Aeitag.Z. November 1959
. Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Nr. 258 Zweites Blatt
Die Büchersammlung der Partei.
Neuer Beweis für die Spendefreudigkeit unseres Gaues.
Aus der Stadt Gießen.
Unbekannter Herbst.
Herbstliche Stimmung in Wald und Feld .. Ein bekanntes Bild, das wir jährlich erleben und genau zu kennen meinen. Und doch birgt der Herbst so manchs uns Unbekannte, an dem wir in Gedankenlosigkeit vorbei sehen.
Schon die Meinung, daß der Herbst die Reifezeit, die Fruchtzeit sei, ist nicht völlig zutreffend. Alles Getreide reist beispielsweise im Sommer, gewisse Beeren ernten wir schon im Frühjahr. Ja, es gibt sogar eine Pflanze, deren Blütezeit der Herbst ist, während die Reise ihrer Früchte ins frühe Frühjahr fällt — die Herbstzeitlose.
Auch, daß sich nun alles Laub verfärbt, ist ein Irrtum. Die Akazie wird nur stellenweise etwas gelb, im allgemeinen wirft dieser Baum sein Laub nach den ersten stärkeren Frösten in grünem Zustand ab. Dichter, die sich leichtsinnig darauf einlassen, eine Herbstlandschaft genauer zu beschreiben, müssen gute Naturkenner sein. Sie müssen beispielsweise wissen, daß Ebereschen sich nur auf Sandboden oder trockenem Standort rot färben, sonst aber gelb werden. Sie dürfen keinesfalls das Verfärben der Erlen oder Eschen schildern, denn diese Bäume behalten — wie auch manche Sträucher — bis zum Laub ab fall ihre grünen Blätter. Ja, es gibt Laubbäume, die sich zwar kräftig verfärben — wie Eiche und Buche, ihr Laub aber treu bis ins Frühjahr hinein behalten, wo es dann erst durch d ie neu treib enden Kospen ab gestoßen wird. Es gibt übrigens — um die Statistik sprechen zu lassen — unter den ganzen in Deutschland vorkom-, wenden 260 Gehölzen nur 47 Arten, die eine ausgesprochene Herbstfärbung durchmachen. Sind Sommer und Frühherbst nah gewesen, so bleiben die Herbstfarben der Bäume und Sträucher matt, nur nach trockenen Sommern entwickeln sich besonders schöne herbstliche Verfärbungen.
Weit ausgesprochener als bei uns arbeitet der Herbst mit seinem bunten Pinsel in Nordamerika und im fernen Osten. In Japan ist es sogar vielen Ortes üblich, Feste des roten Ahorns zu begehen, die nicht weniger schön und wichtig sind als die berühmten Kirschblütenfeste. Gewisse japanische und auch chinesische Landschaften find weit berühmt wegen ihrer herrlichen Herbstfarben. esch.
Vornotizen
NSG. Die Büchersammlung der Partei für die Lazarett- und Frontbüchereien hat in unserem Gau einen freudigen Widerhall gefunden. Noch sind die Sammlungen nicht abgeschlossen, Tag für Tag gehen weitere Bücher ein, und schon lassen die ersten Ergebnisse einen großen Erfolg erkennen. Vor allem in den Großstädten wurden Tausende von Buchern für unsere Soldaten gespendet. Es sei hier in erster Linie die Gauhauptstadt Frankfurt a. M. herausgestellt, wo die erste Sammlung rund 50 000 Bände ergab. Laufend gehen aber noch Bücher ein, sodaß die endgültige Zahl weit höher sein wird. In einzelnen Ortsgruppen wurden bis jetzt oft bis zu 4000 Bücher ae spend et. Wenn auch zahlenmäßig das Ergebnis In den Landkreisen hinter dem der Stadtkreise zurücksteht, so ist prozentual in den Dörfern der gleiche Erfolg zu verzeichnen. Die Bevölkerung gab ihre Spende für die Männer im feldgrauen Waffenrock, die an den Grenzen treue Wacht für ihr Vaterland halten und denen das Buch in ihrer kurzen Freizeit besinnliche und erbauende Stunden bereiten soll, mit freudigem Herzen. Jeder Volksgenosse in der Heimat weiß, welchen Dank er den Kämpfern für das deutsche Lebensrecht abzustatten hat. Die Spenden legen davon beredtes Zeugnis ab.
In den Kreisschulungsämtern, zu denen die Bücher aus den Ortsgruppen in den Städten meist durch die Hitler-Jugend und in den ländlichen Kreisen durch Wagen der Wehrmacht gebracht wurden, sitzt jetzt täglich der Kreisschulungsleiter mit dem Schrifttums!)e a ustragten und anderen zahlreichen Helfern, um die aufgestapelten Bücher zu sichten und nach den verschiedenen Gebieten zu ordnen. Unendliche Mühe ist damit verbunden, aber die Arbeit wird freudig geleistet. Jedes Buch wird einzeln in die Hand genommen und nach seinem
äußeren und inneren Gehalt geprüft. Hin und wieder, wenn auch nur verschwindend wenig, wurde doch ein Buch eingeschmuggelt, dessen Besitzer glaubte, seinen Bücherjchrank ausräumen zu müssen. Brock- Haus-Bände von achtzehnhundert soundsoviel sind tatsächlich nicht für Frontbüchereien geeignet. Der erste lieb erb lief zeigt aber, daß durchschnittlich von der Bevölkerung nur gute und wertvolle Bücher für die Wehrmacht bereitgestellt wurden. Darüber hinaus wurden auch zahlreiche Neuanschaffungen zur Verfügung gestellt. Mit viel Liebe haben alle Volksgenossen ihre Buch spend en ausgewählt. Manchen mag es schwer gefallen fein, sich von einem liebgewordenen Freund zu trennen. Ihre Gabe wurde aber bestimmt von dem Grundsatz, daß für unsere Soldaten das Beste gut genug ist. Viele Bücher tragen noch eine herzlich gehaltene Widmung, die ein enges Band zwischen der Heimat und der Front knüpfen wird.
Die gesammelten und ausgewählten Bücher werden zu Büchereien von etwa 100 Büchern zusammengestellt, von denen der größere Teil unterhaltender Art ist, während ber kleinere Prozentsatz Lesestoff belehrenden Inhalts darstellt. Die Büchereien werden in Kisten mit Deckel verpackt, die gleichzeitig bei den Truppenteilen als Bücherkisten verwendet werden können.
In verschiedenen Kreisen unseres Gaues ist bereits eine Anzahl Büchereien fertiggefteüt. Wenige Tage wird es nur noch dauern, bis die ersten Kisten unsere Heimat verlassen. .Sie gehen dann hinaus an die Front und in die Lazarette und übermitteln unseren Kämpfern die Grüße der opferbereiten Inneren Front. Voll Dank werden unsere tapferen Soldaten das Geschenk der Heimat in Empfang nehmen.
„Kraft durch Freude" bei Verwundeten und Soldaten.
Tageskalender für Freilag.
Stadttheater: 20 bis 23 Uhr „Oafparone". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Seinen aus Irland". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Erpresser".
Stadttheater Gießen.
Heute abend wird die Operette „Gasparone" von Karl Millöcker wiederholt. Musikalische Leitung: Heinz Markwardt, Spielleitung: Harry Grüneke.
Für Tapferkeit vor dem Feinde ausgezeichnet.
Am 28. Oktober wurde dem Standortoffizier des Standortes Gießen, Major Krehan, wie gestern bereits kurz gemeldet, die Spange zum E. K. II verliehen, weil er als Führer eines Vorfeldbataillons im Westen sich wiederholt bei Erkundungen der feindlichen Stellungen durch rücksichtslosen Einsatz seiner Person ausgezeichnet und als Führer eines Spähtrupps trotz stärkster feindlicher Gegenwirkung richtige Feststellungen gemacht hat.y
Am 27. Oktober wurde dem Führer der 621.= Standarte 116, Standartenführer Lutter, der als Kompanieführer einer Pionier-Kompanie im Westen steht, wie gestern ebenfalls schon kurz gemeldet, die Spange zum E. K. II in Anerkennung des bewiesenen Mutes vor der Stellung im starken Artillerie- und Maschinengewehrfeuer verliehen.
Wegen Tapferkeit vor dem Feinde wurde dem Oberleutnant Rothermel aus Gießen das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen. Er unterstützte als Infanterie-Geschütz-Zugführer das Stoßtrupzi- unternehmen eines Pionierbataillons und trug zu dessen Gelingen entscheidend bei.
Die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" hat eine neue Aufgabe erhalten. Durch die Künstler, Musiker, Sänger, Humoristen usw., die der NSG. „Kraft durch Freude" zur Verfügung stehen und von ihr eingesetzt werden, sollen den Verwundeten in den Lazaretten, den Soldaten in Unterkünften und Kasernen in möglichst regelmäßigen Abständen manche unterhaltsame Stunden bereitet werden. Die Gastspiele der NSG. „Kraft durch Freude" sollen in die Regelmäßigkeit des Dienstes eine Abwechslung bringen. So ist vorgesehen, eine Reihe von Künstlern,, die demnächst in unserer Stadt Gastspiele geben, im Laufe des Tages in unser Standortlazarett zu führen und dort den Soldaten eine Unterhaltung zu schaffen, die ihnen sonst nicht unmittelbar geboten werden kann. Darietö „Lache mit uns", das immer wieder mit einer stattlichen Anzahl von Künstlern auftritt, wird hier besondere Möglichkeiten haben, den Verwundeten eine Freude zu bereiten. Selbstverständlich wird vorher genau erwogen, ob dem einen oder anderen Soldaten eine solche Anregung auch dienlich fein würde.
Für die Flakartilleristen wird es eine nicht weniger große Freude fein, wenn ihnen ein Tenor oder । Bariton den Abend mit Liedern und Arien füllt, ober ein Zauberkünstler aus allen Winkeln der Unterkunft Geld zaubert, die Soldaten für den nächsten Skat einige geschickte Griffe lehrt und was dergleichen Dinge mehr von einem Zauberkünstler zu erwarten sind. Selbstverständlich werden auch die Kasernen besucht und dort Gastspiele in großzügigerer Anlage gegeben. Bisher wurde der Neichs- theaterzug mit seinen Artisten schon sechsmal in unserer engeren Heimat mit bestem Erfolg eingesetzt.
Für die Unterhaltung der Verwundeten und Soldaten aller Waffengattungen sollen aber neben den Künstlern und Artisten besonders auch die heimischen volkstümlichen Gesangs- und Tanzgruppen gewonnen werden. Die Gambacher Spielschar wird sich gerne für diese edle Sache zur Verfügung stellen. Die Hüttenberger werden mit ihren schönen Trachtenkleidern vor den Soldaten fingen und tanzen, und die „Oberrosbacher Goldkehlchen" sind auch berufen, den Soldaten Freude zu bringen.
Die NSG. „Kraft durch Freude" im Kreis Wetterau wird diese Unterhaltungsarbeit für die Soldaten mit allen ihren organisatorischen Mitteln in die Wege zu leiten und damit beitragen, den Soldaten den Dienst und den Verwundeten die mehr oder weniger langweilige Zeit des Krankenlagers zu erleichtern.
Aber auch für die schaffenden Volksgenossen in Stadt und Land werden die kommenden Wintermonate wieder mancherlei Unterhaltung durch KdF. bringen. Für das Winterhalbjahr 1939/40 ist man dabei von der organisatorischen Form des Feierabendringes abgegangen, verlangt also von niemand eine finanzielle Verpflichtung im voraus. Vielmehr werden die Veranstaltungen freizügig durchgeführt. Für die nächste Zeit find ein Liederabend mit Domgraf-Faßbaender, ein Gastspiel des Varietös „Lache mit uns" und ein Gastspiel des bekannten „Romantischen Balletts" (Peters-Pawlinin) vorgesehen. Selbstverständlich wird die NSG. „Kraft durch Freude" auch in diesem Winterhalbjahr wieder enge Verbindung mit dem Gießener Stadttheater halten. N.
Das große KriegS-WHW.-Konzert.
Starker Absatz der Eintrittskarten.
Das große Konzert zugunsten des Kriegswinterhilfswerkes, das am morgigen Samstagabend im Stadtheater stattfindet, begegnet in weiten Kreisen unserer Bevölkerung lebhaftem Interesse. Die Eintrittskarten für dieses Konzert sind zum größten Teil schon abgesetzt. Nur noch ein kleiner Bruchteil von Karten steht zur Verfügung. Wer sich noch eine Eintrittskarte sichern will, tut gut, sich deswegen baldigst bei der Geschäftsstelle der Kreisamts, leitung der NSV. in Gießen, Goethestraße 34, ein« zufinden.
Das Konzert, das einen genußreichen Abend verspricht, wird — lpie wir bereits berichteten — von dem Musikkorps der Fliegerhorst-Kommandantur unter Leitung von Musikmeister Pfarre ausgeführt, der mit seinen Musikern der Gießener Bevölkerung durch manches Platzkonzert, insbesondere durch die Konzerte in Steins Garten, schon viel Freude bereitet hat. Der Abend im festlich ge« schmückten Stadttheater bringt eine abwechslungs« reiche Vortragsfolge. Neben ausgezeichneter Kon« zertmusik wird auch der deutschen Marschmusik Raum gegeben.
B DM-Untergau 116 Gießen.
Dienstbefeht.
B et r.: Ringschulung am 5. 11.
Die Führerinnenschaft des Untergaues beginnt am kommenden Sonntag, 5. 11., ihre diesjährigen Winterschulungen, die wie folgt stattfinden:
Für die Gruppen 7/116, 8/116, 9/116, 10/116, 18/116 und 19/116 in Gießen Antreten zur Jugend- filmstunde, Lichtspielhaus, Bahnhofstraße, um 8.30 ober um 11.30 Uhr am Moeserheim, Seltersweg.
Für den Ring III/116: in Hungen, 9 Uhr (Parteiheim).
Für den Ring IV/116: (außer 18/116 und 19/116) in Grünberg, 9 Uhr.
Für den Ring V/116: in Lollar um 14 Uhr, Schule (BDM.-Heim).
Für den Ring VI/116: in Butzbach um 9 Uhr (Jugendherberge).
Für den Ring VII/116: in Friedberg um 10 Uhr Heim (Türmchen).
Für den Ring VIII/116: in Friedberg um 11 Uhr, Heim (Volksschule).
Für den Ring IX/116: in Dortelweil um 10 Uhr (Heim).
Ring 1/116 Gießen-Stadt: am Mittwoch, dem 8. 11. 39 um 19 Uhr (Moeserheim). BDM.-Werk- Gießen-Stadt: am Donnerstag, dem 9. 11. um 19 Uhr. Mitzubringen sind Dienstbücher, Schreibzeug, Liederbücher und Brotbeuteloerpflegung.
Die Untergauführerin.
Mitglieder des NENA, aus den frei- gemachten Gebieten melden.
NSG. Wie die Reichsführung des Nationalsozialistischen Rechtswahrerbundes mitteilt, hat der NSNB. für die Bundesmitglieder aus den freigemachten Gebieten eine Hilfsaktion eingeleitet. Um die entsprechenden Maßnahmen weiter durchzuführen, werden die betreffenden Rechtswahrer gebeten, ihre Heimatadresse und augenblickliche Anschrift sowie die Bundesmitgliedsnummer der Reichsdienst- stelle des NS.-Rechtswahrerbundes, Berlin W 35, Tiergartenstraße 20/21, umgehend mitzuteilen.
Rentenempfänger, bei Einberufung die Angehörigen bevollmächtigen!
Wie das Oberkommando der Wehrmacht bekannt« gibt, sind Rentenempfänger, die aus der Unfall-» Invaliden- und Hinterbliebenenoersicherung durch die Postanstalten monatlich eine Rente beziehen, darauf hinzuweifen, daß fie ihren Angehörigen Vollmachten für den Empfang der Rente auszustel« len haben, wenn fie selbst zur Wehrmacht einberufen sind oder werden. Sobald ein Rentenempfänger als gefallen bzw. tot, vermißt oder gefangen gemeldet wird, haben die Wehrmachtdienststellen diejenigen Postanstalten zu benachrichtigen, die den
Die Iran aus öcrlrtmöe
Roman von Walther kloepftr
Copyright Dy Carl Duntfer Verlag - Berlin w 62
32. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Am nächsten Vormittag erhob er sich mit einem Gefühl, das zu gleichen Teilen aus liebelt eit, Hunger und Benommenheit gemischt war. Er ging in ein großes, billiges Lokal, wo er eine Kleinigkeit zu essen versuchte und ein paar Gläser Bier trank. Am besten war es, Menschen um sich zu haben, viel und lärmende Menschen, die Geschrei und Gelächter verübten, und zu denen man keine Beziehungen hatte. Nur nicht in diese Kammer zurück, wo Rieles Brief auf dem Grunde des Koffers hockte.
In den folgenden Tagen ging es immer mehr abwärts mit Severin. Es begann damit, daß er den Rest seiner Garderobe verkaufte und jenen zweiten Koffer, der nun überflüssig war. Es war eine betrübende Erkenntnis, wie wenig man für Dinge bekam, die einst ein Heidengeld gekostet hatten.
Jeden Vormittag erkundigte er sich auf der Geschäftsstelle des Aerzteverbandes, ob noch immer kein passender Vertreterposten für ihn gemeldet wäre. Auch hier hatte er Pech. Nicht einmal das gelang ihm. Er hatte jetzt nur noch den einen Anzug, den er auf dem Leibe trug und von dem zu trennen er sich um keinen Preis entschlossen hätte, weil er das letzte Bindeglied von der Vergangenheit in die Zukunft war. Alles andere war langsam und Stück für Stück zu jenem Trödler gewandert, der ihn schon als Stammkunden begrüßte. Ein Mann in feiner Lage kann sich Scham nicht leisten. Nach Eschelbrunn um Geld zu schreiben, verbot ihm ein verbissener Trotz. Was füllte Fräulein Ferber von ihm denten; nein, vor der wollte er leidlich dastehen. Lieder verhungern, als sich geschlagen geben. Das war vielleicht töricht, aber er konnte nicht anders.
Apropos hungern. Mit diesem Wort pflegt man gemeinhin ein nicht unangenehmes, erwartungsvolles Gefühl zu bezeichnen, das dem Sättigungszu- stand normalerweise vorausgeht. Man sagt: mich hungert, und hat die Vision eines harrenden, 1iebe= vollgedeckten Tisches, voller Schüsseln oder lecker belegter Butterbrote. Für Severin, einem vom Schicksal gezwiebelten Mann, hatte das Wort eine viel
ursprünglichere Bedeutung und deckte sich mit Knurren im Gedärm und drehender Gliederschwäche, Symptomen, hinter denen weder ein bereiteter Tisch noch eine nennenswerte Barschaft stand. In letzter Zeit hungerte er oft und ausgiebig. Um darüber Hinwegzukommen, strich er viel in den Straßen und Anlagen herum, saß auf öffentlichen Bänken und fütterte Auge und Ohr, um den Magen dergestalt über ausgefallene Mahlzeiten hinwegzutäuschen. Die Stadt, in die er fo freudig eingetreten war, erschien ihm jetzt ganz anders.
Lang halte ich das nicht mehr aus, denkt er und lehnt sich verschnaufend an eine Litfaßsäule. Plötzlich tritt eine alte Dame herzu und erkundigt sich in gebrochenem Deutsch nach der Pinakothek. Severin sagt, das fei von hier aus nicht fo einfach "zu erklären und bietet seine Führung an. Die alte Engländerin ist einverstanden, und Severin gibt seinen widerstrebenden Beinen ein innerliches Kommando. Er schreitet in mäßiger Haltung und überstürzt redend neben der Fremden her, die ihm Gott geschickt hat. Während er von Kunstgenüssen plaudert, tritt Schweiß auf seine Stirn, und er träumt von einem reichlichen warmen Mittagessen. Die Engländerin bezahlt den Eintritt und läßt sich von Severin durch die Säle führen. Dieser, obschon in Kunstdingen wenig beschlagen, entwickelt eine fiebrige Beredsamkeit vor den verschiedenen Meistern, es darf nicht den Anschein gewinnen, als ob er hier zu seinem Vergnügen lustwandelt. Er erwartet eine Entlohnung, und die muß verdient werden. Nur in dem kleinen „Saal Steinacker" wirb er einsilbig.
Die alte Dame kann sich nicht entschließen, fo viel Zuvorkommenheit und Bildung mit einem Trinkgeld abzufinden, und lädt ihren Begleiter zum Lunch ein. Severin tritt mit Herzklopfen über ine Schwelle des gediegenen Restaurants, nimmt mit Ohrensausen an einem weiß gedeckten Tischchen Platz und studiert die verschwimmenden Buchstaben der Speisekarte. Seine Gastgeberin stellt mit Verwunderung fest, daß er viel zu hastig und zu ausgiebig ißt. Eine Viertelstunde später muß er alles wieder erbrechen und hat Tränen der Wut in den Augen. Sein zusammengeschnurrter malträtierter Magen will von soviel nahrhaften Dingen nichts mehr missen. Nach einem rasch gemurmelten Dank geht Severin heim und begibt sich zu Bett. Die in Falten, gelegte Hose schiebt er unter die Polster, damit sie nachher wie gebügelt aussieht. Dieser Anzug ist lebenswichtig für ihn. Der Kragen, sein letzter, wird abgeknöpft und in Seidenpapier eingeschlagen. Dann verfällt Severin in einen büimen, kraftlosen Schlaft
Nach einer Stunde wird er durch die Wohnungs- klingel geweckt. Schritte nähern sich seiner Tür. Es klopft.
,Lch bin's, Herr Doktor", hört er Fräulein Ferber sagen.
„Einen Augenblick! Will mich nur rasch cm- ziehen", an wertete er mit verrosteter Stimme und wälzt sich aus dem Bett.
Als Nikoline endlich eintreten darf, erschrickt fie. lieber Severins graues, verfallenes Gesicht, über das scheue Geflacker seiner Augen und über dieses Loch von einer Wohngelegenheit. Sie begreift, wenn auch nicht alles. So wohnt einer, der Schiffbruch erlitten hat... ja, aber wie kann es ihm fo miserabel gehen, nachdem er mit fünfzehnhundert Mark von Eschelbrunn weg ist? Schuld ist natürlich diese Fabrt? Weih Gott, was die mit ihm angeskellt hat...
„Setzen Sie sich auf den Stuhl hier, Fräulem Ferber. Es ist ein wenig eng", sagt er entschuldigend und nimmt auf der Bettkante Platz.
„Ich wollte bloß mal wieder Bericht erstatten", fängt sie an, um Zeit zu gewinnen. In Wirklichkeit ist sie nach München gefahren, weil gestern die Sache bei Notar Eberlein war und itt fünf Tagen die Versteigerung ausgeschrieben werden soll. Sie hat es nicht übers Herz gebracht, ihm das zu telephonieren.
„Ach ja. Darf ich das Fenster schließen? Der Kamin drüben rußt so. Ist es mit dem Krankenhaus endlich soweit? Haben Sie einen Käufer?"
„Nein. Noch nicht."
„So." Also wieder nichts.
„Bei uns grassiert so eine Epidemie von Darm- geschichten. Die Krankenscheine hageln nur fo. Doktor Wenz hat Präparate eingefdjidt; aber es ist noch keine Antwort da", erzählt fie munter, denn sie will ihn ausrütteln und fein Elend vergessen machen.
„Ja?" sagt er, mehr höflich als teilnahmslos. Wer kann von einem Menschen, der vier Tage nichts Gescheites gegessen hat, Interesse an den Darmstörungen anderer Leute verlangen? Sie soll ihn doch zufrieden lassen. Dieser ganze Besuch irritiert ihn und reißt an seinen Nerven. Da ist auch wieder jenes blöde Schwindelgefühl und Augenflimmern, zwei Beschwerden, die er jetzt öfter hat. „Würden Sie so gut sein und mir das Glas Wasser dort ..." bringt er noch heraus: dann wird er in eine drehende Schwärze hineingerissen und sackt zusammen. Als er aus Ohnmachtsbezirken sich langsam in die Höhe schraubt, hört er die Ferber aus weiter Ferne klagen:
„Aber das geht doch nicht, daß Sie noch länger
in diesem Loch hausen — Sie sind ja krank — Sie brauchen einen Arzt — Sie brauchen Pflege. Mein Gott, wie sehen Sie denn aus!"
,^Jch? Ich bin nicht krank", widerstreitet er mühsam. „Mir fehlt gar nichts. Ich bin nur ein bißchen schwindlig geworden: ich glaube, ich vertrage die Münchener Luft nicht", versucht er zu lächeln, und nimmt sich eifern zusammen. „Nun ja, es ist mir manches schief gegangen in der letzten Zeit, es hat Aufregungen gegeben, das will ich nicht leugnen.."
,Kann ich Ihnen helfen, kann ich etwas für Sie tun? Ich will mich nicht aufdrängen, aber vielleicht würde es Sie erleichtern, wenn Sie sich aussprächen?" meint Nikotine sehr zart und mütterlich. Sie sitzt neben ihm auf dem Bettrand und hat den Arm stützend um seine Schultern.
Er wagt einen scheuen Blick in ihr offenes, klares Gesicht und stößt hervor: „Aussprechen? Sie haben recht, Fräulein Ferber! Ich will Ihnen reinen Wein einschenken. Es gibt bei jedem Menschen einen Punkt, wo es allein nicht mehr weitergeht." Und nun folgt eine von vielen Pausen unterbrochene Beichte. Er redet von der Unmöglichkeit, das Geld für Friedrich zu beschatten, von jener mißlichen Banknotenaffäre, von seiner Mittellosigkeit und ganz zuletzt von der Fabri. Müde und angeekelt nimmt er all diese Dinge noch einmal zur Hand und stellt sie gewissenhaft vor Nikoline hin, damit sie selbst urteilen möge. Sein Bericht kommt leiernd aus einer beengten Kehle, und nur gegen den Schluß zu, wie es um die Flucht der Fabri geht, wird er heftiger.
„Sie hat doch den Anstoß gegeben, daß ich hier in München sitze, und dann läuft sie davon! Verstehen Sie das? Ich nicht. Na, es ist gut; ich bin fertig damit, ganz fertig. Ich bin schon mit mehr fertig geworden im Leben. Verzeihen Sie, daß ich Sie mit diesen Privatangelegenheiten behellige. Ick habe das alles bisher hinuntergeftessen und in mich eingefperrt und keinem Menschen einen Ton gesagt, aber jetzt kann ich nicht mehr. Und ich habe soviel Vertrauen zu Ihnen ..."
Nikoline hat sich nicht zu atmen getraut, aber jetzt entschlüpfte ihr ein tiefer, glücklicher Seufzer. Daß die Fabri und er auseinander sind, ist unerhofft, aber wunderbar schön. Sie runzelt die Stirn und sinnt nach, was sie sagen und wie sie helfen kann. Aber die rechten Worten wollen sich nicht einstellen. Plötzlich fällt ihr ein, daß er ohne Geld ist und wahrscheinlich Hunger hat. Sie nimmt den Arm von feiner Schulter und kramt in ihrem Täschchen.
(Fortsetzung folgt.)


