Ausgabe 
29.11.1902 Fünftes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Der Damen-Kegelllub war der Einladung eines im selben Lokal tagenden Herren-Kcgelllubs gefolgt und hatte eine Fahrt nach Grünau unternommen. Tas wurde rasch be­kannt, und bei der Heimkehr fanden die Damen sehr zornige Ehegatten vor, die dem Klnbleben ein schnelles Ende bereiteten.

* Den folgendeninteressanten Brief - tvechscl" teilen Die MünchenerNeuesten Nackr." mit:

1. Wohllöölrches Schultheißenamt in P. ersuche ich ge­ziemend, zum Ächufe der Feststellung der Eterblichkeits- verhältnisie mir gefälligst müteüen zu wollen, wie viel von den dortigen Einwohnern jährlich ungefähr sterben mögen. Mit Achtung rc. rc.

R. . . . den 1. April. Oberamtsarzt Dr. S-

Auf Lorstehendes hat unterzeichnete Stelle zu be- tnerken, baß von den hiesigen Einwohnern, so viel be­kannt, keiner sterben mag. Sich damit re. re.

P den 3. April. T. Schultheißenamt A.

2. Wohllööliches Schultheißenamt in P. scheint meine Anfrage in Letrejs der Sterblichkeit mißverstanden zu haben. Ich wünschte eigentlich zu wissen, wie viele der dortigen Einwohner jähcliu, sterben können, worüber gejälliger Aus­kunst entgegensieht.

R , den 4. April. Oberamtsarzt Tr. S.

Aus Vorstehendes hat das unterfertigte Schultheißen- mnt die Auskunft zu geben, daß von den hiesigen Ein­wohnern möglicherweise alle sterben können. Sich damit rc.

P den 7. April. T. Schultheißenamt A

3. Wohllöbliches Scbultheißenamt in P. toolle gefl. ein­fach hierher berichten, wie viele Der dortigen Einwohner un verflossenen Fahre gestorben sind.

9t .... ., den 8. April. Lberamtsarzt Tr. S.

In fraglicher Sache ist sich an das k. Pfarramt dahier §u wenden, wo derlei,Vorkommnisse aufg.schrieben werden. Sich damit rc

P den 10. Lpril. T. Schultheißenamt A.

4. Königliches Pfarramt in P. erlaube ich mir gefl. um Auskunft darüber zu bitten, wie viele der dortigen Einwohner im vorigen Fahre gestorben sind. Achtungs- vollst rc.

R , den 11. April. Lberamtsarzt Dr. S.

Fm verflossenen Jahre sind hier des Todes verblichen 22 Seelen uno 1 Leineweber.

P den 12. April. T. Pfarramt M. D."

Eingesandt.

(Für Form und Jnha.r ui uu.u u.qer Rubrik stehende» Vtetilei übernimmt die Redaktion dem Publilurn gegenube keinerlei Verantwortung.)

GctrcidcpreiS und Brotpreis.

Zwischen Getreidepreis und Brvtpreis besteht schon feit Fahren ein Mißverhältnis. In Nr. 245, 3. Blatt, des Gieß. Anz.", in der ich über die Fleischnotfrage schreibe, ist auch obige Frage angezogen. Fch frage dort: sind die Geschästsunko,ien der Winner, Bauer, Eetreidehändler in dem Maße gestiegen? Schon aus dieser Frage geht hervor, bay ich nicht Darüber urteile, wem Die Schuld an Dem Mißverhältnis zwischen Getreidepreis und Brot­preis ich nenne auch Die Brötchen Brot in erster Linie zuzuschieben ist, wer am meisten von Dem Verdienst, der zweifellos gemacht wird, einsteckt. Fch habe den Gießener Brotpreis genannt, weil mir der am geläufigsten war. Tie Zahlen, Die ich aus Kassel nannte, wogen ebenso schwer.

Nun ist für die Gießener Barker in Nr. 265, 1. Blatt, ein Helfer eingesprungen. Den ich auf einen Frucht- und MehlichnDler taxiere, und in 9tr. 271, 1. Blatt, Herr Bäaer- mei)tcr Guhr, früher in Gießen, seht in iläin. Ter Schreiber des ersten AriitelS trägt zur Klärung Der Frage, woher das Mißverhältnis zwi,chen Brotpreis und Getreidepreis komme, nur insofern bei, als er sagt, er toi)je, wie sehr ein großer Teil Der hiesigen Bäcter ringen müsse um die Familie ehrlich durchznbringen, unD der Veroindlichkeiren gerecht zu werden. Also mit anderen Worten, die Bauer verdientui nichts. Aber er sagt weiter, daß der damalige Referent im landwirtschaftlichen Verein offenbar über­sehen habe, Daß Der g'ößte Teil Der diesjährigen Ernte, namentlich ini Norden Tiutschlands, be)a,aDigi sei, uno daß in.oige,. n i ^wgget.mc-.l nur bat.,) B.i

Mischung von ru.s.scheni coer an .<>ku-usioem reizen her­zustellen fei. vi.ll-..iuii;;.i)cr ober ru)|i|u;cr tlebrrreicher Weizen fei gc;.aoe um den Zvil von ö.uO Mark tene.r,

als hiesiger kleberarmer Weizen, müsse aber von Den Müllern trotzdem gekauft werden, um einigermaßen back­fähige Mehle Herstellen zu können. Diese Behauptung in Bezug auf den angeblich um den Getreidezoll von 3.50 Mark teureren fremden Weizen ist falsch und irreführend. Tem mit dem Preise des Getreides nicht Vertrauten soll damit gesagt werden: seht, da liegt der Hund begraben, das inländische Getreide ist zwar billig aber schlecht und muß durch den um den Getreidezoll verteuerten aus­ländischen Weizen verbessert werden, um backfähiges Mehl Herstellen zu können, daher das verhältnismäßig teure Brot. Ich sagte, diese Angabe sei falsch und irreführend: Tie Frankfurter Zeitung Nr. 320, 3. Morgenblatt, berichtet aus Duisburg: hiesiger Weizen höchster Preis 15.75 Mark, fremder höchster Preis 17.25 Mark, ferner aus Mannheim: hiesiger Weizen 16.25 Mk., fremder 17.25 Mk., aus Ant­werpen: die Müller kaufen nahezu nichts, sie sind stark überladen und suchen einen Teil ihrer Verkäufe (soll heißen Käufe) abzustoßen. Auch Deutschland sendet viele Auf­träge zu Wiederverkäufen. Unser Markt ist infolge dieser Umstände billiger als die Abladehäfen und jedes normale Geschäft dementsprechend unmöglich. Ter fremde Weizen ist also nicht um Den Zoll von 3.50 Mark teurer als der hiesige, sondern er ist in -Duisburg um 1.50 Mk., und in Mannheim um 1 Mark teurer. Ob das nun durch die bessere Qualität kommt ober durch den Getreidezoll, das muß ausgeknobelt werben.

Herr Bäckermeister Guhr wendet sich gegen mich mit allgemeinen Redensarten. Tie nützen aber nichts zur Auf­klärung der Frage, wie entsteht das Mißverhältnis zwischen Getreidepreis und Brotpreis. Tie Kasseler Tabelle stellt fest, daß speziell bei Weißbrot bei einem Weizenpreis von 23.30 Mk. in den Jahren 1834/58 100 Kilogramm Brötchen 27.28 Mk. kosteten. Tie Differenz zwischen Ge­treidepreis und Brötchenpreis betrug pro 100 Kilogramm nur 4.78 Mk. In den Jahren 1894/98 kostete Weizen 15.46 Ml., 100 Kilogramm Brötchen aber 66.67 Mk., die Differenz zwischen Weizenpreis und Brötchenpreis betrug mithin 51.52 Mk., sta tt 4.78 Mk., und heute ist es nicht besser. Es sind also Die Geschäftsunkosten und Die Ansprüche Der Müller, MehlhanDler unD Backer sehr erheblich gestiegen. Anders läßt sich das doch nicht erklären.

Mir Landwirte nennen nun deshalb die Müller, Mehl- händler und Bäcker nicht gleich Brotverteurer und Brot­wucherer, müssen es uns aber verbitten, diese Schmäh­worte gegen uns anzuwenden, wenn wir bei den sinken­den Gelreidepreisen entsprechenden Schutz erstreben gegen Die Einfuhr ausläiidischen Getreides, das unter ganz an­deren Verhältnissen produziert wird. Bis heute hat der Getreid.zoll das Brot nicht teurer gemacht.

Aus anderes was Herr Guhr schreibt, üoer die Qualität des Gießener Brotes will ick nicht eingehen, lieber den Geschmack läßt sich nicht streiten. Sollte Die Tebatte weiter gehen, so wurde ich mu weiterem Material kommen. Meinen Namen setze ich nicht unter meine Ausführungen, wer ihn erfahren will, wende sich an die Redaktion d. Blattes.

Alliivnlitüts Nachrichten.

Ein Sr ude n ten >i r e i r. ~ic ^iurnnicnschaft der Universität Catania ist in einenStreik" eingetreten. Cs ist ein ganz richtiger Streik. Tie Streikbrecher werden verprügelt, die Profi,soren ausgepsiffen. Auf die Inter­vention des sozialist^^en t'rbgeoidn^t.n Tefelice wurde die Polizei, welche die ä^chschule besetzt hielt, zurückgezogen. Wie man vernimmt, wollen die SiUd-nten den Streit fort» setzen, bis gewisse Examenerleichterungen bewilligt toerben.

Kunst und Wissenschaft.

Der ü 4, u p i). h c j |. a in m e l m u 11 l e r L. Küm­mel in Tarmjlaot, ein geborener Loliarer, konzertierte unlängst in Baden-Baden und in Tarmstadt. Em badisches Biart nennt Herrn k. einenMeister auf seinem Jnstrn- mentc, Das er mit Virtuosität beherrscht, und dem er Die schwierigsten Pa-sagen u;io die gewagtesten Variationen mit spielender Leichtigkeit und verbiu|]ciibcr Sicherheit entlockt." Eine Tarmstudter Liczenjion jagt ungefähr da_- I ci.be uiib fügt hinzu: ,,-ock i,..t H.rr Km.uri.l, eben ic.-ü er ein echter Auiijiier u..o nicht nur c.n .cluih. je ist, jein gciuatagcv l.chn.j^es dul^uU» ui Den icüD,e

...u,.idi.,., ui gefi.o.11eil inniger und zarte, Aufdruck

ihm über alles geht. So floß beim sein ganzes wohl abgerunbeteS Spiel empfindungsvoll und wirtlich packeick dahin, und man fühlte sich ganz in eine poetisä-e und rein musikalische Stimmung gebannt."

Gerhart Hauptmann ist, wie er einem Aus- fraget derM Fr. Pr." nach mitteUte, derU e b e r b r et- tel e i" nicht abgene igt.Terlei", meinte er,gehört nur nicht auf die Bühne, sondern auf das Brettel. Ich habe die Vorstellung in Wolzogen'sBuntem Theater?' erst gesehen, als dasUeberbrettel" schon abgewirtschaftet hatte. Es ist charatteriftisch, daß der Anfang des Uebe> vrettels gleich sein Ende war. Diese Art von Kunst sehe ich imWintergarten", in Varietees ganz gern." Ter Anfrager erwähnte auch das jüngste Vorkommnis in der Berliner Schriftstellerwelt, die Abrechnung, die Suder­mann mit der Berliner Theaterkritik gehalten hat. Hauptmann identifiziert sich nicht mit der Su- dermannschen Antikritik.Es bleibt fxcilich", sagt er,einem unabhängigen Schriftsteller unbenommen, Du Feder zur Abwehr zu ergreifen. Der Dichter soll sich aber um derlei 2EußerliQ)keiteii nicht kümmern und nur seiner Kunst lebe n."

üüsrllg »US dell sLkllbrsawlsrkgistu, Oer ZlaOl

-lusgcbotc.

November. 26. August Karl Lehrmunb, Kupferschmied da­hier, mit Anna Karolinc -Lchopvach in Alsietb. 27. Heinrich Lud­wig Georg Alexander Riehl, Kaufmann dahier, mit Marie Rosalie Ottilie Hedwig Becker in Marburg.

Eheschließungen.

November. 22. Christian Kuhl, Schuhmacher dahier, Emilie Vonderheld hierselbst. 22. Johann Philipp 'Müller, Schreiner dahier, mit EUjabeihe Heuser hierselbsl.. Wilhelm Poth, Maler in Oßenbach a. 2JL, mit Bleta Wllhelmine Katharina Bender hierselbsl.

Geborene.

November. 15. Tem Händler Eduard Battenberg eine Tochter, Johanna. 19. Tem Wirt Ludwig Wagner eine Tochters 20. Tem vacfievenneiiier Georg Bellofs eine Tochter. 20. Tem Eisendreher August Bent eine Tochter. 20. Tem Fuhrmann Georg tieuidach ein Sohn, Karl August. 20. Dem Schneider Heinrich Klos ein Sohn. 21. Tem Bahnwärter Heinrich Lippert eine Tochier, Marie. 21. Dem Hausdurjchcn Hermann Vogel eine Tochter, Klara Mar- gareihe Eliiabety. 23. Dem Kauin-ann Georg Karl Reu eine Tochter. 23. Tem Landbrieüräger Heinrich Schmidt XIV. eine Tochter. 24. Tem Erdarbeiter Simon Hofmann eine Tochier, Marie Margarethe Martha. 25. Tem Taglöhner Johann Vitt Rojenbecker eine Tochter, Elise. 28. Tem Arbeiter Karl Mols Gottwald ein Sohn, Reinhold Ferdinand Gustav.

Gestorbene.

November. 21. Theodor Heinrich Althoff, 72 Jahre alt, Wagenmciiler a. T. dcchier. 22. Älarie Bayer, 38 Jahre alt, Hans, hälterm dahier. 23. Heinrich Lepper, 40 Jahre alt, Schuhmacher- meuter dahier. 23. QJluuia Klein, geb. Boch, 59 Jahre alt, 'binrot des StraßcnincislcrS Philipp Klein dahier. 23. Elijabethe kratz, 2 Jahre alt, Tochter des Fuhrmanns August Kray dahier. 25. Theodor Wallenfels, 2 Jahre alt, Sohn des Kaufmanns August Wallenfels dahier. 25, Johann Friedrich Heyl, 64 Jahre alt, Wirt dahier. 26. Elisabethe Lang, 68 Jahre alt, ohne Berus dahier. 27. Klara Elisabethe Pjeifter, 9 Atonale all, Tochter des TaglöhnerS Johann Pfeiffer dahier.

jUisjui) aus i;rn ßnqrubiichtta irr Staut tbinitn.

Evangelische Gemeinde.

Getaufte. Matthäusgemeinde. Den 23. November. Dem Schuhmacher Ehristian Kuhl eine Tochter, Emilie Rlelme geb. den 26. Ott. Tein Portier Adam Döring eine Tochter, Alane Katharine Margarete, geb. den 5. Oktober. Martusgemeinör. Ten 23. tJlooember. Dem Sattler Franz Peter Borfchbach nnt Tochter, Luise 'Margarete, geb. den 16. Lkt. Em unehelicher Sohn, Hermann, geb. den 12. Oktober. Lukasgemeinde. Tem Kauiinanii August Kröll ein Sohn, Heinrich Julius, geboten den 24. Oktober.

Getraute. Matthäusgemeinde. Den 22. November. Christian Wilhelm Otto Kuhl, Schuhmacher zu Gießen unD limine Vonderhcid, Tochter des au Hau!en bei Gießen verstorbenen Schäfers Heinrich Vonderheid. Johann Philipp 'Müller, Schreiner zu Gießen und Elisabeth Heuser aus Marbnrg. Johannel- gemeinde. Ten 25. November. Wilhelm Poth, Maler zu Offenbach a. M. wid Meta Wilhelmtne Katharina Bender, Tochter des verslorb. Lchuhmachermetsters Georg Bender zu Gießen.

Beerdigte. At a r k u s g e m e l n d e. Den 25. November. Heinrich Lepper, Schuhmachermeister, verheiratet, 41 Jahre alt, Itarb den 23. November. Ten 27. November. Johann Hehl, GasUvirt, em Witiver, 64 Jahre alt, starb den 25. November. Ten 28. Nov. Elliabethe Lang, Privatin, unverheiratet, G9 Jahre all, starb den 26. November. I o h a n n e s g e in c i n d c. 'Dlinni ? ..ein, geb. Boch, Witwe des Slraßemneisters Philipp Klea, u Jahre all, starb den 23. yioDcmbev.

wrnraj- un n ,g<icrw.-. ... , n Fn

Nach einer halben Stunde (7 Uhr) wird die Sitzung wieder eröffnet.

Vicepräfident Büsing: Bevor ich den vorhin unterbrochenen Herrn Redner ersuche, seine Rede fortzusetz'en, kann ich nicht umhin, meinem tiefsten Bedauern darüber Ausdruck zu geben, dah ich ge­zwungen worden bin, von dem geschästsordnungsmäßigen Mittel der Unterbrechung der Sitzung in Folge zu starken Lärmens ein­zelner Mitglieder Gebrauch zu machen. Seit über 31 Jahren tagt der deutsche Reichstag, und es ist das e r st e Mal, daß ein Prä­sident des hohen Hauses gezwungen worden ist, wegen wüster tmnnltuarischer Scenen zu diesem Mlltel zu greifen. Ich kann nur wiederholen, dah das tiefste Bedauern mich ergiffen hat, daß ich gezwungen gewesen bin, von diesem Mittel Gebrauch zu machen. Ich glaube und ich muh der Hoffnung Ausdruck geben, dah das erste und das letzte Mal gewesen sein möge (Beifall), wo ein Präsident dcS HauscS gezwungen ist, von diesem Mittel Gebrauch zu machen. (Erneuter Beifall. Ruf bei den Sozialdemollaten: Da steht er, der daS veranlaht hat!) Ich hoffe, dah daS Gefühl für daS Ansehen und die Würde des deutschen Reichstags in jedem Einzelnen, wer eS auch sei, in diesem hohen Hause, so wach ist, daß ich oder ein Nachfolger von mir niemals gezwungen sein wird, zu diesem äußersten Mittel zu greifen. (Lebhafte Zustimmung.)

Ich ersuche nunmehr den Abg. Bachem, seine Rede fortzusehen. (Rufe bei den Sozialdemokraten: Er soll revozirenl) Ich ersuche nochmals die Herren, ihre Plötze einzunehmen. ES ist unmöglich, saöilich und ruhig zu verhandeln, wenn der Redner dauernd unter­brochen N'ird. (Einige Sozialdemokräten kommen der Aufforderung, die Plätze einzunehmen, nicht nach.) Bitte, meine Herren, folgen Sie jetzt meiner Aufforderung und nehmen Sie Ihre Plätze ein. (Nunmehr begeben sich alle Sozialdemokraten auf ihre Plätze.)

Abg. Bachem begiebt sich nunmehr auf die Tribüne, um seine Rede fortzusetzen. Gleich bei den ersten Worten erhebt sich ein wüster Lärm bei den Sozialdemokraten,, die dem Redner fort« während zurufen: Namen nennen 1 Wir dulden keine Verleum, düngenI Der Redner sieht ein. daß er sich kein Gehör verschaffen kann und verläht die Iri? Jnt mit den Worten: Also das ist die Freiheit der Sozialdemokraten!

Vicepräsident Büsing: Ich sehe zu meinem Bedauern, dah c8 hem Herrn Redner durch den Lärm der äußersten Linken unmöglich

gemacht ist, seine Rede zu beendigen. DaS Wort zur Geschäfts­ordnung hat der Abg. Singer. (Große Unruhe rechts und im Ccnttum.)

Abg. Singer (Soz.): Als vorher von Seiten meiner Freunde und von mir der Abg. Dr. Bachern lebhaft unterbrochen wurde, war cs nicht unsere Absicht, irgendwie dadurch gegen die Anordnun­gen des Präsidenten zu verstoßen (Gelächter und Widerspruch rechts und im Centrum.) ober gar den Präsidenten verletzen zu wollen. Zu diesen Unterbrechungen waren wir gezwungen, weil Herr Bachem hier im Hause Aeußerungcn gemacht hat, die unsere ganze Fraktion auf das Schwerste zu beleidigen in der Lage sind, ohne den Muth zu haben, unS mitzutheilen, von wem die Äeußerungen über unser Berhältniß zu der freisinnigen Vereinigung herrühren und von wem er sie gehört hat. Unsere Unterbrechungen beztveckten nur, ihn zu Mittheilungen hierüber zu veranlassen, und wir würden in dem­selben Augenblick, wo daS geschehen wäre, bte nolhwenbige Ruhe beobachtet haben. Herr Bachem hat seine Mitlheilungen aus bem Hinterhalt gemacht unb eS trotz unserer lebhaften Aufforberung vorgczogen, einen Namen, auf den er sich stützt, nicht zu nennen. (Rufe im Centrum: Tuckerbrief. Bebel hat auch keinen Namen genannt.) Jawohl, er hat eS gethan. Einen Mann, der auS dem Hinterhalte Anschuldigungen vorbringt, ohne sie zu beweisen, den kann ich nicht als einen Ehrenmann anerkennen. (Sehr richtig! links. Lärm im Centrum.) Würde Herr Bachem jetzt seinen Vor- trag mit einer entsprechenden Erklärung fortgesetzt haben, so hätten wir ihn in keinem Falle durch irgend welche Unruhe gestört. Tas ist die Erklärung für unser Vorgehen, unb ich sage Ihnen, wir fühlen unS barin solibarisch, baß wir verlangen, baß der Wahrhell bie Ehre gegeben wird. Wir bewachten den deutschen Reichstag nicht als eine Stätte, in der Verleumdungen ohne Nennung des Ge­währsmannes gegen Mitglieder des HauscS auSgcstreut werden Dürfen. (Zuruf rechts: Tuckerbrief.) Wir haben keine Macht, Herrn Bachem zu zwingen, baß er seine Beschulbigungen beweist, aber bie Macht haben wir unb werben auch später von ihr Gebrauch machen, unS von einem solchen Herrn keine weiteren Vorträge halten zu lasten. (Lebhafter Beifall bei ben Soz.)

Abg. Dr. Bachem: Die nähere Bezeichnung berjemgen Äuße­rungen, auf bie ich hinbeutete, wäre für mich mögl ch gewesen, wenn in bet sonst üblichen Weise nach Schluß ber Sitzung (Lachen bei ben Soz.) ber Abgcorbnete Sintz-r zu mir gekommen wäre unb mich unter vier Augen um nähere Mittheilungcn gebeten hätte. (Erneutes Lachen bei ben Soz^) Nachbcm Sie mich in biefer Weise behanbelt haben, können Sie aoer irgenb eir Entgegenkommen von m-iner Sestc nickt verlangen. (Große Unruhe links.!

Abg. Singer: Nach ben Erfahrunger, bie wir auf biefer Seite

mit Herrn Bachem wiederholt gemacht haben, haben wir keine anlaiiung, eine Unterredung unter vier Augen mit ihm zu pflegen. (Lebhafte Zustimmung unb Beifall links; Unruhe im Gentrum.)

Abg. Lcnzmann (fteis. Vp.) nimmt ben Juristenstanb gegen bie gestern vorn Abg. Ulrich erhobenen Vorwurfe in Schutz. Im Uebn* gen spricht er sich dahin aus, bah ber Antrag Atarborff nicht zulässig sei. Selbst bieNationalzeitung'' schreibt:Mit dem tiefsten Bebauern, ja, wir mästen es au5fprcc6en, mit Empörung er­blicken wir unter biesem Antrag bie Namen Der Abgg. Basfermann, Sattler unb Paasche." (Hört! hört! links.) Die .National- zcitung" belegt also bas Gebahren biefer Führer ber Nanonal- Liberalen mit einem AuSbruck, ber wahrscheinlich vom Präsiden­ten, wenn er hier im Hause gethan würde, gerügt würbe. Der Nattonalzeitung" ist kein AuSbruck scharf genug, um baS Ge­bahren biefer brei Herren zu branbmarlen. (Hort! hort I links.) Dann fährt sie fort:Aber baß Mitglicber ber national ^liberalen Partei zu diesem Versuch beS parlamentarischen StaatsstteichS Hilfe leisten würben, bas hätten wir nimmermehr geglaubt. (Hört! hört! links.) Herr Bastermann hat in Eisenach erklärt, bie Mehrhest bei jetzigen Reichstags seirealtionär bis auf bie Knochen" (Abg. Bebel: Sehr richtiglj unb er hilft biefer Mehrheit bei der Vergewaltigung ber parlamentarischen Berathung?! Der Artikel schließt mit bem Satze: «Diese Herren veranstalten Gedenkfeiern für Bennigsen unb unterzeichnen ben Aufruf zu einem Denkmal für ihn unb sie geben bie erste Voraussetzung befl Konsntutionalil- rnuS preis, besten Befestigung im beutschcn Nationalstaat ber Inhalt von BcnnigsenS politischem Leben war?! (Lebh. Höri! härt! lmkS.) Wenn Bennigsen heute noch lebte, er würbe sich von ihnen lo»- sagen ober sie hätten nun unb nimmer gewagt, einen solchen fl<* schäftSorbnungswibrigen Antrag zu unterzeichnen. (Sehr wahr! links.) Auch baS Centrum könne jetzt deklamiren:

Sel'ger Winbthorst, steige nieber Unb regier im Centum wieber. Laß bei biesen schlechten Zeiten Nur nicht Spahn baS Tenttum leiten!*

(Große Heiterkeit.) Durch solche Manöver nützen bte Herren nur ber Sozialdemokratie, bie hier toieber ihr bekanntes zoologische» Glück hat. (Heiterkeit.)

Hierauf vertagt sich baS HanS.

» o j j a d i 3 j u £ ( t ahn ZI Qusqmiuos) :Qun$t® tion ber Polen 2.) Fortsetzung ber heutigen Berathung.)

Schluß 7 H Uhr.