Aus -er Stadt Gießen.
Oer Tlarrentag: 1. April.
Im alten Deutschland gab es viele Narrentage, an denen sich der urgesunde j)umor unserer Vorfahren ungehemmt austoben durfte, und diese Narrenfreiheit lebt noch heute abgeschwächt in der Fastnachtszeit fort. Aber ein besonderer Tag im Jahr ist uns geschenkt, an dem man den lieben Nächsten nach Herzenslust anführen und zum Besten halten darf: der 1. April. Wie gerade der 1. April zu dieser Ehre kommt, darüber gehen die Ansichten auseinander. Daß aber dieser Tag mit uralten Bräuchen verknüpft ist, geht daraus hervor, daß sich in der ganzen indogermanischen Welt Spuren dafür finden. So war das indische Hul-Fest, in dem man das Urbild unserer Aprilscherze gefunden hat, eines der alten Frühlingsfeste, in denen die Menschheit ihren Jubel über die Wiederkehr der Sonne und der schönen Jahreszeit austobte. Seit undenklichen Zeiten ist es am letzten Tage dieses Festes, das in den März oder April fällt, in Indien eine allgemeine Belustigung, daß man allerlei Aufträge ausrichten läßt, die mit einer Täuschung endigen und den Abgesandten zum „Hul-Narren^ machen. Je mehr Verwirrung und Tollheit dadurch entsteht, desto größer ist das Gelächter. Auch ein altrömisches Fest, die sog. Apaturien, hat man zur Wiege unserer Aprilscherze machen wollen, indem man darauf hinweist, daß im April zu Ehren der Liebesgöttin, die den Beinamen Apaturia, „die Täusche* rin", führte, Mysterien mit allerlei Täuschungen begangen wurden.
Jedenfalls ist das Narrenfest in der Frühlingszeit uralt und lange vor unserer Zeitrechnung verbürgt. Der eigentliche Ursprung und Sinn der Aprilscherze dürfte wohl in dem Ueberrest eines alten Frühlingsfested zu suchen sein, daß dieser Narrentag gewissermaßen als der letzte Ausklang der Faschingszeit erscheint, die ja auch aus alten Fruchtbarkeitsfesten entstanden ist. Der Aprilnarr, den man hinschicken kann, wohin man will, vertritt gleichsam den machtlos und zum Kinderspott gewordenen Winter, an dem der siegreiche Sommer seine Macht ausläßt.
Unzählig ist die Form der Aprilscherze, die sich im Dolksorauch herausgebildet haben. Die flämischen Aprilnarren werden besonders dadurch gekennzeichnet, daß man chnen einen Zopf, eine Karikatur oder einen Zettel mit einer wenig schmeichelhaften Inschrift heimlich auf den Rücken klebt oder ihnen, ohne daß sie es merken, das Gesicht schwarz macht. In Deutschland sind vpr allem die unausführbaren Aufträge beliebt, an denen sich schon das altdeutsche Lügenmärchen erfreute. Besonders gern schickt man die Kinder nach Mückenfett, nach Krebsblut, nach Enten- oder Storchmilch, nach rosagrüner Tinte, nach Kieselsteinöl, gesponnenem Sand, gedörrtem Schnee und dergleichen. In Bayern läßt der Oberknecht durch den Stallbuben beim Krämer nach Dukatensamen fragen. In Schlesien schickt man zum Nachbar, „um den Windsack zu holen", und der Hereingefallene bekommt dann einen mit Steinen gefüllten Strohsack zu schleppen. Gern wird auch dem Gefoppten aufgetragen, „ungebrannte Asche" zu holen, und der Ahnungslose wundert sich dann nicht wenig, wenn er mit Gelächter oder derben Schimpfworten davongejagt wird. Die Mädchen werden nach einem Tee geschickt, der aus dem heilkräftigen Kräutlein „Owiedumm" gebraut ist. Gar lustig erzählt Rosegger, daß er am 1. April zum Kaufmann geschickt wurde, um „zwei Ellen Baß" zu verlangen. Auch um einen „Sternanzünder" wurde er geschickt, worauf ihm die Antwort wurde: „Wenn's finster wird, brauchen wir ihn selber: komm, wenn wir angezündet haben." Und als er spätabends noch einmal wiederkam, wurde er furchtbar ausgelacht. Im Allgäu fragt man nach dem „Sonnenbohrer^ oder „Nebeltrenner", zu Offenbach in der Pfalz nach der Dachziegelschere oder dem Strohbohrer. Da aber der Volksbrauch gutmütig ist, so wird vielerorts dem Hereingefallenen auch etwas geschenkt. Die Kinder bekommen Süßigkeiten, oder der Gefoppte kriegt etwas zu trinken, das der, der ihn geschickt hat, bezahlen muß. C. K.
Tageskalender für INonlag.
Stadttheater: 20 bis 22 Uhr, Festkonzert zur Gießener Woche für Kunst und Literatur. — Gloria- Palast (Seltersweg): „Ein Mann auf Abwegen". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Aus erster Ehe". — Tierschutzverein Gießen und Umgegend: 20.15 Uhr Jahreshauptversammlung im „Frankfurter Hof", Lindengasse.
(ßolöcnc WolEe über Renate.
Roman von fjorjl Bicrnath.
21. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Er bahnte ihr den Weg, und sie folgte ihm etwas beklommen. Eine Ahnung sagte ihr, was ihn zu diesem plötzlichen Aufbruch veranlaßte, und sie wußte, daß ihr eine entscheidende Antwort bevor- stond. Sollte sie zögern, Hinhalten, abwarten? Sie sah in dieser raschen Sekunde in einer inneren Schau vorwärts und rückwärts zugleich.
Sie dachte an die engen, bedrängten Jahre, die hinter ihr lagen, und an die ungewisse, drohende Zukunft, an die ewige Furcht vor dem nächsten Tage, an die Entbehrungen, die sie erwarteten, und an die verzagten Stunden, in denen alles, was sie tat, sinnlos und überflüssig erschien. War ihr Leben noch denkbar ohne die Zerstreuungen, die sie durch Allan Parker kennengelernt, ohne die zahllosen Aufmerksamkeiten, mit denen er Jie verwöhnt und überschüttet hatte?
Er holte die Mäntel von der Garderobe, und sie wartete auf ihn. Es fiel ihr ein, daß sie heute ver- aessen hatte, den Doktor aufzusuchen. Den Doktor —! Wenn man schon nicht zahlte, müßte man wenigstens höflich sein ... Aber Parker hatte sie schon um die Mittagszeit abgeholt, und sie hatten sich an den Schloßkanälen Nymphenburgs stundenlang damit vergnügt, die handzahmen dicken Karpfen zu füttern, die den Enten frech das Futter vom Schnabel wegstahlen.
Parker kam zurück. Er half ihr in das Heber» jäckchen und hängte sich seinen Mantel über den Arm. Durch ein knarrendes Tor traten sie auf den Hofgarten hinaus, aus barocker Architektur und mit den Klängen Mozartfcher Musik im Ohr in ihre Welt und ihre Zeit.
„Wohin wollen Sie mich führen, Allan?" Sein Name war ihr noch fremd und ungewohnt, wie ein Kleid bei der ersten Anprobe.
„Irgend wohin, wo man inmitten lebensfroher Menschen ungestört sitzt, wo man sprechen farm, Renate ..." Er reichte ihr den Arm, und sie hängte sich ohne Zögern ein.
Unterwegs streichelte er ein paarmal ihre Fingerspitzen. Sie ließ es geschehen, ohne die Hand zurück-
Verpflichtungsfeier der HL.
Mit einer auch äußerlich dem Gestaltungswillen der neuen Jugend Ausdruck gebenden Feierstunde fand am Sonntag im „Gloria-Palast" die Verpflichtung der Hitler-Jugend statt. Die Gruppierung der Fahnen auf der Bühne unterstrich den schönen Eindruck dieses Bildes, das sich darbot. Unter Fanfarenklängen betrat Kreisleiter Backhaus mit feinen Mitarbeitern und Ortsgruppenleitern u. a. dem früheren Kreisleiter Adam Lotz, dem Landrat Dr. Lotz und den Vertretern der Wehrmacht den festlichen Raum. Ein Vorspiel aus einer Suite von Teleman auf Klavier und Geige bildete die feierliche Einleitung. Ein Pimpf und ein Jungmädel wiesen mit einem Vorspruch auf die symbolische Bedeutung der Fahne hin. Nach dem gemeinsamen Lied „Nun laßt die Fahnen wehen", sprach der
K.-Bannführer Siegmunk»
über die Bedeutung der im ganzen Reich zum ersten Male von Partei und Hitler-Jugend gemeinsam ausgestalteten Verpflichtungsfeier. Die vor der Fahne angetretene Jugend wies er darauf hin, daß sie in dieser Stunde ihrem Willen, auch in Zukunft ihre Pflicht zu tun und unverbrüchliche Treue zu halten, Ausdruck zu geben haben, ob sie nun in die Hitler-Jugend überwiesen werden oder noch als Führer im Jungvolk und im Jungmädel- bund bleiben. Er sagte ihnen, daß der Führer eine Jugend brauche, die selbstlos ihr Opfer zu bringen bereit sei, die, ob arm oder reich, tüchtig, gehorsam und kameradschaftlich fein muß. Auch die Jugend habe in der Heimatfront im unerschütterlichen Glauben an den Sieg der Waffen ihre Pflicht zu erfüllen. Die große Kameradschaft, in der sie aufwachse, sei das Werk des Führers. Sie fei ihr nicht geschenkt worden. Der Bannführer ermahnte die Jugend, ihre Pflicht im Geiste Herbert Norkus zu erfüllen und für den Führer und für Deutschland zu leben. Hierauf wurden die zu verpflichtenden Pimpfe und Jungmädel von einem ihrer Kameraden und einer Kameradin namentlich aufgerufen. Zwei Pimpfe und zwei Jungmädel traten zu den Fahnen und dann sprach der Standortbeauftragte der HI., Obergefolgschaftsführer Ruppel, der zu verpflichtenden Jugend das Gelöbnis vor, durch das sie sich zu neuer rbeit in der HI. und im BDM. bekannten. Zur Bekräftigung ihres ehrlichen Wollens stimmten sie das Lied der Jugend an.
Kreisleiter Backhaus
wandte sich in einet eindrucksvollen Ansprache an die Jugend und an die Eltern. Er sagte ihnen, daß auf Befehl des Führers diese Verpflichtung der Jungen und Mädels durchgeführt wurde, damit ihnen in dieser Stunde der Beginn eines neuen Lebensabschnittes ins Bewußtsein gerufen werde und damit die Erinnerung an diese feierliche Stunde sie durch ihr ferneres Leben begleite. In diesem Augenblick, da sie von der Schule, kommen und in einen Beruf eintreten und damit in die Kampf« und Schicksalsgemeinschaft des Volkes aufgenommen werden, war es dem Kreisleiter ein besonderes Be« dürfnis, an ihre Herzen zu appellieren und ihrem Wollen eine Ausrichtung zu geben, damit sie auf rechtem Pfade in das Volk hineinwachsen. Als eine der wichtigsten Voraussetzungen führte er die richtige Berufswahl an; denn unser Volk fordere die größten Leistungen. Der Ruf des deutschen Arbeiters als des besten der Welt müsse noch vergrößert werden. Der Kreisleiter schilderte, wie in früherer Zeit die Jugend keine Gewähr dafür hatte, ob sie ihre Jugend vollenden und Aussicht auf eine Existenz fyabe. Der Führer fjabe aber jetzt für die Jugend gesorgt, ihr Arbeitsplätze gesichert und damit Hoffnung, Lebensfreude und Daseinsberechtigung gegeben. Das verpflichte sie nun, neben ihrer Leistung im Beruf auch an sich selbst zu arbeiten und die alten germanischen Tugenden der Treue, des Gehorsams, der Wahrheitsliebe, der Ehre und der Kameradschaft zu üben. In Herbert Norkus schwebe der Hitler-Jugend das Symbol des Freiheitswillens und des Kampfesmutes voran.
Weiterhin unterstrich der Kreisleiter den Erziehungsanspruch der Partei auf die Jugend, die einzig und allein durch die Partei zu einer deutschen Jugend erzogen werden solle. Mit der Schilderung eines Erlebnisses auf einem Nürnberger Parteitag gab der Kreisleiter der Jugend zu verstehen, mit welch großer Liebe der Führer an feiner Jugend hänge und wie er sich immer wieder um sie sorge. Dieser Liebe müsse sich die Jugend würdig erweise! und sich in Disziplin und Unterordnung auf die Zeit vorbereiten, in der sie einmal die Fahne des Reiches in eine neue Zukunft tragen. Das Gelöbnis unverbrüchlicher Treue zum Führer wurde durch die Lieder der Nation bekräftigt.
Aufruf an sämtliche Betriebsführer des Kreises Wetterou.
Reichsappell der schaffenden Jugend
am 3. April 1940.
Der bereits angesetzte Reichsappell findet nun am Mittwoch, 3. April, in der Zeit von 8 bis 8.30 Uhr statt. Es spricht der Ministerrat für Reichsver- teitügung, Generalfeldmarschall Hermann Göring. Sämtliche Betriebsführer und Betriebsjugendwalter werden gebeten, es innerhalb ihres Betriebes zu ermöglichen, daß dieser Appell in Form eines Gemeinschaftsempfanges gehört werden kann. Der ursprünglich für Gießen an gesetzte Gemeinschaftsempfang tm Lichtspielhaus wird nicht durchgeführt.
Heil Hitler!
gez. Reitz, stellv. Kreisobmann.
Hitler-Jugend auch auf diesem Gebiet ernste Arbeit geleistet wird.
Mit Schmetterlingen und Libellen unterwegs.
Die letzte Reichsstraßensammlung des Kriegswinterhilfswerks 1939/40.
Zu einem weiteren Erfolg, der in feinem Ergebnis bisher allerdings noch nicht abgesehen werden kann, dürfte sich die letzte Reichsstraßensammlung in unserer Stadt, wie auch im Kreis Wetterau gestalten. Zahlreiche. Volksgenossen setzten sich im Namen der Deutschen Arbeitsfront, die diese letzte Sammlung durchführte, für den Verkauf der hübschen Porzellanschmetterlinge und der zartfarbi- gen Libellen ein, die gerne gekauft wurden. Viels Spender schmückten sich mit beiden Formen der Abzeichen, die viel Farbe auf den Rockaufschlag brachten.
Im Rahmen dieser Reichsstraßensammlung stellte sich gestern die Leihgesterner Sing- und Spielschar unter der Leitung von Georg Heß in den Dienst der edlen Sache. Neben der Musik, für die sich Soldaten zur Verfügung stellten, fang und tanzte die Gruppe in der Anlage an der Plockstraße und fand dabei viele Zuschauer und Zuhörer, die ^inert dichten Ring um die Sing- und Tanzgruppe bildete. Noch mancher Groschen wanderte dabei in die roten Sammelbüchsen.
SA.-Wehrsportabzeicheu-prüfung im Bergwerkswald.
HL. Bann und Llntergau -116.
Morgenfeier im Ltadtlheater.
Am 7. April findet im-Stadttheater eine Morgenfeier der Hitler-Jugend statt. Heinrich Waggerl lieft aus eigenen Werken. Die Verteilung der Karten erfolgt im Rahmen des HI.-Theaterringes anteilmäßig auf die Einheiten. Die Theaterringbeauftragten holen die Karten sofort auf der Verwaltungstelle ab.
BOM.-Llntergau 416 Gießen.
RDM.-Derk-Gruppe la/116, Sport und Gymnastik.
Der nächste Dienst der gesamten BDM.-Werk- Gruppe la/116 (auch Mer Mädel, die aus dem BDM. in diese BDM.-Mädel-Gruppe überwiesen sind) ist am Donnerstag, 4. April. Wir treffen uns dazu pünktlich um 20 Uhr mit Sportzeug in der Turnhalle de" Goethefchule. Mitzubringen ist außerdem der Beitrag für April.
Rlädelgruppe 1/116, Gießen-Süd.
Der erste Sportabend für die gesamte Gruppe ist Montag, 1. April, in der Turnhalle der Goethe- schule. Alle Mädel treten pünktlich um 20 Uhr mit Sportzeug dort an.
Mädelgruppe 2/116, Gießen-TNille.
Der Sport für die Gruppe ist abwechselnd mit Gießen-Süd Montags in der Goethefchule, erstmalig am 8. April.
Mädelgruppe 3/116, Gießen-Ost.
Der erste Sportabend der Gruppe ist Freitag, 5. April, um 20 Uhr, in der Turnhalle der Schillerschule.
Mädelgruppe 4/116, Gießen-Rord.
Der Sport für die Gruppe ist abwechselnd mit der Mädel-Gruppe 3/116 Freitags um 20 Uhr in der Schillerschule, erstmalig am 12. 4.
Musikalischer Abend der Hitler-Luqend.
Die Mädelgruppe 5/116 und die Bannspielschar der HI. hatten sich 3Ufammengetan, um einmal vor größerem Kreis mit zwei musikalischen Abenden ihr Können zu zeigen. Es war klar zu erkennen, daß es der Hitler-Jugend darauf ankommt, Musikgut. unverfälschten deutschen Geistes lebendig machen zu helfen und gleichzeitig die gemeinschaftsbildenden Werte in der deutschen Musik durch Ausübung m einer größeren musizierenden Gemeinschaft zu pflegen. An der Veranstaltung am Donnerstag nahm die Elternschaft bereits lebhaften Anteil. Auch Kreisleiter Backhaus brachte den Bemühungen der Jugend.alle Aufmerksamkeit entgegen. Der Musik- abend am gestrigen Freitag war ebenfalls gut besucht. Die Untergauführerin konnte dabei Kameradinnen vom Obergau begrüßen. Die Mufikabende fanden im Hörsaal des kunstwissenschaftlichen Instituts statt.
Fanfarenruf, Vorspruch und ein gemeinsames Lied der HI. leiteten den Abend ein. Ein Ulanenmarsch und ein Pimpfenlied führten dann zu den beiden wesentlichen Aufführungen des Abends. Von Johann Christoph Pez (1664—1716), einem bisher wenig bekannten süddeutschen Komponisten, wurde ein „Concerto Pastorale" gespielt, das die Ausführenden zu einer unbekümmerten Musizierfreudigkeit hinriß. Von Georg Philipp Teleman hörte man die „Lustige Suite", die etwas höhere Anforderungen stellte, aber ebenfalls eine gute Wiedergabe erfuhr. Das Orchester der Jugend, in starker Besetzung der Streichinstrumente, konnte ausgezeichnete Wirkungen erzielen. Der weitere Verlauf des Abends brachte ein Quartett von Johann Christian Bach, dann ungemein melodienreiche und reizvolle Tänze, Menuette und ländliche Tänze von Haydn, Mozart und Beethoven. Einige Lieder der HI. unterbrachen in schöner Abwechslung den feigen der instrumentalen Darbietungen. Die Zuhörer dankten der eifrigen Musikschar mit herzlichem Beifall. Der Abend war ein sinnfälliger Beweis dafür, daß von der
Gestern, in früher Morgenstunde, trafen sich zahlreiche SA.-Männer, wie auch mehrere Kameraden, aus dem Kreis der deutschen Wehrmacht, um nach zwei Dorangegangenen Prüfungen nun auch die dritte Gruppe der Prüfungen für das SA.-Wehr- ,sportabzeichen abzulegen. Die Prüfung galt für den gesamten Standartenbereich. Zum Teil hatten also die Kameraden schon lange Anmarschwege hinter sich.
Die Prüfung, die von der Bergschenke aus ihren Ausgang nahm, war vielseitig und interessant. Sie führte die Männer über eine Strecke von zwei Kilometer in der Richtung nach Klein-Linden. Sie wurden mit einem ganz bestimmten Auftrag auf den Weg geschickt und mußten mit ausgeführtem Auftrag zurückkehren. Auf dem Wege müßten sich die Kameraden an verschiedene Kontrollposten heranpirschen, und zwar -unter sorgfältiger Ausnützung des Geländes. Da galt es zu beweisen, daß die Karte den Kameraden grundsätzlich vertraut ist und daß sie das Gelände richtig anzusprechen und zu deuten wissen; der nächste Kontrollposten stellte hochnotpeinliche Fragen um Kompaß und Karte, und ein dritter Kontrollposten forderte die Anfertigung einer Geländeskizze. An wieder einem anderen Kontrollposten mußten die Gegner ausfindig gemacht werden, die in der Gestalt von Pappeschützen im Gelände verteilt worden waren und einen scharfen Blick herausforderten. Schließlich hatte der Prüfling auch im Entfernungsschätzen sein Können zu beweisen. Die Kameraden unterzogen sich den interessanten Aufgaben mit großer Freudigkeit und waren lebhaft um die Lösung der ihnen gestellten Aufgaben bemüht.
Zu dieser Prüfung hatte sich auch Standartenführer Lutter eingefunden, der sich an den verschiedenen Kontrollposten über den Ausbildungsstand der SA. in dey hier in Frage kommenden Gebieten informierte. Die Leitung der Prüfung lag in Händen von Obersturmbannführer Walther, der im feldgrauen Ehrenkleid erschien.
zuziehen. War es ihr angenehm? War es ihr unangenehm? Sie konnte sich keine Antwort geben. Sie spürte bei dieser Berührung ein leises Zusammengehen der Kopfhaut, eine linde Erschlaffung, eine sanfte Müdigkeit und keinen Widerstand bei dem Gedanken, daß er sie küssen würde.
Sie schwiegen; nur, als er eine Autodroschke heranwinken wollte, bat sie rasch, den kurzen Weg zu Fuß zurückzulegen. Vielleicht fürchtete sie eine zu frühe Umarmung, vielleicht auch nur das Grinsen des Fahrers.
Sie wählten in dem großen Gefellschaftsraum eine Nische, vom Rundparkett und von der Kapelle weit entfernt.
Parker bestellte einen kleinen Imbiß und einen Mosel, den Renate vor anderen Weinen bevorzugte. Er beauftragte den Kellner, die Platte erst später zu bringen und die Flasche kühl zu stellen. Er war nervös. Er spürte, daß die Aufträge, die er zu geben hatte, und die neue Umwelt die Stimmung zu zerstören drohte, in der Renate hergekommen war.
Endlich zogen die Kellner sich zurück ... Er zerdrückte die Zigarette, aus der er die ersten Züge genommen hatte, im Aschenbecher und preßte die Fingerspitzen gegeneinander.
Renate spielte mit dem Kordelbesatz der gelbroten Tischlampe. In einem merkwürdig hellsichtigen Vor- auseilen hörte sie schon jetzt bte Worte, die er sprechen wollte, und auch die Antworten, die sie gab.
Parker hob den Kopf; es war eine Bewegung, bie Renate zwang, ihn anzuschauen. Er ließ die Hände sinken und lächelte schwach. „Ja", sagte er mit einem Ausdruck, als unterdrücke er einen leisen Schmerz, „jetzt ist es leider so weit, daß ich nicht mehr die Tage, sondern schon die Stunden meiner Ferien zähle ..."
„Oh —!" rief sie betroffen und hörte ihre Stimme, als spräche ein Fremder neben ihr. „Sie wollen München schon verlassen?"
„Wollen —?" Er hob die Schultern. „Das hängt leider nicht von meinem Willen ab. Ich wünschte mir rirbts sehnlicher, als noch wochen* und monatelang hierbleiben zu dürfen — Ihretwegen, Renate!"
Parkers Hand tastete sich über den Tisch und umschloß ihr Handgelenk. Sie spürte die Wärme seiner Finger glühend auf ihrer Haut, und fein Blick brannte in ihrem Gesicht.
„Ich weiß alles", sagte er, heftig erregt, „was Sie mir erwidern können, Renate! Sie kennen mich nicht, Sie wissen wenig von mir ... Und was weiß ich von Ihnen? Nur eines: Daß ich Sie liebe! Erschrecken Sie nicht, wenn das, was ich Ihnen zu sagen habe, überstürzt, kopflos, verrückt erscheint. Die Zeit zwingt mich, Ihnen heute das zu sagen, was ich Ihnen nach Wochen und Monaten einmal genau so erregt und scheinbar kopflos wie heute sagen müßte ... Werden Sie meine Frau? Kommen Sie mit mir! Lassen Sie alles zurück, drehen Sie sich nicht um, sehen Sie nur nach vorn! Und glauben Sie mir, daß ich alles tun werde, tim Sie glücklich zu machen!"
Er riß sie mit; in seiner Werbung war eine Glut, der sie sich nicht entziehen konnte, ein Feuer, das auch sie entzündete. Für einen Augenblick trat in ihrem Bewußtsein jene kühlere Erwägung zurück, die sie vorher zu dem Leben an der Seite Allan Parkers verlockt batte. Weshalb zögerte sie noch? Hatte sie sich nicht schon längst entschieden? Und war dieser Augenblick, in dem er sie flüchtig auch als Mann erregte, nicht fast eine Sicherheit dafür, daß ihr das Leben mit ihm nicht andere Enttäuschungen bringen würde als anderen Frauen nach längerer Brautzeit? War das Jahr, das man vielleicht sonst verlaufen ließ, ohne sich kennenzulernen, mehr als diese zehn vergangenen Tage, in denen man sich wenigstens über eins klargeworden war: daß sich hier nicht zwei Pole berührten, die einander abstießen?
„Sie weisen mich nicht ab?" sagte er stockend und zog ihre Hand langsam näher zu sich heran.
Seine ungeschickte Frage zwang sie, seine Werbung mit einem verneinenden Kopfschütteln anzunehmen.
Parker preßte ihre Hand an seine Lippen. „Ach, Renate —!" raunte er erstickt. „Ich danke Ihnen ... Und ich lasse Ihnen keine Zeit zur Ueberlegung: ich wünschte, ich könnte mit Ihnen heute noch nach England fliegen, in ihre neue Heimat, die Sie lieb« gewinnen werden ..."
„Ja, Allan — nehmen Sie mich rasch von hier
„Morgen, Renate! Morgen!"
Dr. Menzel hatte böse Tage hinter sich. Seine unbeholfenen Versuche, auf eigene Faust herauszubekommen, wer dieser Engländer war, wie er hieß,
und wo er wohnte, waren mangels jeglichen kriminalistischen Talents völlig gescheitert.
Er kam sich wie ein Mann vor, der eine Münze in die Luft warf und dieses blöde Spiel unaufhörlich wiederholte. Einmal fiel sie auf die Zahl und dann wieder auf den Adler. Einmal war er davon überzeugt, daß dieser Engländer ein Schurke sei, dessen dunkel-geheimnisvollen Absichten er durch eine Aussprache mit Renate Naumann zuvorkommen müsse; dann wieder nannte er sich einen Narren, einen Gespensterseher, und in besonders lichten Momenten einen eifersüchtigen Hanswurst. Und daß er in dieser letztgenannten Eigenschaft von Renate durchschaut werden könnte, befürchtete er am allermeisten.
Wenn er nichts anderes zu tun hatte, verbrachte er ganze Stunden damit, mit Kasimir als Gesprächsteilhaber an Stelle Renates ein verschmitztes Frage» und Antwortspiel auszutüfteln, das er scheinbar absichtslos so lenkte, daß nicht er, Jonbern Renate auf jene merkwürdigen Unstimmigkeiten in dem Verhalten ihres Engländers aufmerksam werden mußte, die ihm jetzt so viel Kopfzerbrechen bereiteten.
Je näher der vierte Tag heranrückte, auf den er sie bestellt hatte, um so unruhiger wurde er. Und als sie dann nicht kam, als die Stunden verstrichen, ohne daß sie ober ein Anruf von ihr eintraf, steigerte sich feine Unruhe zu einem peinigenben Gefühl dumpfer Beklemmung, ihr könne etwas Fürchterliches zugestoßen sein.
Mit unklaren Entschlüssen, aber einem ungeheuren Tatendrang randvoll geladen, riß er sich, als der letzte Patient sein Sprechzimmer verlassen hatte, den Ordinationsmantel herunter, wechselte den Anzug, lief auf die Straße und sprang auf dem Stachus in den „Dreier", der ihn ratternd bis in die Nähe des Siegestors brachte.
Es war schon dunkel, als er das Haus in der Dorotheenstraße erreichte. Die Haustür war glück- licherweise noch nicht versperrt. Er sprang die Treppen hinauf und läutete.
Nach langem Warten wurde ihm endlich geöffnet, aber Frau Holzschuh, Renates üppige Wirtin, die gegen solch späte und unbekannte Besucher ein be• rechtstes Mißtrauen hegte, nahm die Sperrkette nicht ab. Außerdem hatte sie sich schon zum Schlafen fertiggemacht, soviel der Doktor durch den schmalen Türspalt sehen konnte.
(Fortsetzung folgt)


