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6in Jubiläum deutscher"

-XX-

issenschast.

Zum fünfzigjährigen Bestehen der Physikalisch-Technischen l^eichsanstalt.

Von Hans Harimann.

Nicht weit vom CharlottenburgerKnie" an der großen Ost-West - U »kehrsader Groß-Berlins hört plötzlich aller Straßenlärm und Trubel aus. Hohe Mauern umgeben eine Bodenfläche von fast 20 000 Quadratmeter, die Werner von Siemens :m Jahre 1884 für den Bau einer wohlausgestat­teten physikalischen Forschungsan st alt zur Verfügung stellte. Hier herrscht eine in der Großstadt ungewohnte Ruhe, und wenn wir zwi­schen den hohen Gebäuden, in denen sich 87 wohl­ausgerüstete Forschungslaboratorien befinden, hin­durchgehen, so bemerken wir, wie man durch Ab­dichtungen tief in die Erde hinein jeden störenden Einfluß auszuschalten versucht; denn es handelt sich ja darum, daß die in der Ferne vorbeisahren- den Straßenbahnen und Lastwagen die Forschung nicht behindern, die wie wir sehen werden für Gedeih und Verderb vieler technischer Fort­schritte und deutscher Industriezweige von entschei­dender Bedeutung sind.

Wie groß diese Aufgabe ist, möge wir daraus erkennen, daß sich unter anderem folgende Appa­rate in der Reichsanstalt befinden: vier Quarz­uhren, die die genauesten Zeitmessungen ermög­lichen, die heute möglich sind; jeden Tag wird diese auf eine Zehntausendstel Sekunde genaue Zeit an die Hamburger Seewarte übertragen und so in den Dienst der gesamten Weltschiffahrt gestellt. Wir finden dann das Ze i ß sche In t e rf e r o m e t er, welches dazu dient, das Meter-Urmaß mit Licht­wellen zu messen. Genau 1 553164 Wellen des gelb grünen Kryptonlichtes ergaben em Normal­meter, und man kann diese Messung zu jeder Zeit und an jedem Orte auf der Erde wiederholen; sie wird immer genau die gleiche Länge ergeben, da die Natur auf einigen Gebieten mit einer unfaß­baren Regelmäßigkeit arbeitet. Dieses mit Licht­wellen gemessene Meter ist viel genauer als das bekannte Pariser Normalmeter, jener Stab, der eben doch nicht ganz vor unbeabsichtigter Ausdeh­nung geschützt werden kann und dessenTochter­stäbe", die sich alle der Meterkonvention angeschlos­senen Länder der Erde kommen ließen, auf dem Transport Veränderungen erleiden können.

Wir finden Hunderte von anderen Apparaten und Geräten, die den feinsten Messungen und Vrüfun- gen dienen, etwa von elektrischen Zählern, Waagen Wasser- und Gasmessern, Fieberthermometern, Werkstoffen, Zähigkeitsgraden von Flüssigkeiten und riete andere. Sie olle sind Erfindungen eines klug forschenden Menschengeistes, der es vermag, die Natuvkräfte in seinen Dienst zu stellen, zu bändigen", um sie dem täglichen Leben und der Aufbauarbeit am Volke untertan au machen.

Von Ansang an hatte die Physikalisch- Technische Reichsan st alt zwei Hauptauf­gaben, nämlich die wissenschaftlichen Grundlagen für unser gesamtes technisches und industrielles Leben festzustellen, soweit die Physik, also dieNa­tur" mit hineinsvielt, und zweitens, diese Grund­lagen in der Arbeit des Alltags anzuwenden, und zwar vor allem durch genaueste Prüfung von In­strumenten, Apparaten, chemisch-physikalischen Vor­gängen. Dabei ergaben sich in kurzen Abständen immer wieder ganz neue Gebiete, die will man nicht hinter anderen Ländern zurückstehen sofort in den Arbeitsbereich der Reichsanstalt ausgenom­men werden müssen. So hat man jetzt auch eine Abteilung f ü r Ultraschall, das heißt

den für uns nicht mehr wahrnehmbaren, aber doch wirksamen Schall ganz hoher oder tiefer Töne. Diese üben chemische Einflüsse auf Emulsionen aus, und sie scheinen auch auf medizinischem Gebiet bald eine Anwendung erfahren zu können.

Wir müssen leider feststellen, daß man die Grün­dung der Reichsanstalt viel zu lange hinaus­gezögert hat. Andere Länder haben dadurch einen Vorsprung bekommen, den man freilich unter der Leitung des jetzigen Präsidenten, des großen deutschen Physikers Johannes Stark mit Er­folg einzuholen bemüht ist. Die verzögernden Kräfte bei der Entstehung der Reichsanstalt werfen ein so bezeichnendes Licht auf die Zustände in den Gründerjahren" nach 1870 und die damaligen Auffassungen von kulturellen Dingen, sie ver­dienen, der Vergessenheit entrissen zu werden.

Die erste Anregung zur Gründung der Reichs­anstalt kam von der Seite der Präzisionsmechanik. Karl Heinrich Schellbach war seit 1841 Pro­fessor der Physik und Mathematik am Friedrich- Wilhelm-Gymnasium in Berlin und seit 1843 Pro­fessor für die gleichen Fächer an der Berliner Kriegsakademie. Später wurde er Stadtschulrat in Berlin. Er war der Ueberzeugung, daß im Deut­schen Reich von 1871 die Präzisionsmechanik lange nicht genug gefördert werde und Deutschland daher anderen Völkern gegenüber ins Hintertreffen ge­rate. So machte er im Juli 1872, also recht bald nach der Gründung des Reiches, bei der Reichs- regierung den Vorschlag, ein besonderes Institut für Präzisionsmechanik zu gründen. Zwei berühmte Männer hatten Schellbachs Denkschrift mitunter­zeichnet: Hermann Helmholtz, ein Mann, der auf dem Gebiete der Sinnesempfindungen und der reinen Physik der Natur ein Geheimnis nach dem andern enllockte, und Emil du Bois-Rey- m o n d , der berühmte Physiologe, der besonders erfolgreich über tierische Elektrizität und das elek­trische Verhalten der Muskeln und Nerven in Ruhe und Tätigkeit gearbeitet hat und in die Kultur­geschichte mit seinem bekannten Worte einging: jgnoramus et ignorabimus (wir kennen sie nicht und wir werden sie nicht kennen nämlich die Welträtsel).

Wahrscheinlich hätte die Reichsregierung, die die Denkschrift zuständigkeitshalber dem preußischen Kultusministerium weitergab, sich der Sache über­haupt nicht angenommen, wenn nicht ein hoch­stehender Schüler Schellbachs, nämlich der nach­malige Kaiser Friedrich, sie unterstützt hätte. So wurde die Denkschrift doch wenigstens der Preu­ßischen Akademie der Wissenschaften in Berlin zur Begutachtung weitergereicht. Doch diese beurteilte sie im wesentlichen ablehnend.

Die Anhänger des Planes ließen sich aber nicht entmutigen. Sie bekamen vielmehr einen neuen starken Helfer in der Person des Generalfeldmar­schalls von Moltke, der als Vorsitzender des Zentraldirektoriums der Vermessungen im preußi­schen Staate für die Förderung der Präzisions­mechanik gewonnen wurde. Und nun beginnt die Reihe der Untersuchungen, Verhandlungen, immer neuer Denkschriften, deren Aufzählung hier nur er­müden würde. Man kann es heute einfach nicht be­greifen, daß die genannten vier Männer, zu denen sich der damals berühmte Berliner Astronom Pro­fessor F o erster gesellte und die immer neue leuchtende Namen der Wissenschaft und Technik, der

Industrie hinter sich brachten, nicht genügte, den Widerstand der Behörden zu brechen, der von wichtigtuerischen Parlamentariern gebürt wurde. In der langen Kette der Fehlschläge und Plan­losigkeiten griff Moltke wieder im Jahre 1880 es waren also nun schon acht Jahre fruchtlos ver­strichen ein, und diesmal war einer der tat­kräftigsten Männer jener Tage mit dabei, nämlich Werner von Siemens, der als Wissenschaftler und als Organisator schon ruhmreich in vorderster Linie des deutschen Kulturlebens stand. Aber auch er konnte die Sache nicht beschleunigen. Erst 1883 kam es zu einer weiterenDenkschrift". Wieder arbeiteten dieInstanzen" in Regierung und Par­lament entgegen. Da griff Siemens erneut ein und machte gleichzeitig dem preußischen Staate und dem Reiche das Angebot, das Baugelände zur Ver­fügung zu stellen und auf eigene Kosten mit dem Bau zu beginnen. Er hatte die geheime Hoffnung, daß wenigstens eine der beiden Stellen zusagen werde. Diese Hoffnung trog denn auch nicht. Und es ging nun voran. Wieder aber war der Kron­prinz Friedrich nötig: er trat mit einer Reihe von führenden Männern in den Reichsparteien, die zur Ablehnung des Antrages entschlossen waren, in Verbindung, bearbeitete sie persönlich, und nun wurde endlich nach der Bewilligung durch den Reichstag der Betrag für das Jahr 1887/88 ein­gesetzt, und zwar für dieErrichtung einer ,physi­kalisch-technischen Reichsanstalt' für die experimen­telle Förderung der exakten Naturforschung und der Präzisionstechnik". Wer die Einzelheiten dieses Leidensweges einer großen Idee kennenlernen will, der sei auf die zum Jubiläum erschienene Festschrift Forschung und Prüfung" (Verlag Hirzel) hinge­wiesen.

Unter Helmholtz begann die Reichsanstalt alsbald zu arbeiten und gewann Ansehen und Ruhm in aller Welt. Ihre fünf großen Abteilungen werden getragen von der Arbeit von 130 wissen­schaftlichen und 179 technischen Beamten. Viele von ihnen sind in allen Ländern bekannt, zum Beispiel die Erforscher des absoluten Nullpunktes, die in ihrem Kältelaboratorium in einem edlen Wettstreit mit nur einem anderen führenden Insti­tut (an der Universität Leiden) sich immer näher an diesen Punkt heranarbeiten, wo alles Leben, jede Bewegung der Moleküle (und das ist ja Wärme") erstirbt. Oder die Forscher, die das neue Normalmeter-Urmaß schufen, das man nicht mehr wie den bekannten Pariser Meterstab mit anderen Stäben mißt, sondern mit Lichtwellen; denn die Lichtwellen sind bei einigen Lichtarten völlig regelmäßig und von immer gleicher Länge. Die ursprüngliche Messung englischer Gelehrten er­wies sich als nicht vollkommen, so daß erst durch die deutsche Forschung ein Metermaß gewonnen wurde, das sich allmählich in der ganzen Welt als sicherstes durchsetzt.

Auf allen Gebieten stieß man weiter vor. Man schuf eine genaue Temperaturskala, da früher nur im Bereiche von 0 bis 100 Grad Celsius geordnete Zustände herrschten. Die Arbeit der physikalisch-technischen Reichsanstalt hat diesen Be­reich stark erweitert: Heute kann man bis zur Temperatur des flüssigen Wasserstoffes (minus 253 Grad), ja darüber hinaus, und nach oben bis zu den höchsten Temperaturen, die die Technik herzu- stellen vermag 5000 Grad im Krater der elek­trischen Bogenlampe, genaue Messungen aus» führen. Der Meßbereich des Quecksilberthermometers ist durch eine besondere Konstruktion dieses Instru­mentes weit über den Siedepunkt des Quecksilbers (360 Grad) bis etwa 750 Grad brauchbar gemacht worden. Für die höchsten Temperaturen aber sind auf ©runb sorgsamster Untersuchungen über die Strahlungsgesetze neue Meßinstrumente geschaffen

worden, die heute in Wissenschaft und Technik xx^.. gehend Verwendung finden.

Man möchte am liebsten in jedes der vielen biete tiefer eindringen. Jedes enthält so viel wissenschaftlich reizvollen Fragen und suchungsmitteln, jedes aber führt irgendwo mittelbar in den Bereich der deutschen Technik Industrie. Wir dürfen gewiß sein, daß aus Anl^ des Jubiläums nicht nur Technik und Jnduftris. sondern darüber hinaus viele in unserem Volke bei Reichsanstalt, auf die wir alle mit Recht stolz U dürfen, erhöht? Aufmerksamkeit zuwenden werde/

Bircherfifck.

Karl Friedrig Kurz: Sayonar^ Eine japanische Liebesgeschichte. Gerhard Stalls Verlag, Oldenburg i. O./Berlin. Kart. 4,50 Ganzleinen 5,50 Mark. (349) Dies ist zarte Liebesgeschichte des Teehausmädchens nami. Alle Farben und Töne des Landey durchweben die Erzählung. Neben der Blumen^ Ponamis steht das herbe Schicksal der Geisha Akü, und des wunderlichen Mannes Jshida in der mir zigen Stadt Enoshima mit ihren Häusern aus bus und Papier, mit den engen Gäßchen, dem Städtchen ragen steile Felsen, die hundtjah^. Wälder und tausendjährige Tempel tragen. Hn,r diesen Menschen lebt der Fremdling aus Abendlande in einem langen, herrlichen der erfüllt ist von Donamis Hellem Madchenlc^ vom Rauschen des Meeres, vom sonoren Ur­alter Tempelglocken. Aber er kann nicht Wu^ fassen in diesem Erdreich. Trotz aller Zärtlich^ und Liebe trennt ihn von Donami die tiefe fie­ber Rasse und der Lebensauffassung. Man möch meinen, daß dieser Erzählung eigene Erlebnisse gründe liegen; in der Tat hat der Dichter auf Wanderfahrten seiner Jugend einige Jahre in pan verbracht. Die verklärte Erinnerung fpieg^ sich in diesem Roman.

Wetterbericht

des Reichswetterdienstes. Ansgabeort

Deutschland verbleibt auf der Grenze zwisch« einem kräftigen Hochdruckgebiet über Ostdeutsch!^ uni) der sich im Westen abspielenden Wirbeltäch keit. Während daher Ost- und Mitteld entschlaf ter es Wetter mit verbreiteten nächtlichen Siras, lungsfrösten zeigen, macht sich bei uns der Tiri. druckeinfluß noch in schwachem Maße bemerfbtn

Aussichten für Mittwoch: Besondn, morgens vielfach dunstig ober neblig, sonst wollig bis aufheiternd und trocken, nachts vereinzelv leichte Fröste, Mittagstemperaturen zwischen etm 5 unb 10 Grab, Winde meist um Ost.

Lufttemperaturen am 22. November: mittags Grab Celsius, abends 3,5 Grad; am 23. November morgens 1,9 Grad. Maximum 3,9 Grab, Mininm heute nacht 1,4 Grad. Erdtemperaturen in 10 an Tiefe am 22. November: abends 3,4 Grad; am 23. November: morgens 2,9 Grad Celsius.

Haupstchrtstlester: Dr Friedrich Wilhelm Lange Stellvertreter des Hauptschrtstleiters: Ernst Slum* schein Verantwortlich für Politik und für die Silber l)r Fr W Lange: für Feuilleton: Dr Hans Thyriot;. für den übrigen Teil: Ernst Blumschein Anzeigen-> leiter: Hans Beck Verantwortlich für den Inhalt bet! Anzeigen: Theodor Kümmel. D A X 37: 10 031. Druck und Verlag: Brühlsche Universttäfsdruckerell R. Lange. K-G. sämtlich in Gießen Monaisbezugs-- preis RM 2,05 einschließlich 25 Ps Zustellgebühr, mit der Illustrierten 15 Ps mehr Einzelverkaus»- preis 10 Pf und Samstags 15 Pf., mit bs1 Illustrierten 5 Pf mehr

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innigsten Dank.

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