Nr. 33 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Dberhesfen)
S./Mcbnwr W41
Aus der Stadt Gießen.
Gesunder Lebensglaube.
Jeder neue Tag bringt uns zahllose Anforderungen und neue Pflichten. In der Art, wie wir diese Ansprüche erfüllen, drückt sich unsere Stellung dem Leben gegenüber aus. Freilich kommt es vor, daß allzu viel auf uns einstürmt, daß wir glauben, wir würden erdrückt. Da ist es kein Wunder, wenn gelegentlich Anfälle von Kleinmut und Verzagtheit auftreten. Auch der gesündeste Mensch kann sich manchmal nicht der Trauer über dre Unvollkommenheit des Lebens erwehren. Gegen diese Stirn- mungen gibt es keinen besseren Trost als das Bewußtsein, daß wir alle nicht eine in der Zeit verschwindende Welle sind, sondern ein Glied einer
Verdunkelungszett
8. Februar von 18.21 bis 8.54 Uhr.
9. Februar von 18.23 bis 8.52 Uhr.
großen, unzerstörbaren Kette. Dem Leben und seinem Volke sich ganz hingeben, das ist die höchste Forderung in diesen Tagen.
Wenn wir in die Vergangenheit zurückblicken, er
kennen- wir, daß das deutsche Volk alles, was ge
worden ist, in ernster Arbeit geschaffen hat. Das mag vielleicht auch der Grund sein, wenn manche Volksgenossen einem frohen, zuversichtlichen Menschen entgegenhalten, er nähme das Leben nicht ernst genug. Aber ein starker Optimismus ist etwas sehr Schönes. Das bedeutet keineswegs, daß wir alles dem Schicksal überlassen sollen. Damit kämen wir nicht weit. Unser Schicksal sollen wir in die Hand nehmen und es selber formen.
Wessen Seele von einer fröhlichen Stimmung erfüllt ist, der wird die Aufgaben, die das Leben an ihn stellt, ganz anders erfüllen, als der, der weder an einen Sinn, noch an einen Gehalt dieses Daseins zu glauben vermag. Ein fröhlicher Mensch wird alle Schwierigkeiten als natürliche Hindernisse ansehen und heiter darüber hinwegsetzen. Der andere wird mürrisch und mißgelaunt an seine Aufgaben herantreten. Und dabei hängt er doch gerade so am Leben wie wir. Wenn es auch manchmal trübe aussieht und der Himmel voller Wolken hängt, vermag der Gedanke trotzdem zu trösten, daß die Zukunst wieder einen Ausgleich schaffen wird. Der Pessimist aber steht immer nur schwarz in die Zu-
Wir alle stehen mitten im Leben. Wir sind ein lebendiger Teil unseres Volkes. Keiner kann und darf sich außerhalb der Volksgemeinschaft stellen. Wir müssen dieses Leben bejahen und müssen uns ihm hingeben. Dann erst kann es uns tragen und uns mit Kraft und Zuversicht erfüllen. Ein gesun- der Optimismus muß unser Dasein durchströmen. Das ist nichts anderes als ein Bekenntnis des Tei
les zum Ganzen.
Denen, die traurig und mißgestimmt sind, muffen wir helfen, nicht mit tröstenden Worten, sondern mit der Tat, mit unferm Beispiel. Wir müssen ihnen Vorleben, wir müssen ihnen zeigen, was gesunder Lebensglaube bedeutet. Wir müssen ihnen ausreden, daß sie'ein Recht auf Verbitterung hätten. Sie dür-' fen sich nicht von der Welt abschließen, sie müssen teilnehmen an allem Zeitgeschehen. Wir müssen ihnen klarmachön, daß sie ihr Geschick überwinden und trotz allem mit ungebrochener Lebenskraft in
die Zukunft schauen.
Die Stellung zum Leben darf nicht von der Gunst oder Ungunst der Umwelt abhängig fein, sondern von unfern inneren Kräften. Der Glaube, daß nach einer Wanderung durch ein finsteres Tal immer wieder ein Höhenweg in die Sonne erreicht wird, muß unser Herz erfüllen. Dann erst haben wir die Spannkraft und die mutige Entschlossenheit, die nötig sind, um unser eigenes Leben froh zu gestalten. Dann können wir auch andern den Weg zeigen, der aufwärts führt.h-
Arterienverkalkung
cnb hoher Blutdruck mit Herzunruhe, Echwindelgeftibl, Nervosität, Ohreu» "Hülfen, Zirkulationsstörungen werden durck Antisklerosin TOirtyMn vt» «mpst.Enthält u. a.Llutsälze und Kreislaufbormone. Grnft die B-fchw«, den von verschiedenen Richtungen der an. Packung bo «£abl. * 1-S5 in Apotheken. Hochinteressante Aufklärungsschrift liegt ,eder Packung bei!
Oie Städtische Handelslehranstali Gießen.
Dom 1. April 1941 ab Ausbau zur Wirtschaftsoberschule.
Am 1. April 1941 geht die von der Industrie- und Handelskammer Gießen ins Leben gerufene und bisher getragene Oeffentliche Handelslehranstalt in die Betreuung durch die Stadt Gießen über. Von diesem Zeitpunkt ab wird die Schule den Namen „Städtische Handelslehranstalt Gießen" führen. Handelsstudiendirektor Dr. Kruse, unter dessen Führung die bisherige Oeffentliche Handelslehranstalt seit 1934 eine außerordentliche Aufwärtsentwicklung erfahren hat, wird weiterhin an der Spitze der Schule wirken und seine reichen Erfahrungen den Schülern und Schülerinnen zugute kommen lassen. Der Uebergang der Sdjule auf die Stadt Gießen wird nicht nur in dem Besitz, sondern auch im Wirkungsbereich der Handelslehranstalt eine neu Epoche einleiten. Die Stadt Gießen hat nämlich bei der zuständigen Stelle des Reiches den Antrag gestellt, dem Ausbau der Städtischen Handelslehranstalt zu einer Wirtschaftsoberschule mit Wirkung vom 1. April 1941 zuzustimmen. Es
Berufsfachschule (Vollschule) und aus der Berufsschule (nur für Lehrlinge). In der Vollschule arbeiten die Handelsschule für Jungen, die Handelsschule für Mädchen, die einjährige Höhere Handelsschule und zur Zeit noch die zweijährige Höhere Handelsschule für Jungen und Mädchen. Die Berufsschule wird von den Drogisten-Fachklassen und den Banken-Fachklassen dargestellt. In den Abteilungen der Berufssachschule wird das doppelte Schulziel verfolgt, den jungen Menschen eine gründliche fachliche Schulung für die Berufe in Wirtschaft und Verwaltung, daneben auch eine Vertiefung und Erweiterung der Allgemeinbildung und national- politischen Erziehung zu geben. In den Jungen- Klassen wird aus die Berufslehre vorbereitet. Die fachliche Schulung macht die spätere praktische Ausbildung wirkungsvoller und bedeutet außerdem eine wertvolle Grundlage für das ganze Leben. Während die Jungen also in den Schulabteilungen auf die Lehre vorbereitet werden, sollen die Abteilungen für Mädchen die Lehre ersetzen. Die Mädchen werden zu Bürokräften, Assistentinnen, Kontoristinnen, Stenotypistinnen (Sekretärinnen) ausgebildet.
Mit unseren Fahnen ist -er Sieg!
110 Großkundgebungen im Kreis Wetterau am Freitag, den 14., Samstag, den 15. und Sonntag, den 16. Februar 1941.
Es sprechen die alten bewährten Versammlungsredner des Gaues Heffen-Tiaffau. Volksgenossen, haltet Euch bereit und beweist durch Eure Teilnahme an diesen Kundgebungen erneut Eure Treue zum Führer!
Oie Partei ruft Euch! Kommt alle!
NSDAP. Kreisleitung Wetterau.
dürfte kein Zweifel darüber bestehen, daß diesem Antrag von der Reichsunterrichtsverwaltung stattgegeben wird. — Wir haben uns mit dem Schulleiter, Handelsstudiendirektor Dr. Kruse, über das bisherige Wirken der Oeffentlichen Handelslehranstalt und über die Pläne zum weiteren Ausbau der Schule unterhalten, uns gleichzeittg auch in den Unterrichtsräumen der beiden Schulhäuser an der Ecke Wernerwall/Steinstraße umgesehen. Heber unseren Besuch ist zusammenfassend folgendes zu berichten.
An der Städtischen Handelslehranstalt Gießen wirken 16 Unterrichtskräfte in den Dollschul- und Berufsschulabteilungen. Die Anstalt wurde bisher jährlich von über 400 Jungens und Mädels besucht. Das Einzugsgebiet der Schule, d. h. der Raum, aus dem die Schüler und Schülerinnen kommen, umfaßt neben der Stadt auch die weitere Umgegend von Gießen, zum Teil sogar bis nach Treysa, Weilburg und die Gegend des Vogelsbergs. Aus dem Namen der Schule darf nicht geschloffen werden, daß sie nur Nachwuchskräfte für den Handel heranbildet. Ein sehr großer Teil der Schüler und Schülerinnen wird auch von der öffentlichen Wirtschaft als Nachwuchs in Anspruch genommen. Insbesondere sind Behörden Interessenten für die jungen Kräfte aus dieser Schule. Im „Gießener Anzeiger" Nr. 23 vom 28- Januar 1941 konnten wir bereits berichten, daß nach einem Runderlaß des Reichsministers des Innern vom 25.11.1940 nunmehr auch die Absolventen der Handelsschule für den gehobenen Dienst in der allgemeinen und inneren Verwaltung zugelassen sind. Ein gleichlautender Erlaß ist auch von dem Reichswirtschaftsminister für die Zulassung zum gehobenen Dienst im Reichs- wirtschaftsministerium und der diesem unterstellten Verwaltung ergangen.
Die Städtische Handelslehranstalt besteht aus der
Daneben wird in besonderem Maße durch zusätzlichen Unterricht auch Rücksicht auf ihren späteren Hauptberuf als Frau und Mutter genommen. In letzter Linie sollen die Mädchen auch die Voraussetzungen für eine weitere Ausbildung wie die Jungen erhalten. Der Unterrichtsstoff umfaßt Betriebs- wirtschaft, Buchführung, Rechnen, Kurzschrift, Maschinenschreiben, Plakatschrift, Deutsch, Fremdsprachen, Geschichte, Warenkunde mit Erdkunde, Sport, Handarbeit und Hauswirtschaft. Für die Aufnahme in die einjährige Höhere Handelsschule ist die Reife für die siebente Klasse einer höheren Schule oder das Schlußzeugnis der Mittelschule Voraussetzung.
An Stelle der bisherigen zweijährigen Höheren Handelsschule soll vom 1.April 1941 ab die Wirtschaftsoberschule mit dreijährigem Schulbesuch treten. Die Wirtschaftsoberschule nimmt Jungen und Mädel mit der Reife für die 6. Klasse einer Oberschule und mit dem Abschlußzeugnis einer Mittelschule auf. Begabte Berufsschüler sollen als Gastschüler zunächst für ein Jahr auf Probe angenommen werden, erweisen sie sich durch ihre Fähigkeiten als geeignet für den Besuch dieser Schule, so werden sie als endgültige Schuler bettachtet. Die Wirtschaftsoberschule hat die Ausgabe, wie jede deutsche Oberschule, im „Verein mit den anderen Erzie- ziehungsmächten des Volkes, aber mit den ihr eigentümlichen Erziehungsmitteln, den nationalsozialistischen Menschen zu formen". In dieser Zielsetzung liegt ihre besondere Aufgabe eingeschlossen, eine gehobene Berufsausbildung in nationalsozialistischer Ausrichtung und Durchdringung zu vermitteln. Die Wirtschaftsoberschule soll in erster Linie den Erfordernissen der öffentlichen und privaten Wirtschaft dienen. Sie soll den jungen Menschen eine gründliche und umfassende Schulung und Gesamtschau geben, damit sie in der Lage sind, in der Wirtschaft, und zwar sowohl in der privaten als auch in der öffentlichen, höchsten Leistungsansprü-
chen genügen zu können. Wie jede andere Oberschule vermittelt auch die Wirtschaftsoberschule das Zeugnis der Reife und gibt, damit den Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit eines wirtschaftswissenschaftlichen Fachstudiums. Der Unterrichtsstoff im Ablauf einer Stundentafel des Tages sieht vor: Leibeserziehung; Deutschkunde (Deutsch, Geschichte, Erdkunde); Wirtschaftskunde (Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft, Dertragstechnik, Buchführung und Bilanzkunde, Kameralistisches Rechnungswesen, Kaufmännisches Rechnen, Finanzmathematik, Büro- rnaschinenkunde. Stoff- und Warenkunde); Fremdsprachen (Englisch in Fortführung, Italienisch, Spanisch oder Französisch); Schreibfächer (Deutsche Kurzschrift, Maschinenschreiben, Werbeschrift und Seidenen); für Mädchen wird der Unterricht noch durch Fächer des Frauenschaffens ergänzt (Stoff- und Warenkunde können dafür gestrichen werden), und zwar mit Handarbeit und Stoffkunde, Kochen und Hausarbeit, Gesundheitslehre und Säuglingspflege.
Durch die Uebemahrne der Handelslehranstalt in die Trägerschaft der Stadt Gießen ist die Enttmck- wicklungsmöglichkeit der Schule in der Zukunft entsprechend der Größe und Bedeutung der Anstalt gesichert. Mit der Uebernahme dieser Schule hat unsere Stadt den gleichen Schritt getan, den man in Mainz, Darmstadt, Offenbach und Worms schon vor einigen Jahren unternommen hat. In Wetzlar, Marburg, Friedberg usw. bestehen zwar auch Kaufmännische Berufsschulen und Städtische bzw< Oeffentliche Handelslehranstalten, unsere Stadt Gießen ist aber fraglos als die natürliche Verkehrs» geographische Zentrale für eine gehobene fachliche Sonderausbildung für die Bevölkerung eines weiten Umkreises anzusehen. Mit dem Ausbau der Anstalt zur Wirtschaftsoberschule mit dreijährigem Schulbesuch wird zwar^ wie schon, kurz gesagt, die bisherige zweijährige Höhere Handelsschule verschwinden, jedoch wird die einjährige Höhere Handelsschule ebenso wie die anderen Abteilungen der Schule bestehen bleiben. Die Abteilungen sollen keine Vergrößerungen erfahren, die Hauptanstrengungen werden sich vielmehr auf eine noch stärkere Intensivierung der Leistungen richten.
Die Unterrichtsmittel der Schule sind, wie wir bei unserem Rundgang durch die beiden Schulhäuser feststellen konnten, vielseitig und reichhaltig. Davon seien hier nur einige Beispiele angeführt. In dem großen Schreibmaschinensaale stehen rund fünfzig Schreibmaschinen der verschiedensten Systeme für den Unterricht zur Verfügung, Hilfsmittel sind reichhaltig vorhanden. Besonders ist hervorzuheben, daß die Schüler und Schülerinnen in ihrer Ausbildung schon frühzeitig auf das Blindschreiben eingeübt werden. In der warenkundlichen Materialsammlung besitzt die Schule geradezu eine Kostbarkeit, wie man sie. in gleicher universeller Weise wohl kaum bei einer anderen Anstalt dieser Art vorfinden dürfte. Es wird schwer sein, eine Ware zu nennen, von der nicht wenigstens eine Probe in dieser Sammlung der Schule vorhanden ist. Das Laboratorium der Drogisten-Fachklasse, die ihre Schüler bis aus den Gegenden von Treysa, Fulda, Weilburg und Friedberg kommen sieht, ist ebenso reich- halttg mit allen einschlägigen Materialien ausge-
IGut ausgenutzt ist auch gespart«
Wer sparen und zugleich eine bessere Wirkung erzielen will, soll den Herd nur dann putzen, wenn die Herdplatte noch handwarm ist; nicht kalt und auch nicht zu heiß. Es putzt sich dann leichter und sparsamer.
WEEN Herdputzputvef
aus der »Fabrik
? ist gut und a u s g i e
Heiteres Erlebnis in Berlin.
Von Marie Hamsun.
Die norwegische Dichterin Marie H am - fun wird am Montag im Gießener Vor- tragsring aus Werken ihres Gatten Knut Hamsun und aus eigenen Büchern lesen.
Als ich etwa vierzehn Tage in Berlin war und mein altes Ich wiedergefunden hatte, merkte ict) eines Tages ganz plötzlich, daß ich Schmerzen an einem Backenzahn hatte.
Auf meinem täglichen Wege zum ober vom Krankenhaus, wo meine Tochter noch lag, mar nur langst ein Zahnarztschild ausgefallen. Eines schonen TQ-- ges saß ich vor dem Doktor.
„Der Nerv ist angegriffen", sagte er.
Ich mußte .daher häufiger zu ihm kommen. Abgesehen vom Zahn hatten wir allerlei gleiche Interessen, und so fragte er mich eines Tages, als er einen neuen Wattebausch eingelegt hatte, was ich eigentlich hier in Berlin gesehen hätte.
Ich kannte aber eigentlich nur das Innere von einem Krankenhaus; außerdem war ich >em paar Ma! im Kino gewesen — nichts weiter. Der Zahnarzt hob feinen Kopf, zog feine süddeutschen Augenbrauen zusammen und zog sie ganz bis zum Haar- ansatz und sagte, daß das wirklich nicht anginge. Ich müßte zum mindesten und auf leben tfau oen Pergamon-AU tar ansehen.
„Sie müssen den Autobus Nr 19 nehmen oder auch mit ber Untergrundbahn fahren , sagte Zahnarzt, und ich versprach ihm m seme ehrlichen Augen, mir den Pergamon-Altar anzusehen, -o lins wunderbare Sehenswürdigkeit.
Als ich aber am folgenden Tage zu ihm kam, um den Tampon auswechseln zu.lassen, hatte cy trotz allem den Pergamon-Altar nicht gesehen, zog seine Augenbrauen noch höher und war unan genehm überrascht, beinahe beleidigt. 3d) fd^o Schuld auf alle möglichen Dinge; ich mußte P im Krankenhaus bei Ellinor sein. Aber nwrg würde ich den Pergamon-Altar sehen, ganz g wiß ..., das versprach ihm ihm. Wnmel
Es war Mittwoch. Donnerstag sollte die ZZurzei gezogen werden. Jetzt mußte ich mich also zu) m- mennehmen und mir den Altar ansehen.
Ich entschloß mich für die Untergrundbahn.
Am Fahrkartenschalter erklärte man mir, wit
und wo ich umsteigen müßte. Zuerst rechts, bann links, bann eine Treppe hoch — ober vielleicht gerabe umgekehrt. Ich war schon nahe bran, ben ganzen Pergamon-Altar aufzugeben. Gerabe in diesem Augenblick aber hörte ich eine beruhigende Stimme neben mir.
,Hch helfe Ihnen gern, ich fahre denselben Weg." Eine Stimme, nicht direkt vom Himmel, aber eine Stimme von einem gemütlichen kleinen Herrn im Pelz. Mit braunen Augen, Aktentasche unter dem Arm — ein Mann in den besten Jahren. Ja, ich kaufte eine Fahrkarte nach dem Zentrum Berlins, in der Nähe von diesem verwünschten Altar.
Dann warteten wir auf ben Zug. Mein Begleiter stanb da, dick und breitbeinig, als ob er auf bem Perron geboren wäre. Ich hielt mich sttllfchweigenb in feiner Nähe. Er sagte auch nichts. Wir hatten nur dies eine gemeinsam, baß er mich unversehrt dahin brächte, wohin ich sollte. Aber als wir im Zuge saßen, fanb ich, daß ich gegen meinen Cicerone ein bißchen höflich sein und etwas sagen müßte, wie verwirrend groß die Stadt Berlin für einen Fremden fein und daß sie mehr Einwohner hätte als mein ganzes Land, Norwegen, mit Dörfern und Städten ...
Er lachte und fragte mich, was ich Unter ben Linben wollte. Jrgenb etwas anfehen?
Ich weiß nicht, warum ich nicht gestand, daß ich mir ben Pergamon-Altar ansehen wollte. Ich sagte, ich wollte zur Dresbner Bank. Außerbem hätte ich ein paar Besorgungen zu machen. Vor ber Bank sagte ich auf Wiebersehen unb vielen, vielen Dank. Ich ging in bie Bank hinein unb wartete einen Augenblick. Aber als ich roieber herauskam, stanb er 'noch ba, ruhig unb parat, mir roieber beizu- slehen... Es half nichts, baß ich sagte, jetzt käme ich gut allein weiter...
Mit bem Pergamon-Altar im Kopfe ging ich in ein Geschäft hinein unb kaufte Zwirnrollen. In einem anberen Geschäft kaufte ich Stecknabeln. Unb iebes Mal stanb ber Mann ba, als ich roieber herauskam. Klein und ruhig, ben großen Pelzkragen hoch über die Ohren aufgeschlagen.
Wenn ein Mann eine Aktentasche unter dem Arm trägt, so hat er wohl Papiere drin, und man darf wohl vermuten, daß er mitten am Vormittag etwas zu tun hat. Aber dieser hatte nichts anderes zu tun, als mir mit Rat und Tat beizustehen:
Achtung! Achtung? Da kommt ein Auto! Ich durfte die Straße nicht überqueren, ehe sie öde lag
wie die Sahara. Dann nahm -er mich mit einem festen Polizeigriff am Arm und lotste mich hinüber. Es war sicher ein Anblick für Götter!
Ein Vormittag ist kurz. Ich hatte die mystischsten Umwege gemacht in der Hoffnung, ihn in irgendeiner Kurve zu verlieren. Ich hatte verschiedene Geschäfte besucht. Außer den Zwirnrollen und Stecknadeln hatte ich mir eine Karte von Berlin, eine Nagelschere und ein Pfund Apfelsinen zugelegt. Jedesmal hatte ich im deuttichen Deutsch „leben Sie wohl" gesagt. Aber jedesmal, wenn ich herauskam, stand er geduldig da.
Sollte ich wirklich mit ihm "zum Altar gehen? Plötzlich siel mir ein: er wird sich doch nicht in mich verguckt haben? Verstohlen schaute ich ihn von der Seite an. Aber nein, er wirkte nicht verliebt. Sein gemütliches Gesicht mit der roten verfrorenen Nase lugte aus dem Pelzkragen hervor und verriet keine Seelenerregung. Er dachte an nichts anderes als an den Straßenverkehr. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mit ihm zum Altar zu gehen. Ich wollte ihn gerade nach dem kürzesten Weg zu dieser Sehenswürdigkeit fragen, als er mir mit etwas anderem zuvorkam:
„Gnädige Frau, nur noch einen kleinen Rat. Sie dürfen sich hier in Berlin nicht mit Fremden ein- lassen. Mit fremden — fremden Herren... Berlin ist keine Kleinstadt. Sie können die schlimmsten Sachen erleben..."
Ja. bas kann man wohl sagen? Ich fühlte, wie ich rot würbe. Er blieb stehen unb sah mich mit treuen Augen an.
,äd) spreche als Freund..." Er suchte nach meiner Hanb.
„Danke", sagte ich ihm, „schönsten Dank. Ich kann auf beutsch nicht ausbrücken, wie bankbar ich bin — aber jetzt muß ich Autobus Nr. 19 haben."
Er war also boch verliebt...
Wir stauben an ber Autobushaltestelle. Abe, Pergamon-Altar? Unb ewig abe meine letzte Eroberung in biesem Leben. Liebe auf den ersten Blick ist nie meine Stärke gewesen unb ...
Aber bann bekam ich eine kalte Dusche.
„Verzeihen Sie, gnäbige Frau, aber wenn Sie unb Ihre Tochter vorhaben, noch länger in Berlin zu bleiben, warum benn nicht bei uns wohnen? Bitte schön! Hier ist unsere Karte." Sie war hanb- geschrieben. Wahrscheinlich während er draußen vor einem Geschäft gewartet hatte:
Pension Persect. 2 herrliche Sonnenzimmer frei, warmes und kaltes Wasser, Bad, W.C., stand da. Dagegen kein Wort darüber, daß er sein Herz an mich verloren hatte...
Morgen aber soll die Wurzel gezogen werden, und ich habe noch nicht den Pergamon-Altar gesehen! Ich habe schreckliche Angst!
Aber als ich am Nachmittag meine erwachsene, strenge Tochter im Krankenhaus besuche, zieht auch sie die Brauen hoch unb sagt:
„Wer Mutter, wie benimmst bu dich in Berlin? Ich glaube, ich muß es deinem Mann schreiben!"
Der Maurer beim Skat.
Beim Oberbürgermeister der Stabt Altenburg, die als eine Heimat des Skatspiels bekannt ist, traf kürzlich der Feldpostbrief eines Leutnants von der Front ein. Er enthielt eine gereimte Anfrage, in der es heißt: „Wir mußten unlängst tränenb trauern, / Weil uns ein Wort nicht klar erschien. / Wir kommen gramgebeugt zu Ihnen: / Woher kommt nur das Wörtchen „mauern"? Die Dienststellen der Altenburger ©tob toerroaltung haben es häufiger mit Anfragen von Volksgenossen wegen des Skatspiels zu tun. Auch diese Frage aus bem Felde wurde gern beantwortet. Nach Rückfrage bei einem Sachverständigen wurde dem Anftager mit- geteilt, daß man im Skatspiel das Wörtchen „mauern" vorwiegend auf einen Spieler anwendet, der nur ganz sichere Spiele meldet ober spielt, der sich also wie durch eine Mauer vor Nachteilen zu schützen sucht. Wer selten und bann nur „bombensichere" ober „haushohe" Spiele ansagt, gilt also als Maurer. Die Klagen über das Mauern sind aber völlig unbegründet, denn ein Spieler, der, wie man sagt, schwer spielt, schädigt dadurch, daß er so manches Spiel verpaßt, nur sich selbst. Von einem Bestrafen des Mauerns kann schon deshalb keine Rede sein, weil es nach der Skatordnung in bas völlig freie Ermessen febes einzelnen gestellt ist, ein Spiel zu reizen ober zu passen. Wann der Ausbruck „mauern" zuerst ausgetreten ist, kann nicht festgestellt werben. Er ist in verschiebenen Teilen des Reiches üblich. In Schlesien spricht man z. B. in bi ei'em Zusammenhang auch vom „Maurermeister", „Polier" ober von einem, der „die Maurerschürzg umhat" ober der „ben Kölner Dom tmtgebaut" hak


