MW «UKW«?
Roman von Hubert Nausse.
Copyright by Albert Langen/Georg Müller, München.
10. Fortsetzung. , (Nachdruck verboten!)
Immer noch, wie einst in ihren Kindertagen, lief der Fußpfad nach Losnitz ein Stück lang durch ein Kornfeld. Die Halme standen schon schulterhoch. Die schweren Aehren schlugen der Wandernden ins Gesicht. Kornblumen leuchteten blau. Es roch nach Brot und Erde. Als dann endlich das Halmenmeer au Ende war, sah Elisabeth am Horizont eine Wetterwand. Sie machte kehrt und ging den Pfad zurück.
Wieder diese wogende Unendlichkeit der Halme. Da hörte plötzlich der Wachtelkönig auf zu locken. Rebhühner schrien.
Jemand kam ihr entgegen!
„Fritz!" Sie ist verlegen und rot.
„Wie geht es dir, Elisabeth! Wir sehen uns nur sonntags, und jetzt beginnt die Ernte. Arbeit mehr als genug!"
Sein braunes Gesicht zeigte lachend in die Halme ringsum.
Es ist heiß und schwül und das Wetter liegt in der Luft.
Sie streift ihr Haar zurück.
Doch, es ginge ihr gut, sie lebe sich glänzend ein.
„Wirst du Ende August noch da sein? Da feiert mein Vater seinen siebzigsten Geburtstag, und wir wollen ein großes Fest daraus machen!"
Er weiß nicht einmal, daß sie bleiben will! Er hört, wie ihre Armbänder leise klirren! Sie stehen ganz nahe beieinander. Fast so nahe stehen sie wie damals hinter den Lorbeerbäumen!
„Also, da müssen sie kommen! Unbedingt! — Wir wollen wieder tanzen wie früher und schlich sein!"
„Ja!" sagt sie und sieht ihn an. „Wie früher!"
Die beiden sind fast gleich groß.
Hier in den Halmen sind sie ganz allein.
Die Sonne sticht. Die Luft flirrt. Leicht können die Sinne einem schwinden.
„Wie früher!" sagt Fritz.
Da fühlt sie seine Arme um sich und sinkt an seine Brust. Ein Glücksgefühl jauchzt in ihr hoch. Es ist alles wie einst, es ist alles wie damals!
„Elisabeth! Du! Süßes Mädel, du!"
Sie spürt seine Lippen, seinen Leib, seine Anne. Sie liegt an seiner Brust, sie hört ihn kaum, sie
Nr. 297 Dritter vlatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)Dienstag, 20. Dezember (938
Die Liebeserklärung aus der Schallplatte.
/Achtung!' letztes Räuspern\" — Ein Besuch im Photoatelier der Stimme.
samen Photoatelier der Stimme, dessen verschwiegene Wände manches Menschenschicksal mitanhören.
Wie früher Mütter mit ihren Kindern zum Photographen gingen, so kommen heure glückliche Eltern mit ihren Jüngsten zum Mikrophon und
Eine große deutsche Schallplattenfirma richtete einen Aufnahmeraum für Schallplattenbesprechung durch Laien ein. Unser Mitarbeiter sah sich den Aufnahmcbetrieb an Ort und Stelle an und sprach mit dem Aufnahmeleiter.
In einem großen Schallplattenladen des Berliner Westens nehmen sich die Besucher die Tür aus der Hand. Dem Beobachter fällt dabei das etwas sonderbare, teils aufgeregte, teils benommene Gehabe von einigen dieser Besucher auf. Manche streben mit dem Ausdruck finsterer Entschlossenheit auf die Tür zu, legen die Hand auf die Klinke und zögern dann plötzlich, als seien sie vor dem Sprechzimmer des Zahnarztes. Andere stürmen unter allen Zeichen der Erregung hinein, ohne die Tür hinter sich zu schließen, und wieder andere treten mit einem verlegenen Lächeln in den Laden.
Eben ist ein junges Mädchen eingetreten, unschlüssig steht sie unweit der Tür, bis Herr C., ein vertrauenerweckender Herr, auf sie zutritt. „Sie möchten gewiß eine Platte besprechen?" Richtig geraten, sie nickt befangen, ihre Kehle ist anscheinend einstweilen zugeschnürt. „Haben Sie schon einmal ins Mikrophon gesprochen?" Man liest die Angst vor diesem unheimlichen Instrument förmlich von ihrem Gesicht. Der Aufnahmeleiter lächelt, er ist auf alles gefaßt. Väterlich geleitet er die junge Dame zu einem Tischchen und empfiehlt ihr, das, was sie auf die^Platte sprechen will, zuerst einmal zu Papier zu bringen.
Während wir das Fräulein ihren Ueberlegungen überlassen, frage ich den Aufnahmeleiter, ob hier denn überhaupt jemals Menschen mit Mikrophon- Erfahrung auftauchen. Er bejaht lebhaft. Die Besprechung von Platten wird durchaus nicht nur von Liebhabern in Anspruch genommen, obgleich sie natürlich die Regel bilden. Sehr häufig jedoch kommen auch geschulte Sprecher, Schauspieler, Sängerinnen, Rezitatorinnen und selbst alte „M i k r o p h o n h e n g st e", die sich selber überprüfen oder, wie etwa bei jungen Bühnenkünstlern, ihre Studienerfolge feststellen wollen.
„Die sind oft gor nicht sicherer oder unbefangener als irgendein Laie. Gerade neulich hatte ich hier einen hartgesottenen Versammlungsredner, der blieb mir piitten in seiner Rede st ecken und konnte kein Wort mehr herausbringen — warum? Ihm fehlte ein Auditorium. Nachher hat er *sich acht Mann mitgebracht, und auf einmal ging alles glatt!"
Inzwischen ist ein junger Mann aufgetaucht, der ebenfalls eine Platte besprechen möchte. Da die erste Klientin noch über ihrem Schriftsatz druckst, er aber seinen Zettel schon fertig mitbringt, wird er gleich vorgenommen. Er hat auch nichts dagegen, daß ich mit in den Aufnahmeraum gehe.
Das ist ein großes, hohes Zimmer, in dem ein Flügel steht, auch andere Musikinstrumente sind vor- honden. In der Mitte ragt auf verstellbarem Ständer das Mikrophon. In der Fensterecke ist ein Verschlag mit dem Aufnahmegerät, der gegen den übrigen Raum durch eine Tür abzutrennen ist. Der Sprecher kann also, wenn er will, ganz allein mit dem Mikrophon sein. Heber dem Mikrophon an der Wand ist eine Milchglastafel für Leuchtschrift. Der Aufnahmeleiter erklärt kurz den technischen Verlauf: „Bei .Achtung' letztes Räuspern, bei Aufnahme' Sprechbeginn!" Dann wird der junge Mann aufgebaut, der Hals des Mikrophons muß eine Kleinigkeit verlängert werden, „daß Sie nun aber nicht mit dem Papier k n i st e r n", mahnt zuletzt noch der Aufnahmeleiter. Der junge Mann nickt abwesend. Sein Blick saugt sich auf dem Blatt fest, das leise in seiner Hand vibriert. Der Aufnahmeleiter verschwendet in der Zelle, er ruft: „Bitte Probesprechen!" Sofort ertönt ein pathetisches „Liebe Erika! Zu deinem mor
gigen Geburtstage ..." Aus der Zelle des Aufnahmeleiters: „Halb so laut, aber sonst prima!" Der junge Mann wirft sich stolz in die Brust.
Hetzt erscheint auf der Milchglastafel „Achtung, Aufnahme". In der Zelle dreht sich die Scheibe, eine Zarte Nadel schneidet die siegesgewiß klingenden Worte des Sprechers an Erika in hauchfeinen Spiralen auf die Originalplatte von besonderem, biegsamem, neuartigem Werkstoff. Die ganze Prozedur dauert wenige Minuten. Mit der fertigen Platte kommen wir in den Laden zurück, sie wird nun in einer Abhörzelle dem Sprecher sofort vorgespielt. Geschmeichelt vernimmt der junge Mann seine sonore Stimme. Eine geschickte junge Verkäuferin macht die Platte sofort versandfertig. Wie ein Photo wandert sie nun zu der Angebeteten.
Der Aufnahmeleiter sitzt mittlerweile schon bei der Klientin von vorhin. Sie hat vor Befangenheit kein Sterbenswörtchen zu Papier gebracht. Jetzt verfaßt der erfahrene Herr C. ihr einen richtigen kleinen Liebesbrief. Dann verschwindet er mit ihr im Aufnahmeraum, in diesem selt-
unterhalten sich dort mit den ahnungslosen Kleinen, die sich nachher zu ihrem grenzenlosen Erstaunen selbst aus dem Grammophon sprechen hören. Oft erkennen sie sich übrigens gar nicht wieder und glauben, andere Kinder sprächen aus dem Apparat zu ihnen. Dem Aufnahmeleiter machen Kinder- a u f n a 1) m e n befand em Spaß. Die Kleinen stellen sich dabei oft unbefangener an als die Erwachsenen. Am liebsten sperrt er die Eltern aus, um so natürlicher benehmen sich die Kleinen.
Schrammelkapellen, Gesangvereine, Virtuosen jedes Instruments, Dichter und Vereinsredner bannen ihre Produktion auf die Platte. Eine Trachtengruppe aus der Werkschar eines Betriebes sang Volkslieder ins Mikrophon und schenkte die Platte ihrem Betriebsobmann als Erinnerung an einen festlichen Abend. Der Aufnahmeleiter hat besonders jetzt in der Weihnachtszeit alle Hände voll zu tun. Er ist selbst ein „Liebhaber" seines Fachs. Es macht ihm Spaß, und was herauskommt, ist hohen Lobes wert. Denn daß kaum jemals eine Aufnahme mißlingt, ist gewiß einzig und allein sein Verdienst.
Dr. Buresch.
Von der Gefahrengemeinschast zur Verkehrsgemeinschast.
Vortragsabend bei der ,$ofulfa//.
In einer Pflichtversammlung der in der „Fa- kulta" zusammengeschlossenen^ Berufskraftfahrer am Samstagabend im „Frankfurter Hof", in der der Ortsgeschäftsführer Luft auch den Vertreter der Polizeidirektion, Leutnant der Schutzpolizei Radon begrüßen konnte, sprach Rechtsanwalt Becker über „Das Verhalten im stetig wachsenden Verkehr". Seine Ausführungen waren dazu angetan, den verantwortungsvollen und schweren Beruf der Kraftfahrer, besonders den der Lastkraftwagen-Langstreckenfahrer, herauszustellen, der nicht die erforderliche Beachtung findet und der durch die Unvernunft der am Verkehr beteiligten Volksgenossen stark zu leiden hat.
Rechtsanwalt Becker sprach auf Grund reicher Erfahrungen über das Verhalten im Verkehr und empfahl den Berufsfahrern, durch vorbildliches Verhalten die Bande der Gefahrengemeinschaft enger zu gestalten und erzieherisch auf die Derkehrsgemein- schaft hinzuarbeiten. Die genaue Kenntnis der Verkehrsordnung, größte Vorsicht, vernünftige Geschwindigkeit, Beachtung der Vorfahrt und Meldung von Alkohol sind das Notwendigste, was der Kraftfahrer beachten muß. Auch für das richtige Verhalten bei Unfällen gab der Redner prakttsche Winke und empfahl den Kraftfahrern, sich einen Photoapparat anzuschaffen und durch die sofortige Festhaltung der Situationen im Bild sich selbst und der Behörde wertvolle Dienste zu leisten. Er streifte das Kapitel der hilfsbereiten Zeugen und richtete die Mahnung an die Kraftfahrer, durch sofortige Meldung an die Berufsorganisation und durch verständnisvolle Zusammenarbeit mit der Behörde zur Aufklärung etwaiger Unfälle mitzuhelfen.
Auf die Gießener Verkehrsverhältnisse eingehend, stellte Rechtsanwalt Becker anerkennend die gute Zusammenarveit mit der Polizeidirektion unter der Leitung von Hauptmann der Schutzpolizei Heinacker fest, der sich außerordentliche Mühe gibt, für Besserungen und für Aufklärung der Volksgenossen zu sorgen. Abschließend sprach Rechtsanwalt Becker den Wunsch aus, daß die Berufsfahrer mit gutem Beispiel vorangehen und durch die Festigung der Berufsgemeinschaft an der Verkehrsgemeinschaft Mitarbeiten mögen.
Ortsgeschäftsführer Luft berichtete über die Aussprache mit der Polizeidirektion, die die Wünsche
und Anregungen der Berufsfahrer bereitwilligst entgegengenommen hat und sie einer Ueberprüfung unterziehen wird.
Als Vertreter der Polizeidirektion gab Leutnant der Schutzpolizei Radon Auskunft über die Einrichtung der Stopstraßen in Gießen und betonte, daß diese Einrichtung keine bleibende sein wird, wenn die Disziplin im Straßenverkehr sich gebessert hot oder die Voraussetzungen dafür andere geworden sein werden. Leutnant Radon begrüßte ein verständnisvolles Zusammenarbeiten von Berufsfahrern und Polizei zum Wohle der Allgemeinheit und sagte zu, daß den Anregungen gern entsprochen werden soll, sofern diese sich als praktisch erweisen. Voraussetzung dafür wird aber sein, daß die Kraftfahrer auch den Polizeibeamten ihren schweren Dienst erleichtern.
In einer regen Aussprache wurden Erfahrungen ausgetauscht und der Wunsch ausgesprochen, daß durch eine gemeinsame Fahrt von Polizei und Vertretern der „Fakulta" die Stellen abgefahren werden, die nach Ansicht der Berufsfahrer einer Besserung bedürfen.
Amtsgericht Gießen
Die zahlreichen Vorstrafen haben augenscheinlich keinen allzu großen Eindruck bei dem F. I. aus Gießen hinterlassen. Er kehrte in Gastwirtschaften ein und machte dort beträchtliche Zechen. Er versprach zwar zu zahlen, tat es aber nicht. Bei einem andren Gastwirt versprach er eine Lieferung Bienenhonig, er trank auch kräftig, doch er lieferte nicht den Honig. In einer Nacht stieg er in ein Haus ein, in dem er früher möbliert wohnte. Er geriet dort in ein fremdes Schlafzimmer und verursachte durch fein Erscheinen einen großen edjreb fen. Obwohl er angeblich in dem Haus seine Kleidungsstücke holen wollte, stahl er doch einen Schlüsselbund. Das Gericht billigte dem Angeklagten nochmals mildernde Umstände zu. Es oerurteilte ihn zu zehn Monaten Gefängnis und rechnete ihm zwei Monate und zehn Tage Untersuchungshaft an.
Eine Frau aus Merlau stand gestern wieder einmal vor dem Einzelrichter. Die Angeklagte hatte
spürt nur eine Welle von Seligkeit, die ihr vom Herzen weg durch alle Glieder jagt. Sie hält die Augen geschlossen, um das Glück ganz, ganz nah zu empfinden.
„Du" sagt er und preßt sie in seine Arme.
„Ja!" hauchen ihre Lippen.
Sie schlägt die blauen Augen auf und diese Augen sind dunkel vor Glück. Und ihre Wangen sind dunkel vor Scham, wie damals. Wo ist die Schauspielerin geblieben? Zehn Jahre ihres Lebens sind verschwunden vor dem Geliebten. Wie klein und lächerlich ist vor einem wirklichen Glück diese ganze törichte Welt!
Da zuckt es in der Wetterwand: ein leiser Donner grollt plötzlich auf und verrollt
Elisabeth reißt sich los. Sie faßt mit beiden Händen in die Aehren, als suche sie bei ihnen einen Halt.
„Ich muß laufen, Fritz!" Sie wendet sich ab, sie winkt mit der Hand, sie eilt fort.
„Elisabeth!"
Er lauscht. Da klingt ihre Stimme von fernher zurück und verliert sich im tie'grollenden Donner.
Ein schönes Mädel, diese Elisabeth! Fritz Beeren breitet die Arme aus. Glück muß man haben. Daß er gerade heute diesen Pfad durch den Roggen gehen mußte.
Aber vielleicht ein gefährliches Mädel! Schlau wie ein Bauernkind und raffiniert wie alle vom Theater! Er hätte Magnus fragen sollen, der weiß natürlich Bescheid. Denn wenn ein Maler mit einer Schauspielerin eine Autofahrt durch Deutschland macht —
Er lacht vor sich hin, und das Blut steigt ihm zu Kopf. Man müßte sie mal besuchen, denkt er, wenn sie wieder in München ist!
Das Wetter hat nur gedroht und ist vorübergezogen. Als Elisabeth heimkommt, trägt sie ein Büschel Kornähren im Arm.
Ihre Wangen flammen.
Sie stellt 'die Aehren in eine Vase auf ihren Tisch. Die Mutter schält ein Körnchen aus und probiert den weißen, süßen Kern.
„Vierzehn Tag lang", meint sie, können die Aehren noch viel Sonne gebrauchen. Dann darf die Ernte beginnen. Ach. es ist ein Jammer, daß Trebbin jetzt so wenig Kornfelder hat."
„Das sind Aehren'vom Losnitzer Grund", sagt Elisabeth und spürt dabei das Klopfen ihres Herzens. „ , ,
„Ja", sagt die Mutter, „die Beerens haben es leichter als wir. Dabei ist unser Karl sicher so ein guter Landwirt wie der Fritz."
„Warum leichter?" fragt Elisabeth.
I Die Mutter erzählt ihr von Karls Sorgen. Sie sieht ja selber nicht so recht klar, aber sie weiß und spürt, daß alles täglich teuerer wird.
„Heute wären wir froh, wenn wir die alte Korn- wirrschaft noch hätten. Ein voller Kornspeicher ist wie Gold. Aber die Milch bringt nur ein tägliches Geld!"
„So sind wir ärmer als die Beerens?" fragt Elisabeth. Die Frage steigt aus ihrem Blut herauf. Sie weiß aus ihren Kindertagen, wie man auf allen Gütern denkt. Durch viele Jahre hat sie es vergessen gehabt, durch viele Jahre hätte sie eine solche Frage gar nicht stellen können.
Aber jetzt ist die Frage da und steht zwischen ihr und der Mutter.
Die Elisabeth, die da fragt, ist ein Kind dieser Scholle. Die berühmte Hellfahr ist nicht mehr. Ihr Stolz und ihr Selbstbewußtsein fallen von ihr ab.
Ihre Stimme zittert: „Steht es n'cht gut um Trebbin? In einem seiner Briefe hat Karl schon mal geklagt, aber ich dachte — Hier spüre ich doch nichts, und Vater ist immer guter Dinge!"
Die Dömerung liegt im Raum.
„Sprich, Mutter!"
Ein Schluchzen und ein leises Weinen ist die Antwort.
Elisabeth ahnt, daß sie auch in der geliebten Heimat der bösen Welt nicht entlaufen kann.
*
In diesen Tagen bekommt Elisabeth einen Brief von Ite. Die lustige Plauderin war keine Briefschreiberin: so flink ihre Zunge war, so faul war ihre Feder.
Aber einige Kritiken lagen bei und — Elisabeth las den Satz noch einmal — wahrhaftigen Gottes, da stand es, daß Brasky ein Theater in Berlin übernommen habe und daß sie, die Ite, auch mitgehen werde, und ob sie den Flüael, den Elisabeth zurückgelassen habe, an Jago Schmid verkaufen dürfe.
Ite in Berlin?
Ite also in erreichbarer Nähe!
Und doch überlief Elisabeths Herz etwas wie Traurigkeit. Die Wohnung in der Königinstraße, der Blick in den Englischen Garten, ihr Flügel, die vertraute Gesellschaft — das alles würde nicht mehr sein, nie mehr fein! Es gab fein Zurück mehr?
Aber so hatte sie es ja gewollt. Sie warf den Brief in die Lade.
Der Roggen war gelb, das Korn war hart — allüberall gab es Arbeit in Hülle und Fülle. Trebbiner Arbeiter halfen auf Losnitz aus. Die Mäh-
oor einiger Zeit ihren Arbeitsplatz verloren. Eine Zeugin nahm sich ihrer an. Als die Angeilagte sich in dem Zimmer der Zeugin umzog, narmi sie eine Armbanduhr mit. Da die Angeklagte wegen Diebstahls bereits zweimal vorbestraft ist, erhielt sie wegen Rückfalldiebstahls (§§ 242, 244 StGB.) eine Gefängnis st rase von drei Monaten. Zwei Monate und zehn Tage Untersuchungshaft wurden auf ihre Strafe angerechnet. In den übrigen Anklagepunkten wurde sie freigesprochen.
Der F. R. aus Frankfurt a. M zieht seit Jahren mit seiner zahlreichen Familie in einem Wohnwagen durch das Land. Obwohl der Angeklagte schwer um sein tägliches Brot kämpfen muß, wurde er außer einer unbedeutenden Gewerbestrafe bislang noch nicht bestraft. Vor einiger Zeit kam er nach Reiskirchen. Am 6 Juli besuchte eines feiner Kinder wieder nicht ordnungsgemäß die Schule. Es wurde daraufhin von dem Lehrer R. leicht gezüchtigt. Eine Bekannte des Angeklagten kam nun mit dem Kinde in den Wohnwagen und erzählte dort augenscheinlich in übertriebener Weise von schweren Mißhandlungen, die dem Kinde angeblich zugefügt worden seien. Der Angeklagte lief daraufhin voller Erregung in die Schule. Der Schulleiter R. hielt gerade seine Gesangsstunde ab. Nach ungestümem Klopfen betrat der Angeklagte den Singsaal. Dem Lehrer gelang cs aber, den Angeklagten zu bewegen, wenigstens den Schulsaal zu verlassen. Auf dem Gange entspann sich dcwn eine laute Auseinandersetzung. Der Lehrer R., der das Kind des Angeklagten gestraft hatte und nun in einem angrenzenden Klassenzimmer unterrichtete, wurde durch den Lärm angelockt. Als der Angeklagte diesen einarmigen, schwer kriegsoerletzten Zeugen sah, stürzte er sich auf ihn und versetzte ihm einige heftige Schläge. Nun kam der Schulleiter seinem bedrängten Kollegen zu Hilfe. Da der Angeklagte feiner Aufforderung, das Schulgebäude zu verlassen, keine Folge leistete, kam es zu einem Handgemenge. Der Zeuge und der Angeklagte fielen einige Treppenstufen hinunter. Dort warf der Angeklagte den erheblich älteren Schulleiter auf die Erde vor dem Schulhause und versetzte ihm noch mehrere Schläge. Nun eilte der Lehrer R. seinem Vorgesetzten mit einem Schürhaken zu Hilfe, er brauchte aber nicht mehr einzugreifen. Man verschloß das Schulhaus, während der Angeklagte sich vor dem Gebäude noch in Schimpfereien erging.
Das Gericht verurteilte den Angeklagten rangen vorsätzlicher leichter Körperverletzung und Beleidigung im Sinne der §§ 185, 200 StGB, in zwei Fällen und wegen Hausfriedensbruch an Stelle 'einer an sich verwirkten Gefängnisstrafe von 25 Tagen zu einer G«e Id st rase von 12 5 Mark. 5 Tage Untersuchungshaft wurden dem Angeklagten angerechnet. Außerdem wurde ihm gestattet, seine Geldstrafe ratenweise zu bezahlen. Gemäß § 200 StGB, wurde den schwer in ihrer Ehre gekränkten Lehrern Publikationsbefugnis eingeräumt.
Neue Stadt im Sau Hessen Nassau.
NSG. Durch einen Erlaß des Reichsstatthalters in Hessen, Gauleiter Sprenger, vom 14. Dezember 1938 werden mit Wirkung vom 1. April 1939 die Gemeinden Ober- und Nieder-Jngel- h e i m und Frei-Weinheim im Kreise Bingen zu einer Gemeinde vereinigt, der gleichzeitig die Stadttechte verliehen wurden. Ferner wurde durch einen Erlaß die Gemeinde Dornberg in die Stadt Groß-Gerau eingeglicdert.
Der Reichsstatthalter in Hessen, Gauleiter Sprenger, hat der neuen Gemeinde den Namen Stadt Ingelheim am Rhein gegeben. Für die Vereinigung der drei Gemeinden waren neben der Tatsache, daß sie schon in baulicher Hinsicht eine Einheit bildeten, wirtschaftliche Gründe maßgebend. Seif Jahrhunderten haben sie gemeinsamen Waldbesitz. Frei-Weinheim dient seit jeher für ö;e Ingelheimer Industrie als Nheinhafen. Ober-Ingelheim besitzt ein Elektrizitätswerk und Nieder-Ingelheim ein Gaswerk. Durch die Vereinigung der Gemeinden wird es nun möglich, diese wirtschaftlich bedeutungsvollen Betriebe zum Wohle der Bevölkerung unter eine einheitliche Verwaltung zu stellen
Maschinen ratterten von früh bis spät. Die ausgestellten Garben ro arteten in endlosen Reihen hügelauf und hügelab. Die Sonne brannte. Es lag ein Segen in der Lust. Und dann rumpelten die Erntewagen endlos in die Scheunen. Die Sensen hatten wieder ihre Ruh.
„Elisabeth!" rief Karl, „ein Ferngespräch!"
Der Fernsprecher steht unten in der Diele mitten zwischen Hirschgeweihen und Rehgehörn.
„Wer ist es denn?" ,
„Aus Wismar", sagt Karl, „ein Fremder!"
Ein Fremder? Mißtrauisch nimmt sie dm Hörer. „Hier Trebbin!" sagt sie gewohnheitsmäßig. Wie lange hat sie ihren eigenen Namen nicht mehr ausgesprochen, sie, die Elisabeth Hellfahr! Und dann ruft sie: „Was? Nein wirklich? Jago? Wie ist das möglich? Und in Wismar?"
Elisabeth ist ganz verwirrt. Die verschiedensten Gefühle bestürmen ihr Herz. Während sie in die Muschel horcht, schaut sie sich um. Wer hört mich? Wer hört uns? Sie winkt Karl freundlich zu: Laß deine Schwester' allein!
Freude ist in ihr, und auch wieder Sorac.
„Was, Jago? Nein, Jago, das geht nicht!"
Was würden die Eltern sagm oder — was würde man in Losnitz denken? Aber das kann sie dem Jago natürlich nicht mitteilen. Zwischen München und Trebbin ist eben ein großer Unterschied!
„Wirklich nicht, Jago", — und sie lüat — „wir sind hier noch mitten in der Erntt. Das ganze Haus steht auf dem Kopf — weißt du, das ist schlimmer als eine Generalprobe!"
Sie schaut sich erschrocken um — immer noch diese Theaterausdrücke —, aber sie ist in der alten dämmrigen Diele allein.
„Aber Jago! Seit wann bist du in Wismar? Geschäftlich? S'tt'ame Geschäfte mußt du haben? Also schau dir die Stadt und die alten Kirchen an und verkaufe Messer und Scheren —"
Das Blut sagt ihr plötzlich zu Kopf! Gott ja, sie hat in der Freude einfach du gesagt.
„Verzeihen Sie, Jago! Aber ich mad)6 mich morgen frei, einen ganzen Tag, Ihnen zuliebe! Ihnen — nicht dir! Morgen abend muß ich wieder zurück fein. Selbstverständlich! Ich bin ja so neugierig, was Ite macht, und Berlin, und der Flügel. Also bis morgen!"
Am Abend kann sie vsr Freude nicht richtig ein- schlafen. Aber dann träumt sie von wogenden Aehren und einem braungebrannf"'n Gesicht, das sich über sic beugt und sie küßt und küßt.
(Fortsetzung folgt!)


