Ausgabe 
27.5.1902 Zweites Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 131

»rschetnt tLgktch außer Sormtags.

Dem Gießener Anzeiger »erden im Wechsel mit dem vekflschen Landwirt die Siegener Familien- blätter viermal in der Woche beigelegL

VtotationSdruck u. Ver­lag der Brühl'schen Untvers.-Buch- u.Stein- druckeret (Pietsch Erben) Redaktion, Expedition und Druckerei:

Schulstraße 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

AernsprrchanschlußNr.51.

Zweites Blatt. 153. Jahrgang

Dienstag 37. Mai 19018

GietzenerAnzeiger

** General-Anzeiger v '**7

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen

vezngSpret»: monatlich 76 Ps., ottttd* iShrlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen monatlich 65 Pf.; durch diePost Mk.2. ptertel« jährl. ausschl. Bestellg. Annahme von Anzeige« für dre TageSnummer bis vormittag« 10 Uhr. ßcilenprei«: lokal ILPs^ auswärts 20 Psg.

Derantivortlichr für den poht. u. allgem. xeil: P. Wiltko: für ,Stadt und Vanb* und r ® end) tßjoal: 9L $ 111- mann; für den An- zeigentcil: Han« Beck.

Z>ie Heutige Yummer umfaßt 8 Seiten.

Volltische Tagesschau.

Der Alldeutsche Verband

hat sich auf seinem Verbandstag in Eisenach am 25. ds. auch mit den Alldeutschen in Oesterreich beschäftigt und folgende Resolution beschlossen:

Der Alldeutsche Verband beklagt aufs liessle den zwischen den Ehrern der fid)alldeutsch" nennenden Partei in Oesterreich aus- gebrochenen Streit und insbesondere die unwürdige Formen, in denen derselbe geführt wird; dieser Zwist kann nur den Gegnern de« Deutschtums in Oesterreich Nutzen bringen und ist in hohem Grade geeignet, die für die deutschen Volksgenossen in Oesterreich in den letzten Jahren im Deutsd)en Reich immer stärker enuad)ten Sympathien zu gefährden. Durch diese Vorkommiusse sieht fid) der Verband erneut veranlaßt, darauf hinzuweisen, daß er sogleid) bei der Begründung der .alldeutschen" Partei in Oesterreich gegen die Verwendung der Bezeichnungalldeutsch^ als Parteinamen Stellung genommen hat uiib daß er für die aus dieser Parteibezeid)nung erwachsenden Schädigungen der Bestrebungen des Alldeutschen Verbandes jede Verantwortung ablehnen muß. Im übrigen gibt der Alldeutsche Verband and) heute wieder seinen stantmesbrüder- lichen Gefühlen und feiner unerschütterlichen Treue für die Deutschen Oesterreichs den herzlichsten Ausdruck.

Einen längeren Bericht über die Eisenacher Verhand- lmtgeu veröffentlichen wir morgen.

Ein Jagduufall des Reichstags-Vizepräsidenten.

Von einem bedauerlichen Unfall ist der erste Vize- präsident des Reichstages Graf Udo zu Stolberg- Wernigerode betroffen worden. Der Graf schoß am Sams­tag Nachmittag auf seiner Besitzung Groß-Cammin bei Küstrin nach Thontauben. Dabei entlud sich ein Schuß nach rückwärts und traf die Stirn des Schützen. Die Verletzung rief eine heftige Blutung hervor; dadurck) im Augenblick bewußtlos geworden, mußte der Graf ins Schloß getragen werden. Man hofft jedoch, daß der Vorgang schlimmere Folgen nicht nach sich ziehen wird.

Der Unfall kann aber die Budget kommisjsion des Reichstages in die Lage versetzen, sich einen neuen Vorsitzenden zu wählen. Die Vertretung des Präsidenten Graf Balle st rem würde vor der Hand dem zweiten Vizepräsidenten, Abg. Büsing (nl.), zufallen. Auffällig erscheint, das; das Hauptorgan der konservativen, dieKceuz- zeitung", über den Unfall des Grafen Stolberg nichts meldet.

Der Zwischenfall in Neapel.

Der Zwischenfall bet der Ankunft des italienifdjen Königspaares in Neapel hat sich mit solcher Schnellig­keit abgespielt, daß niemand eine Ahnung davon hatte, urcd selbst das Königspaar nichts merkte. Die gesamte Presse des In- und Auslandes mißt diesem Vorgänge keine politische Bedeutung bei. Es hat sich herausgestellt, daß der Thäter ein der Neapeler Polizei wohlbekannterRa­daubruder" ist, der schon viel auf dein Derbholz hat. Also selbst die Vermutung ist hinfällig, daß vielleicht wirtschaft­liche Not den Manu veranlaßte, aus diese ungewöhnliche Weise die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Es wird von einigen Blättern darauf hingewiesen, wie gerade König Viktor Emanuel Anteil habe an dem Fortschreiten der sozialen Gesetzgebung in Italien, so daß von einem Anschlag eines italienischen Arbeiters auf das Leben des Königs von vornherein keine Rede sein könne. Daß die Zuschauermenge aufs äußerste erregt war und zur Lynchjustiz schreiten wollte, erscheint begreiflich; offenbar stand die Menge momentan im Baniw der Erinnerung au den erst jüngst erfolgten Anfall auf den König von Spanien. Wenn der 'Neapeler Jnsultant auch bisher jede Angabe über den Beweggrund verweigerte, so erscheint aber hier die Möglichkeit des Bestehens eines Komplotts völlig ausgeschlossen.

Der Angreifer ist ein aus dem Gefängnis entlassener Schuster 'Namens Guerriero. Der Attentäter, der rwei Steine gegen den Zug warf, traf nur den Wagen, in dem die Eisenbahningenieure saßen.

Deutsches Reich.

Berlin, 26. Mai. Aus Ur ville wird gemeldet: Der Kaiser unternahm heute früh in Begleitung einen Spazierritt in die Gegend nordwestlich von Urville über Slllers, Tennchen, Hayß, Mazagran und Lämmersberg. Nach seiner Rückkehr nahm Se. Majestät die militärische Meldung des Rittmeisters Baron de Schmid, sowie den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts Dr. v. Lueanus entgegen. Zur Frühstückstafel waren u. a. geladen die Kommandeure der 33. und 34. Division Generalleutnants Frhr. v. Liechten- stern und Prinz Heinrich XIX. Reuß, der Kommandant von Metz Generalleutnant von Wedel, die Stabsoffiziere des Königsinfanterie-Regts. Nr. 145 und Rittmeister Baron de Schmid.

Ter Kaiser wird Ende Mai int Neuen Palais mieder eintreffen und dort bis zum 4. Juni verbleiben. Die Kaiserin kehrt erst am 3. Juni von Badenweiler nach Potsdam zurück und fährt am 4. Juni mit dem Kaiser nach Marienburg. Am 5. Juni begiebt sich das Kaiserpaar zu einem achttägigen Aufenthalt nach Cadinen, von wo der Kaiser und die Kaiserin zu kurzem Verweilen in das Neue Palais zurückkehren, um dann zum 15. Juni nach Nürnberg zu fahren. Zum 18. Juni trifft der Kaiser in Bonn ein. Von hier begiebt er sich zur Kieler Woche nach iHel, wo die Kaiserin ebenfalls Aufenthalt zu nehmen ge­denkt. Tie Kaiserin fährt von dort nach Schloß Wilhelms- Höhe, der Kaiser tritt seine Nordlandreise an. Tann folgen die Kaisermanöver in Posen und Jagdaufenthalte in Ro- mruten und Hubertusstock.

Prnnz Albrecht von Preußen empfing gestern in seinem hiesigen Palais die Abordnung des russischen 40. Dragoner-Regiments, die dem Prinzen namens des Regi­ments die Glückwünsche zur Wiederkehr des Tages über­brachte, an welchem er vor 50 Jahren a la suite desselben gestellt worden ist. Abends fand ein größeres Diner zu Ehren der rmssischen Offiziere statt.

Nack) einer Meldung aus Köln war die Leiche des Erzbischofs Dr. Sim ar während des gestrigen Tages im Sterbezimmer des Verblichenen ausgestellt. Ter Andrang war derart, daß tausende von Personen die benachbarten Straßen besetzt hielten und ein Polizeiaufgebot die Ordnung aufrecht erkalten mußte. Voll der Einbalsamierung der Leiche ist Avstand genommen worden. Mit der Vertretung des Kultusministers bei der Beisetzung des Dr. Simar ist der Vortragende Rat im Kultusministerium Geh. Reg.-Rat Fresberg beauftragt. Das Gouvernement hat angeordnet, daß die Beteiligung von Militärpersonen an der Bei­setzung durchaus freiwillig sein soll. Als Aufsichtspersonal werden auch 50 bis 100 Mann, ein Offizier und fünf Unteroffiziere abkommandiert werden. Die zur Teilnahme angemeldeten Unteroffiziere und Mannschaften werden in der Umgebung des erzbischöflichen Palais und des Dornes Spalier bilden. Tomprobst Dr. Berlage wird nach der Beendigung des Pontifikatrequiems im Dom die Trauer­rede halten.

Ausland.

Kopenhagen, 26. Mai. Ehe gestern nachmittag der KreuzerCassini" den hiesigen Hafen verließ, richtete Präsi­dent L o u b e t beim Abscyiedstrunk folgende Worte an den König: Ick; erhebe mein Glas zu Ehren Eurer Majestät und danke Eurer Majestät für Ihren so herzlichen Empfang; die Erinnerung daran wird tief in meinem Herzen ein- geprägt bleiben. Ich trinke auf die gesamte königliche Fa­milie, deren zahlreiche und geehrte Glieder so würdig in ganz Europa die Funktionen erfüllen, zu welchen sie zu berufen der Vorsehung, der Wahl der Völker gefallen hat. Ick) trinke auf Dänemark, mit dem wir durch die Bande einer tiefen und alten Sympathie ver­bunden sind, auf Dänemark, das klein ist der Ausdehnung und der Zahl seiner Bevölkerung nach, aber groß durch seine Geschichte, seine Tüchtigkeit und durch den Glanz, mit dem es auf den Wegen des Fortschritts in der ernsten Reihe der gesitteten Völker schreitet. Ich trinke auf Seine Majestät und das wackere dänische Volk!

Rotterdam, 26. Mai. Der letzte amtliche Bericht aus Schloß Loo besagt, daß die Besserung im Be­finden der Königin Wilhelmina jetzt dermaßen zu- nimmt, daß dieselbe nunmehr zweimal am Tage während dreiviertel Stunden das Bett mit dem Tivan vertauscht. Die Nahrungsaufnahme ist sehr hinreichend, die Lust an Geistesarbeit wird in llebereinftimmung mit der Zunahme der Kräfte größer. Weiter wird bestätigt, daß die Königin mit ihrem Gemahl und ihrer Muller Ende Juni nach Schloß Schaumburg bei Tiez übersiedeln wird, weil die Aerzte einen mehrmonatlichen Aufenthalt dort zur Er­holung der Rekonvaleszentin für erwünscht halten.

Palermo, 26. Mai. Der König und die Königin wurden bei ihrer Ankunft hier von den Ministern und den Behörden Palermos begrüßt und begaben sich unter dem Jubel einer großen Menschenmenge nach dem könig­lichen Schlosse.

Budapest, 26. Mai. Der Tscheche Herold verlangt, daß Oesterreich fid) an die Spitze der Friedensbewegung stelle, und wendet sich gegen den Dreibund. Die preußische Politik sei traditionell auf die Einigung aller Deutschen gerichtet. Im deutschen Volke sei der Drang nach Erweiterung des Reiches auch nach dem Süden, selbst über Oesterreich hinaus. Nicht der Dreibund sollte die Grundlage unserer Politik bilden, sondern die Freundschaft Oesterreichs zu allen Staaten, insbesondere zu Rußland und Frankreich, und der Schutz Oesterreichs gegen jede alldeutsche Bewegung. Ter Deutsch- Fortschrittliche Groß erklärt: Tie Deutschen halten am Dreibund fest, in dem sie die einzige Möglichkeit erblicken, Oesterreichs Stellung in Europa zu erhalten; Der Pan- germanismus sei ein Gespenst, an das niemand denke und von dem die Tschechen sprechen, weil sie selbst den Pan­slawismus herbeisehnen. Der deutschvolkliche Dobernig wendete sich gegen die Verdächtigung des Patriotismus der Deutschen. Sie blicken nicht nad) Berlin als dem Zen­trum einer etwaigen künftigen politischen Entwickelung oder weil sie von den Hohenzollern eine bessere Förderung ihrer Interessen erwarten als von der eigenen Dynastie. Die Deutschen blicken überall hin, wo deutsches Wesen ge­pflegt wird.

New York, 26. Mai. Kaiser Wilhelm lud die Generäle (Sorbin Young und Wood als persönliche Gäste zu den Herbstmanövern ein. Die Einladung wurde an­genommen.

Die sozialen Aufgaben der Städte.

n. Gießen, 26. Mai.

Im hiesigen national-sozialen Verein hielt gestern abend im oberen Saale des Cafe Ebel Adolf Damaschke aus Berlin, der Herausgeber derDeutschen Volksstimme", den angekündigten Vortrag überTie sozialen Aufgaben der Städte." Die Bedeutung der Gemeindepolitik, so führte Redner aus, wächst in einem Maße, wie man es früher nie erwartet ober für möglich gehalten hätte. Einer der wich­tigsten Kapitel aus der Gemeindepolitik ist die städtische Bodenpolitik, deren ernstesten Abschnitt wieder die Wohnungsfrage darstellt. Aus diese geht Redner ge­nauer ein.

Bei einer Prüfung der Verhältnisse in Berlin stellt es sich heraus, daß dort am 2. Dezember 1895 4718 Wohn­ungen existierten, die keinen heizbaren Raum bet- saßen. In diesen Wohnungen, wenn man sie so neunen kann, lebten 13 700 Menschen ohne die Möglichkeit, sich gegen die Unbilden der Witterung irgendwie zu schützen. Trotzdem ist diese Zahl noch verhältnismäßig gering gegen­über den Wohnungen mit nur einem heizbaren Raum. Deren gab eS 7061, die dauernd von mehreren Personen, manchmal bis zu 13, bewohnt wurden. Von der Pflege eines Familienlebens kann dabei selbstverständlid) nicht bic Rede fein. Ter eine Raum dient allen zunr Essen, Arbeiten, auch ohne Unterschied des Geschlechts zum Schlafen. Daß derartige Zustände die physische und seelische Gesundheit der Bewohner untergraben mußten, ist klar. Hier vor allen Dingen muß Hilfe kommen.

Tie Verhältnisse in Berlin gehören aber noch lange nicht zu den schlimmsten. Weit schlimmer steht es in Breslau, Danzig und Ham bu r g. Wie furchtbar ge­fährlich diese Zustände werden können, hat die Cholera- epidemie in Hamburg gezeigt. Tie Statistik zeigt, daß in dem reichen Hamburg 5991 Wohnungen mit nur einem Zimmer existieren. Tie Frage der Wohnungshygiene ist nicht nur eine Frage der unteren blassen, sondern eine Existenzfrage der ganzen Bevölkeruneg. Wenn auch wohl derartige Krankheiten selten sind, so sind diese Wohn­ungen doch stets die Geburtsstätten der Tuberkulose, des Alkoholismus und der Prostitution.

Wie wenig bekannt diese Verhältnisse in den betreffenden Städten selbst sind, weist der Redner an einzelnen Beispielen nach. Als in Dresden eine Schlafstellenordnung ein­geb rackst wurde mit noch sehr gemäßigten Vorschriften eine der hauptsächlichsten war die Trennung beider Ge­schlechter in den Schlafräumen hielt der Rat es anfangs für sehr leicht, diese Ordnung einzuführen, bald mußte aber nach genauerer Prüfung der Verhältnisse der Antrag eingebracht werden, mit der Einführung 4 Jahre zu warten, weil sonst 3000 Wohnungen ausgeschieden werden müßten. Ein anderes krasses Beispiel boten die Verhältnisse in Ha He, wo bei der Untersuchung sich schon in dem ersten Polizeirevier herausstellte, daß nickst weniger als 180 Wohnungen darin existierten, die den hygienischenAnsprüchen der Gegenwart nickst genügten.

Wer sich mit der Wohnungsfrage genauer beschäftigt, erschrickt über die Masse furchtbarsten Elends, die ihm hier entgegentritt. Hier verliert das Volk alljährlich mehr Kraft als durch viele verlorene Schlachten, und deshalb ist der Kampf, der für die Schaffung menschenwürdiger Wohn­ungen für das Volk geführt wird, ein heiliger Kampf.

Tie Wohnungsfrage i st nicht damit abgethan, daß man die Schuld den Hausbesitzern zuschiebt. 'Nicht allein vom Willen des Hausherrn ist die Wohnungsmiete abhängig. Wie bei jeder anderen «acye, entspricht auch hier der Preis dem Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Wenn sonst in der Volkswirtschaft Nachfrage nach Einern Artikel vorhanden ist, bemächtigen sich dessen bald das kapital und die Arbeit, und sie ermöglichen eine immer billigere Her­stellung. Tie Wohnungen machen eine Ausnahme, weil hier ein dritter Faktor in Erscheinung tritt, der Grund und Boden. Wer den Boden besitzt, hat in gewisser Weise die Herrschaft über alle die, die hier ihren Wohnsitz Auf­schlägen.

In der Nähe der Städte ist der bebaute Boden Sp e«. kulationsobjekt für Terraingesellschaften rc. Unter allen Faktoren der Landwirtschaft ist der Grund und Boden der einzige, dessen Wert auch ohne Arbeit seines Besitzers wächst. Jede Kulturarbeit in der Nähe eines Grundstückes, jede Sck)ule, jede Straße rc. steigert seinen Wert. Tie Kosten der Wertsteigerung trägt die Gemeinde, den Vorteil davon hat der Besitzer. Redner führt zur Illustration einige Fälle an, von denen einer hauptsächliches Interesse erweckt.

In Berlin bewilligte man für Anlage des Viktoria^ Parks und des dortigen Wasserfalls 2 Millionen Mark in der guten Absicht, den armen Anwohnern einen hübschen Ausflugsort ^u schaffen. Vorteil hatten aber von dieser Schöpfung nicht die Mieter, zu deren Gunsten doch die 2 Millionen bewilligt worden waren, sondern die Miets­herren, indem sie, weil ja die ganze Gegend jetzt durch die Anlage gehoben war, sich berechtigt fühlten, den Miets­preis bedeutend zu erhöhen. Die Berliner Gruppe der Teutschen Bodenreformer hatten, um billige Wohnungen für das Volk zu schassen, bei Moabit von einer der 73 Berliner Terraingesellschaften Land gekauft, die Quadrat­rute zu 750 Mk. Sie errichteten dort ein Doppelhaus in der vorher ganz oben Gegend, als sie aber weiteres Land kaufen wollte,», verlangte die Gesellschaft 1100 Mk. für die Quadratrute, weil der Wert des Bodens durch den Bau ihres Hauses gestiegen sei, und als eine Gemeindeschule errichter wurde, verlangte sie gar 1500 Mk. Eine schwere Gefahr liegt in diesen Verhältnissen, indem der manchmal erzielte ungeheure Gewinn eine verführerische Lockung für manchen ist, die Arbeit von sich zu werfen und sich auf Terrainspekulationen einzulassen.

Mas kann man nun gegen diese Terrainspekulationen thun? Der beste Weg ist der Der Besteuerung. Durch vernünftiges und zweckmäßiges Besteuern sollte man dies Treiben unmöglich zu machen suchen. In Pr e u ß en richtet sich die Besteuerung eines Gutes nach dem Nutzen, den es bringt. Daß das nicht das richtige ist, geht daraus hervor, daß für die wertvollsten Güter, wenn sie unbenutzt liegen, kaum Steuern gezahlt werden. Weit besser ist es, die Steuer nach dem gemeinen Werte des Terrains zu bemessen, wie es in Breslau und Köln und anderen Städten durch­geführt ist. Man kann diese Steuern noch verbessern, indem man sie progressiv steigen laßt, z. B. bis zu einem Wert von 50000 Mk. 2 pro Mille, 100000 Mk. 3 pro Mills rc.