Teil des Hügels. Am bemerkenswertesten ist hier ein noch ganz erhaltenes Baptisterium, eine Tauf, kapelle. Unter einer gewölbten Kuppeldecke befindet sich in der Mitte, vor einem Altar mit Säulen- baldachin, das fast mannestiefe Taufbecken. Rings- herum läuft ein allseitig geschlossener Gang, in dem nebeneinander zahlreiche Nischen liegen, än ihnen faßen die Neubekehrten und warteten, bis einer nach dem anderen zu dem Weiheakt aufgerufen wurde, mit dem er sein neues Leben beginnen sollte.
Von der Christenstadt steigt man hinunter zu der ville paienne, der Heiden st ad t. Wir waren erstaunt über die Großartigkeit der Anlage, mit mehreren Märkten, einem pompösen Forum, einer langen Säulenstraße und selbstverständlich auch einem stattlichen Theater. Vor den in den Fels gehauenen, übereinander aufsteigenden Sitzreihen ragen noch bedeutende Reste des Bühnenhauses
Wir alle gehören dem Führer.
empor. Die römischen Städte sind möglichst auf geneigtem Boden angelegt, damit die hinter dem Straßenpflaster geführte Kanalisation selbstfunktio- niert. Sie ist überall zu verfolgen, und in den großen breiten Platten der Pflasterung darüber sind noch die Rillen sichtbar, die von den römischen Wagen ausgefahren wurden.
Mit ein wenig Geschichtskenntnis und Phantasie kann man sich das Leben im alten Cuicul gut vorstellen. Hier sieht man.den Markt mit den steinernen Verkaufsständen. In eine breite Platte sind die Normalmaße für Korn, Del und Wein eingemeißelt; daneben liegt, aus dem Stein herausgearbeitet, die Elle, an der Länge sich der Kaufmann haluten mußte, der die Stoffe feilbot. Neben dem Markt eine für unser Gefühl seltsame Anlage: ein öffentlicher Abort in Form eines oben offenen Pavillons mit einer rundum laufenden Marmorbank, in die sich die passenden runden Löcher einge- fchnitten zeigen, so als ob diese Angelegenheit in Gesellschaft erledigt worden wäre. Reiche Patri- z i e r h ä u s e r sind an ihrem Atrium mit den Resten des Peristyls, ihrem Privatbad mit Schwimmbassin und Heizung und nicht zuletzt an ihrem umfangreichen, gewölbten Weinkeller zu erkennen. Auf dem Platz vor dem stark zerstörten Kapitol steht noch der aus einem Stein gehauene Altar. Ein Relief daran zeigt den Dpferritus, das Niederhauen^des Stiers durch den Priester, ferner die Dpfergeräte: Axt, Messer und Spendeschale.
Am schönsten erhalten sind der Triumphbogen zu Ehren des Kaisers Caracalla und ein Tempel, den die Bürger von Cuicul dem Genius der kaiserlichen Familie der Severer im Jahre 229 n. Ehr. errichteten. Der erste Herrscher dieser Dynastie, Septimus Severus, stammt aus Leptis Magna, nicht weit vom heutigen Tripolis und bestieg im Jahre 193 den Thron. Er war Afrikaner von einfacher Herkunft, und als er, zur Macht gelangt, seine Schwester nach Rom kommen ließ, zeigte sich, daß sie wegen ihres schlechten Lateins in der vornehmen römischen Gesellschaft unmöglich war und in ihre Heimat zurückkehren mußte.
Als es dunkelte, hatten wir alles Wichtige gesehen. Wir gaben unferm Führer und dem Chauffeur noch einen kleinen Abschiedskaffee im „Hotel Dschemila", der anscheinend nicht wenig zur Popularität der deutschen Besucher beitrug, und stiegen befriedigt wieder in unser Auto, das uns pünktlich zum Diner wieder ins Hotel Cirta zurückbrachte. Ben Saadi Amar hatte sein Wort gehalten und wir mußten ihm dankbar sein, denn Cuicul bleibt eine Erinnerung fürs Leben.
Wein kann sich heute jeder leisten.
WPD. Vor dem Kriege trank nach der Statistik jeder Deutsche 3,4 Liter Wein; 1933 waren es 3,6 Liter, 1936 dagegen 6,7 Liter, also das Doppelte von dem Vorkriegsoerbrauch. Während aber 1913 das Weintrinken als Luxus galt, den sich nur eine kleine Schicht erlauben konnte, ttinkt dank der Patenweinaktionen heute wirklich das ganze Volk Wein und hilft so den rund 200 000 Winzerfamilien, die auf nur 0,3 v. H. der gesamten landwirtschaftlich genutzten Fläche ein so hochwertiges Produkt für das ganze Volk in mühseliger Arbeit erzeugen. Das Volk ist der beste Verbraucher. Wie beim Volksempfänger und in der Automobilindustrie hat sich dieser Grundsatz auch hier bewahrheitet.
Blick vom Bauernberg aus Linz.
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Herrlich an der Donau liegt Oberösterreichs Haupt st a d t Linz, wo einst Adalbert Stifter starb. Auch diese Stadt ist reich an schönen Bauwerken, die Zeugen einer großen Vergangenheit. Man sieht hier auf die Bauten des Kapuzineroiertels. — (Zeichnung Reimesch. Scherl-M.)
Geschichten aus aller Welt.
(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) \
UeberraschenderFund in einer alten Zeitung
C. K. $ a r t s.
Im Ministerium der öffentlichen Arbeiten in Paris erhielt die Angestellte Scanne Montblanc den Auftrag, in einem alten Jahrgang des „Journal Officiel“ eine bestimmte kleine Notiz zu juchen. Sie machte sich auch mit Eifer an diese undankbare Aufgabe. Plötzlich sah sie zwischen zwei Seiten des Bandes etwas Buntes liegen, und als sie es genauer ins Auge faßte, war es eine, 1000- Franks-Note. Freudig überrascht blätterte sie weiter, und ihr Erstaunen wuchs, als sie zwischen den folgenden Blättern acht weitere 1000-Franks-Noten und zehn Noten zu je 100 Franks fand. Im ganzen waren es 10 000 Franks. Der Vorgesetzte wurde von dieser überraschenden Entdeckung benachrichtigt, und die Angestellte wartet nun mit ängstlicher Spannung auf das Ergebnis einer Nachforschung, woher dieser unerwartete Schatz gekommen sein kann. Wenn er innerlich eines Jahres nicht beansprucht wird, wird Mlle. Montblanc ihn als Eigentum erhalten.
Der Schatz im Mantelfutter.
B. 21 m ft e r b am.
In Amsterdam ist jetzt ein Prozeß beendet worden, bei dem es sich um einen merkwürdigen Schatzfund handelte. Vor Gericht stand ein gewisser Car- rel de Jong, der bis vor einem Jahr bescheidener Angestellter in einer Exportgesellschaft in Batavia war. Da seine Mittel nicht zu einem neuen Mantel reichten, war er zu einem Altkleiderhändler ge
gangen und hatte sich dort einen erstanden. Er bat dann zu Hause seine Frau, da der Mantel nicht recht paßte, einige Aenderungen vorzunehmen. Die Frau machte sich mit der Schere darüber her, um ihn aufzutrennen, als sie plötzlich beim Schneiden auf ein Hindernis stieß. Sie sah nach und entdeckte im Mantelfutter eine schöne Banknote von 1000 holländischen Gulden. Sofort erwachte die Hoffnung in ihr, daß noch andere solche Scheine im Mantelfutter steckten, sie schnitt also vorsichtig alles auf, und tatsächlich kam ein Schein nach dem anderen zum Vorschein, bis sie schließlich 29 000 Gulden zusammenhatte. Man kann sich die Ueberraschung de Jongs vorstellen, als er nach Hause zurückkam und die stattliche Reihe von Banknoten auf dem Tisch । liegen sah. Der Mann ließ sich von seiner Frau überreden, den Schatzfund nicht anzuzeigen, und einen Monat später verließ er Batavia, um nach Amsterdam zu gehen und dort ein Geschäft zu eröffnen.
Nun aber begann der Verdruß. In der Zwischenzeit hatte man in Batavia bei der Gesellschaft, bei der de Jong angestellt war, erhebliche Unterschlagungen entdeckt. Sofort lenkte sich der Verdacht auf de Jong, der unvermutet abgereist war, und in Amsterdam ein Geschäft eröffnen konnte. Die holländische Polizei wurde benachrichtigt; sie verhaftete de Jong und unterwarf ihn langen Verhören. Der arme Teufel beteuerte seine Unschuld und hielt schließlich auch nicht mit der Geschichte hinter dem Berge, wie seine Frau in dem bei dem Altkleiderhändler Ries in Batavia gekauften Mantel den Guldenschatz gefunden hatte. Niemand glaubte ihm, bis einige Tage später ein Kabel aus Batavia eintraf und der Polizei von Amsterdam meldete, daß
de Jong unschuldig sei, da der wahre Schuldige ertappt sei und auch bereits gestanden habe.
Damit war de Jongs Kummer jedoch nicht zu Ende. Die Zeitungen hatten die Geschichte von dem Schatzfund tm Mantelfutter veröffentlicht und dabei den Namen des Händlers Ries erwähnt. Es dauerte nicht lange, jo erhielt de Jong einen Brief, in dem die Familie eines gewissen von Nemen erklärte, daß sie die rechtmäßige Besitzerin des Geldes sei, da das im Mantelfutter verborgene Vermögen ihr gehörte; bnr Mantel habe einem Familienmitglied gehört, das gestorben sei, ohne einen Heller zu hin- lasfen, obwohl bekannt war, daß er ein kleines Vermögen besaß. Es regnete eine ganze Anzahl Klagen auf das Haupt des unglücklichen de Jong. Die Richter aber haben eine salomonische Entscheidung gefunden: die Familie des von Nemen erhielt 10 000 Gulden zugesprochen, der Altkleiderhändler, der sich natürlich auch gemeldet hatte, 5000, und mit dem Rest, also mit 14 000 Gulden, kann de Jong glücklich werden.
Der Jagdfrevel.
C.K. Nizza.
An der Riviera ist In seiner Besitzung am Cape d'Ail der Engländer Francis Prideaux aestorben, ein ehemaliger hoher Beamter in Indien, Der einen Ruf als großer Jäger hatte. Er hatte in seiner Jägerlaufbahn viele Panther und Tiger erlegt. Einmal hat dieser erprobte Weidmann aber einen „Jagdfrevel" begangen. Dor zwei Jahren wurde er in der Nacht von Einbrechern geweckt, die sich in
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den Garten seiner Villa eingeschlichen hatten. Er ging ans Fenster und als er unter den Bäumen die Schatten dahinschleichen sah, holte er fein Gewehr und schoß in die Luft. Diese Warnung genügte, daß die Eindringlinge schleunigst Reißaus nahmen, und Prideaux ging ruhig wieder zu Bett. Am nächsten Morgen wurde er jedoch in aller Frühe von dem Feldhüter geweckt, der ihn fragte, warum er geschossen habe. Prideaux erzählte dem Mann das Abenteuer der Nacht, das ihn veranlaßt hatte, den Einbrechern einen kleinen Schreck einzujaaen. „So, und das hier, was sagen Sie dazu?" sagte der Wächter und zeigte auf eine Krähe, die mit aus- gebreiteten Flügeln tot auf einem Gartenweg hin- gestreckt lag. „Sie wissen doch sehr gut", fuhr der Vertreter des Gesetzes fort, „daß die Jagd noch nicht eröffnet ist." Prideaux konnte reden, so viel er wollte, um die Notwendigkeit seines Schusses zu beweisen, er wurde tatsächlich zu einer Geldstrafe verurteilt. „Da gehe ich doch lieber auf die Tigerjagd", pflegte er zu sagen, wenn er lachend dieses Erlebnis erzählte.
Der Tod im Geldschrank.
B. Washington.
In Amerika wie in Griechenland erregt die Nachricht von dem Tode des Griechen Apostolos Kusku- las, der nach den Vereinigten Staaten ausgewandert war und dort in zwanzig Jahren durch kühne Spekulationen vielfacher Millionär wurde, das größte Aufsehen. Eines Tages wurde die Polizei von Galveston in Texas, wo er wohnte, benachrichtigt, daß Kuskulas auf geheimnisvolle Weife verschwunden sei. Man nahm zunächst an, daß er das Opfer einer Entführung zum Zwecke der Erpressung geworden wäre. Als jedoch nach einem Monat umfassender Nachforschungen nicht die geringste Spur gefunden war, entschloß sich der Richter, das ganze Haus sorgfältig durchsuchen zu lassen, um hier vielleicht einen Anhaltspunkt zu finden. Jeder Raum wurde genau durchsucht, und schließlich wurde auch der große Geldschrank, der im Arbeitszimmer des Verstorbenen stand, geöffnet. Mit Entsetzen sah man darin den Leichnam des Millionärs liegen, der in seinem eigenen Geldschrank als' Gefangener eingsschlossen worden war, nachdem sich, wie man annimmt, die schwere Eisentür durch ein Versehen von ihm geschlossen hatte... Kuskulas hatte mit feiner Familie, die in Athen lebt, nicht in guten Beziehungen gestanden. Da jedoch ein Testament fehlt, fällt fein aanzes Vermögen, das auf über 13 Millionen Dollar geschätzt roiro, an seine Frau und seine vier Sohne.
Das kleine Fräulein und der freche Kerl.
(Sine ansprechende Geschichte von 6 A Greeven.
Gerda war emvort. — Wie kam dieser freche Mensch dazu, sie schlankweg auf der Straße anzureden und sich einzubilden, daß sie mit einem Wildfremden so mir nichts dir nichts eine Unterhaltung anfinge und sich womöglich noch in eine Konditorei schleppen ließe!
Natürlich hatte sie ihm ein verächtliches „Danke" hingeworfen, wie es sich für eine strebsame und anständig gekleidete Laborantin der Phana-Werke schickt und ihren Schirm fester gepackt, um dem Unverschämten notfalls einen Denkzettel auf den Hut geben zu können. Schade, daß er einen weichen Filzhut getragen hatte; auf eine steife Melone zu trommeln, würde sie noch viel mehr gereizt haben. Aber dieser Feigling war mit einem infamen Lächeln und den unerhörten Worten: „Wie traurig, daß Sie eine Gans sind!" plötzlich wie vom Erdboden verschwunden gewesen.
Irgendwie mußte Gerda ihrer Wut Luft machen, bevor sie nach Hause ging, und stteg deshalb mit bebenden Knien die fünf Treppen hinauf, die zu dem photographischen Atelier ihrer Freundin Hanni führten. Seitdem Hanni das teure Atelier besaß, war ihr Glaube an die sprichwörtliche Eitelkeit aller Menschen bedeutend zusammengeschrumpft. Zu fünf Zigaretten und drei Tassen Tee mit Gerda hatte sie stets reichlich Zeit.
Gerda platzte los mit ihrer Empörung — und Hanni lachte.
„Ich bitte dich, wozu regst du dich auf? — Was ist schon -dabei? — Ich finde es eigentlich reizend, wenn ein Mann uns lediglich um unserer selbst willen huldigt."
„Na,'hör mal! Um meiner selbst willen und dann noch ,Gans' sagen!"
Gerda zerquetschte ihre Zigarette, als habe sie den Herrn mit dem Filzhut unter ihren Fingern.
„Zugegeben", sagte Hanni, „die Gans hätte er sich sparen dürfen, aber sie läßt immerhin auf Temperament schließen. Und im übrigen: Der Mann weiß nicht, ob du einen Onkel mit Einfluß im Ministerium hast oder nicht, ob dein Vater drei Häuser hat oder einen Schrebergarten, ob du für Hans Alder? schwärmst oder für Mörike — er weiß nur,
daß du ihm gefällst und daß er dich, so wie du bist, begehrenswert findet. Ist das wirklich ein so abscheulicher Gedanke?"
Gerda machte ein etwas erstauntes, nachdenkliches Gesicht. Aber so leicht wollte sie sich nicht geschlagen geben. — „Es gibt andere und bessere Wege, ein junges Mädchen kennenzulernen", meinte sie eigensinnig und goß sich die zweite Tasse ein. Hanni lächelte.
„Einigermaßen schwierig für einen Unbekannten, in der großen Stadt. Soll er fünfunddreißig Jahre warten, bis er dich zufällig mal in der Vorortbahn wiedersieht? Auf die Gefahr hin^ daß er dich dann weniger begehrenswert findet?"
Der Blick, mit dem Gerda ihre Freundin streifte, war nicht ganz liebenswürdig. „Du kannst sagen was du willst — jedenfalls lasse ich mich nicht auf der Straße so anreden. Ich hätte doch auch verheiratet sein können!"
Hanni nickte und bohrte ihre kleinen Fäuste in die Taschen des weißen Atelierkittels.
„Ein fürtrefflicher Gedanke, mein Kind! Das nächstemal sagst du einfach: bitte schön, kommen Sie mit, mein Mann wird sich sehr freuen, Ihre werte Bekanntschaft zu machen. —. Wenn er dann nicht Reißaus nimmt ..."
„Ja, was denn?" — Gerde saß gespannt da.
„Dann ist der Fall ernst und bedarf individueller Behandlung", schloß Hanni achselzuckend die weltmännische Belehrung und zündete sich eine neue Zigarette an.
Gerda war begeistert. — „Großartig, das mache ich!" — Und nach einer Pause fügte sie stirnrunzelnd hinzu: „Vorausgesetzt, daß er wiederkommt." Hannis Mund, von Natur schon nicht winzig, verzog sich zu einem vergnügten Grinsen. Und dann kletterte Gerda, in Gedanken versunken, die fünf Treppen wieder hinab.. Auf der Straße war weit und breit fein auch nur flüchtig bekanntes Gesicht zu sehen. Der freche Mensch hat es aufgegeben, dachte sie, aber es war ein kleines Bedauern dabei.
*
Eigentlich bedeutete es für Gerda einen Umweg, wenn sie auf der Heimkehr vom Laboratorium
durch die Straßen ging, in der Hannis Atelier lag, doch das schien ihr plötzlich nicht so wichtig. Wichtiger war, daß sie an dem Unbekannten die „Gans" rächte. Und der Unbekannte war ihr just hier zum erstenmal begegnet.
Ein Tag verstrich nach dem andern; zwei Wochen vergingen. Die „Gans" verblaßte ein wenig in Gerdas Gemüt, und es blieb die Erinnerung an einen jungen Mann, der zwar unverschämt, aber nicht gerade unausstehlich gewesen war. Im Gegenteil — unter andern Umständen hätte sie ihn vielleicht gar nicht so übel gefunden. Zuweilen ertappte sie sich dabei, daß sie an seine lustigen Augen dachte, in die man sich — ganz objektiv betrachtet— bei näherer Bekanntschaft verlieben konnte. Gerda war sehr stolz darauf, solche Äußerlichkeiten ganz objektiv zu betrachten. Ein junges Mädchen von heute läßt sich nicht von ihren Gefühlen überrumpeln — das war einmal das Schicksal ihrer armen Großmütter gewesen! Gottlob — diesen Schwächezustand hatte man in Gerdas Generation überwunden. —
„Gestatten Sie, kleines Fräulein...!"
Gerda fuhr mit einem Ruck herum. Das war die Stimme des Unbekannten, des — wie es ihr blitzschnell bewußt wurde — lang Erwarteten. Und sogar „kleines" Fräulein hgtte er diesmal gesagt! Das setzte seiner überheblichen Frechheit die Krone auf. Und gerade heute hatte sie wegen des schonen Wetters den Schirm zu Hause gelassen!
Sie blieb stehen und blitzte ihn an. Nun wollte sie es ihm geben! Wenn er nur nicht so verteufelt übermütige Augen gehabt hätte. Sie bekam einen roten Kopf und sammelte in Windeseile die oft geprobten Worte: „Bitte schon", stotterte sie hastig — „kommen Sie nur ruhig mit. Mein ... mein Mann ... wird riesig erfreut sein ... Ihre Bekanntschaft zu machen!"
Gott sei Dank, der Zauberspruch war heraus! — Gerda schickte einen tiefen Seufzer hinterher.
Aber warum floh er denn nicht, dieser schreckliche, nette Kerl, wieso nahm er nicht Reißaus, wie es im Programm stand? Was stand er noch da und machte sogar eine leichte Verbeugung?
„Das ist ja reizend, gnädige Frau — zu liebenswürdig von Ihnen. Sehen Sie, das habe ich mir immer gewünscht, angenehmen Verkehr in einer bezaubernden Familie. Das ist so selten für uns Junggesellen. Ich nehme Ihre Einladung mit herzlichem Dank an-"
Gerda wurde blaß vor Schreck und schnappte nach Luft. Das war ja ein furchtbarer Mensch und obendrein auch noch gefährlich gut aussehend. Nun saß sie schön in der Patsche. Wie hatte Hanni gesagt? — Dann ist es ein ernster Fall ... Gerda fühlte, daß es ein ernster Fall werden würde.
„Gut — kommen Sie in Gottes Namest mit", preßte sie verzweifelt aus sich heraus untr machte ein paar Schritte. Sie hatte ein Gefühl, als ob ihre Beine hölzerne Stöckchen wären. Und dieses männliche Ungeheuer mit der Sehnsucht nach Familienanschluß setzte sich ganz gemächlich und vergnügt neben ihr in Bewegung und redete, wie wenn sie alte, gute Freunde wären. Daß er vor vierzehn Tagen einmal „Gans" zu ihr gesagt hatte, schien er gar nicht mehr zu wissen.
Aber wie sollte es enden? Wo nahm sie einen „Mann" her, dem es ein Vergnügen wäre, feinen Rivalen kennenzulernen? Noch eine Straßenecke weiter und das elterliche Haus kam bedrohlich in Sicht. Sie beschloß, ihm die Haustür vor der Nase zuzuschlagen, über den dunklen Hof zu rennen und die Hintertreppe hinaufzuflüchten. Dann sollte er sie, wenn er wollte, dreimal eine Gans schelten!
Dann würde alles aus fein. Endgültig. Schade, denn was er sagte, war weder töricht noch klang es eingebildet. Wenn sie ihn vorsichtig von der Seite 'ansah, fand sie ihn sogar fympathisch. Er machte ihr den Eindruck eines zuverlässigen, ehrlichen Menschen. Nur sie — sie hatte ihn gleich mit dem ersten Wort belogen! Gerda bekam eine plötzliche Wut auf Hanni und Hannis Ratjchläge.
„Hier wohne ich", sagte Gerda traurig und streckte ihm zum Abschied die Hand hin. Wenn es zwei Minuten länger dauert, heule ich — dachte sie. z Der sympathische junge Mann tat sehr erstaunt. „Und Ihr Herr Gemahl? — darf ich den nicht kennenlernen? Ich bestehe darauf!"
Gerda richtet sich kerzengerade auf und sah ihn fest an: „Verzeihen Sie — ich habe geschwindelt!" — und sprang flüchtend in den dunklen Hausflur. Ck aber war ebenso rasch wie sie und hielt mit kräftigem Griff ihren Arm.
„Wer schwindelt, muß Strafe zahlen — wozu gibt es eine Gerechtigkeit auf der Welt?" — Und Gerd» zahlte, Kuß auf Kuß, zuerst wegen der Gerechtigkeit und bann aus sonstigen Gründen.
Es war eben ein ernster Fall, und der müßig individuell behandelt werden,


