Nr. 254
Mittwoch, 29. Oktober 1902
152. Jichrg.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS Sonntag?.
Die ,.Gießener Familienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der „hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
Gießener Anzeiger
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Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Unioersitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Ureis Gießen.
Parlamentarische Perhaudlmtge«.
Nachdruck ohne Vereinbarung nichl gestattet.
Deutscher Reichstag.
205. Sitzung vom 28. Oktober.
12 Uhr. Das Haus ist mäßig besetzt.
Am Bundesrathslisch: Graf Posadowsky, von Pod - k i e l s k i u. A. v
Die zweite Berathung des § 1 des Zolltarif-Gesetzes wird bei den M i n i m a l z ö l l e n für Dreh (14,40 Mark für den Doppelccntner) und Fleisch (36, 48 und 96 Mk. pro Doppelcentner) fortgesetzt.
Aüg. Frhr. von Wangenherm (kon,.) beantragt für Vieh Minimalzöllc von 18 Mk. für den Doppelcentner, Fleisch 45, 60, 120 Mk.
Die Sozialdemokraten beantragen überall Zoll- f r e i h e i t.
Abg. Graf Kanitz (kons.): Der Abg. Müller-Sagan ist gestern noch über das hinausgegangen, was der Abg. Bebel neulich über die Thierärzte gesagt hat. Ich möchte demgegenüber aus meiner langen Praxis bestätigen, daß die Vorwürfe gegen den Stand der Thierärzte durchaus unbegründet sind. Mir ist noch kein Fall vorgekommen, wo ein Thierarzt sich durch den Grundbesitzer hat beeinflussen lassen. Bedauerlich ist es, daß Einzelfällc generalisirt werden.
zeugen.
Ich habe schon in der Kommission hcrvorgehoben, daß alle Behauptungen über die Wirkungen der Getreidezölle auf die Gestaltung der Jnlandpreise unzweifelhaft aus der Luft gegriffen sind. Niemand kann Voraussagen, wer den Zoll bei dem Getreide zu tragen haben wird, Niemand kann Voraussagen, wie in Folge des Gctrelde- zolls einerseits die Entwickelung des inneren Getreidebaus sein wird und von welchem Einfluß die Entwickelung jener Lander sein wird, wo noch tausende Quadratmeilen dem Getreidebau erschlossen werden können. Man kann von den Getreidezöllen nicht immer behaupten, sie verhinderten ein weiteres Sinken der Preise und sie bildeten den Unterschied zwischen dem Inland- und dem Weltmarktpreis^ Das Entscheidende für die Gestaltung der Getreideverhaltnisse auch im Jnlande ist und bleibt immer der Weltmarktpreis. Nun ist es mir einmal sehr verübelt worden, daß ich mich m der Kommission auf die Ansicht eines sozialdemokratischen Schriftstellers berufen habe. Solche Angriffe lassen mich vollkommen kalt. Ich gehöre nicht zu denjenigen, die sich auf den Standpunkt stellen, daß der Gegner mit seinen Behauptungen a priori Unrecht hat. Wenn man sich in dieser Weise von der Parteileidenschaft blenden läßt, dann ist man nicht mehr unparteiisch. Ich nehme darum auch heute keinen Anstand, mich wieder auf einen sozialdemokratischen Schriftsteller zu beziehen Und zwar ist es diesmal der sozialdemokratische Abg. Schippet Schippei stellte fest, daß kein Zoll im Stande gewesen ist, das Sinken der Getrcidepreise zu verhindern. (Hört, hört!) ,Er belegt es durch eine zahlenmäßige Aufstellung, daß alle deutschen Getreidezolle einschließlich des Fünfmarkzolls das Sinken der Getrcidepreise nicht verhindert haben (hört, hört! rechts): er macht besonders aufmerksam auf das empfindliche Hcrabgleiten der Preise in den achtziger Jahren und fügt hinzu, ohne Zölle hätte man vielleicht schon damals von einer Katastrophe sprechen können (hort, hort! rechts), der tiefste Eindruck der neuen internationalen Konkurrenz haue sich aber in den neunziger Jahren geltend gemacht. (Hört, hört! rechts ) Wenn ich solche Worte aus dem Munde eines konservativen Schriftstellers zitirt hätte, wurde man sicher seine Glaubwurd'gkmt bestritten haben (sehr richtig! rechts), nun, meine Herren, darum habe ich einen solchen Schriftsteller zitirt, der zu einer Partei gehört, die eiitschieden alle Gctrcidezölle bekämpft.
Wenn auch der Zoll gestiegen ist, so ist doch in derselben Zeit, nämlich seit 1879, die Fracht von Chicago nach Southampton um 34 Mark gesunken. Es soll also dem Landwirtbe durch die erhöhten Zölle im Wege des Ausgleichs nur ba§ gewährt werden, was er früher gehabt hat. Ich gestehe ohne Weiteres zu, daß ben Land- wirthen auch ohnedies oeholfen gewesen wäre, wenn sie 400 000 Arbeiter mehr zur Verfügung gehabt hätten; dann aber liegt za gerade der circulus vitiosus, daß in den Zeiten, wo die Industrie mißerodentlich blüht, der Rückschlag auf die Landwirthschaft fallt, denn die Arbeiter wandern in solchen Zeiten vom Lande in die Jndustriecentren au§ und die Landwirthschaft findet dann überhaupt keine Arbeiter. (Sehr richtig! rechts.)
In einer Reihe von Provinzen und besonders in Schlesien war eine Roth an Arbeitskräften, die einem geradezu das Herz brechen konnte, wenn man sie sah. Ganz unzweifelhaft steht fest, daß nut einem rapiden Aufschwung der Industrie ein Rückschlag für die Landwirthschaft verbunden ist, und cs wird vielleicht nicht die Zustimmung auf der rechten Seite des Hauses finden, aber trotzdem halte ich es für wahr: Kein polizeiliches Mittel kann auf die Dauer dazu führen, die landwirthschaftlichcn Arbeiter auf dem Lande zu halten. (Sehr richtig! links.) Sie können sie nur dann auf dem Lande halten, wenn Sie ihnen die gleichen Existenzbedingungen geben, wie in den Städten. (Zustimmung links.) Also, bei allen diesen Debatten bewegen wir uns in einem circulus vitiosus. Auf der einen Seite fordert man mit Recht, daß mit der Zeit auch die arbeitenden Klassen an dem wachsenden Wohlstand der höheren l Klassen theilnehmen und ihren Standard of lifc verbessern. Jeder verständige Mann muß das im Interesse der Kultur wünschen und : mit allen Mitteln befördern. Aber das gleichzeitige Klagen über : zu hohe Preise steht damit im Widerspruch. Hohe Leutclöbne und niedrige Preise sind zwei Dinge, die sich absolut ausschlicßen und i die zum Bankerott jedes Grundbesitzers führen müssen, auch wenn i er noch so billig gekauft hat. In ganz ungeheurem Maße sind in
nützen. Sic nützt nur den Junkern. Ich weiß aber nicht, ob der deutsche Reichstag cs verantworten kann, zu Gunsten einer Kaste, in deren Territorien noch halbasiatische Zustände herrschen (Unruhe rechts) — wie ja der Prozeß in Trakehnen gezeigt hat (Lärm rechts) —, dem deutschen Volte das Brod und das Fleisch zu ver- theuern. Thun Sie es immerhin, aber sprechen Sie dabei nicht von Gerechtigkeit, von Religion und Christcnthum! (Sehr gut! bei den Sozialdemokraten. Unruhe rechts.) Die Herren von der Rechten wenden immer den alten Kniff an, uns als Gegner der Landwirthschaft zu dcnunziren, weil wir nicht die Taschen der Junker füllen wollen. Wir sollen überhaupt Feinde der bestehenden Gesellschaft, der Verfassung u. s. w. fein! Der Zolltarif ist den Herren so ungefähr identisch mit der göttlichen Wcltordnung. Besonders charakteristisch ist die Wandlung des Centrums, das früher in seinem AVC-Buch versprach, bei der Aenderung des Zolltarifs die Bedarfsartikel der ärmeren Bevölkerung zu entlasten (Hört hört'), und jetzt munter die denkbar höchsten Zölle auf diese Artikel legen will. Ja, unsere Agrarier können Alles verlangen, was ihnen cinfällt. Wie können wir denn erwarten, daß man sich um die Verhältnisse der Arbeiterklasse kümmert? Von unserem wundersamen Landwirthschaftsministcr kann man das nicht verlangen, da er ja in seinem eigenen Ressort nicht Bescheid weiß. Er hat ja wichtigere Angelegenheiten zu besorgen; er hat dafür zu sorgen, daß auf gewissen Gütern keine Milchvantscherci getrieben wird, daß mindesten» j hei Kaiserrcisen der Schweinebraten nicht fehlt, weil das dem Heimathsgefühl Abbruch thut. (Heiterkeit links.) Da ist es kein Wunder, wenn tr von der Flcischnoth nichts weig! Wo kann er noch die Zeit haben, sich die amtlichen Berichte der Städte über die Schlachtungen anzuschen? Redner verliest die Namen von 42 Städten, aus deren Berichten sich zur Evidenz der Mangel an schlachtbarem Vieh ergicbt. Ucberall Mangel an Rindvieh, überall Zunahme der Pferdeschlachtungen! Die Agrarier wollen das "icht wahr haben, und das Centrum macht das alles mit Senjraiaöcn
haben natürlich nur die Arbeiter. Es ist Zeit, daß den katholuchcn Arbeitern, die jetzt noch die Gefolgschaft des CentrumS bilden, die Augen aufgchen über die Arbeiterfteundlichkeit des letzteren. Das Verhalten des Centrums zum Zolltarif wirkt unter den Arbeitern aufklärcndcr, als jahrzehntelange Agitation In den chrnilicken Gewerkschaften gährt eS: die katholischen Arbeiter sehen allmählich ein, worum es sich bei der ganzen Aktion handelt. Sie werden zur Sozialdemokratie kommen müssen, da wir die einzige Panci sind, die für feine Verthcuerung der Lebensmittel, gleichviel, ob nach Art der Negierung, oder nach Art der Kommission, zu haben find.
i (Lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten.)
Staatssekretär Gras v. Posadowsky. Der Herr Sorrebner hat eine Behauptung aufgestellt, die ich aus sachlichen Gründen nicht I cianz unbeantwortet lassen kann, wenngleich es mir aus pchchologi- schen Gründen sehr zweifelhaft ist, ob bei der Stimmung des HauseS sachliche Gründe überhaupt noch geeignet sind, Jemand zu über
fahr nicht ausschließen. Wie groß aber die Gefahr ist, das erhellt aus der einen Thatsachc. daß in Oesterreich-Ungarn zu Anfang 1902 1779 und im Oktober bereits 2110 Gehöfte allein durch Schweinepest verseucht waren. Eine laxere Auffassung hier ein- treten zu lassen, ist um so weniger am Platze, als Deutschland in nicht zu ferner Zeit, ich möchte sagen, in allernächster Zeit, in der Lage sein wird, das eigene Bedürfniß nach Schweinefleisch in vollem Umfange selbst zu beliebigen. Der deutsche Landwirth ist seit Jahrzehnten bestrebt, sich die Errungenschaften der landwirth- schaftlichen Technik auf jedem Gebiete zu eigen zu machen. Seitdem die Männer der Wissenschaft sich seiner angenommen haben, befindet er sich auf einem andauernd fortschrittlichen Gebiete, man darf von ihm nicht mehr sagen, daß er rückständig oder ein „dummer Bauer" fei. Wenn gleichwohl sich die Landwirthschaft in einer gewissen Nothlage befindet, dann begreife ich nicht, wie man behaupten kann, daß man an den jetzt bestehenden Zollsätzen nichts ändern dürfe und auf ihrer Grundlage Handelsverträge abschließen müsse. Wenn man anerkennt, daß in den letzten zehn Jahren des bestehenden Tarifs sich die wirthschaftlichen Verhältnisse auf den verschiedensten Gebieten geändert haben, bann muß man doch auch anerkennen, daß diese Aenderungen bei der Neugestaltung des Zolltarifs in Rücksicht gezogen werden müssen. Hier handelt es sich nicht um ein Interesse des Großgrundbesitzes, sondern um em Interesse, das der gesammten deutschen Landwirthschaft gemeinsam ist. Entschiedene Verwahrung mutz ich gegen die Behauptung der „Deutschen Tageszeitung" einlegen, datz ich nur insoweit für die Erhöhung der Viehzölle ein trete, wie es der Reichskanzler erlaube. Ich bedarf keiner Erlaubnitz des Reichskanzlers, ich bin ein unabhängiger Mann und trete aus innerster Ueberzeugung für die Regierungsvorlage ein. .
Der Zolltarif läßt sich vergleichen mit einem schweren Gewitter. Hüben und drüben zündende Blitze und rollender Donner! Ich hoffe aber, der wahre Patriotismus, der stets bestrebt ist, berechtigte Einzelinteressen gebührend zu berücksichtigen, dem das allgemeine Wohl Alldeutschlands am höchsten steht, wird sich auch demnächst bewähren als ein Blitzableiter in dem schweren Wetter. Ich hoffe, wir werden, wenn nicht in diesem, dann im nächsten Reichstage zu einem Zolltarif gelangen, der sich als ein befruchtender Regen erweisen wird, nicht nur für die deutsche Landwirthschaft, sondern für das ganze deutsche Vaterland. (Beifall bei den National- Liberalen.)
Abg. Dr. Zwick (freif. Vp.): Auch wir sind dafür, daß dort, i wo nahe der Grenze eine Gefahr der Seucheneinfchleppung besteht, 1 — daß dort die Grenze gesperrt bleibt, aber wir wollen nicht, daß bei jeder Fleischeinfuhr erst der Nachweis erbracht werden soll, daß das ganze Ursprungsland seuchenfrei ist, denn damit wird über- , Haupt jede Einfuhr so gut wie ausgeschlossen. _ Wir wollen aber, daß ( an den Stellen, die nachgewiesenermaßen vollständig seuchenfrei sind, die Grenzsperre aufgehoben wird. Sie sagen: billiges Brod, billiges Fleisch, hohe Löhne, all das zusammen läßt sich nicht erreichen. Gewiß, aber manches davon läßt sich doch erreichen, wenn wir günstige Handelsverträge haben. Haben wir sie, bann ist die Stetigkeit und Gleichmäßigkeit unseres ganzen Erwerbslebens gesichert, dann blühen Industrie und Handel, dann profitiren auch die Arbeiter davon. Schließlich hat auch die Landwirthschaft den Nutzen davon, denn ohne konsumfähige Arbeiterbevölkerung kann sie sich doch nicht rentiren. Sie (nach rechts) dagegen bewegen sich in einem circulus vitiosus. Sie wollen die Viehzucht, aber gleichzeitig beschließen Sie die Zölle auf Futtermittel. Dadurch machen Sie jene Steigerung doch wieder illusorisch. Auch die Viehzölle selbst liegen durchaus nicht immer im Interesse der Viehproduzenten. Ich muß da Herrn Dr. Semler ganz und gar widersprechen. Aus dem Oldenburgischen z. B. weiß ich, daß die dortigen Viehzüchter für die Viehzölle nicht sonderlich begeistert sind. Nämlich: ihren eigenen Fleischbedars decken sie durch importirtes Fleisch, während sie das von ihnen gezüchtete Vieh verkaufen. Es ist da sehr zweifelhaft, ob sie mit Zöllen ober ohne solche besser fahren. Rebner ergeht sich bann in längeren Ausführungen über bas Verbot bes mit Borsäure präparirten Fleisches. Es stäuben in biefer Frage zwei An- djaunugen einanber gegenüber. Die wissenschaftlichen Autoritäten eien von ber Ansicht, baß bie Borsäure-Präparate gesuubhetts- chäblich seien, gänzlich zurückgekommen. Rcbner erwähnt unb erläutert eine große Reihe von Versuchen unb Gutachten in biefer Materie. Den Versuchsthieren wäre ber Boxax u. s. w. immer sehr gut bekommen. Es liege also gar kein Anlaß vor, dieses präparirtc Fleisch den Menschen zu entziehen.
Abg. Segitz (Soz.): Es wird wirklich schwer, nach den hier gehörten Reden sich eine objektive Meinung über die Landwirthschaft zu bilden. Nach dem einen Redner geht cs ihr ganz gut, nach dem anderen miserabel. Unb bie Mittel, bie vorgeschlagen werben, find von einander so verschieden wie möglich. Der Abg. Graf Kanch hat bie Aufhebung ber kommunalen Schlachtsteuern verlangt. Die Rechte selbst hat aber in ber Kommission zum Theil bagegen gestimmt, vorwicaenb aus bem Grunde, weil derartige Beschliissc nicht in die Kompetenz des Reichs gehören. Immerhin ist diese Anregung sehr beachteuswerth. Der Abg. Graf Kanitz hat zum Beweise dafür, daß eine Fleischtheuerung nicht existirt, auf die amerikanischen Fleischpreise hingewiesen. Ja, verschaffen Sie dem deutschen Arbeiter bie amerikanischen Löhne, bann wirb er auch bie amerikanischen Fleischpreisc bezahlen kö.men. Aber Sie sind wohl für Minimalpreife für Lanbwirthschaftsprobukte, aber nicht für Minimallöhne für Arbeiter.
Herr Kollege Spahn hat bie Hoffnung ausgedruckt, daß immer noch eine Verständigung in Bezug auf den Tarif zu Stande kommt; er meint sogar, diese werbe auf Grund der Kommisfionsbeschluste ' erfolgen. Nun, das wird wohl unmöglich fein, nach den be- : stimmten Erklärungen ber Regierung. Dagegen wird das Centrum : sich schon zur Regierungsvorlage zurückbekehren. Allerdings wird . es jetzt nicht Umfallen, sondern erst nach den Wahlen Vor den . Wahlen kann das Ccntrum einen Umfall wegen seiner Wähler nicht ; riskiren Es ist also die Weiterberalhung zunächst völlig zwecklos, : was soll denn diese ganze Rederei? (Zurufe rechts: Allerdings!) llna werden Sie, falls überhaupt toeitcrberatficn wird, nicht ’ hindern können, für eine gründliche Durchberathung Sorge zu tragen Sie möchten uns ftcilich mit Gewalt daran hindern. Von Seiten des Centrums ist ja bereits, wie die „National-Zeitung' mitgetheilt hat, an die National-Liberalen bie Anfrage gerichtet worden ob sie für eine Aenberung ber Geschaftsorbnung zu haben seien. (Hört, hört!) So schnell geht eine Aenberung ber Geschäftsordnung nicht, meine Herren vom Centrum bas haben Sie ja auch in ber bairischen Kammer beim Antrag Aichbichler gesehen. Also machen Sie bem grausamen Spiel ein Enbe! Losen Sie den Reichstag auf. Kurios ist es, baß ein Centrumsredner gemeint hat, die Minbestzölle wären nickt nöthig, wenn wir noch ben pursten Bismarck hätten. Dieses rührenbe Vertrauen zu Bismarck ist auch eines ber vielen Symptome für bie tiefgreifenbe Wanblung innerhalb der Centrumspartei. Dieses Vertrauen ist aber 'n diesem o-atte gänzlich ungerechtfertigt. Das hat ja bte Haltung des Abg. Fürst Bismarck in ber Kommission gezeigt. (Zuruf reckts: Jrrthrnn!)
Die Zollerhöhung erfolgt auf Kosten ber Industrie, mrf Kosten der Arbeiter, ohne der kleinen und mittleren Landwirthschaft zu
Was die theuren Fleischpreise betrifft, so möchte ich in erster Linie bie Grotzstäbte ersuchen, bie Schlachtstcuer da, wo sie noch besteht, aufzuheben. In Breslau hat sich ber Oberbürgermeister Benber, ber sich zur freisinnigen Volkspartei rechnet, energisch gegen bie Aufhebung ber Schlachtstcuer getoanbt, er bezeichnete" bie sozialdemokratische Agitation bafür als das Aergstc, was ihm an politischer Brunnenvergiftung vorgekommen sei, unb in ähnlichem Sinne äußerte sich unter lebhaftem Beifall ber Stabtverorbneten- Versammlung ein freisinniger Stadtverorbneter. Die Steigerung der Fleischpreise ist verhältnißmähig gering, sie sinb in Berlin von 1881 bis jetzt von 106 auf 119 Mk. gestiegen. Was bedeutet das gegenüber den hohen Ausgaben, die der Landwirthschaft aus ben sozialpolitischen Gesetzen erwachsen! In München ist fest- gestellt, batz bie Viehkommissionäre an ben hohen Fleischpreiscn schuld sind. Werfen wir nun einen Blick auf den Weltmarkt, so finden wir, daß England ber größte Abnehmer ist. Der Einfuhr- werth von Fleisch nach Englanb beträgt 1025 Millionen Mark. Australien, dessen Rindviehproduktion im Vcrhältniß siebenmal so groß ist als die unsrige, hat in Folge der Dürre im letzten Jahre nicht mehr so viel ausführen können, unb England ist auf bic Zufuhr aus anberen Länbcrn angewiesen. Die Preise ber anberen Länber sinb aber weit höher als bei uns. Amerika behält seine guten Maaren für sich, die schlechten unb beworbenen werben nach einem bestimmten Rezept behanbelt unb uns geliefert. Da liegt doch wahrlich kein Grund vor, ben Amerikanern durch Zollerlcichtc- rung zu Hilfe zu kommen. Die Oeffnung ber Grenzen hat keinen Zweck; allerbings würde bann etwas mehr Fleisch zu uns lammen, aber bann hätten wir bie Gefahr ber Verseuchung, deren Bekämpfung so hohe Kosten verursachen würde, daß die Preise noch viel weiter steigen würden. Herr Bebel sagt, an ben Fleischpreisen hat ber kleine Bauer kein Interesse. An den Getreidepreisen soll er auch kein Interesse haben. Ja, woran hat er beim eigentlich Interesse? Wovon lebt er denn eigentlich? Man mutz doch bedenken, datz, wenn dem Landarbeiter in Folge ber Seuche ein Schwein stirbt, bies für ihn ben Verlust vieler Arbeitstage be- beutet. Man verweist auf Dänemark, wo kein Zoll besteht, aber man beult nicht an bie rabikale Viehsperre, die Dort burchgeführt ist. Bei einer solchen Vichsperre hat boch ein Zoll gar keinen Zweck und würbe auch nicht einen Pfennig einbringen. Man darf auch nicht außer Acht lassen, baß bie bänischc Butter allmählich die deutsche vom englischen Markt verdrängt hat, wodurch der Land- wirthschaft wieder ein großer Schaden erwächst. Die Herren von der Linken verlangen billiges Brod, billiges Fleisch und hohen Lohn für bie Jnbustricarbciter. Alle biese bret Wünsche sinb zu gleicher Zeit unerfüllbar. (Sehr richtig! rechts.) Ich kann aus der letzten Rede des Reichskanzlers nicht Alles unterschreiben, aber der Satz ist zweifellos richtig, daß es dem Arbeiter in erster Lime auf einen sicheren Verdienst ankommt. Der heimische Markt wird in kurzer Zeit das Hauptabsatzgebiet unserer Industrie sein. Thun Sie das Ihre, damit auch dem Landmann ber heimliche Markt gesichert wird. Nur so wirb bic brennenbe Fleischfrage gelöst werben. (Beifall rechts unb im Genirum.)
Abg Tcpkcn (nat.-lib ): Meine Freunde sind im Allgemeinen gegen die Bindung der Vieh- und Fleischzölle. Die Regierungsvorlage sieht höhere Getreide- unb höhere Vichzolle als bisher vor, unb sie bezweckt eine Binbung ber Getreibezälle. Der Grunb bafür liegt darin, daß bie Probutte bes Ackers unter ber er- drückcnbcn Konkurrenz des Auslanbes leiben und andererseits, daß bic Probuttionskosten erheblich gestiegen sinb. Anbers bet den Produkten ber Viehzucht, wo bic Preise feit Jahrzehnten in einer Steigerung begriffen sinb. Es ist nicht außer Acht zu lasten, batz vor etwa drei Jahrzehnten die Viehproduktion m Deutschland noch ganz andere Bahnen wandelte, als heute. Vor 30 Jahren war Deutschland noch thcilwcise ein Vieh exportirenbes Land. Nach England ging sehr viel deutsches Vieh und für deutsche Schafe war Frankreich der beste Abnehmer. Heute ist das anders geworden Ferner diente die Nindviehzucht vor etwa 30 Jahren noch im Wesentlichen der Fleischproduktion, heute bient sie ber Milch- unb Fleischprobuktion unb zwar in erster Lime ber Milch - probuktion. Wie ftühcr in der Fleischversorgung das Rindvieh bominirte, so bominiren heute die Schweine. Die Ursache vieler letzten Erscheinung liegt darin, datz bas praparirte Rinbfleisch nicht mehr ben Anklang fiiibct wie ftühcr In früheren Jahren war cs tm bäuerlichen Betriebe üblich, im Herbst einige Stuck Großvieh zu schlachten unb bann bis zum Sommer davon zu leben Der Haup gründ für den Rückgang des Rind leischkonsums und die Steigerung des Schweinefleischkonsums ist aber die Abwanderung ber Arbeiter vom platten Lande in bie Snbuftriecentren DicLanb- arbeitcr hatten schon früher bic Gewohnheit wesentlich Schweinefleisch zu verzehren, unb zwar basienige, bas sie selbst probuzirten, unb sie blieben bei biefer Gewohnheit auch noch, alSiieinbxeQitabte abtoanberten. Ucberbies weiß d'e Hausfrau des Arbeiters ehr wobl bnü wenn sic für bastelbe Gelb Rinbfletzch ober Schweine- B lauft fk mH Schw-m°fl-isch erheblich weiter tommt. Datz bie Schweinepreise in ben letzten Jahren weientlich gestiegen sind, liegt zum Theil auch daran, datz sie zeitweilig so Suruckge- ganacn toa?en, datz bas Fleisch mckst mehr mit, Gewinn von ber Landwirthschaft produzirt werden konnte und daher die Probuktion abnahm. Die Grenzsperre hat auf die Erhöhung des ^-chw inc- fleisches fast leinen Einfluß gehabt. Seit dem 1 Jmruar 1896 sind die Bestimmungen über Die Zulassung über f verändert worden, und gerade m diesen '^bren ist die Preissteigerung eingetreten. Datz laxere Bestimm^ sollen
in Betreff der Zulassung von Schweinen r die Grenze, wurde ich für eine große Gefahr für unsere Dwlstcpande halten, uist) mrch die sofortige Wschlachtung in ben Schlachthäusern würbe biese Ge-


