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Nr. 8 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien) Mittwoch, iv Zanuar 1940

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Die Sondereinheiten der HI. vor hohen Anforderungen.

NSG. Im Rahmen der mannigfaltigen Aufgaben, die der Hitler-Jugend durch den Deutschland aufge- zwungenen Krieg erwachsen, werden insbesondere an die Angehörigen der Sondereinheiten der HI. er­höhte Anforderungen gestellt. Es gilt, die Sicherung und Ausbildung des Nachwuchses für die Flieger- Truppen, die Kriegsmarine, die motorisierten Kampf­truppen und die Nachrichtenverbände in Heer und Luftwaffe zu gewährleisten. Aus diesem Grunde bleiben die Sondereinheiten auch in ihrer bisherigen Organisation bestehen.

Der Dienst umfaßt neben der weltanschaulichen Schulung die Leibeserziehung und die Sonderäus- bilduna sowie den jeweiligen zusätzlichen Dienst. Um jeden Jungen weitestgehend für den Dienst in der Wehrmacht vorzuberetten, erhalten die 16° bis 18- jährigen Hitlerjungen der Sondereinheiten im Rah­men der Leibeserziehung eine eingehende Ausbil­dung im Schieß- und Geländedienst, der grundsätzlich nur Samstagabends und Sonntags stattfindet, da die im Beruf stehenden Hitlerjungen in der Woche durch die Berufsarbeit stark in Anspruch genom­men sind.

Ziel der Ausbildung ist der Erwerb des K.-Aus- bildungsscheines der Hitler-Jugend. Die Sonder­ausbildung findet an einem Abend in der Woche und an einem Sonntag im Monat statt. Eine Aus­bildung in den Leibesubungen erhalten die 16- bis 18jährigen nicht. Sie können jedoch, soweit möglich, an einem Abend in der Woche am freiwilligen Leistungssport teilnehmen. Den Angehörigen der Sonder ei nheiten im Alter von 14 bis 15 Jahren dagegen wird neben der Sonderausbildung und dem jeweiligen zusätzlichen Dienst eine Ausbildung in der Grundschule der Leibeserziehung zuteil, die je­weils an einem Wochentag in einer Doppelstunde durchgeführt wird. Darüber hinaus wird zusätzlich an zwei Sonntagen die Grundschule der Leibes­übungen'durchgeführt. Die Sonderausbildung findet an einem Abend in der Woche und einem Sonntag im Monat statt.

Für die Modellflug-Arbeitsgemeinschaften des DJ. und die Einheiten der Flieger-HI. wird im Rah­men der Leibeserziehung besonderes Augenmerk auf den Flugmodellbau und das Modellfliegen bzw. Baudienst, flugtheoretischen Unterricht sowie Flug­dienst gerichtet. Dort, wo der Bau- oder Flugdienst nicht ober nur teilweise durchgeführt werden kann, wird der Fachunterricht im Vordergrund stehen. Die Ausbildung von Lehrgängen findet in Schulen des NS.-Fliegerkorps statt. Die 15jährigen Hitlerjungen werden für die ^-Prüfung vorgeschult. Die 16- bis 18jährigen schulen ihrem Ausbildungsstand ent­sprechend weiter. Der flugtheoretische Unterricht be­faßt sich vornehmlich mit der Geschichte der Luft­fahrt, dem Aufbau des Wehrmachtsteiles Luftwaffe, Luftverkehr, Flugzeugkunde, Wetterkunde und Luft­geographie.

Der Schwerpunkt bei der Ausbildung der Motor- HI. liegt in der technischen und handwerklichen Schulung und bei den 14- bis 15jährigen Motor- Hitlerjungen vor allem auch auf dem Gebiet der Verkehrserziehung. Die motorsportliche Ertüch­tigung wird im Einvernehmen mit dem Korpsführer des NSKK. und Chrenführer der Motor-HI., Reichsletter Hühnlein, mit ganzer Intensität durch- geführt, um der Wehrmacht ständig einen motorisch auf das Beste vor gebildeten Nachwuchs zuführen zu können. Die technische Ausbildung der Motor- HI., die sich auf Motorkunde, handwerkliche Schu­lung, Fahrschulung und Verkehrserziehung erstreckt, erfolgt durch die hierfür bestimmten NSKK.Mus- bilder nach den Richtlinien des Korpsführers des NSKK. Der technische Dienst wird wie bisher in den Schulungsstätten der HI. und des NSKK. so­wie in den vom Kraftfahrzeughandwerk für diese Zwecke bereitgestellten Lehrwerkstätten durchgeführt. Die Teilnahme an der Fahrausbildung an den fest­gesetzten Sonntagen ist für alle Motor-Hitlerjungen von 16 bis 18 Jahren Pflicht. Ziel dieser Ausbil­dung ist die Erlangung des Führerscheines Klasse 4

und der Erwerb des Motor-HJ.-Prüfungs-Abzei- chens.

, Die Gestaltung des Dienstes der Marine-HI. paßt sich den durch den Krieg gegebenen Verhältnissen an. Die Winterausbildung der 14- bis 15-jährigen Ma- rine-Hitlerjungen wird so gestaltet, daß bei Be­endigung des' Winterhalbjahres die Prüfung für das Seesportabzeichen der HI. mit Erfolg abgelegt werden kann. Der Bootsdienst wird im Sommer nachgeholt. Die allgemeine Ausbildung der 16- bis 18jährigen Marine-Hitlerjungen muß die Erfüllung der Schießbedingungen des ^-Scheines der HI. mit

Am Montag, 8. Januar, hat die Ludwigs-Uni­versität Gießen mit dem Wiederbeginn der Lehr­tätigkeit ihren Betrieb in vollem Umfange wieder ausgenommen. Die Einschreibungen sind gegen­wärtig im Gange und dauern bis einschließlich 20. Januar. Trotz zahlreicher Einberufungen zur Wehrmacht konnte der Lehrkörper durch teilweise Beurlaubungen aus dem militärischen Dienst und durch die Uebernahme von Vertretungen durch eme­ritierte Professoren voll besetzt werden, so daß der Lehrbetrieb in allen Fakultäten uneingeschränkt durchgeführt werden kann. Die Arbeit ist denn auch in allen Instituten bereits wieder in vollem Gange. Die Studenten sind zum weitaus größten Teile im feldgrauen Ehrenkleid des Soldaten erschienen.

Nunmehr ist auch das Vorlesungsver­zeichnis für das erste Trimester vom 8. Januar bis 21. März 1940, dem Zeitpunkt des Trimester- Endes, herausgekommen. Es enthält im ersten Teile zahlreiche wichtige Mitteilungen für die Studierenden, dann das Verzeichnis der akademischen Verwaltung und Einrichtungen, sowie der Prüfungskommissio­nen, hierauf das umfangreiche, nach Fakultäten ge­ordnete Verzeichnis der Vorlesungen. Den Schluß des Buches bilden die Mitteilungen über das Stu­dium der Leibesübungen und körperlichen Er­ziehung, über allgemeine körperliche Hebungen und über die Kurse für Studierende aller Fakultäten. Bei der Durchsicht des Verzeichnisses kann man die erfreuliche Feststellung machen, daß der Wissenschaft* liehe Lehrbetrieb auf breiter Grundlage wie vor dem Kriege durchgeführt wird.

Als Neuerung verzeichnen wir die Veranstäl- tung von Vorlesungsabenden der Univer­sität mit

wehrwissenschafttichen Dorträgen, die vor den Angehörigen aller Fakultäten, sowie vor den Angehörigen der Gliederungen der Partei und der Wehrmacht gehalten werden. Der Zutritt zu diesen Vorlesungen ist kostenfrei. Die von uns bereits mitgeteilte erste Reihe dieser Vorträge während des ersten Trimesters beginnt am mor­gigen Donnerstag, 20 Uhr c.t., im Dorlesungsgebäude der Universität mit einem Vortrag des Rektors der Universität, Professor Dr. K r a n z, über das Thema ..Bevölkerungspolitisches und Rassenbiologisches zum Kampf um den Neubau Europas". Der nächste Vor­trag wird am Dienstag kommender Woche gehalten, und dann werden jeweils Donnerstags und Diens­tags die weiteren Vorträge folgen.

Ferner wird unsere Bevölkerung mit Interesse Kenntnis nehmen von

Vorlesungen für Hörer aller Fakultäten, für Wehr­macht-angehörige und interessierte Volksgenossen.

Die nachstehend verzeichneten Vorlesungen finden jeweils von 20.15 Uhr bis spätestens 21.30 Uhr statt. Der Zutritt ist unentgeltlich. Es lesen die Professoren:

Vogelfang:Die Wirkung der großen Kriege auf die deutsche Frömmigkeit."

der Bewertung-gut" erreichen, da der Gelände^ dienst eingeschränkt durchgeführt wird.

Für die Einheiten der Nachrichten-HI. werden im Rahmen der Leibeserziehung der nachrichtentech- Nische Unterricht und die Gelände-Nachrichtenübung im verstärkten Maße durchgeführt. Zum nachrich- tentechnifchen Unterricht gehört die Ausbildung auf den Gebieten des Nachrichtenwesens, Morsen und Nachrichtenbetriebsdienst, Nachrichtentechnik und Gerätekunde, Planung und Besprechung der Gelände» Nachrichtenübungen und Instandsetzung und Pflege des Nachrichtengerätes.

Pietz:Arbeitsrecht unter Berücksichtigung des Kriegsarbeitsrechts."

G m e l i n :Völkerrechtliche Zeitfragen."

Frölich:Denkmäler deutscher Rechtsver- ganFenheit in Hessen und den Nachbargebieten".

von Jaschke:Die Grundlagen der Betämp« fung des Krebses."

Glöckner:Einführung in die Aesthetik der bildenden Künste."

Tellenbach:Das dunkle Mittelalter.*

Gerber:Mozarts Meisteropern."

Rauch:Deutsche Dome."

von Blumenthal:Homer und die home­rische Frage."

Zschietzschmann:Homer und die bildende Kunst der Griechen."

Süß:Der Dichter Vergil".

A n d r e a e :Geld, Gold und Kriegsfinanzie­rung".

W i l 1 e k e:Deutsche Arbeitseinsatzpolitik hn Kriege".

21 uUr:Aufgaben der Betriebswirtschaft im Kriege".

Vogel:Tierzuchthaltung und Sicherung der Volksernährung."

Schmidt:Filmvorführungen aus dem Gebiet der Zoologie."

Weitz:Wie entdeckt man ein chemifches Ele­ment."

Krollpfeifer:Dom Werden und Wesen der Explosivstoffe."

Ullrich:Kulturgeschichte der Mathematik* Küster:Die Ernährung der Pflanze." RolfesrDie deutsche Landwirtschaft unb Er* nährungswirtschaft im Kriege."

Hock:Ausgewählte Kapitel aus der Physika­lischen Chemie.

Sludentemverk und Studentenführung verlegt.

Vom heutigen Mittwoch, ab befinden sich die Ge» schäftsräume des Studentenwerks, der Studenten­führung der Universität und des NSD.-Studentem bundes sowie der studentische Speisungsbetrieb mit Lese» und Aufenthaltsraum nicht mehr in dem Ge-

Brauche« wir noch Jod-Tinktur?

Sind wir immer noch daraus angewiesen, für ihre Zubereitung Jod gegen Devisen aus dem Ausland zu beziehen? Diese Fragen sind zu verneinen. Denn es ist unseren Wissenschaftlern gelungen, ein ausschließlich aus inländischen Rohstoffen zusammengesetztes, völlig jod­freies Präparat zu schaffen, das sich zur Desinfettion und Wundversorgung genau so eignet wie Jodtinktur. Dieses Präparat ist kein behelfsmäßiger Ersatz, sondern die seit 12 Jahren ärztlich erprobte Sepso-Tinktur, die heute allgemein statt Jodtinktur Anwendung findet. Sepso-Tinktur, die Sie in allen Apotheken und Droge­rien in Flaschen zu fünfundfünfzig Pfennigen und in Tupfröhrchen zu neunundvierzig Pfennigen erhalten, wird genau wir Jodtinttur durch Bepinseln oder Be­streichen der zu desinfizierenden Stellen angewandt.

Die Universität Gießen im ersten Trimester 1940.

Oie meisten Studenten in Feldgrau. Zahlreiche öffentliche Vorträge von Gießener Professoren.

Aus -er Stadt Gießen.

Oie gute Laune.

Wer sie hat, soll sie sich nie verderben lassen, auch dann nicht, wenn ihm Menschen mit sauertöpfischer Miene in die Quere kommen. Denn die gute Laune ist nicht nur ein probates Mittel, das Leben zu meistern, sie hat das großartige Vermögen, an­steckend zu wirken und sich im Augenblick erstaunlich zu vervielfachen.

Kamen da dieser Tage zwei Frauen in einem gedrängt vollen Ladengeschäft in einen Wortwechsel. Jede wollte zuerst bedient werden, weil sie vor der anderen dagewesen sei. Man kennt dieses alltägliche Spiel zur Genüge. Es beginnt mit einem diplo­matischen Dorwärtsdrängeln, das begleitet wird von sondierenden Blicken nach links und rechts, und endet oft mit Protesten und giftigen Bemerkungen. Wobei übrigens nur der Gang der Geschäfte hinter dem Ladentisch aufgehalten wird. Wie es schien, sollte der Vorgang auch den üblichen Verlauf nehmen.

Ich bin früher dagewesen", sagte die eine Frau mit energischer Stimme,ich habe keine Zeit, zu warten. Fräulein, geben Sie mir bitte ..." Die - andere aber unterbrach temperamentvoll:Kommt gar nicht in Frage, ich war zeitiger hier und ver­lange, daß der Reihe nach bedient wird. Bitte, Fräulein, ich möchte ..." Worauf die erste Frau noch streitbarer wurde und etwas von Unverschämtheit und anderen wenig schönen Eigenschaften sprach, was die Gegnerin wiederum zu Bemerkungen veranlaßte. Das Fräuleip hinter dem Ladentisch sah ärgerlich von einer zur andern. In diesem Augenblick mischte sich eine rundliche Frau ein, der ein Paar sehr muntere Augen im Gesicht standen.

Vielleicht", so erklärte die rundliche Frau so liebenswürdig wie möglich,vielleicht setzen sich die beiden Damen erst einmal drüben hin und führen ihre Unterhaltung in aller Ruhe zu Ende. Möglicher­weise läßt sich auch noch eine Tasse Kaffee für die gemütliche Plauderstunde auftreiben, was meinen Sie, Fräulein?" Die Verkäuferin lächelte, daß ein paar hübsche Grübchen auf ihren Wangen sichtbar wurden, die Käufer vor dem Ladentisch ergingen sich in Heiterkeitsausbrüchen. Es herrschte im Augenblick sprühende Laune, der sich auch die beiden streitsüch­tigen Gegnerinnen nicht entziehen konnten. Sie glätteten also die Wogen ihres Zornes, und jede war auf einmal bereit, der anderen den Vorzug zu lassen. Worauf dann dieses Zwischenspiel beendet war, dessen fröhlicher Abschluß herbeigeführt wurde von einer resoluten Frau, der die gute Laune im Gesicht geschrieben stand.

Es ist jedenfalls vortrefflich, wenn man es ver­steht, sich in allen Lebenslagen die gute Laune zu bewahren. Man besitzt dann ein Lebenselixier, dessen Kraft es vermag, mit allem fertig zu werden, was der Alltag an Widerwärtigkeiten für jeden bereit hat. Und außerdem sorgt die eigene gute Laune dafür, daß auch andere sie bekommen. H. W. Sch.

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Achtung? Felerabendring-Milglieder.

Wir bitten, die Karten für die Veranstaltung am 13. Januar bis zum 12. b. 211. in unserer Verkaufs­stelle, Seltersweg, abzuholen. 1380

70000 Reichsmark.

Ausgezeichnetes Ergebnis der Gaustraßenfammlung im kreis Wetterau. Die Gaustraßenfammlung, die am verganzenen Samstag und am Sonntag auch im Kreis Welterau durchgeführt wurde, hatte ein erfreulich gutes Er­gebnis. Nach den bisher vorliegenden Meldungen wurden dabei rund 70 000 RM. aufgebracht. Das Ergebnis ehrt nicht nur die Spender für ihr Opfer, sondern auch die Sammler für ihren unermüdlichen

Oer letzte Tag.

Don Adolf 7!.

Keine Angst unsere Mutter Erde dreht sich immer noch. Es hat bisher ihren Lauf nicht gestört, daß man ihr mehr als einmal mitunumstößlicher" Sicherheit ihr Ende vorausgesagt hat. Irren ist menschlich!

Geirrt hat sich ein so kluger Mann wie Nostra­damus (1503 bis 1566), der sich der Astrologie ver­schrieben hatte und seine geheimnis.oollenProphe­zeiungen" verfaßte. Er hinterließ die tieffinnige Weissagung:

Wenn Georg Gott am Kreuze ausstreckt Und Markus ihn dann auferweckt Und St. Johannis ihn wird tragen Dann hat die Weltenstund' geschlagen.

Das bedeutet: Das Ende der Welt wird fein, imenn der Karfreitag auf den St. Georgstag K23. April), das Markusfest (25. April) auf Ostern «und Fronleichnam auf den Johannistag (24. Juni) 'fallen. 1886 war das wirklich der Fall, aber auf die Weltenstund" haben unsere Großväter und Groß- nnütter vergeblich gewartet.

Spaßhafter ist die folgende Begebenheit: In den fünfziger Jahren des 15. Jahrhunderts hatte ein Kirchengelehrter das Ende der Welt für das Jahr 1734 angekündigt. Er begründete dies mit der Ver- avorfenheit der Menschheit. Aber ganz so sündig mnd schlecht müssen die Menschen doch nicht gewesen - Jein, denn die Erde wich auch 1734 nicht um einen strich von ihrem gewohnten Lauf ab. Dos war für sin gelehrtes Haus Veranlassung, eine umfangreiche -Schrift zu verfassen, in der er nachwies, daß die Sintflut nicht etwa aus Mangel an Sünden aus- Jeblieben fei sondern es habe das Wasser ge­fehlt!

Die Erde drehte sich weiter. Die Menschen freu­ten sich ihres Daseins nicht weniger als vordem, und mit welchem Humor man diese Art der Prophe­zeiungen aufnahm, das zeigen die folgenden Ge­schichten von Spaßvögeln und Kleingläubigen.

Man erwartete 1881 das Ende der Welt am 28. August. Das machte sich ein geschäftstüchtiger Amerikaner zunutze. Er gründete eine Aktiengesell- Ichaft zur Erbauung einer großen Arche, in die sich ictten durste, wer bezahlte. Er fand genug Ak­tionäre. Zwanzig Dollar erlegten sie für eine Fahrt" im Zwischendeck, ttinfzig sogar, wenn sie suf einige Bequemlichkeit Wert legten und in der srften Klasse untergebracht werden wollten. Für

Tiere mußte besonders bezahlt werden. Nun, es ist aus dieser Fahrt nichts geworden, ebensowenig aus der mit einem anderen Ungetüm, das fünfzig Personen mit Lebensmitteln für vierzig Tage auf­nehmen sollte. Dieser Nachfahre Noahs war aber weise genug, das beträchtliche Fahrgeld von 500 Dollar im voraus zu verlangen. Zudem machte er zur Bedingung, daß niemand sein Geld zurückver­langen dürfe, falls sich die Sintflut nicht einstellen sollte.

Buchstäblich feinSchäfchen ins Trockene" brachte vor der angekündigten Sintflut auch ein franzö- sischerProfessor". Er verfaßte eine kleine Schrift, er der er genau beschrieb, wie der Weltuntergang vor sich gehen werde. DiesesWerk" wurde durch einen Leipziger Verlagsbuchhändler auch in Deutsch­land vertrieben. In demCirculare", das er den Buchhändlern zuschickte, stand zu lesen:Ich bitte, dieses Buch des berühmten französischen Gelehrten nicht mit Machwerken, die einen anderen Titel füh­ren, zu verwechseln. Auf Grund feiner Forschungen weist der berühmte Astronom schlagend und unum­stößlich nach, daß die Katastrophe am 28. Auguft erfolgen muß. Ich kann nur gegen bar liefern, doch erwächst Ihnen auch bei einem Partiebezuge dieses Schriftchens, welches ungeheures Aufsehen erregen wird, keinerlei Risiko, da ich nicht verkaufte Exem­plare bis Ende dieses Jahres bar zurücknehme. Am 28. August Weltuntergang und doch noch Zurück­nahme des Schriftchens bis Ende des Jahres!

Aber was tagt man dazu: In der amerikani­schen Stadt Olympia im Staate Washington er­wartet ein wunderlicher Zeitgenosse schon seit Jah­ren seineletzten' Tage". Schon 1932 hatte William Greenwood seine Arche fertig. Da aber der Welt­untergang ausblieb, konnte sie ihrer Bestimmung nicht dienen. Greenwood hatte ein neuesGesicht", daß die Sintflut 1938 ganz bestimmt kommen werde. So machte sich der Sonderling denn von neuem an die Arbeit, um feine Arche für dieses Jahr mit allen modernsten Sicherheitsvorrichtungen zu versehen.Der Teufel wird nicht imstande sein", so sagte er,bei der Sintflut die Arche zu versen­ken. Denn ich besitze eine stählerne Rüstung, ein gutes Schwert, ein halbes Dutzend Pistolen und, was das wichttgste ist, mein Vertrauen."

Die Jahre 1938 und 1939 haben ihren Lauf voll­endet, ohne daß Mr Greenwood seine Fahrt an­treten mußte. Es wird auch weiterhin so bleiben. Mag Mr. Greenwood also weiter auf denjüng­sten Tag" warten. Die Erde wird weiter ihre Bohn ziehen, wenn die Arche des wunderlichen Mannes aus Olympia längst morsch. geworden ist.

Ein glückliches Haus.

Besuch bei Felix Timmermans.

Das Original der kleinen flämischen Stadt Hier ist der Dichter Felix Timmermans. Jeder Einwoh­ner weiß anzugeben, wo sein Haus liegt. Der Chauffeur des Autobus, mit dem ich von Antwer­pen nach Lier fuhr, hatte auf feinem Führersitz das fleckige, zerlesene Buch vomJesuskindlein in Flan­dern" liegen; darin las er in den Fahrtpausen. Als vor einigen Monaten ein altes Häuslerehepaar die Feier der goldenen Hochzett beging, wurde ein Festzug durch die Straßen veranstaltet die Fla­men lieben mächtig jede Art Schaugepränge bei dem die Gruppen des Umzugs Personen und Austritte aus den Büchern des gefeierten Dichters darstellten.

Die Einwohner von Lier also wissen, daß ihr Mitbürger heute eine internationale Berühmtheit ist. Aber nicht dies: Stadtbekanntheit und Berühmt­heit bis über die Landesgrenzen hinweg stempeln Onze Felix" zum Original. Das Originale liegt vielmehr darin, daß dem Dichter die herausge- hvbene, die weithin sichtbare Ehrenstellung, die ihm die Stadtgenossen einräumen, keineswegs zu Kopfe gestiegen ist. Der Ruhm bat seine Natur nicht um­wandeln, sie nicht verkünsteln können.

Felix Timmermans hat sich von den Einkünften seiner Bücher, seiner Vorträge, seiner Rundfunkvor­lesungen ein geräumiges Haus kaufen und einrichten können. Hier wohnt er mit seiner Frau Marie, mit deren Mutter und seinen drei Kindern in einer vollkommenen menschlichen Harmonie. Wenn man durch dieses Haus geht, das mit Gemälden von Freunden und von Timmermans selber geschmückt ist, so spürt man, daß unter diesem Dache das Glück, der Frieden, die Eintracht wohnt. Keinerlei peini­gende Ausstrahlung, an der man merken könnte, daß unter den Bewohnern etwas nicht in Ordnung sei, trifft die Nerven des Besuchers. Der Dichter trägt feinen Vornamen Felix zu recht.

Er ist ein wenig beleibt geworden in den letz­ten Jahren, der volle Haarbusch ist von ein paar grauen Haaren durchzogen, aber unverändert, un- gealtert blickt sein braunes Auge auf Dinge und Menschen, nämlich milde und mit einer heutigen­tags ganz unfaßlich gewordenen Arglosigkeit. Die­ser Bl':ck bestätigt, was das Haus aussagt: daß, wie unter den Menschen dieses Hauses zueinander, so auch im Hausherren selber Glück, Friede und Eintracht herrschen.

Frau Marie deckt die Tafel mit ruhigen, mütter­

lichen Bewegungen. Die Teller, Tassen und Schüs­seln stehen schlicht und ungeziert auf dem Tische. Das Essen verläuft nicht als hastige Speisenzufuhr, auch sticht als prickelndes Vergnügen für die Sinne des Gaumens und des Magens, es geschieht als Mahlzeit", also als eine Handlung, die innerhalb der übrigen Verrichtungen des Tags ihren ehrwür­dig angestammten Platz und Sinn besitzt.

Gleich sinnvoll, gleich natürlich geschieht das Schreiben dieses Dichters. Es geschieht also nicht als ein Ringm mit .Komplexen", als Abladung innerer Bedrängnisse, als Gegenaktion gegen Span­nungen, die unerträglich wurden: Dichten, Maien, Spintifieren, sie entfalten sich in dieser reichen, zwanglos geordneten Persönlichkeit als ein natür­liches Wachstum, als ein Fruchttragen und Ab- ernten wie im Garten und auf dem Acker auch.

Darum hat Timmermans kein Verlangen nach absonderlichen seelischen Zuständen, die ihn stacheln und ihm einheizen könnten. Er hat kein Verlangen nach den Genüssen der Welteitelkeit, die einem, der Geld hat, offen stehen. Er ist zufrieden ohne opfern, ohne verzichten zu brauchen; er schafft ohne Qual, in Hemdsärmeln, den Pfeifenstiel zwischen den Zäh­nen; die Nerven, die äußeren Mißhelligkeiten kön­nen ihm keine Streiche spielen; er steckt voll kind­hafter, voll ganz ursprünglicher Wesenskräfte, die es ihm erlauben, für alles und jedes Zeit zu haben, sich hinzugeben ohne sich wegzuschleudern, zu schlen­dern und zu träumen ohne müßigzugehen, schöne Sätze und Bilder zu formen, ohne sich in mönchische Zucht zu nehmen er ist glücklich.

Ein glücklicher Mensch, gar ein glücklicher Dichter, gibt es in unseren Zeitläuften etwas Ungewöhn­licheres? Wenn irgendwer, so dürfte in unseren Tagen derjenige, über den der Unfrieden der Welt keine Macht hat, den die Welt weder zum Haß noch zu ihn zerstörenden Begierden verleitet, auch im Goetheschen Sinne einOriginal" heißen.

F. M. Huebner.

Zeitschriften.

4>rofe|jor Dr. Alfred Dönitz berichtet in ötr neuenS i r en e" überErste Hilfe bei Blutungen", ein Aufsatz, den feder Volksgenosse nicht nur die Laienhelferin lesen müßte. Wie man eine Schlagader von einer Blutader unterscheidet, wann man einen Druckoerband, wann einen Abschnürver- band anlegen und wann man die Ader in der Wunde zudrücken muß, wird mit deutlichen Bildern anschaulich geschildert. Daneben bringt das neue Heft noch einen interessanten Bildbericht vom Luft­schutz Hinte rm Westwall.