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Nr. 50 Erstes Blatt

M. Jahrgang

Dienstag, 1. Marz 1058

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Stalins neuestes Blutgerichi.

Oer neue Moskauer Schauprozeß gegen 21 hohe Funktionäre des Sowjetregimes.

Die rote Inquisition.

Der große russische Dichter Dostojewski hat in seinem RomanD i e B r ü d e r K a r a m a s o f f" Christus einem Großinquisitor gegenüber gestellt, der den Gottessohn in die Glaubensgefängnisse gebracht hatte. Der Greis spricht zum Herrn. Er legt dar, daß nur übergroßes Mitleid die Hierarchie geschaf­fen habe, daß die Millionen ohne Hoffnung lebten, durch Christi Lehre nicht befriedigt würden und nun von der Kirche selbst zur Vernunft, und sei es auch mit den drakonischsten Mitteln, gebracht würden. Der Heiland sagt nichts. Er schaut den Großinquisi­tor nur an, der diese weltliche Tyrannei so beredt verteidigt. Und verläßt, schweigend bis in die Seele, den Kerker der Inquisition.

Das Werk Dostojewskis spricht von der Leidens- sähigkeit und fehlenden Selbsthilfe der untergeord­neten Seelen, dieser slawische Zug ist vielleicht der Urgrund, auf dem Stalin die Möglichkeit hatte, seine grauenvolle Ausrottungspolitik zu errichten. Der Russe hat zu der Leidensfähigkeit die Charakterzüge der Selbstanklage und des Verfolgungswahns mit einer Virtuosität entwickelt, die als uneuropäisch von den anderen Nationen überhaupt nicht begriffen werden. Wenn der Zar Iwan der Schreckliche in halbem Wahnsinn seine Nächsten folterte, sie nach Laune tötete und seinen Sohn ermordete, wenn ein Peter der Große wochenlang seine Leibgarde der Strelitzen folterte, in Del sott, bei langsamem Feuer röstete und ebenfalls seinen Sohn mordete, dann unterwarf sich ganz Rußland knechtisch und die Geißel küssend dieser Mordlust. Dostojewski kennt nur einen Ausweg: dulden. Er kennt nicht die be­freiende Tat, die solchen wahnsinnigen Mördern das Handwerk legt und sich selbst erlöst. Die Obrig­keit spricht, und den Massen geziemt es, zu leiden.

Der Russe S e m e n t o w s k i - K u r i l o hat ein Werk geschrieben, das das Leiden der Russen histo­risch zu erklären versucht. Nur wer Rußlands Schick­sal mitgetragen und im Blut habe, könne Rußland, also die metaphysische Leidensfähigkeit und Leiden­lust, der russischen Massen verstehen. Sementowski- Kurilo sagt, das russische Leiden sei der eigentliche Seelenzustand der russischen Massen geworden.Nie haben russische Menschen", schreibt er,bis auf we­nige hin und wieder aufflackernde Versuche der äußeren und inneren Rebellion gegen die Verskla­vung, sei es durch die Tataren, durch die Leibeigen­schaft, durch die Herrschaft des Marxismus und in neuester Zeit durch die blutige Willkür Lenins und Stalins sich ernsthaft gewehrt." So ertrage das Volk die Pseudoerlöser und die bolschewistische Höllenlehre.

Stalin hat das Wort geprägt: ,Hch werde eure Mütter weinen machen." Seine Blutherrschaft hat wirklich Millionen Unschuldigen das Leben geraubt, ohne daß man weiß, weshalb. Er hat bis in die kleinsten Kreise die Aerzte, die Eisenbahner und Kolchosen, die Verwaltung, die Spitzen der Roten Armee und die Diplomatenliquidiert". Er hat die Sowjetunion hermetisch abgesperrt: die Schreie der Gefolterten und die Hinrichtungskommandos drin­gen nicht ins Ausland. Was ist das für ein Land, dessen Gewaltige einer nach dem andern verschwin­den, ermordet werden oder sich in Schauprozessen der tollsten Dinge beschuldigen! Es mag an dem Rätsel der russischen Seele liegen, daß ein solches Massenmorden nicht zum Aufflammen des Volks­zornes führt, denn anscheinend gibt es diese mora­lische Fähigkeit im weiten Rußland nicht.

Wie weit der Irrsinn der blutigen Tyrannei geht und welche Leute er ergreift, lehrt der neueste Schauprozeß. Die Bucharin, Rykow und Jagoda, nebst 18 anderen maßgebenden Leuten des Bolsche- wistenpsradieses, sind der tollsten Verbrechen ange­klagt. Sie sollen nicht nurTrotzkisten" sein, Hoch- und Landesverrat getrieben haben, sondern auch hervorragende Vertreter des Sowjetsystems und den Schriftsteller Maxim Gorki mit Hilfe von Aerzten ermordet haben. Die Tollheit solcher Anklagen wird ergänzt durch den politischen Zwecknachweis, die Angeklagten hätten mit faschistischen Staaten und der Bourgeoisie zusammengearbeitet, um das So­wjetsystem zu stürzen. Als wenn diefaschistischen" Regierungen, die doch sonst nach den Reden der bolschewistischen Agitatoren von teuflischer Geschick­lichkeit sein sollen, sich ausgerechnet diese traurigen Subjekte, die vor den Blutrichtern erfahrungsgemäß die widersinnigsten Taten eingestehen, gekauft hätten!

Die Angeklagten werden natürlich ihreGeständ­nisse" ablegen. Man weiß, daß einige Monate Kerker bei Der GPU. den Kräftigsten mürbe machen. Die Grade der Tortur werden so verschärft und gewisse Drogen angewendet, daß der Angeklagte alles, was die Mörder wollen, gesteht, nur um er­löst zu werden durch Stalins Pelotons. Die mosko- witische Hyäne mag in Sowjetrußlands seltsam leidensfähigen Massen mit solchen erweitertenGe­ständnissen" Glauben finden. In der übrigen Welt wird man sich mit Grauen abwenden von diesem Trauerspiel, das ein wahnwitziger Narr anzettelte und unter jüdischer Regie über die Bretter gehen läßt. Immerhin war das Schicksal Jagodas und seiner Genossen vorauszusehen. In der bolschewisti­schen Hölle müssen auch die Teufel selber schmoren.

D.S.

Selbst in Moskau Schaudern und Entsetzen.

Stalin braucht eineRechtfertigung" für die letzte Terrorwelle.

Moskau, 1. März. (DNB.) Der neue Schau­prozeß gegen die 21 Sowjetfunktionäre hat auch unter der Moskauer Bevölkerung einen furchtbaren Eindruck heroorgeru- fen. Dor den Verkaufsstellen der Zeitungen bildeten sich riesige Menschenschlangen, die sichtlich mit Schaudern die Nachricht von dem neuen Straf­gericht gegen die früheren Parteigewaltigen ent­gegennahmen. Obwohl Bucharin, Rykow und Jagoda, die früher jahrelang an der Spitze der Sowjetunion standen, bereits seit geraumer Zeit durch die unablässige Agitation der Presse als Volksfeinde" undSpione" g e brand­markt worden waren, hätte ihnen doch niemand ein solches Ende prophezeit. Insbesondere sind es die unglaublichen Anschuldigungen, die das Entsetzen des Publikums Hervorrufen.

Dazu kommen die am Gedenktage der Roten Ar­mee sichtbar gewordenen neuen Lücken im o b e r ft e n Kommando st ab, die die allge­meine Beunruhigung noch vergrößern. Die neue Säuberungswelle" unter Der Generalität cs ist bereits die vierte im Verlauf weniger Monate hat fast alle führenden Militärs aus der Zeit Tu- chatschewski-Garmarnik erfaßt. Von fünf Marschäl­len sind zwei und von fünf Armeekommandanten vier beseitigt. Beide Großadmirale sind verschwun­den, von zwei Admiralen ist einer beseitigt. Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Armeekorpskom- manöanten. Um sich von der eingetretenen Ver­wirrung ein Bild zu machen, muß man sich Daran erinnern, daß Großadmiral O r l o w , dessen Hin­richtung jetzt zugestanden worden ist, noch im Mai vorigen Jahres als offizieller Delegierter der Sow­jetunion an der Krönung des englischen Königs teilgenommen hat oder daß die jetzt verschwundenen Generäle Dybenko und Below noch dem Kriegsgericht angehört hatten, das Tuchatschewski im Juni des Vorjahres zum Tode verurteilte!

Die 21 Angeklagten, die diesmal abgeurteilt wer­den sollen, zerfallen in mehrere Gruppen, einer Gruppe der Politiker gehören an: B u - charin, der Freund Lenins und während vieler Jahre der bekannteste Theoretiker des Bolschewis­mus; Rykow, der Vorgänger Molotows auf dem Posten des Ministerpräsidenten; der frühere GPU.- Chef Jagoda; Krestinski, ehemaliger Ber­liner Botschafter und Vizeaußenminister; Rakow­skij, markanter Trotzki-Anhänger und früherer Sowjetbotschafter; schließlich noch Bessonow, ein früherer Botschaftsrat an der Berliner Sowjet­botschaft.

Die zweite Gruppe der Angeklagten wird ver­mutlich gleichfalls nach bekanntem Muster die Schädlinge" undSaboteure" stellen, die natürlich auf Anstiftung der Politikergruppe gehandelt Haven sollen, in Wirklichkeit aber 'für die latenten Schä­den des bolschewistischen Wirtschaftssystems immer wieder neu benötigt werden. Hierher ge­hören die früheren Volkskommissare Rosengolz (Außenhandel), Iwanow (Holzindustrie), Tschernow (Landwirtschaft), Grinko (Finanzen), Subarew (Vizevolkskommissar für Landwirtschaft) und Selenski (zuletzt Leiter der Handelsorganisation Zentrosojus). Sie sind aus der Masse der ver­hafteten früheren Spitzenfunktionäre ausgewählt worden und werden sich auch in der bekannten Weise selbst der ungeheuerlichsten Sabotageakte be­zichtigen.

Eine dritte Gruppe der Angeklagten ist unter den zahllosen verhafteten Vertretern der verschiedenen Völkerdes Sowjet st aates ausgewählt wor­den. Ihr gehören an der Präsident des Zentral­vollzugsausschusses und Präsident des Rates der Volkskommissare in Usbekistan, als solcher bis 1937 einer der Stellvertreter des Staatsoberhauptes der Sowjetunion, ferner der Parteisekretär für Us­bekistan und der für Weißrußland. Diese ehemals führenden bolschewistischen Funktionäre der Natio­nalitätengebiete werden vermutlich die Rolle l o - kaler Agenten desBlockes der Hochverräter" zu spielen haben; sie werden sicherlich ebenso willig gestehen", die Abtretung dieser Gebiete an aus­wärtige Mächte angestrebt zu haben!

Die 4. Gruppe umfaßt die drei namhaften Aerzte, die u. a. auch den Schriftsteller Maxim Gorki im Auftrage desBlockes" umgebracht haben sollen. Die fünfte Gruppe besteht ausdrei Unbekannten", denen vermutlich die Rolle der Provokateure auf der Anklagebank zufallen dürfte, die bisher noch bei keinem Prozeß gefehlt haben.

Man kann vermuten, daß dieser neue Sensations­prozeß gegenüber der Sowjetöffentlichkeit nötig er­scheint, um das furchtbare Wüten des Terrors wäh­rend der letzten Monate zu rechtfertigen. Sicher ist auch, daß dieser Prozeß in Zusammenhang steht mit dem Brief Stalins, der das neuerliche Bekenntnis zu einem weltrevolutionären Aktivismus enthält, wobei in den Augen des Kreml der internationale Trotzkismus als der gefährlichste Rivale erscheint. Jeder weiß, daß die Moskauer Prozesse zu den schärfsten Herausforderungen gegen diejenigen Staa­ten benutzt werden, die Moskau für seine unerbitt­

lichsten Feinde hält, nach dem bekannten Rezept, die ungeheuerlichsten Anschuldigungen gegen auswärtige Mächte, die man offen nicht auszusprechen wagen würde, von den Angeklagten aussagen zu lassen. Aber alle diese Erklärungen reichen nicht aus für die Inszenierung dieses neuen Prozesses, in der sich die furchtbare moralische Zersetzung unter den Sowjetgewaltigen als Beweggrund ai|5= prägt. Sie veranlaßt die Machthaber, die Genossen ihrer Macht von gestern heute unter Anschuldi­gungen, die ganz offensichtlich auch in der Oeffentlich- keit Moskaus mit verwundertem Schaudern aufge­nommen werden, in den Abgrund zu stoßen.

Paris überdendundesgenoffenbesiurzt DieMachtMoskaus auf schwachenFüßen."

Paris, 1. März. (DNB. Funkspruch.) Ueber den neuen Moskauer Monstre-Prozeß schreibt Epoque", das Moskauer Regime mache für sein Land schlechte Reklame. Wenn es zeigen wolle, daß die Macht Moskaus auf schwachen Füßen stehe, würde es nicht anders handeln. Wie könne man aber ernsthaft auf ein Land rechnen, das von einer inneren Krise geplagt werde, deren Ende nicht abzusehen sei. Der Prozeß beweise, daß Sta­lin in der ständigen Ang st vor An­schlägen lebe. Die Todesurteile würden in Sow­jetrußland in einem tragischen Rhythmus fortgesetzt. Wem wolle man heute noch glauben machen, daß Sowjetrußland ein Paradies sei. Es sei vielmehr ein verdammtes Stück dieser Erde, wo der Mensch nicht mehr das Recht habe, frei zu denken und zu handeln, sondern wo er sterben müsse, ohne sich wehren zu können.

DerFigaro" schreibt, in der Anklageschrift finde man alle alten Geschichten wieder, die kein Mensch in der Welt trotz der durch Terror erpreßten Geständnisse e r n st nehme. Man scheine es mit Irrsinnigen zu tun zu haben, man müsse sich fragen, was sich hinter der abscheu­lichen Inszenierung verberge, deren Vorhang sich morgen hebe. Die neue Auslegung über den Tod Maxim Gorkis führe unabänderlich zu der Feststellung, daß Stalin allein die Mittel habe, das Verbrechen zu begehen, das er feinen Opfern in die Schuhe zu schieben versuche.

Sabotage an neuen britischen Bombern.

Löcher in die Benzintanks gebohrt.

London, 1. März. (DNB.) Das englische Cnff- sahrlministerium Hal in einer offiziellen Erklärung zugegeben, daß an neuen Bombenflug­zeugen der britischen Luftwaffe, die unweit von Manche st er ausprobiert werden sollten, Sabotageakte vorgenommen worden sind. An zwei Flugzeugen habe man Beschädigungen ent­deckt. Es liege Grund zu der Annahme vor, daß die Flugzeuge in böswilliger Absicht be­schädigt worden seien. Der Fall werde von der Polizei geprüft. In den Benzintanks sollen Löcher gebohrt worden fein. Beim Start der Flugzeuge habe man jedoch rechtzeitig die Löcher entdeckt.

Ein Geistlicher in Posen von Kommunisten ermordet.

Pofen, 28. Febr. (DVB.) Ein ungeheuerliches kommunistisches Verbrechen trug in L u b o n, einem Vorort von Posen zu. Ein kommunist tö­tete während der Messe den Geist­lichen S l r e i ch, der als entschiedener Gegner des Kommunismus galt, durch mehrere Schüsse vor dem Altar. Der Kirchendiener, der den Verbrecher festnehmen wollte, und ein Kind wur­den ebenfalls durch Schüsse des bolschewistischen Mordbuben verletzt. Der empörten Menge gelang es, den Verbrecher festzunehmen, der nur durch das Eingreifen der Polizei der Lynchjustiz entrissen und abtransportiert wurde. Vach den bisherigen Ermitt­lungen ist die Ermordung des Geistlichen in der Vachl vorher von den Luboner Kommunisten regel­recht beschlossen worden. Die Polizei nahm zahlreiche Verhaftungen vor.

Dziennik Narodowy" weist darauf hin, daß die kommunistische Hetze in Polen in letzter Zeit verstärkt worden sei. Nach dem Zusammen­bruch der bolschewistischen Aktionen in Spanien habe die Komintern ihr Hauptaugenmerk den Län­dern zugewandt, die der Sowjetunion un­mittelbar benachbart seien, also vor allem Polen. Der Mord in Lubon könne sehr wohl das Signal sein, das umfangreiche Terror­maßnahmen gegen d i e Kirchen und die bolschewistische Revolution einleiten sollte.

IEahredeMe Luftwaffe

Von Karl Brammer.

Auf Befehl des Reichsministers der Luftfahrt und Oberbefehlshabers der Luftwaffe, Generalfeldmar­schall Göring, ist zum Tag der Luftwaffe der 1. März bestimmt worden. Dieser Tag ist ge­wählt worden zur Erinnerung an den 1. März 1935, dem Tag der Erstehung der jungen deutschen Luftwaffe. Am 1. März 1938 sind drei Jahre verflossen seit dem Tage, an dem der Führer und Reichskanzler die Aufstellung der jun­gen Luftwaffe als dritten Wehrmachtsteil befohlen hatte. Das ist Anlaß genug, um einen Rückblick zu tun auf die drei Jahre unerhörtester Arbeit. Dieser Arbeit ist aber, das dürfen wir heute mit Stolz sagen, der Erfolg nicht versagt geblieben. Deutsch- ' land verfügt heute über eine Luftwaffe, die willens und in der Lage ist, den deutschen Lustraum zu schützen. Im Rahmen der deutschen Nachrüstung verdient der Ausbau der Luftwaffe eine besondere Anerkennung. Das Heer konnte aus dem Hundert- taufendmann-Heer der Reichswehr reorganisiert und vergrößert werden, für die Luftwaffe aber gab es kein Beispiel, hier mußte alles neu geschaf - f e n werden. Auf Grund des Versailler Diktats mußten 15 714 Jagd- und Bombenflugzeuge und 27 757 Flugzeugmotoren vernichtet werden. Ferner unterlagen der Zerstörungspflicht Scheinwerfer und optische Geräte aller Art, Flugzeughallen und alles, was überhaupt mit Flugzeugen zusammenhing. Dazu kam noch, daß in weiteren Bestimmungen auch der deutschen Handelsluftfahrt schwere Fesseln angelegt wurden, die es den deutschen Konstruk­teuren unmöglich machen sollten, leistungsfähige Flugzeuge zu schaffen. Dazu kam weiter, daß in bestimmten Gebieten des Reiches, zum Beispiel im Rheinland, keine Flugplatzanlagen geschaffen wer­den durften.

Alle diese Fesseln konnten aber nicht hindern, daß der Traditionsgeist der Flieger­waffe des Weltkrieges in Deutschland nicht unterging. Während des Krieges waren für die deutsche Armee und Marine rund 17 000 Offiziere und Mannschaften als Flieger ausgebildet worden. Die Gesamtzahl der Verluste innerhalb der Flieger­truppe betrug an Toten, Vermißten und Verwun­deten rund 13 000. Von diesen fanden 4053 Kame­raden des fliegenden Personals den Heldentod, 4644 wurden schwer verwundet. 72 Heldenflieger erhielten den höchsten Kriegsorden pour le märite, aber 27 von diesen Fliegern blieben im Luftkampf. Der Geist dieser toten Flieger ist im deutschen Volke immer lebendig geblieben, und er wirkte fort, als General Göring mit dem Aufbau der Luftwaffe begann. Der Oberbefehlshaber der Luftwaffe holte sich zu feiner Mitarbeit diejenigen Kriegsflieger und Männer der Luftwaffe, die sich draußen bewährt hatten. Wir brauchen hier nur den Namen Thom­sen und Christiansen zu nennen. Die deutschen Flug­zeugkonstrukteure wie Heinkel, Dornier und andere waren in der Zwischenzeit nicht müßig gewesen. Die fesselnden Bestimmungen des Versailler Ver­trages hatten den Zeit nicht fesseln können, und nun ging es an die Arbeit, um für die junge deutsche Luftwaffe die besten 'Flugzeuge, die es gab, zu schaffen. Ja, wir hatten sogar in gewissem Sinne einen Vorteil, weil wir nämlich aus den Konstruktionsfehlern der anderen lernen konnten. Das hat uns viel an Opfern und an Kosten ge- spart. Selbstverständlich hat auch die Schaffung der deutschen Luftwaffe Opfer gefordert, und wir nei­gen uns heute am dritten Jahrestage der Erstehung der deutschen Luftwaffe in Ehrfurcht vor denen, die Leben und Gesundheit bei diesem großen Werk der Verteidigung des Vaterlandes einbüßten.

Wie gesund der Geist der Jugend aber geblieben war, das zeigte sich in dem Zustrom zum jüngsten deutschen Wehrmachtsteil. Dabei ist der Jugend, die zum Fliegerberuf drängte, nie verhehlt worden, daß dieser Beruf schwere und ernste Arbeit und einen ganzen Mann erfordert. Nur aus einer solchen Auf­fassung heraus konnten die Leistungen entstehen, auf die die junge deutsche Luftwaffe heute schon mit Stolz zurückblicken kann. Wer die einzelnen Etap-