Donnerstag, 14.ZuliOZ8
188. Jahrgang
ttr. 162 Erstes Statt
EineMllionSiMgegnermSowjetgesängMen
Minister-
Am Pranger -er Wettmeinung j
Von unserer Berliner Schristleiiung.
News Chronicle", das international ohnedies nicht in gutem Geruch steht, ist mit dem Schwindel iber die angebliche Rede eines hohen deutschen Of- jziers so bös hereingefallen, daß es ganz verdad- »ert ist. „News Chronicle" wehklagt, das deutsche Dementi sei hart ausgefallen, die deutsche Presse taffe nicht weniger hart England und Frankreich , «wie vor allem die englische Presse an! Das jüdisch- öberale Blatt, in dem bolschewistischer Schwmdel- -afer sehr oft gegen gute Bezahlung in die Halme Meßt, hält sich in einem Anfall von schlechtem Gewissen für die — englische Presse. Pie Drahtzieher, die „News Chronicle" veranlaßt haben, sich Moskau zur Verfügung zu stellen, werden nun iud) wohl darauf stoßen, daß „News Chronicle" ^cht ungeschickt war. Es ist zunächst einmal alter Schnee, was dies Blatt aufgetischt hat, denn die Jeschichte mit der Rede des hohen deutschen Offiziers iber Spanien ist schon vor Wochen vom Moskauer Sender verbreitet und von etlichen französischen Skandalblättern nachgedruckt worden. Aber diese Skandalblätter haben nirgendwo einen Kmes, so daß »iese Sensation glatt unter den Tisch fiel, well «dermann fühlte, es sei ein dreister Schwindel von oben bis unten. Im „News Chronicle rufe das ebenfalls nicht beachtet worden fein, denn Hn Blatt, das selbst auf Sensationen verpicht ist, eistet sich einen schlechten Gefallen, wenn es mit «ächerlichen Hirngespinsten aus Moskauer Sendern und dem „Oeuvre" daherkommt.
Aber nicht um den törichten Hereinfall des jüdisch- iberalen „News Chronicle" handelt es sich, sondern am den Zweck der Uebung. Das bolschewistische Gangstertum von Moskau bis Barcelona unt) darüber hinaus hat mit Unbehagen feststellen müssen, daß die totalitären Staaten gemeinsam mit Den Demokratien eine Formel gefunden haben, um wenigstens den Versuch zu machen, den spanischen (Gefahrenherd auszurotten. Wenn der Versuch tat» sachlich glückt, wenn es gelingt, die Pyrenaengrenze gu sperren, wenn kein getarnter bolschewistischer Dampfer Kriegsmaterial nach Valencia und Barcelona bringen kann, so wird der rotspanische Widerstand in verhältnismäßig kurzer Zeit zusammen- gbrechen. Aber Moskau hat so viel auf die rotspa- mische Karte gesetzt, hat so viel gewagt, um von Spanien aus Westeuropa bolschewistisch aufzurol- llen, daß jedes Mittel recht ist, um aus der spanischen Krise eine europäische Katastrophe zu machen.
Wie sehr man mit allen Mitteln in diesem Augenblick versucht, das Abkommen über die Nichteinmischung und die Zurückziehung der Freiwilligen zu Hintertreiben, zeigen die Berichte von zwe i '.Franzosen aus Rotspanien, die erzäh- Üen, daß den dort kämpfenden Ausländern unter Worwänden die Ausweispapiere entzogen würden. Dafür erhielten sie neue Ausweise, Die auf geläufige spanische Namen lauteten und die spanische Nationalität des Inhabers bezeugte". In Derselben Absicht, die ausländischen Freiwilligen vor Dem Inkrafttreten des Planes als Spanier zu maskieren, seien auchdieAusländer-Brigaden «aufgelöst und ihre Mitglieder mit funkelnagel- meuen spanischen Namen in rotspanische R e -
i m e n t e r eingegliedert worden. Nur zwei 1 Brigaden von Ausländern sollten zur Täuschung einer etwaigen Kontrollkommission beibehalten werden. Gerade auch diese interessante Mitteilung beweist, welch ungeheuere Angst die Roten vor •einem Inkrafttreten des Beschlusses des Nickstein- -mischungsausschusses haben, der — wie Herr Blum ganz offen zugibt — jetzt mit allen Mitteln durchkreuzt werden muß.
eiferet Ausbau Der englischen Luststteiiktäste
Der entflohene Gpll.-Kommissar Ljuschkow über das Moskauer Lchreckensregime.
Präsidenten Spaak, er werde an der Konferenz der nordischen Staaten in Kopenhagen teilnehmen, ist nicht zu Unrecht allgemeiner Aufmerksamkeit begegnet. War sie doch einmal em Beweis dafür, daß Belgien an der vor zwei Ialften eingeleiteten Unabhängigkeitspolitik entschlossen sesthält, ja, diese Politik entgegen gerochen Einflüsterungen fremder Interessenten konsequent und verstärkt fortzuentwickeln gedenkt. Darüber hinaus waren die Aeußerungen Spaaks aber auch von Bedeutung im Hinblick auf die gesamteuropäische Lage und die sie bestimmenden Tendenzen. Zu der Kopenhagener Zusammenkunft sind von den nordi- scheu Staaten außer Belgien auch noch Holland und die Schweiz eingeladen worden. Diese Staaten sind die Träger der westeuropäischen Neutrali- tätsbewegung. Aus den Worten Spaaks ergibt sich also die interessante Tatsache, daß sich diese westeuropäische Neutralitätsbewegung mit jener des Nordens offenbar vereinen wird und daß m Kopenhagen zweifellos der Versuch gemacht werden soll, auf dieser größeren Basis die Neutralitätspolitik
Offensichtlich eine Fälschung.
Ere Nouvelle verlangt Nachforschungen.
P a r i s , 14. Juli. (DNB. Funkspruch.) Während die sattsam bekannte Märchentante des „Oeuvre" getreu ihrem Moskauer Auftrage munter weiter hetzt und dreist behauptet, daß der sogenannte B e - richt eines deutschen Offiziers „in England womöglich ein noch größeres Aufsehen erregt habe als in Frankreich", stellt die radikalsoziale „Ere Nouvelle" eindeutig fest, daß diese angeblichen Erklärungen offensichtlich eine Fälschung feien, deren wahrer Ursprung leicht zu ermitteln sein würde, wenn die zuständigen Behörden alle ihnen zur Verfügung stehenden Untersuchungsmittel in Anwendung bringen würden. Das Blatt schließt mit der Aufforderung, in Paris und in London solle unverzüglich mit den unerläfelichen Nachforschungen begonnen werden.
Keine olympischen Spiele in Tokio.
Tokio, 14. Iuli. (DRV. Funkspruch.) Der japanische Kultusminister Kido hat, wie die Agentur Domei berichtet, am Donnerstag den Entschlafe der japanischen Regierung bekanntgegeben, die olympischen Spiele in Tokio 1940 nicht st altfinden zu taffen«
Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8* /.Uhr des Vormittags
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London, 13. Juli. (Europapreß.) Der am 12. Mai angekündigte weitere Ausbau der englischen Luftrüstungen hat nun neue Anforderungen des Luftfahrtministeriums notwendig gemacht. Ein Nachtragshaushalt sieht die Ausgabe von weiteren 22 901 000 Pfund (rund 285 Millionen Mark) vor. Mit diesem Nachtragshaushalt steigen die Gesamtausgaben des Luftfahrtministeriums für das tauende Haushaltsjahr auf 134,4 Millionen Pfund rund 1670 Millionen Mark). Don den zusätzlich angeforderten Summen entfallen rund 10 Millionen Pfund auf den Banne uerFlugzeuge, während der in dem ursprünglichen Haushalt vorgesehene Posten für Munition und Ersatzteile um 1,2 Millionen Pfund auf 14,1 Millionen Pfund erhöht wird. Weiter wird durch den Zusatzhaushalt Vorsorge für die Einstellung von 13 000 Offizieren und Mannschaften getroffen.
DieFlugzeugausträgesürKanada
„Eine rein geschäftliche Angelegenheit".
ausgesetzt waren.
Damit sind auch die tieferen Ursachen des Wiederauflebens der Neutralität berührt. Die Apostel des Kollektivismus und des unteilbaren Friedens mochten noch so sehr die Neutralität als eine „Pflicht- veraessenheit gegenüber der Staatengemeinschaft" brandmarken — am Ende liefe sich doch die Erkenntnis nicht aufhalten, daß mit jenen Methoden nicht die kollektive Sicherheit, sondern eine kollektive Gefahr organisiert wurde. Wenn heute auf dem gesamteuropäischen Feld eine allgemeine Reaktion gegen diesen Kollektivismus im Gange ist, so kommt das also praktisch einem Mißtrauensvotum gegen die englisch-französische Nachkriegspoli- tik gleich, vor allem gegen die von den beiden Westmächten geduldete und geförderte Einschaltung Moskaus in die europäische Politik. Es erscheint dabei wie eine Ironie der Geschichte, daß sich dieser Schachzug der beiden Westmächte schließlich gegen fie selbst gewendet hat, und daß das an sich chon verderbliche kollektive System durch die In- izierung mit dem bolschewistischen Bazillus vollends ad absurdum geführt worden ist.
Zwanzig Jahre verrufen und verpönt erweist nun der Neutralitätsgedanke wieder stärker denn je feine Anziehungskraft. Man mag in Genf und Paris und erst recht natürlich in Moskau diese Entwicklung mit Unbehagen verfolgen, man mag sich z auch die größte Mühe geben, um diesen Prozeß zu stören und zu erschweren. Tatsache ist, daß die Flucht aus der Kollektivität in die Neutralität heute nicht mehr aufzuhalten ift Der Wille zu einer auf Vertrauen und nicht auf kollektivem Mißtrauen begründeten europäischen Ordnung hat sich mit elementarer Gewalt Bahn gebrochen.
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Englands Nahrungsmittel- Versorgung.
Llohd George gegen Chamberlain.
London, 13. Juli. (Europapreß.) Die Haltung der Regierung gegenüber der Landwirtschaft war am Mittwoch das Ziel heftiger Angriffe im Unterhaus, die sämtlich von der Voraussetzung ausgingen, daß England im Kriegsfälle verhungern müsse, wenn die Regierung nicht im Zuge ihrer Rüstungen auch die Nahrungsmittelproduktion bis zum Aeußersten steigere. Unmittelbaren Anlaß zu diesen Angriffen gab die Rede des Ministerpräsidenten in Kettering Anfang des Monats, in der Chamberlain erklärt hatte, daß England in erster Linie ein Industriestaat und eine große Nahrungsmittelproduk- tion nicht wünschenswert sei.
befestigen. Auf eine Frage, warum die nach Ljusch- kows Schilderung so große Anti-Stalin-Be- roegung nicht aktiv werde, erklärte Ljuschkow, daß die ermordeten Anti-Stalinisten unfähige Politiker gewesen seien, die Stalin nur im engsten Kreise kritisiert hqtten. Ständig seien sie überwacht worden, und ihr Leben, wie auch das ihrer Angehörigen, sei dauernd bedroht gewesen. Heute herrsche in der Sowjetunion der absolute Terror Stalins, der sich mit willfährigen, schwächlichen und charakterlosen Personen umgaben habe.
Zum Schluß wiederholte Ljuschkow, daß an der Mandschureigrenze ft arte s o w j e tr u ss i s ch e Truppenmassen konzentriert würden, die meist in kleineren Abteilungen untergebracht seien, um dadurch Verschwörungen zu verhindern. In seiner Außenpolitik sei Stalin ein Abenteurer, der mit dem Mittel arbeite, eine Bedrohung Sowjetrußlands durch Japan vorzuspiegeln. Stalin unterstütze Tschiangkaischek und habe geheim mit Sun Fo verhandelt. Sein Ziel sei, den Chinakonflikt in die Länge zu ziehen und Japan zu schwächen. Stalin habe keineswegs Sympathien für China, er benutze es nur als Werkzeug gegen Japan. Die wahre Absicht Stalins sei, ein durch lange Kämpfe geschwächtes China zu bolschewisieren.
Die Drohung der rotspanischen Bolschewisten, rote Bomber über italienische Schiffe und Städte fliegen zu lassen, wurde in London und Paris abge- 'dreht. Gleich darauf tischten französische Skandalblätter, die von und für Wirrköpfe geschrieben wer- iden, die abscheulich dumme Lüge des Moskauer Senders über die angebliche Spanienrede eines deutschen Generals auf. Wieder vergeblich, obschon mach Auffassung der Bolschewisten aus der Sache »etwas zu machen gewesen wäre. Die Verwirrung in bolschewistischen Kreisen wurde um so größer, als im Nichteinmischungsausschuß endlich eine Verständigung erreicht wurde, die die Taktik Moskaus bisher immer zu hintertreiben verstanden hatte. War schon das bolschewistische Märchen ruchlos und gemein, so wurde es dennoch für wirksam gehalten, wenn die öffentliche Meinung in England darauf hineinfiel. „News Chronicle" weiß heute gegen die deutsche Darstellung der höchst interessanten Zusammenhänge über das Entstehen dieser Lugen- meldung sachlich nichts entgegenzusetzen, denn niemand wird eine von diesem Blatt veröffentliche Aeußerung des englischen Oppositionsliberalen Roberts ernst nehmen, in der dieser, sich DerJ.efen windend, sagt, das Dokument über den angeblichen Vortrag habe „alle Anzeichen der Echtheit an sich . Um fo bemerkenswerter ist die Tatsache, das „News Chronicle" davon zu berichten weiß, daß eine große Anzahl von Oppositionsabgeordneten wegen dieser Enthüllungen Anfragen im Unterhaus stellen wollen, d. h. also, man hat bereit 5 vor Tagen eine Unterhausdebatte vorbereitet, um an Hand einer aus Moskau stammenden Lüge über die englische Opposition der Spanienpolitik Chamberlains und dem Zustandekommen einer Einigung in der Freiwilligenfrage jede nur mögliche Schwierigkeit zu bereiten. Deutlicher kann m'an die eigene Taktik nicht verraten. Der Zweck der Uebung war also, dem Ministerpräsidenten Chamberlain innerpolitische Schwierigkeiten zu machen; es ergibt sich also zwingend, daß
„News Chronicle" nur den Auftrag hatte, durch I die Veröffentlichung Unruhe hervorzu- rufen. < .
Daß die roten Drahtzieher in London und Paris über die unglaubliche Torheit des Moskauer Märchens unterrichtet waren, geht daraus hervor, daß das französische Marxistenblatt „Peuple" dreist und frech schrieb, die ganze Sache könne ja erlogen und geschwindelt sein, allein sie sei trotzdem bedeutsam genug! Da haben wir das Eingeständnis, daß es sich Um einen frechen und dreisten Schwindel handelt, daß es aber den großen Drahtziehern mcht auf diesen Schwindel angekommen ist, sondern darauf, internationale B r u n n e n v e r g, f - tung in ungeheurem Ausmaß zu machen. Sie sind einander wert: die Moskauer Henker und Friedensstörer, die Brandstifter von Valencia und Barcelona, die Giftköche des „News Chromcle" und des „Peuple". Sie stehen heute wieder einmal von der öffentlichen Meinung gestäubt und gebrandrnarkt da, sie können sich hinter die Ohren schreiben daß ihr Handwerk das schmutzigste und verächtlichste das es gibt. Aber solange die öffentliche Meinung in den westlichen Demokratien sich nicht dazu auf- rafft, diese Giftköche und politischen Gangster preis- zugeben, solange wird der Frieden Europas, wird die Gesittung und die Wohlfahrt der Volker von diesem roten' Banditentum gefährdet fein. u. d.
Stalins Politik in Ostasien.
Tokio, 13. Juli. (DNB.) Der kürzlich nach Mandschukuo entflohene und jetzt in Tokio befindliche GPU.-Kommissar des Fernen Ostens, Ljuschkow, schilderte Ausländskorrespondenten die Zustände im Stalin-Rußland. Ljuschkow ist seit der bolschewistischen Revolution in der Sowjetunion tätig gewesen und hat als Mitglied der Unter- siichunasbehörden in zahlreichen Mordprozessen der letzten Jahre gegen die StalimOpposition mitgewirkt. Er erklärte, daß über eine Million Menschen in den Sowjet-Gefängnissen säßen. Da die Gefängnisse überfüllt seien, habe Stalin besondere Lager für d i e Todeskandidaten eingerichtet. Westlich des Urals gebe es 30 solcher Lager und in Sibirien 5. Mehr als 10 000 hohe Regierungsbeamte und Offiziere der Roten Armee feien Stalins Blutterror bereits zum Opfer gefallen.
Es sei unwahr, daß Sinowjew und Kameneff Spionage-getrieben hätten oder daß die Trotzkisten Beziehungen zu Deutschland untechalten hätten. Unwahr sei auch, daß Sinowjew und Kameneff mit der Opposition um Bucharin in Verbindung gestanden hätten. Besonders den Fall Kirow habe Stalin zum Anlafe genommen, um zahlreiche Gegner zu
voranzutreiben.
Diese Vorgänge verdienen stärkste Beachtung. Laufen sie doch auf nicht weniger als auf eine Wiedergeburt d e r Neutralität hinaus, eines Prinzips, das sehr zu Unrecht in den letzten zwanzig Jahren in den Hintergrund getreten war. Das lag freilich nicht darin begründet, daß die Neutralität irgend etwas von ihrem friedenfördernden Wert, von ihrer segensreichen Bedeutung für das zwischenstaatliche Leben eingebüßt hatte. Es mar vielmehr so, daß von der Versailler und Genfer Politik her die Neutralität als ein störender Fremdkörper in jenem System der „kollektiven Sicherheit" empfunden wurde, das ganz mechanisch und automatisch jeden Staat in jeden Konflikt hineinziehen wollte. Dieses System, das seine Gefährlichkeit und seine Unnatur unter der Formel vom „unteilbaren Frieden" verbarg, sollte die größte Errungenschaft der Nachkriegszeit sein. In Wahrheit war es der größte Irrtum und Betrug zugleich. Der größte Irrtum, weil die Volker heute wie ehedem zwar für ihre eigenen Lebensinteressen zu kämpfen bereit sind, nicht aber um irgendwelcher wesenlosen Paragraphen willen marschieren. Der größte Betrug, weil es auch in der internationalen Politik keine Unfehlbarkeit gibt und weil die Genfer Sanktionsmaschinerie und die von der Liga vertretenen Prinzipien von Anfang an schwerstem. Mißbrauch
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Diese Entwicklung hat im einzelnen sehr verschiedene Formen angenommen. Je nach der politischen Ueberlieferung der geographischen Lage und schließlich auch nach dem Stande der eigenen öffentlichen Meinung steckt man noch in den Anfängen oder ist man schon weiter vorangekommen. Da sind zunächst die westlichen Staaten, wie Holland, Belgien und sodann die Schweiz. Aus dem ihnen gemeinfapien Bestreben, sich auf jeden Fall aus fremden Konflikten herauszuhalten, haben sie zunächst sich darum bemüht, von den Genfer Fesseln loszukommen. Vollständig _ und mit allgemeiner, wenn auch von den Westmächten schweren Herzens gegebener Zustimmung hat die Schweiz dieses Ziel durch die Rückkehr zu ihrer klassischen Neutralitätspolitik erreicht. Holland und Belgien wiederum sind bisher nicht so weit vorgedrungen. Immerhin nehmen sie heute das Recht der eigenen Entscheidungsfreiheit gegenüber dem Genfer Sanktionsartikel für sich in Anspruch, ohne daß fie allerdings die Anerkennung dieses Rechtes von der Genfer Liga bisher erreicht hätten. Hand in Hand mit dieser Loslösung von Genf ging das positive Programm. Belgien und die Schweiz schufen sich ihre Sicherheit durch Garantieerklärungen der Nachbarstaaten. Im Fall Belgien ge- schah dies auf der Basis der Unabhängigkeit, wah- itznd die Schweiz auf der Basis der Neutralität zum Ziele kam. Holland ging insofern seinen eigenen Weg, als es feine Unabhängigkeit als eine
London, 13. Juli. (Europapreß.) Luftfahrtminister Sir Kingsley Wood kündigte im Unterhaus die Entsendung einer Militärabordnung nach Kanada zur Vergebung von Auf-. trägen für den Bau englischer Bombenflugzeuge an die kanadische Industrie an. Die Abordnung soll auch die Ausbildung englischer Flieger In Kanada vorbereiten. In Ottawa soll von dem kanadischen Ministerprästden- den Mackenzie King erneut betont worden sein, daß die Ausbildung der englischen Piloten i n k a - nadisch en Fliegerschulen vorgenommen werden müsse und Kanada unter keinen Umständen seine Zustimmung dazu geben könnte, daß auf seinem Hoheitsgebiet einer anderen Macht (also England) unterstehende Militärstreitkräfte stationiert würden. Die Entscheidung über Krieg und Frieden hänge von dem kanadischen Parlament und n i ch t von England ab. Weiter habe der Ministerpräsident betont, die kanadische Regierung halte es für wünschenswert, wenn die von England an die kanadische Industrie gegebenen Rüstungsaufträge als eine rein geschäftliche Angelegenheit behandelt würden.
Zum Sprecher der Kritiker machte sich der ehemalige Ministerpräsident Lloyd George, der den Ministerpräsidenten beschuldigte, das Wohl des Landes zu vernachlässigen. Die englische Bevölkerung sei seit dem Jahre 1914 um fünf Millionen g e ft i e g e n , während die Nahrungsmittelerzeugung flurücf gegangen sei. Ueberaü m England, sagte Lloyd George, sei immer mehr anbaufähigen Landes brach gelegt worden; seit dem Jahre 1921 seien nahezu ein Drittel der landwirtschaftlichen Arbeiter in die Städte abgewandert, während die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigten Jugend um 44 v. H . zurückgegangen sei. Wenn der Ministerpräsident in Kettering erklärt habe, daß England sich in feiner Nah- rungsmittelversorgung auf seine Schisse verlassen könne, fuhr Lloyd George fort, so müsse er daran erinnern, daß auch der englische Schiffsbestand seit dem Kriege zurückgegan- g e n sei, während die U-Boot-Gefahr heute größer denn je sei. Hinzu käme noch die Gefahr von Luftangriffen auf Handelsschiffe, die im letzten Kriege überhaupt nicht bestanden hätte. Lloyd George schloß mit der Forderung an die Regierung, alles Daran zusetzen, um die Produktion der landwirtschaftlichen Erzeugnisse zu erhöhen.
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Gießener Anzeiger
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