Nr.224 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)24./2S. September M8
Lichterlebnis Oesterreich.
Von Karl Dans (Strobl
Drei Dinge und Mächte müssen Zusammenwirken, wenn aus der Photographie ein Kunstwerk werden soll: der Gegenstand, der Mensch und das Licht, und dieses auch wieder in dreifacher Hinsicht, selbst als Gegenstand, als technischer Helfer des Menschen durch das Mittel der Kamera und als irrationale beseelende Macht. Wo diese drei Bindungen einoer- ständlich Zusammenwirken, Entsteht das vollkommene lichtbildnerische Kunstwerk.
Und einer seiner größten Meister heißt Kurt Hielscher. Er hat einen großen Teil der Länder Europas als sehnsüchtiger Sucher des Lichtes durchwandert und zu den Büchern, die wir schon schätzen und lieben, schenkt er uns jetzt wieder in neuer Gestalt (im Verlag F. 2l. Brockhaus, Leipzig) sein Lichterlebnis „O e st e r r e i ch"*.
„Landschaft und Baukunst" lautet der Untertitel dieses neuen Bildbuches, aber es ist mehr als bloß Landschaft und Baukunst Oesterreichs darin, es ist die Seele der Natur und Kunst Oesterreichs-, mit unendlicher Zärtlichkeit und Behutsamkeit ist sie darin gerade so weit enthüllt, als es das Feingefühl des Künstlers gestattet. Denn der wirkliche Künstler wird nicht alles mit rauher Deutlichkeit Herausstellen, sondern er wird wie den Menschen so den Dingen ihr letztes Geheimnis nicht wegziehen. Wie groß die Künstlerschaft Hielschers ist,' ist gerade daran abzunehmen, daß bei ihm das Lichtbild niemals eine „unerbittliche" Urkunde der Wirklichkeit wird, sondern daß es allem seinen zarten Schleier läßt; daß es nicht bloß dadurch beglückt, was es zeigt, sondern dadurch erregt und spannt, was es uns oorenthält und bloß ahnen läßt
Keines der Bilder ist so, daß es dahin zufriedenstellt, ein Stück Wirklichkeit so zu sehen, wie es sich der Kamera geboten hat. „Ja, ja, so ist es, ganz genau so, so unsagbar schön!" Wir stimmen zu,'und damit ist der Fall dann zumeist erledigt. Aber bei den Bildern Hielschers ist keines, das nicht eine Sehnsucht offenließe. Was ist es, was sich hinter jenen Fernen verbirgt? Wie beseligend müßte es sein, diese Straße weiter zu gehen oder hinter diesem Giebelhaus das Winkelwerk der alten Gäßchen zu erforschen! Was wird geschehen, wenn sich nun der Nebel von jenen Bergspitzen hebt?
Diese Bilder geben niemals etwas vollkommen Fertiges, etwas in seinem Sosein Abgeschlossenes, sondern sie tragen bewegende Kräfte in sich, sie haben eine mild beunruhigende, magische, dynamische Macht. Das Licht ist bei Hielschers großer Helfer. Gleich das erste Bild des Bandes! Hundertmal hat man Salzburg gesehen, im Sommer und im Winter, vom Kapuzinerberg, vom Mönchsberg, vom Nonn- berg ... aber dieses Salzburg, das da unter kräftig schattenden Bäumen in der Tiefe liegt, in einen silbernen Duft gehüllt, mit einzelnen Glanzlichtern der Sonne auf Dächern und Kuppeln, das ist eine Märchenstadt geworden, es liegt irgendwo in der Nähe des Zauberwaldes von Brezilian oder sonst in einer Fabellandschaft, in der die Sagen vom Hof des Königs Artus heimisch sind. Oder die Waldlichtung am Mondsee, von der man den Schaiberg durch den leichten Morgennebel über der Wasserfläche gerade nur als schattenhaften Umriß erblickt.
Nun darf man nicht etwa glauben, Hielschers Kunst bestehe in einem Kunstgriff, etwa dem ver- schwimmenden Umriß, erzeugt durch Gegenlichtaufnahmen. Er weicht auch der vollen Klarheit und Deutlichkeit nicht aus, wo sie ihm durch Gegenstand und Stimmung gefordert scheinen. Seine Winterbilder sind dafür Zeugnis oder die Aufnahmen aus dem Hochgebirge. Auf der Pasterze ist jede Gletscherspalte bis hoch hinauf zu erkennen, auf dem Gipfelbild des Großglockners ist der Unterschied zwischen den Windkämmen des Schneefeldes im Vordergrund und der unberührten Glätte des Firnes im Wind-
* Kurt Hielscher: „Oesterreich. Landschaft und Baukunst". 240 ganzseitige Bilder in Kupfertiefdruck. Mit einem Vorwort des Lichtbildners und einer Karte. Preis Leinen 6,80 Mark. Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig._________________
vl.a^en iE bergsteigerischer Sachlichkeit gesehen. Aber auch hier ist immer etwas geheimnisvoll Erregendes, immer dieses Gehen ins Bild hinein, diese Magie des Raumes.
Hielschers erster Berg war — vor vielen Jahren — die Oetztaler Wildspitze. Er erzählt, daß er sich im Nebel hinauf und im Nebel hinabgekämpft hat „ ... kein einziger Fernblick ... nichts als Gletscher und Schnee und Grauweiß um mich", lieber eben biete Wildspitze hat er später Siege lichtbildnerischer Klarheit errungen, deren Zeugnisse zwei der schön- schen Berabilder des Bandes sind. Für Fernsichten von Berghöhen hat aber Hielscher nicht viel übrig. Er unterscheidet zwischen Auge und Kamera, was für das Auge schön und bedeutend ist, das bleibt für das Lichtbild nüchtern und unkünstlerisch; die Fernsicht ist Landkarte oder Relief, sachlich belehrend und trocken, und kann nur durch besondere Verhältnisse des Lichtes zum Erlebnis werden, das den Dichter in Hielscher bewegt.
Es wäre von allerhand technischen Dingen und Hilfen zu sprechen deren sich Hielscher bedient, aber die mag sich jeder selbst aus den Bildern herauslesen und nachzuahmen versuchen — wenn er es kann. Es ist so, daß man Gassen ober Landschaften bei Hielscher sieht, die man genau kennt; aber wenn man seine Bilder sieht, dann fragt man sich: „Warum habe i ch es nicht so gesehen?" Es ist immer wie eine Offenbarung, die einem zuteil wird. Die abgespieltesten Motive zeigen ein fast völlig anderes Gesicht; dieses zehntausendmal geknipste Heiligenblut zum Beispiel, wie wird da der Aufbau des Tales, sein erst sanfter, bann schroffer Anstieg bis zu ben Schneegipfeln der Ferne zwischen ben beiben Lärchen bes Vordergrundes hinburch sachgetreu unb boch mit künstlerischer Beseeltheit bargestellt!
Soll ich sagen, was unter den Bildern dieses Bandes mir am tiefsten und erareifenbften wirksam scheint, so nenne ich nur zaghaft etwa die Frauenbergkirche in Stern a. D. mit der weißen Wolkenwand hinter dem hohen Kirchturm, die Stiftskirche Zwettl mit der Wasserspiegelung des barocken Turmes, das Sttipsenjoch im Wilden Kaiser mit dem Kruzifix vor der abstürzenden Felswand und das Zuckerhütl, in feiner ungeheuerlichen, schlichten Größe das gewaltigste Bergbild, das ich kenne. Ein paar Menschlein krabbeln da auf dem Schneefeld hinan, verschwindend winzig vor der Wucht dieses steilen Gipfels. Sie dienen nur dazu, durch ihre Kleinheit die herrliche Majestät des Riesen zu bestätigen. Den Menschen geht Hielscher auf feinen Landschaftsbildern sonst zumeist aus dem Weg. Kaum hie und da einmal so ein Gewürm, das, wie hier, die Allgewalt der Natur nur zu bestätigen hat.
Oesterreich war Hielschers erste Wanderliebe, die erste Fahrt über die Grenzen des damaligen Deutschland führte ihn in die Berge unserer Heimat. Was er auch seither gesehen und erlebt hat, er ist seiner ersten Liebe treu geblieben, und als ihn Oesterreichs damaliger Bundespräsident Hainisch 1926 ein lud, auch Oesterreich seine Kunst zu widmen, da griff er mit Begeisterung zu. Aus den fünfzehn Monaten seiner Oesterreichfahrt hat er 1600 Aufnahmen heirn- aebracht, der geringste Teil wurde ausgewählt. Jetzt ist aus dem Oesterreich des Jahres 1926 durch die Sturm- und Drang-Zeit der letzten Vergangenheit hindurch des Reiches Ostmark geworden. In neuer Gestalt erscheint Hielschers Buch als Gruß des alten Reiches an das heimgekehrte Land, als Rechenschaftsbericht eines Künstlers, was in dieser Schatzkammer der Natur und Kunst an Schönem und Erhabenem, Traulichem und Ueberwältigendem zu finden ist, als Bekenntnis des Lichterlebnisses Oesterreich.
Oie Legende der tschechischen Legionen.
Oie Armee der lleberläufer auf ihrem Zug durch Sibirien 1918/20.
IV.
Die letzten Wochen der Legionen in Wladiwostok sind ein wüstes Etappenleben in Saus und Braus. Man hat nicht nur viel mehr von allem zu Verfügung, was man braucht; man kann auch alles kaufen, was man haben will, braucht sich nichts zu versagen. Das liegt nicht etwa nur an den vielen Millionen, die man dem Admiral Koltjchak fortgenommen hat, oh nein. Die Tschechen haben vor der Abreise aus Irkutsk noch einen Raub großen Stils durchgeführt: man hat die gesamten Vorräte der dortigen russischen Staatsbank an Bargeld, in Scheinen und Goldmünzen und aus der Reichsdruckerei die Klischees der russischen Reichsdruckerei für 1000-Rubel-Banknoten an sich genommen und druckt nun auf der Fahrt von Irkutsk nach Wladiwostok und während des Aufenthaltes in der fernöstlichen Hafenstadt unentwegt 1000-Rubel-Noten in hellen Haufen!
Aber ist den Kämpfern der tschechischen Legionen diese Erholungszeit in Wladiwostok nach einem so langen schweren „Feldzuge" nicht- zu gönnen? Bogdan Pawlu, einer der Organisatoren, schreibt in seinem Tagebuch mitten im „Feldzuge" am 15. Oktober 1919: „Man kann wirklich nicht sagen, daß unsere Truppen physisch irgendwie angegriffen wären. Schon lange waren sie in keinem fo ausgezeichneten Zustande wie jetzt und wir machen der Republik ein prachtvolles Geschenk, wenn wir als intakte Truppe nach Europa kommen." Ein Kommentar von zuständigster Seite über die „kriegerischen Leistungen" der tschechischen Legionen, der keines Wortes weiter bedarf.
Kurz vor der Abreise aus Wladiwostok gibt es dann schließlich noch einen Sonderskandal um „General" Gajda. Die dortige Presse nennt ihn ganz ungeschminkt einen Hochstapler, der als Habenichts aus Oesterreich geflohen fei und nun als „General" und steinreicher Mann zurückkehre. Die Legionärsleitung, in größter Verlegenheit, kann das nicht
bestreiten, verweist aber in einer Entgegnung auf „feine einstigen Verdienste um Rußland". Darauf antwortet die Wladiwostoker Presse kurz und deutlich: „Rußland weiß nichts von solchen Verdiensten, und sollte er doch irgendwelche gehabt haben, so soll man nicht vergessen, daß auch Judas vor seinem Verrat an Christus zu dessen Jüngern gezählt hat."
Die 37 Dampfer der Tschechen einschließlich der Herren „Generale" Gajda und Sirovy, und ihres reichhaltigen, unermeßlichen Raubes gelangen in bester Verfassung nach Europa. Die Legionen werden in der Tschechei als Nationalhelden begrüßt und bilden mit ihrer militärischen Stärke von 50 000 Mann und mit ihrer riesigen Beute an Edelmetallen, Maschinen, Materialien usw. wohl die seltsamste Grundlage, die jemals ein modernes Staatswesen gehabt hat, ein merkwürdiges Seitenstück zu den dokumentarischen Fälschungen und Betrügereien der führenden tschechischen, Politiker 1919 in Paris. Die Legionäre gründen mit ihrem Reichtum eine Bank, beiläufig mit dem relativ geringen Anfangskapital von 70 Millionen Tschechenkronen, die nach der Behauptung des bereits erwähnt-m Dr. Rasche die Summe der den Legionären in Sibirien abgezogenen Löhnungs- und Verpflegungsgelder fein sollen! Die Bank baut sich ein Prachtgebäude mit riesigen Stahlkammern und ist 1931 das reichste Geldinstitut der Tschechei. Außer zahlreichen anderen Grundliegenschaften und sonstigen einträglichen Dingen besitzen die tschechischen Helden des sibirischen Raubzuges in Prag den Verlag „Pamjatnik Odboje". Seine Buchproduktion besteht in einem endlosen Strom von Selbstverherrlichungen der Legionäre. Zehn Jahre lang läßt die Tsche- chei in den Schulfibeln der Kinder unwidersprochen Behauptungen drucken wie die, die tschechischen Legionen ständen „ihrem Ruhme nach neben Alexander von Makedonien und Julius Cäsar". Altpräsident Masaryk tut was er kann, um das Dekorum der Legionen in seinem Buch „Die Weltrevo-
General Syrovy. — (Schirner-M.)
lution" zu wahren. Aber er muß selbst „die Disziplinlosigkeit der Soldaten, ihre Zügellosigkeit und allzu bolschewistische Gesinnung" zugeben, und bekümmert fügt er die Meldungen interalliierter Offiziere aus Fernost über die völlige Zuchtlosigkeit der Legionärssoldateska hinzu. Ganz anders sein Nachfolger, Dr. Bene sch. Die betreffende Stelle aus seinem Buch „Der Aufbruch der Nationen" sei kommentarlos hierhergestellt: „Die anabasis war militärisch und menschlich eine schöne und bedeutungsvolle, bewunderungswürdige, politisch eine für unseren Kampf charakteristische Sache... Besondere Wie steht es mit Ihren Augen?--Sehschärfe
und hiermit Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden lassen sich durch eine Brille steigern. Sprechen Sie doch einmal persönlich mit mir darüber.
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Anerkennung verdient die wirtschaftliche, finanzielle und kulturelle Arbeit unserer sibirischen Armee. In ihr äußerte sich, wie ich glaube, am besten der Genius unserer Rasse."
Niemals haben die Tschechen die Einzelheiten ihres sibirischen Zuges, vor allem nicht die Tragödie von Irkutsk dargestellt, aus sehr begreiflichen Gründen. Sie bestreiten selbstverständlich die endlose Kette gemeiner Verrätereien gegenüber Kolt- schak und dem weißrussischen Heere. Aber in den ersten Oktobertagen des vergangenen Jahres, als in Irkutsk ein hoher Sowjetfunktionär, der Jude T s ch u d n o w s k y , von der GPU. erschossen wurde, schilderte ein tschechischer Legionär in einer Prager Zeitung, wie dieser Jude den Admiral K o 11 s ch a k unter zynischen Spottreden niedergeknallt hatte. Die Schilderung, die uns im Wortlaut vorliegt, belegt ebenso eindeutig wie unfreiwillig den niederträchtigen Verrat der Legionen an dem weißrussischen Heer. Gajda, langjähriger tschechischer Nationalheld, 1926 sogar zum Generalstabschef berufen, wurde am 22. Dezember 1926 wegen verschiedenes Skandalaffären, die aber bezeichnenderweise nichts mit Sibirien zu tun hatten, degradiert, saß 1929 sogar zwei Monate im Kerker und verlor schließlich auch seine Generalspension, ist seit 1934 aber wieder tschechischer Parlamentarier.
Hauch ihres Daseins. Ich sehe mich mit ihr und den 'Kindern vor einer kleinen Konditorei, die Mäd- in ihren hellen Sommerkleidern, Mary den Kuchen mütterlich perteilenb. Ich sehe mich mit Mary vor dem Türchen des Vorgartens der Pension, als wir von einem Gang zurückkehren, plötzlich von meinem Freund W., der damals als aktiver Oberleutnant die Kriegsakademie besuchte, angehalten; ich sehe, wie ich oorfteUe, ihn in der bunten Vorkriegsuniform, sie in einem blauen Kleid, sehr elegant, während die Sonne des Mittags um uns flimmert. Und ich sehe mich endlich eines Nachmittags, von Mary in ihr Zimmer gerufen, um ihr zu helfen, den übervollen Koffer zu schließen; denn unerwartet hatte sie telegraphisch die Aufforderung von ihrem Vater erhalten, sofort nach London zurückzukehren. Ich sehe, wie ich mich um den Koffer bemühe; es war gleich getan, und Mary stand dabei und sah mich an und reichte mir die Hand. „Thank you“, sagte sie; sonst hatte sie immer deutsch mit mir gesprochen, dieses triviale „Thank you“ war das einzige Wort ihrer Muttersprache, das sie zu mir sagte, und wenn ich auch ihr Gesicht und alle Einzelheiten längst vergessen habe, dies weiß ich noch, daß etwas Zärtliches in diesen ©orten ihrer Muttersprache lag, das ich leicht und glücklich spürte.
Sie reifte, und als ich wreder mit den Kindern in der Konditorei saß, sprachen wir von Mary, und da erst fiel mir der Tsn ihres „Thank you“ ein, und ich dachte: Sie ist nicht mehr da, Mary ist fort- gefahren. .
Aber eine Woche später brach der Krieg aus, und es gab wichtigere Dinge zu denken. Ich vergaß Mary, oder wenn ich dann und wann noch emmal flüchtig an sie dachte, so war es nur „Mary sitzt in England". Sie rückte immer ferner und verschwand in den Nebeln der Zeit. In vielen Jahren habe ich mich jener Sommertage mit Mary und den Kindern nur selten und oberflächlich erinnert, bis zu jenem einsamen Abend, wo sie plötzlich ungewöhnlich deutlich vor mit auftauchte und ich —' ich weiß noch heute nicht, wie es ZUgmg, und ob es Wahrheit oder Täuschung war — den Gruß von ihr empfing wie aus einer unwirklichen Welt.
Ich hielt mich einige Tage in einer kleinen otaot Süddeutschlands auf. Ich wohnte zwar im Hotel, aber ein Freund, der gerade verreist war hatte mir feine Wohnung zur Verfügung gestellt zum Arbeiten oder um es mir darin in meiner Freizeit aemütlich zu machen. In den ersten Tagen machte ich von diesem freundlichen Anerbieten kernen Gebrauch; dann aber kam em nebliger und kühler Abend, an dem ich noch etwas Schwieriges schreiben wollte, und ich begab mich m die leere Wohnung
Liebe aus dem Lautsprecher.
Von Otto Gmelin
Ich habe mich oft gefragt, ob die Liehe nicht in dem Augenblick ihre süßeste'Reinheit, ihre himmlische Schönheit verliert, wo die Liebenden sich das Geständnis machen, wo zu Worten wird, was vorher schwebendes Erlebnis war. Ist es nicht, als ob der leise Flügelschlag eines Engels rauschte, der sich zu feinen Räumen wendet, wenn das Unsagbare sich in Laut und Sprache formt?
Nie ist mir dieser Gedanke deutlicher geworden als bei jenem Bericht eines Freundes. Ich will ihn erzählen, so wie er mir erzählt wurde, in der Ichform denn ich glaube, nur dann kann man ganz die schwebenden Töne dieses Erlebnisses wieder- qeben. Hier nämlich ist den Liebenden der wirkliche Zustand ihres Innern verborgen geblieben, und kein Wort hat verraten und zerstört, was zwischen ihnen blühte. Mehr als ein Jahrzehnt verging, bis durch einen seltsamen Zufall das Ferne auslebte und plötzlich in die Erinnerung zum Wissen wurde^ was als es Gegenwart gewesen, sich nicht ans Licht gebracht ^°Jch suche mir — so berichtete mein Freund — vergeblich jene Sommertage in Berlin vor nun bald rrvanua Jahren zu vergegenwärtigen. Es gelingt mir kaum, Einzelheiten oder wenigstens nur nebensächliche Einzelheiten hervorzubringen. Ich sehe mem Zimmer in der Pension im Westen; ch ehe den Schreibtisch und meine ersten kleinen Arbeiten Ich sehe das Speisezimmer mit dem Balkon der auf die Allee hinausging, und die Kinder, mit denen^ich Halma spielte und in den Zoo gmg und .ns Museum für Völkerkunde. Ich entsinne mich merkwur- diaerweise daß ich ein Buch in einem hübschen Lederband las, ein amerikanisches- Büch, das von einem Bärenjäger irgendwo m «Hwla JanbeItc, ein starkes und schönes Buch; ich w^ß ® hingekommen ist. Die Mutter der Kinder hatte s mir geschenkt Und ich entsinne micht auch der Atitz Petersen, der jungen blonden Engländerin, die nachher an meinem Tisch saß. Ich glaube, Mary hieß sie Ich weiß nicht mehr, wie alles kam. denn cy habe nicht darauf geachtet, aber ich wurde 1Y schnell mit Mary bekannt Ich sehe mich neben ihr durch den Tiergarten gehen in fonnigen JJiorgen- früben, wenn Reiter durch die Alleen trabten und der zarte Dunst des Morgenlichtes zwischen stammen und Blattwerk glänzte Ich sebe mich neuen ihr auf der Bank einer Anlage — ich glaube m oe Kaiserallee — sitzen, und jeltjam, ich spure den
meines Freundes. Es ist ein seltsames Gefühl, plötzlich so zwischen den Dingen zu sein als ihr Herr und ausgeliehener Besitzer, die einem anderen gehören, die gewifsermaßen noch den Hauch des anderen atmen und vor der Berührung seiner Finger und dem Blick seiner Augen leben. Ich saß in dem federnden Stahlstuhle am Schreibtisch und schrieb beim Schein der Lampe, die zuletzt von seiner Hand angedreht worden war. Die fremöe und doch nicht wie im Hotel unpersönliche Umgebung, die Stille des Hauses und das Gefühl großer Ferne von aller verwirrenden Vielfältigkeit der Tage ließ meine Arbeit schnell gedeihen und setzte mich in eine Stimmung von Gelassenheit und Aufgeschlossenheit, wie ich sie selten hatte. Als ich fertig war, blieb ich noch eine Weile nachdenklich sitzen, gewahrte aber dann an meiner linken Seite den Radioapparat, und nicht um ernstlich zu hören, sondern nur um mich mit der Welt irgendwie in Verbindung zu bringen, setzte ich den Stecker ein und knipste. Zuerst war nur ein leises Gebrumm zu hören; ich drehte langsam an der Mittelschraube, ohne auf die Wellenlänge zu achten, und plötzlich war deutlich eine Stimme da. Es war ein Gedicht; ich rückte ein klein wenig, da war es ganz deuttich, von einer weiblichen Stimme:
„Warum nach soviel Jahren muß ichs sagen? Stirbt nicht auch diefes späte Wort im Wind? Es ist nicht mehr als alle' Worte sind.
Nur Engel Gottes könntens zu dir tragen."
Während ich diese erste Sttophe hörte, befiel mich ein seltsamer Zustand, denn die Aussprache war deutlich englischer Akzent, und mir war, als habe ich diese Stimme und diese Aussprache schon einmal gehört. Aber ich hatte keine Zeit zu überlegen, mit überwachen Sinnen hörte ich die zweite Strophe:
„Vielleicht, daß einer abends dich berührte, wenn sich der Lärm des Tags um dich verlor; so wie einst deine Stimme mich erkor, vielleicht das er dich doch noch zu mir führte." Aber da war es mir auch schon ganz klar: diese Stimme war Mary, etwas verändert, tiefer, metallener durch den Klang des Lautsprechers, aber doch unverkennbar. So hatte von fünfzehn Jahren im Zoo Mary gesprochen, so aber auch der Tonfall, so die Formung der einzelnen Laute, das „ch", so das „tr". Plötzlich wehte das Ferne mich mit Deutlichkeit an, und die Sommertage 1914 standen vor mir. Ich sah die Kinder, sah die Morgensonne im Tiergarten und die trabenden Reiter in der dunstigen Frühe, ich sah die kleine Konditorei, wo Mary die Kuchen teilte, sah ihre frauliche junge Hand, die Sommersprossen auf dem Rücken hatte,
und das Gelenk mit der Armbanduhr und viel mehr; ich sah mich selbst in einem Zustand heiterer Hingegebenheit an Tag und Stunde, wie er nur der gesunden Jugend möglich ist. Und ich hörte, schon mit zitternd bewegtem Herzen die dritte Sttophe von Marys Stimme:
„Nicht um zu fein — o Freund, das ist vergangen, nur daß es einmal grüßend dich erreicht.
Ich liebte dich — o wie war alles leicht
und wurde schwer und ist vom Dunst verhangen."
Und jetzt, indem ich dies hörte, von Marys ferner Stimme gesprochen, jetzt erst begriff ich das Glück jener Tage, und einen Augenblick wars. als müßte ich es noch einmal suchen wie etwas Verlorenes, das man wiederfinden kann. Jetzt auf einmal wußte ich nach so vielen Jahren, daß ich Mary geliebt hatte, und das Verlangen hob sich wie eine Flut, es ihr zu sagen, zu ihr zu eilen, ihr zu schreiben, ihr zu danken, sie zu grüßen. Ich sprang auf, ich glaubte sofort etwas tun zu müssen.
Aber im nächsten Augenblick verschwand das Gesumme im Apparat, ein Geknatter und Pfeifen, zugleich undeutliche Musik überlärmte alles andere. Ich drehte und versuchte, aber es gelang mir nicht, noch einmal irgend etwas zu finden, was zu jenen Worten passen konnte. Ich dachte daran, am nächsten Tag alle Sendeprogramme durchzusehen, ich saß' einsam und fast verloren in den fremden Zimmern.
Aber bann, als ich lange so gesessen hatte, begriff ich, daß es nichts zu tun gab. Irgendwann waren von zwei Menschen jene Sommertage gelebt worden zwischen Sonne und Kindern. Aber diese zwei Menschen, wo waren sie? Sie waren nicht mehr da. Irgendwo im All, in dem Gewebe großer und kleiner Begebenheiten waren jene Tage.' Mehr gab es nicht. Mehr konnte es nicht geben.
Ich stand auf und verließ die einsame Wohnung und ging durch die nächtliche stille Kleinstadt, ruhigen Herzens und beglückten Herzens und auch voll des Dankes.
Hochschulnachrichten.
Geh. Hofrat Professor Dr. Karl Bernhard Lehmann, em. Ordinarius für Gewerbehygiene, Toxikologie und botanische Bakteriologie an der Universität Würzburg, begeht am 27. September seinen 8 0. Geburtstag. Er wirkte früher in Zürich und München und wurde 1894 Ordinarius in Würzburg, wo er 1932 emeritiert wurde.
Dem Dr.-Jng. habil. Anton B e r r ist die Dozentur für das Fach „Landwirtschaftliche Zoologie" an der Technischen Hochschule M ü n ch en verliehen worden.


