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Itr.112 viertes Vlatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderheffen)

U./I5. DTai 1938

Zu Besuch bei den Abcschühen.

Versuche an der Schultafel.

Nun sind die ersten Schultage vergangen. Die Kleinen haben sich an die neue Umgebung, an die Kameraden und auch wohl an den Lehrer oder die Lehrerin gewöhnt. (§ie fühlen sich in der Schule schon wie zu Hause. Der Außenstehende ahnt nicht, welche Mühe und Geduld ein Lehrer mit den Kleinen haben muß, bis sie endlich so weit sind, daß wirkliche Arbeit geleistet werden kann.

Anderseits freilich hat der Elementarlehrer auch sehr viele frohe Stunden; denn in diesem Alter sind die Kinder noch sehr vertrauensselig, mitteil­sam und dankbar. Ihr Mund steht nie still, und der Lehrer erlebt manches, das in andern Klassen nie vorkommen kann.

Wenn so einige ältere Lehrer, die stets die Kleinen betreuten, zusammenkommen und erzählen, was in den ersten Wochen geschah, dann kommt matt oft.nicht aus dem Lachen heraus. Daß die Kleinen in ihrem Lehrer oder in ihremFräulein." den besten Kameraden sehen, ist ganz natürlich und gibt der Arbeit in der ersten Klasse die wundersame Fröhlichkeit. Daß alle den Lehrer duzen, ist ebenso natürlich.

Was die kleinen Herzen bewegt, wie sie sich das Leben vorstellen, kann man ganz unverfälscht und offen in der Elementarklasse hören, und es ist keineswegs so, daß die Kleinen nun alles kritiklos hinnehmen, was ihnen gesagt wird. Sie sind oft die schärfsten Kritiker und haben dabei die merk­würdigsten Einfälle.

Einige kleine Erlebnisse aus einer Schule bei Gießen mögen hier folgen, um zu zeigen, in wel­chen Gedankengängen sich unsere Abcschützen be­wegen.

Die Kleinen haben eben ein Lied gesungen. Es klang freilich nicht gut. Aber es hat ihnen Freude gemacht. Da sagt einer ganz unvermittelt:Herr Lehrer, ich kann aber auch schon pfeifen."

Gut, dann pfeife einmal!" sagt der Lehrer und stellt sich lächelnd vor den kleinen Kerl. Dieser ver­sucht zu pfeifen, es geht aber nicht. Er spitzt den Mund und versucht es noch einmal, es will nicht klappen. Da sagt er ganz treuherzig zum Lehrer:

Ja, wenn du lachst, kann ich nicht pfeifen!" *

Natürlich haben sich die Kleinen den Schulsaal samt dem ganzenInventar" genau angesehen. Der Lehrer hilft dabei und zeigt ihnen die verschiedenen Gegenstände, zuletzt auch die große Wandtafel. Daß man diese Tafel verstellen kann, interessiert die Buben sehr stark. Der Lehrer stellt sie ganz tief, daß sie nahezu die Erde berührt. Die Kinder gucken und staunen. Da sagt einer:Gelt, Herr Lehrer, da hast du drauf geschrieben, als du noch ganz klein warst!"

Und im Rechnen will's gar nicht klappen. Unwill­kürlich fährt sich der Lehrer durch die Haare, kratzt sich und seufzt hörbar. Da sagt ein kleines Mäd­chen:Herr Lehrer, hast du auch Läuse?"

*

Dann malen die Kleinen schon eini". Während des Schreibens stehen die Mäulchen auch nicht still.

Gespannteste Aufmerksamkeit.

Ein dicker Maurersohn, der wohl zu Hause einiges im Gespräch seiner Eltern aufgeschnappt hat, fragt plötzlich:Wer verdient dann mehr Geld, ein Lehrer oder ein Maurer?" Der Lehrer erwidert: Wenn der Maurer recht viel kann und fleißig ist, wird er wohl sehr viel Geld verdienen." Der kleine Kerl sagt darauf nach einigem Nachdenken:War­um bist du denn kein Maurer gerporden?"

*

Die Hände eines Jun­gen waren alles andere als sauber. Der Lehrer gibt sich Mühe, dem Klei­nen zu erklären, daß er sich waschen muß, nicht nur mit Wasser, sondern auch mit Seife. Der Junge . es war in einem oberhessischen Dorfe schaut verständnislos 3U dem Worte Seife. Da fällt bem Lehrer ein, die Mundart zu gebrauchen^ das muß ja wohl jeder Lehrer irp Dorfe so ma­chen, und er sagt:Du mußt ,<5aafe< nehmen." Denn so heißt es ja oie- lerorts. Der Nachbars­junge begreift plötzlich und sagt:Herr Lehrer, ihr saht ja Saafe, des häißt doach Seefe!"

Und während des Schreibens sagt einer auf einmal:Gestern hatten wir daheim aber großen Krach. Mein Vater sagte zu meiner Großmutter: Wenn du jetzt nicht das Ätaul hälft, schmeiß ich dir die Kaffeekanne an den Kopf!" Der Lehrer will nicht haben, daß die Kinder aufmerksam wer­den und sagt:Erwin, du erzählst uns ja Räu­bergeschichten". Da steht der Junge auf und sagt mit dem Brustton der Ueberzeugung:Es ist, weiß Gott, wahr! Herr Lehrer!"

Die Kinder bringen dem Lehrer Sträußchen mit, auch hier und da einen Apfel. Ein Kleiner, der auch gern etwas schenken möchte, sagt: Morgen bringe ich dir aber eine Gans mit".

Im Schulgarten.

Ob der Lehrer zufrieden ist? (Aufnahmen (61: Neuner, Gießener Anzeiger.)

)

Der Lehrer lacht, und am andern Tage erinnert er den Kleinen daran. Doch dieser erwidert ganz kleinlaut:Sie ist wieder gesund geworden!"

Ein kleiner Junge will sich gar nicht fügen. Er verwechselt immer noch den Schulsaal mit der Straße, läuft von seinem Platz, spielt und will scheinbar gar nicht schreiben. Da muß schließlich der Lehrer energisch werden, als alles Mahnen nichts hilft. Der Kleine schaut zunächst etwas ver­dutzt, als er seinen Klaps bekommt, dann aber steht er auf, faßt den Lehrer am Rock und sagt ganz

aufgeregt:So, jetzt komm ich dir nicht mehr in die Schule, das hast du davon!"

Unter den Frühlingsliedern wird auch das be­kannteWinter, ade, Scheiden tut weh!" gesungen. Da fällt dem Lehrer ein, doch zu prüfen, was sich die Kleinen wohl unter dem WortScheiden" oor- ftelleji, Ein kleiner Bub beantwortet seine Frage so:Gestern haben wir, unser Karl und ich, die Scheiter (Holz!) gelegt. Da hat mir der Karl eins an den Kopf geworfen. Das hat sehr weh getan!"

*

Hebung am Lesekästchen. Die erste Schreibprobe.

B

Daß auch unsere Jüngsten gar oft scharf nach­denken, zeigt folgender Einwand eines Sieben­jährigen. Die Schöpfungsgeschichte wurde erzählt. Es wurde erwähnt, daß Gott sprach: Es werde Licht! Dann weiter:Gott schuf Sonne, Mond und Sterne." Da fragte der kleine Bub:Woher kam denn das Licht, als die Sonne noch nicht da war?"

Als gelegentlich die Vor- und Zunamen be­sprochen wurden, fragte derselbe Junge:Wie heißt denn der liebe Gott mit dem Vornamen?"

*

Daß es bei der Erzählung der biblischen Geschich­ten gar oft die merkwürdigsten Stilblüten gibt, soll hier auch erwähnt werden. Echt oberhessisch ist der Satz, ber von der Vertreibung aus dem Paradies handelt. Da erzählte ein Mädchen:Mit (Dummern (Gurken!) sollst du dich nähren dein Leben lang!" (Mit Kummer!)

Zwei Buben sind aneinandergeraten. Parteien bilden sich. Der eine hat dem andern einfach ins Gesicht gespuckt. Da ereifern sich seine Freunde und sagen:Spuck ihn doch auch voll!", worauf der an-

Fäden hin und her.

Vornan von Hedda Westenberger.

Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin W 35.

22. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Marga selber schaut gelassen von einem zum anderen. Was haben sie denn auf einmal alle? Warum ist es denn so wichtig, ob sie schlafen geht oder nicht? Allerdings: was ist denn, bitte, in diesem entzückend geruhsamen, altväterischen, über­organisierten und geordneten Haushalt nicht wichtig?

Ich glaube, ich werde Heber nicht schlafen gehen", sagt sie bann.

Die Wirkung ist verblüffenb. Wie Puppen eines Marionettentheaters, beren still hangenbe Drähte plötzlich jemand mit den Händen berührt, so ge­raten die vier Menschen um sie herum jetzt in Be­wegung: Der Doktor murmelt etwas von viel Ver­gnügen, rafft eilig die Sonntagszeitung auf und klatscht die Tür hinter sich zu. Monika fängt unter Verwünschungen den umhertobenden Seppl em und verschwindet dann ebenso eifrig, den Hund und ein Buch unter den Arm gepreßt. Und Tante Martha rennt nach Margas Wildlederjacke, well sie keines­falls ohne etwas Warmes hinausdürfe, und räumt Dann in rasender Hast die letzten Ueberbleibfel vorn Essen, Servietten, ein Weinglas, ein paar-unbenutzte Löffel und die Klammer, mit ber ber Doktor sich sonst immer bie Serviette um ben Hals herum fest­macht, zusammen, um bann mit einem zärtlichen unb irgenbroie oerftänbnisinnigen Blick auf SDlarga, auch bavonzulaufen. Die zwei Zurückgebliebenen sehen sich etwas verlegen an.

,,Da stimmt was nicht", sagt Marga bann nach­denklich.

Aber Lenzsch lächelt nur.

Komm, mein Kind, gehen wir also ein bißchen in den Garten", sagt er dann unb will Marga unterfassen.

Aber Marga winkt ab:Nee, laß mal. Unb wenn Sie sich unterstehen, Walter, unb roieber bu sagen, so gibts was! Ich bin fähig unb hole ben Gartenschlauch."

Auch bas wirb meine Begeisterung für dich Vicht abflauen lassen,"

Huch nein, wie heroisch!" Das soll nur spöttisch klingen, aber es klingt ausgesprochen böse. Marga weiß selbst nicht, warum.

Sie pfeift Tapsy und läuft mit ihm an Walter Lenzsch vorbei in den Garten.

Der schaut verstohlen auf die Uhr: Mindestens zwei Stunden lang gehört jetzt Marga Montwill ihm allein, denn vor vier wird sich niemand von den Hammerbachers zeigen. Und bis dahin...

Eine knappe Viertelstunde später wirft oben in seinem Zimmer der Doktor wütend die Decke bei­seite: Zum Kuckuck noch mal, daß er heute absolut nicht einschlafen kann! Aber wahrscheinlich ist das alberne Hundevieh unten im Garten daran schuld; man hört es ganz deutlich herumrasen

Der Doktor setzt sich auf unb lauscht hinaus, die Arme auf die Knie gestützt, bie Fäuste gegen bas Kinn gepreßt. Wenn man sehr aufpaht, kann man von unten herauf auch Stimmen hören. Da, jetzt zum Beispiel, bas ist bas alberne Lachen vom Lenzsch. Unb bas jetzt, bas ist Marga Montwill.

Er steht auf unb geht ans Fenster unb schaut hinunter, ohne bie Garbine zurückzusch eben. Un­nötig, baß bie ba unten ihn sehen. Ganz unnötig

Ja, ba steht also Marga Montwill in ihrer grünen Jacke gegen bie Gartenmauer gelehnt, die ben Garten gegen bas Nachbarhaus hin abschließt, unb vor ihr hockt Tapsy. Vor beiben steht Lenzsch. Hm. Wie großartig ber basteht, bie Arme ver­schränkt unb bie Beine auseinanber, wie ein alter Reitergeneral. Hm. Unb wie er rebet!

Unb jetzt rast Tapsy roieber los unb schleppt einen abgebrochenen großen Ast herbei unb rammt ihn seinem Frauchen beinahe in ben Magen Aber bas Frauchen beachtet ihn gar nicht; sie schiebt ihn nur ganz gebantenlos beiseite, bie Augen unauf­hörlich zu Lenzsch hin geroenbet.

Wenn man bloß wüßte, was biefer Lenzsch immer zu quatschen hat. Unb übrigens, mehr Haare auf bem Kopfe als man selbst hat dieser Lenzsch eigentlich auch nicht, Kehr spärlich Unb in zwei, brei Jahren erfreut er sich wahrscheinlich einer ganz hübschen Platte. Na, schadet ihm nichts, dem Küm­merling!

Hoppla, was wirb jetzt aber bas? Marga Mom- will legt plötzlich beibe Arme 4im Lenzsch unb brückt zu allem Ueberfluß auch noch ben Kops gegen seinen verflixten Eierschädel. Und Tapsy spring: wie ver­

rückt an beiden hinauf und jault unb stellt sich an wie ein wilber Löwe. Ja, sollte bas vielleicht schon ... ? Aber bas wäre boch ... !

Monika! Monika!" brüllt ber Doktor unb rast aus bem Zimmer, hinüber zu Monikas Zimmer­tür.Monika! Wo steckst bu benn?"

Aus Monikas Zimmer kommt eine bünne unb gelassene Stimme:Hier. Was ist benn? Was schreist bu benn so?"

Der Doktor bleibt stehen unb streicht sich einmal mit beiden Händen über ben heißen Schäbel. Komm mal raus. Komm mal zu mir herüber. Aber sofort."

Dann rennt er aufgeregt in seinem Zimmer zwi­schen Tür unb Fenster hin unb her, ohne den Mut zu haben, einen zweiten Blick auf dasPaar" im Garten zu werfen.

Als Monika bann enblich, für fein Gefühl erscheint, fährt er sie wütenb an: Was bas benn für eine Manier sei, ben Gast so ganz unb gar bem Blöbling von Lenzsch zu überlassen! Ob sie nicht einmal wisse, was sie, als Tochter bes Hauses, ihrem Gast schuldig sei?'

Meinem Gast, Papa? Ich glaube, ich habe mit Fräulein Montwill am wenigsten zu tun'"

Das entzieht sich, glaube ich, deiner Beurteilung", brüllt aufgebracht ber Doktor,unb wenn ich mir zehn Hottentotten einlabe, so hast bu trotzbem ge­wisse Verpflichtungen als Tochter bes Hauses. Ver­stauben? Unb bitte, schau bir bas an, ba steht bas arme Fräulein Montwill unten im Garten herum, holt sich kälte Füße unb amüsiert sich aus lauter Langeweile mit ihrem Hunb. Das kann sie auch in Berlin, liebes Kinb, sich mit ihrem Hunb amü­sieren. Verstauben? Also mach, baß bu runter- Eommft unb kümmerst bich um sie!"

Monika ist ans Fenster getreten unb schaut hin­unter ebenfalls, ohne bie Gardine beiseitezu­schieben. Unnötig, daß bie ba unten sie sehen Ganz unnötig.

Der Doktor wartet gespannt eine Sekuube; Mo­nika, am Fenster, starrt hinunter unb rührt sich nicht.

No?" ermuntert er bann.No? Wirb's balb?"

Da breht Monika sich langsam umLieber Papa", sagt sie leise unb mit einem beutlicheu Zit­tern in ber Stimme,bu weißt ebensogut wie ich, unb ich habe es bir heute schon einmal gesagt, baß die da unten mich absolut nicht brauchen. Die sind

viel lieber allein, unb ich habe auch keine Lust, bas britte Rab am Wagen zu sein."

Der Doktor schnauft ein paarmal tief unb heftig. Drittes Rab am Wagen, brittes Rab am Wagen", wieberholt er bann mit etwas gebämpfterer Stimme unb schiebt mit einem energischen Ruck einen Pan­toffel beiseite, ber ihm im Wege liegt,brittes Rab am Wagen so ein Blobsinn, so ein Unsinn! Hach, was für alberne, verbohrte Geschöpfe werbet boch ihr Mäbel aus ber Kleinstabt! Du benfft immer gleich, wenn zwei sich mal umarmen, ober wenn zwei mal mehr als zehn Worte miteinanber zu reben haben, bie haben was miteinander! Ja­wohl, kein Wiberspruch, so blöb bist bu! Unb weil sich bie zwei ba unten jetzt gerade mal um ben Hals gefallen finb ..."

Sie finb sich ja gar nicht um ben Hals gefallen." Jawohl finb sie sich um ben Hals gefallen! Jawohl! Ich hab's boch mit meinen eigenen Augen gesehen. Du wirst mich boch nicht Lugen strafen wollen. Unb wenn bu es nicht gesehen hast, so hast bu eben Glück gehabt..."

Er bricht erschrocken ab unb fährt sich mit beiden Hänben über ben Kopf:Ich meine, ich wollte sagen: so bist bu eben nur zu spät gekommen. Aber bas ist ja auch ganz egal. Die Hauptsache ist..."

Er schöpft Atem unb wirft feiner Tochter einen beinahe verlegenen Blick zu und fährt bann viel leiser fort:Die Hauptsache ist, ich meine, wenn Zwei mal miteinanber intim tun, so braucht ba noch lange nichts babei zu sein. Du kannst ruhig hin­untergehen, Moni, unb kein Mensch wird behaup­ten, baß bu das britte Rab am Wagen bist."

Monika schluckt bebenklich:Aber in biesem Falle bin ich's bestimmt, Papa!"

Wieber entsteht eine lange Stille Der Doktor geht unruhig im Zimmer auf unb ab. Monika zer- breht ihr Taschentuch zwischen ben Hänben unb hat ein nervöses Zittern um bie schmalen Nasenflügel.

Dann bleibt ber Doktor stehen.

So", sagt er langsam,so... Unb bann sage ich bir, baß, wenn bu wirklich bas dritte Rad sein solltest, daß es bann beine eigene Schulb ist."

Monika reißt erstaunt bie blauen Augen auf: Meine Schulb Aber erlaube mal!"

(Fortsetzung folgt.)