sieht, nicht erfolgen kann. Erst die tiefe Erkenntnis der nationalsozialistischen Weltanschauung begründet in den Begriffen „Blut und Boden" und der „Gemeinschaft", gepaart mit einem Wissen um die deutsche Geschichte, vermittelt erst das Verständnis für die Struktur des SA.-Dienstes, ermöglicht seine Wertschätzung und rechtfertigt seine Notwendigkeit.
Demgegenüber muß die unumstößliche Tatsache anerkannt werden, daß die Kampfkraft der SA. auf wehrsportlichem und sportlichem Gebiet — und das sind ihre Hauptbetätigungsfelder — in einem sehr kurzen Zeitraum auf ein ganz erhebliches Maß gebracht wurde. Denn was bedeutet z. B. ein halbes Jahrzehnt bei einer solchen eminent weitgreifenden Arbeit. Daß diese Realitäten nicht ohne weiteres dem letzten Volksgenossen klar wurden, mag sich wohl auch aus den Umständen ergeben, daß sie nicht mit nackten Zahlen oder handwerklichen Maßen ausgcdrückt werden können. Unterzog man sich aber einmal der Mühe, einem Sturmgeländedienst, einem Gepäckmarsch oder einem Ganztagesdienst oder einer wehrsportlichen oder geländesportlichen Prüfung zum SA.-Wehrabzeichen beizuwohnen, um sich von dem Leistungsstand des einzelnen oder Mannschaft zu überzeugen und die selbstlose Hingabe bewundern au können, um Zeuge dieser Einsatzbereitschaft zu sein, die ständig nur möglich ist durch die Ueberzeugung der Notwendigkeit des Einsatzes, so mußte vorbehaltlos die vorwärtsstrebende und mit Erfolg gekrönte Aufbauarbeit anerkannt werden. Es entspricht aber nicht der Mentalität des Mannes der Sturmabteilung Adolf Hitlers wegen allem, was für ihn selbstverständliche Pflichterfüllung ist, großes Feldgeschrei zu veranstalten.
Als beste Beweisführung dieser vorwartsstreben- den wehrsportlichen und sportlichen Erziehung dürften wohl die Anerkennungen durch den Führer selbst dienen, der parallel mit dem stufenweisen Fortschreiten das SA.-Wehrabzeichen mit seinen Wiederholungsübungen stiftete, die NS.-Kampsspiele proklamierte und zu deren Trägerin die SA. bestimmte, zuletzt aber die ganze Erziehunasarbeit krönte, durch Befristung der vor- und nachmilitärischen Wehrerziehung. Aus berufenerem Munde konnte wohl diese Anerkennung nicht kommen, die für die SA. gleichzeitig erhöhte Verpflichtung bedeutet. Der Füh- rer gab Befehl! Wir kennen nur das eine Ziel, diesen Befehl Tat werden zu lassen!
Die Veranstaltungen der vergangenen Jahre wie Standarten-, Gruppen-, Reichswettkämpfe und NS.- Kampfspiele waren Zeugnis für das wehrsportliche und sportliche Können und die Einsatzbereitschaft der SA. Erinnert sei hier nur an die NS.-Kampf- spiele 1938, die einen einzigartigen Erfolg der sportlichen und wehrsportlichen Wettkämpfe für die SA.-Mannschaften brachten.
Der diesjährige Standartensporttag soll ebenfalls durch seinen Rechenschaftsbericht der oberhessischen SA. die Rechtfertigung dasiir geben, daß sich die SA. durch jahrelange intensive Kleinarbeit das Rüstzeug für die durch die erwei- terte Aufgabenstellung zu erfüllenden Anforderungen der vor- und nachmilitärischen Wehr- erziehung geschaffen hat. Bei einem Blick auf die am 3. und 4. Juni 1939 zu erfüllenden Kämpfe, dürfte gerade jedem bewußt werden, daß nicht ein kleiner Prozentsatz der SA.-Angehörigen in einer einseitigen leichtathletischen Disziplin dieser Fest- stelluna gegenüber stehen, sondern daß auf der Grundlage der Breitenarbeit im Einzel-und Mannschaftskamps das vielseitige Können im Wehrsport und Sport, gepaart mit einer straffen, soldatischen Haltung und einer Begeisterung wie sie nur bei überzeugten politischen Soldaten zu finden ist, Fundamente zum weiteren Aus- und Aufbau sind.
Durch die aktive Beteiligung insbesondere auch der älteren Jahrgänge, die zum großen Teil erst in ihrem SA.-Dienst Scheu und Antipathie vor der Sporthose verloren, kommt unsere Forderung nach der Leistungserhaltung und der Einsatzfähigksit bis ins hohe Alter eindeutig zum Ausdruck.
Diese kämpferische Schulung des Leibes wird niemals Selbstzweck werden, sondern stets Mittel dazu sein, die deutschen Männer geistig und körperlich zu festigen und durch die Steigerung der Leistungsfähigkeit sie einsatzfähig und einsatzbereit zur Erhaltung der Nation zu machen. Und so sind auch SA.-Soorttage nicht vergleichbar mit Sportfesten im allgemein üblichen Sinne, Pein, es werden auch die diesjährigen Kämpfe d'er SA.-Standarte 116 in ihrer Wucht und Geschlossenheit, in ihrer Größe und Leistung ein starkes Bekenntnis
3m Dienste des staatlichen Gesundheitsschutzes.
Di- Ausgaben »-« ilntersuchungaamt-s für Znfe»ionskrankhe»en.
Eine Unterredung des Gießener Anzeigers mit dem weiter des Amtes.
In einem kleinen Hause hinter dem Hygienischen Institut im Klinikviertel hat ein staat- liches Amt seinen Sitz, dessen Aufgaben und Wirkungsbereich in starkem Gegensatz zu der Größe und den Räumlichkeiten seines Heims stehen. Es ist das Hessische Unter« suchungsamt für Infektio ns « kr a n kh eiten, das in diesem bescheidenen Hause im Interesse der Volksgesundheit wirkt. Die Aufgaben und Arbeiten dieses Amtes sind von so hoher Bedeutung, daß es reizvoll und lohnend ist, mit ihnen näher bekannt zu werden. Wir haben zu diesem Zwecke den Leiter des Amtes, Obermedizinalrat Professor Dr. Kliewe, in einer Unterredung über das Wirken seines Amtes befragt. Das Ergebnis der Aussprache enthalten die nachstehenden Darlegungen.
Drei Aufgabengebiete.
Das Hessische Untersuchungsamt für Infektionskrankheiten hat, wie schon sein Name sagt, die Bedeutung, ansteckende Krankheiten zu bekämpfen und alle Vorbedingungen für die erfolgreiche Durchführung dieser Verpflichtung zu schaffen. Daraus ergeben sich drei Aufgabengebiete:
1. Bakteriologische Untersuchungen,
2. serologische Untersuchungen,
3. chemisch-physikalische Untersuchungen.
Die bakteriologischen Untersuchungen stellen den Hauptanteil der Arbeit des Amtes dar. Es handelt sich hier um Untersuchungen der Ausscheidungen Kranker, die Bereitstellung von Untersuchunqs- gefäßen für die Absonderungen von Patienten, die an Typhus, Paratyphus, Ruhr, Tuberkulose, Diph- therie, Genickstarre, Gonorrhoe, Blutvergiftung usw. erkrankt sind. Das Material für diese Untersuchungen schicken die Aerzte an das Amt ein. Aus den Kliniken kommt kein Untersuchungsmaterial dieser Art an das Untersuchungsamt für Infektionskrankheiten, sondern dieser Teil des Materials wird vom Hygienischen Institut der Universität untersucht. Obwohl hierdurch ein sehr erheblicher Materialanteil von vornherein außer Betracht bleibt, beziffern sich die bakteriologischen Untersuchungen des Amtes alljährlich immer noch auf 50—60 000 Fälle.
Serologische Untersuchungen werden oorgenommen zur Feststellung von Typhus, Paratyphus, Ruhr, Abortus Bang usw., ferner zur Anstellung der Wassermannschen Reaktion und der Flockungs- und Trübungs-Reaktionen zum Nachweis der Syphilis. Alljährlich hat das Amt etwa 10—15 000 serologische Untersuchungen durchzuführen.
Chemisch-physikalische Untersuchungen von Urin, Gallensteinen, Harnsteinen usw. sind in jedem Jahre nur in geringer Zahl, nämlich etwa 500 Fälle, vor- zunehmen.
Der Kampf gegen Seuchen.
Es kann sein, daß das Untersuchungsamt plötzlich vor sehr große Aufgaben gestellt ist, wenn in einem Orte des Landes Hessen eine Seuche ausbricht. Das Amt nimmt dann gemeinsam mit dem zuständigen staatlichen Gesundheitsamt die notwendigen Ermittlungen vor, um die Seuchenursache festzustellen.
und gibt die Maßnahmen zur erfolgreichen Bekämpfung der Seuche an. Bei größeren Epidemien — z. B. im vorigen Jahre bei den Paratyphusfällen in Grünberg — werden u. a. öffentliche Vorträge zur Aufklärung und Belehrung der Bevölkerung veranstaltet. Ferner werden umfangreiche Untersuchungen angestellt, um die Bazillenträger ausfindig zu machen, d. h. solche Personen, die selbst nie krank waren und doch die Bakterien ausscheiden. So wurden beispielsweise im vorigen Jahre in verschiedenen Orten mehrere Paratyphus-Bazillenträger und ein Typhus-Bazillenträger festgestellt, die selbst nicht erkrankt waren und durch die wahrscheinlich Massenerkrankungen hervorgerufen worden sind. Solche Pesonen erhalten entsprechende Belehrungen über die erforderlichen Maßnahmen der Gesundheitspflege, und wenn sie diese Ratschläge befolgen, sind sie für ihre Umgebung völlig ungefährlich. Das Untersuchungsamt muß natürlich auch jederzeit bereit sein, die zur Bekämpfung von Typhus, Paratyphus, Diphterie usw. erforderlichen Einrichtungen und Gefäße zur Aufnahme des notwendigen Untersuchungsmaterials den Aerzten und Apocheken zur Verfügung stellen zu können und die Untersuchungen selbst in kürzester Zeit durchzuführen.
Dank der engen Zusammenarbeit mit den staatlichen Gesundheitsämtern, den übrigen Behörden und den zuständigen ParteidienMellen konnten in den letzten Jahren sämtliche Epidemien bereits im Keime erstickt werden, so daß umfangreiche Epidemien — wie sie noch vor etwa zehn Jahren in Oberhessen vorkamen, z. B. in den Kreisen Lauterbach und Schotten, wo damals etwa 300 Personen an Paratyphus erkrankt waren — nicht mehr vor- gekommen sind.
Wenn die Seuche bereits vorhanden ist, werden den betroffenen Personen Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt. Krankenschwestern und Desinfektoren überwachen die laufende Desinfektion der Abgänge, der Wäsche usw., die Isolierung der Kranken, die am besten in die Klinik eingeliefert werden. Wenn trotz aller dieser Maßnahmen noch kein Stillstand der Seuche eintritt, wird die Ausfuhr von Nahrungsmitteln (Milch, Butter, Obst usw.) aus diesen Orten untersagt, die Schließung der Schulen wird angeordnet, die Zusammenkünfte in Versammlungen, auf Märkten, Messen usw. werden untersagt, und vor allem wird bei dieser Gelegenheit auf die strengste Durchführung aller hygienischen Maßnahmen (einwandfreie Beseitigung der Hausabwässer, einwandfreier Zustand der Abortverhältnisse, sorgfältigste Straßenreinigung usw.) in dem Orte sorgsam geachtet. Durch derartige Maßnahmen wird eine Seuche gewöhnlich in kürzester Zeit vollständig niedergekämpft. Hand in Hand mit den bakteriologischen Untersuchungen gehen natürlich auch, besonders in solchen Fällen, die serologischen Untersuchungen.
Gesundheitsuntersuchungen
als vorbeugende Maßnahme.
Durch das Untersuchungsamt werden auch bei allen Kindern, die von der NSV. oder von den Schulen in Erholungsheime oder in Lager verschickt werden, vor Antritt der Reise die erforderlichen
Untersuchungen auf Diphtherie-Bazillen oorgenommen. Es handelt sich hier um Tausende von Kindern, im vorigen Jahre allein um rund 7000. Laufenden Gesundheitsuntersuchungen durch das Amt unterstehen ferner das männliche und weibliche- Küchenpersonal von Krankenhäusern, Heil- und Pflegeanstalten, Arbeitsdienstlagern und Gefangenenanstalten im ganzen Gau Hessen-Nassau.
Alljährlich werden von dem Untersuchungsamt rund 20 000 Versandgefäße für Untersucl)ungsmate- rial an die Apotheken in ganz Hessen kostenlos abgegeben, um dort an die Aerzte weiteraeleitet zu werden. Es handelt sich dabei um Derfandgefäße mit Glasröhren zur Aufnahme der Ausscheidungen. Nach reichsgesetzlichen Vorschriften müssen diese (Se-
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fäße besonders verpackt sein, um jede Gefährdung anderer Menschen auf dem Beförderungswege von vornherein auszuschalten. Zu diesem Zwecke werden die Glasröhren in einen entsprechenden und verschließbaren Mechbehälter gesteckt, der dann in einti Holzhülse kommt, die wiederum mit starkem Packpapier nach außen sicher abgeschlossen wird. Die! Kosten für diesen vorbeugenden Gesundheitsdienst übernimmt allein der Staat.
Herstellung von Impfstoffen.
Ein wichtiges Arbeitsgebiet des Amtes ist der Herstellung von Impfstoffen gewidmet. Es handelt sich hierbei um Vaccinen. Die Bakterien werden aus dem Krankheitsmaterial herausgezüchtet und dann abaetötet. Hierauf erfolgt mittels Kochsalzlösung eine bestimmte Verdünnung, wodurch mehrere hundert Millionen Keime in einem Kubikzentimeter zur Verimpfung an die Aerzte abgegeben werden. Der, artige Vaccinen werden hauptsächlich flur Bekämpfung von Furunkeln, bei Blasenentzündungen, Nie, renveckenentzündungen u. a. Krankheiten verwandte
Wafferuntersuchungen.
Bei der Bekämpfung von Seuchen kommt den Untersuchungen des Wassers eine außerordentliche Bedeutung zu. Es ist bekannt, daß viele Typhusepidemien auf schlechtes Trink wasser zurückzuführen sind. Deshalb werden von dem Amt fortlaufend in großem Umfange Wasseruntersuchungen vorgenommen. Das Amt untersucht regelmäßig alle Schulbrunnen in Hessen und im Kreise Dillenburg. Ferner schicken Gemeinden aus ganz Hessen von Zeit zu Zeit Pröben ihres Wassers in besonderen Gefäßen zur Untersuchung ein. Außerdem werden sämtliche Wasserversorgungsstellen der Arbeitsdienstlager in Hessen-Nassau von dem Untersuchungsamt ständig kontrolliert. Die Untersuchungen des Wassers werden in bakteriologischer und chemischer Hinsicht
zur Arbeit für die Stärkung der Wehrkraft und des Wehrgeistes des gesamten deutschen Volkes sein. Dem SA.-Mann selbst werden sie Auftrieb für die Arbeit der Zukunft geben. Dem deutschen Manne aber sollen sie Ansporn und Richtung für seinen Einsatz sein, sie sollen ihm das Bewußtsein geben, daß nur der Kämpfende bestehen kann, und nur das, was stark ist und zu kämpfen vermag, Lebensberechtigung auf dieser Erde besitzt. Kommen diese Männer mit dieser Ueberzeugung zu uns in die SA.--Wehrmannschaften und verstehen sie in diesem Sinne den Vormarsch der Sturmabteilungen Adcklf Hitlers, der nie deutlicher als an solchen Sport- und Wehrsportkampftagen zu spüren ist, dann wird das Ziel der totalen Wehrhaftmachung des deutschen Mannestums nicht mehr fernstehen.
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag und Sonntag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Drei Frauen um Verdi". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Nach Mexiko verschleppt". — Don 10 bis 20 Uhr im Hotel Kobel Modellschau „Statt Mietwohnung — ein eigenes Haus".
NSV., Ortsgruppe Gießen-Ost.
Velr.: Lebensmittelopferring.
In der Zeit vom 4. bis 7. Juni wird im Be- reiche unserer Ortsgruppe die Sammlung zum Lebensmittelopferring durch die NS.-Frauenschaft durchgeführt. Die Volksgenossen werden gebeten, während der Sommermonate ihre Geldspenden der
NSV. zum Zwecke der Volksgesundheit zur Verfügung zu stellen.
Seit Pfingsten vermißt.
Am 1. Pfingstfeiertag, 28. Mai, begab sich der 40 Jahre alte Eisenbahnarbeiter Karl Schneid- müller aus Watzenborn-Steinberg mit einem Kleinmotorrad VH 63 500 aus eine Fahrt. Bisher ist der Mann, der zu Hause eine Frau und fünf Kinder von zwei bis 16 Jahren hat, von dieser Fahrt nicht zurückgekehrt. Ob er unterwegs irgendwo verunglückt ist, oder wo er sich aufhält, ist bisher nicht bekannt. Nachrichten über den Verbleib des Mannes sind an die Gendarmerieinspektion Gießen, oder an die Gendarmeriestation Watzenborn-Steinberg zu richten.
Chosref, der Seefahrer.
Alttürkische Anekdote von Karl Lerbs.
Als das weltverwandelnde Jahrhundert, das die christliche Zeitreichnungdas neunzehnte nennt, unter einigem Äirm seine Mitte erreicht hatte, versammelte Abd-ul-Medschid, der damals in Konstantinopel thronende Beherrscher der Gläubigen, seinen Diwan um sich und forderte die durch Ehrfurcht und Amtsbürde gekrümmten Würdenträger auf, raschen und guten Rat zu geben: Ihre Britische Majestät habe, wie alle Kulturländer, so auch die Türkei durch ihren Vertreter bei der Hohen Pforte eingeladen, auf der zu Londra vorbereiteten Weltausstellung die edelsten Erzeugnisse des Landes zu zeigen. Welches sind, so wünschte der Padischah mit strenger Dringlichkeit Au wissen, die edelsten Er- zeubnisse unseres Landes? Hier ließ der Groß- rocfir, als genießerischer Kenner aller mehr ober minder erlaubten vorparadiesischen Freuden, ein stummes Lächeln in seinem silberweißen Bart ver- idjroinbeu; der Scheich ül Islam drückte durch eine abwehrende Gebärde aus, daß es ihm unmöglich schien, den Ungläubigen die Wertbegriffe der Gläubigen au vermitteln; die übrigen Minister stotterten Vorschläge, die der Großherr mit unwilligem Brauenzucken verwarf; der Seraskier-Pascha aber, auf seine Bitte hin für einige Minuten beurlaubt, ließ zu den Füßen des Sultans drei krumme Säbel in herrlich ziselierten Scheiden niederlegen, entblößte sie und zauberte auf dem bläulichen Stahl der geschmeidigen Klingen blitzendes Gefunkel hervor. Das war die Lösung; und der Kapudan- Pascha, als Befehlshaber der Flotte, vermaß sich, unter seinen Kapitänen einen Seemann au finden, der imstande war, das kostbare Gut ins Nebelreich der englischen Königin zu schaffen.
Stumm, verbissen, den Blick starr auf seinen Kompaß gerichtet, lenkte Chosref Mustafa Effendi, der tapfere Kapitän, seine martialisch qualmende Fregatte durch das heimisch vertraute Marmara- mcer in die Dardanellen, „Schykr Allah!" hatte er gesagt, als der Blick des Admirals ihn unter allen Kameraden ausersah: „Hier ist mein Kompaß. — geradeaus liegt Londra; ich habe Segel, ich habe Kohlen, ich habe Kanonen, Wallahi, ich werde schon hinkommen, Effendim." Das war mannhaft gesprv- chen; aber Allah wollte bas mutige Herz feines getreuen Knechtes erproben und schickte ihm vor Abydos einen Nebel, aus dessen grauer Finsternis cs kein (Entrinnen gab: fo daß Chosref Mustafa
nicht weit von der Stelle, wo einst die kalten Wellen des Hellespont Leanders brennendes Leben löschten, krachend auflief. Da konnten nun freilich Kompaß, Seael und Kohlen nicht helfen, und Chosref besann sich auf die Kanonen. ,stZaß schießen!" befahl er seinem Leutnant, und der Leutnant ließ schießen, bis der Donner ein englisches Kanonenboot herbeilockte, dessen Kommandant entrüstet ermitteln wollte, wer da ohne Genehmigung der britischen Regierung eine Seeschlacht veranstaltete. Der erheiterte Englishman machte den festgetriebenen Halbmond wieder flott, geleitete ihn höflich ein gutes Stück Weges und entließ ihn mit vielen ebenso herzlichen wie notwendigen Wünschen.
Stumm, verbissen, den Blick starr auf seinen Kompaß gerichtet, lenkte Chosref Mustafa Effendi stin Fahrzeug durch den Archipel, ohne eine einzige 3nfel zu beschädigen, flog unter flammenden Him- meln über flammende Meere nordwärts dahin und sichtete schließlich einen Hafen, der unter lauen Regenschleiern lag. „Allah sei egpriesen — da sind ®ir!" fa9te er zu seinem Leutnant. „Beim Barte des Propheten, das ist ein großer Tag. Flaggt über alle Toppen, laß den Anker fallen und gib großen Samt! Wozu hat uns der Padischah — Allah schenke ihm ein langes Leben! — das viele Pulver mitgegeben?"
Der Donner der 101 Schüsse rollte brummend über die Bucht; und noch ehe er verhallt war, löste sich von der Kaje, auf der sich eine verstörte Menschenmenge drängte, eine Pinasse mit einem einzelnen Herrn darin. Dieser Herr war beleibt, trug Zum fränkischen Anzug einen roten Fez, kletterte etwas kurzatmig an Bord und mar des Padilchah bestallter Konsul. 7
_ "^ll<ch segne dich und dein Haus!" sagte der Konsul, „aber warum, Effendim, schießest du hier wie daheim beim Kurban-Beiram, dem hohen Fest? „Weil ich endlich in Londra bin" verlebte Chosref mit seemänischer Kürze. „Allah erleuchte dich!" rief der Konsul, „aber du bist nicht in Lon- bra, und nur ein Wunder Allahs kann dich auf die- fern Wege hinführen. Du bist in Livorno" , Bring mich an Land, Effendim", sagte Chosref ernst und gefaßt.
Stumm verbissen, den Blick starr auf die nagelneue Bussole gerichtet, die er sich in Livorno für schweres Geld gelaust hatte, lenkte der Kapitän des Großherrn sein Fahrzeug gen Westen, bis er, nach manchem siegreich bestandenen Streit mit seiner Dampfmaschine, vor einem mächttgen Hafen anlangte
und auf der Reede vor Anker ging. Man wird erraten, wie seine Befehle lauteten und wer in der Pinasse saß, die sich durch einen Schwarm neugierig herbeieilender Fahrzeuge mühsam einen Weg bahnte.
„Allah wende deine Gedanken zur Vernunft", »etwas kurzatmig z des GroAerrn beleibter ul und lüftete den roten Fez, um sich den kahlen Schädel zu trocknen. „Warum forderst du durch deinen Kanonenlärm die bewaffnete Macht dieses Landes zur Mobilmachung heraus?" Chosref sagte ihm alles. „Allah sei Mr gnädig, Effendim!" stöhnte der Konsul. „Du bist noch lange nicht in Londra — du bist in Marseille." Da sprang dem Chosref Mustafa bas blitzende Feuer des Zornes aus den Augen, und fein vor Wut und Triumph bebender Zeigefinger wies auf die Bussole. „Lies, Effendim!" brüllte er. „Hier sind wir — und hier sicht, daß wir in Londra sind. Es sind die Buchstaben der Ungläubigen, aber ich habe mir sie erklären lassen. Können deine blinden Eulenaugen sie lesen?" „Nicht nur sie, auch das, was sonst noch dasteht", versetzte der Konsul gelassen. „Was du hier unter dem Wort Marseille siehst, lautet: London, by F. Smith, 91 Great Street* — und cs ist die Firma des Mannes, der diese Bussole gemacht hat. Allah binde deine Zunge, kühle dein Blut und de- sänsttge dein Herz."
Viele Häfen noch, große und kleine, sonnenbeglänzte und von Stürmen umheulte, säumten den Seeweg, den Chosref Mustafa zu fahren hatte; an allen aber steuerte der schweigsame Pilot, der in Marseille als Abgesandter des Konsuls an Bord gekommen war, vorüber, und auch die eisernen Schlünde der Kanonen schwiegen. Sie schwiegen sogar, als Chosref in die Themsemündung einlief und ohne Festgeprage vor Anker ging — denn er hatte bas Gefühl, daß er Allahs Zorn reizte, wenn er allzu hörbar triumphierte.
Der Leiter der Londoner Weltausstellung nahm persönlich (so hatte Chosref Mustafa es gewollt und durchgesetzt) aus dem geheimnisvollen Schrein den man in fein Zimmer trug, die auf blauen Samt gebetteten Säbel und musterte sie funftoer« ständig. Dann betrachtete er nachdenklich den kühnen Kapitän, der trotzig und breitbeinig baftanb, em stammmiger Held, Sindbad und Odysseus in einer Person. Gedampft klang durch das Fenster die fiärmbranbung der Weltstadt herein. Die drei pröbel funkelten.
„Sagen Sie, Sir" — der Engländer wandte sich an den AttachL der Türkischen Botschaft, der als
Dolmetscher mitgekommen war — „für welches Land wollen Sie diese Waffen ausstellen?"
Der Attache gedachte entrüstet zu antworten, aber der lange Zeigefinger des Engländers zwang ihn, erst die Schrift zu lesen, die auf dem Rücken der drei Klingen eingraviert war. Er las sie und wankte. Es waren nette, runde, zierliche Buchstaben; und sie lauteten: „Made in Germany. P. Knecht, Solingen."
Emil Euscoleca, dtzrMaler der Hochalmspitzrundschau, 1°.
Der kürzlich in Wien im 64. Lebensjahre verstorbene Bergrat Dipl.-Jng. Emil Cuscoleca, als Direktor der Oesterreichischen Alpinen Montangesell- schaft ein hervorragender Fachmann steirischen Berg- bau- und Hüttenwesens, war auch als Alpenmaler im Gebiete der Ankogelgruppe tätig, wo — am Südhange der königlichen Hochalmspitze (3362 Meter) — das schöne Schutzhaus des Alpenoereins- Aweiges Gießen-Oberhessen steht. Als dieses herrliche Tauerngebiet in Bergsteigerkreisen noch wenig bekannt war, nahm Cuscoleca im August 1894 die Rundschau vorn Hochalmspitzgipfel, die sich über die ganzen Ostalpen erstreckt, unter meiner Mitarbeit auf. Das von ihm allein hergestellte Originalgemälde des großartigen Panoramas mit Inschriften auf einer Umrißzeichnung schmückt neben anderen Bildern des Künsllers das Alpenvereinszimmer des Gasthofes Kohlmayr in Gmünd (Kärnten), wo die Mitglieder des Zweiges Gießen - Oberhessen einkehren. Die Rundschau wurde 1910 vom Zweige Hannover im Druck herausgege- ben, eine verkleinerte Wiedergabe wurde dem „Ankogelführer" von R. Hüttig und F. Kordon beigefügt.
In der Gießener Hütte im Gößgraben grüßt die Besucher ein Oeldild der Hochalmlpitze in leuchtenden Farben, von Cuscoleca gemalt, vom Zweige Hannover 1913 den Gießenern zur Weihe ihrer Hütte gespendet. Dieses schöne Werk und manche anderen Bilder im Besitze von Alpenvereinszweigen und Kärntner Freunden halten die Erinnerung an einen Mann fest, der seiner Liebe zu stolzen lauernbergen innigen Ausdruck gab, indem er ihre erhabene Schönheit künstlerisch verherrlichte.
Mr. Frido Kordon, Ehrenmitglied des Zweiges Gießen- Oberhessen des Deutschen Alpenoereins«


