llr.59 Drittes Blatt
Donnerstag, B.lNärz 1937
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Militär-Großkonzert für das WKW.
Samstagabend in der Gießener Volkshalle.
Militärkonzerte erfreuen sich von jeher bei allen Volksgenossen der größten Wertschätzung. Das zeigten die früher während der Sommermonate veranstalteten Abonnements-Konzerte der Militärkapellen, es tritt aber auch bei den Platzkonzerten der Wehrmacht-Musikkorps zutage, wie gerne sich die Volksgenossen an solchen künstlerischen Darbietungen erfreuen. Was hier von den Konzertoeranstal- tungen, die jeweils nur e i n Musikkorps gab, in die Erinnerung zurückgerufen wird, gilt in besonderem Maße von den Konzerten, die als gr»ße musikalische Veranstaltung mehrerer Klangkörper weit über das musikalische Alltagsereignis hinausragen. Die Gießener Bevölke- rung wird sich erinnern, daß derartige große Konzerte in der Volkshalle stets vor Tausenden von Volksgenossen gegeben wurden, ja nicht selten die Volkshalle bei solchen Gelegenheiten überfüllt war.
Ein militärisches Großkonzert, wie wir es seit langer Zeit hier nicht mehr erlebt haben, wird am ko m men den Samstagabend in der Gießener Volkshalle gegeben. Das Konzert bildet einen wichtigen Bestandteil der großen Aktion unserer Wehrmacht zum Besten des Winter- Hilf s w e r k s , die am Samstag und am Sonntag überall im Bereiche des IX. Armeekorps, auch in Gießen und in den übrigen Garnisonen unserer engeren Heimat, durchgeführr wird. Der Zweck der vielseitigen Veranstaltungen unserer Soldaten besteht darin, möglichst reiche Geldmittel aus dem Ertrag der einzelnen Ereignisse mobil zu machen zur Hilfeleistung für die in der Obhut des WHW. stehenden Volksgenossen. Dieser besonderen Zweckbestimmung dient in erster Linie das große Konzert in der Volkshalle, es wird aber selbstverständlich, auch der Aufgabe gerecht werden, allen Besuchern durch hochstehende musikalische Darbietungen einige genußreiche Stunden zu bereiten und damit die enge Verbundenheit von Soldat und Volk noch mehr zu vertiefen und zu festigen.
Bei diesem Konzert werden drei Musik- korps und zwei Spielmannszüge als Mitwirkende auf der Bühne erscheinen, und zwar das Musikkorps unseres Gießener Infanterie-Regiments 116, das Musikkorps des Infanterie-Regiments 57, das Trompeterkorps des Artillerie-Regiments 45 und zwei Spielmannszüge unseres Gießener Infanterie-Regiments 116.
Der erste Teil der Vortragsfolge (symphonische Werke) wird von Musikmeister Deisenroth vom Jnf.-Regl. 57 geleitet, der zweite Teil (großes Militärorchester) steht unter der Leitung von Musikmeister Linnemann vom Art.-Regt. 45, der dritte Teil (großes Militärorchester mit Spielleuten und Fanfarenbläsern) wird unter der Stabführung von Musikmeister Wohlfahrt vom Jnf.-Regt. 116 gegeben.
Das Konzert wird von 20 bis 23 Uhr dauern. Die Eintrittspreise sind so außerordentlich niedrig angesetzt worden, daß alle Volksgenossen als Besucherin der Volkshalle erscheinen können. Auf den zehn vordersten Platzreihen kostet jeder Platz 1 Mark, für alle übrigen Plätze wird ein Eintrittspreis von 50 Pf. pro Person erhoben. Die Eintrittskarten werden von den Helfern der NSV. in den Wohnungen angeboten. Wie bis jetzt schon fest-gestellt werden konnte, ist der Kartenverkauf allenthalben sehr rege im Gange, so daß es sich für diejenigen, die bis jetzt noch keine Karten besitzen, dringend empfiehlt, ihren Kartenkauf umgehend vorzunehmen, damit sie nicht etwa erst kommen, wenn die Volkshalle bereits ausverkauft ist.
Jeder Käufer einer Konzertkarte kann das Bewußtsein haben, daß er sich einen genußreichen Konzertabend verschafft, zugleich aber auch sein Scherflein beisteuert zur Hilfeleistung für die Volksgenossen, die immer noch dringend der Betreuung durch das Winterhilfswerk bedürfen. Es ist also em doppelter Erfolg, den man mit 1 Mark bzw. 50 Pf. erreichen kann!
Aus der Provinzialhauptstadt.
Freude — eine Lebensnotwendigkeit.
Unsere Zeit mit ihrer Härte und ihren großen Aufgaben, die an Ernst und Standhaftigkeit die höchsten Forderungen stellen, bedarf als Gegengewicht der Freude. Diese Erkenntnis hat zur Schaffung der unser ganzes Volk umfassenden Bewegung „Kraft durch Freude" geführt. Ja, Freude ist lebensnotwendig. Wie jämmerlich sind die dran, die sich nicht freuen können! Sie sind griesgrämige Verächter des Daseins, sie zehren, wie Goethe in einem Gedichte „Harzreise im Winter" sagt, ihren „eignen Wert in ungenügender Selbstsucht" auf.
Das Sich-sreuen-können ist wahrhaft eine Kunst, die wir immer wieder von neuem lernen können, wenn wir es recht im Leben anfangen. Man muß es erleben, vielleicht kann man sich anstecken lassen von anderen, und denen ist es dann die größte Freude, wenn etwas von ihrem freudigen Wesen überfließt und anderen das Leben erträglicher und lebenswert macht. Aber neben diesem Sich-freuen- können selbst lohnt es doch auch einmal, zu betrachten, wie große und erlebnisreiche Geister über die Freude gedacht und sich ausgesprochen haben. Es sind sich alle Menschen, die sonst sehr verschieden denken, darin einig, daß Freude etwas Lebensnotwendiges ist. Die Haltung zum Dasein, die Erkenntnis der tiefsten und letzten Dinge mag bei ihnen noch so verschieden sein: es bindet sie eines, und das ist die Idee der Freude; freilich nicht in gleicher Weise. Es bedeutet einen der schönsten Spaziergänge in die Kulturgeschichte und in die Lebensart großer Menschen, wenn wir zusehen, wie sie zur Freude gestanden haben.
Da ist eine Gruppe von Menschen, die (auch wieder alle in verschiedener Weise) davon sprechen, daß Freude ohne Leid nicht möglich ist, vielleicht gar nicht gut wäre. Ein alter Markgraf von Brandenburg, Albert Friedrich, hatte einen sehr einfachen, aber sehr weisen Wahlspruch: „Kein' Freud' ohne Leid". Ihm gesellt sich der nicht unweise Spötter Mephistopheles im „Faust", wenn er sagt: „Freud' Muß Leid, Leid muß Freude haben." Aber Mörike fühlte, daß zu viel nie gut ist, und darum bittet er: „Wollest mit Freuden und wollest mit Leiden mich nicht überschütten! Doch in der Mitten liegt holdes Bescheiden".
Unser Volk aber — und das ist die höchste Erfüllung der Idee der Freude — soll leben nach dem Spruch von der geteilten Freude, die doppelte Freude ist! H.
Dornoiizen
Tageskalender für Donnerstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Togger". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Frauenliebe — Frauenleid". — Evangelische Frauenhilfe: 15 Uhr Hauptversammlung im Cafe Leib, Vortrag von Pfarrer Schmidt, Laubach. — Gustav-Adolf-Frauenverein: 20 Uhr Lichtbildervortrag von Pfarrer Bell, -Hermannstadt, in der Stadtkirche.
Shakespeare-Lustspiel im Stadttheater.
Am Freitag, 19. März, findet die Erstaufführung von „Viel Lärm um Nichts", Lustspiel von Shakespeare, statt. Die Spielleitung führt Dr. Erich Schumacher a. G. vom Stadttheater Saarbrücken. — Bühnenbilder: Karl Löffler.
NGOAp. Ortsgruppe Gießen-Ost.
Alle SS.-, SA.-, NSKK.-, NSRK.-, SA.-Ma- rine-Männer, die im Bereich der Ortsgruppe Gie- ßen-Ost wohnen, werden hiermit aufgesordert, am Donnerstag, 11. März, oder Freitag, 12. März, in der Zeit von 20 bis 22 Uhr den Beitrag zur Hilfskasse für die Monate April, Mai und Juni 1937 im Saal der Wirtschaft Germania, Kaiserallee
141, zu zahlen. Außerhalb der angegebenen Zeiten besteht keine Möglichkeit, den Beitrag, der nach Anordnung des Führers von allen obengenannten Angehörigen der Gliederungen zu bezahlen ist, zu entrichten.
Hitler-Jugend Dann 116 Gießen.
An die
Bevölkerung des Kreises Gießen!
Die Hitler-Jugend, Bann und Iungbann 116, veranstaltet am 16. TNärz, 20.30 Ahr, in der Volkshalle zu Gießen eine Großkundgebung mit Gauleiter und Reichsstatthaller Sprenger als Redner. Die Hitler-Jugend erwartet, daß sich die Bevölkerung recht zahlreich an dieser Kundgebung beteiligt.
Bann und Jungbann 116.
Am Donnerstag, 11. März, 20.15 Uhr, findet eine Arbeitsbesprechung sämtlicher Gefolgschaftsführer sowie Führer der Sondereinheiten auf der Banndienststelle statt.
Es wird nochmals bekanntgegeben, daß alle Gießener Einheiten, einschließlich Schar Wieseck und Klein-Linden, am Freitag, 12. März, 20.30 Uhr, an der Volkshalle zu Gießen anzutreten haben.
Deutsches Jungvolk, Zungbann 116.
Generalprobe zum Wehrmachtkonzert.
Am Samstag, 13. März, stehen die sechs Gießener Fähnlein um 8.30 Uhr an der Gutenbergstraße (Ludwigsplatz) angetreten. Die Angehörigen der Landfähnlein, die eine Gießener Schule besuchen, treten ebenfalls dort an. Vorschriftsmäßige Winterdienstuniform mit Schirmmütze.
BOM. und ZM.-Untergau 116.
Zur Generalprobe des Wehrmacht-Großkonzertes am 13. März
treten alle JGn., besonders alle Schülerinnen des Standortes Gießen, pünktlich 8.30 Uhr, in tadelloser Kluft, an der Volkshalle an.
Betr. Kundgebung am 16. März in der Volkshalle.
Alle Mädel- und Jungmädelgruppen sind am Dienstag, 16. März, um 19.45 Uhr am Schützenhaus angetreten. Selbstverständlich in ordentlicher Kluft. Gauleiter Sprenger wird zur gesamten HI. des Standortes Gießen sprechen.
Betr. Untergau-Werkausstellung.
Unsere diesjährige Werkausstellung wird vom 19. bis 22. März in sämtlichen Räumen des Klubs fein.
Die Unkergauführeri'n.
Oie Genehmigungsbehörde beim Grundstücksverkehr in Hessen. Auf Grund des § 10 der Bekannm-achung über den Verkehr mit landwirtschaftlichen oder forstwirt- schastlichen Grundstücken (Grundstücksverkehrs - Bekanntmachung) vom 26. Januar 1937 bestimmt der Reichsstatthalter in Hessen — Landesregierung — als Genehmigungsbehörde im Sinne der Bestimmungen der Grundstücksoerkehrs-Bekanntmachung das K r e i samt, in dessen Bezirk das Grundstuck gelegen ist. Liegt das Grundstück im Bezirk mehrerer Kreisämter, so ist das Kreisamt zuständig, in dessen Bezirk der größte Teil des Grundstücks gelegen ist. Zur Entscheidung der Beschwerde (§§ 7 u 8 der Grundstücksverkehrs-Bekanntmachung) ist der Reichsstatthalter in Hessen — Landesregierung zuständig. Die Beschwerde ist schriftlich bei. dem Reichsstatthalter in Hessen — Landesregierung — Abteilung VI — (Landwirtschaft) einzulegen.
Oie Berufsausbildung für kaufmännische und gewerbliche Lehrlinge.
Fwd. Im Hinblick auf die bevorstehenden Prüfungen und 'Einstellungstermine für Lehrlinge gibt das Reichs- und preußische Wirtschaftsministerium auch in diesem Jahre wiederum folgendes bekannt:
Die Gesellen- und Gehilfenprüfungen, sowie die Facharbeiterprüfungen werden nach den gesetzlichen Vorschriften für kaufmännische und gewerbliche Lehrlinge von den Industrie- und Handelskammern, für die handwerklichen Lehrlinge von den Innungen abgeyalten. Die Ablegung der Prüfung vor diesen öffentlich-rechtlichen Körperschaften ist Voraussetzung für das berufliche Weiterkommen des Jugendlichen. Behörden und Wirtschaft, vor allem das Reichskriegsministerium, die Reichspost und die Reichsbahn, haben allein die Prüfungen dieser öffentlich-rechtlichen Körperschaften als ordnungsmäßige und berechtigende Prüfungen anerkannt. Zugelassen zu diesen Prüfungen werden nur diejenigen Lehrlinge, die in die Lehrlingsrolle einer Industrie- und Handelskammer bzw. Handwerkskammer oder Innung eingetragen sind. In die Lehrlingsrolle -der Industrie- und Handelskammern werden nur solche Lehrlinge eingetragen, deren Lehrvertrag auf Grund des von der Reichswirtschaftskammer genehmigten Lehrvertragsmusters abgeschlossen worden ist.
Einschränkung des Fettgebäcks.
LPD. Der Reichsinnungsverband des deutschen Bäckerhandwerks und das Konditorhandwerk hatten bereits vor einiger Zeit ihren Mitgliedern die Herstellung und den Verkauf von Fettgebäck nur noch Mittwochs und Samstags zur Pflicht gemacht. Nunmehr wurden auch die Fachgruppen Brotindustrie und Lebensmittelind-ustrie amtlich darauf hingewiesen, daß nur noch an den beiden genannten Tagen Fettgebäcke hergestellt und verkauft werden dürfen. Der Reichs- und Preußische Minister für Ernährung und Landwirtschaft weist ausdrücklich darauf hin, daß zur Sicherstellung der notwendigen Einsparungen an Fett die getroffene Anordnung unbedingt einheitlich durchgeführt werden muß.
Das Mädchen mit dem Gilberhaar.
Vornan von Anny von panhnys.
25. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Mabel Jonson hatte eine nachdenkliche Falte auf der Stirn. Sie erinnerte sich, daß Günther noch kurz vor seinem plötzlichen Verschwinden übermütig mit ihr gescherzt hatte. Er mußte sich wirklich sehr zusammennehmen können.
Berthold war recht begierig auf die Bekanntschaft des zukünftigen Grafen gewesen, und es tat ihm leid, daß er ihn nun wahrscheinlich gar nicht kennenlernen würde. Franziska aber hatte die kleine Rede des Grafen nicht im geringsten interessiert; sie dachte nur an das Diadem auf dem großen Gemälde und fieberte dem Augenblick entgegen, wo sie mit ihrem Manne über das, was sie erregte, sprechen konnte.
In einem saalartigen Raum war der Tisch gedeckt.
Franziskas Augen hafteten nur auf einem der beiden großen Porträts, die in glänzenden Altgoldrahmen den größten Teil der einen Längswand einnahmen. Die etwas hochmütig dreinschauende Dame im gelben Seidenkleid war ihr gleichgültig, nur das Diadem in ihren dunklen Haaren war der Zielpunkt ihrer Aufmerksamkeit.
Der Graf trat näher.
„Es ist ein gutgetroffenes Bild meiner Mutter, der Offizier neben ihr stellt meinen Vater dar."
Franziska nickte und streckte ein wenig die Fühler aus.
„Herrlichen Schmuck trägt Ihre Mutter auf dem Bilde, Herr Graf. Mir fielen dieselben Schmuckstücke schon in dem anderen Zimmer auf dem Porträt Ihrer Urgroßmutter auf. Es handelt sich also sicher um Familienerbstücke."
„Allerdings, meine Urgroßmutter, meine Großmutter und meine Mutter sind mit diesem Schmuck gemalt worden." Er verneigte sich. „Ich möchte um die Ehre bitten, Ihr Tischherr sein zu dürfen."
Franziska saß dann neben ihm am Tisch, verspürte anfangs Lust, das Gespräch wieder auf den Schmuck zu bringen, unterließ es jedoch und beteiligte sich an der Unterhaltung. Ein prachtvoller Apparat der Radio-Radix spielte, diskret eingeschaltet, und erlesene Weine erhöhten die Stimmung. Nach Tisch ging man in den Salon zurück, und die Gräfin Ciboure meinte zum Grafen Rethel: „Die blonde Deutsche ist einfach bezaubernd!"
„Ja, sie ist bezaubernd", antwortete der Graf, und er dachte an eine, die auch so hinreißend gewesen rote Franziska Rq-ix, deren Erinnerung aber
von düsteren Trauerschleiern umweht war. Er haßte die Erinnerung und die blonde Frau, die all die böse Vergangenheit wieder lebendig gemacht.
19.
Günther hatte es in seinem Schlafzimmer nicht mehr ausgehalten. Wozu sollte er noch auf dem Bett Herumliegen? Sich selbst brauchte er ja keine Komödie vorzuspielen. Er saß jetzt in einem bequemen Sessel seines Wohnzimmers und grübelte darüber nach, daß er sich feit der Nacht des Maskenballes in einem großen Irrtum befunden. Sie war keine Komtesse Mönchsgut, deren frischen Mund er so verlangend geküßt wie nie zuvor einen anderen. Er hatte sie für eine Komtesse Mönchgut gehalten, irregesührt durch ein Gespräch zwischen zwei Herren, das er zufällig mit angehört. Sie hieß also Karsten und war jetzt die Frau des bekannten Industriellen.
Ihr hatte das Diadem gehört, das er sich angeeignet.
Aber sie hatte auf ein sofortiges Suchen danach keinen Wert gelegt. Vielleicht hatte sie die plötzliche Adrufung vom Ball doch nicht vorher mit dem Rotkäppchen ausgemacht, um der allgemeinen Demaskierung zu entfliehen, wie er bisher angenommen. Vielleicht war dieser jähe Aufbruch doch aus triftigen Gründen geschehen, und nur Schreck hatte die Blonde den Wert des Schmuckes vergessen lassen.
Nein, nein, auch das stimmte nicht! Solchen Wert kann man nicht vergessen, nicht einmal für Augenblicke. Und es war auch anscheinend später gar nicht besonders nach dem Diadem geforscht worden.
Rur eine Erklärung blieb jetzt noch: Die blonde Schönheit hatte selbst nicht gewußt, welchen Wert das Diadem darftellte, so unbegreiflich 'das auch schien. Aber noch unbegreiflicher war es wohl, wie das Diadem, das einmal die Gräfinnen Rethel getragen, an die Blonde gekommen. Ob sie es auf den Bildern nicht auch erkannt? Immer neue Rätsel.
Er fuhr sich ein paarmal über die Stirn und seufzte tief. Obwohl er die junge Frau vorhin nur für den Bruchteil einer Sekunde gesehen, hatte das doch genügt ihm zu zeigen, wie berauschend schön die Heldin seines Liebesabenteuers gewesen.
Ihr Anblick hatte ihm allerdings einen gehörigen Schreck eingejagt; aber nun die Gefahr beseitigt, regte sich noch ein anderes Gefühl in ihm. Das war die Sehnsucht und das Verlangen, den lockenden Mund noch ein einziges Mal küssen zu dürfen.
Er verspottete sich selbst. Die Sehnsucht würde sich nie erfüllen. Nicht einmal ein Blick in die großen grauen Augensterne würde ihm vergönnt sein. Wie ein Verbrecher mußte er sich vor der blonden Frau verbergen.
Und war er denn auch etwas anderes? War er nicht ein dreister Dieb, der mit dem Eigentum der Wunderschönen sein Leben erneut aufgebaut hatte?
Es klopfte leise an. Gleich darauf wurde die Klinke niedergedrückt. Dumm von ihm, nicht wenigstens
entkleidet im Bett zu liegen! Nun kam der Graf wieder und würde ihn mit Fragen behelligen.
Er lehnte sich in den Stuhl zurück, nahm eine leidende Miene an, schloß die Augen und blieb so, der Tür den Rücken wendend, sitzen, als hätte er gar nichts gehört.
Er erschrak, weil ihn plötzlich ein Wolke des aufdringlichen Parfüms umwehte, das Mabel ebensosehr liebte, wie er es nicht ausstehen konnte.
Er öffnete die Augen, und da stand auch schon die zierliche Gestalt im hellgrünen Abendkleid vor ihm.
„Ich habe mich unten heimlich weggestohlen, Francois, weil ich dich sprechen wollte Ich ahnte, daß du nicht im Bett liegst, und probierte es, dich zu überraschen. Hättest nicht vergessen dürfen, dich einzuriegeln, Francois."
Er war betreten, denn er wußte ja nun nicht einmal, welche Ausrede der Graf für fein Verschwinden gebraucht hatte. Er befand sich wirklich in einer unangenehmen Lage.
Es hieß also, geschickt um alles herumzugehen.
So erwiderte er halblaut: „Papa hat ja sicher erklärt, weshalb ich mich zurückgezogen habe. Halte dich aber, bitte, lieber gar nicht bei mir auf. Wir werden uns morgen hoffentlich schon wieder sehen und sprechen können." Er erhob sich.
Sie sah ihn scharf an.
„Francois, ich habe das Gefühl, bei dir stimmt irgend etwas nicht. Deinem Papa hast du etwas eingeredet, aber ich glaube nicht an dein plötzliches Kranksein. So wenig ich mich da zurechtfmde, behaupte ich doch, du hattest einen ganz bestimmten Grund, schnell und spurlos unten zu verschwinden, gerade als die beiden Deutschen eintraten." Ihre Stimme wurde sehr helle.
„Um den Mann dürfte es sich kaum handeln, also sage mir die Wahrheit: Warum hast du vor Frau Radix die Flucht ergriffen? War sie vielleicht einmal deine Verlobte?"
Gräßlich, diese Fragerei! dachte Günther etwas verblüfft und sehr verärgert, weil Mabel Jonson so scharfe Augen hatte.
Er schüttelte heftig den Kopf.
„Meine liebe Madel, so sehr mir deine allzu offenkundige Eifersucht schmeichelt, ist deine Vermutung natürlich falsch. Aber ich bitte dich dringend, geh jetzt.
Sie lachte leise und ein wenig tückisch, wie es dem Manne schien. Ihre Hände legten sich auf seine Arme, krampften sich plötzlich in den Stoff des feinen Tuchgewebes.
„Francois, ich liebe dich und will deine Frau werden. Ich bin aber nicht die Erstbeste. Mein Mißtrauen ist heute gegen dich geweckt worden. Du, ich würde sehr rücksichtslos aegen dich fein, wenn da irgend etwas in deinem Lehen mit einer Frau gespielt hätte, was du mir verschwiegen hast."
Er lachte: „Nun höre aber auf, Mabel! Deine Phantasie geht mit dir durch."
Sie zog die schmalen Schultern hoch.
„Dein Vater entschuldigte dich ungefähr so: Du müßtest dich erkältet haben und hättest dich schon den ganzen Tag sehr schlecht gefühlt; aber gerade, als die Gäste gekommen, wäre dir so elend zumute geworden, daß du nicht anders gekonnt, als dich nach oben zu schleppen. Ja, so war es. Ich aber finde, du siehst gar nicht krank aus, und weil ich so eine bestimmte Ahnung habe, daß diese blonde Frau der Grund zu deiner Flucht war, fordere ich zum Beweise, daß ich mich irre, jetzt dein Hinunterkommen. Ich bin überzeugt, dir fehlt gar nichts. Gar nichts!" wiederholte sie fast triumphierend.
Er griff sich an den Kopf. „Willst du mich lächerlich machen? Nachdem mich Graf Rethel entschuldigt hat, kann ich doch nicht plötzlich herunterkommen. Was geht mich die Frau an, die ich niemals zuvor gesehen habe? Ich wollte, als du kamst, gerade zur Ruhe gehen, denn ich fühle mich wirklich sehr schlecht. Es ist nur traurig, zu wissen, wie niedrig du mich einschätzt, Mabel."
Sie schämte sich plötzlich ihres Mißtrauens.
„Ich bin verrückt, Francois. Verzeihe mir! Aber der Verdacht war plötzlich da. Sei wieder gut, ich geh auch sofort hinunter. Hoffentlich geht es dir morgen besser. Ich habe Angst um dich. Ich telephoniere dich gleich morgen früh an."
Sie ließ sich die Hände küssen und schlüpfte leise aus dem Zimmer.
Mit finsterem Gesicht schaute ihr Günther nach. Das war ja eine ganz verdrehte Geschichte, daß Mabel auf die schöne blonde Frau eifersüchtig war! Ihre Schlauheit imponierte ihm aber, hatte sie doch ganz richtige Schlüsse aus seinem Verhalten gezogen. Er entnahm daraus die Lehre, Mabel mit größter Vorsicht zu behandeln. Der Zwischenfall eben hatte ihn gewarnt.
Mabel Jonson gesellte sich inzwischen unauffällig wieder zu den anderen Gästen. Sie trat gerade aus einem Nebenzimmer, als der Graf von einem Tischchen eine ziemlich große Photographie der blonden Frau hinhielt.
Unwillkürlich verfolgte Mabel Jonson die klein» Szene mit gespanntem Interesse.
Sie sah, wie die Blonde das Bild höflich ent» gegennnahm, es betrachtete, hörte, wie die @räfi* Ciboure sagte: „Der Spitzbart fleht ihm vorzüg» lief); trotzdem gefiel mir Francois beinahe noch besser ohne Bart!" Dann sah sie, wie der Deut* scheu das Bild aus der Hand fiel. Die Scherben des Glases flirrten auf dem Boden.
Mabel Jonson war jetzt fest davon überzeug^ daß zwischen Günther und der Deutschen irgend etwas gespielt hatte und er, nachdem er di« Blonde heute bei ihrem Eintritt erkannt, schleunigst ausgerissen war.
Mabel bückte sich rasch, hob das Bild auf.
..Mein armer Francois hat sich weh getan! Leder ist glatt und rutscht leicht ab, nicht wahr. Frau Radix?" (Fortsetzung folgt*


