Nr. 178 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, 30. Juli WO
Aus -er Stadt Gießen.
Klipp - klapp!
Mitten im flutenden Derkehrsstrom der Stadt läuft mit an einem sonnigen Nachmittag Ingeborg lachend in die Arme: „Merkst Du was?" — „Was oll ich merken" frage ich überrascht zurück, „Ihr wollt wohl an die Lahn mit Euren prallen Bade- toschen", — „Nö!" ruft die jüngere Sigrid überzeugend in den Straßenlärm, und dabei beginnen beide mit hohen Knien regelrecht „an Ort" zu gehen. — „Wollt Ihr vielleicht hier auf offener Straße allerhand fröhliche Gymnastik vorfuhren?" — Du aber eine lanae Leitung!" platzen da beide lachend heraus, „hör doch einmal richtig zu!" „Lärm wollt Ihr machen, ganz einfach — na ja, Ferienstimmung!" „Aber, Onkelchen, das ist doch kein Lärm, das klingt doch so schön klipp! klapp! klipp! klapp!", und schon zeigen sie ihre schönen, neuen Sandalen mit den Holzsohlen, wie Pferde den Huf.
„Willst Du Dir nicht auch ein Paar kaufen?" wirbt Sigrid im Ueberschwang ihres Glückes. — „Ach, dazu bin ich wohl schon zu alt!" versuche ich auszuweichen. — „Sei nicht so doof, Onkelchen, Holzschuhe sind doch modern und sparen Sohlenleder für unsere Soldaten und für unsere eignen Allwetterstraßenschuhe später auf dem Schulweg" vertieft Ingeborg mit überlegener Miene, und Sigrid stellt strahlenden Auges in Aussicht: „Wie fein wäre es, wenn wir drei dann zusammen durch die Stadt gingen!" — „Aha, vielleicht so etwas wie ein Propaganda-Marsch unter der Parole: „Spart Sohlenleder!" — „Nö!" lenkt Sigrid ein, „zu dritt klingt's doch noch viel schöner!" „Ach so, wir drei — ein geballter Klangkörper im melodischen Wechsel von klipp! klapp!?" — „Jawohl, jawohl, endlich!" rufen die lustigen Mädels begeistert wie aus einem Munde, und in ihren klangfrohen Abgang gebe ich noch die Versicherung: „Ich überlege mir's, bestimmt!"
In der Bahnhofshalle warte ich auf ankommenden Besuch. Knallt da plötzlich vom Eingang her gestreckten Laufes auf Hölzern über die Bodenplatten der langen Halle ein fesches Mädel in blumigem Dirndlkleid der Sperre zu, alles übertönend, auch die klirrenden nägel- und eisenbeschlagenen Arbeitsschuhe und die schweren Stiefel der Soldaten, ja, der ganze weite Raum gehört für ein paar Herzschläge ihr und nur ihr allein, daß es von allen Wänden und Gewölben widerhallt. Solche Klangfülle in Kraft und Anmut — und jedes aufgeschlossene Gemüt wird hier mitfühlen — gibt Zuwachs an Lebensfreude und Selbstbewußffein, und deshalb soll ich ja den „dritten Mann" machen durch die Stadt. Welch reicher Motivkreis führt doch hin zu solch einfachen Holzschuhen! Wenn ich hier versagte? Die Folgen wären kaum auszudenken. Diese Gören wachsen einem sowieso schon über den Kopf.
„Holzschuhe für Herren sind weniger gefragt", erklärt mir mein Schuhhändler, „aber in 2 bis 3 Wochen bekomme ich wieder eine Sendung herein, auch mit Herrennummern, bestimmt! Nun, es dauert zwar noch ein paar Tage länger, aber endlich kann .ich auswählen und anprobieren, mit glänzendem Erfolg. Selbstverständlich gilt mein erster Gang meinen mit Spannung geladenen Werberinnen. Jubelnd werde ich begrüßt, schon an der Flurtüre. „Herrlich, Onkel, herrlich!" ruft Ingeborg, und bei der Besichtigung aller Einzelheiten stellt Sigrid sachlich fest: „Dreigliedrig, wie meine Sohlen!"
Also wurde ich vollwertig gesprochen und gemein- schaftssähig erklärt. Und nun — gutes Holzwetter!
Dornotize«.
Tageskalender für Dienstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Bal parö". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der rettende Engel".
H5-WHW M Aast öiiiflj Srenöe
Das neue Monatsheft.
In allen Dienststellen der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" ist die Augustfolge des KdF.-Monats- heftes erhältlich. Das interessante und reich bebilderte Heft kostet nur 10 Rpf. 3423D
Leibeserziehung der Grundschulkinder in Schule und Verein.
Die vom Reichserziehungsministerium heraus- aegebenen Richtlinien für die Leibeserziehung in Jungenschulen schufen eine einheitliche Grundlage für das Schulturnen in Großdeutschland. Die dem Buche beigefügten Stoffoerteilungspläne für die verschiedenen Altersstufen ermöglichen allen Erziehern in den deutschen Schulen einen Turn- und Sportunterricht, der die Gewähr für eine gleichgerichtete körperliche Erziehung unserer Jugend in festumrissener Breitenarbeit gibt. Die gegebenen Ziele sind von jedem normal veranlagten Kinde bei dem notwendigen Willen zur Leistung zu erreichen.
Die Führung des NS.-Reichsbundes für Leibesübungen hat die Forderungen der Richtlinien als verbindlichen Arbeitsplan für ihre Kinderabteilungen anerkannt und sich damit in eine Erziehungsfront mit der deutschen Schule gestellt. Die. gemeinsame Ausrichtung dieser Erziehungsarbeit mirt) noch dadurch wirksam gefördert, daß Lehrer und Lehrerinnen sich als Kinderturnwarte und Uebungsleiter in den Vereinen und Gemeinschaften des Reichsbundes betätigen.
Die Einführung der 3., 4. und 5. Turnstunde in den Schulen ließ oie Meinung aufkommen, daß nun
das Turnen der Kinder in den Vereinen überflüssig geworden sei. So aber, wie die Sportdienstaruppen als zusätzliche Einrichtungen der Leistungsschulung anerkannt sind, ist auch zusätzliches Turnen im Grundschulalter nötig.
Die Schule vereinigt in der Klassengemeinschaft beweaungsfreudige und träge, bewegungsbegabte und schwerfällige Kinder. Die Rücksicht, die auf die langsameren genommen werden muß, verhindert, daß der Bewegungstrieb der begabten voll befriedigt wird. Die Leistung der körperlichen Erziehung im Verein ist zusätzlich und ergänzend. Die Vereins- arbett erstrebt in einer Gemeinschaft besonders begabter Kinder eine Vertiefung des Schulturnens an, das von den Jungen und Mädchen dankbar angenommen wird. Die besonders geförderten begabten Kinder sind beim Eintritt ins Jungvolk- und besonders ins HJ.-Atter sehr aufgeschlossen und empfänglich für fachliche Leistungs- und Spitzenschulung. Wenn im Grund schulalter die Freude an der Bewegung und am turnerischen Tun gefördert und gekräftigt wird, dann wird der Heranwachsenden Jugend die leistungsbetonte Leibesübung zur lebenslänglichen Gewohnheit werden. H.
Mres-Hauptversammlung des Eisenbahner-HeimWen-Dereins Gießen.
Der Gemeinnützige Eisenbahner-Heimstättenverein (e.G.m.b.H.) hielt dieser Tage im Hotel Hopfeld seine Jahreshauptversammlung ab. Im Mittelpunkt der Versammlung stand die Erstattung des Geschäftsberichts durch den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Mitglied Keuler. Dem Geschäftsbericht für das Jahr 1939 sei folgendes entnommen: Das Geschäftsjahr brachte für den Verein die Fertigstellung der 1938 begonnenen 5 Wohnungen. An ein neues Bauvorhaben konnte im Laufe des Jahres nicht gedacht werden. Der Vorstand des Vereins blieb unverändert. In den Aufsichtsrat kam an Stelle des versetzten Mitglieds Wagner das Mitglied Hugo Baumann. Vorsitzender / des Aufsichtsrats blieb Mitglied Keuler. Der Mitgliederstand des Vereins ist mit 113 Mitgliedern mit 116 Anteilen bei 7 Zugängen und 3 Abgängen .um 4 Mitglieder und 4 Anteile gestiegen. Die gesetzlichen Prüfungen wurden vorgenommen. Beanstandungen ergaben sich nicht. Auch die Prüfungen durch den Äussichtsrat erbrachten keine Beanstandungen. Die erwähnten 5 Neubauwohnungen wurden am 1. Juli 1939 bezogen. Die Gesamtkosten des Neubaues betrugen 45 710,18 RM. In Bezug auf die früher erstellten 65 Wohnungen hat sich nichts geändert. Die Nutzungsgebühren gehen ordnungsgemäß ein. Mietausfall durch Leerstehen von Wohnungen ergab sich nicht. Wohnungswechsel gab es nur in einem Fall.
Die Rentabilitätsberechnung für das Jahr 1939, vom Rechner, Mitglied Münster, erläutert, schließt in Aufwendungen mit 35 328,52 RM., in Erträgen mit 38 806,55 RM. ab, so daß sich ein Gewinn von 3478,03 RM. ergibt. Die Liquidität der Genossenschaft ist gesichert. Der Kapitalstand verzeichnet bei einem eigenen Kapital von 177 663,26 RM. ein Gesamtgeschäftskapital von 575908,71 RM.
Die Geschäftsguthaben sämtlicher Mitglieder haben sich im Laufe des Geschäftsjahres um 827,88 RM. vermehrt. Der Gesamtbetrag der Haftsumme beläuft sich auf 33 900 RM. Die rückständigen fälligen Mindestzahlungen auf die Geschäftsanteile betragen am Schluß des Geschäftsjahres 3964,82 RM.
Die Bilanz, wie auch die Gewinn- und Verlustrechnung wurden vom Aufsichtsrat geprüft. Es ergaben sich keine Unstimmigkeiten. Die Versammlung genehmigte daraufhin den Jahresbericht, Bilanz, sowie Gewinn- und Verkusttechnung.
Dem Vorstand und dem Auffichtsrat wurde einmütig Entlastung erteilt. Allen Mitarbeitern wurde durch den Vorsitzenden des Aufsichtsrats herzlicher Dank gesagt. Die satzungsgemäß ausscheidenden Mitglieder Martin, Rau und Drescher wurden einstimmig wiedergewäh
Im weiteren Verlauf der Versammlung beschäftigte man sich in reger Aussprache mit den Bauvorhaben, die in Angriff genommen werden sollen, sobald der Krieg zu Ende ist und die Zeitverhältmsse die Bautätigkeit wieder gestatten. Nach einem grundsätzlichen Beschluß ist der Bau von 24 weiteren Wohnungen geplant.
Für die Neubauten, die am Hollerweg, wie auch an der Liebigstraße (zwischen Ebel- und Jhering- straße) entstehen sollen, steht bahneigenes Gelände zur Verfügung, welches im Erbbaurecht an den Eisenbahner-Heimstätten-Verein abgegeben werden soll. Das Bauvorhaben wird vom Eisenbahner- Heimstätten-Verein durchgeführt. Der technische Reichsbahninspektor Plumhofß der als Vertreter der Reichsbahndirektion Frankfurt a. M. der Versammlung beiwohnte, gab hierzu einige Erläuterungen. Verwaltungsdirektor Martin als Vertreter der Stadtverwaltung nahm ebenfalls zur Frage des Neubaues Stellung und machte Vorschläge für die Berücksichtigung der Wünsche, die von Seiten der Reichsbahndirektion, wie auch vom Verein im Zusammenhang ytit dem Bauvorhaben vorgebracht wurden. Die Finanzierung der 24 Neubauwohnungen ist gesichert.
Klarstellung über den Bezug von Strümpfen.
Ndz. Die Reichskleiderkarten für Männer und Frauen enthalten Bezügsnachweise für Strümpfe, die immer dann abgetrennt werden müssen, wenn Strümpfe gegen Teilabschnitte der Kleiderkarte an Verbraucher abgegeben w.rden. Falls ©(rümpfe dagegen auf Sonderabschnitte der Kleiderkarte verkaufte werden, sind Bezugsnachweise nicht abzutten- nen. Beim Bezug von Strümpfen II. und III. Wahl, die — falls es sich nicht um naturseidene und kunst- seidene Damenstrümpfe II. und III. Wahl handelt — für die Hälfte der jeweils vorgeschriebenen Zahl von Teilabschnitten der Reichskleiderkarte abgegeben werden, ist also, wie die „Textilzeitung" schreibt, ebenfalls einer der Bezugsnachweise a bis e der Reichskleiderkarte für Männer oder a bis f der Reichskleiderkarte für Frauen abzutrennen. Auch bei der Abtrennung der Bezugsnachweise d und e der Reichskleiderkarte für Männer sind, ebenso wie für a bis c, nur je zwei Teilabschnitte für Socken und je vier Teilabschnitte für Strümpfe abzutrennen, desgleichen bei Abtrennung der Bezugsnachweise e und f der Reichskleiderkarte für Frauen nur je zwei Teilabschnitte. Es darf ferner nicht außeracht
gelassen werden, daß die Strümpfe II. und III. Wahl auch als solche gekennzeichnet und mit einem Preisnachlaß gegenüber dem normalen Preis von mindestens 15 v. H. verkauft werden müssen.
Postverkehr mit deutschen Kriegsgefangenen in Kanada.
Wie vom Oberkommando der Wehrmacht mitgeteilt wird, ist der größte Teil der an sich nur ganz wenigen deutschen Kriegsgefangenen in England inzwischen nach Kanada übergeführt worden. Genaue Lageranschriften sind noch nicht bekannt. ES können jedoch ab sofort offene Briefe und Postkarten der Angehörigen an die Kriegsgefangenen auf gegeben werden. Die postalische Anschrift muß wie folgt lauten:
Beispiel:
Kriegsgefangenenpost:
' An Unteroffizier Karl Schmidt, German Prisoner os Canada . C. O. Internationale Komitee vom Roten Kreuz, Palais du Conseil, Genf (Schweiz).
Pakete und Geldsendungen können vorläufig noch nicht befördert werden.
DZ.-Zungbann 116.
Der Jungbann 116 gibt bekannt: Alle Pimpfö vom 12. Lebensjahr ab, auch solche, die zur Zeit in Gießen zu Besuch sind, haben am morgigen Mittwoch, 31. Juli, auf dem Brandplatz anzutreten. Die Hitler-Jugend wird in den Ferien verstärkt zur Karq toffelkäfersuchaktion eingesetzt. Es wird erwartet, daß sich alle Pimpfe der Wichtigkeit dieses Dienstes bewußt sind. Bei Regen wird die Aktion auf Donnerstag, 1. August, verlegt.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 30. Juli. Auf dem heutigen Wochen-, markt kosteten: Markenbutter, y-i kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stück 6 bis 10, Wirsing, % kg 10 bis 12, Weißkraut 10 bis 12, Rotkraut 20, gelbe Rüben 12 bis 14, rote Rüben 12 bis 45, Spinat 20, Römischkohl 10 bis 12, Bohnen, grün, 16 bis 28, gelb 22, Erbsen 25 bis 30, Tomaten 35 bis 40, Rhabarber 10 bis 12, Pilze 50 bis 60, Frühäpfel 32 bis 40 Falläpfel 6, Pfirsiche 45, Hirn* beeren 40, Birnen 42, Johannisbeeren 25, Pflaumen 42, Zwetschen 42, Mirabellen 40 bis 42, Blumenkohl, das Stück 10 bis 60, Salat 5 bis 10, Salatgurken 10 bis 40, Einmachgurken 2 bis 4, Oberkohlrabi 5 bis 15, Rettich 5 bis 15, Radieschen, das Bund 10 Rpf.
** M i t dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet. Die beiden Brüder Oberfeldwebel und Ofsiziersanwärter Willi R u l l m a n n und Unteroffizier Otto R u l l m a n n , Söhne des Lokomotivführers August Rullmann, Rodheimer Straße Nr. 58, erhielten in Frankreich für ihre Tapferkeit vor dem Feinde das Eiserne Kreuz II. Klasse. — Der Unteroffizier Dr. L. Faber (Landgerichtsrat), Mühlstraße 22, wurde ebenfalls für besondere Tapferkeit vor dem Feind mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet.
** Silberhochzeit. Am gestrigen Montag, 29. Juli, konnten der Bahnbedienstete Ernst Jünger und Frau Margarethe, geb. Honig, Klein-Linden, Frankfurter Straße, das Fest der silbernen Hochzeit feiern. (Wir beglückwünschen!)
** Zivilkleidung zur Entlassung wird verbilligt befördert. Die den zum Heeresdienst Einberufenen zugestandene Gebührenermäßigung für Pakete mit Kleidungsstücken usw. (50 Rpf. einschließlich Zustellgebühr ohne Rücksicht auf Gewicht und Entfernung) gilt, wie das Reichspostministerium mitteilt, auch für Pakete mit Zivilkleidung, die sich Heeresangehörige vor ihrer Entlassung aus dem Heeresdienst von ihren Familienangehörigen usw. zu ihrem Truppenteil in Deutschland zusenden lassen. Die Pakete unterliegen dem Freimachungszwang.
** Wiesecker Störche umkreisen den Stadtkirchturm. Dieser Tage gab es ein hübsches Schauspiel zu beobachten. Die Familie der Wiesecker Störche, insgesamt sechs Vögel, umkreisten längere Zeit dey Stadtkirchturm. Sicherlich handelte es sich dabei um Flugübungen, die die altemStörche mit ihren Jungen ausführten. Die Störche sind in jüngster Zeit öfter über der Stadt gesehen worden. Gerne sieht man den Vögeln zu, wenn sie sich elegant in der Luft wiegen.
„Bal pare.“
Der neue Film Karl Ritters.
Denselben Karl R i t t e r, der die großen nationalpolitischen Filme „Patrioten", „Unternehmen Michael", „Urlaub auf Ehrenwort", „Pour le merite" schuf, überkam beim Betrachten einer flott hingeworfenen Zeichnung Rezniceks die Erinnerung an eigene frohe Tage im Münchener Fasching und er spürte Lust, etwas von dieser beschwingten Heiterkeit und problemlosen Sinnenfreude, in der das München vor dem Weltkrieg ihm vor den Augen stand, wieder erstehen zu lassen mit all den Mitteln, die der Film ihm bot. Er ist mit guter Laune an sein Werk gegangen, und daß es ihm gelungen ist, etwas von dem Zauber der Münchener Stadt, dem ja vor allem Norddeutsche unrettbar erliegen, für seinen Film einzufangen, werden die Aelteren unter uns aus eigener Erinnerung gern bezeugen. Münchener Studenten- und Künstlerleben, der Münchener Fasching mit seinem besonderen Clou, dem berühmten Bal parS im Deutschen Theater, und als breit hingemalter Hintergrund behäbig-urwüchsiges Münchener Bürgertum sind das Milieu für das Faschingerlebnis eines rheinischen Großindustriellen, der seinen Filius seinem Münchener Korps zuführen will, auf den Bal pare gerät und hier eine Begegnung mit einer allerliebsten kleinen Ballettschülerin hat, zu deren märchenhaft uneigennützigem Mäzen er wird. Ein biederer Gastwirt, der als Nachbar der Kleinen diese in fein ehrliches Herz geschlossen hat, glaubt nicht an so viel Uneigennützigkeit und prophezeit dem seltsamen „Stipendium" einen schlimmen Ausgang. Auch der Filius, der statt Korps und Juristerei sich mit vollen Segeln der Münchener Boheme in die Arme geworfen hat, die er in dem originalgetreu wiedererstandenen „Simpli- zissimus", der berühmten Schwabinger Künstler- kn eipe der Kathi Kobus, an der Quelle studiert, traut dem Herrn Vater nicht nur väterliche Beschützergefühle für die Kleine zu, die eine Zufallslaune ihm gleichfalls im Wirbel des Bal pare zu- geführt hat. Jugend drängt zu Jugend. Es gibt einen Mordskrach zwischen Vater und Sohn, und diesem bleibt nichts übrig, als das Schiefe feines so selbstlos gedachten Mäzenatentums zu begreifen und daraus die Folgerungen zu ziehen. In der fröh
lichen Ausgelassenheit eines gleichsam privat arrangierten Bal parö beim biederen Gastwirt Aigner in der Glückstraße finden sich die passenden Paare zusammen.
In der Realistik des nüchternen Alltags mag manches unwahrscheinlich erscheinen, was hier die leichte Hand Karl Ritters zusammen mit Felix Lützkendorf, einfallsreich und nie verlegen, in überquellender Schöpferlaune zusammen geb raut hat, denn selbst die sagenhafte „gute, alte Zeit" war ja, einem on dit zufolge, nicht so gut, wie uns dies Münchener Faschingsmärchen erzählt. Aber was tut es? Wie im sinnenbetörenden Rausch des unsterblichen Walzers das junge Paar in den Himmel der Liebe hineintanzt, so gibt es in diesem Film feine graue, stimmungmordende Sachlichkeit. Wo der Dreivierteltakt sein Zepter schwingt, kommen kein „wenn" und „aber" auf. Die Musik ist das eigentliche Element dieses Films. Theo Mackeben schrieb sie. Ein bezaubernder Walzer, ein entzückender Contre im wirbelnden Rhythmus lauter, strahlender Lebensfreude klingen lange nach. Das Ballet aus Tschaikowskys „Nußknacker-Suite" ist eine anmutige Zugabe.
Die Laune des Spielleiters war der Impuls des Ensembles. Paul Hartmann war der großin- duftrielle Mäzen, vom Zauber der Jugend angerührt, aber von jener soliden Ritterlichkeit, die seine selbstlosen Gefühle für die kleine Ballettratte plausibel macht. Diese spielte Ilse Werner mit einer reizenden Natürlichkeit und Anmut. Hannes Stelzer war der junge Studiosus, mit den schwärmerischen Augen des Achtzehnjährigen, kantig und geradezu, wie benommen von einer ihm fremden Atmosphäre. Sehr apart in ihrer feinen, stillen, verständnisvollen Art war die Mutter Käthe Haacks. Erika v. T h e l l m a n n als Ballettmeisterin war mit ihrer gewandten Beredtsamkeit eine köstliche Person. Besonders liebevoll war das Milieu des „Simpl" ausgemalt worden mit Grete Ruß als Kathi Kobus. Pamela Wedekind, in eng anliegendem langem schwarzen Gewand, fang Brettl- Lieder ihres berühmten Vaters und Walter I a n f- f c n hatte mit einer virtuosen Sicherheit den Typ Schwabinger Boheme getroffen. Großartig der Onkel Flori Theodor D a n e g g e r s mit dem alles andere ausschließenden Fanatismus des Erfinders, der M feiner Besessenheit zum Narren wirb. Fritz
Kämpers als cholerischer Gastwirt, Lina Carstens, Karl John, Amanda Lindner gaben ihre kleineren Rollen sauber ausgefeilt und auf den heiteren Akzent des Ganzen gut abgeftimmt.
Dr. Fr. W. Lange.
„Der rettende Engels
Der neue Film im Lichtspielhaus erzählt eine humorvolle Geschichte, die Geschichte eines Heimkehrers, der sich schwer aber doch entschlossen hat, die Seefahrt aufzugeben und sein Erbe, einen stattlichen Hof im Salzkammergut, anzutreten und für die Folge Bauer und Fischer zu werden. Hinzu kommt, daß sich die Geschichte des jungen stämmigen Seemannes auch noch zu einer richtigen Liebesgeschichte auswächst, denn der Heimkehrer verliebt sich in die hübsche junge Lehrerin feines Heimatdorfes. Es fehlt dabei nicht an einigen Schwierigkeiten und Hindernissen, auch nicht an Mißverständnissen und Eifersüchteleien, so daß der Hoferbe schon fcfft entschlossen ist, wieder zur See au gehen. Aber im letzten Augenblick, und ehe noch die Lokomotive des Zuges pfeift, der ihn entführen soll, hellt sich plötzlich der Himmel der Liebe für ihn auf und er bleibt zu Hause. Das ist in kurzen Zügen die Handlung des Films, der aber daneben noch eine Fülle von trefflichen Schilderungen aus dem dörflichen Leben bringt. Unter der Regie von Ferdinand Dörfler wurde der Bildstreifen nach einem Lustspiel von Maximilian Vitus gedreht und manche Szene mit viel Liebe ausgpmalt.
In der Darstellung weiß sich zunächst Sepp R i st als heimkehrender Matrose und Erbe des Fischerhofes alle Sympathien zu sichern. Sein klares männliches Auftreten, seine Selbstüberwindung und schließlich seine Kraftfülle im Kampf mit einem wildgewordenen Stier imponieren mächtia. Auch seine Partnerin, die junge Lehrerin des Dorfes, von Carla Rust liebenswert dargefteltt, kann sich dem Eindruck seiner starken Persönlichkeit auf die Dauer nicht entziehen. Als heiratslustige Berlinerin schneit Grete Weiser in die dörfliche Idylle und bildet das Salz in der Suppe. Franz S ch a f h e i t l i n erscheint als Elegant und Mitbewerber um die Gunst der jungen Lehrerin, während Gustav Waldau als Fischerknecht, Margarete Hagen sehr originell als Magd und .Gerda D r e g e x als Wir
tin zur „Seerose" das dörfliche Element Vertretern Die Berge des Salzkammergutes und ein idyllischer See sind der wirkungsvolle Hintergrund für das launige Spiel, von dem man sich gerne unterhalten und erheitern läßt.
Im Beiprogramm interessiert neben der Wochenschau ein anschaulicher Film, der die wichtigsten deutschen Flugzeuge, die sich im Kampf über den bisherigen Kriegsschauplätzen bewährt haben, in sehr instruktive Bilder geigt H. L. Neuner.
Zeitschriften.
— Im neuen Heft der „M odenwel t" findet man alles, was Frauen sich wünschen und leistet können, denn die Modenwelt denkt bei ihren Vorschlägen stets an die Möglichkeiten, die jeder Frau im Rahmen ihrer Kleiderkarte gegeben sind. So spricht schon der erste Aufsatz über die Erfahrungen, die mit der Punktkarte gemacht worden sind. Dann werden die Neuerungen der diesjährigen Mode bet' sprachen und dann kommen Modelle über Modelle Da gibt es gestrickte Kleider, Pullover, Jacken und Strümpfe, Herbstmäntel, Complets und Kostüme, Dormittagskleider, Nachmittagskleider mit Sticken reien und Band, Abendkleider aus Seide und Bro^ tat, Blusen für alle Tageszeiten, hübsche praktische: Wäsche, modische Kleinigkeiten, Taschen, Frisuren usw. Dem Heft liegen zwei Schnittebogen und ein Handarbeitsbogen bei.
— Der Maler Paul Padua wird im Augustheft von VelHagen & Klasings Monatshe f ä t e n gewürdigt. Andere Beiträge schildern einen Fliegerhorst an der Nordsee und „Des Weidmanns Kleid im Wandel der Zeit". Eines der merkwürdigsten Kapitel aus der dänischen Geschichte, den Deutschen Sttuensee, schildert der Heidelberger Professor Dr. Willy Andreas, lieber kinderlose Ehen schreibt der Berliner Frauenarzt Dr. Walter Braun. An Erzählungen veröffentlicht das Heft heitere Sommergeschichten von Rudolf Habetin, eine fröhliche Novelle „Der Luftballon" von Franz Hänle, und eine satirische Erzählung „Der Spaßmacher und seine Freunde" von dem italienischen Dichter Rocco Cartoscelli. Den politischen Fragen der Gegenwart geht ein Aufsatz von General Kabijch übex de« Schicksalsweg deutscher Kraft «gch.


