llr.141 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Montag, 21. Zuni 1Q57
l<H4 6725220
-
Anwachsen der Hörerzahl
^M^W8?WWW
EHW8WMW!
RMW
MWM" <
W- 7V s>
M< ■ •■• '<W
stellung ist ein Zeitungsblatt zu sehen, das am 11. September 1928 folgende Theaterstücke ankündigt: „Stürmische Brautnacht", „Krankheit der Jugend", „Die Büchse der Pandora", „Die Drei-Groschen- Oper", „Donnerwetter — 1000 Frauen!", „Die große Revue der freien Liebe", „Don Juan in der Mädchenschule", „Das süße Geheimnis", „Fräulein Mama". — Und die Autoren gehörten durchweg dem Judenvolke an. Dabei wurde nichts getan, um dem • Volke wirklich eine wahre Kunst nahe zu bringen. Während Millionen hungerten, wurden für unglaublich kitschige Machwerke Staatsgelder verschleudert.
Es braucht heute keiner Worte mehr für die Tatsache, daß mit irgendwelchen Reformen gegenüber solchem Tiefstand nichts geholfen gewesen wäre. Hier war ein grundsätzlicher Gesinnungswandel Voraussetzung für die Fundamentierung einer im eigentlichen Sinne neuen deutschen Kultur. Wie stark der so eingeleitete Umschwung auf dem Kulturgebiet dem inneren Bedürfnis breitester Massen entgegenkam, zeigt u. a. die Steigerung der Besucherzahlen der Filmtheater von 235 Millionen (1932) auf 359 Millionen (1936). Oder die Vermehrung der deutschen Bühnenmitglieder von 22 045 auf 28 012. Oder die Vermehrung der ganzjährig spielenden Bühnen von 49 auf 75. Mit diesen Zahlen ist bereits gesagt, daß entgegen allen Unkereien gewisser „Fach
leute" die wirtschaftliche Gesundung des deutschen Kulturlebens mit der seelischen und moralischen Gesundung in gleichem Schritt ging. Das bewies und beweist auch der Zustrom etwa zu den Freilichtbühnen oder zu den kulturellen Veranstaltungen der NS.-Gemeinschaft „Kraf^ durch Freude", die allein in den Jahren 1935 und 1936 fast 53 Millionen an Besuchern aufzuweisen hatten! In das gleiche Kapitel gehört etwa die Rückkehr des deutschen Lesers zum guten, zeitnahen Buch, wir erinnern nur an das Beispiel der über 2,5 Millionen Auflage, die des Führers Buch „Mein Kampf" bereits erreicht hat. Hierher gehören ferner die staatlichen Aufträge an Bildhauer, Maler, Kunsthandwerker usw., die Gründung von Kultur- Orchestern in 54 Städten. Daß die Leistungen der neuen deutschen Kultur hinsichtlich ihrer Anerkennung durchaus nicht etwa auf das Inland beschränkt blieben, zeigt u. a. das bekannte Beispiel des deutschen Kultursieges bei den Olympischen Spielen, bei denen Deutschland 5 goldene, 5 silberne und 2 bronzene Medaillen erhielt, oder der Sieg Deutschlands bei der Filmkunstausstellung in Venedig mit 3 Pokalen, darunter den Mussolini-Pokal, und 5 Medaillen.
Das Bild rundet sich, wenn man weiß, daß die Zahl der Rundfunkhörer von 4,2 Millionen auf 'über 8,4 Millionen stieg, sich also verdoppelte. Es muß also, alles in allem, doch wohl etwas ganz Besonderes an dieser neuen deutschen Kultur sein, für die wir hier nur ein paar Beispiele zitieren konnten und über die man einen viel anschaulicheren Ueberblick auf der großen Berliner Ausstellung erhält.
Aus der Gtadt Gießen.
Kürzeste Nacht und längster Tag.
LPD. Die kalendermäßigen Jahreszeiten und die wirklichen stimmen gar oft nicht miteinander überein. Auch in diesem Jahre ist es mit dem Wechsel der Herrschaft zwischen Frühling und Sommer so. Der Sommer hat ja schon längst das Szepter in die Hand genommen und uns Wochen hindurch mit strahlender Sonne beglückt. Er hat auch die Natur hochsommerlich und in Farbenschönheit erblühen lassen in Feld und Wald und Garten. Eine herrliche Zeit war uns gegeben von Anfang Mai bis Mitte Juni.
Aber der Kalender will auch zu seinem Rechte kommen. Und so verzeichnet er am 21.Juni Sommer- Anfang, Sommersonnenwende. An diesem Tag ist die kürzeste Nacht und der längste Tag erreicht, wenn die Sonne in das Zeichen des Krebses getreten ist. Ein neuer Abschnitt des Jahres hebt nun an, und die Zeit der Reife beginnt. Langsam färben sich die wogenden Getreidefelder, und mehr und mehr reift die Frucht heran.
Die Sommerzeit ist die Zeit des Reisens, ist die Zeit der Ausflüge und die Zeit des Urlaubs. Fe- rienzüge rollen hinaus aus den Städten und bringen viele Tausende in die freie Natur, um dort Kräftigung und Erholung zu finden. Für den Bauern allerdings ist es anders. Für ihn beginnt jetzt die strengste Zeit des Jahres und harte Arbeit lastet auf ihm, vom grauenden Tag bis zum sinkenden Abend.
liornofuen
Tageskalender für Montag.
Ortsgruppe Gießen-Süd, 20 Uhr, Antreten vor der Geschäftsstelle, Ortsgruppenversammlung. — Ortsgruppe Gießen-Süd. 20.30 Uhr Studentenheim, Monatsversammlung — Gloria-Palast (Selters- weg): „Eine Nacht mit Hindernissen" — Oberhefsi- scher Kunstverein: Skagerrak-Ausstellung, 17 bis 19 Uhr, Gesellschaftshaus, Sonnenstraße.
Deutsches ^roucntverf
Abteilung Volkswirtschaft/Hauswirtschaft.
Die Erneuerungsarbeiten im Einhorn in der Lehrküche der Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft sind beendet. Es finden jetzt wieder Lehrgänge
im Einkochen und in der Süßmostbereitung statt. Die Abteilungsleiterin des Kreises, FrauMathy, hält jeden Mittwoch von 16 bis 18 Uhr Sprechstunde in der Geschäftsstelle der Kreisfrauenschaft und nimmt Anmeldungen entgegen. gfs.
Hilfe von Fran zu $rou!
Ein Aufruf der Frauenschaft und des Frauenwerks.
Im Kreise Wetterau ist der Ruf an die Mitglieder der Frauenschaft und des Frauenwerks ergangen, Landhilfe zu leisten, d. h. sich für die Mitarbeit im ländlichen Haushalt für eine bestimmte Zeit zur Verfügung zu stellen. Wir alle wissen, daß im Sommer die Bäuerin mit Arbeit überlastet ist. Sie muß den ganzen Tag aufs Feld bei gutem Wetter, der Garten wartet auf sie, das Vieh will versorgt sein, da bleibt wenig Zeit für Mann und Kinder und für den Haushalt. Es gibt in den Städten Frauen, die allein stehen, die sich einmal frei machen können von ihrem eignen Haushalt, an sie wendet sich der Ruf um Mithilfe. Gegenseitiges Vertrauen und guter Wille muß auf beiden Seiten vorhanden sein, dann wird Achtung und dauernde Freundschaft daraus entstehen. Welche Erleichterung für die Landfrau, in Küche und Keller eine tüchtige Kraft zu wissen, die mit Verständnis und Umsicht den Haushalt führt, die Kinder betreut und die notwendigsten Arbeiten im Garten verrichtet. Mögen viele Frauen aus der Stadt sich bereit finden, Entlastung in das Heim der Landfrau zu bringen, und dadurch mitzuhelfen am Gelingen der großen Pläne unseres Führers. F. K.
Aus her Arbeit her DDA - tzochschulgruppe.
Kameradschaftsabend auf dem Schiffenberg.
Dieser Tage fand sich die VDA.-Hochschulgruppe zu einem Gang nach dem Schiffenberg zusammen. Professor Dr. Rauch würdigte die Stellung des Schiffenberges und der näheren Umgebung von Gießen, vor allem des Gleiberges und der Wetterau in der Geschichte Deutschlands. Neu war es vielen Zuhörern, daß Gießen den ältesten Fachwerkbau Deutschlands im Haus, des Kunsthändlers Leib an der Stadtkirche aus dem Ende des 14. Jahrhunderts
„Gebt mir vierZahre Zeit?
Dom Segen nationaler Kultur.
Eine nationale Kultur gründet sich auf der gefunden Artoeranlagung eines Volkes: sie entspringt, wie Pallas Athene dem Haupte des Zeus, dem Bluthaften und Seelischen, und alle Entartungen der Kultur, die der gesunde Volkssinn ablehnt, sind daher verwerflich. Es ist daher kein Zufall, sondern war durch den Niedergang unseres politischen und wirtschaftlichen Lebens in der Systemzeit bedingt, wenn die zersetzenden Elemente auf kulturellem Gebiete sich betätigten und durch dleAeußerungen ihres Nihilismus Stadt und Land greulich verunzierten, sowie den Geist der deutschen Bevölkerung gründlich zu verderben suchten. Auf der Ausstellung „Gebt mir vier Iahre Zeit" wird eine
Uebersicht über diese zerstörenden Kräfte gegeben, die geradezu Entsetzen und Ekel hervorruft, und es ist bemerkenswert, daß die Träger dieser Kultur- zerstölung durchweg einem fremden Volke angehörten oder Mischlinge waren, daß das Judentum gerade in kultureller Hinsicht als „Ferment der Dekomposition", wie Mommsen das Walten dieses südlichen Geistes in staatlicher Hinsicht brandmarkte, ebenfalls zu wirken trachtete. Wir sind in der Vorkriegszeit in der Malerei und Architektur mit den verschiedensten -ismen geradezu betäubt worden, mit Expressionismus und Impressionismus bis zum kindisch lallenden Dadaismus. Man hat die deutsche Landschaft verschandelt: man hat in Kunst und Architektur das Primitive nicht nur, sondern geradezu das Orientalisch-Fremde uns aufzuzwingen versucht und als Gipfelpunkt der Kunst und Kultur ausgegeben. Und während die Bolschewistenpresse und gewisse liberalisierend-jüdische Zeitungen das Volk politisch und wirtschaftlich auseinanoerrissen und aufeinander hetzten, wurde der Theaterzettel ein Ausdruck der gröbsten Spekulation auf eine perverse Sinnlichkeit, die sich auf den Bühnen und in den Lichtspielhäusern breitmachte. Auf der Aus
1935
7583 840
l vm
| 54247S5
8 167 900 /
5068000 Ä
in seinen Mauern birgt. Prof. Rauch kam zum Schluß dann noch auf die mannigfachen Beziehungen der Umgebung Gießens zu der deutschen Geschichte bei einem kurzen Blick auf die in abendlicher Dämmerung daliegende Wetterau zu sprechen. Der Leiter der VDA.-Hochschulgruppe, Dr. Heidt, dankte Prof. Rauch für seinen aufschlußreichen Vortrag. Er begrüßte als Gäste den Ortsverbandsleiter des' VDA. Gießen, Kreisdirektor Dr Loy, den Leiter der Akademischen Auslandstelle, Prof. Dr. Walther Fischer und Frau, die Leiterin der Frauenortsgruppe des VDA., Frau Eng au, den Vertreter des Studentenführers, Vertreter der Kameradschaft „Wiking", die Leiter der Schulgruppen und die auslanddeutschen Kameraden. Fräulein stuck, med. vet. Wilk erzählte sodann aus ihrer bedrängten ost-oberschlesischen Heimat und ihrer Geschichte. Kamerad Wetzel wußte ein anschauliches Bild seiner deutschbrasilianischen Heimat Joinville zu geben, die zu Unrecht in Deutschland wenig bekannt ist, obwohl sie sich mit Blumenau in jeder Hinsicht messen kann. Die Stadt trägt einen grund- deutschen Charakter. Viele deutsche Kolonisten haben sich dort angesiedelt und das Land in eine Musterwirtschaft verwandelt Finanziell geht es ihnen nicht schlecht, aber sie wünschen doch die seelische und geistige Unterstützung aus der alten Heimat. Es ist eine schöne Aufgabe für den VDA., in dieser Richtung segensreich zu wirken. Beide Kameraden erzählten in packender Weise von den Kämpfen der Deutschen in Ueberfee und im Grenzland um die Behauptung ihres Deutschtums.
Kreisdirektor Dr. Lotz ging dann näher auf die Arbeit des VDA. ein. Meist unterschätzt man, so führte er u. a. aus, die wirklichen Leistungen des Dolksbundes. Es ist zu hoffen, daß hierin bald ein Wandel eintritt, besonders da der Führer hinter der Arbeit des VDA. steht. Es ist aber eine politische Notwendigkeit, daß der VDA. nicht die Form einer Staatsorganisation angenommen hat. Die Arbeit des VDA. setzt da ein, wo der politische Einfluß des Reiches aufhört. Die Deutschen in Ueberfee, in den Grenzländern, auf dem Balkan, in Rußland usw. können eben politisch vom Reiche nicht erfaßt werden: sie wohnen in anderen Staatsverbän- den, darum muß ihnen gegenüber eine andere Haltung eingenommen werden, als wenn es deutsche Staatsangehörige wären. Besonders in seelischer und geistiger Hinsicht bedürfen sie der Unterstützung. Sie dürfen auf keinen Fall dem deutschen Volkstum und der deutschen Kultur verloren gehen. Aber auch in materieller Hinsicht muß ihnen Hilfe werden. Darum geht an alle deutschen Volksgenossen im Reich die Aufforderung: Helft euren deutschen Brüdern im Auslande' Gebt hem VDA. einen kleinen Beitrag! Auch die kleinste Hilfe bringt uns dem großen Ziele näher! Die deutschen Studenten nehmen in diesem Kampf um das deutsche Volkstum eine hervorragende Stellung ein, fei es nun durch materielle Unterstützung, fei es durch die Beziehung zu auslanddeutfchen Studenten im Reich oder auch durch Reifen in die bedrängten Gebiete. Erfreuliches Zeichen für das wachsende Verständnis zeigt die stetige Zunahme der Mitglieder des VDA. an unserer Hochschule So konnte der Hochschulgruppenleiter Dr. Heidt an die neuen Mitglieder eine große Anzahl von Ausweisen verteilen. Nach dem offiziellen Teil blieben die Kameraden und Gäste noch zu einigen frohen Stunden zusammen. H. R.
Gastspiel Nazi Eisele.
Einen lustigen bayerischen Abend bereitete die NSG. „Kraft durch Freude" durch das „Nazi- Eisele-Gastspiel" am Sonntag im Cafe Leib Es
Chlorodont
■ • ' . ■ ■ ' ,
Nimm Dir fest vor: ■
Keinen Abend ohne
Marburger Festspiele.
Gerhard Menzel: „Scharnhorst".
Am Samstag wurde die elfte Spielzeit der Marburger Festspiele mit einer Aufführung von Gerhard Menzels „Scharnhorst" eröffnet. Dies ist ein historisches Drama um die preußische Erhebung 1813. Im Mittelpunkt steht, wie Gneisenau bei Wolfgang Goetz, der General Gerhard David Scharnhorst: er bereitet, selbst ein Sohn des Volkes, die Volkserhebung vor, indem er den Willen des Volkes dem Könige gegenüber für souverän erklärt. Es geht um die Ehre, um die Freiheit der Nation. Die Armee und das Volk haben, von Scharnhorst geführt, ihren Willen bekundet, das unnatürliche Bündnis Preußens mit Napoleon aufzugeben.
*
Scharnhorsts Gegenspieler ist aber nicht nur Napoleon, der nicht persönlich in Erscheinung tritt, auch nicht nur der König, der sich von seinen Generalen verlassen und verraten, seinem Gewissen ausgeliefert und an den Bündnisvertrag mit Frankreich gebunden glaubt, sondern überraschenderweise auch das Volk selber, Studenten und Bürger, welche ich ihrerseits von Scharnhorst verraten fühlen und legen den Vertragstreuen König rebellieren wollen, )er — ihnen unbegreiflich — zaudert, nachdem chon das Signal zur allgemeinen Wehrhaftmachung gegeben ist.
So wird Scharnhorst, Kind und anfangs Held und Führer des Volkes, isoliert und rückt in dieser Bereinsamung ein wenig in die Nähe des Kleisttschen Kurfürsten, welcher der großartigste Repräsentant des preußischen Staatsgedankens war: Scharnhorst „bewahrt Preußen vor dem Schicksal Frankreichs (im Jahre 1789). Er verkündet das alte und ewige Evangelium Preußens: Gehorsam und Pflichterfüllung: und niemand kann — ihn und das Volk von dem bei Gott geschworenen Eide auf den König entbinden. Scharnhorst trägt allem die Verantwortung für sein Handeln wie, wenige Monate zuvor, Port bei Tauroggen.
*
Erst als der König den General, solchermaßen als den Verkünder nicht nur des Volkswillens, sondern auch des Staatsgesetzes und des Königtums erkennt. muß er sich überwunden erklären. Nun ist der Weg frei; der König begreift das Gebot der Stunde'und des Handelns, als Scharnhorst die totale Wehrhaftmachung der Nation fordert. Jetzt
handelt er von sich aus, löst das Bündnis mit Frankreich und tritt an die Seite Rußlands. Die Stunde des berühmt gewordenen Aufrufes „An mein Volk" ist nahe. Gneisenau ist auf dem Wege von England nach Preußen zurück, und jene, die aus heiß aufwallendem nationalen Gefühl Gehorsam, Pflicht und unantastbares Grundgesetz des
Herbert D i r m o s e r in der Rolle des Königs. (Aufnahme: H. Unkel, Marburg.)
Staates glaubten verleugnen zu können, werden in der losbrechenden Erhebung in der vordersten Front, auf den gefährlichsten Posten stehen. —
Die eigentümlichen und natürlichen Möglichkeiten der Marburger Schloßparkbühne kamen auch diesem Schauspiel (das an sich nichts mit dem Freilichttheater zu tun hat) zugute — wie manchem andern zuvor. Der pausenlose Ablauf der Szenen
reihe mit fließenden Umbauten, Abgängen und Auftritten gab dem Stück eine starke Einheitlichkeit der Entwicklung und Wirkung und wahrte seine dramatische und theatralische Spannung. Das hat der Regisseur Dr. Fritz Budde mit sicherer Hand auszunutzen verstanden; er hat auch die Gegenwärtigkeit der Probleme im geschichtlichen Vorgang empfunden und herausgearbeitet, und so kam es, daß manche der großen Auseinandersetzungen wie aus unserer eigenen Zeit heraus gesprochen schienen. Sie wurden wohl auch allgemein so verstanden und ausgenommen.
*
Otto Henning gab den Scharnhorst: eine schwere, gedrungene Gestalt, eine Persönlichkeit, die sich entschieden aus ihrer Umgebung und der Vielfalt der Gestalten heraushob, ein Mann des Willens, das große Ziel vor Augen, aber immer dabei mit dem Blick auch für die Wirklichkeit und ihre Möglichkeiten begabt, mit dem Wissen um die unveräußerlichen, inneren Grundlagen jeglicher nationalen Revolution in Preußen.
Von seinen Gegenspielern war Herbert Dir- moser als der König die interessanteste, am persönlichsten profilierte Erscheinung, gesprächiger zwar in den großen Auseinandersetzungen, als fein Bild sonst überliefert oder beschworen wird, aber doch glaubhaft in den Voraussetzungen und Triebkräften seines Handelns, seines Zögerns, seines Widerstandes — ein Gefangener seines Gewissens, seines Ehrbegriffs, der absolutistischen Tradition seines Hauses und seiner Erziehung.
♦
Von den beiden weiblichen Figuren in diesem heroisch intonierten Männerstück wirkte Reva H o l s e y als Riekchen, Scharnhorsts Freundin und treue Kameradin, durch natürliche Wärme des Gefühls und unbedingte, weiblich-gläubige Hingabe sehr sympathisch. Herbert Wilk (Dohna) im feurigen Ueberschwanq nationaler Begeisterung, Walter Redlich und Erich Bartels' als diplomatische Gegenspieler Hardenberg und Saint Marsan, und Seppl Litsch als Staatsrat Bagrow, der leicht komisch angehauchte Typ des beflissenen und ahnungslosen Konjunkturritters, mögen vom Ensemble noch genannt sein.
♦
Hartmut Böbel betreute die begleitende Musik, Franz Merz das Bühnenbild; die strenge Gotik der drei großen Bogen war diesmal mit einem preußischen Empire-Gitterwerk verkleidet. — Der Besuch der Eröffnungsvorstellung war sehr stark; zahlreiche Ehrengäste^ unter ihnen Vertreter der
Wehrmacht, der Partei und der Behörden, waren anwesend. Lebhafter Beifall wurde gespendet. — Gegen Mitternacht bildete eine Schloßbeleuchtung den strahlenden Abschluß des ersten Festspieltages.
Hans Thyriot.
Das Reich der Zwerge.
Man schätzt die Zahl der „Liliputaner" in der ganzen Welt auf etwa 56 000. Von dieser Zahl leben verhältnismäßig viele, etwa 1000, gerade in Ungarn, und es ist daher nicht weiter zu verwundern, daß von hier eine Bewegung ausgeht, die Zwerge der ganzen Welt zur Wahrnehmung ihrer besonderen Interessen zu organisieren und zu diesem Zweck sogar einen Weltkongreß in Budapest zu veranstalten Es ist natürlich ein Zwerg, von dem diese Anregung ausgeht, Julius Gont, ein Mann von 80 Zentimeter Hohe, der diese Träume von einem ,Reich der Zwerge" verwirklichen will. Auf dem Weltkongreß den er vorbereitet, will er die Aufmerksamkeit der Behörden in allen Ländern auf das Leben und auf die Leiden dieser Kleinsten unter den Menschen lenken Gont ist besonders berufen, das Wohl dieser kleinen Leute zu betreuen, denn er hat selbst schon viel getan, ihr Leben zu erleichtern Er hat eine große Handelsagentur gegründet, m dem alle Gegenstände, die die Zwergs brauchen, ihrem Bedarf entsprechend geliefert werden: Kleider, Schuhe, Hüte, Wäsche, Möbel und alles andere. Seine Lager dürften einzigartia in der Welt sein aber er findet gerade in Ungarn bei der großen Zahl dieser kleinen Bevölkerung guten Absatz. Gont geht sogar soweit, daß er eine Stadt bauen will, die ausschließlich für Zwerge bestimmt ist, die hier als „Gleiche unter Gleichen" leben wollen Er weist darauf hm, daß der Zwang, mitten unter den „Goliaths", worunter er die gewöhnlichen Menschen versteht, zu leben, auf die Zwerge einen mederdrückenden Einfluß hat. Daher wünschen diese kleinen Menschen sich Häuser, die ihren Maßen angepaßt sind, mit allen technischen und hygienischen Einrichtungen, wie sie sie brauchen, mit Schulen, Kirchen, Krankenhäusern im Zwergenstil — ja sogar eine eigene Gesetzgebung steht auf dem Programm dieses kleinen, aber unternehmenden Mannes. Diese Stadt denkt sich Gont natürlich in höchst modernem Stil, wie er unserer Zeit gemäß ist. und er glaubt, daß sie so interessant sein könnte, daß die „Großen" in hellen Scharen herbeiftrömen um — gegen em angemessenes Eintrittsgeld — dieses „Reich der Zwerge" zu besichtigen.


