: es lief alles wie am Schnürchen, kein Wunder, jede Szene saß, keine Pointe ging verloren. Das Wetterhäuschen und das Pariser Idyll stammten von Herrn Löffler. —
Earola Höhn war Carola Pryne, welche die Flitterwochen 3um zweiten Mal erlebt; sie machte es scharmant, mit sekundenschnellen, wetterleuchten- ben Uebergängen von snobistischer Langweile zu neuen Abenteuern, von theatralischen Eheszenen zu stürmisch erwachender Zärtlichkeit: ein kleines Feuerwerk und Blenbwerk weiblicher Künste und Listen. Charlott Da ubert war Charlott Chase, bie es zum ersten Male erlebt, sehr blonb, sehr verliebt, sehr unglücklich in halbem Durcheinander; ihre besondere Stärke sind das schrille Hohngelächter aus verwundetem Gemüt und der mit kindlichen Verzweiflungsschreien gewürzte Tränenstrom. Kurt D a e h n war von den männlichen Partnern der sarkastische, leicht blasierte, ironisch überlegene, Erik Ode der jüngere, gutmütigere, rundlichere und versöhnlichere; beide vortrefflich auf- und gegeneinander eingespielt.
Dem Publikum bereitete bas Ganze ungemeines Vergnügen; es wurde herzlich gelacht und den Gästen reicher Beifall gespendet. Hans Thyriot.
Lichtspielhaus:
„Männer müssen so sein."
Variete- und Zirkus-Filme sind gegenwärtig wieder große Mode. Der Roman „Männer müssen so sein" von Heinrich Seiler lieferte die Vorlage für ein Drehbuch von Hans-Joachim Beyer. Wieder entfaltet sich die abenteuerliche Welt der Artisten in farbigen, schnell wechselnden Bildern, lieber Mangel an Handlung wird sich niemand beklagen können; auch nicht über Mangel an Sensation. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht „La belle Beatrice“: ein Mädchen tanzt leichtbekleidet im Tigerkäfig und wird mit dieser Nummer eine in der ganzen Welt begehrte Sensation. Der Regisseur Arthur Maria R a b e n a l t hat die schwierigen und nicht ungefährlichen Szenen mit unleugbarem Geschick arrangiert und ausgenommen. Wenn man sich an ähnliche Filme erinnert, die im gleichen Milieu spielen und in der letzten Zeit hier gelaufen sind, wird man ein gewisses Schema im Aufbau bemerken: es geht auch diesmal, wie anzuerkennen ist, nicht um die nackte Sensation und die bloße Befriedigung der Schaulust; man will die Welt der
und wir stehen vor einem Landschaftsbild, das sich noch nicht einmal mit dem Pinsel, geschweige denn mit Worten wiedergeben läßt. Am Waldesrand erhebt sich auf einer Anhöhe der Neubau der JH. mit dem ungegliederten Bootshaus-Flieger. Das Haus wird im nächsten Monat dem Wanderoerkehr übergeben. Da unten vor uns liegt, eingebettet in waldige Hochufer, das liebliche Memeltal. In weitem Bogen gleitet geruhsam der Fluß dahin. Hier ist wohl einer der schönsten Landschaftspunkte des nord; deutschen Gebietes überhaupt. Drüben, jenseits der Memel, war noch vor ein paar Monaten „Ausland", in der Mitte des Stromes lief die Grenze. Kleine Randglosse: Zur Zeit der Fremdherrschaft hat es einmal ein litauischer Bühnenarbeiter einem deutschen Kollegen vom diesseitigen Ufer erzählt, wie sie drüben lebten. Der Litauer erhielt pro Faschine (Reisigbündel, die zur Befestigung von Uferböschungen usw. verwendet werden) 1 — einen! — Pfennig; bei höchster Anstrengung konnte er keinesfalls mehr als 60 Faschinen am Tag fertigbekommen, er verdiente also im günstigsten Falle 60 Pfennig pro Tag ober 3,60 Mark in der Woche! (Private Notiz für eine Urlaubsreise nach Ostpreußen: „Memeltal bei Tilsit besuchen!")
In L ö tz e n steht bie JH. am schmucken Kanal zwischen Löwentin- und Mauersee, verlockende Zentrale für das Wander-, Ruder-, Paddel- und Segelgebiet der drei größten ostpreußischen Seen, deren dritter der Spirdingsee bei Nikoleiken ist. Wie überall in ganz Ostpreußen ist auch hier in Lötzen traditionsgetränkter Boden. Man zeigt uns das Haus, das vor einem Dierteljahrhundert Hindenburgs Hauptquartier war, und draußen am Süd- roeftranbe ber Stabt liegt bie ruhmreiche Feste B 0 yen , bie einzige im Kriege eingeschlossene deutsche Festung; vergebens rannten sich bie Russen die Köpfe an ihr ein.
Immer suchen die Häuser der Jugend die Nähe von Wasser und Wald in diesem wunderschönen Lande, so auch in Seehausen, Kreis Angerburg, wo wir Zeuge des Richtfestes der JH. werden, bie einmal 100 Betten und 50 Massenlager haben wird und am sanften Hang des Sees steht.
Auf einer Waldhöhe thront ber mächtige und doch
so anheimelnde Bau der großen JH. „Nieder- s e c", die schon seit dem Herbst 1936 im Dienst des großen Wanderverkehrs nach Masuren steht. Sie blickt durch bie hohen Kieferstämme direkt auf bie glitzernde Fläche des großen Sees. Nicht weniger als 157 Betten und 90 Massenlager stehen in die, fern weiträumiges Hause zur Verfügung.
Noch größer, noch bedeutsamer und beziehungsreicher ist die JH. „Hohenstein" in unmittelbarer Nähe des Tannenberg-Denkmals. Sie hatte allein im vergangenen Jahr über 40 000 Uebernachtungen zu verzeichnen! Das kann nur ein Bau wie dieser mit seinen 238 Betten und 150 Massenlagern bewältigen. Eine gemütliche Bauern-
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(...befRegen
9thält Schuhe Wasserdicht!
fiube ergänzt hier den großen teilbaren Tagesraum. Ständig pilgert von hier das junge Volk hinüber zum Tannenberg-Denkmal mit der Gruft Hindenburgs.
Schnell noch einen Abstecher nach dem mittleren Norden der Provinz. Dort oben dicht bei der aufblühenden kleinen Stadt Tolkernit ragt hoch auf dem Galgenberg an der Steilküste des Frischen Haffes bie I H. T 0 lkemit mit 96 Betten und 50 Mas- fenlagern. Der entzückte Blick umfaßt kaum bas weite Bild ber Haffküste links bis zur Münbung des Elbing-Flusses und rechts bis in die Nachbargewässer von Pillau. Drüben, nach Norden hin, liegt ber bunfle Streifen ber Frischen Nehrung, bie bas Haff von ber Danziger Bucht trennt. Wanbe- rungen an der Küste bes Frischen Haffes mit seiner einzigartigen Steilküste und seinen Wälbern gehören zu den schönsten Lanbschaflserlebmssen.
Aus der Giadi Gießen.
Wetteraussichten im Mai.
Abgesehen vom äußersten Norben und Osten unseres Vaterlandes und den Gipfeln her Gebirge, empfängt uns her diesjährige Mai mit jungem Grün und Blüten. Die meteorologische Entwicklung ber beiben ersten Frühlingsmonate März und April ist in diesem Jahre so gewesen, daß für den Mai die eigentliche Frühlingspracht, das Grünen und Blühen aufgespart bleibt und somit ein wahrer Wonnemond seinen Anfang nimmt. Im letzten und vorletzten Jahr hatten die Nachwehen des Winters und die Aprillaunen mit Schneeschauern sich bis zum Maibeginn gehalten, so daß leider am Feiertag des deutschen Volkes nur in den klimatisch begünstigten Gegenden Deutschlands, am Rhein, frisches Grün zu finden war. Sonst waren die dicken Knospen noch sämtlich im Banne der kalten Luft und der Schneeschauer, die z. B. am 1. Mai 1936 über die deutschen Gaue hinmeggingen. Die Mitteltemperatur von Ende April/Anfang Mai liegt im größten Teile Deutschlands zwischen 10 bis 14 Grad Wärme, sie setzt voraus, daß die Mittagstemperaturen bie vorsommerlichen Werte von 15 bis 20 Grab im Schatten aufweisen und Nachttemperaturen nicht niebri- gcr als bei 5 Grad Wärme liegen. Bei einem derartigen Temperaturverhältnis kann es sozusagen im Augenblick grün werden. So war es ganz natürlich. daß uns ber 1. Mai 1939 mit Frühlingswärme unb zartem Grün empfing, nachbem bie letzten beiden Jahre so bitter enttäuschten.
Man ist leicht geneigt, an den Mai eine Liebeserklärung zu schreiben. Die schwungvolle Entwicklung der Vegetation, das Grünen und Blühen, die lgue Luft, die lachenden Sonnenstrahlen und grollenden Gewitter sind Naturerscheinungen, die der
nordische Mensch wie ein Geschenk aufnimmt. Aber auch dieser Muster- unb Lieblingsmonat hat seine „dunklen Punkte", bie wir hier als objektive Chronisten nicht verheimlichen bürfen. Diese bunflen Punkte sinb unter Umftänben sogar sehr gefährlich und denkbar unangenehm, denn es handelt sich dabei um zwei Kälterückfälle von höchst krassen Ausmaßen. Diese Kälterückfälle des Mai, gewissermaßen eine Anleihe an das Aprilwetter darstellend, sind unter dem Namen „Eisheilige" ober „gestrenge Herren" sehr bekannt und werben gewöhnlich in der Zeit vom 11. bis 15. Mai erwartet. Es ist über diese Maikälterückfälle schon sehr viel geschrieben worden. Namentlich hat inan seitens ber Wissenschaft immer hervorgeho^en, daß es falsch ist, sie trotz gewisser Gesetzmäßigkeiten bes Wetterablaufs unbebingt auf bie erwähnten Tage gegen Mitte bes Monats zu verbannen. Die Atmosphäre besitzt keinen „Fahrplan" unb keinen „Kalender", nach denen sie sich richtet, sondern die in der Atmosphäre sich abspielenden Wetterereignisse entwickeln sich aus dem vielseitigen Wechsel der verschiebensten Einflüsse, bie sich im einzelnen Falle niemals auf längere Zeit vorausberechnen lassen. Wenn man bie Statistiken nachprüft, finbet man ben Eintritt ber „Maikälte" fast ebenso häufig schon vor bem 10. Mai, wie um ben 15. Mai ober erst nach bem 20. Mai. । Höchstens kann man feststellen, baß ihre Stärke in bem Maße sich verringert, je später ber Gintrittstergiin liegt. Es soll natürlich nicht geleugnet werben, daß recht oft auch gerade mit den bekannten „Eisheiligen" ber Temperatursturz begann. Bemerkenswert ist, baß ber erste Kälterückfall im Mai, gleich an welchem Tage er eintritt, gewöhnlich nach wenigen Tagen Erwärmung einen zweiten, schwächeren nach sich zieht.
Artisten, beren Anziehungskraft noch immer ungebrochen zu sein scheint, nicht nur so photographieren, wie man sie in ber Wirklichkeit zu sehen bekommt, sonbern auch die Kehrseite, hie Hintergründe, das Privatleben, und so entrollt sich wiederum, hinter ber Szene, ein Liebesroman, wie ihn jeber schon einmal gelesen zu haben glaubt, unb biefer Liebesroman enthält ein Eifersuchtsdrama und einen Kriminalfall unb zuguterletzt, wie man es verlangen kann, ein ftrahlenbes happy end. Die Mischung von Sensation unb abenteuerlicher Vergangenheit, von echtem und halbechtem Gefühl, von Kolportage und sauberer artistischer Arbeit fügt sich unter den geschickten Händen des Regisseurs R a b e n a 11 zu einem handlungsreichen Ganzen zusammen, dessen Spannungsreize sich bem Zuschauer unmittelbar mitteilen. Als Beatrice sieht man Hertha Feiler, bie kürzlich in bem Lustspiel „Lauter Lügen" zum ersten Male herausgestellt würbe; wenn man biese und jene Rolle vergleicht, wird man ben Uebcrgang erstaunlich finben, aber auch bemerken, baß sie außer dem rein Artistischen, bas hier verlangt wirb, in ein paar kleinen Szenen auch darstellerisch etwas zu sagen hat. S ö h n f e r ist, gut und knapp, der Dompteur Ruda, der Typus „Männer müssen so sein", Hans Olden ein geschmeidiger Schurke im eleganten Abenddreß, Paul Hörbiger, überraschend verwandelt, ein Clown, hinter dessen wild verschminkter Maske sich ein menschliches Gesicht versteckt, Victor Janson der sehr real empfundene, geräuschvoll betriebsame Manager. — (Terra.)
Im Beiprogramm läuft die Wochenschau mit Aufnahmen vom Geburtstage des Führers und ein Kulturfilm mit schönen Bildern aus berühmten deutschen Schlohgärten. Hans Thyriot.
Hochschulnachrichten.
Der Dozent Oberregierungsrat Dr. Hans Mök- f e I m a n n an der Universität Marburg wurde zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Dr. Möckelmann wurde 1931 zum Turn- und Sportlehrer an ber Universität Gießen ernannt, wo er sich 1933 habilitierte. Vor kurzem mürbe er nach Marburg berufen, um dort die Psychologie und Pädagogik der Leibes'übungen in Vorlesungen und Hebungen zu vertreten.
Professor Dr. Erich Engelbrecht, der als ao. Professor für praktische Theologie an der Universität Königsberg wirkt, ist zum Ordinarius ernannt worden.
Die „gute Kinderstube".
In einer ungewöhnlich reizvollen und aufschlußreichen Abhandlung, die ber Jenaer Philosophie- Professor Bruno Bauch in einem Beitrag zum Muttertag im Mai heft von Velhagen & Kla- jings Monatsheften veröffentlicht, untersucht er bie gy,tc Kinberstube, ihre psychologischen unb praktischen Grundlagen. In seiner Darstellung kommt er auch auf ben Geist bes Hauses zu sprechen, ber bestimmt unb bebingt, ob bie Kinberstube gut ober ungut ist. Mit ihm treten zu ber Bebeu- tung bes „Erbes", bas bie gute Kinberstube ausmacht, zur natürlichen Abstammung, bie Einflüsse der Erziehung hinzu. Sie sinb in ber Tat so bebeu= tungsvoll, baß uns „ein Mensch von guter Kinberstube" oft soviel bebeutet, wie „ein Mensch von guter Erziehung". Wie bie elementarsten naturhaften Erbanlagen im ganz ursprünglichen biologischen Sinne zu ihrer Entwicklung bestimmter Entwicklungsreize bebürfen und sich ohne diese nicht entfalten können, wie aber kein Reiz etwas entfalten unb entwickeln kann, das Überhaupt nicht angelegt, als Anlage nicht vorhanden ist, so bliebe ein aus aller Gemeinschaft, vor allem aus ber Grunbform aller Gemeinschaft, ber Familie, herausgerissenes, nur burch Ernährung am bloßen Dasein erhaltenes Kind auch in seinem ganzen ferneren Leben allezeit ein Caspar Hauser, unb wäre es mit ben besten Anlagen auf bie Welt gekommen. Diese bedürfen also zu ihrer Entfaltung ebenso ber Erziehung, wie bie Erziehung ihrer bedarf, um eben einen Ansatz, eine Anlage zu haben, ber sie als Erziehung zur Entfaltung verhelfen kann, ohne die sie ja selber gar nicht Erziehung sein könnte. Denn die Erziehung kann ja nichts in einen Menschen hineinlegen, was nicht schon in ihm liegt. Sie kann immer nur aus ihm Heraufziehen und emporziehen, was in ihm bereits liegt, in ihm angelegt, seine Anlage ist. Gerade dieses Heraufziehen und Emporziehen des auf bestimmte Ziele Angelegten zu diesen Zielen drückt das deutsche Wort „Erziehung" aus. Sie erhält ihr eigentümliches, eigenartiges Gepräge durch das, was der Mensch „von Hause aus“ in Wirklichkeit wird, indem sie das entfaltet, was ber Mensch tn seiner Anlage „von Hause aus" ber Möglichkeit nach ist. In biesem doppelten „von Hause aus": dem „von-Hause-aus"-Sein und dem „von-Hause-aus"- Werden liegt das doppelte „Erbe" der Kinderstube, der guten Kinderstube, insofern sie gerade das angelegte Gute auch gut pflegt unb hütet, so baß sich zwischen ber Anlage und seiner Pflege eine eigentümliche Harmonie herausbildet, in der beides die innigste Wechselbeziehung eingeht.


