Rt.242 Drittes Blatt
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Samstag, lb. Oktober (<)3Z
Kür den Büchertisch.
Deutsche Erzähler.
— Wilhelm Schäfer: Wendekreis neuer Anekdoten. 264 Seiten. In Leinen gebunden 4,50 RM. Verlag Albert Langen / Georg Müller, München 1937. — (305.) — Nicht alle Tage fit dem Buchreferenten die stille Freude und tiefe Genugtuung beschieden, seinen Lesern ein Werk anuzeigen und ans Herz zu legen wie dieses: der chon berühmt gewordenen Sammlung seiner Anekdoten, die früher an dieser Stelle gewürdigt wurde, jiat Wilhelm Schäfer ein Viertelhundert neue hinzu- ziefügt, von denen kaum die eine oder andere zu- jior vereinzelt bekannt geworden ist. Was es mit ■em Wendekreis auf sich hat, mag jeder in der Iorrede des Dichters selber nachlesen: es läßt sich licht gut mit wenigen Worten eines Berichtes zu- summenfassen; aus dem „Humor der Ekliptik", wie schäfer es nennt, leitet er das Gemeinsame ab, das Hefe 25 Geschichten, so verschieden sie untereinander nach Stoff und Art sein mögen, verbindet. Daß irr mehr als eine Sammlung billiger Ergötzlich- laeiten erwarten darf, wird jeder wissen, der nur inniges von Schäfer gelesen hat: was vielleicht icht jeder weiß, ist in wenigen Sätzen des Dor- iiortes enthalten, die wir hierher stellen, weil sie F^tzverftändnisie aus dem Wege räumen, den Standort des Dichters bezeichnen und Wesentliches Iber die neue Sammlung zusammenfassen: Licht um eine vergessene Kunstart neu zu beleben, D»ie mir nachgesagt wurde, nicht um einen persön- lchen Stil zu erlangen, habe ich mich ein Leben §ling um jene kurzen Novellen bemüht, die ich meine Anekdoten nannte, sondern um der epischen »form in einer Zeit treu zu bleiben, die sich der , ustanbsschilderung bis zur Ausschweifung ergab. I;! eine der fünfundzwanzig Erzählungen freilich ... irhebt sich zur Tragik, die wir gemeinhin Schicksal icnnen; keine hat es gleichrdohl mit dem Alltag zu tin. Das Thema vielmehr ist ziemlich in allen das Weiche: wie mitten in den Alltag hinein die Frage euer absoluten Entscheidung gestellt und beantwor- tt wird..." Mit dem letzten Satz sind, wie uns Iheint, nicht allein die Erzählungen des „Wende- Leises" in einer sparsamen und gültigen Formel ^kennzeichnet, sondern es ist darin wohl auch etwas iom spezifischen Wesen der seltenen und kostbaren iunstform der echten Anekdote enthalten: jener auf i n äußerst ausgewogenes Maß gebrachten Form i Isr Erzählung, die sich entschiedener rundet als die Lovelle, an die gedrängte, antithetische Schärfe des : ramas anklingt, die endgültige Pointierung des I Epigramms enthält und in der gesammelten Kürze ■ nnes Augenblicks, in einer Sekundenbeleuchtung ; jl'eichsam, ein Stück Weltgeschichte oder ein Stück Nenschenschicksal sichtbar macht und erleben läßt. Btn der bezaubernden und entführenden Fülle dieses ^nekdotenbuches kann einer lernen, was schreiben Irißt, was mit Kunst, mit Geist, aus Menschen- I nntnis gestalten heißt; hier kann man auch den velleicht nie gekannten, vielleicht abhanden gekom- । neuen oder durch Uebersättigung und Mittelmaß x: trübten Genuß des Lesens wiederfinden, die reine Freude an der vollkommenen Erzählung. (Wir Zweigen von dem, was man außerdem und neben- b-: i, rein bildungs- oder erfahrungsmäßig, bei Schäfer lernen kann.) Es sind berühmte, bekannte imb ganz unbekannte Gestalten, die seine Anekdo- tm hier umkreisen: neben Goethe und Beethoven, Ireben Bismarck und Metternich,, neben Keller und Lltifter, um einige der namhaftesten zu nennen, treten so unbekannte wie der fürstlich Bernburgische Sekretär Johannes Kohlschein oder der „Freiburger ferrgott" oder die Flickschustersfrau Josefine Freidank. Aber sie alle werden einmal von diesem rgerkwürdigen Blitzlicht getroffen, das zur Anekdote o hört wie jener klassische Falke zur Novelle: und sisst aus jeder dieser Erzählungen bleibt dem Leser »me Szene, ein hell beleuchtetes Bild, ein Men- sPengesicht oder ein Wort haften, worin eben jene 6"rtscheidung gipfelt, von der die Rede war. Man f.mn sie unmöglich alle herzählen; der Marschall Tücher nachts auf der Treppe von Brienne, die ,/ote Hanne" im rasenden Galopp, der Graf Brock- drfs-Rantzau im Saal von Versailles, das Mädchen ttn Lüneburg und der preußische König mit dem Waisenkind in der Berliner Klippschule gehören zu d-m unvergeßlichen Gestalten.
Hans Thyriot.
— Edgar Maaß: Werdelust, Roman. Pceis in Ganz!. 5 RM. Propyläen-Verlag, Berlin. - (315) — Man staunt nicht schlecht wie sich eine menschliche hansische Prosa so sutje ins Hexame- ir sche hebt und wie denn nicht nur der akademisch Mildete, burgunderliebende Schulleiter, Herr Ohlsen, sondern auch Hamburger Vorschüler, Lehre- rmnen, Diensten, Kutscher und Käuze gleicherma- hin in hellenischer Syntax der schmückenden Bei- nrörter fröhnen. Man möchte an einen Pennälerulk glauben, der sich grienend mit lexikonischer Aieisheit durchträuft und sich bezuckert mit aller- hcmd mythischem Gespinst. Aber man sieht, es ift i'ti Erfahrener, der sich dieses gönnt, und man ist bclb gefesselt von dem geistreichen Flechtwerk, als welches (als welches, die liebe Vokabel ist auch etie Eigenart des Herrn Edgar Maaß, den fern heldisches Verdunbuch mit Recht berühmt gemacht bdt), als welches also der Verfasser viele Kindheit^ er nnerungen zusammenzaubert Man spurt auch i ckt großer Anteilnahme, daß die Homerische Ja- I l)cmn Heinrich Voß-Gebärde nicht nur witzig sei, jriberrt recht erbötig, die Fülle des Herzens zu lernen. Und die Nähe der Gesichte zu sonstigen. Hab die großen Bängnisse unb bas Jauchzen der Taabenzeit zu bämpfen. Unb bie Nacktheit ber Na- tiir. Unb so fingenb hält sich das ungebärdige V erbchen „Werdelust" teils in Zaun teils in §nng. Und da einem die Ohren aufgetan sind, iicrft auf allen Zeilen dieses Buches der gute alte Mnd, der zwischen Elbe unb Alster weht unb uns teuer ist unb anberen sowieso merfroürbig_ einen 9-og mit attischem Salz anzurühren! Die Genießer ö; rben noch lange nachschmecken unb murmeln, b -nnerroetter, das zieht hin! Hans Leip.
— Willy Kramp: Die H e r b st st u n d e. Eizählung. In der Reihe „Sturm unb Sammlung . 133 Seiten. Seinen 3 Mark. Verlag Albert Langen- «z org Müller, München, 1937. — (303) -— Aus Mer Geschichte, bie sich in einem einsamen Fischer- ierf am Ranbe ber pommerschen Küste zuträgt, v ht uns ber Atem eines stürmischen Schicksals an, )cm sich brei Menschen plötzlich ausgesetzt seh em im sich hart an ben Toren bes Lebens, bie sich d it unb verlockenb vor ihnen auftun, schließlich ^ich Bescheibung unb Ueberminbung ihrer selbst
zu bewähren. In ihrer Mitte steht groß unb ernst eine junge Frau, die nach leibooller Enttäuschung ihrem Erretter eine treue Gefährtin seines bescheibenen Lebens werben will, als fein Bruber, aus bem tätigen Schaffenskreis ber westbeutfchen Jnbustrie kommend, für einige Tage bie Heimat besucht unb mit stürmisch entbrannter Liebe ihrem Dasein eine reichere Erfüllung verheißt. Aber wie stark auch für bie Frau die Gefahr dieser Ver-
— Williams von Simpson: Die Barri n g s , Roman. Preis in Leinen geb. 10,80 RM., Verlag Rütten & Loening, Potsdam. — (280.) — Dieses breitangelegte und in ber Charakterisierung ber Lanbschaft, bes gesellschaftlichen Milieus und ber Menschen mit liebevoller Akkuratesse durchge- ührte Erstlingswerk eines ostpreußischen Ebelman- nes hat bie Atmosphäre „bei uns zu Lanbe auf bem Lanbe" mit viel Glück eingefangen. In ber Familiengeschichte ber Barrings entrollt sich uns ein auch politisch unb wirtschaftspolitisch quellenmäßig zuverlässig funbiertes Kulturbild vom Ausgang ber Bismarck-Aera. Die Barrings sinb ur- prünglich ein Memeler Kaufmannsgeschlecht, bas zu Beginn bes 19. Jahrhunderts sich auf mehreren ostpreußischen Gütern ansässig gemacht hat unb bort ben im Hanbel erworbenen Wohlstanb erhalten unb vermehren konnte, weil seine Träger in ber Stabt zu rechnen gelernt hatten unb mit biesem Sinne für Wirtschaftlichkeit bas tiefe Verstänbnis ür die Bedingtheiten des Lanbbaus unb bie starke Liebe zur Scholle verbanben, bie auch über bie in ber ostbeutschen Lanbwirtschaft so häufigen „mageren Jahre" hinweghalfen burch bie Erkenntnis, baß in ber Verbunbenheit mit ber Scholle bie starken Wurzeln des Geschlechts ruhen.
Der alte Barring, dessen Vater schon nobilitiert war, ist ganz der „große Herr", ein ostpreußischer ßanbebelmann von vornehmster Gesinnung, besten Rat als Politiker unb Lanbwirt weit über seine Heimat hinaus auch in Friebrichsruh unb am Hofe des Alten Kaisers etwas gilt, weil sein Weitblick unb seine Vorurteilslosigkeit ihn über ben Durch- chnitt seiner Stanbesgenossen erhebt, ein überlegener, strenger aber gütiger Herr, ber vielen Untergebenen, bereu Geschick seiner Führung anvertraut ist, ein wahrhaft umsichtiger Familienvater, besten imponierenbe Persönlichkeit selbstverständliche Autorität heischt. Sein einziger Sohn, von noblem Charakter wie ber Vater, künstlerisch talentiert, aber aus sehr viel weicherem Holz geschnitzt, binbet gegen ben Rat bes Vaters sein Schicksal an eine oberflächliche, hochfahrenbe unb unaufrichtige Frau aus altem Abel, bereu Verschweubuugssucht nach bem Tobe bes Alten, uachbem ein schwerer Unfall ben Jungen jeber Tatkraft beraubt hat, die reiche Besitzung bem wirtschaftlichen Ruin entgegentreibt, aus bem die Barriugs bann keinen anberen Ausweg sehen, als zu verkaufen. Die Frau, bie bas Laubleben gehaßt hat, bie in ber Liebe zur Scholle nie etwas auberes gesehen hat, als eine Versklavung unter einen toten Götzen, freut sich ber burch den Verkauf erzielten Millionen, bem Manne bricht bie Trennung unb bas Bewußtsein, feiner Aufgabe
— Werner Siebold: M i t offenen Augen. Drei Jungen unb ein Mädel entdecken ihre Waldheimat. Eine naturkundliche Jugeuberzäh- lung. Mit 8 Kunstdrucktafeln. 134 Seiten. Preis geb. 2,85 Mark. Hugo Bermühler Verlag, Berlin- Lichterfelbe. — (314) — Freube an ber Natur unb Ehrfurcht vor ber Natur sind zwei Begriffe, die aus dem Gesamtplan ber Volksbilbung unb vor allem ber Jugenderziehung im heutigen Deutschland nicht wegzubeukeu sinb. Wir wissen längst, wie wichtig, ja wie unerläßlich ein lebendiges unb persönliches Verhältnis zur heimatlichen Natur für bie Weckung unb Festigung bes Heimatgefühles unb ber Vaterlandsliebe im allgemeinsten Sinne ist. Darum brauchen wir Bücher, welche gerabe ben jungen Menschen auf eine ihm gemäße Weise in bas unerschöpfliche Reich ber heimatlichen Lanbschaft, ber heimatlichen Tier- unb Pflanzenwelt einführen; bie Erkenntnisse unb Erlebnisse, bas Wissen und die Freude, die ein junger Mensch in der Natur sammelt und in sich aufnimmt mit offenen Sinnen und wachem Herzen, werden ihn durch fein ganzes Leben begleiten unb ihm ein unveräußerlicher Besitz bleiben; sie werben seine Bilbung unb Entwicklung auf bas nachhaltigste und erfreulichste beeinflussen. Gute Naturkundebücher, bie sich nicht nur an bie Fachwissenschaft wenden, sondern an bas Volk, gibt es heute viele auf ben verschiebensten Gebieten; verhältnismäßig sehr wenige aber, bie, bei gleicher Qualität, gerabe für ben jungen Leser geschrieben unb geeignet sinb. Deshalb ist es eine Freube, ein Buch wie bieses von Werner Siebolb anzuzeigen. Es ist ein echtes Naturbuch und zugleich ein richtiges Jugendbuch, also kein trockenes Lehrbuch, sondern ein Lesebuch, spannend und lebendig, aus dem Anschauungs- und Vorstellungskreise etwa eines elfjährigen Buben heraus geschrieben, und zwar so, daß der jugendliche Leser ganz unmerklich unb gleichsam nebenbei nicht nur von ber ihn umgeben- ben Natur etwas lernt, fonbern selber Lust bekommt, wie die gleichaltrigen Helden ber Geschichte selbst mit offenen Augen braufeen umherzustreifen unb dasselbe ober ähnliches babei zu erleben. Siebolb erzählt bie Geschichte breier Brüber, bie gemeinsam auf Entbeckungsreisen auszieben; sie bauen Nistkästchen für Vögel, gehen mit bem Förster zur Krähenhütte, beobachten Wildenten unb Fischreiher, legen sich ein Naturtagebuch an, belauschen em Wiesel auf ber Mäusejagb, erleben ein Abenteuer im Eulenturm, entbeefen ein Rohrsänaer-Nest, ziehen junge Fischottern groß, bie bie Mutter verloren haben, begegnen Dachs unb Fuchs unb Eichhörnchen, einer Wilbsau mit Frischlingen, lernen mit Feldstecher unb Kamera hantieren, unb wenn sie zwischendurch eine handfeste Jungenkeilerei mit Gleichaltrigen austragen, dann gehört das so selbstverständlich dazu, wie das Verständnis für Naturschutz oder eine Wildfährte im Schnee Wir glauben, daß diese Geschichte jungen Lesern unb Leserinnen viel Freube machen unb eine Fülle von Anregungen bieten wirb. Die klaren unb schönen Aufnahmen, bie dem Buche beigegeben sind unb etwa
suchung ist unb wie heftig bie Brüber ber Entzweiung zu verfallen brohen, sie halten doch tapfer dem Schicksal stand und kämpfen sich dazu durch, nichts anderes als nur das Gute und Rechte zu tun. So handeln sie zum Wohl des Ganzen und erringen sich mehr als nur ihr eigenes Glück. Was diesem Buche über das Menschliche hinaus seinen Wert gibt, ist das erfahrene Wissen um das große Geschehen unserer Zeit.
Nordischer Bauernroman.
— S. Sa Iminen: Katrina. Roman. Aus bem Schwebischen übertragen von Ebzarb Schaper. Preis in Leinen geb. 6,50 Mark. Insel-Verlag, Leipzig. — (306) — Dieser Roman hat eine interessante Vorgeschichte, er erhielt bei einem schwebisch- finnischen Preisausschreiben ben ersten Preis, und bei ber Feststellung bes Verfassers ergab es sich, baß ihm eine Frau geschrieben hatte, bie als neuntes von zwölf Kindern einer armen Schifferfamilie auf ben Alanb-Jnseln geboren, mit 24 Jahren als Hausgehilfin nach Amerika gekommen war und bort in ber knappen Freizeit, oie ihr bie Arbeit in ber Küche eines amerikanischen Seifenmillionärs ließ, bie^e Geschichte aus ihrer heimatlichen Welt geschrieben unb bas Manuskript an ben schwedisch- finnischen Verlag eingefanbt hatte. Der Roman hatte einen außerordentlichen Erfolg und ist inzwischen in alle Weltsprachen übersetzt worden. Er schildert die Geschichte einer Bauerntochter, die sich durch die Versprechungen eines luftig schwadronierenden Seemannes verleiten läßt, ihm als seine Frau auf die Aland-Inseln zu folgen. Dort findet sie jedoch statt der versprochenen Herrlichkeiten Elend und Not, aber sie läßt sich vom Leben nicht unterkriegen. Sie setzt sich durch und bringt es soweit, daß ihr ältester Sohn das Glück findet, das ihr einst versprochen war. Auch die Stürme ber großen Welt schlagen in diese Einsamkeit hinein. Deutsche Truppen kommen bei Kriegsenbe als Finnlanbs Befreier, unb ergreifend ist bie Szene, bie biefe Begegnung mit beutfchen Solbaten fchilbert. Das Porträt btefer Katrina, einer tapferen Frau aus bäuerlichem Geschlecht, ist eines ber feinsten, im ersten bichterischen Versuch schon ein großer Wurf, weil bie Verfasserin selbst aus bem Reichtum ihres eigenen Erlebens zu uns spricht. L.
Frankreichs Schicksalsstnnde.
— P. C. Ettighoser : Eine Armee meutert. Frankreichs Schicksalsstunde 1917. Mit 31 Photos und einer Karte. Preis in Seinen gebunden 4,40 Mark. Verlag C. Bertelsmann, Gütersloh. — (228) — Es ist überraschend, welche Rolle der Zufall, bas kleine Wörtchen „wenn", in ber Kriegsgeschichte gespielt hat, wie auch noch im letzten Kriege trotz benkbar vollkommenster Ausbilbung aller Nachrichtenmittel, trotz Späherbienst, Ueber- läufer- und Gefangenenaussagen die Unkenntnis ber tatsächlichen Situation auf ber anberen Seite ber Anlaß zu den größten verpaßten Gelegenheiten, zu ben folgenschwersten Fehlentscheidungen würbe. Unter ber Erstarrung ber Fronten im Westen litten Freund unb Feinb; Versuche zur Auflockerung würben von beiben gemacht. Einer der großzügigsten, aber auch opferreichsten unb kostspieligsten war bie große Apriloffensive bes Jahres 1917, bie General Nive11e gegen bie Ueberzeugung einer Reihe seiner namhaftesten Mitarbeiter unb Untergebenen burchgesetzt hatte, weil sein glühenber siegesbewußter Optimismus alle Bebenken ber höchsten zivilen Instanzen Frankreichs mit ber lockenden Aussicht auf den Endsieg und die Beendigung des Krieges noch vor Ankunft der Amerikaner zu zerstreuen gewußt hatte. Die Vorbereitungen ber Offensive waren großzügig in jeber Hinsicht. Kriegsmaterial würbe in Mengen bereitgeftellt, wie man sie bis bahin noch nicht gekannt hatte. Nach bem Durchbruch, ben die Schwarzen General Mangins erkämpfen sollten und über dessen Glücken Nivelle schon keine Diskussion mehr erlaubte, sollte eine frisch hinter der Front der Durchbruchsschlacht zu- jammengeftellte Armee mit Kavallerie unb Tanks an ber Spitze bis zum Rhein vorstoyen. -rne Zeitungen versetzten bie Bevölkerung schon Wochen vorher in einen Siegesrausch. Beurlaubte Fliegeroffiziere prahlten in Pariser Kabaretts unbekümmert von fommenben Helbentaten, selbst im Aus- lanb wurde ber Plan Nivelles bekannt, es brauchte nicht einmal die Meldetasche eines bei einem örtlichen deutschen Erkundungsoorstoß gefallenen Ordonnanzoffiziers des französischen Hauptquartiers mit wichtigen Befehlen den Deutschen in bie Hänbe zu fallen, um die deutsche Heeresleitung ins Bild zu setzen. Die Offensive zerbrach an bem rechtzeitig organisierten Widerstand, der Zähigkeit und Tapferkeit deutscher Truppen aller Stämme. Furchtbar war der Stimmungsumschwung in Frankreich. Die Truppen, die man hatte glauben gemacht, daß sie nach bem tagelangen Trommelfeuer in den deutschen Schützengräben keine atmende Seele mehr oorfinben würben, waren auf überraschend starken Widerstand gestoßen und unter ungewöhnlich starken Verlusten abgewiesen worben. Nun strömen sie erbittert, mißmutig, verzweifelt zurück, über die Ausgangsstellung hinaus, ohne Halten, weiter in bas Hinterlanb, stürmen bie ersten besten für Verwundetentransporte bestimmten Züge und tragen ihre desaitistische Parole, baß sie verraten seien unb es nun mit bem Krieg vorbei fein müsse, bis in die Hauptstabt, die, von einer unter Zensur gehaltenen Presse, in Siegeszuversicht eingelullt, nun aus allen Wolken fällt, als sie von ben meuternden Truppen bie furchtbare Wahrheit erfährt, bie ben völligen Zusammenbruch bebeuten kann. Kilometerlang ist bie französische Front unbesetzt, ein Vorstoß bes Feinbes würbe nirgenbs auf Wiberstand treffen, aber ein schicksalbewegenber Zufall: der Deutsche weiß von nichts. Daß eine ganze Armee gemeutert hat, daß nur drakonische Strafgerichte erst nach Wochen die Disziplin wieder Herstellen konnten, als an bie Stelle bes unglücklichen Nivelle ber ruhige, vorsichtige Petain getreten war, das alles erfährt die deutsche Heeresleitung erst durch zurückkehrende deutsche Kriegsgefangene, als alles vorbei ist, die Front wieder steht und nun die Aussicht auf bas Kommen ber Amerikaner neue Zuversicht gibt. Es ist zu spät zur beutschen Gegenoffensive, bie Gelegenheit ist verpaßt, bie vielleicht ben Sieg ber beutschen Waffen unb bas Ende bes Krieges gebracht hätte, wenn man im beutschen Hauptquartier rechtzeitig erfahren hätte, was sich nach bem Scheitern ber Nivelle-Offensive auf der anderen Seite zu- getragen hatte. Ader diesmal war man verhängnisvoller Weise ohne Informationen geblieben. — Ettighofer schildert diese Schicksalsstunden des Weltkrieges mit wahrhaft atemberaubender Spannung, aber ohne billige Sensationshascherei auf Grund zuverlässigen Quellenmaterials. Das gut illustrierte Buch wird besonders das aufmerksame Interesse aller alten Frontsoldaten findet:. Fr. W. Lange.
Ein Familienroman der Vismarck-Aera.
Lebendige Naturkunde.
nicht gerecht geworden zu sein, das Herz, fein ältester Junge, in dem der Großvater den eigentlichen Erben seines Blutes und seiner Lebensaufgabe gesehen hatte, flucht der Mutter, die ihn als Kind schon systematisch zurückgesetzt hat unb ihn nun um bie Scholle ber Väter brachte, an ber er mit allen Fasern seines Herzens hängt. So wirb ber Nieber- gang ber Familie Barring zum Spiegelbilb ber einigen wenigen Einsichtigen, schon bamals spürbaren ersten Risse im politischen, sozialen unb wirtschaftlichen Gefüge bes Bismarckschen Reichsbaus unb ein Beispiel bes verhängnisvollen Wanbels ber Gesinnung, bie in ber Treue zur Scholle nicht mehr einen Dienst am Vaterlanb, nicht mehr bie sich ewig erneuernbe Kraftquelle bes Geschlechts sieht, fonbern eine Last, bie man von sich stößt, um sich in ber Stabt ben Genüssen eines bequemeren Lebens. hinzugeben. Hier künbete sich schon bie Zeitenwenbe an, bereu Ausstrahlungen wir heute noch bemüht sein müssen, zu beseitigen.
Das umfangreiche Werk Simpsons ist ber Roman einer Familie. Das legte ihm bie Aufgabe auf, die Wirklichkeit zu schildern, ohne Tenbenz, ohne Kritik bei sicherer Wahrung ber Distanzen, bie bie großen historischen Persönlichkeiten ber Zeit, bie, wie Bismarck, ber Alte Kaiser, Kronprinz unb Kronprinzessin, als hanbelnbe Figuren bes geschichtlichen Hintergrunbes eingeführt werben, in Wahrheit von ber Familie Barring trennten. Die Familie als Ganzes ist ber Helb bes Romans, jedes Glied wird in ber^scharfen Charakterisierung Simpsons äußerst lebenbig, nichts ist ihm zu unwesentlich unb belanglos, um nicht ber Verrichtung bes Bildes zu dienen, das wir von ber Familie als Ganzes gewinnen sollen. Und um sie herum, Gutsleute unb Diener, ber ostpreußische ßanbabel, Persönlichkeiten bes politischen ßebens unb ber Berliner Hofgesellschaft werben oft nur in wenigen Strichen uns beutlich vor Augen gestellt unb so sicher in die kühle Weite der ostpreußischen ßand- schaft mit ihren großzügig angelegten Herrensitzen ober in bie bamals noch trabitionsgebunbene Behäbigkeit bes Berlins ber 80er Jahre gruppiert, baß ber Einbruck bieser Milieuschilberung, bie auch bie feinsten Zügen beleuchtet, nicht geschlossener sein könnte. Soviel Bitteres und Nachbenkliches bas Buch uns auch, wenn auch ganz unaufbringlid), fast möchte man sagen unabsichtlich zu sagen hat, so burchstrahlt doch jede Zeile ein gütiger, verstehender Humor, eine von innen kommende Fröhlichkeit, und eine lebendige Frische, die es einem schwer machen, bas Buch aus ber Hand zu legen.
Fr. W. Lange.
einen Elch am Strande, den Kfebitz am Nest, den Drosselrohrsänger beim Füttern, ein Eichhörnchen ober einen Dachs zeigen, vertiefen unb befestigen ben Einbruck ber ßeftüre auf eine vorbildlich anschauliche Weise. Wer etwa um ein Weihnachtsgeschenk für feinen Jungen verlegen ist, wirb mit Siebolds Buch bestimmt das Richtige treffen.
Hans Thyriot.
— Eugen Schuhmacher: Unter Säbelschnäblern und Seeschwalbe n. Beobachtungen und Natururkunden aus der Vogelwelt der deutschen Nordseeküste. Mit 92 Bildern nach Naturaufnahmen. In ßeinen gebunden 3,90 Mark. Hugo Bermühler Verlag, Berlin-ßichterfelde. — (246) — Schuhmachers Buch reiht sich den ausgezeichneten früheren Veröffentlichungen des um eine volkstümliche Naturwissenschaft und vor allem um den Naturschutz in Deutschland sehr verdienten Verlages von Hugo Bermühler ebenbürtig an. Der Verfasser, der sich als Ornithologe wie als Tierphotograph einen Namen gemacht hat, lebte wochenlang auf zwei einsamen deutschen Nordseeinseln an der Eidermündung inmitten eines wahren Vogelparadieses. Riesige Scharen bem Binnenlänber kaum bem Namen nach bekannter Vögel, wie bie merkwürdigen Säbelschnäbler, verschiedene Spielarten der Seeschwalben, Austernfischer und Rotschenkel, hat er in ihrem Tun und Treiben, ihren ßebensgewohnheiten, beim Brutgeschäft, bei ber Nahrungssuche, im Kampfe, in ber ßuft, auf bem Wasser, auf ber Erbe unermüblich beobachtet unb in herrlichen Silbern festgehalten. Wenn man bie Aufnahmen in ihrer ßebensnähe unb Unmittelbarkeit auf sich wirken läßt, wirb man auch als Laie bie enormen Schwierigkeiten zu würdigen wissen, bie sich ihrem Zustanbekommen entgegenstellten; man wirb bie unerschöpfliche Liebe unb Gedulb bes Mannes mit ber Kamera ermessen, etwa eine Bildserie zustanbe zu bringen, die wie ein Filmstreifen einen Ausschnitt aus dem alltäglichen Dasein ber merfroürbigen Vögel festhält: so nähert sich ber Säbelschnäbler bem Nest, so schiebt er sich bie Eier unter, so läßt er sich nieber, jetzt beginnt er einzuschlafen... Solche Ausnahmen sinb wirkliche Natururkunben, welche bie überaus lebenbige unb oft fpannenbe Erzählung Schuhmachers auf bie anschaulichste Weise begleiten. Vieles von bem, was er zu berichten weiß, wirb auch bem Natur- kundigen neu sein; jedem Leser aber werden sich, wie wir glauben, eine Reihe von Einzelbildern aus dem Vogelleben an der Nordsee unvergeßlich einprägen, so zum Beispiel der Kampf brütender Säbelschnäbler gegen ein weidendes Schaf, das ben Eiern zu nahe kommt, ober bie Vernichtung ber winzigen, wehrlosen Seeschwalbenjungen durch die räuberischen roten Ameisen... Das vorzüglich bebilderte unb auch sonst gediegen unb geschmackvoll ausgestattete Werk wirb im befonberen jedem Dogelliebhaber, darüber hinaus allen Freunden ber heimatlichen Natur Freude machen und vielfältige Anregung unb Belehrung zuteil werben lassen.
1 Hans Thyriot.


