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Nr.232Zweite§ Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienrtaa. 4. Oktober 1938

Daladier entzündete das Ewige Feuer am Grabe des Llnbekannten Soldaten.

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In Paris kam es am Samstag zu einer überaus eindrucksvollen Friedenskundgebung, als der französische Ministerpräsident Daladier sich an der Spitze der Frontkämpfer zum Grabe des Unbekannten Soldaten unter dem Triumphbogen begab und hier das Ewige Feuer entzündete. Die Menge brach in den Ruf aus:Es lebe Daladier, es lebe der Friedens Links neben Daladier sieht man General Gouraud. (Scherl-Bilderdienst-M.)

Aus der Stadt Gießen.

Kartoffelernte.

Schön rötlich die Kartoffeln sind und weiß wie Alabaster.

Sie däu'n sich lieblich und geschwind und sind für Mann und Weib und Kind ein rechtes Magenpflaster."

So singt Mathias Claudius, der also anscheinend ebenso gern Kartoffeln wie Gottfried Keller, der in einem Briefe seiner Mutter aus München klagt, Laß er nirgends jo gut gesottene Kartoffeln bekom­men könne wie zuhause.

Was sind nun eigentlich die Kartoffeln? Die un­terirdischen Knollen eines Nachtschattengewächses! Sie enthalten Stärke, Wasser und Eiweiß. Ihre Heimat sind die Hochebenen von Nordchile und Peru, von wo sie Mitte des 16. Jahrhunderts durch die Spanier nach Europa gebracht wurden.

Aus dem Jahre 1587 hören wir, daß im Garten des Arztes Lorenz Scholtz in Breslau eine Kar­toffelanpflanzung gewesen sei, und aus dem Jahre 1600 berichtet ein Schriftsteller, daß er die Kar­toffel unter den in schlesischen Gärten angebauten Pflanzen gefunden habe und manche Menschen die in der Asche gebratenen Knollen wie Trüffeln äßen. 1705 taucht die Kartoffel unter dem Namentar- tuffolo" in der schlesijchen Generalaccise-Ordnung auf: mit sechs Kreuzern vom Taler Wert war sie zu versteuern.

Dann, so scheint es, ist ihr Anbau wieder in Ver­gessenheit geraten, und sie wurde aus benachbarten Ländern, wahrscheinlich Italien, eingeführt. Erst ein­einhalb Jahrhunderte nach ihrem ersten Erscheinen in Deutschland, nämlich 1734, haben sächsische Ham­merschmiede die Kartoffel wieder nach Schlesien gebracht und sie angepflanzt. Dann war es Fried­rich der Große, der durch Regierungsmaßnahmen

ihren Anbau erzwang. Er ließ durch das schlesische Finanzministerium im Kreise Leobjchütz Saatkar­toffeln verteilen und Aussaat und Ernte durch Dra­goner überwachen.

H§ute sind Deutschland und Polen die Hauptan­bauländer der Kartolfel, die uns ein unentbehr­bares Nahrungsmittel geworden ist.

Draußen weht der Herbstwind über die Felder, auf denen überall fleißige Hände sich regen, um die Kartoffelernte einzuheimsen. Es ist eine schwere Arbeit, das Hacken und das viele Bücken! Vom Wald her ziehen schon die ersten Nebelstreifen her­an, die Säcke werden prall, der Wagen mit den leise schnaubenden Kühen steht bereit, sie heirnzu- fahren. E. L. St.

BDM.-Untergau 116 Gießen.

Die nächste Stabsbesprechung findet am Mittwoch, 5.10., um 15 Uhr auf der Dienststelle des Untergaues statt.

Am Mittwoch, 5. 10., findet um 20.30 Uhr ein Appell für die Schar 2 der Mädelgruppe Lollar statt.

Für die Mädelgruppen 15 und 16/116 findet am 6.10. um 20.30 Uhr ein Gruppenappell in Großen- Linden statt.

Appell des Standortes Langd: 7.10. um 20.30 Uhr.

9. 10. Uebernahme der Führerinnenschaft des Kreises Friedberg um 10 Uhr in Bad-Nauheim.

9.10. Schulung der Sportwartinnen und Gruppen- sozial-Referentinnen um 10 Uhr auf der Dienststelle des Untergaues.

t Dorrwiizen.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 22 Uhr:Aimee" oderDer gesunde Menschenverstand". Gloria-Palast, Sel­

tersweg:Unter Mordverdacht". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:13 Stühle". Herbstmesse auf Os- waldsgarten.

Erstaufführung

Aimee" oderDer gesunde TNenschenversiand".

Heute abend findet die' Erstaufführung von Aimee" oderDer gesunde Menschenverstand", Komödie in drei Akten von Heinz Coubier statt. Spielleitung: Wolfgang Kühne, Bühnenbild: Karl Löffler. Es wirken mit: Giesela Vollert, Eduard Cossovel, Hans Schlick und Erich Weiland. Die Vor­stellung findet als 1. Vorstellung der Dienstag- Miete statt. Anfang 20 Uhr, Ende 22 Uhr.

Margarineversorgung verstärkt.

FWD' lieber die Versorgung mit Fetten ist die Oeffentlichkeit von maßgebender Stelle vor kurzem unterrichtet worden. Hiernach soll trotz unserer gün­stigen Vevsorgungslage bei Margarinerohstoffen nach wie vor sparsam gewirtschaftet werden. Zu­gleich muß der Verbrauch mehr als bisher den Be­dürfnissen der Vorratshaltung und der Marktord­nung angepaßt werden. Um im Rahmen der nor­malen Versorgung in nächster Zeit bei der saisonmäßig abfallenden Milcherzeugung Margarinerohstoffe in erhöhtem Maße dem Verbrauch zuzuführen, wird bis Ende des Jahre auf die Kundenliste für Butter auch Margarine (Spitzensorte) ausgegeben werden, und zwar'entsprechend der zu ersetzenden Butter. Die Margarineversorgung wird im übrigen gegen­über den Vormonaten verstärkt.

KdF.-Feierabend.

Am 10. Oktober ist der letzte Termin zur Anmel­dung für die Feierabend-Veranstaltungen von Kraft durch Freude". Es ist bekannt, daß bei die­sen Abenden den Besuchern immer gute Unterhal­tung in vielseitiger Abwechslung geboten wird. Die Broschüren über diese Veranstaltungen weisen denn auch für diesen Winter eine reichhaltige Dortrags- folge auf. Wer sich die Vielgestaltigkeit und den hohen Rang dieser Veranstaltungen vor Augen hält, der wird sicherlich gerne auch an den KdF.- Feierabenden im kommenden Winter teilnehmen.

Gießener Wochenmarktpreife.

* Gießen, 4. Okt. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Deutsche feine Molkereibutter, % kg 1,52 Mark, Markenbutter 1,55 bis 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 9, Wirsing, % kg 8 bis 10, Weißkraut 8, Rotkraut 10 bis 12, gelbe Rüben und Karotten 10 bis 11, rote Rüben 10, Spinat 15 bis 20, Bohnen, grün 25 bis 30, gelb 25 bis 30, Rosenkohl 30 bis 35, Feldsalat, 1/iö 10, Tomaten, kg 15 bis 25, Zwiebeln 10 bis 15, Meerrettich 45 bis. 70, Rhabarber 12 bis 15, Kürbis 8 bis 9, Kartoffeln, kg 4 Pf., 50 kg 3,15 bis 3,45 Mark, Aepfel, kg 25 bis 40 Pf., Falläpfel 15, Birnen 20 bis 40, Brombeeren 40 bis 50, Preisel­beeren 30 bis 40 Pf., junge Hähne 1 bis 1,20 Mark, Suppenhühner 90 Pf. bis 1,05 Mark, ^Blumenkohl das Stück 10 bis 60 Pf., Salat 8 bis 15, Endivien

5 bis 15, Salatgurken 10 bis 20, Einmachgurken 1 bis 6, Oberkohlrabi 5 bis 12, Lauch 5 bis 10, Sellerie 10 bis 35, Rettich 5 bis 15, Radieschen, das Bündel 8 bis 10 Pf.

** D i e n st j u b i l ä u m. Am 1. Oktober waren es 25 Jahre, daß Gefolgschaftsmitglied Werkmeister Johann Jost Schmidt im Dienst der Landes-Heil- und Pflegeanstalt steht. Der Betriebsführer, Direk­tor Dr. Schneider, sprach dem Jubilar Dank und Anerkennung für seine treue und tadellose Dienstzeit aus.

** Person en st ands- und Betriebs- aufnahme. Nach dem Stande vom 10. Oktober 1938 wird eine Personenstands- und Betri^bsauf- nahme durchgeführt, bei der die Listen mit größter Sorgfalt ausgefüllt werden müssen. Die Listen wer­den im Laufe dieser Woche zugestellt, vom Donners­tag, 18. Oktober, ab werden sie wieder eingesam­melt.

** Unterrichtsbeginn in Öen Volks­schulen. Am nächsten Montag nicht, wie be­kanntgegeben, am kommenden Donnerstag wird nach den Herbstferien der Unterricht in d»v Volks­schulen wieder ausgenommen. In der Berufs­schule beginnt der Unterricht bereits am kommenden Donnerstag.

** Die Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche betrifft eine Anordnung des Reichsstatthalters in Hessen, Landesregierung, die heute vom Oberbürgermeister zur öffentlichen Kennt­nis gebracht wird.

** Polizei gegen Verkehrssünder. Dis Polizei schritt in der Zeit vom 23. bis 29.9. ein: Gegen Kraftfahrzeugführer mit 5 Anzeigen und 11 gebührenpflichten Verwarnungen: gegen sonstige Fahrzeugführer mit 2 gebührenpflichtigen Verwar­nungen und 2 gebührenfreie Verwarnungen und Be­lehrungen; gegen Radfahrer mit 2 Anzeigen, 16 ge­bührenpflichtigen Verwarnungen und 6 gebühren­freien Verwarnungen und Belehrungen.

** Zwei Fälle von spinaler Kinder­lähmung sind in den letzten Tagen im Kreise Gießen, und zwar in Rödgen und in Lindenstruth, festgestellt worden. In beiden Fällen handelt es sich zum Glück um leichte Fälle. Erkrankt sind ein drei und ein sechs Jahre altes Kind. Die Kleinen wurden sofort in ärztliche Pflege gegeben und befinden sich in geeigneter abgeschlossener Behandlung. Wie wir auf < V* Anfrage beim Staatlichen Gesundheitsamt des Kreises Gießen hören, besteht wegen dieser leich­ten Erkrankungen keinerlei Anlaß zu Beunruhigung, da selbstverständlich alle Vorsichtsmaßnahmen sofort in weitestem Umfange getroffen wurden.

Neuer Vorstand

des Hessischen Denkmal-Archiv«.

Lpd. Darmstadt, 3. Okt. Auf fein Nachsuchen wurde Museumsdirektor Prof. Dr. Feigel aus seinem Amt als Vorstand des H e s s i sch e n Denk- rn a l a r ch i v s entlassen. Zu seinem Nachfolger wurde Ministerialrat i. R. Wagner in Darm­stadt ernannt.

Das Deutsche Note Kreuz rüst aus!

Nochmaliger an die gesamte Bevölkerung der

Auf meinen Aufruf vom 26. 9.1938 zur aktiven Mitarbeit im Deutschen Roten Kreuz haben sich er­freulicherweise eine große Anzahl meist weiblicher Personen bereitgefunden, dem Deutschen Roten Kreuz als DRK.-Helfer, DRK.-Helferin und DRK.-Schwe- ster anzugehören. Neben dieser aktiven Mitarbeit bedarf aber bas Deutsche Rote Kreuz auch der Mittel, die notwendig sind, um die ihm gestellten Aufgaben zu erfüllen, denn ohne Geld ist eine wirk­same Tätigkeit nicht möglich. Ich vermisse noch die Meldung solcher Personen, die gewillt sind, als unterstützende und fördernde Mitglieder in die Kreis- und Ortsgemeinschaften einzutreten.

ernster Appell

Stadt und des Kreises Gießen.

Ich rufe daher die Bevölkerung der Stadt und des Kreijes Gießen nochmals auf, recht zahlreich den Gliederungen des Deutschen Roten Kreuzes, insbesondere den Ortsgemeinschaften, beizutreten. Der Jahresbeitrag beträgt 3 Mark. Höhere Beiträge sind selbstverständlich willkommen und erwünscht.

Anmeldungen sind zu richten an die DRK.-Kreisi stelle Gießen, Landgraf-Philipp-Platz Nr. 3 (Fern* jprecher 2951), täglich von 7 bis 13 Uhr.

DRK.-Kreisstelle Gießen.

< Dr. Lotz, Kreisdirektor, DRK.-Oberfeldführer.

Schwarzschwinge, der Turmfalke

Von Karl Scherer.

Vor der alten Burgruine aus dem Hügel über dem Buschholz, unter dem das graue Band der Landstraße ins Weite zieht, ist nicht viel mehr er­halten; die Mauern sind zerfallen, die verwitterten Quadern liegen verstreut in der Tiefe. Doch der mächtige Wachturm aus dem 12. Jahrhundert, von dem einst die Heerfahne wehte und die Reisigen au= sammenrief, wenn der Feind drohte, ragt noch hoch ins Blau. v

In einer tiefen Scharte unter der Mauerkrone nach Süden hat sich ein zierliches Räuberpärchen an­gesiedelt. Die quarrenden Krähenschwärme, die tags­über auf der breiten Zinne rasten, stören es nicht; um die Starenflüge, die allabendlich wie eine dunkle Wolke auf die Brüstung herabrauschen, ehe sie in den Kronen der Parkbäume und der dichtgrunen Efeuwand des alten Gutshauses für die pacht' un­tertauchen, kümmert sich der Turmfalke nicht, denn nur selten treibt ihn der Hunger im Spätherbst zum Vogelmord, und die Taubengeschwader, die in Der Frühe die Warte blitzend umkreisen und dann aus die Felder hinausfliegen, haben von ihm nichts zu fürchten. . ..

Ein goldener Herbstmorgen liegt über dem weiten Land. Die Buchenwälder stehen in brennenden War­ben, die Felder find leer, und wenn die Sonne über den fichtendunklen Hügeln im Osten aufgeht, hangt schon silbergrauer Reif an Kraut und ®ras.HU, kli, kli" kommt es hell und freudig von der hohen Mauerkrone. Der Falke blockt auf der zackigen Zinne und putzt und glättet das Gefieder, plustert es seoer- knisternd auf und ordnet die langen spitzen Schwin­gen sorgfältig und geruhsam von neuem; denn aus der weiten Streife, den den Jäger über Waloer und Felder, Höhen und Tiefen bis hinaus zu Den Schluchten der meilenfernen Berge führt, muh feoe Schwungfeder ihien Dienst tun. Bald steht er reise­fertig auf der höchsten Quader der Warte, sein seiner Schattenriß zeichnet sich schwarz gegen den sonnen­hellen Himmel ab, und die blanken Seher äugen ins Weite wohin soll heute die Fahrt liehen/ Nun schwingt er sich ab, steigt rasch zu großer Hoye auf und gleitet leichtbeschwingt durch den zlether.

lieber den Wiesen bleibt er rüttelnd stehen, per ebene Plan und die leeren Stoppelbreiten stnö wn Herbst sein bestes Revier. Sv lange die Kornfelder in dichten Aehren wogen und die hohen Grashalme sich im Winde wiegen, ist die Jagd dort schwierig, Eidechsen und Mäuschen wissen sich zwischen dem krausen Gewirr wohl zu bergen und finden schnell

einen sicheren Unterschlupf. Jetzt oder ist alles kahl und sichtig hat sich in dem Grasbüschel am Grenz» stein nicht etwas^ gerührt? Wie ein Stein fällt er herab, eine späte Dornheuschrecke windet sich zwischen den kräftigen Klauen der Fänge, schon hat sie der Jäger zerdrückt.

Weiter geht die Streife. Der starke Wanderfalke schießt in sausender Fahrt, Beute suchend, über das weite Land; der Turmfalke übt die Jagd gelassener und bedächtiger aus, der Flug ist weniger stetig, wechselt immer von neuem Höhe und Richtung; bald rüttelnd, bald schwebend zieht er über Aecker und Niederholz. Jetzt'hakt der kleine Räuber auf der Spitze der einsamen Silberlinde über dem Bild­stock mitten im Feld auf. Dort rasten die Land­leute während der Kartoffellese gern in den Mit- .tagsftunben, und die vom Imbiß verlorenen Brot­krumen und Speckstückchen locken die Ackermäuse an. Eine Wühlmaus huscht in der Furche hin und her, entfernt sich aber nur wenig von dem rettenden Schlupfloch. Der Rotfalk lauert eine Weile, dann senkt er sich im Sturzflug hinab; den Wühler aber hat um Haaresbreite der dunkle Erdgang einge- schluckt.

Doch sein Revier hat keine Grenzen, lieber die sacht ansteigenden, frischgepflügten braunen Aecker zieht er den Kamm der Höhe zu, wo in einer alten Steingrube am Waldrand eine graue, von allerlei dichtem Gesträuch übersponnene Kasematte steht die Krähenhütte! Auf hohem Trittholz fußt auf Schußweite vor der breiten Schießscharte der Uhu, der als Lockvogel die kleinen und großen Räuber der Luft magnetartig auf sich zieht. Beim Anblick der großen Eule stutzt der Falke und blockt auf einem Ast des Fallbaums das wäre ein sicherer Schuß! Doch der Grünrock im Innern der Hütte lächelt nur still und hat seine helle Freude an dem Bild des schönen Fliegers, der keinen Blick von der schreckhaften Gestalt des Uhus verwendet. Dann zieht der zierliche Nimrod weiter.

*

Es ist Frühling geworden. Die Hecken stehen in frischem Grün, Schneeglöckchen und Märzbecher läu­ten den Lenz ein, und auf den Rasenflächen sprießt violetter, silberweißer und safrangelber Krokus. Hoch oben auf dem Glockenturm des gotischen Doms im Westen der Großstadt schlüpft durch die Schall­löcher und Luken ein schön gefiedertes Pärchen aus und ein und baut im Winkel zwischen Turmdach und Glockenstuhl sein Nest Schwarzschwinge ist von den Küsten des Mittelmeers zurückgekehrt und hat die alte Herberge wieder bezogen

Die Sonne scheint warm und hell. Da rauet sichs gut in den Ornamenten des Maßwerks oder

auf dem spitzgiebeligen, langgestreckten First des kupfergedeckten Kirchendachs, dessen grüner Edelrost einen warmen Ton in das Grau des Häusermeers mischt. Unten brandet der Verkehr der Millionen­stadt, hoch oben ziehen Flugzeuge in jagender Fahrt vorüber; doch weder das Donnern der Motovdn noch das Hupen der Kraftwagen stört die Turm­gäste in ihrer freien, luftigen Höhe, nur selten ein­mal verirrt sich ein Blick aus der hastenden Menge zu ihnen hinauf. Vom ersten Tagesschein bis zur Dämmerung tragen Schnäbel und Fänge aus den nahen Parks und den Gärten -der Vorstädte Reiser und Bastfasern zusammen, und in der Stille wächst der Bau. Fleißig sitzt das Falkenweibchen, stärker und größer als der Falke, auf den fünf rauhschaligen rundlichen Eiern, bis unter ihm sich neues, junges Leben regt. In der Frühe eines funkelnden Mai­margens flattern fünf junge Jäger aus den Luken auf die Dachstreben und Turmzieren der Kathedrale hinauskli, kli, kli". Die goldene Freiheit winkt, bald sind sie den Blicken entschwunden ...

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. Dipl.-Jng. Theodor Döring, der Ordinarius für angewandte Chemie an der Berg­akademie Freiberg' i. Sa. tritt wegen Erreichung der Altersgrenze in den Ruhestand.

Der ao. Professor Dr. Hermann v. Wiß- mann, der die durch das Ausscheiden von Profes- jor Uhlig frei gewordene Professur für Geographie in Tübingen vertretungsweise übernahm, ist zum o. Professor ernannt worden. Professor v. Wißmann, ein Sohn des berühmten Afrikaforjchers, ging 1929 an die Universität Wien und wurde 1931 als Pro­fessor der Geographie an die nationale Zentral­universität in Nanking berufen, wo er sechs Jahre lang lehrte.

Geh. Rat Professor Dr. Gustav M i e, der seit 1935 im Ruhestand lebende frühere Ordinarius der Physik in Freiburg, wurde 70 Jahre alt. Er habili­tierte sich 1897 in Karlsruhe. 1902 ging er nach Greifswald, wo er 1905 Ordinarius wurde. 1917 ging Professor Mie nach Halle und 1924 nach Frei­burg.

In Leipzig wurde Dozent Dr. Robert Dopel zum ao. Professor ernannt und ihm der Lehrstuhl für Radiophysik übertragen. In Göttingen hat der Dozent der Rechts- und Staatswissenschaften Dr. Hans Kretschmar die Dienstbezeichnung nb. ao. Professor erhalten. Dem Dozenten Dr. Dirl- meier wurde der Lehrstuhl für Klassische Philologie in München übertragen und Gelehrte zum o. Pro- , sessor ernannt.

3m Lichtspielhaus:13 Stühle."

Erbschaftsgeschichten behalten durch die Jahr­hunderte ihren romantischen Schimmer. Ohne alte Tante keine Erbschaft, auch das ist obligat. Es kom­pliziert sich erst, wenn die neckische alte Tante ihre Erbschaft der Polsterfüllung eines von dreizehn Stühlen anoertraut hat und der Neffe Heinz R ü h m a n n, alias Felix Rabe, derUnglücks­rabe", Friseurgehilfe [eines Zeichens, ahnungslos die ihm vermachten Stühle schon in der ersten Wut über den Geiz der so schmählich verkannten alten Tante einem Trödler verhökert, öer für sie wider Erwarten schnell Abnehmer findet, so daß die drei­zehn und unter ihnen der eine mit der goldenen Füllung im Handumdrehen in alle Winde zerstreut sind. Es geht immerhin um bare einhunderttausend Mark, da lohnt sich schon die wilde Jagd, die nun Heinz Rühmann und Hans Moser, der Tröd­ler, den er am in Aussicht stehenden Erfolg be­teiligt hat, veranstalten, um des goldenen Vogels wieder habhaft zu werden. Und nun haben Per Schwenzen und E. W. Emo, die das Dreh­buch schrieben, es sich einige Schweißtropfen kosten lassen, um für die beiden Glücksjäger die phanta­stischsten Situationen zu erfinden. In deO Gummi­zelle einer Irrenanstalt oder als Wachsfiguren im Panoptikum sind unsere Beiden von zwerchfeller­schütternder Komik. Aber es gibt auch gedämpf­tere Szenen, die Rühmann mit einer, stillen Heiterkeit erfüllt, so das traurige Nachtlager im kahlen Zimmer der alten Tante, die aus ihrem Rahmen recht spöttisch auf ihren enttäuschten Neffen blickt oder Rühmanns Umherirren in dem brennen­den Haus, wo er zwar den Stuhl mit der Gold­füllung vergebens sucht, aber so nebenbei einem Hündchen das Leben rettet. Er ist überhaupt eine Seele von Mensch. Am Ziel aller Mühen, den Stuhl vor Augen, findet er sich großmütig in die Rolle desnamenlosen Spenders", dessen Erbschaft iit einem Waisenhaus Segen stiftet. Seine Großmut wird, fast wie im Märchen, köstlich belohnt. Zer­knirscht in seinen Friseurjalon zurückgekehrt, findet er aus zerdepperten Flaschen ein Haarwuchsmittel zusammengegossen, das seinen unfreinriUigen Mixer und gerechterweise auch Hans Moser, den Gefähr­ten der grotesken Jagd, nun schließlich doch noch ans Ziel aller Wünsche bringt. Fast ebenso schön wie der Film ist übrigens die Selbstankündigung Rühq manns im Programmhaft der Terra.

Fr. W. Lange.