Einzelbild herunterladen

Nr. 5 Drittes Blatt

Donnerstag, 7.Zanuar M7

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Vderheßen)

Aus der Provinzialhauptstadt.

Erster Eintopfsonntag 1937.

Der Eintopfsonntag am 10. Januar ist der erste un neuen Jahr. Es ist ein guter Gedanke, nach den reicher besetzten Tischen einer ganzen Serie von festlichen Tagen wieder einmal zum schlichten Eiy- tops zurückzukehren. Dabei wird manchem, der es vergessen haben könnte, wieder einmal klar, daß es noch genug Not und Sorge im Lande gibt und daß es eine Ehrensache der Volksgesamtheit ist für diejenigen emzutreten, die vorn Glück weniger be- günstigt sind. Es ist in Deutschland gottlob genug da, um alle satt zu machen. Es gibt hier keine Preistreiberei und es wird kein Wucher geduldet. Vernünftige Gesetze, den Bedürfnissen der Zeit an­gepaßt, wachen über dem Ganzen. Mehr als das: die Volksgemeinschaft ist bestrebt, sich in den Geist dieser Regelungen einzufügen, freiwillig und ohne Zwang. Sie hat unter der nationalsozialistischen S^atsfuhrung begriffen, was Solidarität ist.

^luch der Eintopfsonntag gehört zu diesen Ein­richtungen einer neuen Zeit. Er ist aus freiem Wil­len entstanden und hat doch eine öffentliche Bedeu­tung erlangt. Kein Deutscher will sich von ihm ausschließen. Jede Hausfrau setzt ihren Stolz darein, an diesem Tage ein Gericht auf den Tisch zu stellen, daß so nahrhaft wie einfach ist. Niemand braucht über die Bedeutung der Sammlung belehrt zu wer­den, jeder kennt Sinn, Zweck und Erfolg. Es gilt, den ersparten Betrag der großen Spende dem Win- terhilfswerk zuzuführen, damit alle Bedürftigen gespeist und gekleidet werden, damit niemand in Deutschland zu frieren braucht. Freudig geht die Gesamtheit an diese Aufgabe, besonders auch des­halb, weil hier ein Stück praktischer Nächstenliebe getrieben wird.

Es fällt manchen Leuten leichter, in den Geld­beutel zu greifen, um einen Beitrag für einen guten Zweck zu geben, als durch einen Verzicht etwas für denjenigen zu tun, dem es viel weniger gut in dieser Welt geht, als der Menge der Spender. Dieser Ver­zicht wird aber an den Eintovfsonntagen gefordert; darin liegt auch ihr erzieherischer Wert. Auch der Wohlhabende soll sich an diesem Tage mit einem schlichten Essen begnügen, um einen Betrag einzu- sparen, der den Notleidenden im Volke zugute kommt. Das Ausland hat gerade diese Seite des Eintopfes am stärksten beachtet und ist bestrebt, ihm nachzueifern.

Ein Werk wie das WHW. ist in feiner ständigen Wiederkehr nur dann durchzuführen, wenn dahinter noch mehr steht als guter Wille, wenn es von natio­nalsozialistischem Idealismus erfüllt ist. Das wol­len wir auch am nächsten Sonntag bedenken, wenn wir unser Eintopfgericht verzehren und unsere Spende wieder für das gute Werk des WHW geben.

Dornotizen.

Tageskalender für Donnerstag.

Stadttheater, 20 bis 22.30 Uhr:Towarisch". Gloria-Palast, Seltersweg:Das Hofkonzert". Lichtspielhaus, Bahnhofstraße:Port Arthur". Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde: 20.15 Uhr Lichtbildervortrag von Max Junge, Chile, über Sechs Forschungsreifen nach Westpatagonien" in der Aula der Universität.

Stadttheater Gießen.

Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Um vielfachen Wünschen gerecht zu werden, findet heute abend eine unwiderruflich letzte Aufführung des großen Komödien-ErfolgesTowarisch" von Jacques Deval zu kleinen Preisen statt. Das Stück steht, wie statistisch festgestellt ist, an der Spitze der mit größtem Erfolg an den deutschen Theatern gespielten Stücke. Für die deutsche Bühne wurde Towarisch" von Curt Goetz bearbeitet. Die Spiel­leitung führt Wolfgang Kühne. Es wirken mit: Inge Birkmann, Maria Gerhardt, Charlotte Krause, Hansi Prinz, Luise Schubert-Jüngling; Gerhardt Frickhoeffer, Gert Geiger, Victor v. Gschmeidler, Heinrich Hub, Heinz Rosenthal, Peter Schorn, Karl

Wer darf ein Wappen führen?

Ein Wappenbuch der hessischen Geschlechter.

Teilnehmerpreis 26,50 RM. SchwarzwaldKniebis vom 30. Januar bis 5. Februar; Teilnehmerpreis 33,50 RM. RhönGersfeld vom 23. bis 30 Jan.; Teilnehmerpreis 18,50 RM.

BOM. - llntergou 116 (Gießen).

Im Rahmen einer Veröffentlichungsreihe der deutschen Sippenwappen ist auch ein hessisches Wappenbuch soweit ge­fördert, daß es sich schon in oer Zeichnung befindet.

Oft wird heute an den Familienforscher die Frage gerichtet: Wir haben festgestellt, daß unser Groß­vater oder Urgroßvater ein Wappen geführt hat; dürfen wir das heute weiterführen? Wer ist heute überhaupt berechtigt, ein Wappen zu führen? Solche und ähnliche Fragen sind leicht zu beantworten. Jedermann, der den Nachweis führt, daß in seiner Sippe ein Wappen geführt worden ist, ist berechtigt, es heute weiterzuführen.

Die alten hessischen Geschlechter waren sehr wap­penstolz. Dafür haben wir eine Unmenge von schönen Beispielen. Von den etwa zweihundert Stammfolgen der hessischen Geschlechter, die wir so genau kennen, daß die Hessen im Deutschen Ge- jchlechterbuch mit an der Spitze marschieren kön­nen, besitzen wir über hundert musterhafte Wappen, die heute noch von vielen Familien geführt werden und von mehr noch geführt werden könnten, wenn sie sich der Mühe unterziehen wollten, der Spur ihres Geschlechts nachzugehen.

Als Urstand des deutschen Volkes zeigt sich hier besonders ausgeprägt der Bauernstand. Altgerma­nischer Bauernstolz spricht aus den hessischen Bauerngeschlechtern der Brill, der Hahn, der

Rabe und weit zurückreichend aus dem Schwälmer Bauerngeschlecht der H o o s L, das bis 1467 auf seinen alten Erbhöfen nachweisbar ist. Wohin die Erbteilung des Bauernhofes führt, ist klar an der Stammfolge der Krug von Nidda ersichtlich. Daß sich auch Handwerkergeschlechter jahrhundertelang als solche halten, dafür feien als Beispiel die Rumpf aus Butzbach und die Raabe aus Marburg herausgegriffen. Wie sehr sich auch andere Berufe durch ganze Geschlechter hindurch vererben können, dafür seien die Fischer und Küfer S ch ä ck e r, die Heß als Aerzte und die Palmer und Kornmesser als Pfarrer erwähnt. Die Verquickung von Handwerk und Bauernstand zeigt die Stammfolge Rabe. Wie weit sich das Blut einer Sippe auch durch weib­liche Nachkommen ausbreiten Fann, dafür sei als Beispiel das Bauerngeschlecht der Hahn aus dem alten Friedbergischen Freigericht Kaichen erwähnt. Wie alte Geschlechter, die jahrhundertelang im Mannesstamm führend waren, absterben können, weil das Blut nicht mehr zum Boden zurückfand, dafür sind Beispiele die Geschlechter Heß I., Huth, Kornmesser, Nebel und W e tz e l l. Ein Name, der sich in fast allen hessischen und in Tau­senden von Stammfolgen außer Hessen findet, ist Appolonia Orth, alshessische Stammutter" allen bekannt, die sich mit Familienforschung befassen.

(Bild: Spannring, Frankfurt.)

Volck, Fritz Walter. Bühnenbilder: Karl Löffler. Die Vorstellung beginnt 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr. Außer Miete.

Die deutsche Arbeitsfront n.9.=Öemeinfd)aftKratt durch freude"

Amt Feierabend.

Für die Theatervorstellung am Samstag, 9. Ja­nuar, 20 Uhr,Eharleys Tante", sind Karten zum Preise von 70 Pfennig bei der Kreisdienststelle zu haben.

Für die Theatervorstellung am Donnerstag, 7. Ja­nuar, 20 Uhr, einmalige Aufführung der erfolg­reichen KomödieTowarisch", sind verbilligte Kar­ten zu 70 und 90 Pfennig ebenfalls auf der Kreis­dienststelle, Schanzenstraße 18, erhältlich.

Tonfilm.

Der Tonfilmwagen der NSG.Kraft durch Freude" bringt den FilmDer Klosterjäger" nach

dem Roman von Ganghofer und Beiprogramm in folgenden Orten zur Aufführung:

13. 1.: Göbelnrod, 14. 1.: Bellersheim, 15. 1.: Saasen, 16.1.: Eberstadt, 17.1.: Garbenteich, 18.1.: Grüningen, 19. 1.: Alten-Buseck, 20. 1.: Beuern, 21.1.: Geilshausen, 22.1.: Mainzlar.

Am 31. Januar Sonderzug nach Düffetdors zum Fußball - Länderspiel Deutschland Holland.

Arn Sonntag, 31. Januar, findet eine Sonderzug­fahrt nach Düsseldorf zum Fußball-Länderspiel statt. Der Zug geht ab am 31. früh in Frankfurt a. M. und kommt am 31. abends wieder an. Mit dieser Fahrt soll jedem Volksgenoffen Gelegenheit gegeben sein, diesem Länderspiel beizuwohnen. Der Fahr­preis beträgt einschl. Eintritt zum Spiel 8,50 RM.

Anmeldungen müssen auf der Kreisdienftstelle, Schanzenstraße 18, abgegeben werden.

*

Zu folgenden Winterurlaubsfahrten im Monat Januar 1937 werden noch Anmeldungen entgegen­genommen:

SchwarzwaldKniebis vom 13. bis 17. Januar;

Welche Jgn. kann täglich einige Stunden für eine Partei-Dienststelle schreiben? Anmeldung und nähe­res bei der Sozialstelle des Untergaues.

'Bett. Webkurs.

Vom 11. bis 15. d. Mts. ist in Gießen ein Web- Furs, der von einer FachFraft geleitet wird. Es be- teht die MöglichFeit, den Kurs nur nachmittags oder abends zu besuchen. Webrahmen müssen mit­gebracht werden. Zur UnFostendeckung werden 3 Mark erhoben. Näheres erfahrt ihr bei der Werk- referentin im Untergau 116.

Lehrlingseinstellung Ostern 1937.

Es erscheint angebracht, die in Frage kommenden privaten und öffentlichen Betriebe der Eisen- und Metallwirtschaft, sowie des Baugewerbes nochmals auf die erste Anordnung des Ministerpräsidenten Göring über die Sicherstellung des Facharbeiter­nachwuchses innerhalb des Vierjahresplanes hinzu- roeifen. Dabei sind folgende Punkte besonders zu beachten:

1. Die Anordnung gilt für alle diejenigen Betriebe der Eisen- und Metallwirtschaft, sowie des Bauge­werbes, deren Belegschaft aus zehn und mehr Be­schäftigten besteht.

2. Diese Betriebe haben soweit es noch nicht geschehen sein sollte sofort bei ihrem zuständigem Arbeitsamt ein Formblatt anzufordern, das, von den Betrieben ausgefüllt, bis zum 15. Januar 19 3 7 dem Arbeitsamt wieder zugeleitet werden muß.

3. Auf diesem Formblatt ist dem Arbeitsamt die Zusammensetzung der Belegschaft, sowie die Zahl der für den Dftertermin 1937 zur Einstellung vor­gesehenen Lehrlinge anzuzeigen.

4. Die Betriebe der Eisen- und Metallwirtschaft geben als Belegschaftsziffer an, wieviel Arbeiter (einschließlich Lehrlinge) sie am 4- Januar 1937 be­schäftigten. Die Betriebe des Baugewerbes geben als Belegschaftsziffer an, wieviel Arbeiter (einschließlich Lehrlinge) im Durchschnitt der Monate Juli bis September 1936 beschäftigt wurden.

5. Die Auslese und Vermittlung geeigneter Be­rufsanwärter für die Betriebe wird von dem zu­ständigen Arbeitsamt vorgenommen werden.

Vereinfachung

beim Kulturbauamt Oberhessen.

Die Dienststelle Friedberg des Kulturbauamts Oberhessen wurde ab Januar 1937 nach Gießen verlegt und mit der hiesigen Hauptstelle vereinigt. Der Dienstbezirk der seitherigen Dienststelle Fried­berg, die Kreise Friedberg und Büdingen, geht in den Dienstbezirk der Hauptstelle des Kulturbauamts Oberhefsen in Gießen über.

Vorsicht bei der Aufbewahrung giftiger Flüssigkeiten.

Die Polizeidirektion Gießen teilt mit: Vielfach werden sowohl im Haushalt als im Gewerbebetrieb Gefäße, die zur Aufnahme von Nahrungs- und Genußmitteln bestimmt find, wie Wein-, Bier- und Mineralwasserflaschen, zur Aufbewahrung giftiger Flüssigkeiten benutzt, die im Haushalt oder im Ge­werbebetrieb Verwendung finden sollen (z. B. Salz­säure, Salpetersäure, Karbolsäure, Lysol, Salmiak-

Schon Die Schule lehrt es: Wärme dehn!

NIVEA CREME

aus, Kälte zieht zusammen. Dem muß die Haut gewachsen sein, sonst wird sie rissig und spröde. Deshalb vor­beugend mit der euzerithaltigen Nivea-Creme

Ihre Haut weich und geschmeidig.

CI»

Gießener Gtadttheater.

Friedrich Hebbel:Gyges und sein Ring."

Von Hebbel haben wir hier seit langen Jahren nichts auf dem Theater gesehen; denGyges" gab es, wie das Archiv der Besprechungen ausweist, 1924 zum letzten Male. Die Neueinstudierung ist zu be­grüßen^ denn einmal bezeichnet, ganz allgemein be­trachtet, Hebbels Gesamtwert eine der wesentlichsten Stationen des deutschen Theaters und Dramas im 19. Jahrhundert; und was im Besonderen den ..Gyges" betrifft, so gilt er vielen als das vollkom­menste Schauspiel Hebbels schlechthin; jedenfalls ist es eines der für ihn in hohem Grade charakteristi- fchen und nicht wegzudenken aus dem Bilde feines dichterischen Schaffens.

Bemerkenswert ist dabei, daß Hebbel, wie er selbst berichtet, zum Stoff dieses Trauerspieles Farn wie der Knabe zum Vogel: er fängt ihn, weil er gerade dafitzt, und sieht ihn sich erst später an, wenn er ihn in der Hand hat, um zu erfahren, was es für ein Kerl ist." Ein schöngeistiger Biblio- tbeFar nämlich, namens Braun von Braunthal, so erzählt Hebbel weiter, habe ihn eines TagesKnall und Fall" gefragt, warum er eigentlich die Geschichte von Kandaules und Rhodope nie dramatisiert habe, die doch für ihnwie gemacht" fei; Braun habe ihm, der die Fabel gar nicht Fannte, auch im Pierer- schen LexiFon den betreffenden ArtiFel gewiesen, worauf denn noch am Abend dieses Tages eine der wichtigsten Szenen des zweiten AFtes entstand.

Die weitere Arbeit ging nicht mehr so fließend vonstatten, und auch nachdem Hebbel die Original- Überlieferung im Herodot kennengelernt hatte, schritt die Vollendung des Trauerspieles es sollte ur­sprünglichRhodope" heißen nur langsam fort, zumal der Dichter bald die mancherlei tiefgreifenden Schwierigkeiten gewahr wurde, die sich einer schlackenlösen, dramatischen Ausformung entgegen­stellten.

Daß er die Arbeit, die 1854 monatelang un­berührt und ungefördert liegen blieb, dennoch wie­der aufgriff und schließlich in einer ebenso dichten- scheu wie maßvoll-ausgewogenen und konzentrier­ten Gestaltung von wahrhaft klassischem Ansehen vollendete, war ohne Zweifel dadurch bedingt, daß der Stoff für Hebbel in einem besonderen Grade wesentlich und feine Bearbeitung ihm notwendig erschien; daß, mit anderen Worten, hier eines der Generalthemen angeschlagen war, die ihn fein Le­ben lang beschäftigt haben: die ewige, zwischen Haß und Liebe schwankende, aus tiefer Gegensätzlichkeit

geborene Spannung zwischen den Geschlechtern. Das Motiv ist vielfachen Abwandlungen unterworfen worden und nahezu unerschöpflich; für Hebbel muß­ten wohlJudith",Maria Magdalene",Herodes und Mariamne vorausgegangen sein, ehe er die Spannung in einer solchen äußersten Zuspitzung des Konfliktes durch fünf knapp ausgewogene Akte hin­durch noch einmal erproben konnte.

Man hat szenenweife nahezu den Eindruck der pedantischen Umkehrung einer einmal erprobten und gleichsam theatralisch-realistisch bewiesenen Formel: wenn die bürgerliche Sphäre um Meister Anton und seine Tochter Klara sich in denvorgeschicht­lichen und mythischen" Schauplatz einer Fleinasiati­schen Königsresidenz wandelt, so ist das, für das Problem als solches, ein belangloser Kulissen­wechsel; aber das berühmteste Zitat jenes bürger­lichen TrauerspielsDarüber Fann Fein Mann weg" ließe sich im Munde der lydischen Kö­nigin sinngemäß zur Fnappften Formel für das Leit­motiv der griechischen Tragödie verwandeln: dar­über Fann Feine Frau weg eine Fürstin so wenig wie eine Bürgerstochter.

Rhodope erträgt es und überlebt es nicht, daß ihr Gemahl Kandaules ihre weibliche Schönheit unver­hüllt seinem jungen griechischen Freunde Gyges preisgibt, der sich durch einen wunderwirFenden Ring unsichtbar zu machen vermag. Der Barbaren- fürft (wiewohl im Gesamtbilde nicht unedel angelegt) rühmt sich naiv seines Föstlichen Besitzes und glaubt sich erst auf dem Gipfel des Glücks, wenn ihm jemand diesen feinen Reichtum in neidvoller Be­wunderung bestätigt. Hier liegt seine Schuld nicht in einem kleinlich-moralischen Sinne, sondern in der frevelhaften Verletzung einer höheren Ge­setzlichkeit, eines ungeschriebenen, aber allen gegen­wärtigen und jedermann verpflichtenden Sitten« gesetzes, dessen Übertretung nur mit dem Tode ge­sühnt werden Fann. Kandaules hat sich mit seiner Tat außerhalb der menschlichen und sittlichen Ord­nung gestellt, der auch ein König, ja gerade der König, unterworfen fein muß. Rhodope, die mit der Witterung der empfindsamen Frau schon in der entscheidenden, verhängnisvollen Nachtstunde Ver­dacht schöpfte, zwingt Gyges, als ihr die schreckliche Ahnung zur Gewißheit wird, Kandaules zu töten; nur der Gatte darf sehen, was Gyges sah: so reicht sie Gyges, der vom siegreich bestandenen ZweiFampf zu ihr zurückFehrt, die Hand zum neuen Ehebunde undscheidet sich" sogleich wiederum auch von ihm, sich mit dem Dolch durchbohrend, weil der Mörder ihres Gatten nicht ihr Gemahl fein darf.

So vollendet sich in den letzten Versen des fünften AFtes das mythische Trauerspiel mit einer grausamen GesetzmäßigFeit und FolgerichtigFeit, die Feinen andern als den tödlichen Ausweg offen läßt. Es unterliegt Feinem Zweifel, daß eben diese FristallFlare Schärse der Auseinandersetzung, die un­widerlegliche Bereinigung eines völlig im Gefühl begründeten Konfliktes dem Dichter den Vorwurf verstandesmäßiger Kälte eingetragen hat. Paul Heyse hat einmal von Hebbel gesagt, er habeeine Phantasie, die unterm Eise brütet" und man mag in seinen Dramen Szenen aufspüren, die das gefährlich zugespitzte Bild zu rechtfertigen vermö­gen. Was denGyges" angeht, so sollte man ge­recht und empfindlich genug fein, neben so unbe­streitbarer, geistig überlegener Durchdringung der Fabel die hohe Schönheit und oft glühende Lei- denschaftlichkeit einer Dichtung zu würdigen, die in einer strengen und durchsichtig Floren Form Verse von klassischer Reinheit und ein so vollkommen poetisches Motiv wie das vom wundertätigen Ring hervorbrachte.

Jede bühnenmäßige Verwirklichung des Werkes stellt das Theater vor außerordentliche Aufgaben; nicht im rein Szenischen, denn die Szene ist ein­fach und von architektonischer Regelmäßigkeit, son­dern von der Regie und vom Darstellerischen her: es erfordert eine Kraft der seelischen Durchdringung, des menschlichen Taktes und der geistigen Beherr­schung, die durchaus ungewöhnlich sind.

Die Aufführung, von Herrn Kühne geleitet, erwies, daß sich die Spielleitung solcher Aufgabe und Verpflichtung bewußt war. Der bestechend ein­fache und klare Grundriß des Szenenaebäudes war überzeugend herausgearbeitet; der Konflikt, aus dem sich der dramatische Ablauf und die tragische Ver­wirrung entwickelt, scharf beleuchtet und in der Gegenüberstellung nicht nur der Geschlechterkreise, sondern auch der hellenischen und der barbarischen Welt verschärft und vertieft. Die sprachliche Behand­lung war in Steigerung und Zusammenklang den Erfordernissen des Hebbelschen Verses angemessen, der sich hier wie in kaum einem seiner andern Dramen so reich und weich strömend und blühend entfaltet. (Auf korrekte Betonung der Namen sollte aeachtet werden.) Sehr schöne, streng stilisierte Szenenbilder von Löffler: einfach und großzügig in Farbe und Linienführung.

Die weibliche Zentralgestalt, die ursprünglich dem Trauerspiel ihren Namen hatte geben sollen, spielte Emmy Güngerich a. G.: als äußere Erschei­nung, die gerade hier von wesentlicher Bedeutung 1 ist, sehr bühnengerecht, hoch, schlank und dunkel;

mit erfreulicher Beherrschung und Gliederung der großen und nicht nur dialektisch schwierigen Rolle, und mit richtigem Instinkt für die theatralischen Möglichkeiten, die sich von dieser Frauensigur her entwickeln lassen. Auch fehlte nicht die innere Er­schütterung und Entwurzelung, in welche die Köni- pin von Akt zu Akt sich steigert, bis zu einer fast statuarischen Erstarrung in Schmerz, Enttäuschung und verletzter weiblicher Würde.

*

Herr Rosenthal gab den Gyges: blond, ge­schmeidig, nobel in Gebärde und Haltung, die ge­lassene Würde und das edle Maß des Griechen­tums im Gefühlsansturm am Barbarenhofe nach­drücklich betonend, dabei doch gelöst und bewegt in jugendlicher Leidenschaft, die sich hier auf Tod und Leben zu bewähren hat.

Herr Neuhaus spielte den Kandaules: ihm war die vielleicht heikelste Aufgabe dieses Abends zugefallen, denn dieser König ist eine Gestalt, die in unachtsamen Händen schon früh so an Format und innerem Gewicht verlieren kann, daß die ausge­wogene Dynamik des Trauerspiels empfindlich be­einträchtigt wird: Kandaules muß aus der naiv­ungriechischen Sphäre kommen die seine Tat moti­viert, aber er muß auch die fürstliche Haltung und Würde, die menschliche Größe behaupten, welche ihn alsTäter" sich behaupten, verantwortlich fühlen und seine Schuld büßen läßt mit einer von ihm selbst anerkannten und als gerecht empfundenen, tödlichen Sühne. Das war in Herrn Neuhaus' Wie­dergabe zu empfinden, und zwar mit deutlicher Steigerung in den beiden letzten Akten, vor allem in den schönen und schön gesprochenen Versen vom Schlaf der Welt.

Fräulein Prinz war eine Lesbia von sanfter und mädchenhafter Anmut; Herr Geiger umgab den Thoas mit der milden und besorgten Herzlich­keit des alten, treuen Dieners. Auch Frl. Ger­hardt lHero) und Herr Walter (Karna) fügten sich geschickt ins Ensemble.

*

Großer Beifall rief zuletzt die Hauptbeteiligten vor den Vorhang. Thyriot.

Sochschulnachricbten.

Der Führer und Reichskanzler hat den Dozenten an der Universität München Dr. phil. habil. Georg Aumann mit Wirkung vorn 1. November 1936 zum beamteten außerordentlichen Professor für Mathematik in der Naturwiss enschaftlicheU Fakultät der Universität Frankfurt ernannt.