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fr. 145 Zweites Blatt

Siebener Anzeiger lGeneral-Anzetgsr für Gberheßen)

Zreitag, 21. Zum 1940

Fliegeralarm oder nicht?

Aus der Stadt Gießen.

Sommersonnenwende-Lohannisfeuer

Am Tage der Sommersonnenwende, am 21. Juni, hem längsten Tag des Jahres, erreicht die Sonne ihren höchsten Stand. Der Sommer nimmt seinen Anfang. Das Sonnwendfeuer ist das älteste und bedeutsamste Feueropfer des germanischen Sonnen­kultes. Die Feuergebräuche hängen ursprünglich mit der vorchristlichen Verehrung der Sonne und dem germanischen Wodan- und Baldurdienst zusammen. Las Rad ist die sinnbildliche Andeutung der Sonne. Lurch Drehung eines Rades oder einer Scheibe wurde das Feuer erzeugt. Rad und Scheibe wur­den im Bogen hoch durch die Luft geworfen oder vom Berge herabgerollt. Die Flamme übte ver- ineintlich Einfluß aus auf Wachstum und Gesund­heit der Feldprodukte, des Viehs, der Menschen- knder. Das Feuer als Sinnbild der Sonnenkraft und des Sonnensegens war auch Wegebereiter und Glücksbringer der Liebe. Der Sprung durch das tzonnwendfeuer wurde zu einer Kraft und Lie­besprobe, indem sich der mutige Bursche und das herzhafte Mädchen an der Hand faßten, und beide aemeinsam über das zu lodernden Flammen ge- slhürte Opferfeuer sprangen. Dieser Sprung durch die Flammen wurde gewissermaßen zur Verlobung, zum Liebesgelöbnis, im Feuer geläutert. Siegfrieds Sprung durch die wabernde Lohe, wodurch er die Baitüre Brunhilde befreite, ist ein Anklang an das germanische Notfeuer.

Ein ursprünglich heidnischer Brauch, den die christ­liche Kirche, da sie vergeblich dagegen ankämpfte, mit kluger Berechnung der germanischen Volks­seele übernahm und zu Ehren Johannis des Täu­fers umdeutete. So trat Johannes in Beziehung zu den altgermanischen Feuern ter Sommersonnen­wende und wurde so auch zum Helfer und Be- sehützer vor allerlei Wetterschaden. Der Johannis- iog gilt als ein kritischer Tag -erster Ordnung. Die Heuernte beginnt um den Johannistag. Im Bauern- Llender heißt es:Dor Johanni bitt' um Regen. Nachher rommt er ungelegen." Die Johanniszeit bringt auch häufig Ueberfälle von Hagel und Ge­witter und läßt in der Sonnenglut gefährliche Krankheiten bei Mensch und Tier aufkommen. In her Johannisnacht erstehen auch Wunder und Zau­ber. Noch heute sammeln junge Mädchen sieben ^stimmte, Glück und Liebe bringende Kräuter. Ein aus siebenerlei Feldblumen geflochtener Johannis­banz prangt in den Hausgiebeln thüringischer Dör­fer zum Schutz gegen Unwetter und Unglück.

Bornotizen.

Tageskalender für Freitag.

Volkstümlicher Vortrag der Ludwigs-Universität: 20.15 Uhr im Kunstwissenschaftlichen Institut, Lud- wigstraße 34, Professor Dr. Eger überVom Kau­fen und Verkaufen II.". Stadttheater: 20 bis 22 UhrZwei im Busch". Gloria-Palast, Selters­weg:Fräulein Winnetou". Lichtspielhaus, Lahnhofstraße:Zwielicht".

Sladttheater Gießen.

Am heutigen Freitag wird das LustspielZwei im Husch" von Axel Jvers zum letztenmal wiederholt. Spielleitung: Hansjoachim Büttner (Berlin) a. G. lie Vorstellung holt gleichzeitig die 32. und letzte Vorstellung der Freitag-Miete nach.

Rolizen für den 21. Juni.

Sonnenaufgang 5.02 Uhr, Sonnenuntergang 21.51 Uhr. Längster Tag, kürzeste Nacht. Mondunter­gang 6.42 Uhr, Mondaufgang 22.38 Uhr.

lSGeMinWsl M « iNltz AM

Für den am Montag, dem 24. Juni, 20 Uhr, in der Neuen Aula stattfindenden Vortragsabend mit !r. LeonhardBlaß sind verbilligte Karten zum Preise von,40 RM. in unserer Kartenverkaufs- fielle, Gießen, Seltersweg 60, zu haben. 2931V

Verschiedentlich ist darüber Klage geführt wor­den, es seien feindliche Bombenabwürfe erfolgt, ohne daß die Bevölkerung rechtzeitig vorher durch Fliegeralarm gewarnt worden sei. Es ist darin völlia zu ^Unrecht ein Versagen der zuständigen Luftschutzorgane erblickt worden.

Von zuständiger militärischer Seite erfahren wir hierzu, daß aus wohlerwogenen Gründen n i ch t in allen Fällen beim Einflug feindlicher Flieger in deutsches Reichsgebiet sogleich Fliegeralarm ge­geben wird, und zwar aus folgenden Gründen:

Die immer wieder bestätigten Beobachtungen der letzten Wochen haben zweifelsfrei ergeben, daß oft Nacht für Nacht Einflüge einzelner feindlicher Flugzeuge in deutsches Reichsgebiet erfolgt find, die etwa zwei Stunden lang große Strecken über ganze Gaue hinweg im Rundflug abstreiften und manchmal überhaupt keine, manchmal erst auf dem Rückflug Bomben abwarfen. Daraus ergibt sich, daß im Falle der sofortigen Alarmgedung Nacht um Nacht ganze Provinzen unnütz Stunden hin­durch alarmiert werden, was eine unnötige Beun­ruhigung der Bevölkerung und einen beträchtlichen Produktionsausfall wichtiger Rüstungsbetriebe zur Folge hat. Dadurch aber wird letzten Endes die Schlagkraft unserer Wehrmacht und damit die Ent­scheidung des Krieges, dort, wo sie nur fallen kann an der Front nachteilig beeinflußt. Einzig und allein auf die Erhaltung der militärischen Schlagkraft aber kommt es im Kriege an. Alle übrigen Gesichtspunkte müssen dem zwangsläufig untergeordnet werden.

Die Bevölkerung kann dessen gewiß fein, daß Fliegeralarm in jedem Falle sofort erfolgt, wenn der Einflug vieler Flugzeuge oder ganzer Ver­bände festgestellt worden ist. Fälle, in denen Flie­geralarm noch nach einem Bombenabwurf gege­ben wurde, standen unter dem Eindruck, daß die­sem Bombenabwurf noch ein größerer Luftangriff folgen würde. Also auch hier liegt nicht etwa ein Versagen des Luftschutzes vor.

Im übrigen muß mit allem Nachdruck hervorge­hoben werden, daß die Wirkungen der bisherigen Nachtangriffe nur deshalb verhältnismäßig g e -

NSG. Durch Verfügung des Oberkommandos der Wehrmacht vom 27. September 1939 wurde erst­malig die Gräberfürsorge für die Gefallenen, an Verwundungen, Unfallfolgen oder im Dienst ver­storbene Heeresangehörigen von der Wehrmacht übernommen. Mit der Verordnung über die Grä­berfürsorge der Wehrmacht des Großdeutschen Reiches vom 2. April 1940 hat diese Anordnung Gesetzeskraft erlangt. Für das Operationsgebiet ist die Gräberfürsorge durch besondere Verfügung ge­regelt und dafür Sorge getragen, daß jedes ein­zelne- Grab erfaßt und die genaue Grablage aus­gezeichnet wird. Benachrichtigung der Angehörigen erfolgt immer durch den zuständigen Truppenteil. Erforderliche amtliche Totenscheine werden vom Oberkommando der Wehrmacht, Wehrmachtsaus­kunftsstelle für Kriegerverlufte ..., Berlin W 30, Hohenstaufenftraße 47/48, auf Grund des Personen­standgesetzes (Personenstandsverordnung der Wehr­macht) vom 4. November 1939, § 26, in jedem Falle beim zuständigen Standesamt beantragt. Be­nachrichtigung durch Oberkommando der Wehrmacht, welches Standesamt den Totenschein ausstellt, bleibt abzuwarten. Bei den Wehrkreiskommandos, sowie den Standortkommandos bzw. Kommandan­turen des Heimatgebietes befinden sich besondere Sachbearbeiter für dieses Arbeitsgebiet, die jeder­zeit zu Auskünften bereit sind.

Soweit wehrmachteigene Friedhöfe (Militärfried­höfe) vorhanden und erweiterungsfähig waren, können auf Wunsch der Angehörigen die Toten auf diesen Ehrenhainen beigesetzt werten. In dies.'.n Falle werden die Grabstätten und ihre Unterhaltung von der Wehrmacht kostenlos bereitgestellt. In allen

ring waren, well die Luftverteidigung des Reichs­gebietes durchaus erfolgreich ist. Wenn trotz aller beobachteten Vorsicht und aller Verhütungsmaß­nahmen hier und da Todesopfer zu beklagen sind, so ist dies in diesem Falle sehr zu bedauern. Wir müssen uns aber schließlich auch darüber einmal in nüchterner Erwägung klar werden, daß wir nun einmal in einem uns aufgezwungenen Krieg stehen, der für unser ganzes Volk die Entscheidung über Sein oder Nichtsein bringen wird. In einem sol­chen Entscheidungskampfe, der darüber hinaus das Schicksal der Welt auf lange Zeiten hinaus be­stimmen wird, geht es aber entsprechend dem Wesen eines heutigen totalen Krieges nicht ohne jedes Opfer der zivilen Bevölkerung ab. Im Ver­gleich zu dem restlosen und bedingungs­losen Einsatz unserer Wehrmacht erscheint ein solches Mittragen aller Kriegserfordernisse auch für uns in der Heimat als äußerst gering. Vollends ein Vergleich mit den von der vollen Wucht des Krieges betroffenen Teilen Belgiens und Frank­reichs belehrt uns darüber, daß die Leiden der dortigen Zivilbevölkerung trotz klarer Beschränkung unserer Luftangriffe auf militärische Ziele unver­gleichlich größer sein müssen.

Wenn also nicht in jedem Falle beim Einflug feindlicher Flieger ins Reichsgebiet Fliegeralarm gegeben wird, so ist dies nicht auf ein Versagen der zuständigen Lustschutzorgane, sondern auf Gründe wohlerwogener Art zurückzuführen. Es gilt somit, sich der ganzen Größe und Schwere der Zeit bewußt zu werden. Wir wollen nicht an Einrich­tungen zweifeln, an deren bestmöglicher Vervoll­kommnung die zuständigen Stellen seit langem ge­nau so gewissenhaft gearbeitet haben, wie an der sonstigen, jetzt im Ernstfall so überaus bewährten Wehrhaftmachung des Reiches. Das Gebot der Stunde ist vielmehr heute für jedermann, ob an der Front ober im Hinterland, sich innerlich stark zu machen für die Bezwingung der großen Auf­gaben, die noch vor uns liegen und für deren Be­wältigung notfalls jedes, auch noch so schweres Opfer gebracht werden muß.

übrigen Fällen können auf Antrag der Angehörigen Beisetzungen auf den von den Städten und Gemein­den errichteten Ehrenhainen vorgenommen werden. Auch diese Grabstätten werden späterhin von der Wehrmacht betreut. Hierfür sind oie Anträge in der Regel bei den Standortkommandos bzw. Komman­danturen am Beisetzungsort zu stellen, sonst bei den betreffenden Friedhofsverwaltungen. Diese mili­tärischen Dienststellen entscheiden auch über die Be­teiligung der Wehrmacht an der Trauerfeier. Dabei ist auch zu beachten, daß eine solche militärische Be­teiligung nur einmal, je nach Wunsch der Angehö­rigen entweder bei der Ueberführung oder bei der Beisetzung erfolgt.

Soweit Ueberführungen beabsichtigt werden, ist der Antrag von den nächsten Angehörigen, der Witwe, den Eltern Oder Kindern zu stellen. Da zu­nächst für alle Operationsgebiete die Ueberführung gesperrt ist, kommen nur Ueberführungen im Hei­matgebiet Verstorbener in Frage. Der Begriff Hei­matgebiet umfaßt dabei die Grenzen des Groß- deutschen Reichs nach dem Stande vom 31.8.1939. In solchen Fällen ist der Antrag für im Lazarett Verstorbene an den zuständigen Chefarzt zu richten, in den übrigen Fällen an die Standortkommandos bzw? Kommandanturen. Die Angehörigen haben eine Erklärung beizusügen, daß durch die Zahlung des Beerdigungsgeldes alle ihnen durch die Beerdigung entstehenden Kosten abgegolten sind. Don ter Wehr­macht werden übernommen: die Ueberführungs- foften, auf billigstem Wege in der Regel mit Bahn­transport. Soweit Ausgrabungen erforderlich sind, werden auch diese vergütet. Daneben steht ein Be­erdigungsgeld in Höhe von 165. RM. zu. Die

Gräberfürsorge der deutschen Wehrmacht

Bezahlung der beihilfefähigen Kosten veranlaßt in jedem Falle die die Ueberführung genehmigende Dienststelle.

Bei den Reisen zum Besuch verwundeter ober fran» ker deutscher Kriegsteilnehmer gewährt die Reichs­bahn den Angehörigen (Ehefrau, Eltern, Pflegeeltern, Kinder, Geschwister oder Verlobten) eine 5O-v. H.- Fahrpreisermäßigung in der 2. und 3. Klasse. Er­forderlich ist ein Antrag nach vorgeschriebenem Mu­ster, in dem das Verwandtschaftsverhaltnis von der Gemeinde- (Ortspolizei-) behörde bescheinigt sein muß. Gleiche Vergünstigung erhalten die Angehöri­gen bei Reisen zur Teilnahme an der außerhalb des Standorts ftattfinbenben Beerbigung verstorbener beutscher Teilnehmer an bem gegenwärtigen Einsatz. Antragsformulare halten bie Fahrkartenausgabe- steilen vorrätig.

Werden bie nächsten Angehörigen (Ehefrau, El­tern, Pflegeeltern, Kinber, Geschwister ober Verlobte) von feiten bes Reservelazarettes zum Besuch schwer erkrankter ober verwunbeter Wehrmachtsangehöriger aufgeforbert, so können für zwei Angehörige auf Antrag Reisebeihilfen gewährt werben, jedoch nur in Höhe bes ermäßigten Fahrpreises unb soweit bie Reise nicht aus eigenen Mitteln bestritten werben kann. Auch bei Reisen eines Angehörigen nach bem Sterbeort zur Regelung ber Ueberführung können bie unvermeiblichen Reisekosten erstattet werben.

333. Jahresfeier der Ludwigs-Universität.

Am Montag, 1. Juli, begeht bie Ludraigs-Uni- versität Gießen in üblicher feierlicher Form ihre 333. Jahresfeier. Vormittags um 11.15 Uhr begin­nend finbet in der Neuen Aula bie Feier statt, in deren Mittelpunkt nach der Ansprache bes Rektors, Professors Dr. Kranz, unb der Preisverteilung ein Dortrag von Professor Dr. Zschietzschmann überDie Blütezeit ber griechischen Kunst" stehen wirb. Nach einem Zwischenspiel des Collegium mu- sicum wird bie Ansprache des Stubentenführers zum Schluß der Feier überleiten.

(Sommerblumen im (Sirahenbild.

Leuchtender Mohn und rankende Wicken, Die unser schauendes Auge entzücken, Sommerblumen, in Sträuße gebunden. Goldene Aehren, zu Kränzen geraunten. Wollen mir stolz in ben Junitagen, Schmückenb am Kleib unb am Anzug tragen. Blütenzweige, sie werben zum Zeichen, Daß wir bie helfenben Hänbe reichen, Unseren tapferen Frontsolbctten.

Ihre unvergleichlichen Taten, Seien uns Dorbilb. In großer Zeit Ist auch bie Heimat zum Einsatz bereit.

Dr. Liselotte HenckeL

Alte Münzen für das Rote Kreuz.

Wie bie Erfahrung gezeigt hat, schlummern immer noch in zahlreichen Haushalten alte, außer Kurs ge­setzte Münzen, auslänbisches Kleingelb, Plaketten unb ähnliche Dinge, bie als Anbenken aufbewahrt werben. Die erste Reichsstraßensammlung bes Kriegs- hilsswerkes für bas Deutsche Rote Kreuz am morgi­gen Samstag unb am Sonntag gibt Gelegenheit, biefe Münzen umgehenb einer rohstoffwirtschaftlichen Verwertung zuzuführen. Jeber Sammler nimmt biefe Münzen gern als Sonberspenbe für feine Sam­melbüchse entgegen.

Feierliche Lleberreichung der Mütter-Ehrenkreuze.

In schlichten Feiern werben am fommenben Sonn­tag, 23. Juni, burch bie Ortsgruppen ber Partei bie Mütter-Ehrenkreuze an bie finberreicfjen Mütter unserer Stabt ausgegeben. Die Ortsgruppen Mitte unb Süb vereinigen bie Mütter in ihrem Bereich um 15 Uhr in ber Neuen Aula ber Universität. Die Ortsgruppe N o r b hält ihre Feier im Saal besAquariums" um 10.30 Uhr ab. Die Orts­gruppe O ft wirb die Mütter am Vormittag um 11 Uhr in ber Neuen Aula ber Universität vereinigt sehen. Nach kurzen Ansprachen ber Ortsgruppen-

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Das Buch.

Don Günter Herbst.

Acht Monate war Rüdiger alt, als Hans-Jürgen Tb schieb nahm, um im Kriege seine Pflicht zu er­füllen. Elke, seine junge Frau, begleitete ihren Hann, ber in ber Uniform bes Leutnants stattlicher lussah, benn je, zur Kaserne, wo bie Kompanie ^.sammengestellt würbe. Noch, schien es ihr ganz Unfaßbar, daß sie ihn auf Wochen, Monate, ja sogar vielleicht für immer missen sollte. So mürbe jpe freie Stunde ber nächsten Tage, in denen man bie Vorbereitungen für ben Abmarsch traf, zu einer Ulen Feier.

Am britten Krisgstag kam ber Abschieb. Mit vie- (h anderen Frauen fand sich auch Elke auf dem krsernenhof ein. Die Kompanie war dort mit ihren Fahrzeugen aufgefahren. Sauber ausgerichtet, als ginge es ins Manöver, standen die Wagen uns Protzen auf dem großen Hof, bereit für die Fahrt in den Krieg. Der junge Leutnant die letzten L-fehle erteilend winkte seiner Frau hm und B eter fröhlich zu. Aus all feinen Gebärden unö Sorten sprach schon die Freude auf das große Abenteuer. Frau und Kind und Heim waren nun eine Seite seines Lebens geworden, die hinter ihm s lag im Sonnenglanz schöner Erinnerungen und die dich als Kraftquell für zukünftige Taten in ihm Überstrahlte. Elke meinte nicht. Auch bie anderen Frauen, die bei ihr ftanden, die Frauen lunger Arbeiter und Angestellter und auch diejenigen ge- refter Männer und das Mädchen eines lachenden latenten und manch eine Mutter, sie alle mären tofer und stark ober versuchten es ledensalls zu

Als bas KommandoAn die Fahrzeuge gekom- mm war, ging Elke zu jedem Soldaten vom Zuge j)'C5 Mannes und reichte ihm einen flemen -ölu* n nstrauß. Da spürten sie alle zum erstenmckl ge- n* infam die Liebe der Heimat, unb manch einer suchte zaghaft, die Hand der jungen Frau zu drücken. Unb als sich die Fahrzeuge mm langsam m Bewegung setzten und sich nach und nach auf- dloffen zur langen Reihe und durch das Tor h^ n-sfuhren in die ungewisse Zukunft, da hoben sich bis Hände und winkten mit den Blumen einen leiten Gruß. Die Zurückbleibenden aber ließen d e rischentücher im Winde flattern, bis das letzte iZihrzeug der Kolonne verschwunden mar.

Nach langen Tagen erhielt Ette den ersteri Brief.

Ife war voll Zuversicht und Kraft unb m jeder

Zeile ein Ebenbild ihres Mannes. Da verlor sich alle Kleinmut in ihr, und der Stolz machte sie glück­lich und froh. Sie las ihrem Sohn den Brief vor, als verstände er schon, was der Vater schrieb, und wenn es sie in diesen Taaen dennoch einmal schmerz­lich überfiel, suchte sie Zuflucht in seinen Worten. Das war dann, als stände er bei ihr, als höbe er ihr Antlitz zu sich hinauf, bis ihre Blicke sich begeg­neten. Dem Brief aber folgte fein zweiter. Jenes Schreiben, welches ihr eines Abends überreicht wurde, trug eine fremde Handschrift. In chm teilte ber Hauptmann mit, daß der Leutnant an der Spitze feines Zuges gefallen war.

Elke begriff nicht, was geschehen war. Erst als sie es sich immer wieder vor Augen unb Sinne rufen mußte unb nun bie Bekannten kamen, um sie zu trösten, versank sie in eine grenzenlose Ver­zweiflung. Sie suchte als halb Zuflucht in all ben schönen Erinnerungen, sie las mieber unb miebej feine Briefe von einst. Unb boch schien bas alles fo finnlos geworben zu fein, es lähmte sie nur noch mehr, machte sie roiberftanbslofer, fo daß sie sich ganz ihrem Schmerz hingab unb kaum noch etwas anberem lebte. So von nieberbrüdenben Gebauten umfangen, fand sie eines Tages ein in Leber ge­faßtes Buch ohne jegliche Titelbefchriftung. Als fie es aufschlug, las fie Darin von ber Geschichte seiner und ihrer Familie. Da erinnerte sie sich, wie er in Dielen freien Stunden liebevoll an biesem Buche gearbeitet hatte, bas nun von Tat und Geist seiner selbst unb der Ahnen fünbete. Auch von ihrem Leben fanb sich bort manches gute Wort, bas Ette jetzt beschämte. Zum Schluß aber würbe von ber Geburt bes kleinen Rübiger und seinen ersten Le­benswochen berichtet. Etta las Seite um Sette, fie fühlte sich plötzlich nicht mehr als eine in Schmer­zen erstarrte Frau, sondern als Teil bieser großen Familie, und es mar ihr, als wenn alle, bie vor ihr waren erwartungsvoll auf fie blickten. Als sie aber von ben Wünschen unb Zielen ihres Mannes las unb von seinen Gebauten, bie alle an einer stolzen Zukunft bauten, fühlte sie auch in sich wieder etwas wachsen, unb wie von selbst glitten ihre Blicke auf bas Kind. Sollte biefe Zukunft nun zerbrochen fein9 Lag hier nicht vor ihr, was an ihm unsterb­lich war? Behutsam hob Ette ihren Sohn empor, unb mit diesem jungen Leben hob fie auch sich selbst wieder empor aus Trauer und Schmerz. Sie wandte sich ab von den Erinnerungen, ihr Wille staub ganz auf bie Zukunft gerichtet, unb alles was menschlich unb schwach an ihr gewesen war, schmond aus chrem Herzen.

So empfing sie zum anbern Mal von ihrem Mann ben Sohu, unb beglückt fühlte sie, daß der heroische Tod der Keim für ein neues, für ein gro­ßes unb wahres Leben ist, welches fie nun zum Lichte leiten durfte.

Die Uebergabe von Breda.

Von Ernst von Niebelschüh.

Als am 15. Juni des Jahres 1625 in Madrib bie Nachricht von ber Einnahme ber für unbezwing­lich geltenben hollänbischen Musterfestung Breba eintraf, war König Philipp IV. gerate im Begriff, sich mit feiner Familie unb bem engeren Hofstaat zur Messe in bie Schloßkapelle zu begeben. Ohne auch nur für einen Augenblick bie habsburgi­sche Maske vollkommener Gleichgültigkeit gegen­über allen Wechselfällen bes Lebens abzufetzen, orbnete er an, baß sogleich in allen Kirchen ber Hauptstabt ein Tebeum gefeiert werbe, ließ sich jeboch burch bie Freubeubotschaft in ber zum täg­lichen Hofzeremouiell gehöreubeu Pflicht, bem hei­ligen Offizium beizuwohuen, nicht unterbrechen. Um so inbrünstiger bankte er Gott, ber sich in biesem Kriege sooft auf bie Seite ber hollänbischen Rebel­len unb Ketzer geschlagen hatte, für ben herrlichen Sieg.

Fast sechzig Jahre waren nun vergangen, baß Kaiser Karl V sein Urgroßvater unb Begrünter ber spanischen Weltmonarchie, in ben bamals noch ungeteilt spanischen Nieberlauben zur Ausrottung ber evangelischen Lehre die Inquisition eingeführt unb bamit ben Aufstanb entfesselt hatte, bem unter seinem Großvater Philipp II. bie ßostrennung ber nörblichen Provinzen vom Hause Habsburg unb bie Freiheitserklärung ber von Oranien geleiteten Abtrünnigen gefolgt war. Sein Vater, ber britte Philipp, hatte bieten einen zwölfjährigen Waffen- stillstanb gewähren müssen. Der war 1621 abge­laufen unb ber neuentbrannte Glaubenskrieg schien bald eine für Spanien verberbliche Wenbung neh­men zu wollen. Herzoaenbosch unb Maastricht, von Moritz von Nassau unb seinem Brüter Friebrich Heinrich berannt, waren bereits gefallen, unb Breda, basrechte Auge Hollanbs" unb bie stärkste Ausfallpforte ber Dränier gegen Brabant, würbe feit Monben von Iustinus von Nassau, einen natürlichen Brüter bes hollän- bischen Statthalters, mit äußerster Stanbhafttgkeit gegen bas spanische Belagerungsheer unter bem 1 Marchese Ambrogio Spinola verteidigt. Auf

engstem Raum kämpften hier Spanier und Nieder­länder und ihre Bunbesgenossen, Deutsche, Fran­zosen unb Italiener, um ben Besitz ber Festung, ber bem Sieger unsterblichen Ruhm versprach. Nun hctttd sich Breba durch bie Kapitulation vom 2. Juni 1625 bem Generalissimus bes spanischen Königs ergeben, unb wahrlich, Breba war schon ein all­gemeines Tebeum wert.

Viel später erst, es mag um 1640, also vor brei- hunbert Jahren geschehen fein, erteilte Philipp IV. feinem Hofmaler Diego Velasquez ben Auf­trag, bas Ereignis in einem großen Bilbe zu ver­ewigen. Breba war inzwischen bereits mieber an bie Hollänber verloren gegangen, aber man war am Hofe zu Mabrib von je konservativ unb ließ sich burch bas wetterwenbische Kriegsglück nicht ba= zu bewegen, eine in ben Ruhmesblättern ber Dyna­stie einmal verzeichnete Waffentat nur barum un­verherrlicht zu lassen, weil ber Gang ber Geschichte sie überholt hatte. Velasquez hat ben Moment ber Begegnung ber beiten Felbherren vor ber im Hintergrunb brennenben Festung gewählt. Rechts stehen bie Spanier, links bas (Befolge bes hollän­bischen Kommanbanteü, ber selbst bie Mittelachse einnimmt und eben im Begriff ist, bem Sieger bie Schlüssel zu überreichen. Dazu muß man wissen, baß ber ritterliche Genueser ber fjelbenmütigen Be­satzung ben Abzug unter ben ehrenvollsten Bebin- gungen gewährt unb auch bei ber Schlüsselüber­gabe nichts unterlassen hatte, bem feinblichen Be­fehlshaber feine solbcttische Achtung zu bezeigen. Leicht vorgebeugt unb entblößten Hauptes legt Spinola mit ber (Bebärbe vollenbeter Höflichkeit unb ungespielten Mitgefühls, bie bem Sieger so wohl ansteht, bem Dränier bie Hanb auf bie Schul­ter, ihn gleichsam ermuntemb, fein Schicksal nicht zu schwer zu nehmen.

Es gibt nicht viele Historienbiiber, bie zu solchen Betrachtungen Anlaß geben könnten. Nie mieber ist bas Problem bes Schlachtengemälbes, diese viel­leicht schmerste, {ebenfalls klippenreichste Aufgabe ber Kunst, mit einer so souveränen Beherrschung bes militärischen Beimerks unb mit Einsatz von so viel geminnenber Menschlichkeit gemeistert roorben. Auf alle Fälle gehört bas Bilb bes Pelasquez zu ben glorreichsten Leistungen ber gesamten spani­schen Malerei. Ursprünglich für eins ber königlichen Schlösser um Mabrib bestimmt, schmückt bielieber» gäbe von Breba", bie man in Spanien um ber 29 Lanzenträger mitten mitLas lanzas bezeich­net, heute einen ber meistbesuchten Säle des Prado, Museums zu Madrid.