m. 62 Drittes Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für GberWen) 15 /l6. März Ml
Aus der Stadl Gießen.
,Amsel, Drossel, Fink und Star.. .*
So singt der Dichter und behauptet, sie seien zu- rückgekehrt und verkündeten uns mit ihren Liedern den Frühling. Als Kinder wunderten wir uns, warum er fast lauter solche Vögel gewählt, die gar nicht erst zurückzukehren brauchen, weil sie den ganzen Winter bei uns bleiben. Aber es ist eine merkwürdige Tatsache, daß nicht nur wir Menschen, sondern daß sogar die Vögel ihre Sitten und Gewohnheiten ändern. Für uns sind die großen schwarzen Amseln mit den gelben Schnäbeln mitten im Winter ein vertrauter Anblick, und zwar keineswegs nur im Walde, sondern auch in Parks und Gärten, auf Straßen und Plätzen im Herzen der Stadt. Aus dem scheuen Waldvogel ist im Laufe der letzten zwei, drei Menschenalter ein vertrauter Kamerad der Menschen geworden, der uns nicht mehr als feine Verfolger fürchtet, sondern eher als seine Beschützer sucht. So hat er auch seine Wanderlust verloren, nur die jungen Vögel ziehen noch im Herbst nach Italien und Frankreich, dafür kommen im Winter Jungamseln aus Skandinavien zu uns. Die älteren Herrschaften ziehen es vor, hier zu bleiben, wo von unserem Tisch genug abfällt, um ihnen über die schlimmen Monate hinwegzuhelfen, wenn der Boden fest-
Verdunkelungszeit
15. März von 19.25 bis 7.39 Uhr.
16. März von 19.27 bis 7.36 Uhr.
gefroren ist und die Infekten, von denen sie sich hauptsächlich nähren, sich zum Winterschlaf tief in. die Erde zurückgezogen haben. Und doch zeigen auch diese Standvögel uns im Frühjahr ihre Gegenwart aus eine neue Weise an. Den ganzen Winter über Haven sie geschwiegen, aber nun lassen sie plötzlich wieder ihre Stimmen erschallen.
Wen ergreift es nicht mit freudiger Rührung, wenn er an einem Vorfrühlingsabend plötzlich von irgendeinem Hof oder Garten mitten in der Stadt die erste Amsel flöten hört! Es ist doppelt rührend, wenn die Tiere sich auch durch Kälterückschläge nicht beirren lassen. In ihren kleinen sensiblen Körpern fühlen sie das unaufhaltsame Herannahmen des Lenzes, auch wenn die Natur vielleicht gerade gar nicht danach aussieht, und sie flöten ihr Lied auch an manchen recht rauhen Abenden oder Morgen. Es klingt zwar nicht gleich so voll und reich wie später auf der Höhe des Frühlings, fast scheint es, als seien ihre Stimmen in den langen Wintermonaten eingerostet und als müßten sie sie erst wieder einüben. Der Volksmund nennt denn auch diesen ersten scheinbar stümperhaften Vogelsang des Vorfrühlings „Studieren". Das ist nun fteilich eine Vermenschlichung des Tierlebens die die wirklichen Vorgänge keineswegs trifft. Der Vogel lernt im Frühjahr das Singen nicht von neuem, wie wir uns etwa in einer lange nicht geübten Fähigkeit wieder vervollkommnen. Vielmehr ist fein erstes zaghaftes „Studieren" die erste Aeußerung des wiedererwachenden Fortpflanzungstriebes, mit dessen Erstarken auch der Gesang sich wieder stärker entfaltet. Dieser unmittelbare Zusammenhang von Gesang und Fortpflanzungstrieb ist auch das Geheimnis, warum die Amsel mit ihrem Lied zu den frühesten Fruhlingsherolven gehört. Da sie zwei- bis dreimal im Jahre brütet, so muß sie zeitig anfangen, und da mit jedem neuen Brutgeschäft der Gesang von neuem erwacht, so hören wir ihr melodienreiches Lied gewissermaßen den ganzen Sommer hindurch, während andere Vögel, Die nur eine Brutzeit haben, später mit dem Gesang anfangen und früher aufhören.
Die'Amsel heißt auch Schwarzdrossel, und wie der Name schon sagt, ist die Singdrossel ihr nahe verwandt, nur ist sie kleiner, Heller gefärbt, mit weißer schwarzgesprenkelter Brust. Aehnlich wie ihre Base, die Schwarzdrossel, hat auch sie sich in den letzten Jahrzehnten mehr und mehr in die Nähe der Menschen gewöhnt, so daß auch wir Städter keine weite Wanderung mehr zu machen brauchen, um ihr Lied, das ein wenig später im Jahr einsetzt als das der Amsel und womöglich noch voller und strophenreicher ist, zu bewundern. Nicht zwei Singdrosseln haben genau die gleiche Melodie, und der Abstand zwischen den einzelnen Exemplaren ist oft recht groß. Es gibt Stümper unter ihnen, die in ihr
Die Elektrizität im Haus und bei der Arbeit.
Fachmännische Winke für die richtige Benutzung der elektrischen Anlagen.
Die Annehmlichkeiten der Elektrizität sind in Stadt und Land weithin bekannt. Im Zuge der immer stärker durchgeführten Technisierung auf weiten Gebieten unserer Arbeit und Lebenshaltung wird die Elektrizität nach dem Kriege eine noch größere Rolle als bisher spielen. Insbesondere wird sie auf dem Lande ein Faktor werden, der in Zukunft viel umfassender als bisher in Erscheinung treten wird. Heute schon steht die Elektrizität in Stadt und Land so bedeutsam im Vordergründe, wie viele es vor einigen Jahren noch nicht für möglich gehalten hatten. Leider werden dabei aber auch mancherlei Sünden durch Unvorsichtigkeit oder bewußte Oberflächlichkeit begangen, denen im Interesse der Volksgemeinschaft entgegengewirkt werden muß. Wir haben daher den Oberingenieur der Städtischen Elektrizitätswerke Gießen, Dipl.-Jng. Schaffner, gebeten, unseren Lesern einige Winke für die richtige Benutzung der elektrischen Anlagen zu geben.
' Die Behandlung der Elektrizität erfordert ein besonderes technisches Denken, weil man den elektrischen Strom nicht sieht, sondern ihn ja immer nur an seinen Wirkungen erkennt. Aus den Wirkungen des elektrischen Stromes beruht seine Arbeitsleistung. Jedes unsachgemäße Arbeiten an elektrischen Anlagen führt zu Störungen der elektrischen Apparate selbst und kann zu einer Gefahr für die Menschen werden. Deshalb kann man in der Elektro-Wirtschaft auch nicht jeden Menschen für Arbeiten an elektrischen Anlagen verwenden, sondern mir diejenigen daran arbeiten lassen, die die Grundsätze beherrschen und die Gefahren von vornherein ermessen können.
Die Technisierung sowohl in der Landwirtschaft, als auch in den Haushalten, die sich nach dem Kriege in ganz erheblichem Maße steigern wird, wird mit Sicherheit einen wesentlichen Mehreinsatz an elektrischen Geräten, und sie wird dementsprechend auch umfangreiche Mehrarbeit an elektrischen Anlagen verursachen. Es ist aber erforderlich, daß jeder Stromabnehmer sich von Arbeiten an elektrischen Anlagen möglichst fernhält und diese Arbeiten sachkundigen Männern überläßt.
Die größte Unsitte ist das Flicken elektrischer Sicherungen. Die Sicherung hat den Zweck, eine Anlage spannungslos zu machen und damit ungefährlich in dem Augenblick, wenn das elektrische Gerät einen Fehler hat. Dieser Fehler kann zu einem Brande führen und damit zum Verlust von Volksvermögen, wenn eine Sicherung eingebaut wird, die wesentlich stärker ist als die zulässige Sicherung. Die Sicherung enthält einen dünnen Draht, der bei Ueberschreitung der zulässigen Stromstärke schmilzt und die fehlerhafte Leitung oder das fehlerhafte Gerät abschaltet. Wird an Stelle
dieses dünnen Drahtes behelfsmäßig ein dickerer Draht benutzt, dann wird die Stromstärke wesentlich höher, und sie führt zur Erwärmung, die einen Brand verursachen und das elektrische Gerät ober Motor usw. vollkommen zerstören können.
Eine weitere unsachgemäße Behandlung der Elektrizität sind Leitungsschnüre, die zum Anschluß von elektrischen Geräten aller Art dienen. Besonders an dem Stecker und dem Zugang zu dem Gerät selbst werden diese Leitungsschnüre bei robuster Behandlung defekt und sollten beizeiten durch neue ersetzt werden. Hier liegt die Gefahr nahe, daß eine Leitung durch Beschädigung der Isolation direkt berührt werden kann und dadurch körperliche Schäden, ja sogar der Tod des Menschen verursacht werden können. Die Gefahr ist umso größer, wenn derartige freiliegende spannungführende Leitungen von Menschen berührt werden, die auf feuchtem Boden stehen. In feuchten Räumen, besonders in Badezimmern, Waschküchen, Ställen und Räumen zur Futterbereitung, ist daher größte Vorsicht am Platze. Für feuchte Räume bestehen besondere Vorschriften für die Leitungsverlegung, die dem Nichtsachmann natürlich vollkommen unbekannt sind.
Es ist eine irrtümliche Auffassung vieler Elektrizitätsabnehmer, daß die Höhe der Spannung den Grad der Gefährlichkeit bestimme. Jede Spannung über 40 Volt kann lebensgefährlich fein, wenn die Voraussetzung eines feuchten Standortes oder einer feuchten Hand gegeben sind. Nicht die Spannung bestimmt die Lebensgefährlichkeit bei der Berüh-
Das^ Frühjahr, das mit feinen ersten Sonnentagen den Einzug in diesem Jahr schon gehalten hat, hat schon seit alters her im Leben des Bauern eine wichtige Rolle gespielt, hängt doch von ihm Saat und Ernte wesentlich ab.
E i n Kriegsfrühjahr liegt hinter uns; es hat die größten Anforderungen an alle gestellt, denn der Winter, der diesem veranging, warf uns mit allen Arbeiten zurück und erschwerte die Bestellung wesentlich. Die Voraussetzungen des zweiten Kriegsfrühjahrs sind günstiger. Wieder fino in allen Bezirksbauernschaften in zahllosen Versammlungen in den Dörfern die weltanschaulichen und fachlichen Voraussetzungen für die 2. Kriegserzeugungsfchlacht geschaffen worden.
Für uns ist die Arbeitskraft der entscheidende Faktor für die Hochhaltung der Erzeugung. Unsere stolze Wehrmacht hat viele Jungbauern und Betriebführer zu den Waffen gerufen. Es ist nun vor allem Pflicht der Zuhausebleibenden, dafür zu sor-
rung eines elektrischen Stromkreises, sondern die Sttomstärke, die durch den Körper geht. Diese ist auch abhängig von der Körperkon- ftitution des Menschen. Sensible Menschen sind durch den elekttischen Strom mehr gefährdet als robuste Naturen.
Grundsätzlich soll man elektrische Leitungen, die irgendwo in Gebäuden, in Räumen oder im Freien herumhängen, nicht berühren. Derartige Mängel, die durch Sturm oder andere Umstände oder Zufälle entstanden sein können, müssen in Häusern sofort dem Hauseigentümer oder einer sonst für das Grundstück verantwortlichen Stelle gemeldet werden. Wenn derartige Mängel an Freileitungen zutage treten, sind sie sofort dem Elektrizitätswerk mitzuteilen, damit für die rascheste Beseitigung der Mängel und Gefahrenstellen Sorge getragen werden kann. Bauarbeiter, die beim Aufstellen von Gerüsten mit irgendwelchen elektrischen Leitungen in Berührung kommen können, sollten diese Arbeit erst dann vornehmen, wenn zuvor die Leitungen spannungslos gemacht worden sind. Auch dafür darf nur ein Fachmann in Betracht kommen, der die Anlage übersehen kann und die richtige Leitung spannungslos macht, oder die Arbeit muß vom Elektrizitätswerk ausgeführt werden.
Im verflossenen Winter ist in manchen Haushaltungen neben der Kohlenheizung auch noch die Elektrizität zu Wärmezwecken benutzt worden. Hierfür hat man provisorische Leitungen verlegt, die meist von Nichtfachleuten unsachgemäß ausgeführt
gen, daß trotzdem alle betriebe voll arbeiten. Nachbarschaftshilfe und Einsatz der letzten Arbeitskraft im Dorfe werden zur Notwendigkeit. Vor allem müssen die führenden Männer dafür sorgen, daß keine Soldatenfrau allein steht.
Die Winterfrucht steht erfreulicherweise gut. Der Boden ist durch diesen Winter zur Frühjahrsbestellung, da alles geackert werden konnte, zur Saat vorbereitet.
Ich weiß, daß jeder in Hessen-Nassau feine Pflicht tut. Der Führer und das deutsche Volk vertrauen auf Euer aller Leistung.
In unerschütterlichem Glauben an den Führer aller Deutschen, in dem festen Willen zu restloser Pflichterfüllung, mit der felsenfesten Gewißheit, daß der Endsieg unser ist, schassen wir das Brot für unser geliebtes deutsches Volk.
Dr. Wagner,
Landesbauernführer.
Hochhaltung der Erzeugung.
Oer Landesbauernführer an das Landvolk des Rhein-Main-Gebietes.
Lied sehr hochliegende und wenig schöne Töne einfügen, und daneben vollendete Künstler, deren Gesang von reinster Klangschönheit ist.
Während die Singdrossel bei uns im allgemeinen als Zugvogel auf trift, bleiben die Buch- ober Edelfinken im Winter hier, d. h. die Männchen unter ihnen. Sie leben aber dann als Strohwitwer, denn die Weibchen können ihre Reiselust nicht bezwingen und machen sich im Herbst nach dem Süden auf. Ihre Rückkehr begrüßen die Männchen mit ihrem berühmten kraftvollen „Schlag", hell und jubelnd wie Trompetengefchmetter, den sie mit einer Ausdauer wiederholen, die man bei den kleinen zarten Tierchen nur immer wieder bestaunen kann, wenn man sie in ihrem prächtig bunten Kleid, bräunlich grünen Rücken mit schneeweißen Flügelbinden, rosa Brust und schieferblauer Kappe, in irgendeinem Baum sitzen sieht. Auch bei den Buchfinken ist der Schlag individuell sehr verschieden. Kenner unterscheiden an ihrem Lied Ansatz, Dorschall und Ausgang ober Überschlag, die aber in sich wieder alle reich gegliedert und abwechslungsvoll sind. Der alte
Bechstein, ein berühmter Bogelkenner und naturwissenschaftlicher Schriftsteller zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, hat nicht weniger als 55 Finkenschläge festgestellt. Das verschiedene Können der einzelnen Buchfinken hat früher häufig zu einem richtigen Wettstreit zwischen einzelnen Landschaften ge« fuhrt. Doch kommt seine herrliche Kunst, die sich durch Zusammenbringen der gelehrigen Vögel mit besonders hervorragenden Sängern noch steigern läßt, dem armen Buchfinken oft teuer zu stehen, indem er um ihretwillen häusig gefangen und im Käfig gehalten wird.
Diese Gefahr broht auch dem Star, wenn es auch bei ihm nicht gerade fein „Gesang" ist, der dazu verlockt, vielmehr sein Nachahmungstrieb, der es ihm ermöglicht, etwas von der menschlichen Sprache zu erlernen. Auch'der Star kommt bei uns als Zug- und als Standvogel vor, doch find es im allgemeinen nur die milderen Gegenden unseres Vaterlandes, in denen er überwintert. Dock auch dort, wo er im Herbst fortzieht, kehrt er sehr zeitig im Frühjahr wieder heim, und wenn wir einen Starkasten oder
eine von ihnen zur Behausung gewählle Baumhöhle in unserer nächsten Nähe haben, kann es geschehen, daß wir eines Morgens von ihrem wenig melodischen knarrenden Geschrei und Geschwätz geweckt werden. Nein,- schön klingt es nicht, und doch begrüßen wir auch diese Töne mit Freude, denn wir wissen: die Stare sind da, es wird Frühling! W.
Handwarm
soll die Herdplatte beim Putzen sein. • Kalte Herdplatten putzen sich schwerer. • Heiße Herdplatten verbrauchen zuviel Putzmittel. - Handwarm putzt sich der Herd leichter und sparsamer«
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aus der -Fabrik
3 ist gut und ausgiebig.
(Nachdruck verboten.)
14. Fortsetzung.
MWMföerWL
Roman von Wo MM.
Das Einfachste wäre freilich, überlegte sie, zur nächsten Polizeiwache zu gehen und den Findling abzuliefern. Aber Charlotte sah schon das argwöhnische Beamtengesicht vor sich, hörte die ungläubigen Fragen und fühlte im voraus, wie sie selber dadurch in Verwirrung geraten würde. Man würde sie einem Verhör unterziehen, sie mußte sich ausweisen, vielleicht würde man sogar in Oschnitz Rückfrage halten, ob ihre Angaben stimmten. Man würde sie in einem Netz von Schwierigketten und Umständlichkeiten verstricken, bis sich alles geklärt hatte, und inzwischen stand ganz Oschnitz Kopf vor Gelächter, weil Christoph Machesius' Tochter mit einem kleinen Kind auf dem Arm von der Polizei in Berlin fest- gehalten worden war. Nein, unter gar keinen Umständen zur Polizei, obwohl dies, streng genommen, wohl ihre Pflicht gewesen wäre. Sie Durfte sich kaum eines fremden Kindes einfach bemächtigen.
Aber wer in aller Welt nahm den verwünschten kleinen Jockele in Obhut, bis es seiner Mutter gefiel, sich wieder um ihn zu kümmern, und was mochte überhaupt mit ihr geschehen sein?
Darauf eine Antwort zu finden, war unmöglich. Ein gewissenloses und leichtfertiges Madel, diese Mutter. Fuhr aufs Geratewohl nach Berlin, um sich heiraten zu lassen und ließ ihr Kind einfach auf einem Bahnbof im Stich, wenn nicht alles so ging, wie sie es sich erhofft hatte.
Was also tun? Man konnte den Jungen einfach auf eine Bank im Tiergarten fetzen und davongehen, dachte Charlotte, wußte aber im gleichen Augenblick, daß sie dies nie übers Herz bringen würde. Ratsamer war es, irgendein einfaches Hotel aufzusuchen, Lasard zu verständigen und mit ihm zu Überlegen, was weiter geschehen sollt^ Er wurde Augen machen! Lolott brachte ihm ein Kind mit!
Sie beuate sich zu dem Jungen nieder und rief ihn beim Namen, Jockele blickte mit seinen schonen dunklen Rehaugen, auf deren Grunde es wie Gold schimmerte, zu ihr auf. ^Hä?" fragte e&
„Deine Mutter kommt nicht, Jockele. Sie überläßt dick mir! Was sagst du dazu?"
Jockele sagte gar nichts, schien aber mit der Entwicklung der Dinge durchaus zufrieden zu sein und sich nicht die mindesten Sorgen zu machen. Er legte sein Schicksal vertrauensvoll in Charlottes Hände. So empfand sie es wenigstens. Nur ein wenig müde schien er geworden zu sein, denn er rieb sich mit den Fäusten die Augen aus'und gähnte wie der langhaarige Hund, der noch immer unter dem Stuhl seines Herrn saß.
Dann schmiegte er sich an sie und streckte die Arme nach ihrem Halse aus. Und diese Geste der Hingabe und 5es Vertrauens griff wunderlich an ihr Herz. Nein, auf keinen Fall durfte sie ihn im Stich lassen, wie seine Mutter es getan hatte. Sie zog ihn an sich.
„Komm, Jockele. Wir gehen, und wir halten zusammen, nicht wahr? Es wird schon Rat werden!"
Sie winkte den Kellner herbei und ließ sich ein billiges Hotel in der Nähe empfehlen. „Es ist sehr wahrscheinlich", sagte sie bann, „daß in den nächsten Stunde eine Dame hier nach mir und dem Jungen fragen wird. Sagen Sie ihr bitte, wo ich abgestiegen bin. Sie möchte dort nach Charlotte Mathe- sius fragen. Ich schreibe Ihnen meinen Namen auf, und vergessen Sie bitte nicht, es auszurichten."
„Jawohl gnädige Frau", sagte der Kellner. ,Zch werde es ausrichten und auch am Büfett Bescheid sagen, für den Fall, daß ich abgelöst sein sollte."
Als Charlotte sich eine Viertelstunde später in dem kleinen Hotel eintrug, setzte sie vor ihren Namen die Bezeichnung „Frau" und tat es mit dem schlechten Gewissen einer hochstapelnden Anfängerin.
Frau Triebsch war die erste, die Charlottes Verschwinden am nächsten Morgen entdeckte. Im ersten Schrecken dachte sie an einen ungewohnt zeitigen Morgenspaziergang, aber ein Blick in die geleerten Schubfächer des Toilettentisches und in den Ankleideschrank verriet ihr alles.
Sie schlug die Hände zusammen und stieß einen kleinen Schrei aus. Dann lief sie mit fpinnenhaftem Eifer hin und her, durchsuchte alles, sand aber weder etwas Schriftliches, noch eine achtlos zurück- gelassene Spur.
„Sie ist weg!" flüsterte sie. „Diesem Menschen nach! Ich habe es mir gleich gedacht!"
Sie hatte es sich keineswegs gleich gedacht, und sie hatte auch völlig vergessen, daß sie in Arosa für Lasard viel übrig gehabt und ihr Urteil über ihn erst hier in Oschnitz geändert hatte, als Chri- toph Mathesius sich geweigert hatte, ihn zu empfangen.
Eigentlich hätte es sich gehört, daß sie Frau Mathesius als erste verständigt hätte. Frau Triebsch aber lief mit der Nachricht in ihrer Aufregung sofort zum Hausherrn. Diese Gelegenheit, eine wichtige Rolle vor ihm zu spielen, konnte sie nicht ungenutzt vorübergehen lassen. Außerdem hätte Frau Mathesius in ihrer AengsUichkeit und Nachsicht vielleicht versucht, das große Ereignis zu vertuschen. Dem wollte Frau Triebsch vorbeugen. Was geschehen war, mußte an die ganz große Glocke gehängt werden. Sie liebte Skandale über alles, so sehr sie sich auch darüber empörte.
Christoph Mathesius trank in der Sitzecke des kleinen Bibliothekzimmers seinen gewohnten Ge- sundhettstee, aß ein wenig trockenen Zwieback dazu und las die auswärtigen Morgenzeitungen, als Frau Triebsch zu ihm hereinstürzte: „Herr Direktor .. ."rief sie atemlos, senken Sie doch bloß an, Herr Direktor .. .*
Mathesius sah von seiner Zeitung auf, ohne den Kopf dabei zu heben, ein verweisender, unwilliger Blick.
Frau Triebsch sammelte sich. „Es ist nämlich, Herr Direktor, also es ist nämlich etwas ganz Furchtbares geschehen ... mit Fräulein Charlotte ..."
Ein Erschrecken ging über fein Gesicht, sie bemerkte es wohl.
„Was ist mit Charlotte?"
„Sie ist weg, Herr Direktor! Fort! Nicht mehr im Hause? Die Schränke leer! Heute nacht ist sie auf und davon."
Er erhob sich langsam. „Auf und davon?" wiederholte er, und eine schwache Röte stieg ihm in die Wangen. Er runzelte die Brauen, als sähe er in ein allzu starkes Licht, das ihn blendete. „Was heißt das?"
„Wie ich Ihnen sage! Eben komme ich in Fräulein Charlottes Zimmer und wundere mich schon, weil sie noch nicht gerufen hat, es ist doch schon ziemlich spät und sie steht sonst immer viel früher aut und da sehe ich ..."
Sie sprach ohne Paufe, redete durcheinander.
rang die Hände, trippelte hin und her, und ihr kleines, spitznasiges Gesicht glühte vor Eifer. Mathesius war wieder ganz ruhig geworden. Er griff sogar von neuem nach der Zeitung. „Flucht? sagte er schließlich unwillig, „Unsinn! Was reden Sie sich ein?"
Sofort begann sie wankend zu werden. ,Hch dachte eben nur, weil doch die Fächer alle ausge- räumt sind und die beiden kleineren Koffer fehlen ..."
„Es ist gut, Frau Triebsch! Haben Sie meine Frau verständigt? Nein? Gut, dann sagen Sie ihr bitte, daß ich ihr dankbar wäre, wenn ich sie noch eine Minute sprechen könnte, bevor ich ins Werk gehe. Und inzwischen rufen Sie mir auch meinen Sohn."
Es stellte sich heraus, daß auch Gert über Nacht nicht im Haufe gewesen, sondern zu Freunden in die Berge hinaufgefahren war.
„Na, also", sagte Mathesius erleichtert. „Da haben wir's ja! Sie ist bei (Bert! Immerhin ... also benachrichtigen Sie bitte meine Frau!"
„Jawohl, Herr Direktor", sagte Frau Triebsch und lief hinaus.
Mathesius mußte einige Minuten warten. Er stand am Fenster und sah zur Auffahrt des Hauses hinunter, wo Wislotzki, der Kraftwagenführer, neben der großen schwarzen Limousine auf und ab ging und sich in der Morgenkühle die Seine vertrat. Dann ging Machesius ins Zimmer zurück, die Hände auf dem Rücken, Den mächtigen Kopf tief gesenkt.
Sie ist bei Gert! dachte er und klammerte sich an diesen Gedanken. Er hat sie angerufen, und sie ist ihm nachgefahren, ohne uns verständigt zu haben! Nichts einfacher als das!
Aber er konnte selbst an diese Erklärung nicht glauben.
Wenn sie wirklich geflohen wäre? Wenn sie sich feiner Macht entzogen hätte? Unmöglich? Dergleichen tat man nicht, wenn man den Namen Mathesius trug! Man war zu Rücksichten verpflichtet! Einem Abenteurer nachzulaufen! Welche Lächerlichkeit und welche kindische Dummheit! Ein läp- pischer Backfischstreich, zu dem meine Tochter einfach nicht fähig ist! Sie will es vielleicht auf eine Machtprobe ankommen lassen? Sie will mich zum Nachgeben zwingen! (Fortsetzung folgt)


