Nr.52 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Donnerstag, Z. März IYZ8
Aus -er Stadt Stehen.
Pioniere.
Man kauft sich ein Auto. Das erste ist immer ein Abenteuer. Aber was will diese kleine Erregung heißen gegen das, was die Auto-Pioniere einst bewegte? Ich unterhielt mich in diesen Tagen mit einem. Ein paar Kleinigkeiten aus seiner Erzählung.
Die ersten Wagen wurden wie toll gerüttelt. Die Reifen trugen Bollgummi. Als aber die Pneumatiks aufkamen, war die Qual noch größer. Das Pferd beherrschte die Landstraße. Nägel lagen überall. Es knallte alle halbe Stunde. Flicken, Flicken unter Aechzen...
Der Vergaser von heute ist aus Spritzguß mit einem Präzisionseingeweide. Der Vergaser von damals war ein zylindrischer Blechtopf mit Blechzwischenwänden. chatte ein sogenannter Oberflächenvergaser eine Zeitlang unbenutzt gestanden, so waren inzwischen die leicht flüchtigen Teile des Benzins teilweise vergast. Dann rührte man mit einem Stift, der stets bereit war, den Brennstoff gewaltsam durcheinander, um Gasluftgemisch zu erzeugen.
cheute drückt man auf den Anlasser, sacht, schnell, herrlich saust der Wagen davon. Damals hob man die Heckhaube hoch, da lag offen das Schwungrad mit schönen Speichen, aber die Speichen waren ölig verdreckt, und in sie hineinzugreifen (das aber mußte man) war nicht nur nicht angenehm, es war auch gefährlich.
Heute hat man eine schöne Hupe. Der Autopionier hatte eine Peitsche. Damit jagte er Gickel und Gänse und Hunde von der Gasse. Was wollte er machen?
Kam ihm ein Fuhrwerk entgegen, dann befahl ihm die Polizeioorschrist, bei scheuenden Tieren sofort anzuhalten und die Pferde oder Kühe zu besänftigen und am Auto-Teuselswerk vorbeizuführen.
Man wußte damals, daß man abfuhr. Weiter wußte man nichts. Weder wann man ankam, noch die Anzahl der Pannen. Halt, noch etwas: daß man Pannen hatte, wußte man ebenfalls bestimmt. Das lag schon an jenem Riemen, der vom Motor zum Getriebe führte und das ganze Ding in Gang hielt. Er rutschte mit teuflischer Sicherheit.
Die Pferdekraft kostete tausend Mark. Zwanzig Pferdekräfte hatten die meisten Wagen. Zwanzigtausend Mark!
Die Benzinrohre pflegten alle Stunde verstopft zu sein.
Keuchend, schwitzend, stundenlang lagen die Chauffeure unter den Wagen — im weißen Staub, in der Nässe der Landstraßen.
Die Wagen waren offen. Für Sonne, Regenschauer, Landregen — weshalb denn auch die Fahrer so phantastisch vermummt waren.
*
Die Autofahrer waren damals wirklich Pioniere. Denn ffe ließen nie nach. r. k.
Dornotizen.
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Tiger von Efchnapur". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Der Katzensteg". — Oberhessischer Kunstoerein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
3X$®. „Kraft durch Freude", Kreis Gießen.
Theatervorstellung.
Samstag, den 5. März 1938, Beginn 20 Uhr, KdF.-
Miete Gruppe I (11. Vorstellung): 1359D
„Der Troubadour-
Oper in 4 Akten von Verdi.
Karten zu 1,— RM. sind erhältlich in der Verkaufsstelle, Seltersweg 60.
Arbeit am deutschen Boden!
Aufruf des Neichsbauernführers Darre.
NSG. Zur Werbung der Jugendlichen für die Landarbeit erläßt der Reichsbauernführer R. Walther Darr 6 nachstehenden Aufruf: Der Führer hat in seiner großen Rede vor dem Reichstag am 20. Februar 1938 eindeutig die Notwendigkeit herausgestellt, dafür zu sorgen, daß das flache Land, also die Landwirtschaft, nicht von Arbeitskräften entblößt wird. Wenn auch, wie der Führer sagte, das Abstoppen der Landflucht ein Programm darstellt, das nicht in wenigen Jahren verwirklicht werden könne, so hat doch die nationalsozialistische Regierung unverzüglich damit begonnen, diese Aufgabe anzufassen. Bereits am nächsten Tage wurde die Anordnung des Beauftragten für den Vierjahresplan, Generalfeldmarschall Göring, über die Einführung des weiblichen Pflichtjahres veröffentlicht. Das Landvolk möge dies als Zeichen dafür nehmen, wie aus klarer Erkenntnis über die Nöte der Landbevölkerung und mit letzter Energie von höchster Stelle des Reiches Öarangegange'n wird, d:e notwendige Entlastung im landwirtschaftlichen Arbeitseinsatz herbeizufüyren.
Unter dem Leitwort „Pflüg mit, Kamerad!" hat der Reichsjugendführer HI. und BDM. zu einer großzügigen Werbung für die Rückführung Jugendlicher auf das Land angesetzt. Dieser Schritt des Reichsjugendführers wird dereinst einmal als Wendepunkt und Markstein in der Entwicklungsgeschichte des deutschen Volkes vermerkt werden.
Dankbar erkennt das deutsche Landvolk an, daß es in seinem Ringen und Schaffen, dem deutschem Volk das tägliche Brot bereitzustellen, nicht alleingelassen wird, sondern der Führer und Reichskanzler, die Reichsregierung und die gesamte Nation bereit sind, ihm zu helfen.
An euch, deutsche Bauern und Landwirte, ist es nun, durch Abschluß von Lehrverträgen den Jugendlichen aus den Städten, die den Willen zur Arbeit an der deutschen Scholle, zur Landarbeit haben, die Möglichkeit zu einer gründlichen, ordnungsgemäßen Ausbildung im landwirtschaftlichen Beruf zu geben. An euch, ihr Eltern auf dem Lande, wende ich mich: nehmt die jungen Menschen, die tu euch kommen, mit offenen Armen, aber auch in Dem Gefühl der großen Verantwortung auf, daß euch das Wertvollste, was Deutschland besitzt, deutsche Jugend, anvertraut wird.
Zum Schluß noch ein ernstes Wort an dich, deutsche Landjugend. Du siehst, daß Jungen und Mädel aus der Stadt, deren Vorfahren vor Generationen das Land verließen und in die Stadt abwanderten, beute wieder den Weg zur Scholle zurückfinden. Willst du da dem Pflug der Väter
untreu werden? Deine Ahnen kannten seit undenklichen Zeiten nur eines: Dienst am Hof, Arbeit an der Scholle! Dir erwächst daraus die sittliche Verpflichtung, in dem gewaltigen Ringen um Deutschlands Größe, Ehre und Freiheit dort deine Pflicht voll und ganz zu tun, wohin die Vorsehung dich gestellt hat: auf den deutschen Boden im deutschen Dorf!
Deutsche Landjugend! Deutschland erwartet, daß ihr der deutschen Scholle die Treue haltet und im Ringen um Deutschlands Nahrungsfreiheit eure Pflicht tut!
NSG. Die Einführung des weiblichen Pflichtjahres hat die Mädel der betroffenen Jahrgänge und mit ihnen die Eltern vor die große Frage gestellt: Wo und wie leiste ich mein Pflichtjahr am besten ab? Der Arbeitsdienst für die weibliche Jugend ist bereits ein so klarer und selbstverständlicher Begriff geworden, daß sich Erläuterungen und Hinweise erübrigen. Von den weiteren Möglichkeiten möchten wir heute eine^herausgreifen, die stärkste Beachtung Dertnent: den Landdienst des BDM.
Er erfaßt Mädel vom 14. bis 25. Lebensjahr, die bis zu 20 Mädel in Lagergemein schäften in einem Dorf eingesetzt werden. Tagsüber arbeitet das Mädel in einem bäuerlichen Haushalt, in dem es auch verpflegt wird. Der Abend gehört dem Lager, das unter Leitung einer bewährten und besonders ausgebildeten BDM.-Führerin steht und in dem für Helle, freundliche Schlafgelegenheit, Gemein- fchaftsräume u. dgl. gesorgt ist. Stellt die Arbeit des Tages des jungen Menschen mitten hinein in die harten Forderungen des bäuerlichen Lebens, läßt sie ihn die Aufgaben der Bäuerin verstehen, den Kreislauf des Jahres erleben und sich ihm einfügen, so bringt ihm der Feierabend im Lager die Geborgenheit der Gemeinschaft. Hier werden alle Fragen und Schwierigkeiten des noch ungewöhnten Lebens besprochen und geklärt; hier hilft einer dem andern sich zurechtzufinden. Froh fein und tapfer sein, Verbindung haben zum Zeitgeschehen und den kulturellen Gütern der Nation, das ist der Geist, der das Leben im Lager bestimmt. Der tägliche Zeitungsbericht, der Lese- und Heimabend, Werkstunden und heitere Abende dienen diesem Ziel.
Für ein Jahr verpflichtet sich das Mädel, seine Arbeitskraft dem Lande zur Verfügung zu stellen. Was dies — in großem Umfange durchgeführt — für die Landwirtschaft und besonders die überlastete
Anmeldungen nur noch für 1. 3uli.
DNB. Die Reichsleitung des Reichsarbeitsdienstes teilt mit: Auf Grund der Bekanntmachung, daß die Ableistung des weiblichen Arbeitsdienstes auf das Pflichtjahr angerechnet wird, find in diesen Tagen überaus zahlreiche Meldungen bei den Meldestellen der Bezirksleitungen eingelaufen. Da die vorhandenen Plätze zum 1. April bis auf wenige, für Führeranwärterinnen freigehaltene schon besetzt sind, mußten diese Meldungen zum l.Juli zurück- gestellt werden. Alle weiteren Meldungen sind daher nur noch zmn 1. Juli zu beantragen.
Bäuerin bedeutet, wird sich bald und fruchtbar auswirken. Das Erziehungsideal des BDM. im Land- dienst aber ist noch höher gesteckt: in vielen jungen Menschen aus der Stadt sollen das Verständnis und die Liebe für das Land aufgehen, damit sich manches Mädel aus diesem Erleben heraus bereit- findet, draußen zu bleiben oder sich einem pflegerischen Beruf zuzuwenden.
Das abgeleistete Landdienstjahr berechtigt zur Weiterbildung in allen hauswirtschaftlichen und pflegerischen Berufen (NS.-Schwester, Kindergärt
id nachher N/VEA
Dann wird man Ihren Händen die Tagesarbeit nicht ansehen. Mit Nivea-Creme gepflegte Haut wird widerstandsfähig u. geschmeidig.
nerin, usw.). Das Mädel erhält außer der tariflichen Vergütung (zirka 16 bis 26 Mark je nach Alter und Leistung) auch Arbeitskleidung und Schuhe gestellt. Die Bewährung im Landdienst öffnet ihm die Führerinnenlaufbahn und sichert dem Mädel die Unterstützung des BDM. in späteren Berufsfragen.
Der Obergau Hessen-Nassau hat im vergangenen Jahr erstmals zwei Landdienstlager durchgeführt: in Schlitz und in Hartershausen. Drei weitere Lager werden in den nächsten Wochen eröffnet: Bernsburg, Fraurombach und R i m« b a ch. Weitere fünf Lager in Rheinhessen sind in Vorbereitung. Anmeldungen sind zu richten an den BDM.-Obergau 13, Wiesbaden, Herbert-Norkus- Straße 39. __
Der Landdienst des VDM. gilt als pflichtiahr.
NSB. Ortsgruppe Gießen-Mitte.
Befr. Kohlenabrechnung am 4. März.
Die Kohlenhändler werden ersucht, die Kohlenscheine der Serien E und S Freitag, 4. März, 20.30 Uhr, auf unserer Geschäftsstelle (Zigarrenhaus Moeser), Eingang Löwengasse, einzureichen. Beide Serien werden bei den Rechnungen unter E aufgeführt. Es wird hiermit darauf hingewiesen, daß die Rückseite der Kohlenscheine außer der Unterschrift des Händlers auch die Unterschrift des Empfängers, dessen Wohnung, Straße und Hausnummer und die genaue Bezeichnung der Kohlensorte tragen muß. Nach dem 4. März 1938 eingereichte Scheine sind wertlos.
BOM.-Llnteroau 116.
Dienstbefehl
für den BDM.-Standort Grohen-Linden!
Am Donnerstag, 3. März, finbet ein Standortappell statt, zu dem um 20.30 Uhr am Turnhallenplatz an getreten wird.
12 Kinderheime für die 7!SB.
NSG. Für>die diesjährige Kinderheimverschickung der NSV. stehen 12 Heime zur Verfügung, die zum Teil außerhalb unseres Gaues liegen. Es sind dies die Heime: Steinmühle, Ingelheimer Wald, Bran- dau, Wildsachsen, Dinger Wald, Nieder-Seelbach, Rimdidim, Gießen, Schloß Waidburg, Wörthersee, Rügen (Göhren) und das Heim des Wiesbadener Ferienvereins, Heringsdorf, Ostsee.
Wechsel in derLandeshauptabteilungin
der Landesbauernschaft Hessen-Nassau.
NSG. Ans Gründen eines bei der Landeshauptabteilung III der Landesbauernschaft Hessen-Nassau notwendig gewordenen Wechsels in der Leitung wurde der seicherige Landeshauptabteilungs- leiter III, Karl Moses (Michelbach), von feinem Amt als Landeshauptabteilungsleiter III und seinen sämtlichen weiteren Tätigkeiten im Reichsnährstand beurlaubt.
Mit der vertretungsweisen Wahrnehmung der
Geschäfte der Landeshauptabteilungsleitung III wurde bis auf weiteres der Bauer Weyrauch (Oder-Mossau), beauftragt.
SA.-Sportabzeichen.
Durch Erlaß des Führers vom 18. März 1937 ist das Leistunasbuch des SA.-Sportabzeichens zu einer Urkunde erhoben worden, die Aufschluß gibt über die körperliche Leistungsfähigkeit und charakterlich weltanschauliche Haltung des Inhabers • des (521.= Sportabzeichens. Träger der Ausbildung, Prüfung und Antragstellung sowie der Wiederholungsübungen sind die SA.-Stürme. Die Ausbildung erfolgt gemeinsam in SA.-Gemeinschaften, einerlei, ob der Volksgenosse der Partei, der SA. oder einem sonstigen Verband angehört ober nicht.
Die SA.-Spörtabzeichengemeinschaft beim Marine- sturm 11/34 beginnt im März) spätestens im April, die Hebungen und führt sie in ununterbrochener Reihenfolge zu Ende. Volksgenossen, die an den Hebungen teilnehmen wollen, melden sich im Sturmgeschäftszimmer, Ludwigstraße 56 part., das Diene«
Pferd und Motor.
Don Or. Roderich von Lingern-Sternberg.
Soweit wir die Kulturgeschichte der Menschheit übersehen können, haben dem Menschen vier Tierarten stets besonders nahegestanden: der Hund, das Pferd, das Kamel und das Renntier. Während dem Kamel und dem Renntier nur eine beschränkte regionale Bedeutung zukommt, ist bet Hund bei aller Hilfe, die er dem Menschen hauptsächlich als Jagdgenosse und Wächter bietet, kulturgeschichtlich doch nicht von sä großer Bedeutung geworden, wie das Pferd. Das Pferd und feine Abarten (Maultier, Esel) diente und dient vor allem als Träger und Fortbeweger des Menschen und seiner Habe.
In einem Entwicklungsstadium des Menschen, das noch nicht die Domestikation des Pferdes kannte, waren unsere Jahnen in unvergleichlich höherem Maß erd- und ortsgebunden, wie in späteren Zeitläuften, als das Pferd feine volle Geltung im Leben unserer Vorfahren erlangt hatte. Ohne die Benutzung des Pferdes kann man sich die Durchführung der großen weltgeschichtlichen Kriegs- und Wanderzüge gar nicht vorstellen. Das bedeutet u. a., daß der Mensch in grauer Vorzeit in viel höherem Gtad an den Nahrungsmittel- Spielraum eines bestimmten Gebiets oebunden und allen Fährlichkeiten feiner Erschöpfung, infolge starker Bevölkerungsvermehrung ober nachteiliger klimatischer Vorgänge, preisgegeben war, wie zu einer Zeit, als bie Ortsveränderung mit Hilfe des Pferbes unvergleichlich leichter unb schneller vor sich gehen konnte. Die sogenannte Dölkerwanberung, die sich Ende des vierten.Jahrhunderts n. Ehr. aus Asien und Osteuropa in das Abendland vollzogen hat, wäre ohne das Pferd wohl niemals zuftande- gefommen, denn es handelte sich in bezug auf die Zuwandernden größtenteils um ausgesprochene Reite^völker, bie aus ben mittelasiatischen Steppen sich zu Pferbe fortbewegten, unb nur dank der Fähigkeit dieser Tiere nicht nur als Fortbeweger, sondern auch als Ernährer (Milch unb Fleisch) zu bienen, konnten sich biefe Menschenmassen, die keinerlei Landwirtschaft, sondern nur Viehzucht sozusagen auf dem Marsch betrieben, am Leben erhalten und siegreich Dorbringen. Die große arabische Wanderungsbewegung im siebten und achten Jahrhundert, die hauptsächlich unter religiösen Impulsen aus Arabien nach Afrika unb über Spanien bis nach Mittelfrankreich einerseits, unb über Syrien, Vvrderasien, Persien bis nach Indien andererseits,
hingeflutet ist, wäre gleichfalls ohne bas Pferd unmöglich gewesen. Als Streitroß, als Lasttträger unb als Zugtier hat es biefe mächtigen Eroberungszüge tatsächlich durchführbar gemacht.
Heberall, wo Stämme, die sich des Pferdes zu bedienen verstanden, auf Völker stießen, die dieses Tier nicht kannten, hatten die ersteren von vornherein eine große Heberlegenheit. Das trifft z. B. in besonders hohem Grade auf die Spanier zu, die im Laufe des 16. Jahrhunderts, von Mittelamerika ausgehend, sich große Teile dieses Kontinents unterwarfen. So merkwürdig es scheint: die Indianer, die wir als ein Reitervolk anzusehen geneigt sind, kannten vor Ankunft der Spanier bas Pferb überhaupt nicht, unb bie ganze nomabifierenbe Lebensweise der Prärie-Jnbianer hat sich verhältnismäßig spät herausgebilbet, und zwar nur dank der Bekanntschaft mit dem Pferde und — um die Mitte bes vorigen Jahrhunderts — mit der Feuerwaffe. Auf den europäischen Ursprung bes Reitens der Jnbianer deutet u. a. das Sattelzeug hin, das spanisch-maurischen Ursprungs ist.
Welche Bedeutung im europäischen Mittelalter -er Besitz eines Rosses als Zeichen sozialer Heberlegenheit gehabt hat, unb wie sich aus ber Fähigkeit, „beritten" seine Dienste bem Lehnsherrn zur Verfügung zu stellen, ein befonberer Ritterstanb entwickelt hat, braucht nicht auseinandergefetzt $u werden, hat doch die Kavallerie bis in bie unmittelbare Zeit vor bem Weltkrieg zwar nicht mehr ihre allgemein-militärische, aber boch eine gewisse gesellschaftliche Vorzugsstellung sich aus ber Ritterzeit bewahrt. Hebrigens haben im siebziger Krieg bie großen Kavallerie-Attacken (Gravelotte, Mars- la-Tour, Seban u. a.) noch eine bebeutenbe unb z. T. entscheibenbe Rolle gespielt. Unb wir alle, bie wir etwa 50 Lebensjahre zählen, entsinnen uns noch genau der Zeit, als alle „Lokomotion" auf Erben, sofern sie nicht zu Fuß erfolgte, burch die Eisenbahn unb ipit Hilfe bes Pferbes vor sich ging.
Das ist erst um bie Wenbe dieses Jahrhunberts anders geworben, als ber Motor in Westeuropa chnell im gesamten Verkehrswesen Eingang zu inben begann, wobei gegenüber bem Pferbe haupt- ächlich bie unvergleichlich größere Schnelligkeit bie Fortbewegung unb bie größere Leistungsfähigkeit in bezug auf den Lastentransport ins Gewicht fielen. Dieser Vorgang ist im Grunde nur eine Teilerscheinung des großen Mechanisierungsprozesses, bem unzählige Verrichtungen, die ehedem mit Hilfe menschlicher ober tierischer Muskeln burchgeführt würben, verfallen finb. Ganz ebenso wie z. B. bas Nähen mit der Nadel in zunehmendem Maße durch
bas Nähen ber Maschine mit elektrischem Antrieb ersetzt wirb, so schafft man sich heutzutage nicht mehr eine Kalesche unb ein Fahrpferb an, sondern einen „Kraftwagen".
Es entsteht nun bie kulturgeschichtlich belangreiche Frage, ob durch diesen Mechanisierungsprozeß das Pferd auf den Aussterbeetat gefetzt worden ist. Die Statistik belehrt, daß bas einstweilen jedenfalls nicht der Fall ist, denn wir hatten im Deutschen Reich 1936 noch 3 410 327 (ohne Militärpferbe) unb 1913 im gegenwärtigen Reichsgebiet 3 806 705 Pferde, und Die Zahl ber Fohlen unter einem Jahr betrug 1936 225 477, 1934 aber nur 182 892. Für 1913 ist bie Zahl der Fohlen leider nicht bekannt, aber bie Tatsache, baß ihre Zahl zunimmt, läßt darauf schließen, daß man bemüht ist, bie Zahl ber Pf erbe nicht sinken zu lassen, sonbern zu st e i g e r n.
Heberblickt man bie Statistiken anberer Länder, so zeigt sich ein recht uneinheitliches Bild: Es gibt eine Reihe von ßänbern, in denen ber Pferdebestanb in ber Lanbwirtschaft (allgemeine Zahlen finb nicht zu beschaffen) heute großer ist als in ber Vorkriegszeit, so z. B. in Dänemark, Schweben unb Norwegen. In anberen ßänbern hat sich bie Zahl der Pferde ungefähr behauptet, in weiteren ist sie dagegen stark zurückgegangen, so z. B. in ben Vereinigten Staaten von runb 21 Millionen auf 11,5 Millionen. Das hängt hauptsächlich bamit zusammen, baß die Beschaffenheit des Bodens unb die Agrarverhältnisse in ben Vereinigten Staaten bie Verwenbung von Traktoren, motorisierten Pflügen usw. rationellerweise geboten erscheinen lassen, roäbrenb die Bodenbeschaffenheit unb bie Besitz- großen z. B. in Norwegen vielfach dazu zwingen, die Beackerung mit Pferben zu bewerkstelligen.
^ebenfalls kann von einem Verschwinben bes Pferbes gar keine Rebe fein, unb aus der Beobachtung, daß in den Großstädten im Straßen- bilb bas Pferd im Verschwinben begriffen ist, barf man nicht ben Schluß ziehen, baß ber Gebrauch des Pferdes „überholt" fei. In der ßanbwirtfchaft werben in Westeuropa auch heute bie meisten Arbeiten noch burch die Kräfte des Pferdes bewältigt, weil es sich besser hierzu eignet, als der Kraftwagen bzw. der motorisierte Schlepper. In ber bäuerlichen ßanbwirtschaft ist bie Verwenbung des Pferbes in ber Regel wesentlich billiger unb auch insofern praktischer, als keine Abhängigkeit von dem Treibstoff besteht, dessen mangelnde Zufuhr eine motorisierte Wirtschaft unter Umftänben völlig lahm- legen kann. , _ x -
Wiege, Tisch und Stuhl.
Mit der Wiege ist allerlei Volksbrauch verbunden, was bei der Bedeutung des Kindes für bie Ehe erklärlich genug ist. So gab es ganz befonbere Anweisungen, wie man bie Wiege zu bewegen habe, baß nur einer auf einmal das Kind wiegen dürfe, baß man nichts über bie Wiege reichen ober nicht unter der Wiege kehren dürfe, solange bas Kind barinnen liegt, um allerlei Nachteile für bas Kleins zu vermeiden. Hierbei mag erwähnt fein, daß insonderheit der ländliche Schreiner ober Tischler häufig bie Bemalung unb Beschriftung selbst übernahm. Manch bunter Bauernschrank, manche geschnitzte Truhe weist heute noch Inschriften, Bilber, Namen unb Jahreszahlen auf, die für bie Volks- funbe wie für bie Familienforschung gleich wichtige Quellen geworben finb.
Der Tisch nimmt eine besabbere Stellung hn Hause ein. Er ist Mittelpunkt ber Hausgemeinschaft; um bieses Stück Hausrat sammeln sich bie Familienangehörigen, die Gäste unb bas zum Hause gehörige Gesinbe. In manchen Gegenden bringt man ben Tisch — mit Brot unb Salzfaß bestellt — als erstes Möbelstück ins Haus. In bäuerlichen Gegen- ben betrachtete man nicht selten ben Tisch als untrennbaren Bestanbteil bes Hauses, der bei Besitzveräußerung in bas Eigentum bes Käufers überging, also bort heimisch blieb.
Von ähnlicher Wichtigkeit ist ber Stuhl bei uns zu ßanbe. Es würbe zu weit führen, auf die bemerkenswerte völkerkunbliche Theorie einzugehen, baß bie Benutzung ober Nichtbenutzung des Stuhles einen grundlegenden charakteristischen Hnterschied der Völker unb Nassen ausbrücke. Gewiß aber ist es, daß ber Stuhl — als Einzelsitz — im Gegensatz zur Bank — als Sitz mehrerer — ein Sinnbild ber Sonderstellung ber Persönlichkeit würbe. Der Richterstuhl, ber Thronsessel, bas Kirchengestühl ber Ratsherren ober Zunftmeister finb Abbilber bes bem Germanen eigenen Empfinbens für bie soziale Schichtung, erwachsen aus dem alten treu innege» haltenen Gefolgschaftsverhältnis zwischen Führer und Mannen. So wurde der Stuhl, der Sitz des Herrn und Ehrenplatz bes Gastes war, Wahrzeichen ber Hausgewalt und des Hofrechtes. Diese Auffassung spiegelt sich heute noch in bem Sprichwort nüber: „Man setzt ihm ben Stuhl vor bie Tür!" Diese Hanblungsweise bebeutet „enteignen" und würbe ehebem auch sinnbikblich ausgeführt, ebenso wie es Sitte war, burch S'chnieberlassen auf einen Stuhl „Besitz" von einem Grundstück zu ergreifen^


