Ausgabe 
27.5.1902 Zweites Blatt
 
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Das Liese Steuer mrSmacht, zeigte Redner an einem Aalle. In Dortmund war ein Stack Land für wenige tausend Mark gekauft worden. Eine Straße wurde durch- gesuhrt, sodaß die Stadt das Terrain haben mußte und nun verlangte der Besitzer 500000 Mk. An Steuern hatte er, da das Gelände nutzt bebaut war, kaum 3 Mk. zu zahlen. Da wurde die Steuer nach dem gemeinen Wert eingeführt/ und nun hatte er statt 3 Mk. deren 1000 W. zu zahlen. Das ist ganz gerecht, wenn man bedenkt, daß, ohne daß er mir die Hand gerührt hätte, auf Kosten der Gemeinde sein Besitztum das Zehnfache im Werte gestiegen war.

Besser noch ist die Zuw ach s st eu e r. Wenn jemand Gelände verkauft und gewinnt dabei, d. h. ohne daß die Steigerung im Werte des Geländes durch seine Arbeit ver­anlaßt ist, soll er einen Prozentsatz des unverdient ge­wonnenen Geldes abliefern. Das Reichsmarineamt hat diese Steuer angenommen und führt sie überall da durch, wo sie oberste Behörde ist, indem sie diese Steuer als Rechtsgrund- satz proklamiert. In Kiautschou ist die Steuer vom gemeinen Werte und der Zusatzsteuer in Geltung. Keinerlei Steuern oder Zölle werden dort erhoben, aber 6 Pwz. des gemeinen Wertes des Bodens und 33Vs Proz. des Mehr- ertrags beim Verkauf müssen gezahlt werden. Letzteres gilt nicht für Wertsteigerungen, die durch die Arbeit des Besitzers veranlaßt sind, sondern nur für die, die ohne sein Zuthun zu stände gekommen sind. Jedes Schiff, das dort mehr anläuft, jede Kulturarbeit, die dort verrichtet wird, steigert den Wert des Bodens auf Kosten des Nationalver­mögens, und diese Wertsteigerung soll dann auch der Ge­samtheit zu gute kommen. Als Admiral v .Tirpitz zum ersten Male die Angelegenheit dem Reichstage vortrug, waren sämtliche Parteien einig in der Anerkennung des Vorschlags.

Am besten ist es, wenn die Gemeinde Grund und Boden selbst erwirbt. Nach dem Erbbaurecht behält dann die Stadt den Boden, und der betr. Bewohner zahlt ihr eine bestimmte Rente. Nach diesem Plane sind gegenwärtig in Frankfurt 6700 Häuser in Arbeit, desgl. in Halle, Hamburg u. a. St.

Zum Schlüsse gedachte der Redner des Bundes der deut­schen Bodenreformer und der Ziele, die er verfolgt, und regte an, .«uch in Gießen eine Ortsgruppe zu bilden. , Der Beitrag beträgt 3 Mk. pro Halbjahr, dafür erhält jedes Mitglied die national-sozialen Schriften und sonstige Publi­kationen.

In der Debatte wurde die Frage erörtert, ob denn eine hohe Besteuerung des Bodens diesen noch teurer mache. Der Redner beantwortete die Frage dahin, daß das nicht der Fall sei. Je höher die Steuer ist, desto geringer ist bie; Rentabilität des Bodens, weil die Steuer den Grundeigen­tümer selbst trifft, ohne aus den Mieter abgewälzt werden zu können.

Dann teilte Bürgermeister Mecum mit, daß er sich schon lange mit diesen Fragen beschäftige. Mehrere große Geländekomplexe beabsichtige er, im Er b- 6 au re ch t zu vergeben. Zugleich sei die Errichtung einer städtischen Hypothekenbank in Erwägung ge­zogen, um event. das Baugeld vorzuschießen, und zwar sollte das in Ratenzahlungen geschehen, um den Bauhandwerkern ihren Verdienst zu sichern. Tie Aus­führungen Mecums wurden mit großem Beifall ausge­nommen.

In die Liste zur Bildung einer Ortsgruppe des' Bundes deutscher Bodenresormer trugen sich 14 Teilnehmer ein. Es wurde ein' Ausschuß zur Erledigung der Vorarbeiten gewählt, der ans folgenden 4 Herren besteht: Geh. Rat Pros. Dr. Siebeck, Herr Fourier, Dr. Bogt, Prof. Dr. Eollin. Um darzulegen, daß die Bestrebungen des Bundes .licht Bestrebungen einer einzelnen Partei sind, wurde aus Rat des Vortragenden bei der Wahl des Ausschusses daraus Be­dacht ig-enoinmen, möglichst Mitglieder verschiedener Par­teien zu wählen.

Aus Stadt und Kund.

Gießen, 27. Mai 1902.

* Auszeichnung. Der Groß Herzog hat bem Geh. Kommerzienrat Römheld zu Mainz das Ritterkreuz 1. Klasse mit der Krone des Verdienstordens Philipps des Großmütigen verliehen.

* * Ernennung. Der Großherzog hat den Haupt­steueramtsassistenten bei dem Hauptsteueranlt Darmstadt Wil­helm Wämser (nicht Worniser, wie es in unserer gestrigen Nummer hieß. D. Red.) zum Steuereinnehmer des Steuer­amts Stockheim ernannt.

Heinrich Eurschmann f. Kurz vor Redaktionsschluß erfahren wir, daß Herr Lehrer i. P. Heinrich Eurschmann, ein in den weitesten Kreisen beliebter und geachteter Bürger unserer Stadt, heute Morgen im Alter von 83 Jahren ge­storben ist. Eurschmann hat sich besonders bei den Be­strebungen zur Herbeiführung eines größeren Schulzes unserer Tierwelt in hervorragender Weise ausgezeichnet. Weiter ist seine segensreiche Thätigkeit auf dem Gebiet der Armenpflege hervorzuheben. DieCurschmannstiftung", die alljährlich einer größeren Anzahl armer Kinder eine Weih­nachtsfreude bereitet, ist ja allgemein bekannt. Der Heim­gegangene ist in Rheinhessen geboren und wirkte lange Jahre als Lehrer an der hiesigen Erweiterten Mäd- chenschule. Sein Leben ist nicht ohne manche schwere Prüfung geblieben. Bereits vor etwa zwanzig Jahren ist ihm die geliebte Gattin im Tode vorangegangen und auch den einen seiner beiden Söhne, der zunächst am hiesigen Gymnasium Lehrer war und dann die Augustmer­schule in Friedberg leitete, mußte er zu Grabe geleiten. Sein anderer Sohn schlug die ärztliche Laufbahn ein und ist ein in Fachkreisen geschützter Arzt. Unser neuer Magistratsassessor ist ein Enkel des Verewigten.

** Der AheiN'MaiN'Glistwirte-Verband hält in diesen Tagen seinen 19. Delegiertentag in unserer Stadt ab. Aus diesem Anlaß tragen die städtischen Gebäude und eine große Anzahl von Privatgebäuden Flaggenschmuck. Der Delegiertentag wurde gestern durch eine interne Sitzung eröffnet, in der hauptsächlich über den Vertrag des Verbandes mit der Ge­sellschaftAuguste-Vietoria-Sprudel" betr. Kohlensäurelieferung verhandelt wurde. Schon an dieser Sitzung nahmen mehr als 70 Delegierte teil, die aus allen Teilen des Rhein-Main- Gaues erschienen sind. Sogar aus Straßburg ist ein Ver­treter anwesend. Eine noch größere Anzahl von Delegierten dürfte heute zu den Hauptverhandlungen eintreffen. Abends sand ini Saale des Hotel Einhorn ein Begrüßungskonimers statt. Herr Jaskowsky eröffnete ihn mit einer sehr bei­

fällig aufgenommenen Ansprache, in der er die Erschienenen herzlich willkommen hieß und ausführte, wie sehr sich der Gießener Verein freue, die Vertreter des Verbandes in den Mauern Gießens zu sehen. Der Gießener Verein werde alles aufbieten, um seinen Gästen hier einige vergnügte Stunden zu bereiten. Bald entwickelte sich eine ungezwungene Heiter­keit, die nicht wenig erhöht wurde durch einige gut vor­getragene Kouplets. Gastwirt Heß-Alzey erntete vielen Beifall für den Vortrag eines von ihm selbst verfaßten Ge­dichtes, in dem er die Weinpantscherei in humoristischer Weise geißelte. So stoffen den Erschienenen die Stunden in leb­haftem Gedankenaustausch rasch dahin, und mancher war er- taunt, als er nach der Uhr sah und merkte, daß es schon längst Zeit zum Heimwege sei, wenn er die folgenden beiden Tage leistungsfähig bleiben wolle.

ol. Lollar, 26. Mai. Vom Tage der postmäßigen Be­nutzung der Nebenbahn Gießen Lollar Gründerg und der damit im Zusammenhang stehenden Aufhebung der Landpostfahrten LollarLondorf und Londorf- Lollar, voraussichtlich vom 1. Juni ab, finden die Orts­bestellungen in Allendorf a. d. Lda. werktäglich um 655 vorm. und 350 nachm. statt. Um 63$ nachm. findet außer­dem eine Bestellung von gewöhnlichen Briefen und Zeitungen tatt. An Sonntagen wird nur eine Bestellung um 655 vorm. ausgeführt. Die Orte Mainzlar und Dank) rin gen werden wochentäglich zweimal und sonntäglich einmal von Lollar aus bestellt. Die Bestellung durch die Posthilfstellen- mhaber fällt weg. Die Ortsbestellungen in Lollar und die Landbestellgänge nach Kirchberg, Ruttershausen, Friedelhausen und Staufenberg werden aus Anlaß der Eröffnung der Nebenbahn nicht geändert.

Lich, 26. Mai. Um dem Wassermangel, der ich in trockenen Sommern drückend fühlbar macht, abzu- )elfen, hatte man sich an leitender Stelle vorübergehend mit dem Plane besaßt, durch Anlage von Wassermessern dem übermäßigen Wasserverbrauch durch die Einwohnerschaft zu teuern. Da dies aber sehr viel Geld gekostet hätte und für >ie Erreichung des Zweckes ein Mittel von immerhin zweifel­haftem Werte gewesen wäre, hat man es vorgezogen, durch Erweiterung der Wasserleitungsanlage mehr Wasser herbeizubringen. Zu dem Zwecke hat man neu6 Quellen erschlossen und neben dem alten einen neuen Hoch­behälter angelegt. Gerade in der Kleinheit des Hochbehälters bestand der Hauptfehler der alten Anlage, weshalb eine Menge guten Quellwassers unbenutzt abfließen mußte. Die Arbeiten, die von Bauunternehmer Winn-Gießen ausgeführt werden, gehen nun bald ihrem Ende entgegen. Allem An­cheine nach wird man für absehbare Zeit genügend Wasser jaben. Gestern hat Gastwirt Jakob Stein sein neues Gartenrestaurant eröffnet. Es liegt in unmittelbarer Nähe der Bahn und wird deshalb für müde Touristen ein letztes Absteigequartier vor der Heimfahrt abgeben können.

b. Hartmannshain, 24. Mai. Am Mittwoch hat man in unserer Gemarkung, in der Nähe der Schwalbach'schen Wirt- chaft an der Staatsstraße GrebenhainGedern, da wo es beim bevorstehenden Bahnbau einen ca. 10 Meter tiefen Einschnitt geben soll, angefangen, Probelöcher zu graben. Es soll dadurch festgestellt werden, welche Beschaffenheit die Erdschichten haben, ob etwa Basalt vorhanden ist. Das eine Loch, an dem eben gearbeitet und 5 Meter tief wird, hat in einer Tiefe von 3l/2 Meter noch keinen Basalt ergeben. Das andere soll 10*/2 Nieter tief werden.

Büdingen, 25. Mai. Wie bekannt, haben anläßlich der Jubelfeier des 300jährigen Bestehens des Wolf­gang Ernst-Gymnasiums im August 1901 frühere Schüler dieser Anstalt unter sich eine Sammlung freiwilliger Beiträge ausgeführt, die in Form einer Stiftung zu Gunsten des Gymnasiums verwendet werden sollte. Das Ergebnis der jetzt abgeschlossenen Sammlung ist in jeder Hinsicht ein erfreuliches. Es sind derDarmst. Ztg." zufolge im ganzen von 300 Personen 4500 Mk. eingegangen. Die Gaben früherer Schüler (bis zu Beträgen von 500 Mk.) kamen aus allen Teilen Deutschlands, aus England, Nord- und Süd­amerika, Spanien und der Schweiz und waren, wie nicht anders zu erwarten, fast immer von freundlichen Worten warmen Interesses und dankbarer Erinnerung an die schöne Stätte einer froh verlebten Gymnasialzeit begleitet. Auch einige Herren, die dem Gymnasium nicht angehört haben, be­finden sich infolge ihres dankenswerten Wohlwollens für die Sammlung oder für Büdingen selbst unter den Stiftern. Jene 300 verteilen sich auf 108 verschiedene Berufsstellungen und Stände (insgesamt 47 Verwaltungsbeamte, 45 Theologen, 39 Mediziner, 31 Juristen, 30 Philologen, 15 Pharmazeuten und Chemiker, 12 Studenten, 12 Offiziere und Marine- angehörige, 55 Gewerbetreibende, 7 Landwirte, 3 Rentner, 2 Standesherren). Das zur Beschaffung eines Sport­platzes bestimmte Stiftungskapital ist nebst Stiftungsurkunde und Stifterverzeichnis der Großh. Gymnasialdirektion über­geben worden und wird von dieser in Verbindung mit einem ständigen Ausschuß, dem der jeweilige Fürst zu Psenburg und Büdingen zu Büdingen sowie frühere Schüler angehören, ver­waltet. Der Stiftung können auch fernerhin Zuwendungen gemacht werden.

Darmstadt, 26.Mai. Prinzessin Ludwig von Batten­berg nebst den Prinzessinnen-Töchtern und Prinzen-Söhnen trafen am Samstag hier ein und nahmen an der Großh. Frühstückstafel teil. Am gleichen Tage begab sich der GryßHerzog zu einem Besuche der Gräflich Erbach-Schön- bergischen Herrschaft nach Schloß Schönberg und verblieb da­selbst bis gestern. Am Sonntag wohnte nachmittags Se. K. H. dem Festgottesdienst in der Not Gottes bei Auerbach bei und fuhr sodann nach Schloß Heiligenberg, wo übernachtet wurde. Heute begab sich der Großherzog zur Jagd in den Jägers­burger Wald und von da nach dem Fürstenlager bei Auer­bach, wo Familientafel stattfand, zu der Prinzessin Ludwig von Battenberg nebst ihren Töchtern und Söhnen und die Gräfl ch Erbach-Schönbergschen Herrschaften geladen waren. Der Großherzog gedenkt danach nach Darmstadt zurückzukehren, im Residenzschlosse zu übernachten und morgen vormittag nach Wolfsgarten zu fahren.

Mainz, 26. Mai. Am Samstagabend konstituierte sich hier eine Ortsgruppe der Gesellschaft für soziale Reform. Herr Oberbürgermeister Dr. Gaßner wurde zum Vorsitzenden gewählt. Minister v. Berlepsch wird in der nächsten Saison in Mainz einen Vortrag über soziale Reform halten.

** **reine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaates. In der Nacht vom Sonntag zum Montag kam c§ in her Altstadt in Frankfurt a. M. zu einem Handgemenge, iv dessen Verlauf der etwa 20 Jahre alte Anton Durchholz au? Rechtersbach einen Messerstich erhielt, der die Schlagader an der rechten Halsseite durchschnitt. Der Gestochene lief noch etwa 100 Schritte weit, dann brach er zusammen. Der Tod trat innerhalb 4 Minuten ein. Einer der an bem Raufhandel Beteiligten war gleichfalls erheblich verletzt, ihm waren Ohren und Nase durch Messerstiche aufgerissen.

Vermischtes.

* Hambur g, 26. Mai. Heute vormittag fand in der Dynamitfabrik bei Geesthacht eine Explosion statt, wodurch die Nitroglycerinfabrik völlig zerstört und sechs Personen getötet wurden.

* Chemnitz, 26. Mai. Heute mittag kurz vor 12 Uhr 'and im Hofe eines Drogengeschäftes beim Reinigen eines Benzin-Fasses eine Explosion statt, wobei ein Gehilfe schwer verletzt wurde und eine Gehirnerschütterung erlitt. Das Erd­geschoß des Lagerhauses brannte aus.

* Stuttgart, 26. Mai. Infolge einer Koh leu^ oxydgas-Ausströmung wurden heute in einem Schulzimmer der Jakobsschule zahlreiche Schülerinnen von einem Unwohlsein befallen. Zwei konnten sich erst erholen, nachdem künstliche Atmung eingeleitet war. Das Gas ist durch Undichtheiten in der Heizkammer ausgetreten und so der Heizluft beigemischt worden.

* Augsburg, 26. Mai. Ein Freitagabend auf bem Lechfelbe bei Augsburg aufgestiegener Ballon ber bayer­ischen Luftschiffer-Abteilung wurde in 500 Meter Höhe vom Blitz getroffen. Der einzige Insasse Ober­leutnant Hiller klammerte sich an das Netzwerk fest; er erlitt beim Aufprall einen mehrfachen Schenkelbruch. Die unten an der Ballonhaspel stehenden fünf Soldaten empfingen heftige elektrische Schläge. Einige Soldaten wurden betäubt. Ein ödtlicher Verlauf ist vermieden worden dank der Geistes­gegenwart des Oberleutnants Hiller, der sich, sobald er merkte, was vorgegangen war, aus ber Gonbel in das Netzwerk chwang und sich in ber beim Ein- unb Aussteigen als Hilfs- nittel bienenben Schwingringen in ber sogenannten Zieh- limmc festhielt. Dadurch erreichte er, daß er bei dem Aust chlag ber Gonbel nicht zu Boben geschleudert wurde, sondern mit einigen Schenkelbrüchen davon kam, welche verhältniß- mäßig gutartig sind und glatte Heilung erhoffen lasten. Leutnant Hiller hat während des ganzen Sturzes das Ber wußtsein nicht verloren.

* London, 26. Mai. Aus Kimberley wird gemelbet: In einer Mine in der Nähe der Stadt wurde ein 400 - arätiger Diamant gefunden. Die Aufregung hierüber ist groß.

* Madrid, 26. Mai. In Pedrosa sind zahlreiche Erdstöße verspürt worden. Ein heftiger Organ wütete gestern Abend in Begleitung von einem kurzen Erdbeben unb eisen vulkanischen Ausbrüchen.

* Eine ergötzliche Szene soll sich, so versichert man bemMainzer Tgbl." ernsthaft, letzthin an einem rheinhessischen Amtsgericht tatsächlich abgespielt haben. In ber Prozeßangelegenheit eines Händlers war bessen Sohn Aur Vernehmung geladen worben. Als aber ber etwa 14 Jahre alte Junge bei seinem Aufruf im Saal erschien, brach eine unbänbige Heiterkeit los unb selbst ber Richter hatte große Mühe ernst zu bleiben. Der Junge sah aber auch zu komisch aus. Sein schmächtiges Körperchen verschwanb fast unter einem großen weiten Gehrock, ber bis auf bie mit riesigen Stiefeln bekleibeten Füße herab- fiel. In beit gleichen Dimensionen waren bie Hosen, ber Kragen unb ber unförmliche Hut gehalten. Außerbem trug ber sonberbare Zeuge einen Morbsstock in ber Hanb. Auf bie entrüstete Frage bes Vorsitzenben, wie er sich unterstehen könne, in einem solchen Aufzug vor Gericht zu erscheinen, meinte ber arme Junge schüchtern, bas stäube doch in ber Labung vorgeschrieben. All gemeines Erstaunen. Der Kleine aber schürzte ben langen Aermel zurück unb suchte eine Weile eifrig in ben tiefe« Taschen herum, bis er enblich tief aufatmenb bie Labung zum Vorschein brachte unb mit triumphierenber Miene auf bie Worte zeigte, welche ihm befahlen:In Sachen Ihres Vaters."

* Die Pest. In Mojunga (Madagaskar) ist die Pest ausgebrochen. Bisher sind 9 Fälle festgestellt. In Fre­mantle (Südwestküste von Ausstralien) ist der Ausbruch der Beulenpest festgestellt worden.

* Zur Katastrophe im westindischen Archiv pel. Die Berichte, welche die nach Martinique entsandte amerikanische wissenschaftliche Expedit kost veröffentlichte, lauten pessimistisch, es wird auf die Gleichartigkeit mit dem Ausbruch der Kratakaua hinge- wiesen. Die Berichte betonen ferner, es sei möglich, daß der ganze nördliche Teil von Martinique zerstört werden konnte. Der französische Kolonialminister er­mächtigte den interimistischen Gouverneur von Martinique, allen denen, aus den Hilfsfonds Ueberfahrtsgelder nach Frankreich oder dessen Kolonien zu gewähren, die Nach­weisen können, daß sie Verwandte oder .Hilfsmittel in dem Lande, nach ' dem sie sich begeben wollen, haben. In Ausführung dieser Anordnung sind 967 Personen in Guadeloupe angetommen, wo die Lage nach wie vor aus­gezeichnet ist. Eine eigenartige Geldsammlung für die An­tillen wurde in Mailand veranstaltet, indem jeder Fahrgast der Straßenbahn freiwillig den doppelten Fahrpreis ent­richtete. Diese Sammlung ergab 13 000 Lire. Außerdem" findet dort am Donnerstag zu gleichem Zwecke im Teatro Mauzoni eine Vorstellung unter Mitwirkung Tamagnos und anderer bedeutender Künstler statt. Wie aus Lissabon depeschiert wird, ist bei Redroso, sechs Meilen von Oporto, ein merkwürdiges Naturereignis beobachtet worden. Feuer und Rauch stiegen plötzlich aus Erdspalten auf; gleichzeitig herrschte ein Tornado. Man glaubt, daß diese Erscheinungen mit den vulkanischen Ausbrüchen auf Martinique in Zusammenhang stehen.

* Unglück m denAlpen. Nach einer Meldung aus Bern sind zwei junge Burschen aus Ollen im waadtländischen Rhonethal bas erste Opfer ber Bergsteigersaison geworden. Sie sind beim Blumenpflücken mit einander über eine 50 Meter hohe Felswand abge stürzt; ber eine ist tot, der andere schwer verwundet.

* Zu r Humbert-Affaire. Der royalistische Se» nator Provost be Launay kündigte eine Interpellation! über die Humbertafsaire an. Er behauptet, daß ein her­vorragender Jurist Ratgeber der Frau Humbert gewesen sei, und den ganzen Schwindel geleit eh habe. Die Gericä' könnten in.einer Viertelstunde biefer