vienrtaa.14.Zum 1938
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Ur. 136 Zweites Blatt
Aus der Stadt Gießen.
Fahrt durch die Felder.
Es sind die großen Tage des Holunders. Der Hollerbusch ist ein zauberischer Strauch, wenn man unter ihm einschläft, muß man von alten Tagen träumen. Wir fahren über Feld. Die Wolken treiben sachte dahin, manchmal sind sie von der Sonne so durchleuchtet, als wären sie von einem leichten Heliotrop gefärbt.
Die Männer, die jetzt auf dem Felde arbeiten, haben es nicht leicht. Wir sahen Feldarbeiter, die in Badehosen wirkten. Ein seltsamer, ungewohnter Anblick. Aber wie praktisch! Sonnenbad und Arbeit in einem. Warum sollten lange Hosen besser sein?
Das Korn steht gut. Der Regen hat ihm wohlgetan. Das Korn bewegt sich ein wenig, der Iuni- wind fährt ihm über die Aehren. Ich sehe gelbes Leuchten in einem fernen Feld. Unkraut oder Raps? Wir hoffen: es ist das (der) letztere. Was begegnet einem nicht alles!
Eine einzelne, grellrote Mohnpflanze in einem kleinen Garten; Mädchen mit Badebündeln; eine Badeanstalt am Fluß mit putzigen blauen Fensterläden und roten Geranien; Buben die auf einem Balken schaukeln; ein alter Mann, der sich zu seinem Nachen bückt; eine junge Frau, die unter einem Hollerbusch sitzt, mitten im Feld und versonnen über das heiße Land schaut; eine Front weißer Häuser mit fröhlichen, bunten Jalousien.
Mer man sieht auch, so im Borüberfahren, andere Dinge. Ausgeräumte Schaufenster, wegen der Hitze. Den gelbgrauen Rauch von Schornsteinen. Radfahrer, die in dieser Sonnenglut in die Pedale treten, daß die Ketten nur so rauschen. (Vielleicht trainieren sie, vielleicht sehen wir sie in sechs Jahren bei einer Deutschlandfahrt wieder, wer weiß?)
Es ist Sommer. Die gute, die schönste Jahreszeit. Sie steht, soviel ich weiß, noch nicht im Kalender, aber wer wollte leugnen, daß Sommer ist? Schaut euch die Mädchen an, und ihr werdet nicht mehr daran zweifeln. r. k.
Vornoiizen.
Tageskalender für Dienstag.
NS.-Lehrerbund: 15.30 Uhr: Neue Pestalozzi- schale, Versammlung. — Gloria-Palast (Seltersweg): „Dreiklang".
Don der Universität Gießen.
Von der Pressestelle der Ludwigs-Universität Gießen wird uns mitgeteilt:
Der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung hat dem Oberstabsarzt Dr. med. habil. Hellmuth Deist in Gießen die Dozentur für das Fach der inneren Medizin und internen Wehrmedizin verliehen und chn der Medizinischen Fakultät der Universität Gießen zugewiesen.
Reichsluststhutzbunö
Iugend-Luftfchuh-Tag am 15. 3uni 1938.
Anläßlich des 5. Jahrestages der Gründung des Reichsluftschutzbundes findet am
Mittwoch, 15. Juni 1938, um 20 Uhr,
ein gemeinsamer Aufmarsch der HI., des BDM. und des Reichsluftschutzbundes auf dem Oswaldsgarten statt.
Nach beit Ansprachen der Führer der Formationen erfolgt ein Gemeinschaftsempfang der Reden des Präsidenten des Reichsluftschutzbundes und des Reichsjugendführers, die über alle Reichssender verbreitet werden.
Anschließend werden Angehörige der Marine-HI. und des BDM. unter Leitung des Reichslüftschutzbundes praktische Luftschutz-Uebungen vorführen.
Die Orts-Kreisgruppe des Reichsluftschutzbundes ladet die Bevölkerung herzlichst ein, ihre Verbundenheit mit dem Gedanken des Luftschutzes durch zahlreichen Besuch zu bekunden. 4051D
Ausbau unseres Etraßenbahndienstes.
Die Leitung 'unserer städtischen Straßenbahn ist gegenwärtig mit Plänen beschäftigt, die auf eine Umgestaltung und Beschleunigung des gesamten S t r a ß e n b a h n b e t r i e b e s abzielen. Endgültige Entscheidungen liegen bis zur Stunde noch nicht vor, die ganze Angelegenheit ist vielmehr noch im Stadium des Werdens und des Abwägens der verschiedenen Möglichkeiten begriffen.
Das Ziel dieser Ausbauarbeit besteht darin, den Verkehr auf beiden Straßenbahnlinien gegenüber der jetzigen Fahrzeit zu beschleunigen, so daß man beispielsweise mit einer schnelleren Beförderung zum Bahnhof als bisher wird rechnen können. Neben der Verkürzung der Fahrzeit der Wagen wird auch in Erwägung gezogen, einige Bedarfshaltestellen für
die Zukunft aufzuheben, da für diese Haltepunkte bisher nur ein geringes Derkehrsbedürfnis zu bemerken war.
Weiterhin wird von der Straßenbahnleitung erwogen, neben den Straßenbahnwagen auch noch andere Verkehrsmittel, z. B. O m n i b u f f e , in den Betrieb einzustellen, damit hierdurch der Wagenpark der Straßenbahn eine zeitgemäße Verstärkung erfährt und namentlich in den sogenannten Spitzenzeiten beim Einsetzen des stoßweisen Massenverkehrs allen Anforderungen glatt entsvrochen werden kann.
Der Zeitpunkt, zu dem diese Neugestaltung des Straßenbahndienstes einschließlich eines neuen Fahrplans zur Einführung kommt, steht bis jetzt noch nicht endgültig fest, er dürfte aber in absehbarer Zeit zu erwarten sein.
Unsere hessischen Volkstumsgruppen an Nord- und Ostsee.
T
Am Samstagvormittag besichtigten unsere hessischen Burschen und Mädchen noch den Tierpark Stellingen, nachmittags wurde noch einmal für eine große Aufführung in der Hanseatenhalle geprobt, und der vergangene Sonntag brachte dann die großen Ereignisse der Reichstagung KdF., den Festzug, das Volksfest und das Feuerwerk. Ueberall standen unsere hessischen Trachtengruppen inmitten der begeisternden Veranstaltungen.
Die zur Zeit in der — —-——-—-
Nordmark weilenden Burschen und Mädchen der Trachtengruppen unserer Heimat erleben wieder einmal große Tage. Der vergangene Freitag war für sie ein Ruhetag, der aber dazu benutzt wurde, Ausflüge zu unternehmen. So fuhr man unter der Leitung von Georg Heß am frühen Morgen schon durch Hamburg, uni sich die Stadt anzusehen, unternahm ferner eine Hafenrundfahrt, und am Nachmittag ging es auf der Reichsautobahn über Lübeck nach Travemünde. Dort spielte vor dem Kurshaus die Wetterauer Bauernkapelle
zur Freude der Badegäste aus dem In- und Auslande auf, und die Burschen und Mädchen drehten sich im Tanze. Unsere jungen Hessen verlebten zwei prächtige Stunden. Auf der Rückfahrt wurde dann in Lübeck Halt gemacht, und auch dort fanden sich schnell viele Volksgenossen, um die Trachtengruppen zu sehen. Allzu bald mußte man dann nach Hamburg zurück. Trotzdem man sehr spät dort eintraf, wurde noch eine Fahrt über die lich
terumflutete Reeperbahn unternommen.
Gippentage aller oberhessischer Familien
Oie Vernbecke.
Die Nachkommen des Pfarrers Johann Daniel B e r n b e ck trafen sich traditionsgemäß in dem Stammsitz der Familie in Gießen. Schon am Abend vorher waren die auswärtigen Gäste zu einer Begrüßung im Hotel Hindenburg erschienen, 24 an der Zahl. Es wurden viele fröhliche Erinnerungen an die oft von über 120 Teilnehmern besuchten früheren Familientage wach, die in der Zeit nach 1876 meist in „Steins Garten" abgehalten worden waren. Das waren glanzvolle Feste, zu denen man mit der ganzen Familie kam, die aber vor allem auch deshalb so viel stärker besucht waren, weil die Familie damals noch viel mehr in dem kleineren Umkreis von Hessen wohnte, während sie jetzt in allen Gauen Deutschlands und darüber hinaus ihren Sitz hat.
Der Pfarrer vom Wirberg hatte 13 Kinder, von denen sieben heirateten. Drei Söhne waren ledig
geblieben, darunter der Altertumsforscher Karl Bernbeck, dessen Nachlaß heute in der Universitätsbibliothek sich findet. Er war gelähmt und ritt auf einem Esel mit rotem Plüschsattel durchs Land. Der zweite unverheiratete Bruder war Christian Bernbeck, der als Pfarrer von Alten-Buseck deshalb nicht heiratete, weil er zwei verwitwete Schwestern mitzuoersorgen hatte. Der dritte war nach Amerika gegangen, hatte es im amerikanischen Freiheitskrieg zum Offizier gebracht und hatte in Texas eine größere Landdotation bekommen, die aber vom amerikanischen Staat nach seinem Tode eingezogen wurde. Die sieben Kinder, die geheiratet haben, begründeten sieben einzelne Stämme, zu denen die Namen Wahl, Strack, Bichmann, Scriba gehören, deren Nachkommen mit denen der Söhne die heutige Familie bilden.
85 Glieder der Familie fanden sich jetzt im Schützenhaus zusammen. Als Senior fungierte Pfarrer i. R. Hermann B e r n b e ck, zuletzt in
Hirschhorn. Nach den Verhandlungen, bei denen über Familienblatt. Familienstipendium, Familienarchiv und anderes Beschlüsse gefaßt wurden, ging man zu Tisch, und etwa 30 Glieder der Familie fuhren anschließend mit einem Autobus auf den Wirberg, um das alte Pfarrhaus und die alte Kirche zu besuchen, in denen der Ahnherr gewohnt und gewirkt hatte. Man blieb im Schützenhaus und später im Hotel Hindenburg bis zu den letzten Zügen zusammen und versprach, in zwei Jahren wieder nach Gießen zu kommen.
Oie Nömhelds.
Im Hotel „Zum Faust" zu Frankfurt a. M. fand der 17. Römheldsche Familientag statt. Die Tagung war von 53 Mitgliedern des nun bereits über vierzig Jahre bestehenden Römheldschen Familien-Der- banbes besucht unb nahm einen sehr befriebtgenben Verlauf. Familienbuch, Stammbaum, Stammtafel unb bas neu erschienene, bie Stammfolge ber Familie Römheld enthaltende deutsche Geschlechterbuch (Bd. 98) lassen die Spuren des Geschlechtes bis in die 30er Jahre des 16. Jahrhunderts verfolgen. Geleitet wird der Verband feit etwa 14 Jahren durch Geh. Justizrat R ö m h e l d in Nidda, dem einzigen noch lebenden Mitbegründer des Römheldschen Familienoerbandes.
^DicDüiitfdicJlrMtofront
NS.-Gemeinfchaft „Kraft durch $reube“.
Bodenfeefahrt vom 16. b 1 s 26. 3 u n r. Durch Erkrankung bei der Urlaubssahrt 22/38 Bodensee in der Zeit vom 16. bis 26. 3uni sind noch einige Plätze frei geworden. Anmeldungen werden bis zum 15. 3uni in der Geschäftsstelle, Settersweg 60, entgegengenommen. Teilnehmerpreis 41 RM. Näheres in der Kartenverkaufssielle. 4059V
Imkertagung am Bienenstand
Wieder einmal vereinigte bie Ortsfachgruppe Gießen ber Imker ihre Mitglieder, um in unmittelbarer Derbinbung mit ber Praxis wertvolle Anregungen für bie Arbeit am Bienenstanb zu empfangen. Man traf fid) am Bienenstand des Obmanns Bo d endender am Erdkauterweg. In kurzen Zügen gab der Obmann eine Rückschau auf bie bisherigen Monate bes Jahres 1938, wie sie sich bem Imker barstellen. Das Frühjahr sei nicht fonberfid) günstig gewesen. Da^ Wanbern in trachtreiche Gebiete habe unter bem wechselhaften Wetter im Frühjahr gelitten. In Anbetracht ber hohen Bedeutung der Bienenzucht gelte es, die Dölkerzahl zu vermehren, ber Zucht ber Stockmütter alle Sorgfalt zuzuwenden, eine Verbesserung ber Bienenweibe anzustreben unb sich um eine weitere Ausbildung der Imker zu bemühen. Obmann Bodenbender sprach in weiteren Darlegungen über bie Zucht ber Königinnen unb gab durch praktische Vorführung bes Umlarvens insbesondre ben jüngeren Imkern wertvolle Hinweise.
Ueber bie Ein- unb Auswinterung ber Bienenvölker sprach Mitglied H ö b e l e r . Er wies besonders auf die Notwendigkeit der warmhaltenden Verpackung für die Ueberwinterung hin.
Nachdem man sich noch über bie Entschädigung für die an der Nosemaseuche eingegangenen Völker unterhalten hatte, wurden noch die Standbegeher genannt unb beren Verpflichtungen umrissen. Dabei wurde herausgestellt, baß diese Standbegeher B e - roter sein und ihr Hauptaugenmerk auf die rechtzeitige Erkennung von Seuchen gefahren richten sollten.
Zum Abschluß wurden noch Anregungen über die Derbesserungsmöglichkeiten der Bienenweide gegeben und die Zusammenkunft mit dem Hinweis geschlossen, daß sich ber Jmpker ber großen Bedeutung ber Vienenwirtschaft im Rahmen bes Vier- jahresplanes bewußt sein und dementsprechend handeln müsse.
„öreiftang."
Im Gietzener Gloria-Palast.
Dieser Film, zu dem Friedrich Forster nach einer Idee von Detlev S i e r ck das Drehbuch schrieb, geht, wie „Schlußakkord" und eine Reihe anderer Werke, von einem musikalischen Motiv aus — zwar nicht so, daß das Motiv (aus einer Beethoven- Sonate) geradezu im Mittelpunkt der Handlung stünde, aber so, daß es gewissermaßen zum Symbol für die wechselseitigen Beziehungen der drei Menschen wird, welche an den Brennpunkten der Fabel erscheinen: ein Vater und ein Sohn und die vom Vater geliebte Frau. Die Liebe zu ihr droht bas schöne kameradschaftliche Verhältnis zwischen Vater und Sohn zu trüben, ja zu zerstören, aber als ber Junge bas frühere Leben ber Frau kennen und verstehen gelernt hat, begreift er auch bas Opfer, das ber Vater mit feinem Leden für bie Ehre ber geliebten Frau bringt, unb ist stark genug, ben letzten Willen bes im Duell Gefallenen so au erfüllen, wie es ihm aufgetragen würbe. Es ist schwer, eine Vorstellung von ber Fabel zu geben und babei bem Film gerecht zu werben, ber vom Spielleiter Hans Hinrich mit viel künstlerischem Feingefühl in Szene gesetzt würbe: es finb eine Reihe ausgezeichnet empfundener und wiedergegebener Szenen darin, aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß weder in ber Bilberfolge noch in ihrer musikalischen Unterstreichung und Ausbeutung alles erschöpft würbe, was etwa eine Erzählung aus ber Idee hätte machen können. Die Welt einer kleinen deutschen Garnisonstabt anno 1911 mit bem Aufziehen der Wache, mit Abiturientenfest und Schülerliebe und kleinstädtischem Klatsch ist zu einer stellenweise fast grotesk anmutenden Wirklichkeit erweckt worden; es ist zugleich die Welt der erwachenden Technik, des „Kinematographen" und der ersten Flugmaschinen: beides spielt eine nicht unwesentliche Rolle in den Zusammenhängen der Handlung. Die Figur des Vaters, der als Hauptmann den Abschied genommen hat, um sich der Konstruktion von Flugzeugen zu militärischen Zwecken zu widmen, ist sicher ganz real und eben in dieser Zeit und Umwelt interessant genug, aber sie würde ebenso wie die Erscheinung der Frau an Lebendigkeit und Fülle gewonnen haben, wenn man beide in der stetigen Entwicklung einer Erzählung hätte aufwachsen und einander begegnen losten können. So wirkt das Ganze manchmal wie ein Mosaik aus Teilmotiven, die man — man denke etwa an bie „Vergangenheit" der Frau — gern
organischer entwickelt unb schärfer belichtet gesehen hätte. Darstellerisch erscheint das musikalische Motiv des Dreiklangs wirklich harmonisch bewältigt. Paul Hartmann gibt in dem Hauptmann eine wundervoll klare und reife Gestalt, väterlich unb männlich, nobel und ritterlich, dabei immer auf die bem ehemaligen Offizier anerzogene Haltung be- bacht, bie er mit seinen allerletzten Worten auch von seinem Sohn forbert. Den spielt Rolf M o e - b i u 5 (noch unvergessen aus bem „Urlaub auf Ehrenwort") mit allem Ueberschwang, aller Unklarheit, Enttäuschung unb Verwirrung bes ganz jungen, eben aus ber Schule ins Löben entlassenen Menschen. Zwischen beiben bie Dagover, sehr fein, anmutig und damenhaft, in ihren Gefühlsäußerungen gleichermaßen gelöst und beherrscht (wofür namentlich die Schlußszene ein gutes Beispiel gibt). Um diese drei gruppiert sich ein kleines Ensemble, aus dem sich vor allem Karl G ü n t h e r , Walter Werner, Helga Marold unb Werner Ple - dath herausheben. Die Musik, bie eine Reihe schöner, klassischer Passagen einbezogen hat, schrieb Kurt S ch r ö b e r. An ber Kamera: Werner Krien. — (Ufa.)
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Im Beiprogramm sieht man außer der neuen Wochenschau eine Anzahl liebevoll ausgewählter und photographierter Landschaftsbilder „Aus der Heimat des Freischütz". Hans Thyriot.
Zeitschriften.
— „Männer, wenn sie ins Wasser gehen" heißt eine Untersuchung, bie im neuesten Heft ber „neuen linie" (Verlag Otto Beyer, Leipzig) in vergnüglicher Form bas Jnswassergehen zum Zwecke des Badens in Badewannen sowie in stehenden und fließenden Gewässern behandelt. Um den Einblick in die seltsamen Sitten und Gewohnheiten von Leuten am Wasser zu vertiefen, bringt das Heft außerdem eine bunte Strandfibel, geschrieben unb gezeichnet von Hubert Mumelter. Eine farbige Veröffentlichung über bas KdF.-Seebad auf Rügen, ein schöner Bildbeifrag über die letzten Segelschiffe, Reiseaufsätze über Finnland, über bekannte unb unbekannte deutsche Seebäder unb bie luftigen Seemannsträume von Peter Bamm machen bieses Heft zu einer lebenbigen See- unb Babe- Nummer. Die Galerie ber Filmliebhaber um Greta Garbo, Marlene Dietrich unb Pola Negri veranschaulicht bie Verwandlung bes Männergesichts in ben letzten 15 Jahren. — Der Modeteil'schließlich zeigt die neuen Babe- und Strandmoben in reizvollen Modellen.
Alle Wirishausschilder.
Don Mathias Werner.
Es waren bis in bie Mitte bes 19. Jahrhunderts hölzerne, schmiedeeiserne, bkecheme unb kupferne Tafeln, worauf sie ber Wirtshäuser Namen unb Besonberheiten vermerkt hatten, umrahmt von einem Kranze von Weintrauben und Weinblättern, oder gefrönt von einem Bierkrug, um anzuzeigen, daß hier Fremde einen guten Trunk bekommen, beköstigt werden unb Wohnung finden konnten. Häufig würbe ein Fuhrmann mit Pf erb unb Wagen bargestellt, wie er über Land fährt, um Fuhrleute zur Einkehr zu verlocken. Zuweilen war es eine Land kutsche, neben der der Herr Wirt ein Glas Wein in ber einen und den Hut oder sein Käppchen in der anderen Hand hielt. Zeigte das eine Wirtshaus die Aufschrift „Zum weißen Rößlein", manchmal auch noch den Zusatz: „Gut Stallungen for Reuter und fahrend Passagiers und Roßtäuscher", so hängte ber andere Gastwirt — wenn er schon etwas Besonderes vorstellen wollte, bas Bildnis ober bas Wappen bes Lanbesherm ober eines anderen Bedeutenden über seine Haustür. Oft hatten sie auch schon bei ihm gewohnt ober gespeist. An vielen Wirtshäusern Oberdeutschlands waren zuweilen zehn, zwanzig und mehr berartige Bilder, die off von hohen Herren dem Wirt als Anerkennung für bie gute Herbergung und Nahrung geschenkt worben waren — die Vorläufer der späteren Hoflieferantenwappen.
Am allermeisten fand man Wirtshäuser mit Abbildungen eines Löwen, Elefanten, Bären, Hirsches, Adlers, Falken, Raben, Schwanes ober Hahnes, oft Tiere, in einer bestimmten Farbe gemalt, wonach bann das Gasthaus „Zum blauen Elefanten" oder „Zum roten Hahn" benannt wurde. Diele tauften ihr Einkehrhaus „Zum Engel". Ein mittelalterlicher Spottvogel schreibt aber dazu: Kommet man in solchen Kretscham, so findet man einen Teufel von Wirt. Im Gasthof „Zum Lamm" ist ein Wolf, der den Gast mit samt den Pferden auffressen wollt, auch ein bös Weib, so ihn Übel frottieret. Im „Güldenen Stern" aber ist es so dunkel, wenn man gleich eine Laterne mifgebrachf Hütt. — Andere Wirte wählten ihre Schilder nach den Herkunftsländern und -sfädten, aus denen sie ober ihre Gäste für gewöhnlich stammten. Von der „Stadt Hamburg" wußten bann bie Hamburger, daß sie hier bie gewohnte Hamburger Kost unb Hamburger Landsleute finden und Hamborgisch sprechen konnten. Welches denn über alle Maßen
bequem ist unb einem Fremben nicht langes Nach, forschen verursacht.
Zuweilen hingen auch an den Wirtshäusern noch ein oder mehrer^ Wappenschilde verschiedener Hand- werkszünffe, bie hier ihre Herbergen hatten, welches Aushängen, wenn bas Wirtshaus geändert wurde, in bestimmter Art vor sich ging. Die ganze Zunft holte das Schild mit Musik in feierlichem Zuge vom alten Wirf ab und brachte es in den neuen Krug, wobei natürlich Wein und Bier des neuen Herbergsvaters ausgiebig, versucht wurden.
Als ein großer Mißbrauch galt es vielfach, wenn Wirte biblische Geschichten auf ihr Schild malten, um davon einen sehr weltlichen Gebrauch zu machen. So beschwerten sich im Jahre 1673 die Geistlichen Thüringens darüber, daß ein Wirf auf feinem Schilde den mit Gott ringenden Jakob dar- gestellt und darüber geschrieben hafte: „Zur guten Begegnung", welche aber „oftmalen schändlich und ländlich genug ausgefallen" Ein anderer malte einen Pilger mit dem Wanderstabe in der Hand auf dem Wege zum Himmel und als Bezeichnung feiner Wirtschaft darüber: „Zum guten Wege", „ber aber manchmalen in das, Fegefeuer des Beutels führte". Sehr gemein sei auch ein Schild, das den jungen Tobias mit dem Engel Raphael darstelle, ingleichen ein Bild mit dem Brunnen, bey welchem der Heiland mit dem samaritanischen Weibe gesprochen habe, „in dessen Andenken sich dieser Wirt das Wassergüßen unter ben Wein nur mehr als zu viel bebienet".
Weintrauben als Gtraßenscbmuck.
Das Weinffädfchen Winningen an ber Mosel hat jetzt eine „Generalreinigung" des Stadtbildes durch- geführf. An den Fachwerkhäusern, deren Fassaden im Laufe der Zeit überputzf worden waren, ist das Fachwerk wieder freigefegt worden. Um dem Ort ein schönes, einheitliches und dem Charakter der Landschaft entsprechendes Aussehen zu geben, dürfen die Häuser in Zukunft nur. noch einen Anstrich in hellgrauen oder gelblich-braunen Tönen erhalten. Die vielen aus heimischen Natursteinen erbauten Käufer werden einen besonderen, für den Weinort charakteristischen Schmuck erhalten. Dor jede« Haus wird ein Weinstock gepflanzt, der Taselfrauben trägt. Mit ihrem satten Grün im Sommer unb ben im Herbst aus buntem Laub golben leuchtenden Trauben, die übrigens auch an die Fremden verkauft werden sollen, werden diese Rebstöcke zur Belebung bes Straßenbilbes beitragen.


