Nr.tt5 Zweites Blatt
Zreitag, 17. Mai MO
Gießener Anzeiger (General-Anzeigrr für Oberhessen)
„Wir geben Nachrichten in hdlländifcher Sprache."
Unsinn zusammenschwatzt.
Die holländische „jonkvrouw“ zum Beisprel keine Jungfrau, sondern ein Freifrauleln, die deutsche Jungfrau ist im holländischen eine »maagd , uni) unsere Magd wiederum heißt „ciienstmeiU . Line „dienstmeid“ soll „knap“ und ,^ek^vaam sein was nämlich nicht knapp und bequem bedeutet sondern geschickt und tüchtig: das deutsche knapp heißt im Niederländischen „krap“ und das deutsche bequem „gemakkelijk“ (unser deutsches gemächlich). ^,Oemak" bedeutet dementsprechend Bequemlichke tt, nicht etwa Gemach, und soll die „dienstmeid das Gemach, also in das Zimmer („vertrek),.kommen^ dann muß die Hausjrau ubellen = wps mcht
„We geven berichten in Nederlandsche taal“ — diese Ankündigung unterbricht in den ereignisreichen Tagen, die wir jetzt erleben, immer wieder die deutschsprachige und die musikalische Sendefolge einiger unserer „rijkszender“. Noch den Klang der deutschen Nachrichten des Drahtlosen Dienstes tm 2Hr, vor uns die Zeitung mit dem letzten Bericht des Oberkommandos der Wehrmacht, versuchen wir, \ ob wir die fremden Sätze, die aus dem Lautsprecher tönen, verstehen können. Uni) wirklich, es gelingt Uns auch ganz gut, dem Norddeutschen jedenfalls besser als dem Bayern oder dem Ostmärker, denn die niederländische Sprache ist ja aus den Mundarten der seit anderthalb Jahrtausenden in den Niederlanden wohnenden germanischen Völkerschaften, der Franken, Sachsen und Friesen hervorgegangen und dem Niederdeutschen eng verwandt. Trotzdem wäre es falsch, anzunehmen, daß sich der Mann von der niederdeutschen Waterkant ohne weiteres mit dem Niederländer verständigen könnte. Im Gegenteil: gerade die nahe Sprachverwandtschaft erschwert die sprachliche Verständigung! Das klingt widersinnig aber es ist doch so. Eine große Änzahl holländischer Wörter
standigung! Das Elmar wioerjinniy, uuu « doch so. Eine große Änzahl holländischer Wörter nämlich hat im Laufe der langen Zeit eine völlig andere Bedeutung als die gleichlautenden und ost ! auch gleichgeschriebenen deutschen Wörter angenom- I men, und wer diese Wörter nicht richtig anwendet und glaubt, mit einer Art Plattdeutsch durchzu- kommen, wird bald merken, daß er den schönsten
** Goldene Hochzeit. Am morgigen Samstag, 18. Mai, können Lokomotivführer i. R. Karl ' S ch ä f e r und Frau, wohnhaft Glaubrechtstraße 12, das Fest der goldenen Hochzeit feiern. Seit 25 Jahren gehört das Jubelpaar zum treuen Leserkreis des Gießener Anzeigers. Wir beglückwünschen die Jubi- lare herzlich zum Ehejubiläum.
Aus der Stadt Gießen.
Das Erwachen.
Von Wilhelm Lennemann.
Ich wohne dicht am Wald. Da brachte mir eines Tages rnuin Junge ein kleines Eichhörnchen heim. Er hatte es unter einer Tanne aufgelesen. Es gelang mir auch, das Tierchen durch sorgsame Pflege oufzuziehen. Es gewöhnte sich bald an uns und seine Umgebung und schien sie als die ihm von Natur bestimmte aufzufassen: denn es trippelte bald im Haus herum, hopste von einer Stube in die andere, kletterte an allen Gardinen hoch und kuschelte sich zusammen und schlief, wo es nur ein dunkles und warmes Plätzchen fand, meist unter einem Kissen in einer Sofaecke. Es besaß keine Scheu vor uns. Lief an mir hoch, setzte sich auf die Schulter, kneipte mit den kleinen Zähnchen in mein Ohr, rutschte dann an der Joppe herunter und schlüpfte in die Tasche, wo es sich wohlig zusammenrollte. Wir hatten den kleinen Tänzer liebgewonnen, und auch er schien sich kein anderes Leben zu wünschen. Selbst aus der Veranda und dem Garten fand er sich selbst wieder ins Haus zurück. Die Erinnerung an seine Herkunft schien ausgelöscht zu sein.
Eines Tages sitze ich im Eßzimmer, Fritzchen, so hatten wir das Tierchen genannt, turnte auf dem Sofa, dann kletterte es an dem Umbau hoch und erging sich zwischen den Vasen und Schalen, die dort standen. Neugierig hob es sich an einer niederen Kristallvase hoch, und gleich saß es oben drauf wie auf einer Säule und sah in das blinkende Glas eines Spiegels, der die Rückwand des Umbaus bildete. Saß und sah und rührte sich nicht. Schaute mit seinen großen Augen unverwandt das andere Tier an, das ihm gegenüberhockte. Saß wie gebannt dem Neuen gegenüber, reglos; nur die Flanken hoben sich in regelmäßigen Atemzügen. So sahen Tier und Spiegeltier einander an. Fünf, zehn, fünfzehn Minuten lang.
Was mochte in dem Eichhörnchen vorgehen? Da war ein Etwas in fein Seelchen geworfen worden, wie ein Stein in ein ruhendes Wasser und zog nun Kreise und sank in die Tiefe und machte lebendig, was geschlafen hatte. Da war ein anderes Tier? Erinnerungen stiegen auf an solche Tierchen, mit denen es in einem Nest gelegen, und an ein größeres, das sie alle betreut hatte, und es vernahm wieder den Sang der Wetter und das Rauschen der schwankenden Wipfel. Dann sprang das Tier von seinem Sockel und schlich in die Sofaecke, wo es sich scheu verbarg. Ich nahm es in die Küche. Seine Munterkeit war dahin.
Als aber einmal die Tür zur Veranda geöffnet wurde, hob es den Kopf; es roch den frischen Waldwind. Gleich war es draußen. Ich ging ihm nach. Dachte, es würde sich an den Korbsesseln vergnügen. Einen Augenblick hielt es auch und sah in das grüne Gewoge der Bäume. Dann lief, fprtnig es die Stufen hinab, fetzte über den schmalen Gartenweg, huschte durch das Drahtgitter, floh über den weichen Waldboden auf die nächste Tanne und war wie eine aufsprühende Flamme tm grünen Dickicht verschwunden.
Es war erwacht und hatte heimgefunden.
Aornotizen.
Lageskalender für Freitag.
Volkstümliche Vorträge und Vorlesungen der Ludwigs-Universität Gießen, Vortrag Professor B o l l - now über „Volk, Sprache und Erziehung in der Zeit der deutschen Erneuerung, II" (Jahn), im Kunstwissenschaftlichen Institut, Ludwigstraße 34. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Krambambuli".
Notizen für den 18. 2Hat.
(Sonenaufgang 5.26 Uhr, «Sonnenuntergang 21.17 ; Uhr. — Monduntergang 3.43 Uhr, Mondaufgang ! 17.28 Uhr. Mond in Erdnähe.
DRK.-Arbeii in Krieg und Frieden.
Eine Unterredung des Gießener Anzeigers auf der Kreisstelle Gießen des Deutschen ZRofen Kreuzes.
Am morgigen Samstag und am Sonntag werden wir alle erneut bei einer Haussammlung iir das Deutsche Rote Kreuz unsere Spende für eine große Aufgabe beisteuern. Wir haben damit wieder einmal Gelegenheit, einen Teil unseres Dankes gegenüber unseren in schwerem Kampf für Großdeutschland stehenden Soldaten ab- zustatten. Tagtäglich sind unsere Herzen bei unseren feldgrauen Kämpfern an der Front. Ihnen gelten unsere wärmsten Wünsche für den Sieg un- erer Waffen. Mit freudiger Dankbarkeit haben mir die bisherigen großen Erfolge unserer Wehrmacht zu Lande, in der Luft und zur See begrüßt. Und wir haben daraus immer wieder die Gewißheit erhalten, daß der deutsche Soldat von 1939/40 von dem gleichen Willen zum Siege erfüllt ist, wie der Soldat des Weltkrieges von 1914/18. Auf diesem Wege zum Siege gilt es auch in der Heimat viel Hilfsarbeit zu leisten. Eine der wichtigsten davon ist die Tättgkeit des Deutschen Roten Kreuzes, die im Kriege in erster öinie für den verwundeten und kranken Soldaten ausgeübt wird, die darüber hinaus aber sowohl in der Kriegs-, als auch in der Friedenszeit in wichtigen Aufgaben für die Heimat zu erfütien ist. Wie weitschichtig diese Arbeit des Deutschen Roten Kreuzes ist, konnten wir erneut in einer Unterredung auf der Kreisstelle Gießen des Deutschen Roten Kreuzes feststellen.
len in allen Orten des Kreisstellenbereichs Un- fall-Hilfsdienststellen errichtet werden. Bis jetzt besteht diese Einrichtung in den Standorten der männlichen und weiblichen Einheiten des DRK. als eine Sicherungseinrichtung im Dienste der Allgemeinheit, die angesichts der zur Zeit gegebenen Verhältnisse sich bereits in der Gegenmart als unbedingt. erforderlich erroiefen hat.
Dem gleichen Zmecke dienen auch die Transportabteilungen der DRK.-Bereitfchaften mit nunmehr vier Krankentransportwagen, deren drei in Gießen und einer, ein DRK.-Einheits-Krankenkraftwagen, in Lich bereitstehen. Mit diesen Wagen werden nicht nur Unfallverletzte, sondern insbesondere auch erkrankte Personen im Kreisstellenbereich und darüber hinaus nach und von den Krankenhäusern befördert. Diese Wagen sind in außerordentlich starker Weise in Anspruch genommen und dienen auch dem Abtransport von ankommenden verwundeten und erkrankten Soldaten nach den Reservelazaretten.
Das für die Unfall-Hilfsstellen und den Transport in Betracht kommende Helfer- und Helferinnen-Per- sonal ist besonders geschult und steht in ständiger Bereitschaft.
Die Einrichtung der Unfall-Hilfsstellen erfordert natürlich ganz erhebliche Mittel, die dem DRK. zur Zeit noch nicht zur Verfügung stehen. Auch die Beschaffung von Ausrüstung und Bekleidung, Verbandmaterial und s onftigem Gerät erfordert hohe Geldausgaben, die aber der Allgemeinheit in vollem Umfange wieder dienstbar gemacht werden.
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So hat das Deutsche Rote Kreuz jetzt im Kriege und spater im Frieden weitreichende Aufgaben im Dienste für Volk und Vaterland zu erfüllen. Dabei nach besten Kräften mitzuhelfen, ist eine der wichtigsten Pflichten aller Volksgenossen. Unsere Mithilfe können wir alle auch in der Form von Spenden bei den Sammlungen zum Ausdruck bringen. Darum wollen wir morgen und übermorgen erneut und gern unsere Hilfe dem Roten Kreuz dar- bringen, und wir wollen dabei nicht engherzig verfahren, sondern in weitmöglichstem Ausmaß und nach bestem Vermögen in den Geldbeutel greifen, damit die Soldaten an unserem Opfer die unverbrüchliche Verbundenheit von Front und Heimat erkennen. B
Nachbarschaftshilfe in Gießen
Der Hauptzweck der gegenroärtigen Arbeit der aktiven männlichen und weiblichen Bereitschaften des Deutschen Roten Kreuzes ist. die Ausbildung und Weiterausbildung von Helferinnen und Helfern in der Krankenpflege zum Dienst an unseren verwundeten und erkrankten Soldaten. Zu diesem Zwecke standen der Kreisstelle Gießen des Deutschen Roten Kreuzes bis vor Jahresfrist, außer in der Stadt Gießen, noch in acht Orten des Landkreises Gießen männliche und weibliche Einheiten zur Verfügung. Der Tätigkeit der Kreisstelle Gießen ist es durch eifrige Werbearbeit gelungen, in weiteren 17 Gemeinden des Landkreises Gießen männliche und weibliche Einheiten zu errichten. Während bis wor etwa Jahresfrist die Mitglieder der Bereitschaften in zwei männlichen und einer weiblichen Bereitschaft zusammengefaßt (baren, bestehen nunmehr vier männliche und vier weibliche Bereitschaften, deren Einheiten sich auf insgesamt 26 Standorte des Deutschen Roten Kreuzes in der Stadt Gießen und im Landkreis Gießen verteilen. Neben diesen im aktiven Dienst tätigen Mitgliedern sind in allen DRK?-Standvrten auch Ortsgemeinschaften errichtet worden, die wichtige Aufgaben des Roten Kreuzes mit zu erfüllen haben, z. B. auf dem Gebiete dSr Herstellung von Wäsche für verwundete Soldaten und für einzurichtende Lazarette, in der Herstellung von zusätzlichem Verbandmaterial und auch im Hilfswelsen Einsatz beim aktiven Dienst der Bereitschaften bei Trup- penoerpflegungen usw.
In erster Linie wird zur Zeit die Ausbildung und WeArausbildung dadurch herbeigeführt, daß Son- derkurfe in Form von Lehrgängen zur Ausbildung von Schwestern-Helferinnen in hiesigen Krankenhäusern und insbesondere im Standortlazarett statt- finden. Diese Schwestern-Helferinnen sind in erster Linie dazu bestimmt, für die freiwillige Krankenpflege auf Anfordern der Wehrmacht zur Verfügung zu stehen. Außerdem werden Wiederholungkurse für die Helfer und Helferinnen der Bereitschaften laufend durchgeführt, um die Mitglieder in den Stand zu setzen, jederzeit abrufbereit für den Einsatz bei der Wehrmacht bereit zu sein.
Neben dieser vordringlichen Ausbildungsarbeit, für die Kriegszeit wird als eine weitere wichtige Aufgabe des DRK. für die Gegenwart, aber auch für die Friedenszeit eine andere Aufgabe mit Eifer erfüllt, die der Errichtung von Straßenunfall- und Unfall-Hilfsdienststellen dient. Die Straßenunfallhilfe steht insbesondere für Straßen- und Derkehrs- unfätte in ständiger Bereitschaft, während der Unfall-Hilfsdienst der Allgemeinheit zur Sicherung und zum Schutz dienen soll. Nach Möglichkeit sol-
Don der Nachbarschaftshilfe erschöpfend zu erzählen, ist fast so unmöglich wie über unsere Arbeit in der eigenen Familie zu reden. Sie ist ja nichts anderes als den Kreis unserer Pflichten über den engen Rahmen der eigenen Familie hinauszutragen in die Nachbarschaft. So wie wir zu Hause sorgen und wirken und versuchen unseren Angehörigen die Lasten des täglichen Lebens zu tragen und zu erleichtern, genau so wollen wir auch „draußen" die Augen und das Herz offen halten und einspringen wo es not tut, sei es auf der Straße, im Geschäft' oder in der Nachbarschaft.
Allerdings soll die Verantwortung der einzelnen nicht auf die Schultern der Allgemeinheit abgewälzt werden, im Gegenteil durch unser Beispiel und unsere Hilfe möchten wir die Menschen dazu erziehen, aufrecht und selbständig die oft schweren Notwendigkeiten des Lebens zu tragen und den harten Maßnahmen des Krieges Stand zu hallen. Bei jedem, der aber allein ist, soll die Gewißheit bestehen, wenn du nicht mehr weiter kannst, dann springt jemand anderes dir bei und hilft dir.
Bestimmt ist die Nachbarschaftshilfe in unserer Frauenarbeit eines der schönsten Arbeitsgebiete, weil es das fraulichste und mütterlichste ist. Vieles ist so ganz selbstverständlich und vieles erledigt sich darum so ganz von allein, ohne daß viele Worte darum gemacht werden, oder daß man viel davon sieht. Eine Wöchnerin wird betreut, bei der Wäsche wird geholfen, Kinder werden in Obhut genommen, es wird für die andere mit eingekauft usw.
Und immer wieder erleben wir, daß die Nachbarschaftshilfe beiden Teilen hilft, sowohl dem Gebenden, als dem Nehmenden. So hat vor Kurzem eine Frau, deren einziger Sohn im Felde ist, eine Wöchnerin betreut, deren Mann an der Front steht. Beide Frauen waren wirklich glücklich, die
Eine Frau an alle
Gfs. Leider gibt es immer noch so manche Frau, die denkt, ihre persönliche Arbeit im Kriege sei damit getan, daß sie sich in die wenigen Unannehmlichkeiten schickt, die uns bis jetzt der Krieg gebracht hat, und gar nicht daran deE, wie unendlich groß die Aufgaben sind, die uns Frauen gestellt sind. Ich möchte deshalb heute kurz ooiOinem Arbeitsgebiet des Deutschen Frauenwerkes berichten, dem Hilfs- d i e n ft.
Ihnen allen sind die Septembertage mit den vielen Zügen der Rückgeführten noch in Erinnerung, und Sie wissen, wieviel Arbeit der Hilfsdienst zu-
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eine daß sie jemand umsorgen durste, die andere, daß sie jemand hat, bei dem sie Trost, Hilfe und Verständnis fand. Hier ist ein wirklich herzliches Verhältnis entstanden.
Es kommt eine Frau zum Kohlenhändler und bittet, ihr Kohlen zu schicken, sie habe kranke Kin- der daheim, sei selbst krank und könne sie sich darum nicht selbst holen. Dem Kohlenhändler tut es leid, aber er kann keine Kohlen schicken, da er niemand dazu hat, und sehr bedrückt zieht die Frau ab. Es dauert gar nicht lange, da kommt eine Frau mit einem Handkarren und bittet um die Kohlen der kranken Frau. Sie hatte vorher daneben gestanden und das Gespräch mit angehört, ist nach Hause gegangen und hat den Wagen geholt und fährt fröhlich los, ruft unten am Haus: „Die Kohlenfrau ist da!", lädt ab und zieht fröhlich heimwärts.
In jedem Block der Frauenschaft sind Frauen eingesetzt, die sich für die Nachbarschaftshilfe zur Verfügung gestellt haben. In wirklichen Notfällen springen diese Frauen immer gern ein. Es ist aber nun nicht so, daß dies ausgenützt werden darf, denn jede dieser Frauen hat ja selbst einen Haushalt. Immer sollte zunächst die eigene Familie einspringen und nie darf es vorkommen, daß sich eine Frau ein bequemes Leben auf Kosten der anderen macht. Jede muß heute selbst auf dem Posten stehen und freudig das auf sich nehmen, was uns an Lasten trifft, aber wo Not ist, da sind wir immer da.
Diese Arbeit setzt sich nicht aus großen Taten zusammen, sie spielt sich nicht in der Oeffentlichkeit ab, ungesehen und unerkannt vollbringen unsere Frauen ihr Liebeswerk, aber wer sich mit dem ganzen Herzen hineingestellt hat in diese Tätigkeit, dem erwächst aus der Liebe und Anhänglichkeit seiner Schützlinge ein solcher Reichtum, daß dies Dank genug ist. Gfs.
Gießener Frauen.
sammen mit der NSV. geleistet hat. Diese Arbeit ist seither nicht wieder zum Stillstand gekommen. Freilich, solcher Hochbetrieb wie damals ist in den letzten Monaten nicht mehr gewesen, aber immer wieder gab es ganze Transportzüge zu verpflegen, die Wachkommandos am Bahnhof in den kalten Monaten mitzuverpflegen, auch für die polnischen Arbeiter wurde gekocht. Außerdem geht die Betreuung von Durchreisenden laufend weiter, so daß Tag und Nacht ständig Frauen am Bahnhof sind und ihren strengen Dienst treu ausüben.
Aber das ist nur ein kleiner Teil des Hilfsdien-
bellen heißt, sondern klingeln; das deutsche Wort bellen wird durch „blaffen“ ausgedrückt.
Der „vloer“ (gesprochen Flur) ist „vuil“: das heißt nicht, daß der Flur faul, sondern daß der Fußboden schmutzig ist; unser Flur heißt im Holländischen „Vestibüle“ und faul „lui“. Auch die „kachel“, nämlich nicht eine einzelne Kachel, sondern der ganze Ofen, muß gesäubert werden; das niederländische „oven“ bedeutet Backofen (auch Hochofen), und für unser Kachel sagt man „tegel“ Riegel) Mit „aandacht“, nämlich Aufmerksamkeit, (das deutsche Andacht heißt „gebed“) verrichtet die „dienstmeid“ ihren Auftrag und denkt dabei schon mit „vervoering“, nämlich Begeisterung, (Verführung heißt „verleiding", Verleitung) an ihren Liebsten, mit dem sie sich am Abend treffen will.
Nach getaner Arbeit knüpft sie ein Paar hübsche Schuhbänder um ihre „enkel“ — ja, bte junge „dienstmeid“ hat tatsächlich „enkel“, nämlich Knöchel, (unser Enkel heißt „kleinzoon“, Klemsohn) — und macht sich auf den Weg. Treffpunkt ist das „meer“ draußen vor der Stadt, also der See, der Teich: unser Meer, die See, heißt nicht „meer“, sondern „zee“ Aber leider ist der Treffplatz noch „ledig“, also leer, (das deutsche ledig heißt „onge- troouwd“, ungetraut). Das „meisje“ wird schon ganz „knorrig“ (mürrisch; das deutsche knorrig heißt „knoestig“) über das lange Ausbleiben ihres Freundes und mochte am liebsten „schreien“, nämlich nicht schreien, sondern nur meinen (schreien heißt „schreeuwen“) — da taucht er endlich auf, und si- wird gleich wieder „levendig“ (belebt) „Beleefd“ (nicht belebt, sondern höflich), entschuldigt er sich: er hatte noch zu tun. Nun, das ist „yer- geetlijk“ (nicht etwa vergeblich, sondern verzeihlich; vergeblich heißt „te vergeefs“).
Er ist ziemlich „roekeloos“, also nicht etwa ruchlos sondern nur verwegen (unser ruchlos heißt „godvergeten“), und sie ist zwar ein strammes Mädchen, aber beileibe nicht „stram“ (steif: das deutsche stramm heißt im Holländischen „straf) — was Wunder also, wenn die beiden sich durchaus nicht „vervelen“ (wobei gesagt werden muß, daß „vervelen“ langweilen bedeutet; das deutsche verfehlen heißt „missen“). Nach dem Spaziergang gehen sie nicht etwa ins „gasthuis“ (Spital), sondern ins „logement“ (Gasthaus), wo die Gaste zwax beköstigt werden, aber selber ^beköstigen ,
nämlich bezahlen, müssen; beköstigen heißt „den kost geven“.
Und nach dem Abschied, wieder in ihrem Zimmer, putzt si'e als sauberes „meisje“ vor dem Zubettgehen selbstverständlich noch „fand“ um „tand“, weil ja ein „tand“ kein Tand ist, den man einfach wegwerfen kann, fondern — ein Zahn, der bestens gepflegt sein will. — ang—
Rotterdam, der Mündungshafen des Rheins.
An geschichtlichen Sehenswürdigkeiten ist Rotterdam ärmer als seine holländischen und belgischen Nachbarstädte, als Amsterdam, Den Haag, Antwerpen, Brüssel ober gar Gent und Brügge. Trotzdem ist es als Stadt einer der gewaltigsten Eindrücke, die es überhaupt gibt. Diesen Eindruck verdankt es seinen einzigartigen Hafenanlagen, und zwar gerade den modernsten unter ihnen.
Rotterdam, das 1299 Stadtrechte erhielt und sich im 16. Jahrhundert dem Aufstande der Niederlande gegen Spanien anschloß, war bis ins 17. Jahrhundert hinein eine verhältnismäßig wenig bedeutende Stadt. Sv hat sich als einziges bedeutendes Denkmal des Mittelalters nur die gotische Lorenz- kirche, die sogenannte „Groote Ker k", erhalten, mit ihrem wuchtigen viereckigen Turmstumpf das Wahrzeichen Rotterdams. Erst als im 17. Jahrhundert, zur Zeit, da das ganze übrige Europa und vor allem Deutschland sich im Dreißigjährigen Krieg fest verblutete, die Niederlande zu einem bis dahin beispiellosem Reichtum aufblühten, nahm auch Rotterdam einen gewaltigen Aufschwung. Damals entstand der dreieckige Stadtkern der eigentlichen Rotterdamer Altstadt, und zwar an dem nordwestlichen Ufer des Halbbogens, den die Neue Maas hier bildet, gegenüber den Inseln Noordereiland und Feijenoord. Die Grundlinie des Dreiecks stellt die alte Uferstraße der „Boompjes" dar, in dessen nächster Nähe der alte Hafen lag, durch em paar Kanäle und Gräben vom Fluß her in die Stadt etn- geschnitten und untereinander zu einem Netz verbunden. ..
Diese Hafenanlage war so günstig, daß sie bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts dem Verkehr genügte. Dann aber kam die Entwicklung im Sturmschritt und riß is tzsL Flußuser, tejopters in.
das linke, der Altstadt gegenübergelegene, ein riesiges Hafenbecken nach dem anderen. Man begann mit dem Gelände der Insel Feijenoord und ging dann ständig flußabwärts, dem Meere zu. So besitzt Rotterdam nicht einen Hafen, sondern ein ganzes Gewirr von Häsen, zwischen denen oft nur schmale Landzungen stehengeblieben sind, für den -Fremden ein sinnverwirrender Eindruck. Kaum war ein Hafenbecken fertiggestellt, so wurde es dem wachsenden Verkehr schon wieder zu eng, und die Zeit forderte gebieterisch ein neues, größeres. Platz, Platz für die Schiffe aus aller Welt! das war feit Jahrzehnten und ist noch heute die Losung Rotterdams. Rücksicht konnte dabei nicht genommen werden. So lag zum Beispiel noch Ende des vorigen Jahrhunderts dem alten Rotterdam schräg gegenüber das Dorf Katenbrecht, dessen Grund und Boden im 12. und 13. Jahrhundert unter unsäglichen Mühen dem Meere abgerungen worden war. Da wurde 1900—1906 der Maashafen gebaut, der den größten Teil dieses kostbaren Bodens wieder fortfegte und 700 feiner Häuser verschlang.
Was aber ferner das Fried^nsbild des Rotter» damer Hafens so einzigartig machte, das ist der Umstand, daß hier nicht wie in anderen Häfen ein Schiff neben dem anderen an langen Kaden liegt und seine Ladung an Land löscht, sondern das Umladen geschieht zum weitaus größten Teil w i e - öerin Schiffe, vor allem in die großen Rheinkähne. Die gewaltige Bedeutung Rotterdams liegt ja in allererster Linie darin, daß es Mündungshafen d e s R h e i n s ist und daß es das rheinisch- westfälische Industriegebiet als Hinterland hat. Nur der geringste Teil der hier durchgehenden Güter wird auf dem Landwege von hier weiter oder hierher befördert, fast alles kommt und geht auf dem Rhein oder auf den Kanälen. So ankern die großen Ueberseeschiffe nicht an Kais, sondern mitten im Hafen, an beiden Seiten von ihnen die Transportschiffe der Binnengewässer, weil auf diese Weise das Loschen der Ladung schneller geht. Aus diesem Grunde braucht Rotterdam eine im Verhältnis zu seinem Verkehr weit größere Wasserfläche als andere Häfen. Als Einfuhrartikel stehen Petroleum und Erz aus Amerika und Schweden obenan, als Ausfuhrartikel deutsche Kohle. Die Lebensader des Rheins hat Rotterdam groß gemacht, sein eigenes Lebensgesetz zwingt es zur innigsten Verbindung mit dem Lande, aus dem der Rhein. kc>mM


