Nr. io Allstes Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag. 25. Januar (937
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Wälle aus Eisschollen an der SsiseeM
Infolge der schweren Eisstürme sind die Küsten besonders an der Ostsee völlig vereist. Dieses Bild veranschaulicht, wie sich am Strand von Ahlbeck riesige Wälle von Eisschollen auftürmten, die der Sturm an die Küste trug. Im Hintergrund die Seebrücke von Ahlbeck. — (Scherl-Bilderdienst'M.)
Geschichten aus aller Welt.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Der Mann mit den vielen Uhren.
J. Bl. Tokio.
Einer der seltsamsten Heilige dürfte in Kobe in Japan im Oriental-Hotel sitzen. Es handelt sich um einen Australier N. H. M. Mody. Er kam vor 15 Jahren nach Kobe, mietete ein Zimmer in dem Hotel und hat seither dieses Zimmer nicht mehr verlassen. Er behauptet, er fühle sich sehr wohl dort oben. Er habe eine ausgezeichnete Aussicht und brauche sich nicht über die Menschen und den Verkehr auf den Straßen zu ärgern. — Er hat sich eine seltsame Gesellschaft ausgesucht für seinen stillen Aufenthalt im Hotelzimmer: nämlich Uhren. Allein 15 Standuhren hat er in seinem Zimmer — alle nebeneinander an der Wand ausgestellt Außerdem ticken ununterbrochen Wecker und Taschenuhren (zusammen 176 Stück) im Zimmer. Wenn also Mr. Mody nicht gerade die schöne Aussicht von Kobe genießt, dann ist er vollauf damit beschäftigt, seine Uhren aufzuziehen, die ihm haargenau verraten dürften, wie sein seltsames Leben im Hotelzimmer von Kobe verrinnt.
Der Eremit von Bamwesi.
E. Z. Kapstadt.
Aus Rhodesien erfährt man, daß dort der „Eremit von Bamwesi', Tommy Robbins, inmitten seiner Eingeborenen gestorben ist. Er war vor 30 Jahren in Natal ein bekannter Mann, der rasch ein Vermögen beisammen hatte. — 2sls er eines Tages Natal verließ, glaubte man, er gehe nach England zurück. Statt dessen aber verbarg er sich irgendwo in Bamwesi, wo er inmitten einiger Eingeborenen eine kleine Kolonie aufzog und nie mehr mit Weißen in Berührung trat. Mit einer Ausnahme. Ein britischer Offizier wurde auf der Jagd schwer verletzt von Negern des Tommy Robbins aufgefunden und zu dem „Eremiten" in die Hütte gebracht. Aber Tommy Robbins, der seinen Gast mit größter Hingabe pflegte, sprach kein Wort mit dem Fremden. Als dieser später Robbins in ein Ge
spräch verwickeln wollte, griff dieser zum Karabiner und wies dem Engländer d-ie Tür. Das war das Letzte, was man von Tommy Robbins hörte.
Automatische Brautschau.
(th) Neuyork.
Der erste Bräute-Automat ist da. Man sieht nach Einwurf eines Dollars und nach Drehung einer Kurbel eine Anzahl mehr oder weniger schöner Mädchen an sich vorüberziehen — im Bild selbstverständlich. Entbrennt das Herz eines jungen Mannes oder eines älteren Herrn, der einen Dollar geopfert hat, in Liebe zu einem jener Wesen im Automaten, dann drückt er wieder auf einen Knopf und erhält Photo, Adresse, Alter und im gegebenen Fall sogar eine genau Angabe der Mitgift, die jene Schöne mitbringt. Die Amerikanerinnen, die sich in einem solchen Automaten „ziehen" lassen, müssen dem Apparatenbesitzer 5 Dollar zahlen, ehe ihnen jener Platz eingeräumt wird, der ihnen vielleicht das Eheglück beschert, das ihnen ein tückisches Geschick bis zur Stunde oorenthielt. Man weiß noch nicht, wie die bisherigen Ergebnisse jener mechanisierten Brautschau sind. Bemerkenswert ist aber, daß jener Unternehmer nun schon den fünften Automaten dieser Art ausstellen konnte. Demnächst will er auch Automaten einrichten, in denen die Damen sich ihren Bräutigam aussuchen können ...
60000 Mark für den Geruch.
(-) London.
Mit einem Schadenersatzanspruch, wie er in dieser Art wohl noch nie erhoben worden ist, hat sich das Zivilgericht in Winchester in der englischen Grafschaft Hampshire zu beschäftigen. Die Kläger sind zwei Arbeiter, Robert Barrett und I. Ernest Green, die bei einer Asphaltierungsgesellschaft angestellt sind, die eine neue Asphaltierungsmethode benutzt.
Beide klagen auf einen Schadenersatz von je 5000 Pfund, also über 60 000 Reichsmark, da sie durch ihre Arbeit nachweislich jeden Geruch verloren haben. Beide sind dabei ausgesprochene Blumenliebhaber, was sie in ihrem Anspruch noch beson
ders geltend machen, und weisen weiter darauf hin, daß der Verlust des Geruches auch eine Schwächung des Geschmacks nach sich ziehe. Durch ihre Arbeit hätten sie einen so beträchtlichen Teil ihrer Lebensfreude verloren; der Verlust sei durch die genannte Summe kaum abgegolten.
Kannst Du kochen, Johanna?
(an) Plymouth.
Der Standesbeamte in Plymouth hat eine strenge Anw^sung bekommen: Wenn ein junges Mädchen sich mit dem Bräutigam zur Heirat einschreioen läßt, dann muß er vorher an das Mädchen die Frage richten, ob es auch kochen könne. Denn man ist in Plymouth nicht mit Unrecht der Ansicht, daß „das Glück einer Ehe nicht lange hält, wenn das Mädchen sich nicht auf die Küche versteht!" Erst wenn sogar der Bräutigam bestätigt hat, daß die Braut sich ausgezeichnet auf die Handhabung von Kochlöffeln verstehe, erfolgt das Aufgebot.
Ehegattin, die sich tätowieren lätzt.
(rt) Glasgow.
Der am meisten tätowierte Mann dieser Erde ist ein Engländer in Glasgow. Dor einiger Zeit verlobte er sich mit einem schönen jungen Mädchen, betonte aber gleich, daß er sie nur unter der Bedingung heirate, daß sie sich nach seinen „Entwürfen^ tätowieren lasse. Das Mädchen war in ihrer Liebe dazu bereit. Jedoch nach der 10. „Sitzung" erklärte es, daß es nun genug habe und lieber auf das Eheglück verzichte, zumal die Tätowierungen keineswegs schmerzlos verliefen. Ein Gericht entscheidet jetzt über die Entschädigungsklage der Braut gegen ihren einstigen Bräutigam. Dieser aber sucht mittlerweile durch Anzeigen in englischen Blättern eine neue Gattin, ein Mädchen, das sich tätowieren läßt.
Merkwürdige Gedächtnisstörungen.
(rt) Zürich.
In den letzten Monaten sind in der Schweiz einige Fälle merkwürdiger Gedächtnisveränderung beobachtet worden. Ein 32 Jahre alter Mechaniker fiel von einer Maschine und erlitt einen Schädelbruch. Anfangs konnte er überhaupt nicht sprechen. Jetzt kommt langsam die Sprachfähigkeit wieder. Aber er spricht schriftdeutsch, also hochdeutsch, während er vorher nur schweizerdeutsch geläufig beherrschte. Im Kanton Glarus ließ sich nach zehnjähriger Abwesenheit in Frankreich ein Schweizer nieder, der kurze Zeit nachher von einem Schlaganfall getroffen wurde. Er verlor gleichfalls die Sprache. Als sich nach drei Tagen die Sprachfähig
keit allmählich wieder einstellte, fand er nur noch französische Worte und konnte sich auf den Namen keines Gegenstandes in der deutschen Sprache besinnen. Jetzt erst — nach drei Monaten — scheint ihm auch die deutsche Sprache wieder einzufallen. Doch auch hier zeigt sich, daß er auf einmal Schriftdeutsch redet, daß also offenbar die gedruckte deutsche Sprache nachhaltiger in sein Gedächtnis einging als das Schweizerdeutsch, das er im Umgang lernte und sprach.
Der Mann mit dem Autounfall.
(cs) Budapest.
Wenn man vom Auto überfahren wird, kommt man im allgemeinen ins Krankenhaus. Man kann aber auch ins Gefängnis kommen, nämlich, wenn man es so anfängt, wie unlängst Ladislaus Micho aus Budapest es tat. Schon seit einiger Zeit hatten sich in der verkehrsreichen Innenstadt in Budapest ganz merkwürdige Unfälle wiederholt. An der Kreuzung zweier belebten Straßen waren mehrmals Männer von Autos angefahren worden. Das heißt, die Männer waren hineingelaufen. Sie stürzten dann nieder — die Fälle verliefen auffallenderweise einer genau wie der andere — waren vom Kotflügel gestreift worden und hatten meistens leichtere Verletzungen davongetragen. Kaum war der betreffende Verunglückte wieder auf den Beinen, so eilte ein unbekannter Helfer herbei, der ihn stützte und den Kraftwagenführer wegen seiner Unachtsamkeit beschimpfte. Der, um keine Scherereien mit der Polizei zu bekommen, erklärte sich fofort bereit, ein angemessenes Schmerzensgeld zu zahlen, und bann war bald die Angelegenheit erledigt. Mehrmals war Ladislaus Micho schon auf diese Weise „verunglückt". Da passierte es ihm eines Tages, daß er unvorhergesehener Weise tatsächlich verunglückte. Die Verletzung, die er davontrug, war ernster als sie sonst bei diesen „Unfällen" zu fein pflegte. Und da verlor Micho zum erstenmal die Nerven. Als ihm der Chauffeur ein Schmerzensgeld anbot, in der Üblichen Höhe, wies Micho dies entrüstet zurück. Er wolle mehr haben. Da erklärte der Kraftwagenführer im Bewußtsein feiner eigenen Unschuld an diesem „Unfall", daß er es auf eine polizeiliche Feststellung gern ankommen lassen wolle. Und schon war ein Polizist zur Stelle, und damit war das Schicksal Michos besiegelt. Denn nun stellte es sich heraus, daß er mit mehreren Kumpanen zusammen feit längerer Zeit planmäßig solche „Autounfälle" hervorrief, um sich Schmerzensgelder zahlen zu lassen, von denen er und seine Freunde lebten. So kam es, daß in Budapest ein Mann, der vom Auto überfahren wurde, nicht ins Krankenhaus, sondern ins Gefängnis gebracht wurde.
Wer erhält Fettver-illigungsscheine?
Und wer Bezugsscheine für den Bezug von Konsum-Margarine (ohne Berbilliguno)?
Vom Wohlfahrtsamt der Stadt Gießen wird uns geschrieben:
Da anscheinend immer noch Unklarheit darüber herrscht, welche Personen zum Bezüge von Fett- verbilligungsscheinen und von Bezugs- sckeinen für d i e K o n s u m - M a r g a r i n e ohne Verbilligung in Frage kommen, sei kurz folgendes wiederholt ausgeführt:
1. Fett verbilligungsscheine erhalten a) Personen, die in öffentlicher Fürsorge stehen, also Empfänger von Wohlfahrtsunterstützung, Sozialrentner, Kapitalrentner, Empfänger von Vorzugsrente, Kriegsbeschädigte und Kriegerhinterblie- ■ bene, Empfänger von Familienunterstützung (Unter* । stützung der Angehörigen der einberufenen Wehr- ' pflichtigen und Ärbeitsdienstpflichtigen), ferner solche 1 Personen, deren Einkommen den Richtsatz in der öffentlichen Fürsorge nur um einen geringen Betrag übersteigt. — Außerdem können b) Anstalten der öffentlichen und der freien Wohlfahrtspflege für die in ihnen in geschlossener Fürsorge untergebrachten Personen nach besonderen Richtlinien Fettver- billigungsscheine erhalten Empfänger von Arbeitslosen- und Krisenunterstützung erhalten ihre Fett- verbilligungsscheine vom Arbeitsamt. Antragsvor
drucke sind bei den einzelnen Fürsorgestellen erhältlich.
2. Bezugsscheine für Konsum-Margarine (ohne Verbilligung), die ab 1.1.1937 ein- geführt sind, für diejenigen Volksgenossen, die nach ihrer wirtschaftlichen Lage auf den Bezug von Konsum-Margarine angewiesen sind und bei denen die Voraussetzungen für die Gewährung der Fettver- billigungsscheine nicht vorliegen, können erhalten a) Personen, deren Lohn und sonstiges Einkommen sich in der Nähe des dappelten Richtsatzes der öffentlichen Fürsorge (100 Mark monatlich für ein Ehepaar und für jedes minderwertiges Kind 24 Mark monatlich mehr) hält, ihre Ehefrauen und unterhaltsberechtigten minderjährigen Kinder (Familien mit mehreren Kindern werden beooriugt); b) Anstalten der öffentlichen und der freien Wohlfahrtspflege für die in ihnen in geschloffener Fürsorge untergebrachten Personen, bei denen die Voraussetzungen für den Bezug der Margarine-Bezugsscheine erfüllt sind.
Ohne Bezugsschein ist somit künftig der Bezug der Konsum-Margarine nicht mehr möglich.
Antragsvordrucke hierfür sind im Stadthaus,
Das fremde Gesicht.
Vornan von Garen.
24. Fortsetzung (Nachdruck verboten!)
„Sie sind auch zur Zeit sehr unglücklich. Ihr Bräutigam" — sie überflog die Daten, die Ina ihr auf einem kleinen Zettel hinfchob — „aha, im Zeichen „Fische" geboren, dacht' mir's gleich! Ein schlechtes Zeichen für die Liebe. Sind wankelmütige Charaktere, die „Fische". Trinken gern. Können feiner Frau lang treu bleiben."
„Das glaub’ ich nicht, Frau —", Ina vergaß in der Erregung den Namen ihres Gegenübers. Ihre blaffen Wangen brannten mit einmal. „Nein, so war Richard nicht. Wegen einer Frau war es nicht, daß er mich damals im Stich gelassen hat, darauf könnt' ich schwören, denn . 6
Der Mund ging ihr über. In weniger als einer Viertelstunde wußte Frau Angelika Schnäbel! so ziemlich alles, was die Klientin auf dem Herzen hatte, ohne daß Ina selbst überhaupt merkte, daß nur sie es war, die sprach, während die Astrologin sich nur darauf beschränkte, die Atempausen der Erzählerin mit einigen fachmännischen Einwürfen auszufüllen.
Als Inas Redestrom endlich versiegte und sie mit zitternden Fingern nach ihrem Taschentuch suchte, hatte Frau Schnäbelt die Stütze der Himmelszeichen schon gar nicht mehr nötig. Sie klappte ihr Planetenbuch zu und überließ sich nur noch ihrer Eingebung.
„Ein seltener Fall" nickte sie tiefsinnig, „aber vielleicht kommen wir dem Geheimnis auf okkultem Wege auf die Spur. Sie müssen nur Geduld haben, Fräulein." Frau Schnäbeli dachte angestrengt nach. „Ein fremdes Gesicht, sagen Sie?" kam es gewichtig von ihren Lippen. „Haben Sie schon einmal etwas von sogenannten „Dämonen" gehört, die im Tod oder im Schlaf in einen fremden Körper kriechen? Vielleicht ist es so etwas. Vielleicht ist ihr Bräutigam von so einem Dämon besessen, und darum ist auch sein Gesicht ganz anders geworden, weil es doch natürlich von dem Dämon entstellt ist."
„Meinen Sie ...?" Inas Pupillen weiteten sich in atemloser Spannung.
„Und — ?"
Die Sybille stocherte sich mit ihrem langen Bleistift tiefsinnig unterm Haar herum.
„Es könnte auch überhaupt nur sein Aetherleib gewesen sein, den Sie gesehen haben. Vielleicht war er in Gefahr und ist Ihnen deshalb erschienen. Leicht möglich, er ist ja zur Zeit sehr schlecht aspek- tiert. Ende September ist fein Aszendent rückläufig geworden, und jetzt im Oktober hat er wieder eine schwere Quadratur im Horoskop. Mär' schon möglich, daß ihm da etwas Schlimmes passiert. Vielleicht zeigt er sich Ihnen dann wieder."
„Wann denn, wann?"
„Das — ja ..." Frau Schnäbeli geriet unter dem fieberhaft bohrenden Blick der Kundin ein wenig aus dem Konzept. „Das kann ich natürlich so auf den Tag nicht sagen. Das verschiebt sich manchmal." Sie fing wieder an, in den„Ephemeriden" zu blättern. „So um den Fünfzehnten herum, denk' ich. Da ist eine doppelte Opposition von Mars und Venus . ."
„Und bann seh' ich ihn wieder?"
Der Blick des Mädchens bekam etwas Flackerndes, das Frau Schnäbeli zur Vorsicht mahnte.
„Das will ich nicht behaupten, Fräulein Ich sage bloß, wenn es vielleicht sein Aetherleib war, den Sie gesehen haben, und wenn er die Gabe besitzt. Ihnen in Augenblicken der Gefahr zu erscheinen, dann — aber dann müssen Sie sich in acht nehmen, Fräulein, ihn ja nicht anrufen ober gar an- faffen, verstanden! Ds ist sehr gefährlich — auch für Sie. Es könnte auf der Stelle Ihr Tod fein."
Ina Lenk machte eine gleichgültige Schulterbewegung, die besagen sollte, daß der Tod für sie kein Schreckmittel sei.
„Und wenn es nicht fein Aetherleib war", forschte sie mit verhaltenem Atem weiter, „wenn er es doch selber gewesen ist, den ich gesehen habe? Das mit dem Dämon, das kann schon stimmen. Es muß ein Dämon sein, der ihn so verwandelt hat, auch innerlich. Der mir sein Herz gestohlen hat, ihn gezwungen hat, mich sitzen zu lassen und spurlos zu verschwinden. Ein Dämon, ja."
Sie befeuchtete mit der Zungenspitze ihre trockenen Lippen. Ihr Atem ging hörbar. „Aber — kann man denn gar nichts tun, damit der Dämon ihn wieder verläßt, damit er wieder wird, der er war, und zu mir zurückkehrt? Gibt es denn dafür kein Mittel?"
Ina beugte sich über den Tisch ganz nah zu ihrer Beraterin vor und legte ihr die Hand auf den Arm.
„Hören Sie, liebe Frau — Schnäbeli, ich würde es mir gern was kosten lassen. Ich bin — ich verdiene ganz gut. Die Okkultisten haben doch ihre bestimmten Methoden für derartige Dinge, nicht? Ach. Frau Schnäbeli — wenn Sie mir nur helfen könnten, mir und ihm. Wenn Sie ihn mir zurückrufen könnten ...! Oder schlägt das nicht in Ihr Fach? Verstehen Sie sich nicht auf schwarze und weiße Magie? Dann müßte ich ..."
Frau Schnäbeli unterbrach sie mit einer beleidigten Geste.
„Was denken Sie, Fräulein! Ich sollte mich nicht auf Magie verstehen, wo ich mich doch schon damit abgegeben habe, kaum daß ich aus der Schule war. Meinen eigenen Mann — Gott hab ihn selig! — hab’ ich mir auf die Weise ergattert, iawohl. Er hatte zuerst eine andere, die ihn nicht aus den Fängen lassen wollte. Und da hab' ich Tag und Nacht mit dem Pendel dagesessen — mit dem side- rischen Pendel, wissen Sie — wochenlang. Bis ich ihn mir hergependelt hatte."
„Ja, wirklich?" Eine fahle Röte klackerte über -^nas verhärmtes Altmädch-mgesicht. „Dann könnten Sie also — bann könnten Sie mir doch auch meinen Richard herpendeln, wenn —*
„Wenn er noch am Leben ist, ja", bestätigte Frau Schnäbeli mit herablassender Würde. „Um das festzustellen, müßte ich mir freilich erst fein ganzes Horoskop durchrechnen."
„Das ist nicht nötig. Ich hab' mir schon mindestens ein dutzendmal fein Horoskop stellen lassen, und immer ist dabei herausgekomme.n. daß er noch lebt. Und ich hab' das ia auch selbst im Gefühl, ganz deutlich. Ach, liebste Frau Schnäbeli. Sie müssen mir helfen’ Sie sind meine letzte Hoftnuna ^uf welche Art Sie es machen, ist mir ganz gleich. Aber helfen Sie mir’ Schaffen Sie mir meinen Richard her, schaffen Sie ihn mir her, so bald wie nur möglich..."
Frau Schnäbeli wetzte unruhig auf ihrem Sessel hin und her. Sie merkte, daß ihre neue Klientin nicht mehr weit von einem Nenvenanfall war, und bekam es ein wenig mit der Angst
Vorsichtig befreite Frau Schnäbeli ihren Arm aus Inas umklammernden Händen und griff nach der Wasserkaraffe, die noch von der Mahlzeit her auf dem Tisch stand. „Nur ruhig, Fräulein, nur nicht den Kopf verlieren", mahnte sie beschwichtigend. „Trinken Sie erst mal einen Schluck Wasser — so. Ich will Ihnen gern helfen, natürlich. Ich
setze mich gern jeden Abend eine Stunde mit dem Pendel für Sie hin. Aber das sag' ich Ihnen gleich, Fräulein — so von heut auf morgen geht das natürlich nicht. So was kann Wochen und Monate dauern, je nachdem der Herr für das Magische empfänglich ist. Und es ist auch eine große Anstrengung für mich, können Sie sich denken, immer sttzen und sich konzentrieren — eine große geistige Anstrengung! Gar nicht zu reden von der Zeit, die draufgeht."
Sie machte eine vielsagende Pause und pickte mit dem Zeigefinger nachdenklich die Brotkrümel von der Wachstuchtischdecke. Ina Lenk verstand. Sie war allzu vertraut mit diesen Kreisen, um nicht zu wissen, daß auch der entmateriafifiertefte Geist noch zuweilen den profanen Bedürfnissen der Materie unterworfen ist.
„Aber natürlich, Frau — eh — Frau Schnäbeli", beeilte sie sich zu versichern. „Sagen Sie mir dann nur, was ich Ihnen schuldig bin. Ich — wie gesagt — ich laß es mir gern was kosten. Für das Glück darf einem nichts zuviel fein. Und ich habe ja Aufträge genug, ich kann es schon schasten."
Frau Schnäbeli zog mit einer stummen Gebärde einen Schlußstrich unter Inas materielle Erwäaun- gen. Dann fragte sie dgs Mädchen, ob sie zufällig eine Photogrgphie ihres Verlobten bei sich habe. ,.Die brauche ich nämlich zum Pendeln", erklärte sie. „Sie können ganz unbesorgt fein, es kommt nichts drauf."
Sie wußte aus ihrer Praxis, daß Mädchen vom Schlage Ina Lenks immer zufällig die Photographie ihres Verlobten bei sich tragen, auch wenn das Photo schon sechs Jahre alt und der Verlobte längst verschollen ist. Und sie behielt mit dieser Voraussetzung recht. Ina reichte ihr nach kurzem Zögern ein kleines Brustbild Richard Stubensands, das vom vielen • Herumtragen in der Handtasche schon ganz fleckig und an den Ecken verbogen war. Frau Schnäbeli legte es mit einem gleichgültigen Blick auf die glatten, ein wenig verschwommenen Gesichtszüge beiseite, zusammen' mit dem Fünf- ftankenstück. das Ina ihr gleichzeitig in die Hand gedrückt hatte. Dann begleitete sie ihren Besuch zur Tür. Gewiß, ja — heute abend noch würde sie mit der Pendelei beginnen. Nur keine Sorge ...! Hier der Schirm von dem Fräulein! Beinah vergessen. Auf Wiedersehen! Jawohl, jeden Abend zwischen sechs und acht ...!
(Fortsetzung folgt!)


