Ausgabe 
29.11.1902 Zweites Blatt
 
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rrrtp^rr jrrort von vom DmTponMon beroTSrttet. Obwoys SteqnienT" betitelt, schließt sich das Werk dem liturgischen Requiem der kath. Kirche keineswegs an, wie das, allerdings in mehr dramatischer Form gehaltene herrliche Derdi'sche Requiem, welches wir vor zwei Jahren in einer trefflichen Aufführung des Akademischen Gesangvereins kennen ge­lernt haben. Tvs Brahms'sche gleicht mehr einer Trauer­kantate, sein Hauptzweck ist es, die Leidtragenden zu trösten. Es ist Wohl kaum ein W'rk in der gesamten Musiklitte- ratur, das, wie das T tsche Requiem, himmlischen Trost ru spenden vermag; solange es Leid auf Erden giebt, solange wird das Werk estehen und allen, nicht nur den religiös Empfindenden, rin Quell erquickenden Trostes sein. Verehren wir in der Fülle seiner herrlichen Lieder, seiner unvergleichlichen Kammermusik- und Orchesterwerke in Brahms den gottbegnadeten Meister, der die Traditionen der Klassiker in die neue Zeit herübergerettet hat, im deutschen Requiem besitzen wir den ganzen, echtesten Brahms, der sich nirgends tiefer offenbart hat, als in diesem Werke! Wünschen wir, daß dem Werke seitens der hiesigen und auswärtigen Musikfreunde ein reges Interesse entgegengebracht werden möge. Tie Aufführung ist durch Herrn Trautmann mit gewohnter Sorgfalt vorbereitet. Tie zwei mitwirkenden Solisten, Frl. K'arola Hubert aus Köln und Herr August Leimer aus Frankfurt a. M., sind in Gießen längst bekannt und hochgeschätzt, und für den Orgelpart ist Herr Adolph Hempel, der Organist der Mün­chener Kaim-Säle, gewonnen. Tas Orchester ist durch hiesige und auswärtige Künstler verstärkt. Auf den übrigen Teil des Programms kommen wir vielleicht noch in einer der nächsten Nummern zurück.

** Person cvlien. S. K. & der Großherzog haben Allergnädigst geruht, den evangelischen Pfarrer Fer­dinand Decker zu Mettenheim, Dekanat Worms, z. Zt. in Gießen, auf sein Nachsuchen unter Anerkennung seiner langjährigen treu geleisteten Dienste, in den Ruhestand zu versetzen. S. K. H. der Gr o ß h er z o g haben Aller- gnädigst geruht, der durch die Dekanatssynode des Deka­nats Wöllstein für den Rest der im Jahre 1903 ablaufen­den Wahlperiode vollzogenen Wahl des evangelischen Pfar­rers Jakob I a u d t zu Planig zum Stellvertreter des Dekans des Dekanats Wöllstein die Bestätigung zu erteilen.

** Die Gemälde-Aus st ellung am Brand hat diese Woche wiederum eine Aenderung erfahren, indem zu den, seit acht Tagen erst neu ausgestellten, wieder 40 Gemälde neu hinzugekommen sind, sodaß die gegen­wärtige Ausstellung, über 100 Gemälde aufweist. Gleich­zeitig wollen wir darauf Hinweisen, daß ein Teil derselben nur kurze Zeit hier ausgestellt werden kann, und sei daher der baldige Besuch der Ausstellung empfohlen.

Hs. Invalidenversicherung. Eine wesentliche /lenderung in Bezug auf das Meldewefen wird voraussicht- mit dem 1. Januar 1903 hier in K'raft treten. Bisher mußten dieienigen Personen, welche entweder gesetzlich nicht krankenversicherrlngspflichtig waren z. B. in nicht ge­werblichen Betrieben beschäftigte Dienstboten oder welche einer eingeschriebenen Hilfskasse angehörten, zur Inva­lidenversicherung bei der Bürgermeisterei hier angemeldet werden, während die Ortskrankenkasse nur für die bei ihr zur Krankenkasse vngemeldeten Personen auch gleichzeitig die Einziehung und Verwendung der Beiträge zur Inva­lidenversicherung vornahm. Auf ihren bei der Bürger­meisterei gestellten Antrag übernimmt nun die Ortskranken­kasse vom 1. Januar 1903 ab auch denjenigen Teil der Invalidenversicherung, der bis jetzt bei der Bürgermeisterei ressortierte, sodaß die Anmeldung zur Invalidenversiche­rung auch für diejenigen Personen, die nicht krankenver- isicherungspflichtig sind, bei der Ortskrankenkasse zu er­folgen haben wird, was als eine wesentliche Erleichterung für das Publikum, insbesondere auch für neu hier Zu­gezogene welches teilweise nie recht unterscheiden konnte, ob man bei der Bürgermeisterei oder bei der Ortskranken­kasse anzumelden habe, anzusehen ist.

** Das nächste Schwurgericht, welches am Montag, den 1. Dezember, seinen Anfang nimmt, wird, wie man erfährt, nur zwei Tage in Anspruch nehmen. Spruch­reif sollen bisher nur die in der letzten Session vertagten beiden Sachen gegen Wilhelm Janisch von K'öhden wegen Brandstiftung und gegen Heinrich Westerburg von Bad- Nauheim wegen Meineid sein.

"Konzert desSängerkran z". Verschiedenen Anregungen zufolge, gedenkt derSängerkranz":Die Kreuzfahrer" von Gade, womit der Verein in seinem Konzert am. November so großen Erfolg erzielte, öffent­lich zur Aufführung zu bringen. Mit Rücksicht auf die vielen Veranstaltungen in nächster Zeit, sowie die Nähe des Weihnachtsfestes kann diese Aufführung erst im Monat Februar k. I. stattfinden.

Die Anlagemusik findet morgen um halb 12 Uhr

m der Südanlage statt. Gespielt werden: 1. Ouvertüre z. O. ,9torma*. 2. Phantasie über das Lied »Süße Heimat* von Voigt. 3. In der Venutzgrotte! Walzer von Richardi. 4. Finale auS .Aidctt von Verdi.

** Zum Geburtstage de § Großherzogs wurden 428 Personen mit Auszeichnungen bedacht. Davon waren, wie der ,M. Anz.* berechnet, 78 auS der Provinz Rhein- hesten und 356 auS Starkenburg und Oberhessen.

Vom SubmissionSwesen. Bei Vergebung der Schlosserarbeiten für das neue Schloß stellte es sich im heutigen Submissionstermin heraus, daß die Maximalforde- rung 3 41.40 Mark, die Minimalforderung 106.50 Mark betrug.

Bleichenbach, 26. Nov. Zwei Kinder einer Ar­beiterfamilie, 2 und 4 Jahre alt, suchten in einer Kammer eine Schachtel auf, in welcher sich ein Perlenhalsband be­fand. Bald war das Halsband zerrissen und die Kinder wußten nichts befferes zu thun, als die Glasperlen in die Nase zu stecken. Das 4jährige Kind hatte 2 Perlen so weit in die Nase gearbeitet, dann mit den Fingern nachgeholfen, bis daS Blut aus Mund und Nase drang. Die Erstickungsgefahr war groß. Zufällig fuhr ein Arzt durchs Dorf. Dieser ent­fernte glücklich in Ermangelung eines Instruments mit einer Haarnadel sämtliche Perlen, dem Mädchen zwei Stück und dem Jungen eine aus der Nase.

*)(' Rod heim a. d. B., 28. Nov. An sämtliche Wirte zu Rodheim, Fellingshausen und Bieber war von Seiten der Ortspolizeibehörden im Juni d. I. ein Verbot ergangen, wo­nach weder an junge Mädchen geistige Getränke verabreicht, noch junge Mädchen überhaupt in Lokalen ohne Begleitung der Eltern, Vormünder oder älteren Verwandten geduldet werden dürfen. Diese Aufforderung sollte den Besuch der Wirtschaften durch junge Mädchen verhindern, um Aus­schweifungen und Unsittlichkeiten vorzubeugen. Die betei­ligten Wirte fühlten sich durch diese? Verbot in ihrem Ge­werbe geschädigt; denn die jungen Leute mieden infolgedeffen die hiesigen Wirtschaften und besuchten im verstoffenen Sommer mit Vorliebe solche Orte, die der hiesigen Ortspolizei nicht unterstellt sind. Auf eine gemeinsame Eingabe der Wirte an das Landratsamt zu Biedenkopf um Aufhebung dieses Ver­botes ist ihnen in diesen Tagen ein abschläglicher Bescheid zugegangen.

Offenbach, 28. Nov. Die Landtagswahl in Offenbach- Land, wo der Sozialdemokrat Orb gewählt ist, ist ebenfalls angefochten worden. Es sollen bei der Wahlmännerwahl in Bieber Unregelmäßigkeiten vorgekommen sein. Die Trennung des Offenbacher Gymnasiums von der Oberrealschule zum neuen Schuljahr ist, wie die Leser auS der an anderer Stelle mitgeteilten Uebersicht über das heffische Budget ersehen, nunmehr offiziell ausgesprochen worden.

Marburg, 28. Nov. Von einem schweren Un- glücksfall wurde die Familie eines hiesigen Einwohners betroffen. DaS Dienstmädchen sollte in der Backstube die Tische rc. abwaschen und hatte einen Topf mit kochendem Wasser auf den Fußboden gesetzt. Während sie mit ihrer Arbeit beschäftigt war, hatte sich das zweijährige Söhnchen der Familie dem Topfe genähert und fiel in daS kochendheiße Waffer hinein. An dem Aufkommen des Kindes wird ge­zweifelt.

We tzlar, 28. Nov. Die Dahl von vier Kreistags­abgeordneten aus dem Wahlverbande des Großgrund­besitzes und Großgewerbes auf die Dauer von 6 Jahren und eines Abgeordneten auf 3 Jahre wurde heute Morgen 10 Uhr auf dem Kreishause vollzogen. Es wurden gewählt die Herren Bergwerksdirektor Roth, Generaldirektor Kai­ser, Fabrikant G Buß und Fabrikbesitzer Ernst Leitz auf die Tauer von 6 Jahren und Bankier Flörsheim auf die Tauer von 3 Jahren.

Gerichtssaal.

R. Leipzig, 28. Nov. Ein interessanter Pro­zeß beschäftigte heute den ersten Strafsenat des Reichs­gerichts. Ter Angeklagte, Landwirt Frank V. hatte gegen das Urteil der Ferienstrafkammer des Landgerichts Gießen, durch welches derselbe am 22. Juli d. I. wegen Grenzver­rückung zu einer Gefänbnisstrafe von zwei Wochen ver­urteilt worden war, Revision eingelegt. Ter erste Straf­senat erkannte in Uebereinstimmung mit den Ausführungen des Reichsanwalts auf kostenpflichtige Verwerfung der Revision des Angeklagten.

Gießen, 29.Roo.Marktbericbt. Ans dem heutigen Wochenmcrttt kosteten: Buttorrn.Pfd. 1,101,20 Mk., Hühnereier 2 St. 1519 Mq. 2 Sttk. 0000 Mq., Känseeier 0000 'Hfq., Enten eie 0O^fq., nöle vr. Skck. 58 Pi., Käsematte 2 Stck. 56 Ma., Erbsen vr. Li er 21 Pia. Luisen pr. Liter 32 Mq., Taubenvr. Paar 0,800,90 Mk., Hutner vr St 1,001,20 Mk., Hahnen pr. Stück 0,701,25 Mk., Enten vr. Stück 2,00-2,60 Mk., Gänse vr. Md. 5064 Mq., Echsenüetsch ?r. Mund 6676 Ma., Kuh- und Rindfleisch vr. Pfund 6064 Mq., Schmeine- Üeisch vr. Pfund 7080 Mq., Schweinefleisch, pefnhen, rr. Mund 84 Mq., Kalb stoisch vr. Psd. 6872 Mq^ Hammelfleisch rr. Pfund 5070Mq., Kartoffeln pr. 100 Kqr. 5.205 50 Mk.. Weisckraut ver Stück 0000 Pfg.. Zwiebeln vr. Zentner 3,504.50 Mk., Milch ver Liter 18 Mq. Aevsel per Psd. 000 Pfq^ in Körben 0000 Psq. ^.rauben 0000 Mq.

HieltC WüUWIir

Lriginaldrahtmeldungen des Gießener Anzeiger.

Berlin, 29. Nov. Bei Besprechung der letzten Reich», tagssitzung konstatieren die Blätter, daß gestern zum ersten Male seit dem 31 jährigen Bestehen des Reichstages die Sitzung infolge Lärmszenen vom Präsidenten zeitweise unterbrochen werden mußte, und geben der Hoffnung Aus­druck, daß dieses Vorkommnis im Interesse der Würde und des Ansehens des Parlaments vereinzelt bleiben möge. Nach derFreisinnigen Ztg." wären gegen den Antrag Kardorff außer den Freisinnigen und Sozialdemokraten auch die Polen, die Deutsch-Hannoveraner, die Antisemiten und einige Nationalliberale. Nach derNat.-Ztg." ließ sich die Zahl der nationalliberalen Gegner des Antrages noch nicht genau feststellen. Als Gegner dess"lben werden dem Blatte bestimmt genannt: Vizepräsident Büsing, Prinz Schönaich-Carolath, Hilbck, Esche und Debl. Von einigen abwesenden Abgeordneten werde ebenfalls angenommen, daß sie gegen den Antrag Kardorff sind.

Berlin, 29. Nov. Staatsminister a. T. Maybach feierte heute seinen 80. Geburtstag. TieNat.-Ztg." hört, daß die O st a fr i ka n i sch e Gesellschaft mit dem Reichskanzler einen Vertrag abgeschlossen hat, in dem sie im wesentlichen auf alle Privilegien »>nd Vorrechte im ostafrikanischen Schutzgebiet, insbesondere auf das Münz­recht verzichtet. TasKl. Journ." teilt mit, daß die Kriminalpolizei hinsichtlich der in letzter Zeit so häu­figen BrändeimZentrum derStadt festgestellt hat, daß bei mehr als 20 Kellerbränden unzweifelhaft Brand­stiftung vorliegt.

Berlin, 29. Nov. Reichskanzler Graf Bülow fand sich gestern nachmittag gegen 6 Uhr im Reichstage ein und hatte Besprechungen mit dem Präsidenten Grafen Ballestrem.

Rom, 29. Nov. Ter englische und der amerikanische Konsul blieben der Leichenfeier für Krupp ostentattv fern. In Neapel traf ein deutscher sozialistischer Abgeordneter ein, um Material für den Vorwärts-Prozeß zu sammeln.

Wien, 29. Nov. Telegramme ius Sofia besagen, daß die dorttgen Blätter in Extra-Ausgaben über neue Kämpfe in Macedonien zwischen aufständischen Banden und türkischem Militär berichten. Trotz der strengen Winter­kälte wird bei Kresna und Tschumaja gekämpft. Tausend macedonische Flüchtlinge befinden sich aus bulgarischem Boden. Auch an Wiener offizieller Stelle vorliegende Mel­dungen konstatieren ein neues Ausleben der macedonischen Agitation.

Newyvrk, 28. Nov. Ein Telegramm aus Caracas meldet, daß aus Columbien eingedrungene Aufstän­dische nach verschiedenen Niederlagen gezwungen worden seien, sich am 25. Nov. Über die Grenze zurückzuziehen und Zahlreiche Gefangene und Munitionsvorräte in den Händen der Venezolaner zurückgelassen hätten.

New York, 29. Nov. Ein Telegramm aus St. Tho­mas meldet: Gin Dampfer, welcher gestern dort ein traf, berichtet, daß am Mittwoch morgen, als derselbe Marti­nique passierte, der M o n t P e l 6 e in voller Thätigkeit war.

Shanghai, 29. Nov. Die englischen Truppen haben Befehl erhalten, Shanghai am 20. Dezember zu räumen.

Telephonischer Kursbericht«

8*/to/o Reichsanleihe . . 101.85 8n/i do. ... 91.45 BV.e/o Konsole .... 101.95 8% do.....91.25

Hessen .... 100 40 s % Obf*rhe88«n ... 99 80 4% Oeeterr. Godrerte . . 103 00 41 , % Oesferr. Rilborrente 101.30 4% Unear. Goldrente . . 101.45 40/ Italien Rente . . . 103.20 4,',% Portugiesen . . . 48.00 °/ Portugiesen. .... 30.80

1 % C. Türken ....

Türkenlose......121.20

4% Oriech. Monopo1 -AnL 44.10 41/, % äussere Argentiner.

8°/0 Mexikaner . . . 23 80 4Vt'A Chinesen . . . , 91.00 Electric. Ro> uckert . . . 79 75 Nordd Lloyd . . , . 95 60

Kreditaktien . ... 211 00

Diskonfo-Kommandlt. . . 188 00 Darmstädter Bank . . . 137 00 Dresdener Bank .... 14270 Ber iner Handelsgee. . . 156 75 Oesterr Staatabahn . . . 148 00 Lombarden . . . 16 70 Gottharibahn .... 180.00

Laura1 Qtte ...... 200 50 Bochum . ...... 16600 Harpener......166.00

Tendern: fest.

besten Seiten des deutschen Wesens in großartig gesteigertem Maße darstellt. Selbst da, wo der Alte, seiner Sinne nicht mehr ganz mächtig, in schwer verzeihlichen Jr-tum verfällt, bringt die ehrliche Kunst des prächtigen Darsl.ll rs eS fettig, unsere Teilnahme kaum vermindert zu erhalten, und mit schier erhabenem Schmerze werden wir erfüllt, wenn die Wirkungen jenes unglückseligen UnverständniffeS klar werden. Mit ganz geringem Aufwand von Mitteln bttngt Herr D. seine tiefen Wirkungen hervor. Wie die mächtige Eiche deS deutschen Waldes fast unbewegt im Sturme dasteht, während ttngSum die zweigereichen Bäume sich bis zur Erde neigen, so steht dieser Erbförster, selbst ein Sohn deS deutschen WaldeS, auch im hättesten Andrange des widttgen Geschickes mit nahezu un» erschütterter Ruhe und Festigkeit vor unS. Aus der rückhaltenden Rede aber mit ihrem unendlichen Reichtum an feinen Modu­lationen tönt uns die Bewegung des inneren Menschen entgegen; selten, in Augenblicken der ins Ungewöhnliche gesteigerten Energie und mächtigsten Empfindend, untetttützte eine bedeutungsvolle Geberde der Hand und deS Gesichtes daS gesprochene 9Bort. Vielleicht zeigte er von Anbeginn hinter dem bärbeißigen Wesen deS eigensinnig rechthaberischen Alten, hinter seinem Pottern und Fluchen ein kleines Ziiviel von dem goldenen, warm schlagenden, großen greisen Kinderherzen, sodaß hin und wieder auS der Weichheit fast Weichlichkeit deS Ge­mütes zu werden schien; groß blieb trotzdem sein Etil und verblüffend echt und lebenswahr die ganze von ihm ge­schaffene Gestalt. Man merkte es diesem Manne an, daß er

um die Breite eines seiner Riesenfinger abzuweichen, seinen Weg geht. Herr D. fand die Töne stolzen Rechtsbewußtseins und barschen Herrengefühls, er war rührend, nur zu rührend in seinem Schnierz und packend in seinem Zorn, der wie ein entfeffelteS Wildwaffer mächtig hervorbrach. Wie die Fels­blöcke von einem verwitterten alten Bergeshaupte, schien es sich von diesem ragenden Manne in Worten und Leidenschaften zu lösen. Und obendrein wußte er seiner Darstellung im ersten Akte feine humoristische Lichter auszusetzen. Den ganzen großen und doch kleinen, ehernen und doch wachsweichen Charakter nahm die redliche Kunst Diegelmanns liebend in die starken Arme und rettete ihm den Schein unbrechlicher Größe. Selbstverständlich hat Herr D. fast den ganzen Erfolg deS Abends auf sich konzentriert. DaS neue Frankfutter Schauspielhaus erhält vielleicht dereinst, wie die großen Theater Wien's und Münchens rc., eine .Ahnengalerie". Wenn Herr D. einmal unter diesen Vätern deutscher Schau­spielkunst versammelt sein wird, sollte man ihn nicht anders malen als in dieser Rolle.

Die Försterstochter Matte wurde gestern von Fräulein Würtemberg gespielt. Es ist keine große und auch nur mäßig dankbare Rolle, aber die junge Künstlerin hinterließ doch darin einen recht sympathischen Eindruck. Diese zarte Mädchenblüte, die in diesem heimlichen SchicksalSgrunddrama als erzwungenes Opfer hinsinkt, verschwand neben dem statten und einfachen Frankfutter Darsteller am wenigsten. Frl. W. beweist unS zuweilen in ihren besseren Rollen, daß sie mehr Talent als Routine besitzt, an der eS ihr ja auch keineswegs manaelt; rin solches Mehr aber hat man nicht oft zu rühmen Gelegenheik.

e l - Men Darsteller zeigten sich im allgemeinen ihre? >llen Partners gleichfalls würdig. So stellte Herr

Gerl ach einen annehmbaren Guts- und Fabrikherrn hin, indem er ganz glücklich die beiden in der Brust dieses ManneS wohnenden Seelen zur Geltung brachte, ohne sie mettlich voneinander zu scheiden. Er errang ein SonderappläuSchen. Als Ulrich? Frau war Frau Schmidt durchaus auf ihrem Platze. Herr v. Stahl als Robett zeigte wieder seine schöne Leidenschaftlichkeit, aber auch wieder die Sonderbatteit seines Atemholens und seiner hin und wieder aus schlichter Natür­lichkeit in bohl und geziert klingendes Pathos fallenden be­sonderen Svrechatt. Ganz tüchtig und wacker war diesmal auch Herr Brosch als Andres. Beide Herren gaben den jugendlich überströmenden Thatendrang in im Ganzen er­freulicher Echtheit. Uebettrieben war die Tatttellung deS betrunkenen Buchjägers m der Szene mit Möller; Herr Battige hätte mit weniger mehr gegeben. In seiner Wiedergabe, der man allerdings konsequente Durchführung nachrühmen muß, trat der krasse Fehler der Dichtung, daß vernünftige Menschen einem Trunkenbolde und leichtsinnigen Lumpen die Stelle des ErbförsterS übergeben, um so greller hervor. Als Weller that derselbe, allem Anscheine nach fleißige und strebsame Herr, seine Schuldigkeit. Man empsiudet stets dieses Darstellers Hingabe an seinen Patt. Die ganze Wucht jener Szene, da er mit dem ominösen, die Tragik deS Stückes herbeiführenden blutigen Tuche vor dem Erbförster stand, hatte er freilich nicht erfaßt. Sehr charakteristisch zeich- nete Herr Ramse per den Wilddieb Lindenschmid. Gar zu farblos waren Herr Görtz als die schleichende Schreiber­seele und Herr Steinert als Pastor.

Der Beifall deS Abends von Seiten des nicht voll­besetzten Hauses war groß, bisweilen stürmisch.

P. Wittko.

in GotteS Natur, int Atem des WaldeS groß geworden, man begriff, warum dieser unweltläufige Waldmensch von

charaktervoller Borniertheit und von unverständigem Trotz gegen Advokatenbücher, so und nicht anders bandelt und man verstarb diesen knorttgen Charakter, der unbeirrt, ohne je! kraft