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Nr. ^95 Zweites Blatt

Kietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

SaWtag, 18. Dezember (957

^andgSoffen zur kleinen Zeitgeschichte

Don Ernst von Arebelschüh.

Welche Anziehungskraft der Film auf die amerikanische Dollarphantasie hat, zeigt nichts deut­licher als das Ueberangebot von Kin­dern, dem eine Neuyorker Zeitschrift eine aus­führliche statistische Betrachtung widmet. Danach sind innerhalb des letzten Jahres 100 000 Kinder im Alter von 14 Tagen bis 18 Jahren nach Holly­wood verfrachtet worden, um auf ihre Geeignetheit für den Film geprüft zu werden, was natürlich in den weitaus meisten Fällen damit endet, daß sich die hoffnungsvollen Eltern in der naiven Erwar­tung, der Welt einen neuen Star geschenkt zu haben, betrogen sehen. Denn das Hauptkontingent dieser kleinen Anwärter auf den Ruhm stellen in der Tat d ie B a b y s , die noch immer die besten Aussichten für ein gutbezahltesEngagement" haben. Es gibt da genaue Honorarabstufungen für den Aufnahmetag: Babys im zarten Alter von einer Woche bis zu einem Monat bekommen 75 Dollar, die älteren zwischen zwei und drei Mo­naten können nur mit 50 Dollar rechnen, und die sechs Monate alten Kinder gar nur mit 25 Dollar. Das ist nicht übermäßig viel; 'immerhin- lohnt es sich für geschäftstüchtige amerikanische Ehepaare, Kinder in die Welt zu setzen, vorausgesetzt, daß diese möglichst schon im Augenblick nach der Geburt Eigenschaften zeigen, die auf schauspielerische Be­gabung schließen lassen. Damit ist freilich keines­wegs eine Bombenkarriere als Filmbaby gewähr­leistet. Denn darüber befindet, wie gesagt, 'erst die Prüfungskommission, die wie die Statistik ver­rät unter 100 000 Kindern nur ein einziges auswählt, das vielleicht einmal würdig ist, Shirley Temples Nachfolger auf der weißen Wand zu wer­den. Und das ist doch ein Trost unter so viel Un­glücksmenschen.

Man sollte nicht vorsichtig genug beim A b - schließen von Wetten sein. Das hat jüngst Lord Howe, Englands berühmtester Autorenn­fahrer, zu seinem Schmerz erfahren müssen. Er be­anstandete die Organisation des Straßenverkehrs in London und erklärte öffentlich, daß er sich ver­pflichte, seinen Hut zu verspeisen, wenn es dem englischen Verkehrsminister Leslie Bürgin ge­länge, am Sonntag die Strecke zwischen Brighton und London im Auto zurückzukegen, ohne minde­stens eine Stunde durch Verkehrsstockungen auf­gehalten zu werden. Warum er sich darauf kapri­zierte, ausgerechnet einen Hut aufzuessen man versuche sich vorzustellen, daß es ein Zylinder ist! bleibt unerfindlich, aber es 'ist ja das Vorrecht des britischen Spleens, Gedanken zu haben, die das europäische Normalmaß nicht faßt genug, Lord Howe schien seiner Sache so sicher zu sein, daß er mit der Möglichkeit eine Verlustes seiner sonder­baren Wette wohl nicht gerechnet haben mag. Allein, es kam anders. Englands Verkehrsminister, der ein Mann von Humor sein muß bei Ministern eine, wenig verbreitete Eigenschaft! ging auf die Wette ein und gewann sie. Und jetzt verlangt er, daß Lord Howe seinen Hut csufißt!

Die Zivilisation macht Fortschritte. Oder ist es etwa gar nicht die Zivilisation, sondern d i e Furcht vor der Zivilisation, die a-uf immer neue Mittel sinnen muß, um die Errungen­schaften der Technik durch Schutzmaßnahmen un­wirksam zu machen? Man möchte es glauben, wenn man hört, daß soeben das Rijsmuseum in Amsterdam Vorrichtungen getroffen hat, um das größte und berühmteste Gemälde Rem­brandts, ,,N achtwache" bei Fliegcr- gefahr in einer Art bombensicheren Unterstand ver­schwinden zu lassen. Das geschieht, indem eine, für diesen Fall genau einerevzierte Museumswache mit wenigen Handgriffen das riesige Bild über einen schmalen Luftschacht stellt, eine Kurbel in Bewe­

gung setzt und die Nachtwache so in kürzester Zeit1 ganz anderes. Er wird einfach nach der bewährten in den betonierten Museumskeller befördert. Rem- Maxime handeln: mache von dir reden, brandt im Luftschutzraum kann die Gefahr, die und du hast schon halb gewonnen.

unserer Kultur droht, knapper und handgreiflicher gekennzeichnet werden.

In Varis wirbt ein Schriftsteller, der bisher noch keine Bekanntschaft mit dem Ruhm gemacht hat, für den Gedanken, demunbekannten Dich­ter" e i n D e n k m aT zu errichten. Was dem un­bekannten Soldaten recht sei, müsse dem unbe­kannten Dichter billig lein. Der Vergleich hinkt zwar bedenklich, allein unser Schriftsteller ist um Gründe nicht verlegen. Der unbekannte Dichter sei, wie in dem Aufruf für das Monument näher aus­geführt wird,eine tieftraurige rüh­rende G e ft a l t" , da ihm für alle feine Mühe kein Lohn zuteil werde und sogar sein Name spur­los in der Zeit verwehe. Nun braucht man aller­dings kein Dichter zu sein, um Ursache zu haben, sich über mangelnde Beachtung seitens der Mit- und Nachwelt zu beschweren, und auch in Paris würde sich kaum genügend Platz finden, wollte man das Andenken all dieser unbekannten Exi­stenzen durch ein Denkmal ehren, zumal es bereits an Denkmälern bekannter Existenzen so viele und so minderwertige hat, daß man sich ernstlich über­legt, auf welche Weise man sich ihrer mit, An­stand wieder entledigen kann. Allein diesem Pariser Literaten, der hier so eifrig fürsein" Denkmal wirbt, ;ift es wohl überhaupt weniger um seine armen verkannten Kollegen zu tun, als um etwas

Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!

WeihnMen an Nord.

M.-D. I m Südatlantik. Wenn am Heiligen Abend bei uns die Christglocken läuten, feiern auch die Besatzungen unserer Schulschiffe im Ausland ihr Weihnachtsfest. Wenn die Umgebung auch fremd ist, die Feier ist gleichermaßen stimmungsvoll wie bei den Kameraden, die in der Heimat an Bord zusammensitzen. Am Weihnachtstag umschließt das Band der Kameradschaft die Besatzung eines Aus­landskreuzers noch enger als sonst. Es ist ein schöner Brauch bei der Marine, daß die'einzelnen Divisionen an Bord in der Anfertigung von hüb­schen Weihnachtsarbeiten wetteifern. Mit Eifer und Geschick werden kunstvolle Transparente und tech­nische Wunderdinge angefertigt: vollständige Schiffs­modelle, Heimatlandschaften, seemännische Zisr- arbeiten der Phantasie sind keinerlei Schranken gesetzt. Aengstlich werden die Geheimnisse gehütet, denn jede Division will etwas Besonderes bieten. Christbaumschmuck entsteht, damit die' Tannen­bäume, die kurz vor dem Heiligen Abend mit einem deutschen Dampfer eintreffen, in herkömmlicher Weise aufgeputzt werden können.

Der* Vorlag und der Morgen des 24. Dezember ist der gründlichen Schiffsreinigung und dem Aus­schmücken der Wohnräumx mit Flaggen und Schmuck gewidmet. Auf dem Oberdeck, unter der Kriegsflagge, wird gewöhnlich der Platz für den Gottesdienst hergerichtet. Es ist der Nachmittag des 24. Dezember. Gegen 16 Uhr kommen die Ausländs­deutschen an Bord, um zusammen mitihren" deutschen Seeleuten den Weihnachtsgottesdienst auf deutschem Boden zu erleben, und gemeinsam hören sich auf der Schanze des Schiffes die Weihnachts­geschichte, die der Schiffspfarrer nach alter Sitte ver­liest. Die Bürdkapelle fetzt ein, und nun klingen über den fremden Hafen hin, in den tropisch war­men Nachmittag, unsere deutschen Weihnachtslieder.

Dann werden die deutschen Gäste an Bord be­wirtet. Wenn sie das Schiff verlassen haben, um selbst mit ihren Familien zu feiern, finden sich in den Wohnräumen die einzelnen Divisionen zusam­men, um gemeinsam mit ihren Offizieren und Maa­ten unter dem brennenden Weihnachtsbaum zu be-

Man kann es der Verwaltung einer Stadt, wie Herford, die eine Geschichte von elf Jahr­hunderten hinter sich hat, nicht verdenken, wenn sie zu ihrem Ruhme etwas Ungewöhnliches tut. Der Magistrat hat nämlich im vergangenen Sommer durch einen Beauftragten des städtischen Verkehrs­amtes Unterrichtskurse veranstaltet, zu denen alle Angestellten des Gaststättengewerbes ' eingeladen waren, um in die reiche Heimat­geschichte der alten, Stadt eingeweiht zu werden. , Natürlich nicht, um ihre Weisheit für sich zu be­halten, sondern um die erworbenen Kenntnisse im täglichen Verkehr mit den Gästen an diese weiter­zugeben, also dafür zu sorgen, daß niemand Her­ford verläßt, ohne beim Servieren des Frühstücks von einem ortskundigen Kellner Genaueres über die historischen Vorkommnisse, den Stil der Kirchen usw. zu erfahren. Wer also in Zukunft Herford besucht, wird sich darauf gefaßt machen müssen, daß ihm das Zimmermädchen, wenn er ein zweites ' Handtuch verlangt, einen Vortrag über Ludwig den Frommen hält ober die Erfüllung des Wun­sches des Gastes davon abhängig macht, daß er zuvor das Geburtshaus des Baumeisters Pöppel- mann besichtigt. Leider erfährt man nicht, wie sich bisher die Kundschaft zu der neuen Einrichtung verhalten Hut.

Weihnachten in alter Welt.

Unsere ständigen Ausländskorrespondenten berichten ...

scheren. Jedermann findet auf seinem Platz die Ge­schenke der Kameraden und vor allem auch die Pakete und Briefe seiner Lieben daheim.

Die freudige Feststimmung steigert sich, wenn die bis dahin sorgsam verhüllten Weihnachtsarbei­ten den staunenden Augen der Kameraden preisge­geben werden. Der Kommandant, begleitet vom Ersten Offizier und vom leitenden Ingenieur, vom Bootsmann und vom ältesten Maschinisten, macht einen Rundgäng durch das Schiff, um jedem ein­zelnen Mann der Besatzung ein frohes Weihnachts­fest zu wünschen. Bei jeder Division bleibt er eine Weile, sieht die Geschenke an und bewundert die Weihnachtsarbeiten der geschickten Bastler. Auch das Wachpersonal an Deck und in der Maschine vergißt der Kommandant auf seinem Rundgang nicht. Bald werden die Wachhabenden abgelöst feir\ und an der Feier teilnehmen können, die'die ganze Besatzung jetzt bei einem Glas dampfenden Pun­sches versammelt.

Klemer WechnschWilderbogen a'ls Kopenhogkn.

P. T. K. Kopenhagen. Als im Dezember­wind die Flockenkinder der Schneekönigin, immer seltenere Gäste seit der guten alten . Zeit, als An­dersen ihre Geschichte erzählte, um die vielen Türme und über die Dächer dahinflogen und ein Sausen vom Meer über das Straßengelärm hinwegwehte, da gingen alle neugierig, mitten Kleinen an der Hand die Großen, auf den Strög, um nach dem Weihnachtsputz zu sehen, wie die geschmückten Tannenbäume sich diesmal wohl ausmachten vor den Kaufläden und wieviele Glocken und Sterne silberschimmernd im Grün der Tannengewinde hin­gen über gabenvollen Schaufenstern und von Haus zu Haus über die wagengefüllte Straße.

Eingebrannt ist dieses vertraute Bild ih .das Porzellan des Kopenhagener Weihnachtstellers von diesem Jahr, tiefblau wie die drei Wellenlinien im weißen Jnnenkreis der Rückseite. Für die Wasser der Sunde und Belte, die die vielen hundert In­seln Dänemarks umspülen, sind diese Linien das Zeichen und auch für die Wege in den Hafen der

I Kaufleute, so einer noch nicht wissen sollte, daß dieser Sinn hinter dem Namen Kopenhagen steht, I auf dessen Kanälen die Schiffe hingleiten können | bis zu den Märkten im Innern der alten Stadt, die immer verwundert aufhvrcht, wenn sie einmal im abnehmenden Wind eine Stunde lang nicht das langgezogene Tuten der Dampfer hört.

Heber die feUgebotenen Waren, die des Landes I Fleiß und Kunst zeigen, halten Wichtelmänner die Wacht. DenNissemand" hier mit der roten Ka­puze, den Nissemand da mit der blauen Hose, alle die Reinen schmunzelnden Graubärte zu zählen, ist ' eine Preisaufgabe, deren Lösung nahezukommen, ! viele Kinderwangen jetzt heiß macht und viele Blei­stifte' kürzer. Aber ob am Ende des Strög, wo- ' hin zu gelangen jetzt so lange dauert, weil überall I unterwegs so viel Hübsches und Neues zu sehen | ist, inmitten des großen Steinrunds auf dem Platz ; vor dem Rathaus der Stadt größter Weihnachts- | bäum schon steht, danach muß trotzdem auch ge- ! schaut werden, denn dann ist die Zeit gekommen, für den Nisse zu Haus die Weihnachtsgrütze bereit­

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rFUSSBODENBELAG

zustellen. Schmeckt sie ihm, soll es eine gute Weih­nacht geben, die um so fröhlicher sein wird, je öfter bis dahin vom Hausboden fein Lachen zu hören war, wenn über feinem Drohen mit der Hauskatze die nach der leckeren Speise lüsternen Mäuse einmal wieder übereinander weggepurzelt waren.

In der Reisgrütze nach dem Mandelkern zu suchen, um die Mandelgabe zu bekommen, ist auch ein wichtiges Geschäft, das noch bevorsteht für den Weihnachtsabend. Biele Stunden vor seinem Be­ginn schließen auf dem Strög und überall in der Stadt die Geschäfte hinter den letzten säumigen Käufern, kommt nach dem Weihnachtstrubel die große Stille der Heiligen Nacht. Nur Santa Claus soll dann noch unterwegs fein, um da, wo er noch von den ganz Kleinen erwartet wird, die über die Bettpfosten gehängten Strümpfe für den Weih­nachtsmorgen mit feinen Gaben zu füllen. Darauf wollen die größeren Kinder heute indes meistens nicht mehr warten. Schon das feierliche Mahl mit Truthahn, Schinken und Grünkohl oder der ge­bratenen Gans dauert in der Fülle der Gerichte ihnen bei aller Effensfreude, die sie mit den Er­wachsenen teilen, alluzulange. Sie wünschen, daß jetzt schnell die Lichter am Weihnachsbaum ange­zündet werden, sind daß sie ihre Geschenke in Empfang nehmen und die vielen bunten Weih­nachtskarten, von Onkeln und Tanten, von Vet­tern und Basen, denn keiner versäumt sie zu schrei­ben, ansehen können mit den immer wiederkeh­renden BildernGvon dem König, der durch seine Stadt reitet, von der Wachtparade in rotem Rock und mit der Bärenfellmütze, deren Parademarsch ein wenig an das Abenteuer vom standhaften Zinnsoldaten erinnert, /unb mit den Schiffen an der Langen Linie, vor der auf eifern Fels die stein­gewordene kleine Meerjungfrau träumt in däni­scher Weihnacht ein dänisches Märchen von däni­schem Land.

Wie feiern Sie Weihnachten?"

v. G. Paris. Ich habe eine kleine Umfrage ge­halten, wie die Franzosen Weihnachten feiern. Etwas erstaunt gab der Zeitungsfahrer Auskunft: In diesem Jahr unternehmen wir nichts, meine Frau und ich, wir sind müde."

Von der Ausstellung?"

O nein, die habe ich gar nicht gesehen, aber so überhaupt."

Krieg der Zinnsoldaten.

CmeWeihnachtsgeschichie von Joseph Papesch.

Ratlos öffnete ich da und dort ein Schächtelchen und geriet bald in die Qual dessen, der die unbe­grenzte Wahl, aber einen schmächtigen Geldbeutel hat. Schließlich aber trug ich doch in Zinnfiguren

Vor den letzten Weihnachten äußerte mein Sohn tausend Jahre Weltgeschichte heim, das heißt, nur den Wunsch nach Bleisoldaten so hartnäckig, daß Kosthäppchen davon, skythische Bogenschützen, Mar- ich mich schließlich doch in ein Spielzeuggeschäft be- i komannen, Landsknechte, Ritter und Hakenbüchsen­geben und dieser Ware nachfragen mußte. Aber schützen. Der für Bleisoldaten ausgesetzte Betrag was nur da zuerst von einer überaus freundlichen ! war weit überschritten, mein Taschengeld .für den Verkäuferin an schießenden, hauenden, Maschinen- Weihnachtsmonat verloren.

Scharen unerschöpflich waren: nach einigem Nach-

Eine germanische

a . t«eV, i rour ua. .uer öanu, uuiiz euiuetunei, uu unu uull

em Hauptmann in b r tung, ein I ein Sfein gesetzt, eine Oase aus prachtvoll gemalten

eine riesige n 1 Sinnernen Taimen ausgestellt, die Tischlampe als

Schar reisiger Knechte, breitspurig martialisch^ m 6lno(t)enau^mnbe Wüstensonne darübergesenkt: bunter Pracht, blau, rot gelb, grün- ^arniföe unb Scharen des Baal und des Osiris konnten blinkten Fauste umspannten fest den Schaft mach- Kamvi um die Macht über den Orient antre-

zum Kampi um die Macht über den Orient antre-

Massen hinweg. Wir stellten nur Querschnitte und

aufgebot ein gruseliges Ende machte.

Ein kleiner Trick half uns über den Mangel an

Im letzten Winter gab es für alle, die weder Zeit noch Geld haben, in ferne Skiparadiefe zu fahren, auch auf den Hügeln rings um unsere Stadt genug Schnee, um sich den Meniskus zu reißen oder wenigstens einen Knöchel zu verstau­chen. Aber mein Sohn und ich hatten auch für den führigsten Schnee nur wenig Blick. Unsere ganze freie Zeit, namentlich aber die frühen Abende verspielten wir mit den Zinnfiguren.

Wir hatten nämlich bald heraus, was man mit Zinnfiguren alles anfangen kann, und sahen, daß die Möglichkeiten auch schon mit unseren kleinen

gcwehre und Geschütze bedienenden, Handgranaten schleudernden Weltkriegssoldaten aller Nationen aus Blei und Holz Dorgelegt wurde, gefiel mir nicht, und ich wies es zurück. Zu groß war der Gegensatz zwischen der erlebten Wirklichkeit der Jahre' 1914 bis 1918 und diesem groben Spiel­zeug. Betrübt fragte ich, ob es denn nichts Besse­res gäbe.

Natürlich gibt es das", sagte der Ladenbesitzer, der sich genähert, hatte. Die eifrige Verkäuferin brachte eine große flache Lade, gefüllt mit unzähli­gen kleinen braunen Schächtelchen.

Behutsam hob der Mann eines der Schächtelchen

tiger Stoßlanzen, Augen drohten wacker unter 'breiten, bunt befiederten Baretten hervor. Vorsich­tig hob ich eines der zinnernen Männchen: wie sorgfältig. lebendig es gezeichnet und gemalt war, wie natürlich die' Haltung, wie fein und genau jede Linie!

s - r;, iR-tn on oigaren uner cyopsucv waren: nam einigemJlaap

unb w es st° m'r: Landsknecht- ^»'N Fub- denken bauten mir einen flachen Holzkasten und ganger ffanV"/ahL I fünten if>n mit feinem Sand. Eine germanische

und begann was barm auf Wolle sorgsam gebettet Ur(anöfd9aft entstand, indem wir den Sand well- lag, au t3U freuen. , nns.rty.c ten, mit Moos bestreuten, mit Fichtenzweigen be--

3% hn auf hem TifA iterften- Die Bühne für die Teutoburger Schlacht

Ein 'LandStnechtfahnlein stand da.auf bem mar ha. Der Sand, ganz eingeebnet, da und dort n,v. (Ämtnlmnnn kN hmrrrpr 'nIiuuna ein immn rpr - _. . . . ° .

Es gab die ganze Weltgeschichte in Zinn: Assy­rer, Skythen, Aegypter, Etrusker, Griechen, Kar-1'--n->Tjr./rk ...... ~

«hager. Römer, Gallier, Germanen, Franzosen. Kostproben. Nicht das ganze nngluckfelige Kar- Spanier, Deut ch- aller Jahrhunderte, Indianer: th->g°. sondern nur em von den Romern eben er- unh Trapper, alle Scharen und Horden des Drei-! "l-rmtes Tor non-einer Burg nur d,e eben ge- ßigjahrigen Krieges, die Regimenter Friedrichs des i brochene Bresche, und Mit vierzig Hellebarden und Großen und Maria Theresias, es gab Türken und s H°'°nbuchsen, zwe, Fähnrichen ließ sich be, ge- Polen, die Heere Napoleons und aller seiner Geg-I 'chnkter Blickverengung Nicht schwer der Eindruck ner, die Kampfer von 1864 und 1870/71, und es des gewaltiaen, von Georg Frundsberg zur gab natürlich auch die feldgrauen Soldaten des flacht von Pama geführten Heeres erwecken. Weltkrieges Kanonen und Haubitzen rasselten und! Wir hielten uns natürlich streng an den Verlauf die großen Feldherren und Könige aller Zeiten der erwiesenen Tatsachen und stellten nur Szenen, ritten auf stolzen Pferden gold- und purpur-> die mir in allerlei Weltgeschichten landen. Zu Win- glitzernd einher. Iters Ende kam allerdings eine große Versuchung

ten. Der Sand, verwegen aufgehügelt, mit einer Trutzburg bekrönt, gab den Schauplatz für ein fre­velhaftes Raubrittefleben, dem ein mri Stück und Wagen wohlausgerüstetes kaiserliches Landsknecht-

über uns. Wir hatten über die ewigen Kriege zwi­schen Deutschen und Franzosen gesprochen, 'unb ba erwogen wir, wie wohl alles ganz anders gekom­men wäre, wenn damals bei Mülhausen, 58 vor Christi, nicht Cäsar, sondern Ariovist gesiegt hätte. Und wir stellten die Schlacht und ließen Cäsars Kohorten weichen. Aber da erschien der Geist mei­nes Gymnasialgeschichtslehrers, hob zürnend den Finger und rollte mit den Augen. Da schämte ich mich sehr und hielt meinem Buben eine würzige Rede, in der ich ihn (und mich) vor träumerischem und wehleidigem Nörgeln an dem, was nun ein­mal nicht zu ändern ist, warnte.

Aber wir brachten es auch nicht übers Herz, eine für das deutsche Volk so folgenschwere Nie­derlage barzustellen. Und ba außerdem ein war­mer Frühlingsregen in den Dachrinnen läutete, räumten wir unsere Schachteln weg und verstauten sie in der Truhe, wo auch die anderen Zimmer­spielsachen aufbewahrt sind. Denn im Sommer kann man nicht mit Zinnfiguren spielen. ,Nur ab und zu, besonders wenn es ein paar Tage fortregnete, fielen uns die Zinnfiguren wieder ein: Dann hol­ten wir die eine oder andere Schachtel hervor und sahen nach, ob unsere Weltgeschichte aus Zinn rich­tig auf ihrer Wolle lag.

Jetzt aber, da die Erde ruht und alles, was sie uns in diesem Sommer trug, in Miete und Keller, in Topf und Glas gesammelt ist, hören wir an den langen Abenden, während der Bub lateinische Vokabeln büffelt und der Vater Rezensionen schreibt ober Schularbeiten korrigiert, immer deut­licher und dringender das seltsam fremde Geschrei stürmender Skythen, das gewaltige eiserne Klir­ren marschierender Kohorten, den brausenden Schlachtengesang, das trotzige Schilberschlagen der Cherusker, Armbrustbolzen zischen an unserem Ohr vorbei, die Hähne der Hakenbüchsen knacken, und bunte Federbüsche wallen, von Ritterhelmen. Und da wird es schwer, in der nüchternen Gegenwart, bei Rezensionen und Vokabeln, zu bleiben.

Schließlich ist es nicht auszuhalten. Bub und Vater rücken zusammen und reden von vierzehn Tagen Weihnachtsferien und davou, ob unter dem Lichterbaum wohl die zinnernen Scharen stehen wer­den, die wir uns so innig wünschen: die Spanier, mit denen Cortez Mexiko und Pizarro Peru er­oberte und ihre tapferen unglücklichen Gegner, Azteken und Inkas, die Kürassiere und Dragoner, Musketiere und Arkebusiere Wallensteins und Gu­stav Adolfs, die Horden Solimans und vielleicht auch die Wiener und Trapper unseres geliebten Leberstr laipfs.

Aus der Geschichte der Chirurgie.

Im Jähre 1887 hat Victor Horsley als erster eine Geschwulst aus bem Wirbelkanal entfernt und damit eine Operation vollbracht, die großes Auf­sehen erregte und die Grundlagen der Rückenmark­chirurgie schuf. Es war damals außerordentlich schwierig, den genauen Sitz des Krankheitsherdes vor der Operation festzustellen, und so wollte Horsley seine erste Operation schon ohne Ergebnis abbrechen, weil sich die Geschwulst nicht an der er­warteten Stelle besondrer opferte erst auf Drängen seines Assistenten noch die beiden nächsthöheren Wirbelbögen und fand so das Gewächs. Es ist auch auffallend, daß in den folgenden zehn Jahren das Beispiel Horsleys trotz allgemeiner Bewunderung nur zögernd Nachahmer fand und während dieser Zeit in der medizinischen Literatur nur etwa 20 Operationen erwähnt werden. In einem Rückblick auf die seitdem erzielten Fortschritte auf diesem wichtigen Gebiet der Chirurgie weist, wie die Frank­furter WochenschriftDie Umschau" ihm entnimmt, Professor O. Veraguth nach, daß in der späteren Zeit die Zahl der Rückenmarksoperationen sehr groß geworden ist, da neben der Verfeinerung der Operationsmethoden vor allem der Ausbau der Diagnostik heute gestattet, den genauen Sitz des Krankheitsherdes mit größter Sicherheit festzustetten. Im Jahre 1923 wurde durch Einspritzen einer Kontrastflüssigkeit in den Rückgratskanal das Rücken­mark für Röntgenuntersuchung zugänglich gemacht, und seitdem bestehen lokaldiagnostische Schwierig­keiten nur noch in seltenen Ausnahmefällen. Man kann sich meistens den Sitz der Erkrankung auf der Rückenhaut markieren und das Rückenmark genau an der richtigen Stelle freilegen, so daß die Aus­sichten der Operation außerordentlich verbessert sind.

ßtt W-fferzeichen-Arch v.

Seit dem Kriegsende hat Dr. Karl Theodor Weiß in Mönchweiler bei Villingen in Baben ein Wasser­zeichen-Archiv angelegt, bas in erster Linie der Er­forschung der Wasserzeichen, dann aber auch der des Papiers und feiner Geschichte dient. Diese Sammlung der Wasserzeichen umfaßt, wie das Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel berich­tet, die Zeit von 1300 bis 1850, bis zum Auskom­men der Papiermaschinen. Bis jetzt hat Dr. Weiß 80 000 verschiedene Wasserzeichen festgestellt. Er kennt sämtliche 2000 Papiermühlen, die Deutsch­land auszziweisen hatte, und rund 1500 in Frank-' reich. Holland, Italien, Oesterreich, in der Schweiz und in Spanien. x