Zreiiag,17. Dezember (957
Kießener Anzeiger sAenerai-Anzeiger für Merhefftn)
Nr. 794 Zweites Blatt
Bücher vom großen Krieg.
terndem Erleben lebendig. Und schließlich das bittere Ende: im Sommer 1918 schwerverwundet in französische Gefangenschaft, nachdem fast alle von dem Häuflein der alten Kameraden schon längst zur großen Armee, eingegangen sind. Mit Recht gilt das Wort: „Das Buch vom ewigen Frontsoldaten." Eine unverlierbare Erinnerung für alle, die draußen waren: eine ernste und verpflichtende Mahnung für kommende deutsche Geschlechter — darin offenbart sich der hohe ideelle Wert dieses Buches.
große und schwere Zeit Deutschlands durch die Schilderung des Fronterlebens nahezubringen. Eine große und schöne Mission, ein guter Dienst für Deutschland und das ewige deutsche Volk! Nun zur Bekanntschaft mit den Büchern.
— Die Hölle von Gallipoli. Der Heldenkampf an den Dardanellen. Bon Walter v. Schoen. (Verlag Ullstein, Berlin. Gebunden 2,85 Mark.) — (274) — Während an den Fronten im Westen und im Osten alle feindlichen Anstürme an der ehernen deutschen Abwehr zerschellen, richten sich die Blicke der Feinde, aber auch die sorgenvollen Gedanken der Mittelmächte auf einen neuen Kriegsschauplatz: die Dardanellen-Front, die mit dem Eintritt der Türkei in den Krieg an der Seite der Mittelmächte entstanden ist. Die Feindbundmächte setzen zum Durchbruch durch jene Meerenge an, um die Türkei zu zerschmettern und dann durch die Stärkung des immer schwächer werdenden Rußland den Mittelmächten den Garaus zu machen. Don dieser Kriegslage ausgehend berichtet dieses fesselnde Buch über den dramatischen Verlauf der Dardanellenkämpfe bis zum vollen Siege der verbündeten Türken und Deutschen. Den älteren Volksgenossen wird das schwere Ringen um die Dardanellen sicher noch in guter Erinnerung sein, aber auch sie werden beim Lesen dieses Buches erkennen, daß unser bisheriges Wissen um diese Kämpfe doch sehr am Rande geblieben war. Walter von Schoen macht uns in seinem Buche mit militärischen Lagen, Entwicklungen hinter der Front und mit See-Ereignisfen bekannt, bei deren Verlauf es geradezu als ein Wunder ohnegleichen erscheint, daß jene türkisch-deutsche Front nicht nur gehalten, sondern sogar noch den Sieg errungen hat. Viele bisher in der Oeffentlich- keit unbekannte Vorgänge, bei denen die Dinge sehr häufig an dem bekannten seidenen Faden hingen, werden hier zum ersten Male jedermann erkennbar berichtet, und zugleich wird dabei sichtbar, welchen starken Anteil die verhältnismäßig sehr schwachen deutschen Hilfstruppen, in der Hauptsache nur geringe Teile unserer Marine, neben den heldenhaft kämpfenden türkischen Soldaten an der Abwehr des Feindes und an dem glänzenden Endsiege haben. Man darf wohl sagen: dieses Buch ist eines der wichtigsten und zugleich fesselndsten der deutschen Kriegsberichterstattung, die zugleich ein Stück Kriegsgeschichte darstellt. Möge das Buch verdientermaßen viele Leser finden, denen es zu einem wertvollen Besitz werden wird!
Mein Kriegstagebuch. Von Kunigunde Freifrau von Richthofen. (Verlag Ullstein, Berlin. Brosch. 3,80 Mk. Gebd. 4,80 Mk.) —498 — Der Leser wird hier mit den Erinnerungen der Mutter des „Roten Kampffliegers", Rittmeisters Manfred Freiherr von Richthofen, bekannt gemacht. Ministerpräsident Generaloberst Göring hat für das Buch ein Geleitwort geschrieben. In ergreifender Sprache tritt dem Leser dieses Buches das schwere Leid an der Heimatfront während des gro-
U-Boot ahoi! Deutsche U-Boote in Kriegsund Friedenszeiten. Von Georg Günther Freiherr von Forstner, Korvettenkapitän a. D., derzeitiger Kommandant von „U 1", „U 7" und „U 28". (Gustav Weise Verlag, Berlin. Gebd. 2 Mark.) — — 355. — Frhr. von F 0 rstner, als Mitarbeiter des „Gießener Anzeigers" unseren Lesern ein guter und geschätzter Bekannter, berichtet in diesem außerordentlich interessanten Buche von dem Werden und Wachsen unserer U-Boot-Waffe in den letzten Dorkriegsjahren bis zum Ende des ersten Kriegsjahres. In fesselnder Erzählung und vielfach humorvoller Sprache, bereichert durch zahlreiche Bilder, läßt der Verfasser den Leser des Buches teilnehmen an den ersten Versuchsfahrten in der Kieler Bucht, er führt ihn bann immer stärker hinein in die Zeit, da das U-Boot vielfachem Unverständnis und zahlreichen Widerständen zum Trotz mehr und mehr sich als geachtete Waffe in der Kriegsmarine geltend machte, um dann vor allem die große Bedeutung dieses neuen Kampfmittels beim Kriegsausbruch und im ersten Kriegsjahre packend durch die Berichte über Taten zur See zu schildern. Dabei erfährt der Leser aus der Feder dieses hervorragenden U-Boot-Kommandanten neben bekannteren Ereignissen auch viele völlig neue Dinge, die eben nur der Mitkämpfer von der Seefront so eindrucksvoll und doch soldatisch-schlicht darzustellen versteht. Diesem Buch wünschen wir die verdiente ernste Beachtung durch alle alten und jungen Soldaten, auch der „Landratten", und darüber hinaus das größte Interesse unserer Jugend. Sie werden hier kein trocken und womöglich aktenmäßig zusammengestelltes Werk in die Hand bekommen, sondern ein mit seemännischer Frische, mit Witz und Bordhumor und bester Anschaulichkeit geschriebenes Erlebnisbuch kennen lernen. Auf Grund dieses vortrefflichen Auftaktes darf man den vom Verfasser angekündigten weiteren Bänden, in denen die wichtigsten Ereignisse und Zusammenhänge des U-Bootkrieges geschildert werden sollen, mit großem Interesse entgegensetzen.
— Kasematte!?. Roman von Franz Schau- wecker. (Verlag Hesse & Becker, Leipzig. Kart. 3 RM., Gebd. 4,50 RM.). —(555) — In diesem packenden, neuesten Buche Schauweckers tritt der Frontsoldat vor den Leser. Wer die Front als Mitkämpfer erlebt hat, der wird in dieser Erzählung vielem begegnen, das auch dort draußen selbstverständlich war: nämlich neben dem Soldaten auch den Menschen zu sehen und als gegebene Tatsache hinzunehmen, die Tugenden des deutschen Soldatentums auch vor dem Feinde ebenso lebendig zu erblicken, wie das Menschliche, ja Allzumenschliche im Kampf, vor dem Einsatz und in der Ruhe an den Kameraden wahrzunehmen. Dieser Leutnant Hoelck und seine Kompanie in der Kasematte R sind typisch für den Frontsoldaten. An ihr Erleben und ihr Handeln kann nur das ungeschriebene Gesetz der Front angelegt werden, dem sich jeder zu beugen hatte,, der dort für sein Volk und Vaterland eintrat. Gewaltiges ist es, das Schauwecker in dieser Erzählung den Leser rnit- erleben läßt; keine Schönfärberei, sondern die ungeschminkte, harte Wirklichkeit der unbedingten Pflichterfüllung mit allen Konsequenzen! Und darin liegt die Größe und besondere Stärke dieses Buches, das uns in den Männern der Front und darüber hinaus auch das deutsche Volk der Kriegsjahre mit all feinen guten und schwachen Seiten aufweift. Dieses Buch hat viel zu geben!
Vor uns liegen neue Bücher, die vorn großen s — Gespenster a m Toten Mann. Don Krieg berichten. Die Westfront mit ihren furcht- , P. C. Ettighoffer. (C. Bertelsmann Verlag, baren Materialschlachten, der Osten mit feiner un- Gütersloh. Gebd. 2,85 RM.). — (290) — Das endlichen Weite, die Seefront gegen England in der । hohe Lied des deutschen Frontsoldaten erklingt in Nordsee und vor den Dardanellen, aber auch die' diesem Erlebnisbericht, zu dem ein grausiger Vor- Heimatfront der still und schwer duldenden Frauen' faU am „Toten Mann" vor Verdun den Titel ge-
und Mütter reden hier in ihrer erhabenen Sprache geben hat. Der Leser sieht die jungen Kriegsfrei-
zu denen, die einst selbst Mitkämpfer waren, vor । willigen blumengeschmückt hinausmarschieren aus allem aber auch zu unserer Jugend, um ihr jene der Garnison. Dann aber tritt im Geist an ihn,
" *• " " ' «t—' v:- wie in bitterstem Ernst sofort an die jungen Sol
daten das erbarmungslose Schicksal des Krieges heran. Und da werden aus den fröhlichen, unerfahrenen, allem Erleben vollkommen aufgeschlossenen Jungen im Handumdrehen ernste Männer, die unter dem Gesetz der Front und ihres Heldentums und Sterbens innerlich groß und gereift werden. Die Kämpfe um Souchez, die Schrecken vor Düna- burg und in den Karpathen, die Hölle von Verdun und viele andere Kämpfe werden hier in erschlo
ßen Krieges entgegen; nicht etwa das Leid materieller Not, das ja auch schwer genug für die meisten daheim war, sondern die unendlich harte seelische Belastung unserer Frauen und Mütter durch den schweren Dpfergang ihrer Männer und Söhne an den Kampffronten. Neben dieser Erinnerung — die ja auch in anderen Kriegsbüchern zu finden ift — kann der Leser hier aber vor allem einen tiefen Blick tun in das herzliche Familienoerhält- nis der Richthofens, vor allem in die innigste Verbundenheit der Mutter mit ihren beiden großen Söhnen, den Kampffliegern Manfred und Lothar, und besonders in die Bande der Liebe, die Mutter und Sohn Manfred umschließen. Dabei lernt man auch den Lebensweg des unvergeßlichen „Roten Kampffliegers", von feiner Garnisonzeit unmittelbar vor Kriegsausbruch bis zu feinem tragischen Tode nach dem 80. Luftkampffiege, näher kennen, und vieles kommt dem Leser in diesem Buche völlig neu zu Gesicht, weil hier eben die Nächste des unvergeßlichen großen Toten, seine Mutter, berichtet. Für dieses Erinnerungsbuch, das man wohl auch als eine Huldigung für alle deutschen Kampfflieger des großen Krieges ansehen kann, gebührt der Mutter unseres Richthofen herzlicher Dank, denn sie hat dadurch den Unvergeßlichen seinem dankbaren deutschen Volke noch nähergebracht. Unseren deutschen Frauen sei dieses
Erinnerungsbuch besonders zur Kenntnis gegeben; es würde für sie eine der schönsten Gaben auf dem Weihnachtstisch sein. Ernst Blumschein.
— Im Jahrgang 1938 des Köhlerschen Hee - res-Kalenders (Wilhelm Köhler Verlag, Minden i. W., Preis 1,30 Mark — 439) bietet sich in Wort und Bild eine Fülle soldatischer Unterhaltung und Belehrung dar. Wir erleben z. B. Manöoertage und Manöoernächte, machen eine Achtwochen- Uebung als Ergänzungssoldat mit, erfahren, wis die kämpfende Truppe versorgt wird, daß die Weltgeschichte schon seit 2000 Jahren den Gaskrieg kennt, unterrichten uns über die Stärke der ausländischen Heere, über unsere Armeemärsche und werfen einen Blick hinter die Kulissen der bekannten Sendung „Wo bist du, Kamerad?". Die Sprache der Schulterklappen, für die meisten ein Buch mit sieben Siegeln, wird uns gedeutet, wir lassen uns zurückführen in große Zeiten deutscher Geschichte, lesen von Husarenstreichen in den Jahren 1806/12, vom Feldmarschall Haeseler, vom Alten Fritz und vom Kriegsfreiwilligen Hermann Löns und zwischendurch lassen wir uns fesseln von spannenden Erzählungen aus dem Weltkrieg, der Zeit der Befreiungskriege und der friderizianifchen Zeit. Auch der Humor kommt in manchen luftigen Geschichten und Anekdoten zu seinem Recht, und über 100 interäffante Bilder illustrieren den Inhalt.
Der „Große Bruder" der Biber.
Der Indianerhäuptling „Grau-Eule", ein Freund der Tiere.
Der Indianerhäuptling „Grau-Eule", indianisch Wäscha-kwonnesin, der Verfasser des auch bei uns bekannt gewordenen Buches „Kleiner Bruder", befindet sich zur Zeit in London, wo er Vorträge hält, um dem Gedanken der brüderlichen Liebe zu den Tieren neue Freunde zu werben. Das Leben von Grau-Eule, der ursprünglich Jäger, Fallensteller, Kanufahrer und Führer für die Jagdexpeditionen von Weißen war, wurde, wie er es in seinem reizvollen Buche erzählt, allmählich durch zwei verwaiste kleine Biber umgewandelt, die er und seine Frau aufzogen und die ihm alle seine Mühe mit rührend kindlicher, fast menschlicher Anhänglichkeit dankten. So erschienen ihm die hilflosen Geschöpfe schließlich als die „Kleinen Brüder", und aus dem Jäger wurde der warmherzige Beschützer der Tiere, der fortan feine ganze Lebenskraft der Aufgabe widmete, sich ihrer Ausrottung entgegenzufetzen und ihnen von neuem friedliche Heimstätten zu schaffen.
Nun ist dieser merkwürdige Mann in London, und seine Vorträge, in denen er von seinen Erfahrungen unter den Tieren erzählt, finden eine zahlreiche Zuhörerschaft. Er geht auch in der englischen Hauptstadt in der Tracht seiner Heimat, dem mit bunten Perlen bestickten Lederwams, um den Hals die traditionelle Kette von Därenzähnen und im schwarzen straffen Haar die Adlerfeder. Aber der Tomahawk fehlt und die erbeuteten Skalps am Gürtel, denn dieser Indianer kommt aus seinen kanadischen Wäldern als Kämpfer für den Frieden in das wenig friedliche Europa. Er will beim weißen Mann für die Beendigung des blutigsten und grausamsten Krieges werben, den es gibt, des Krieges zwischen dem Menschen und dem „Bruder Tier". Im Zoologischen Garten von Whipsnade hatte Robert Ancenis, ein Mitarbeiter des „Paris Soir", eine Unterhaltung mit ihm, über die er erzählt:
„Wie kann man in einer großen Stadt leben?" fragt mich mit feiner rauhen Stimme Grau-Eule. „Was mir bei euch weißen Männern auffällt, das ist die Unruhe, die man auf euren Gesichtern lieft. Diese Vorübergehenden mit den harten Blicken und den zusammengekniffenen Mündern, die ich auf der Straße beobachte, kennen nicht das Geheimnis des Glücks, dieses Geheimnis, das in meinen fernen Wäldern und Prärien jeder besitzt."
lieber fein Leben erzählte Grau-Eule: „Während vieler Jahre habe ich getötet. Von einer indianischen Mutter geboren, habe ich in dem Stamm, der mich adoptierte, eine ausgezeichnete Rothaut-Erziehung empfangen. Erster Preis als Wache, erster Preis als Fallensteller, erste Preise in der Verfolgung des verwundeten Bären, im Anschleichen und Sich-Ver- bergen im Herbstlaub, das und vieles andere waren meine Schüler-Erfolge. Ich wurde ein von den
Jägern sehr gesuchter Führer, und ich verdiente meinen Unterhalt, indem ich an den von ihnen organisierten Schlächtereien teilnahm. Ich bewege mich in der dunkelsten Nacht im Walde ebenso leicht wie ihr am Tage auf der Straße, und daher stammt auch der Beiname, der mir gegeben wurde. Eines Tages aber begegnete ich einem jungen verwaisten Biber. Der kleine Kerl gewann mich für das Schicksal seiner Rasse, ich entsagte meinem Beruf als bezahlter Mörder, sogar mehr als das, ich beschloß, die Menschen der Zivilisation zu bekehren. Nach Jahren der Werbung erhielt ich die Unterstützung der kanadischen Regierung, und tzeute bin ich Herr von Beaver Lodge, einem Stück Paradies, wo die Biber klares Wasser finden, soviel Astwerk und Schlamm wie sie nur wünschen können, Freiheit und Sicherheit und von Zeit zu Zeit einen schönen runden Apfel von liebevoller Hand gereicht." „Und was sagen Ihre indianischen Halbbrüder zu Ihrem Nichtangriffspakt mit den Tieren?" fragte ich. „Sie erlegen nur das Wild, das zu ihrem Lebensunterhalt notwendig ist", erwiderte er.
Plötzlich tauchte in dem Becken vor uns der Biber des Zoo auf und schwamm vorsichtig auf uns zu, das Auge in der Höhe der Wasseroberfläche, ohne eine unserer Bewegungen zu verlieren. Grau-Eule stieß einen gutturalen Lockruf aus. Beim ersten Ton näherte sich der Biber, aber ach, er schien seine eigene Sprache nicht mehr zu kennen, seit seiner Gefangenschaft versteht er wohl nur noch englisch. Auch der Anblick eines Apfels konnte ihn nicht um- ftimmen. „Was wird doch aus einem Tier in der Gefangenschaft!" murmelte Grau-Eule. „Was für ein Unterschied zwischen diesem furchtsamen Auswanderer und meiner lebhaften, zärtlichen Tochter!" Aus feiner Ehe mit der Jrokefin Anahareo hat Wäscha-kwonnesin eine Tochter, aber er meinte nicht sie, sondern seine andere nicht weniger geliebte, aber viel berühmtere Tochter, das Biberweibchen Jelly Roll.
„Sie sprechen von unserer Zivilisation", fragte ich ihn. „Aber reicht denn unsere Zivilisation nicht auch bis in Ihre Heimat?" „Nein, sie endet am Rande der Wälder. Jenseits dieser Grenze vergesse ich das Telephon, das Flugzeug, das Bankkonto — 20 Dollar im Monat genügen mir, um wie ein König zu leben, aber wie ein glücklicher König! — und ich erinnere mich nur noch meiner Religion." „Welcher Religion?" „Der, die Gott in allem spürt, im Rauschen des Laubes, in den Sprüngen des Känguruhs, im Spiegel des Sees. Bei uns sind alle Tage der Woche Tage des Herrn. Der Kult, den wir mit unseren Schwestern, den Pflanzen, und mit unseren Brüdern, den Tieren, feiern, findet nie eine Unterbrechung." B.
Äiamanten-Komödie
Roman von Horst Biernaih.
8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
, „Los! Koffer 'rüber!" rief Martini dem Schwarzen zu, ohne sich darum zu kümmern, daß sein unerwartetes Auftreten von verschiedenen Seiten zu Wasser und zu Lande mit den verschiedenartigsten Gefühlen ausgenommen wurde. Der riesige Neger warf ohne Zögern die beiden Gepäckstücke über den ansehnlichen Abgrund hinweg an Bord. Aber während diese rohe Behandlung dem ersten Koffer nichts schadete, sprang der zweite beim Anprall auf und entlud zum Erstaunen der zahlreichen Zuschauer als einzigen Inhalt ein genaues Dutzend Ziegelsteine, unverpackt und so leuchtend rot, wie es Ziegelsteine nun einmal sind.
Martini geriet einen Augenblick in Verlegenheit, drohte dem Schwarzen mit der Faust und erklärte dann, rasch gefaßt, diese merkwürdige Fracht den Fahrgästen mit dem bündigen Hinweis, daß dieser aufgesprungene Koffer nur sein Renommiergepack darstelle; jawohl, er führe ihn eigens der Hotelportiers wegen mit, da ein Gast, der mit einem einzigen lumpigen Koffer reise, von vornherein wie ein Schubbejack behandelt würde.
Das Erstaunen löste sich in ein herzliches Gelächter auf.
„Siehst du, Liebchen", sagte Reverend Smith zu seiner dürren Ehehälfte, „jetzt weißt du auch, weshalb wir beide immer ohne weiteres im fünften Stockwerk einquartiert würden!"
„Mehr fein als scheinen, William — so halten wir es! Und ich meine, diesen Wahlspruch sollte sich auch die Jugend zu eigen machen."
In diese weltanschauliche Behandlung des Kofferthemas platzte hart und lieblos die Stimme eines neuen Mannes. Der Rufer im Streit war der Detektiv Ferguson, und er verlangte nichts anderes als: Man solle den Kerl samt seinen Koffern über Bord werfen! Und bei diesem ungewöhnlichen Vorschlag wurde er von einem anderen Fahrgast, nämlich seinem Kollegen Hooten, mit Nachdruck unterstützt. Und nicht nur das — die beiden trafen
sogar Anstalten, persönlich zur Ausführung ihres Vorhabens zu schreiten.
„Hände weg, Ferguson!" rief Martini und sprang gegen die Schanz zurück, um dem Angriff nicht ohne Rückendeckung ausgeliefert zu fein.
„Auf Sie haben wir gerade gewartet, mein Junge!" keuchte Hooten und holte zum ersten Griff aus.
Da hob Reverend Smith die Hände und warf sich, '.einesteils als Mensch und andererseits als Christ", dazwischen ...
Obwohl nun diese Szene gewiß spannend, rätselhaft und nicht alltäglich war, wurde die Aufmerksamkeit der Beteiligten und der Zuschauer, unter denen sich natürlich auch Carola befand, in diesem Augenblick durch ein neues Ereignis abgelenkt.
Humphrey Timperly nämlich, den das unvermutete Erscheinen des Mannes, in dem er instinktiv einen Nebenbuhler witterte, mit dunklen Entschlüssen randvoll aufgeladen hatte wie eine Leidener Flasche, hatte, einer unklaren, triebhaften Regung folgend, einen kräftig bemessenen Anlauf genommen und übersprang nunmehr — bitte sehr: Hochschulmeister seines Jahrgangs in diesem sportlichen Uebungszweig! — den gut fünf oder gar sechs Meter breiten Spalt zwischen Kai und „Catharina" und landete — härter als sonst bei dieser Hebung aufkommend — knapp an der äußersten Bordkante. Es war unverkennbar, daß er im nächsten Moment vom Uebergewicht nach hinten gerissen werden mußte. Mehrere Damen schrien zwar auf, begnügten sich jedoch mit dieser theoretischen Sympathiekundgebung. Carola aber gehörte zu den Naturen, die im Schreck nicht nach rückwärts, sondern nach vorn ausweichen. Doch sie kam zu spät. Denn als Humphrey so zwischen Himmel und Erde pendelte und gewaltig mit den Armen ruderte, um sein Gewicht Nordwärts zu werfen, griff Martini ein. „Holla, alter Freund!" sagte er liebenswürdig und riß Humphrey an der Krawatte an Deck, so daß er ihm in bester Absicht fast die Gurgel zugeschnürt hätte. „Was suchen Sie denn hier?"
Aber Humphrey war weit davon entfernt, feinem Retter Dankbarkeit zu bezeigen. Er lockerte mit einem Griff die würgende Krawatte und schüttelte mit der andern Hand Martini ab. als wäre er nicht Objekt einer Rettungstat, sondern Opfer eines Ueber-
falls gewesen. „Möchte ich Sie fragen, was Sie hier suchen!" knurrte er dem anderen ins Gesicht.
„Merkwürdige Frage! Mitfahren will ich selbstverständlich!"
„Was Sie nicht sagen?" höhnte Humphrey. „Sie brauchen Luftwechsel, was? Ist Ihnen wohl hier zu heiß geworden?"
„Ich würde an Ihrer Stelle nicht trinken, Timperly — wenn die Folgen am nächsten Tag so furchtbar sind."
„Machen Sie keine Witze, sondern beantworten Sie mir lieber eine kleine Frage! Bitte sehr, Teuerster: Wo waren Sie zum Beispiel heute morgen, als der Ueberfall auf den Diamantentransport stattfand? He — so antworten Sie doch gefälligst"
„Im Bett selbstverständlich! Wo sonst?"
„Im Bett —? Wundervoll! Also im Bett ... Na, dann werde i ch Ihnen sagen, wo Sie waren!"
„Tun Sie's lieber nicht, Timperly!" warnte Martini sehr leise, aber dicht vor Humphreys Gesicht. „Es wäre nämlich Blödsinn, was Sie jetzt Vorbringen würden ..." Er griff in feine Tasche und hielt Humphrey einen Zettel vor die Augen: „Die Abrechnung meines Hotels, falls Sie sie zu sehen wünschen. Datum des heutigen Tages. Ein halbes Dutzend Zimmerkellner stehen zu Ihrer Verfügung, um Ihnen zu bestätigen, daß ich dort nicht nur den .General Smuts'. sondern fast noch die Abfahrt der .Catharina' verschlafen hätte."
Humphrey gab sich nicht geschlagen: „Und ich werde Ihnen einen Zeugen dafür anschleppen, daß Sie gestern von dieser Reise noch keine Ahnung gehabt haben!"
„Was wollen Sie damit eigentlich beweisen? Derselbe Zeuge wird mir bestätigen, daß Sie gestern abend ebenfalls noch keine Ahnung davon hatten, daß Sie sich heute auf der .Catharina' einschiffen würden." Martini deutete auf den mächtig an gewachsenen Abstand zum Kai.
Humphrey bekam einen roten Kopf. „Das ist ganz was andres!" rief er hitzig. „Aber ich werde Ihnen beweisen, daß Sie der Bursche sind, der — —"
„Vorsicht, Timperly! Ihr Onkel Jonathan in Johannesburg ist ein kluger Mann — und hat dennoch, bei aller Voreingenommenheit gegen mich, mehrere Leute, die solche ^Behauptungen ausgestellt haben, wie Sie st" aufzuft"^ n eben im Begriff sind, hart an den Geldbeutel fassen müssen."
„Ich zahl' es gern!"
„Es wird Ihnen aber von der Erbschaft abgezogen werden!"
Die beiden Detektive Ferguson und Hooten waren unterdes zu der Einsicht gelangt, daß rohe Gewalt nicht der Weg wäre, um die beiden, in deren Streit sie mit berufsmäßigem Mißtrauen das Gezänk zweier Rivalen um den Diamantenschatz argwöhnten, von Bard zu entfernen. Darum verlegten sie sich, während der Wortwechsel zwischen Martini und Humphrey noch in vollem Gange war, auf den Verhandlungsweg und verlangten von Kapitän Zanten, der nach Beendigung der Hasenpaffage erst jetzt für sie Zeit fand, die augenblickliche Entfernung der zwei Kerle.
„Wenn Sie mit einem der ,Kerle' den jungen Timperly meinen, Ferguson", sagte Zanten in wohltönendem Baß, „dann sind Sie aber mächtig auf dem Holzweg. Wer Timperly heißt, klaut keine Diamanten — darauf können Sie sich felsenfest verlassen!"
„Gut, Ihre Meinung in Ehren, Kapitän — also Timperly klaut nicht. Aber wenn hier einer Diamanten stiehlt wie ein Rabe, dann ist es der andere Bursche. Dafür bürge ich Ihnen!"
Aber bis sie den Kapitän von der abenteuerlichen Vergangenheit Martinis und seinem mehr als zweifelhaften Ruf unterrichtet hatten, verging geraume Zeit. Sv viel Zeit jedenfalls, daß an einen einfachen Rauswurf des ungebetenen Gastes nicht mehr zu denken war, selbst für einen ausgezeichneten Schwimmer nicht.
Kapitän Zanten befand sich in einer Zwickmühle. Er sprach sich den Detektiven gegenüber offen darüber aus. Gewiß, hier standen sie als zwei ehrenhafte Leute vor ihm, von deren verantwortlicher Aufgabe — er genau so viel wußte wie sie selber. Andererseits ging es nicht an, einen Mann, dem noch fein Richter hatte an den Kragen gehen können, nur auf deu bloßen Verdacht hin, er könne etwas von dem-Diamantentransport an Bord der „Catharina" ahnen und es auf die Steine abge- I sehen haben, kurzerhand an die frische Luft zu . setzen. Wie überhaupt sollte er denn erfahren haben, daß der Transport ausgerechnet auf Zantens Schiff vor sich ging?
1 Fortsetzung folgt


