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m. 234 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger iGeneral-Anzelger für Oberheffenf

Donnerstag, 7. Oktober |03Z

letzten Anschläge Geradheit der 1D1

, , je bes sterbenden Systems an der

Geradheit der Militärs scheitern, wie der Geist der

zu einer riesenhaften bedrückenden Gestalt, die an­gesichts des nahenden Todes einen jenseitigen, über­irdischen Schimmer erhält. Roma Bahn ist die Partnerin in diesem Totentanz, eine bleiche, alternde Frau mit bösen stechenden Augen. Wegener führt selbst Regie. Die Zuschauer, zunächst befremdet, dann bedrückt und am Ende im Bann einer großen künstlerischen Leistung, dankten den Darstellern.

Das Theater in der Saarlandstraße beginnt mit dem SchauspielDie Fahne" des jungen Otto Emmerich G r o h. In dem Lande einer nordöstlichen europäischen Union" hier läßt der Verfasser sein Drama spielen, das durch Umsturz und Attentate bedroht wird, ist eine Militärdiktatur unter einem Gouverneur eingerichtet worden. Die

Planetenbegegnung

Sternenhimmel im Oktober.

Äon Dr. Erwin Kossinna.

Klassisches und modernes Schauspiel

Theaterbericht aus der Neichshauptstadt.

Rechte des einzelnen sind beschränkt, der Senat wird überwacht, das alte System des Parlamenta­rismus und der geschäftigen Politiker wird durch die ehrenhafte soldatische Gesinnung des Gouver­neurs und seiner Offiziere abgelöst. Auf dem Boden dieser politischen Umwälzung vollziehen sich die Konflikte des Dramas. Durch eine fesselnde und wirksam gesteigerte Handlung zeigt Groh, wie die

Ehrenhaftigkeit und der Glaube an die Treue die Schatten der Vergangenheit verscheuchen, im Dasein des einzelnen und im staatlichen Leben des Landes, bis die Neugestaltung der Nation und seine Zu­kunft gesichert sind. Als Gouverneur findet Chri­stian Kayßler den soldatischen Ton und die große schauspielerische Linie für einen Mann, auf dem das Schicksal seines Landes ruht. Maria P a u d l e r gibt eine junge Frau mit vieler Zart­heit und innerlicher Wärme. Heinz Dietrich K e n - t e r stimmt das Männerdrama auf einen soldatisch sachlichen Ton. Gerhard Bohlmann.

Berlin, im September.

Vor einigen Jahren gab man im Theater des Volkes die drei Telle des SchillerfchenWallenstein" nacheinander in einer einzigen Vorstellung, die vom frühen Nachmittag bis Mitternacht dauerte, aber das geschah vor geladenen Gästen, und für den Alltagsgebrauch nahm man hernach die einzelnen Teile wieder auseinander und zeigte dasLager" mit denPiccolomini" in einer undWallensteins Tod" in der nächsten Aufführung. Das Staat­liche Schauspielhaus am Gendarmenmarkt bringt jetzt wirklichW allen st ein" an einem Abend in der Bearbeitung und unter Spielleitung Lothar M ü t h e l s. Um die Trilogie für eine Dauer von viereinhalb Stunden zusammenzufassen, dazu bedurfte es natürlich einer starken Straffung des Ganzen; das Vorspiel desLagers" bleibt jedoch in der jetzigen Einrichtung als ein abgeschlossener Teil für sich, aber diePiccolomini" und derTod" verfließen derart ineinander, daß der durch die große Pause bedingte Einschnitt erst nach dem ersten Akt von ^Wallensteins Tod" erfolgt. Muß man bei so durchgreifenden Kürzungen auch auf manche be­kannte Stelle und manchegeflügelten Worte" ver­

zichten, so vergeht sich doch die Einrichtung Müthels keineswegs gegen den Geist des Dichters; er bleibt nichts Wesentliches schuldig, klar und eindeutig zeichnen sich die großen Linien der wuchtigen Tra­gödie ab. Die Stimmung des Lagers, dessen graue Zelte sich vor einem herbstlich bunten Talgrund er­heben (Gesamtausstattung der Bühne von Rochus ©liefe), wird trotz allem tumultarischem Treiben wundervoll deutlich; ungewöhnlich eindringlich glie­dert sich der Verlauf des großen Kriegsrats (Picco­lomini"), prachtvoll gelingt das berühmte Bankett, und über dem letzten Akt lagert die düstere Schwere des Verhängnisses. Werner Krauß als Wallen­stein ist hier bekannt, wir kennen seine überlegene Haltung, die soldatische Gebärde, die Atmosphäre des Staatsmannes, die ihn umwittert. Auch für die Evifode Max Tekla (Hannsgeorg Lauben- t h a l Lola Müthel) hat die Einrichtung Raum aefchaffen, Octavio ist Walter Franck, Buttler Albert F l o r a t h , trefflich in feiner mürrisch- kargen Art, einen amüsanten Jsolani stellt Will Dohm dar, einen skeptischen Wrangel Erich Ziegel.

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Die Kammerspiele dasKleine Haus" des Deutschen Theaters, die nach dem Umbau das entzückendste kleine Theater geworden sind, er­öffnen mit der deutschen Uraufführung einer Ko­mödie des Engländers Michael (Egon:E r soll dein Herr fein", einem übermütigen Spiel zwischen einigen Ehepaaren, in dem so nebenher einige tausend Worte Eheweisheit gelehrt werden das ist der Reiz der schillernden Dialoge, so daß man nach einer eigentlichenHandlung" nicht allzuviel zu fragen braucht, und die Zuschauer nehmen solche Belehrungen mit verständnisvollem Lachen entgegen und quittieren durch lebhaftesten Beifall, der natürlich auch der vollkommenen Wiedergabe unter der Spielleitung Heinz Hil­perts gilt und der beschwingten Darstellung durch Gustav Fröhlich und Lizzi W a l d m ü l l e r , die die Hauptlast des Abends zu tragen haben und diese Aufgabe spielend leicht und meisterhaft be­wältigen.

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Mit dem Auge des Frauenfeindes aber wird der Ehekomplex auf der Bühne des Theaters am Kurfürstendamm betrachtet: der erste Teil von StrindbergsTotentanz" ist wieder auf- erftanöen und entfaltet sein geisterhaftes Treiben, den Totenreigen zweier Menschen, die fünfund­zwanzig Jahre hindurch in das Verließ eines engen Festungsturms zusammengekettet sind, eine Ehe­tragödie, durch das verzerrende Mikroskop des Weiberhassers Strindberg gesehen. Diese ver­sunkene Welt wieder lebendig zu machen, dazu be­darf es schon der großen Kunst Paul Wegeners, zu dessen bedeutendsten Rollen der Kapitän Edgar feit Jahrzehnten gehört. Sein Edgar schillert auch jetzt wieder in allen dämonischen Lichtern, er wird

Der diesjährige Oktober ist ein rechter Planeten­monat, denn alle Wandelsterne können beob­achtet werden. Am Morgenhimmel strahlt Venus, die etwa zwei Stunden vor der Sonne aufgeht. Sind die Luftoerhältnisse günstig, so wird ein ge­schickter Beobachter mit Hilfe eines Fernglases auch den Merkur entdecken, der im ersten Monatsdrittel seine günstigste Stellung erreicht unt> eine Stunde vor Sonnenaufgang dicht über dem Osthorizont er­scheint. Am 2. Oktober gesellt sich zu den beiden Planeten noch die schmale Sichel des abnehmen­den Mondes. Außerdem steht am Morgenhimmel der Neptun im Sinnbild des Löwen links von dessen Hauptstern Regulus; jedoch ist Neptun nur mit dem Fernrohr auffindbar, wenn man seinen Ort genau kennt. Am 11. Oktober wandert die Venus schein­bar dicht an Neptun vorüber.

Den Abendhimmel beherrschen Jupiter, Saturn und Mars. Den Riesenplaneten Jupiter finden wir um 19 Uhr ziemlich tief im Südsüdwesten; rechts von ihm den rötlichen Mars. Im Laufe des Monats bewegt sich Mars auf Jupiter zu. Beide Planeten begegnen sich am 29. Oktober, an welchem Tage Mars ganz dicht an Jupiter vorüberzieht. Selbst­verständlich ist eine solche Planetenbegegnung nur scheinbar, denn in Wirklichkeit steht Jupiter über viermal soweit von uns als Mars, erscheint aber wegen seiner enormen Größe fast fünfmal heller als Mars. Saturn leuchtet nach Beginn der Dunkelheit am Südosthimmel im Sinnbild der Fische, wo er durch fein Helles, ruhiges Licht ein auffälliges Gestirn ist. Uranus steht am 4. Ok­tober genau gegenüber der Sonne im Sternbild Widder, wo er mit einem Fernglas aufgesucht wer­den kann.

Der abendliche Fixsternhimmel erhält sein Ge­präge durch den zarten Glanz der M i l ch st r a ß e, die zu keiner Jahreszeit eine so günstige Stellung einnimmt, wie in Den Herbstmonaten. Bald nach Eintritt der Dunkelheit sehen wir das silbern schim­mernde Lichtband steil im Nordosten emporsteigen und vom Fuhrmann über Perseus, Kassiopeia, Ke- pheus zum kurzförmigen Schwan im Zenit ziehen, wo er sich in zwei Arme teilt, die sich nach Süd­westen zum Adler und Schild des Sobieski senken. Die wunderbare Schönheit der Milchstraße, ihre reiche Gliederung in einzelne Sternwolken und dunkle, fast schwarze Sternleeren,Kohlensäcke" ge­nannt, kommt freilich nur dann zur Geltung, we-nn an einem klaren Herbstabend kein Mondlicht ober künstliche Lichtquellen störend wirken und das Auge sich wenigstens eine Viertelstunde an die Dunkel­heit gewöhnt hat Man wird also am besten die erste und die letzte Oktoberwoche zur Beobachtung der Milchstraße verwenden und sich bei der Durch­musterung der einzelnen Sternwolken eines licht­starken Fernglases mit großem Gesichtsfeld bedienen.

Die hellsten Teile der Milchstraße sind die lang­gestreckte Wolke im Schwan, die gegen 19 Uhr nahe

dem Zenit steht, und die Schildwolke. Auch in der Kassiopeia und im Perseus ist die Milchstraße recht hell. Nach neueren Untersuchungen sind es haupt­sächlich die Sterne der 13. bis 16. Größenklasse, Deren vereinigter Glanz Den Eindruck Des zarten Lichtbandes erzeugt, jedoch sind in der Schwanwolke auch hellere Sterne (10. bis 12. Größe) wesentlich daran beteiligt. Die Tatsache, daß die Sterne in der Den ganzen Himmel umziehenden Milchstraße viel Dichter zusammengedrängt stehen als außerhalb der­selben, läßt darauf schließen, daß die Hauptmasse aller Sterne in einer verhältnismäßig flachen, lin­senförmigen Schicht von nur einigen Tausend Licht­jahren Dicke angeordnet sind, während der Durch­messer dieser Linse über 100 000 Lichtjahre beträgt. Dabei ist bemerkenswert, daß die Sonne nicht m der Mitte, sondern etwa 30 000 Lichtjahre vom Mit­telpunkt der Linse entfernt ist, der in der Richtung auf das Sternbild des Schützen zu suchen ist.

Am westlichen Rande der Milchstraße glänzt die helle Wega, der Hauptstern der Leier, der mit Denab im Schwan und Abair im Adler das be­kannte Sommerdreieck bildet. Am Westhimmel tauchen die Sommersternbilder Herkules, Nördliche Krone und Bootes hinab. Der helle Arkturus ist nur noch kurze Zeit nach Sonnenuntergang sichtbar. Im Süden steht hoch und groß über uns die geo­metrische Sternfigur des Pegasus, ein Sechseck, an das sich nach links das Pegafusquadrat oder der große Tisch" und die aus vier hellen Lichtpunkten bestehende Sternreihe der Andromeda anschließen, lieber dem zweiten Stern von links bemerken wir an klaren Abenden den mit freiem Auge sichtbaren Andromedanebel.

Tief am Südhorizont flimmert als einziger heller Stern Fomalhaut, der südlichste in Deutschland sicht­bare Fixstern achter Größe. Im Südosten bemerken wir das große Sternbild des Walfisches, in wel­chem der veränderliche Stern Mira jetzt fein Licht­maximum hat. Die Bilder des Tierkreises Steinbock, Wassermann, Fische und Widder besitzen nur ver­hältnismäßig schwache Sterne. Glanzvoller sind dagegen die Wintersternbilder Stier und Fuhr­mann, welche im Osten immer höher emporsteigen. Dem rötlichen Riesenstern Aldebaran gehen die Plejaden voran, ein offener Sternhaufen in 400 Lichtjahren Abstand.

Der Nardhimmel wird von dem Himmelswagen' im Großen Bären beherrscht, der jetzt in feiner tiefen Stellung besonders groß erscheint. Von den sieben Hellen Sternen des Himmelswagens besitzen fünf eine gemeinsame gleichgerichtete Bewegung im Raum, an der auch dasReiterlein" über dem mitt­leren Deichselstern Mizar teilnimmt. Um den Klei­nen Bären schlingt sich die gewundene Sternreihe des Drachen. Der veränderliche Stern Algol hat günstig zu beobachtende Lichtminima am 3. um 21 Uhr, am 23. um 22.30 Uhr, am 26. um 19.30 Uhr.

Führer ag der HZ.

des Gebietes Hessen-Nassau.

Der stellvertretende Reichsjugendführer kommt nach Darmstadt.

LPD. Vorn 8. bis 10. Oktober findet in Darm« stadt ein Führertag der HI. des Gebiets Hessen« Nassau statt, an dem 1400 HI.-Führer des Gebiets teilnehmen werden. Der Führertag wird am Frei« tagmorgen im Hessischen Landestheater eröffnet werden, wobei Gauleiter Sprenger und Ge­bietsführer Brandt sprechen werden. Am Abend des Samstags wird ein offenes Singen der HI., verbunden mit der Freilichtaufführung des Adolf« Hitler-Marsch-Films des Jahres 1937, der van der Marscheinheit Hessen-Nassau gedreht wurde, statt« finden. Am Sonntagnachmittag findet der Führer« tag der HI. seinen Höhepunkt und Abschluß in dem auf dem Marienplatz stattfindenden Schlußappell in Anwesenheit des stellvertretenden Reichsjugend» führers, Stabsführer Hartmann Lauterbacher.

Zm Dienst der Volksgesundheit.

NSG. Am Samstag wurde in Anwesenheit des Gauleiters und des Reichsärzteführers in Frank­furt a. M. das neue Aerztehaus des Gaues Hessen-Nassau eingeweiht.

Die Feier eröffnete der (Bauobmann des NS.« Deutschen Aerztebundes und Leiter der Landesstelle Dr. Behrens mit dem Gedenken der Toten des Weltkrieges, der Ermordeten der Bewegung und der Opfer der Arbeit, um dann die Entwicklung der Kassenärztlichen Vereinigung bis zur Macht­übernahme zu skizzieren. Nachdem er die Aufgabe des nationalsozialistischen Arztes umrissen hatte,

Immer abends als Letztes

Chlorodont

sprach Der Architekt des Neubaues Prof. Lieser über das Haus und übergab die Schlüssel dem Reichsärzteführer Dr. Wagner, der in seiner Rede vom Umbruch des Jahres 1933 ausging, der auch in die Form Der ärztlichen Organisation eine Aenderung gebracht hat. Ein einheitlich ausgerich­tetes Arzttum bedürfe auch einer würdigen Ver­tretung in einem repräsentativen Haus, da dies der Ausdruck der Stellung des Arztes im Dritten Reich fei.

Gauleiter Sprenger führte dann aus, daß er sich auf die Glückwünsche für das Gelingen dieses Baues beschränken könne. Wesentlich sei, auch an dieser Stelle herauszustellen, daß die Partei alle Dinge lenkt und sich mit allen Dingen be­schäftigt, die das Volk angehen. Vielleicht fühle sich manche Stelle dadurch beengt, aber die Partei, die die Menschenführung hat, hat Die Verpflichtung da­zu, Da sie Das ganze Volksleben zu betreuen hat.

Keine wilden Grabungen

nach geschichtlichen Bodenfunden.

Lpd. In Ausführung Des hessischen Denkmal­pflegegesetzes mirD durch Runderlaß der Abt. 7 der Landesregierung an die Kreis- und Stadtschul­ämter und die Direktionen der höheren Lehranstal­ten Darauf hingewiesen, Daß Grabungen nach BoDenfunden nur mit Zustimmung der Bodendenk­malpfleger Prof. Dr. Behn (Mainz, Römisch-Ger­manisches Zentralmuseum), zuständig für Starken­burg und Rheinhessen, und Privatdozent Dr. Rich» t e r (Gießen, Oberhessisches Museum), zuständig für Oberhessen, vorgenommen werden dürfen. Boden- funde jeglicher Art, ob von Der Lehrerschaft oder von Schülern entdeckt, sind unverzüglich dem Ört­lichen Bertrauensmann für Denkmalpflege und bei dessen. Nichtanwesenheit der Bürgermeisterei zu melden.

Biedermeier-Konzert in Gekt'aune.

M'iqeteilt von Dr. Erwin Kroll.

den getafelt und fleißig dem Champagner zugespro­chen hatte, wurde sie so fröhlich und ausgelassen, daß niemand an das nun folgende Konzert dachte. Der Schrecken war darüber allgemein, als plötzlich ein Bote erschien und meldete, daß zahlreich ver­sammelte Publikum werde ungeduldig und ver­lange daL.Beginnen des Konzertes.

Werke ging, hatte heute in tollem Uebermut des

Man brach nun eiligst nach dem Konzertsaal auf, doch war eigentlich niemand mehr in der gehörigen Verfassung, um öffentlich auftreten zu können. Auf­fallend war dabei, daß die sonst Zaghaften nun die Mutigsten geworden waren. Das Altonaer Dilet­tantenorchester, dem die Hamburger Künstler als Kern und Stütze dienen sollten, war schon aufge­stellt, und das Konzert begann daher sogleich mit einer Ouvertüre von Romberg, die er selbst leitete. Er, dem man nicht zu Unrecht vorwarf, daß er die Tempi seiner Kompositionen stets zu lang­sam nähme, übereilte das Allegro seiner Ouvertüre diesmal dermaßen, daß die armen Dilettanten gar nicht mitkommen konnten. Es fehlte daher nicht viel, so wäre schon in der Ouvertüre umgeworfen wor­den. Nun folgten wir, meine Frau und ich, mit einer Sonate für Harfe und Violine, die wir, wie immer, ohne Noten vortragen wollten. Als wir schon saßen, und ich zu beginnen gedachte, flüsterte mir meine Frau, die sonst die Besonnenheit selbst mar, ängstlich zuUm des Himmels willen, Louis, ich kann mich nicht besinnen, welche Sonate wir spielen wollen, und wie sie anfängt!" Ich fang ihr den Anfang heimlich ins Ohr und brachte sie so wieder zu der nötigen Ruhe und Besonnenheit. Un­ser Spiel ging nun auch ohne Unfall zu Ende und erwarb uns großen Beifall. Nun sollte Madame Becker eine" Arie fingen und war auch bereits von Romberg auf die Orchester-Erhöhung geführt worden, als sie, zum großen Staunen des Publi­kums, plötzlich wieder davonlief und im Neben­zimmer verschwand. Voller Besorgnis, daß sie krank geworden, eilte ihr Dorette nach! Doch kehrten sie beide bald zurück, und ich erfuhr von meiner Frau, daß der Sängerin infolge des Diners der Atem gefehlt, und sie daher erst die Kleider habe lockern müssen.

Nun folgte Hermstedt mit einer schweren Komposition von mir. Er, der sonst beim öffent­lichen Auftreten mit der ängstlichen Vorsicht zu

begegneten, die später Stoff zu vielen Neckereien gaben. Dieses Konzert war von einem reichen Al­tonaer Musikfreunde veranstaltet worden, der die Hamburger Mitwirkenden zu einem luxuriösen ,

Essen einlud. Nachdem die Gesellschaft zwei Stun-j Cchampagnerrausches em . neues, noch mcht erprob-

Ludwig ober, wie er genannt wurde, Louis Spohr gehört zu den deutschen Musikern der ersten Romantik, die heute fast ganz vergessen sind, obschon er zu seiner Z?it ein Geigenmeister von europäischem Rang und als Schaffender ebenso vielseitig wie erfolgreich war. Wer weiß heute noch etwas von den Opern, den Sinfonien, den Liedern und zahlreichen Kammermusiken dieses kerndeut­schen Mannes? Höchstens eines seiner Violin­konzerte hört man noch gelegentlich. Sein Freund, Carl Maria von Weber, auf den er zunächst als auf einenDilettanten" ein wenig herabsah, hat ihm schließlich doch den Rang abgelaufen. Er ver­half ihm übrigens zur Hofkapellmeisterstelle in Kas­sel, und hier hat Spohr in den Jahren 1822 bis 1857 unendlich viel für die deutsche Oper getan. Als Geiger und später als Kapellmeister kam er viel in der Welt herum. Er hatte in jungen Jah­ren in Gotha, wo er als Konzertmeister wirkte, Dorette Scheid! er, die Tochter einer Hofsänge­rin, kennen und liebengelernt. Sic war Harfenistin und begleitete nun ihren Mann viele Jahre hin­durch auf feinen Konzertreisen. Dem stattlichen und liebenswürdigen Paare kam man überall freundlich entgegen. In Deutschland zumal war während der Biedermeierzeit die Harfe ein bevorzugtes Instru­ment, und Spohr selbst hatte als Geiger, den Hexenmeister P a g a n i n i vielleicht abgerechnet, sei­nesgleichen nicht.

Auf seinen Konzertreisen kam das Künstlerpaar 1812 auch nach Altona, und was man hier er­lebte, erzählt uns Spohr in feiner Selbstbiographie: Eine deutliche Erinnerung habe ich noch von einem Konzerte in Altona, bei welchem wir, wie auch mehrere unserer Hamburger Freunde, mit­wirkten und in welchem uns allerlei kleine Unfälle

tes Blatt dem Mundstück seiner Klarinette aufge­schraubt und rühmte sich dessen auch noch gegen mich, als ich das Orchester bestieg. Mir ahnte gleich nichts Gutes. Das Solo meiner Komposition be­gann mit einem lang ausgehaltenen Tone, den Hermstedt kaum hörbar ansetzte und nach und nach zu enormer Kraft anwachsen ließ, womit er stets große Sensation machte. Auch diesmal begann er so, und das Publikum hörte dem Anwachsen des Tones mit gespannter Aufmerksamkeit zu. Als er ihn aber zu höchster Kraft steigern wollte, über­schlug sich das Blatt und gab einen Mißton, ähn­lich dem, wenn eine Gans aufschreit. Das Publi­kum lachte und der nun plötzlich nüchtern gewor­dene Virtuose wurde leichenblaß vor Schrecken. Doch faßte er sich bald und trug nun alles übrige in gewohnter Vollendung vor, so daß ihm am Schluß enthusiastischer Beifall nicht fehlte.

Am schlimmsten erging es aber dem armen Schwenke. Ihm hatte das Diner die Hosen­schnalle gesprengt, ohne daß er es bemerkt hatte. Als er nun bet einem Potpourri mit Quartett­begleitung, daß ich zum Schluß des Konzertes spielte, zur Ueberncchme der Diolapartie auf die Erhöhung des Orchesters getreten war, fühlte er bald nach Be­ginn der Musik, daß ihm durch die Bewegung der Bogenführung das Beinkleid zu sinken begann. Viel zu gewissenhafter Musiker, um von seinen Noten etwas auszulassen, wartete er ruhig die Pausen ab, um das Beinkleid wieder heraufzuziehen. Seine Not blieb dem Publikum nicht lange verborgen und er­regte große Heiterkeit. Als ihm nun aber am Ende des Potpourris eine Sechzehntelbewegung dermaßen schüttelte, daß das Sinken des Beinkleides bedenk­liche Fortschritte machte und ans Unanständige zu streifen drohte, da konnte das Publikum sich nicht mehr halten und brach in ein allgemeines Kichern aus. So wurde durch diese (Störung meines Solo­vortrags auch ich mit in Die allgemeine Kalamität des Tages hineingezogen ..."

ßotbfditilnatbndifen

Professor Dr. Otto Regenbogen, Ordinarius für klassische Philologie an der Universität Hei­delberg, wurde auf Grund Des § 6 Des Berufs­beamtengesetzes in Den Ruhe st and versetzt.

Zeitschriften.

Mit Dem letzten Doppelheft Des 50. Jahrganges hat DieDeutsche Zeitschrift" (Verlag Georg D. W. Callwey, München) ihr Erscheinen einge­stellt: sie roirD in Der ebenfalls an dieser Stelle regelmäßig angezeigten ZeitschriftDas Innere Reich" (Verlag Langen-Müller, München) aufgehen. Der Verlag Callwey betont, wie schwer ihm der Entschluß gefallen sei, die Zeitschrift eingehen zu lassen, aber trotz großen finanziellen Opfern war eine Weiterführung nicht möglich, weil im Laufe Der Zeit Der Leserkreis zu klein geroorDen war. AlsDeutsche Zeitschrift" wurde feit einer Reihe von Jahren Der von FerdinanD Avenarius be» grünDeteKunstwort" weitergeführt. Die ältere Befergeneration mirD wissen, was Avenarius ge­leistet und was derKunstwort" vor dem Kriege für dos geistige Leben und die kulturelle Erziehung in unserem Londe bedeutet hat. Generationen der besten Deutschen verdanken ihm eine wesentliche, ihr ganzes Leben bestimmende Bereicherung, Festigung und Klärung ihres kulturellen Besitzes und Verantwortungsgefühls. Seine von keiner anderen ernsthaften Zeitschrift auch nur annähernd erreichte Wirkung in die Tiefe und die Breite Des deutschen Volkes verdankte der alteKunstwort" Dem genialen Präzeptor, Der (wie Der abschiedneh» mende Rechenschaftsbericht Des Verlages unD Der Schriftleitung sich ausDrütft) in Avenarius steckte. Viele werden heute sehr nachdenklich und sehr schmerzlich bewegt davon Kenntnis nehmen, daß es denKunstwort" nun nicht mehr gibt in keiner Form; sie werden sich zugleich mit tiefer Dankbarkeit dessen erinnern, was Da etwa vom Beginn dieses Jahrhunderts an geleistet worden ist; wer mit den Jahrgängen dieser Zeitschrift sozusagen groß geworden ist, weiß die Bedeutung eines solchen Abschiedes zu ermessen und wird hoffen, daßDas Innere Reich" etwas von der Tradition zu wahren vermag, die derDeutschen Zeitschrift" weiterzu­führen versagt geblieben ist. Dos letzte Doppel­heft ist noch einmal besonders reich ausqeftaltet; wir nennen daraus den Leitaufsatz über Monarchie und Verfassung im Britischen Weltreich von Hans Bütow, dieUnterscheidung der Geister" von Ernst Benz,Turenne im Privatleben" von General Weygand,Lord Byron im griechischen Freiheits­kampf" von Claus Schremvf und den Sammel« bericht über neue deutsche Lyrik von Hans Böhm.