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Zweites Blatt. 152. Jahrgang
Samstag 29. November 1903
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen KMs
^rnlvrechanlkbiiißNl 51. ” 1 Kr ^ctqenietl: HanS Beck.
Aie heutige Kummer umfaßt 24 Seiten.
Bekanntmachung.
In bet 3eit vom 22. bis 29. November 1902 wurden m hiesiger Stadt befunden: 1 Spazierstock, 1 Visitenkartentäschchen. IPappschachtel mit Inhalt und 1 Faß Honig.
Verloren: 1 Fächer, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Manschette mit gold. Knopf, 2 Pferdeteppiche und 1 Sparkassenbuch über 450 Mark auf Wilhelm Fink II von Rödgen lautend.
Die Empfangsberechtigten der gefundenen Gegenstände belieben ihre Ansprüche alsbald bei uns geltend zu machen.
Gießen, den 29. November 1902.
Großherzoglic^eä ^oli^eiamt Gießen.
Hechler.
Deutsches Reich.
Berlin, 28. Nov. Der Kaiser hörte gestern abend 6k Vorträge des Kriegsministers v. Goßler und des Chefs des Militärkabinetts Grafen Hiilsen-Häseler. An der Mbend- tafel nahm auch Graf Bülow teil. Heute morgen hat der Kaiser die Reise nach Görlitz angetreten.
— Die kürzlich aufgetauchten Gerüchte über eine im nächsten Jahre geplante Begegnung Kaiser Wilhelms und d^s Zaren aus dänischem Boden werden jetzt auch von englischer Seite bestätigt. Das „Bur. Laffcm" berichtet darüber aus London: Zar Nikolaus wird, wie nach einer Kopmbagener Meldung des „Daily Telegraph" jetzt endgiltig feststeht, im Herbst nächsten Jahres zu längerem Besuche nach Schloß Fredensburg bei Kopenhagen kommen. Gleichzeitig werde Kaiser Wilhelm dort für einige Tage der Gast des Königs von Dänemark sein. Auch König Eduard und Königin Alexandra, sowie viele andere fürstliche Gäste wurden erwartet.
— Beim Staatssekretär des Reichsschatzamtes Frhrn. v. Thielmann fand gestern abend ein parlamentarisches Essen statt, an welchem Abgeordnete fast aller Parteien des Reichstages teilnahmen. Das Hauptgesprächsthema bildete die gestrige Reichstagssitzung. Wie die „B. R. N." melden, wurde von allen Seiten lebhafter Unwille über das Auftreten der Sozialdemokraten geäußert und darin der Niedergang des Parlamentarismus erblickt. Auch auf freisinniger Seite habe man in dieses Verdikt eingestimmt. Der Abgeordnete Spahn babe geftern. dem Reichskanzler Grafen Bülow mitgeteilt, daß bie Einigung unter den Mehrheitsparteien über die geschäftliche Behandlung des Tarifs vollzogen sei.
— Der „Reichsanzeiger" veröffentlicht die Verordnung über die Inkraftsetzung des Gesetzes betreffend die Unfallfürsorge für Gefangene vom 30. Juni. Das Gesetz tritt am 1. April 1903 in vollem Umfange in Kraft.
— Die englische Deputation, welche sich zum Studium der deutschen Arbeiter-Versicherung und unserer Wohlfahrtseinrichtungen in Berlin aushält, wird Mittwochabend vom Staatssekretär Grafen Posadowsky zum Diner geladen.
Ausland.
London, 28. Nov. Ter König von Portugal begab sich heute nach Ehatham, wo er das erste Bataillon
der Oxfordshire Light Jnfantry, deren Ehrenoberst er ist, I besichtigte. Ter König sprach seine Anerkennung über das vortreffliche Aufsehen aus und gedachte der Leistungen in dem schtveren FeloMg in Südafrika. Später kehrte der König nach London zurück.
— Ter Gesundheitszustand Bothas läftt noch viel zu wünschen übrig, sodaß seine Rückreise nach Südafrika auf unbestimmte Zeit verschoben worden ist.
Paris, 28. Nov. Ter Staatsrat erklärte in seiner gestrigen Sitzung, daß die von 74 Bischöfen an das Parlament gesandte Petition eine Bestrafung der Unterzeichner erfordere, weil diese ihre Befugnisse überschritten hätten. Tie Höhe der Strafe sei noch nicht festgestellt, doch dürfte die Regierung sich mit einer Gehaltsspcrre für kurze Zeit begnügen.
Bukarest, 28. Nov. Ter Minister für Ackerbau und Handel, Aurelian, demissionierte aus Gesundheitsrücksichten. Temeter Sturdza übernahm interimistisch das Portefeuille.
Madrid, 28. Nov. In Barcelona fanden neue Unruhen statt. Tie Studenten protestierten gegen die Ministerordre, wonach der Religionsunterricht in spanischer Sprache zu erteilen sei. Tie Gendarmerie drang in die Universität ein. Mehrere Studenten und ein Professor wurden bei den Zusammenstößen mit der Polizei verwundet. Tie Zensur verbietet nähere Details. Die Universität wurde bis auf weiteres geschlossen.
Newyork, 28 .Nov. Ter britische Kteuzer „Cha- rybdis" ist aus Halifax unter versiegelter Ordre abgegangen, anscheinend nach Venezuela. Extravorräte werden in größter Eile eingelegt. — Ter Generalpostmeister der Vereinigten Staaten empfiehlt in einem amtlichen Bericht, Verhandlungen mit Deutschland, Großbritannien und Frankreich zwecks Ermäßigung der postalischen Gebühren anzuknüpfen.
Bombay, 28. Nov. General K i t ch e n e r ist hier eingetroffen, um das Kommando über die indische Armee zu übernehmen.
Aus Stadt und Land.
Gießen, den 29. November 1902.
** Hofnachrichten. Bon unserem rp.-Korrespon- denten wird uns aus Lich telegraphisch gemeldet: Gestern abend um 6 Uhr traf S. K. H. der Groß Herzog mittels Sonderzuges hier ein. Tie Bevölkerung, die Vereine usw. hatten Spalier bis zum Eingang des Schlosses gebildet, wo eine Ehrenpforte errichtet war. Ein Viererzug brachte S. K H. den Großherzvg ins Schloß, wo er vom Stiftsdechant Klingelhöfer empfangen wurde. Am Abend veranstalteten die Vereine und die Zöglinge der Präparandenanstalt einen Fackelzug, dem die Vertreter der Stadt vorangi'ngen. S. K. H. der Gvoßherzog bat die letzteren ins Schloß, um ihnen für den freundlichen Empfang zu danken. — Vorgestern abend fand im Palais am Louisen- platz in Darmstadt, wie wir gestern schon meldeten, ein Hofball statt, an welchem etwa 300 Gäste teilnahmen. Tie „N. H. V." schreiben noch darüber: Unter den glänzenden Toiletten der erschienenen Tamen fielen besonders auf Prinzessin Viktoria, welche ein kostbares Kleid in Vielor aus Moiree antique mit prachtvollem Perlenschmuck und Brillant-Tiadem trug. Ihre Tochter, Prinzeß Alice, eine reizende, jugendliche Erscheinung, sah in einem Kleide aus weißem TüU mit Goldpailletten aus Heckenvosen, um den Hals ein Drillantkettchen mit einem Brillantkreuz
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daran, sehr liebreizend aus. Gräfin Erbach-Schönberg, in schönem dunklem Haar ein strahlendes Brillantdiadem, hatte eine wundervolle Toilette von hellblauem Bandtu nd Goldaimpen angelegt und neben ihr strahlte in heiterer Jugenoschöne ihre Tochter Edda in duftigem Xenia, trug ein hellblaues Chiffonkleid. Die Prinzessin Franz Joseph von Battenberg erschien in blaßblauer, reich mit Silberftittern bestickter Toilette und trug ein eigenartiges Diadem von dicken Korallen, Türkisen und Brillanten dazu im Haar; ihre Schwester, Prinzessin: Xenia, tru geht hellblaues Chiffon kleid. Die Prinzessin von Menburg, eine wunderschöne Erscheinung, trug vos«r Seide, und die Prinzeß Psenburg-Birstein eine blaue Robe.i Prinzessin Alice von Battenberg und Gräfin Edda von Erbach-Schönberg tanzten den Blumenwalzer mit beit Söhnen Sr. Erz. Oberstallmeister M .v. Riedesel. Unter dem eingeladenen Damen zeichneten sich durch besonders geschmackvolle und glänzende Toiletten aus Frau Baronin Luise Schenk zu Schweinsberg, Frau Kraemer und Frau Prinzessin Koudacheff. S. Königs. Hoheit hielt verschiedentlich in liebenswürdigster Weise Cercle.
** Konzert des Akademischen Gesang-Ver» eins. Uns wird geschrieben: Allen Freunden guter Musik wird die hervorragende Aufführung des größten aller Chorwerke, Beethoven's Missa solemnis, durch den Akademischen Gesangverein im Juni d. I. noch in frischer, wohl bleibender, Erinnerung sein. Kein Werk konnte sich dieser grandiosen Tonschöpfung besser, würdiger, anschließen, als das Deutsche Requiem von Johannes Brahms, welches der Akademische Gesangverein für sein am 10. Dezember stattfindendes Winterkonzert aus- gewählt hat, ein Werk, von dem Hauslick sagt: „Seit Bach's H-moll Messe und Beethoven's Missa solemnis ist nichts geschrieben worden, was auf diesem Gebiet sich neben Brahm's Deutsches Requiem zu stellen vermag." Nicht nur als Kunstwerk, auch im Geiste, in dem es gehalten ist, scheint es uns für diese Zeit von dem rührigen Verein und seinem tüchtigen Dirigenten, Hemm G. Trautmann, gut gewählt. Wir haben das Totenfest eben gefeiert und stehen, wenn wir auch der fröhlichen Advents- und Weihnachtszeit ent gegen eilen, noch unter dem Eindruck jener Stimmung, der sich keiner, der einmal einen schweren Verlust erlitten, so bald zu entziehen vermag. Aber wohl jedem, der den Verlust eines teueren Wesens zu betrauern gehabt fjat, verleiht das unvergleichlich schöne Werk wieder Kraft und innere Erhebung. Spricht doch aus diesem Werke, welches bet Komponist auf ben Tod der eigenen, innigst geliebten, Mutter geschrieben hat, bie innigst empfundene Seelenstimmung. Für den Musikkenner ist das> Werk zu bekannt, um hier näher analysiert werden zu müssen, und denen, die es nicht kennen, wird es, auch, ohne nähere Analyse, vermöge der unmittelbaren Wirkung, die es auf jedes Gemüt ausübt, eine Freude und Erbauung bringen. Schon mit der ersten, im April 1868 im Dorn zu Bremen veranstalteten Aufführung hat sich Brahms in die Reihe der ersten Meister aller Zeiten gestellt. Mit den zahlreichen Aufführungen, die das Werk seitdem erfuhr, ist es im besten Sinne populär geworben. Tie Worte hat Brahms selbst bet Bibel entlehnt und sie in einer Reihe feierlicher Betrachtungen über Diesseits unb Jenseits, über menschliches unb himmlisches Leben verwoben, ein Thema, welches er auch in ben weltlichen Chorwerken: „Schicksalslieb", „Nanie", „Gesang ber Parzen" behandelte. Hier im Requiem finben wir biefe Gesunken mit bem ganzen Aufgebot seelischer unb fünfb*
Gießener Theaterverein.
Der Erbförfter.
Trauerspiel in 5 Aufzügen von Otto Ludwig.
Otto Ludwig gehört nicht zu den Ganzgroßen der Poesie; aber er ist vielleicht der bedeutendste Pfadsinder de§ deutschen DramaS. Seit wir eine gute, von Adolf Stern besorgte Ausgabe seiner Werke (Leipzig 1895, F. W. Grünow) besitzen, sehen wir klar, daß er der einzige deutsche Dichter ist, der das gewaltige Erbe Heinrich v. Kleists angetreten und verwaltet hat; er selbst hat bis zu dieser Stunde einen Erben nicht gefunden. Max Halbe schien mir eine Zeitlang dazu berufen, und ich möchte diese Hoffnung auf ben weftpreußischen Poeten immer noch nicht aufgeben.
Die „Waldtragödie" wurde im „tollen" Jahre 1848 LuSgereift," dessen wertvollste poetische Frucht sie ist, sieht man von Jordans kolossalem, aber leider ebenso schwerfälligem „Temiurgos" ab. ' Als sie später unter der Patenschaft von Auerbach'und Freytag zur Aufführung kam, war die Wirkung wie gestern: die beiden ersten Akte waren hinreißend, dann zuckte man mitunter zurück vor den grausigen Vorgängen, unzufriedener aber machte daS Spiel des Zufalls und die „Freischütz "-Romantik.
Was and) Otto Ludwig selbst dagegen sagen mochte (vergleiche die von Stern geschriebene Einleitung zur^Buch- auSgabc): etwas von dem alten Schicksalsdramc^ steckt doch in den Träumen unb Ahnungen der beiden grauen; die Charaktere sind realistisch, nicht die Handlung.
Heinrich Biilthaupt, wohl der vorzüglichste deutsche Dramaturg der Gegenwart, schrieb jüngst in der »Fran s. Ztg." eine seine Replik auf SuberinannS ^arfeS ®end)t u er die Kritiker, das Maxim. Harden in seiner „Zukunft" (vir. 8u. ■) als »schlecht geschrieben" unb auf einem »Hohn herausfordernd
niedrigen Gebankenniveau stehend" zutreffend charakterisierte. Indem Bulthaupt in seiner vornehm sachlichen Art und in tiefgründigen Ausführungen den Berliner Dramatiker abthat, kam er auch auf Ludwigs .herrlichen" Erbförfter zu sprechen unb meinte, baß „bei etwas regerer Intelligenz deS Helden ber tragische Ausgang vermeibbar gewesen wäre." Es scheint, als wollte biefe Bemerkung Bulthaupt auch auf ©übermann bezogen wissen, ber „bei regerer Intelligenz" sich nicht burch mehr ober minder gerechtfertigte Urteile ober leicht vom eigentlichen Thema abweichende, zu seiner Charakteristik aber wesentlich beitragenbe Bemerkungen berufener Kunstkritiker, bie ja schließlich auch Menschen sinb, verletzt gefühlt haben würbe. Doch bies nur nebenbei. In seiner Dramaturgie bes Schauspiels (III. 237) hat sich Bulthaupt boch für ben tragischen Schluß bc§ „Erbförsters" entschieben. Er sagt ba:
„So schwül, so atemverfetzenb ist bie tragische Lust in dem dämmrigen Zimmer des Jägerhauses von Tüstcrwalbe geworben, daß wir ben Schuß als eine Wohlthat empsinben: er zerteilt dies Gebünst, er qiebr unS das Gleichgewicht zurück — er endet das Drama in Wirklichkeit. Wer möchte von dem alten Manne Abschied nehmen mit hundert Fragen auf den Lippen, für die er keine Antwort weiß? Wer möchte sein trostloses Dasein verlängert wissen ? Ter Schuß flieht Gewißheit, unb hat der Dichter uns auch selbst in die Lage gebracht, einen anderen Ausflang flleichfalls für möglich zu halten — einerlei, künstlerisch ist dies der rechte. Ein Trama, das vom Unbeil so gesättigt ist wie dies, durfte nicht wie ein Rührstückchen — es mußte wie eine Tragödie enden."
Dagegen läßt sich doch wohl manches einwenden. Nach der ursprünglichen Ludwig'schen Niederschrift fällt der Vorhang schon nach den Worten: „Wenn wir uns Wiedersehen, bin ich kein Mörder mehr". Mir scheint dieser Schluß weit lebenswahrer und keineswegs rührstückmäßig. Wenn der Dichter, wie er selber sagt, „ein so großer Freund der realistischen Motive war", so hatte er ganz recht, mit einem ober mehreren Fragezeichen das Drama auSflingen zn lassen. Er gab bann eben einen Ausschnitt aus dem Leben jenes
mit Waldlogik behafteten egoistischen Starrkopfes, dessen Ver- standesmangel viel zu groß ist, um ein gar so schwer tragisches Ende als nötig erscheinen zu lassen. Man hat wohl Mitgefühl mit diesem hartköpsigen Hinterwäldler auS längst vergangener Zeit, in ber noch kein bürgerliches Gesetzbuch in einem Volkskommentar für wenige Pfennige in jeher Hütte lag, einem Manne, ber auf seinem Rechtsbegriffe besteht, das nach seiner naiven Waldwelt-Anschauung auch das Recht ber anberen sein muß, einem Manne, besten Weichherzigkeit unb tiefe Religiosität uns rührt; aber bie Katastrophe, bie über ihn hereinbricht unb ihn zermalmt, ist ein viel zu kolossaler Apparat angesichts ber eng begrenzten einfachen unb einfältigen Welt, in ber sich bie Dichtung abspielt.
Vieles an bem Werke scheint uns heute veraltet. Den mobernen Autoren hat man es mit Recht nicht verziehen, wenn sie auf Kosten ber Logik bie Bühnenwirksamkeit in den Vordergrund stellten. Man hat nut Recht bie tragischen Schlußeffekte ber beiben besten Dichtungen ber mobernen beutschen Realistik, von Halbe's „Iugenb" unb Hauptmann's „Fuhrmann Henschel", gefabelt. Aber von echter, vorbilblich'r Realistik ist bie wuchtige, kraftvolle Sprache Ludwigs. — „Seid klug wie die Schlangen, doch ohne Falsch wie die Tauben!" bas ist ber Wahrspruch, der allezeit unb allenthalben Gültigkeit hat in ber Welt, die auch von den Bewirtschaftern ber Güter und Wälder Kompromisse verlangt!
Vom ersten Augenblick an, da Herr Di egelmann aus Frankfurt, der Gast — der übrigens dort in diesen Tagen als Wallenstein reiche Anerkennung erntete — unsere Bühne betrat, standen wir unter dem Banne seiner wuchtigen Persönlichkeit. Wie jedes Wort, jede Geberbe ber sonst noch auf ber Szene Anwesenben sich auf ben Erbförfter als ben Mittelpunkt dieser kleinen Welt bezieht, so fühlten auch wir uns mit zwingender Gewalt zu diesem klaren, reinen Menschen hmgezogen, der — trotz aller geistigen ÄurAhcbt — eine der


