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nr.US Erste? Blatt

187. Jahrgang

Dienstag, 29. Juni 1957

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Nationalwirtschaft und Weltwirtschaft.

Äon Dr. Carl Wellthor.

Es gab eine Zeit, in der man sich darüber stritt, ob es eineWeltwirtschaft" überhaupt gebe. Man ist stillschweigend übereingekommen, die Fülle der zwischen den Völkern bestehenden und noch zu schaf­fenden wirtschaftlichen Beziehungen als Weltwirt­schaft zu bezeichnen und die Frage nach einem, naturnotwendigen organischen Zusammenhang un­beantwortet zu lassen. Wenn sich in der Woche vom 28. Juni bis zum 3. Juli 900 ausländische und noch mehr deutsche Privatwirtschaftler in Berlin zusam­menfinden, um an der IX. T a g u n g d er In­ternationalen Handelskammer teilzu­nehmen, so geschieht das aus dem übereinstimmen­den Empfinden, daß es mit der internationalen Zu­sammenarbeit auf wirtschaftlichem Gebiet hapert und daß ein in der Hauptsache gleichgestimmtes Sachverständigengremium sich bis zu einem gewissen Grade bei den Regierungen Gehör verschaffen kann. Es wird wie auf den früheren Mitglieder­versammlungen der Kammer am letzten Tage eine Reihe von Entschließungen geben, die von den na­tionalen Gruppen der rund 40 vertretenen Länder ihren Regierungen zugeleitet werden. Eine Woche lang wird die Presse aller weltwirtschaftlich inter­essierten Staaten die Fragen erörtern, deren Lösung in den Friedensverträgen nicht 'ehrlich versucht wor­den ist, und mit denen sich jetzt die neunte inter­nationale Kammertagung auseinandersetzt.

Die Kammer ist von einem Franzosen ins Leben gerufen worden und hat ihren Sitz in Paris. Sie macht mit ihren alle zwei Jahre abgehaltenen Ta­gungen in den Hauptstädten der Erde die Runde. Deutschland nimmt an den Zweijahresoersammlun­gen seit nunmehr zehn Jahren teil. Die Tagung zu Stockholm im Jahre 1927 hatte wegen des Neu­auftretens von Deutschland, aber auch deswegen besondere Bedeutung, weil unmittelbar vorher, im Mai 1927 im Rahmen des Völkerbundes zu Genf eine Weltwirtschaftskonferenz abgehalten wor­den war. Von dieser Konferenz warenEmpfeh­lungen" an die vertretenen Regierungen gerichtet worden. Die Aussicht, daß aus diesen Empfehlun­gen Taten werden würden, nahm in der Stockhol­mer Aussprache einen breiten Raum ein. Die beiden folgenden Zweijahreszusammenkünfte der Interna­tionalen Handelskammer, die zu Amsterdam im Jahre 1929 und die zu Washington im Jahre 1931 waren im wesentlichen Begleitmusik zum Konjunkturumschwung, der sich zwischen diesen beiden Jahren vollzog.

Die Wiener Kammer-Konferenz vom Jahre 1933 fiel in die Zeit der sich verschärfenden deutsch- österreichischenSpannung. Ungleich bedeutsamer war damals jedoch die Tatsache, daß die Wiener Ta­gung allgemein als Vorkonferenz zum Londoner Weltwirtschaftskongreß von Juni/Juli 1933 ange­sehen wurde. Die Leitung der Kammer verlies so­gar ihre Tradition und verlegte die Togung, die herkömmlich um die Wende Juni/Juli abgehalten wird, auf die Wende Mai/Juni. Die bereits in Wien gehegte Besorgnis, die Abwertung des Dollars durch die Washingtoner Regierung werde die Lon­doner Verhandlungen zur Ergebnislosigkeit verur­teilen, erfüllte sich. Die letzte Tagung vor Berlm, die Pariser Kammer-Tagung vom Jahre 1935, behandelte besonders ausführlich die Frage der Reife der Welt für einen neuen internationalen Wirtschaftskongrest und der für eine aussichtsreife Initiative in Betracht kommenden Personen. Es war wie eine Demonstration gegen politische Quer­treibereien, daß auf der Pariser Tagung wenige Monate nach der gegen Deutschland wegen der Wie­derherstellung der Wehrhoheit eingeleiteten Hetze die Reichshauptstadt Berlin zum nächsten Tagungs­ort der Kammer-Konferenz gewählt wurde.

Es ist unvermeidlich, daß die Tagesordnung für eine so große internationale Konferenz bereits inn­rere Monate vor der Eröffnung festgesetzt wird. So erklärt es sich, daß das Thema der ersten Vollver­sammlung, nämlich die Rohstoff frage, als Rohstoffmangel und Rohstoffuberfluß erscheint. Die Verknappung wichtiger Rohstoffe trat erst in den letzten Monaten des vergangenen Jahres in voller Schärfe zutage. Heute wird niemand mehr den billigen Trost spenden wollen daß die- rohsto.s- armen Länderebenso gut auf dem freien Markt kaufen, wie aus eigenen Quellen schöpfen können. In der Verteuerung der Rohstoffe, die bis- mi den März hinein dauerte, ist in letzter Zeit.em Still­stand eingetreten. Es ist aber nicht zuviel gesagt, wenn erklärt wird, eine ausreichende und gesicherte Rohstoffversorgung wesentlich aus eigenen Quellen sei unter den bestehenden Verhaltnisten eine un- erläßliche Vorbedingung für das . glatte Funktio. Nieren der Außenwirtschaft. Der f^ lD^foPrpfbr ter der Reichswirtschaftskammer, Staatssekretär i K. Dr. Trendelenburg, der einige Jahre lang Untergeneralsekretär im Völkerbund gewesen / wird zu diesem wichtigen Punkt der Tagesordnung Deutschlands Auffassungen vertreten.

Weitere Punkte der Plenarversammlungen auf der Berliner Kammer-Tagung werden die ,,^orga­nisierte Wirtschaft",Internationaler Wahrungs- .ausgleich" undWirtschaftlicher Natwnal.smus lein' Beim ersten dieser drei Themata wird /man sich auf Kartell- und Absatzförderungsfragen beschranken. Zur W ä h r u n g s f r a g e, die bereits auf den beiden letzten Kammer-Tagungen, der zu TOiL imh ber -m Waris, besonderes Interesse ge- fund^en"hatte, wird für Deutschland der Leiter der Reichsgruppe Banken, Dr. Otto Christian Fischer,

Um die Vollmachten für Chautemps.

Sie französischen Börsen geschlossen und Zahlungsmoratorium angeordnet. Oie Verteidigung des Franken.

Paris, 29. Juni. (DNB. Funkspruch.) Die Regierung Chantemps hat noch in der Nacht vor Abgabe einer Regierungserklärung Be­schlüsse gefaßt, die von größter Tragweite sind. Nachdem im Kabinettsrat beschlossen worden war, das von der Regierung Blum eingebrachte und vom Senat abgelehnte Ermächtigungsgesetz in erweiterter und wesentlich verschärfter Form wieder aufzunehmen, hat die Regierung, um einer Frankenspekulation während der Aus­sprache über dieses Gesetz vorzubeugen, beschlossen, die Wertpapier- und Effektenbörsen vom heutigen Dienstag ab bis auf weiteres z u schließen. Die Zahlung der vom Dienstag ab in Gold ober Devisen fälligen Handelsschulden kann auf Forderung des Schuldners hin einge­stellt werden. Der Zeitpunkt, an dem die Zah­lung gefordert werden kann, wird vom Finanz­minister bekanntgegeben. Wechsel und Tratten kön­nen während des Zahlungsmoratoriums nicht zu Protest gehen. Der Zinsfuß wird für die Dauer der Zahlungseinstellung der gleiche fein, wie der Diskontsatz der Bank von Frankreich.

Obgleich über die Pläne der Regierung im ein­zelnen Erklärungen noch nicht vorliegen, betont man in gut unterrichteten Kreisen, daß eine E r - Höhung sowohl der direkten als auch der indirekten Steuern beabsichtigt ist. Diese Erhöhung soll wesentlich über die vom Kabi­nett Blum vorgesehene Grenze hinausgehen. Auf der anderen Seite soll jede neue Belastuna des Haushaltes vermieden werden. Auch die Rentenversorgung für alte Arbeiter, eine Haupt­

forderung der Kommunisten, die das Kabinett Blum für die allernächste Zukunst versprochen hatte, sei jetzt zurückgestellt worden. Die Regierung stehe grundsätzlich einer neuen Frankenabwertung ablehnend gegenüber, aber man würde auch zu dieser äußersten Maßnahme greifen, wenn die Frankenspekulation nicht aufhöre und wenn die zunächst ins Auge gefaßten Methoden keine wesent­liche Erleichterung brächten. DasEcho de Paris" will wissen, es bestehe die Absicht, die im Wäh­rungsabkommen vom 1. Oktober festgelegten Gren­zen herabzusetzen. Man wolle zum Währungs­gesetz Poincares zurückkehren, d. h. den Fran­ken im Vergleich zum Pfund auf 125 Franken und im Vergleich zum Dollar auf 25 Franken stabili­sieren.

Die sehr eingreifenden Maßnahmen der neuen Re­gierung stoßen schon jetzt auf nicht zu unterschätzende Schwierigkeiten. Bezeichnenderweise machen sich die ersten Widerstände indenReihenderVolks- frontparteien selbst geltend. Die sozialdemo­kratischen Minister haben sich nur vorbehaltlich der Zustimmung ihrer Fraktion mit diesen Vorschlägen einverstanden erklärt. Chantemps soll jedoch entschlossen sein, bis zum äußersten zu gehen und den Bestand seines Kabinetts von der Annahme der Gesetzesvorlage abhängig zu machen. Um sich aus­schließlich der Wiedergesundung der Finanzlage wid­men zu können, und nicht ständig vom Parlament in Anspruch genommen zu werden, hat der Minister­präsident die Absicht, Kammer und Senat un­mittelbar nach der Verabschiedung des Ermächti­gungsgesetzes in die Ferien zu schicken.

DerReichsknegsminister in Budapest.

Budapest, 28. Juni. (DNB.) Reichskriegsmi­nister Generalfeldmarschall von Blomberg ist in Budapest eingetroffen auf Einladung des un­garischen Honvedministers General der Infanterie Röder, der im April d. I. dem Generalfeldmar­schall in Berlin einen Besuch abgestattet hatte. In Begleitung des Generalfeldmarschalls befinden sich feine Tochter Dorothea von Blomberg, Major von der Decken, Oberleutnant Böhm-Tet- t e n b e r ch sowie der Berliner ungarische Militär­attache Oberstleutnant Hardy. Zur Begrüßung des Reichskriegsministers hatten sich auf dem Flug­platz u. a. General Röder und Gemahlin, General der Kavallerie von Nagy, der italienische Gesandte Graf Vinci, der deutsche Gesandte von Erd­man n s d o r f, der deutsche Militärattache, Gene­ral F r i b e r i c i, der deutsche Luftattache Oberst Schultheiß und der Landeskreisleiter der NSDAP. Graeb eingefunden.

In den Abendstunden veranstaltete der Außen­minister von Kanya zu Ehren des deutschen Gastes ein Staatsessen, an dem die Regierung, die Generalität und die Spitzen der Behörden teilnah­men. Die Presse hebt die innere Verbundenheit der deutschen und der ungarischen Wehrmacht hervor. Das RegierungsblattEsti Ujsag" nennt den Gene­ralfeldmarschall denKriegsminister des Friedens". Im Namen der Frontkameradschaft, der Freund­schaft und des Friedens begrüße die ungarische Na­tion den deutschen Gast. Der dem Außenminister nahestehende Pester Lloyd schreibt, Blomberg sei der Vertreter des deutschen Heeres, das die Fes­seln von Versailles ab st reifte, die Frei­heit und die Unabhängigkeit des deutschen Volkes wiederherstellte. Dieser 'Aufstieg der deutschen Macht sei einer der wichtigsten Faktoren der neuesten euro­päischen Geschichte, und Ungarn hoffe, daß der er­starkende politische Einfluß Deutschlands in den

europäischen Angelegenheiten auch dem befreunde­ten Ungarn zugute kommen werde.

Der Besuch Blombergs beim ungarischen Hon- Debminifter gibt Anlaß, einige Worte der unga­rischen Lanbwehr (Honved) zu wibmen. Na­türlich hanbelt es sich nicht um eine Lanbwehr im Sinne bes altpreußischen Fachausbruckes, sonbern um eine nach ben mobernsten Grunbsätzen aufge­zogene Armee, deren Name nur unserer früheren Reichsweh r" entspricht. Hervorgegangen ist die Honveds aus der Landwehr der östetreichisch-un- garischen Doppel-Monarchie, die sich ebenfalls nicht schlechthin mit dem preußischen reichsdeutschen Sinn desselben Wortes gedeckt hat. Admiral von H o r t y und der spätere Ministerpräsident und Kriegsmini­ster Julius von Gömbos bauten unter schwie­rigsten Verhältnissen eine schlagfertige Truppe auf, die im November 1919 Budapest von den Kom­munisten Böla Khuns säubern und auch die rumä­nische Besatzungszeit beenden konnte. Aber was lie­ßen die Friedensverträge zurück? Ein kläglich ver­stümmeltes Ungarn, dessen Eingänge von übermäch­tigen Gegnern besetzt waren; eine Armee, die nicht mehr als 35 000 langdienende Soldaten zählen durfte, der Flugzeuge, Tanks, schwere Artillerie und Donau-Panzerboote verboten waren. Zunächst wurde für einen hochqualifizierten Offiziers- nachwuchs gesorgt. Die militärische Hochschule des Landes, die frühere Ludovica-Akademie in Buda­pest, fand ihre Ergänzung in der Unteroffiziers- Schule Veszprem-Jutas; bei den letzten Militärpa­raden zu Ehren des österreichischen Bundespräsi­denten und des italienischen Herrscherpaares sah man zum ersten Male wieder von jubelndem Beifall begrüßt motorisierte Truppen und Ge­schütze schwereren Kalibers. Die ungarische Nach­rüstung ist ein spruchreifes Problem der mitteleuro­päischen und der europäischen Politik.

sprechen. Nach den interessanten Mitteilungen, die der französische Währungssachoerständige Rist so­eben bei seinem Ausscheiden aus dem Beirat des Währungsausgleichfonds feines Landes gemacht hat, wird man auf die Aussprache über dieses Thema ge­spannt sein dürfen. Soweit sich heute übersehen läßt, hat sich in der praktischen Wirtschaft die Ueber- zeugung von der Dringlichkeit internationaler Wäh­rungsabmachungen gegenüber der Wiener und Pa­riser Tagung der Kammer noch verstärkt. Nachdem jetzt feststeht, daß das Abwertungsfieber eine an­steckende Krankheit gefährlichster Art ist, werden sich gegen eine schnelle und wirksame Prophylaxe kaum noch ernste Bedenken erheben.

Der letzte Punkt der Plenarberatungen auf der Berliner Tagung wird alle jene Maßnahmen zur Erörterung stellen, die von einer großen Zahl von Ländern zur Linderung der binnenwirtschaftlichen Nöte ergriffen worden sind. Wir wissen, daß einige Tagungsteilnehmer darauf brennen, Deutschland die Entbehrlichkeit" undWeltwirtschaftsfeindlichkeit" der verschiedenen auf den Gebieten der Aus- und Einfuhr sowie der Devisenverwertung ergriffenen Maßnahmennachzuweisen". Zu diesem Punkt der Tagesordnung wird der Leiter der Reichswirt­schaftskammer, der Münchener Industrielle P i e tz f ch, sprechen. Wir dürfen wie bei früheren internationalen Kongressen etwa über Bevölke­rungswissenschaft und über Strafrechtspflege darauf vertrauen, daß es manchen Tagungsteil­nehmern wie Schuppen von den Augen fallen wird, wenn sie zwischen den wirklichen Taten und Ab­sichten des nationalsozialistischen Deutschlands und den darüber von übelwollenden Elementen verbrei­

teten Behauptungen unterscheiden lernen, lieber das Verhältnis der Volkswirtschaft zur Weltwirtschaft hat der vom Führer zur Leitung des zweiten Vier- jahresplans berufene Ministerpräsident Generaloberst Göring bereits einige deutliche Worte gespro­chen. Er erklärt, daß die Weltwirtschaft nur von gesunden Volkswirtschaften lebe, und daß sich der­jenige, der sich um den Wiederaufbau einer zer­fallenen Volkswirtschaft bemühe, Dienst an der Weltwirtschaft leiste.

Die Berliner Tagung der Internationalen Han­delskammer fällt in eine Zeit, in der über die Mög­lichkeit, eine neue Weltwirtschaftskonferenz mit Er­folg abzuhalten, erst Erwägungen angestellt werden. Der belgische Ministerpräsident van Zeeland, der von den Regierungen zu London und Paris zur Fühlungnahme 'mit den Regierungen der wichtigsten Länder aufgefordert worden ist, hat in Amerika ver­schiedene Möglichkeiten einer internationalen Wirt- jchaftsverständigung besprochen. Aus gewissen Vor­kommnissen läßt sich schließen, daß u. a. die Mög­lichkeit einer Rumpfverständigung (zwischen Ame­rika, England und Frankreich vielleicht auch noch unter Einschluß einiger kleinerer Länder) mindestens in Erwägung gezogen worden ist. Die Internatio­nale Handelskammer ist stets gegen Gruppen- und Cliquenbildung, wenn sie sich gegen einzelne Wirt­schaftsländer richten, ablehnend eingestellt gewesen. Es wäre bereits ein Gewinn, wenn die Berliner Tagung den etwaigen Versuchen, die internationale Wirtschaftsverständigung in kleinerem Kreise zu ver­wirklichen, eine deutliche Absage erteilen würde.

Lhaickmps'pMische Ausgabe

Bon unserempp.-Äerichierstaiier.

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

Paris, im Juni 1937.

Die uns fremden Spielregeln des französi­schen Parlamentarismus sind mit der Beauftra­gung von Chantemps wieder in Kraft ge­treten. Die Regierung Blum, die ein Jahr und 16 Tage das politische Schicksal des Landes bestimmt hatte, hat immer wieder gegen diese verstoßen, in­dem sie aus Rückschlägen und Enttäuschungen nur den Schluß zog, daß sie ihre Politik änderte, nicht aber den, daß sie zurücktrat. Während der letzten Tage der Regierung Blum schien es so, als ob sie trotz des Widerstandes des Senates auch weiter­hin die Spielregeln unbeachtet und es zu einem schweren Verfassungskonflikt kommen lassen wollte. Aber im letzten Augenblick besann sich Blum auf diese Grundregeln und er handelte wie ein fran­zösischer Parlamentarier und Republikaner.

Zur Diskussion steht mit dem Rücktritt Blum vor allem die Frage nach dem Sein oder Nichtsein der Volksfront. Es muß sich in den nächsten Mo­naten zeigen, ob die Volksfront noch positive Auf­gaben zu erfüllen hat ober ob sie das Schicksal des nationalen Blockes teilen wird. Dieser war ein typisches Gebilde der ersten Nachkriegs­zeit und bestimmte zunächst nachhaltig das Schick­sal Frankreichs. Sehr bald wurde er aber als ein Fremdkörper empfunden und heute erinnert sich kaum noch einer an den nationalen Block von 1919. Wird das Schicksal der Volksfront ein ähnliches fein?

Die Volksfront entstand aus einer Abwehr­stellung der Linken gegen d i e Feuer, k r e u zler und andere'Rechtsverbände, die am 6. Februar 1934 in Paris demonstriert, kurz nacheinander Chantemps und Daladier zu Fall ge­bracht und den Weg für die nationale Ein­heitsregierung Doumergue geebnet hat­ten. Es ist ein eigenartiger Zufall, daß während der ersten Krise der Volksfront Doumergue in fei­nem Heimatorte beigefetzt wird und fast alle Blät­ter feftfteUen, daß Doumergue nach einer glanzvol­len politischen Laufbahn die letzte ihm gestellte Auf­gabe nicht g e I ö ft habe, die der nationalen Re­gierung. Andererseits sind aber heute wieder Chautemps und Daladier, deren Namen am 6. Februar 1934 für immer aus der politischen Geschichte Frankreichs gestrichen zu sein schienen, die Herren der Lage. Deutlicher kann wohl nicht zum Ausdruck gebracht werden, daß dieGefahren von rechts" heute nicht mehr das besagen wie am 6. Februar 1934 und wohl kaum noch gegeben sind. Bestätigt wurde dies ferner durch die Wahlnieder­lage von D o r i o t, dem tatkräftigsten und geschick­testen dieser Gegner der Linken.

Die Gründe, die nach dem 6. Februar 1934 zur Bildung der Volksfront führten, sind also kaum noch gegeben, und somit kann mit etwas mehr Ruhe als bisher die Frage geprüft werden, inwie­weit neben dem negativen Programm, dem der Abwehrstellung gegen die Rechte, ein positives ge­geben ist. Dabei wird sich wohl mancher erst richtig dessen bewußt, daß dieses Bündnis der Volksfront wohl das widersinnigste ist, das je politische Parteien eingegangen sind. Den einen Flügel die­ser Volksfront, den rechten, bilden die Radikal- sozialen, die als Vertreter des Bauern, des städtischen Kleinbürgers und des gutverdienenden Arbeiters in wirtschaftlichen Fragen konservativ eingestellt sind und sich nur zur Linken rechnen, weil sie die politischen Ziele der französischen Linken, die republikani­schen und antiklerikalen mit am nachhaltigsten ver­treten. Aus dem anderen Flügel der Volksfront steht als die revolutionäre Partei die kommunisti­sche. Diese beiden Parteien konnten mit den S o - z i a l i st e n nur in der Volksfront zusammenge­schloffen werden, weil sie glaubten, einen gemein« tarnen Gegner zu haben, und im Interesse der Bekämpfung dieses Gegners auf gewiße Wünsche verzichteten. So ließen die Kommunisten die Fern­ziele in den Hintergrund treten. Sie richteten sich nach dem Dimitroff-Programm des Jahres 1935 und betrachteten die Volksfrontregierung Blum als die erste Phase im Kampfe um die Errichtuna eines Sowjetregimes. Die Innen- und Wirtschaftspolitik der Regierung Blum war ihnen, relativ gleichgültig, sie dachten mehr an die außenpolitischen Forderungen Moskaus und an den Aufbau einer eigenen Or­ganisation, um später innerlich gestärkt das kom­munistische Programm mit mehr Nachdruck vertre­ten zu können.

Somit traten unter der Regierung Blum die Ge­gensätze zwischen Kommunisten und Radikalsozialen zunächst kaum in Erscheinung Sie machten sich zum ersten Male stark bemerkbar, als vor einigen Wochen wieder eine Finanz- und Wirt­schaftskrise ausbrach und die Lage bei einem jährlichen Anleihebedarf der öffentlichen Hand von 50 Milliarden Franken und bei Eingängen an Staatssteuern von nur 40 Millarden hofsnunaslos zu fein feinen. Jetzt stellte die Regierung Blum unter dem Einfluß der Kommunisten typisch mar- ri ft i s ch e Forderungen, so die eines energischen Einschreitens gegen die Fluchtkavitalien. Hiergegen mußten sich die fonfernatnen Kräfte be£ Radikalso­zialen wehren. Dieser Widerstand braumte nicht in der Kammer in Erscheinuna zu treten. Hier konnten die Radikalsozialen noch an der Volksfront festbal- ten. denn es war klar, daß sich der Senat mit aff'»* Entschiedenheit widersetzen wirnde.

lind die Radikalsoziaien vor die Frage ae- st'llt *h sie an der Volksfront festhalten wollen. Von sich aus werden sie die Volksfront kaum spren-