Nr. 199
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ISS. Jahrgang
Dienstag Ä6. August LSQS
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Me heutige Kummer umfaßt 8 Seiten.
Zum Fülle Löhning.
W. Dreßen, 26. August.
Die Löhnmg-Affäre ist durch die (gestern in unserer ^Politischen Wochenschau" mitgeteilte) Preß-Replik zwischen bem zwangsweise pensionierten Provinzialsteuerdirektor und einen: Berliner Journalisten in ein Stadium getreten, das die bisherigen unbedingten Vertreter eines der preußischen Fmanzoerwaltung entgegengesetzten Standpunktes stutzig machen mußte. Die bevorstehende Gerichtsverhandlung wird vielleicht mancherlei überraschendes aufdecken. Der Kamps gegen versteinerte Vorurteile, gegen verstaubten Standesdünkel wirb ja immer berechtigt bleiben, aber es lassen sich Spezialfälle .sehr wohl denken, die ein Eingreifen der Regierung in der vom preußischen Finanzminister beliebten Art doch als nicht ungerechtfertigt erscheinen lassen können.
Inzwischen beeifert sich die oppositionelle Presse Berlins, durch unermüdliches Stöbern im abgegriffenen Buche der Vergangenheit alte „Löhning-Fälle" aufzudecken. Das hatte ja einen gewissen Sinn, indem man dadurch die preußischen Regierungstraditionen genauer charakterisieren wollte. Aber die hochsommerliche Sülle bringt es mit sich, daß nachgerade, um es rund heraus zu sagen, geradezu Unfug damit ge- itrieben wird und Dinge erzählt werden, die feststehende That- sachen direkt auf den Kopf stellen.
So erzählt heute die „Voss. Zig." ihren Lesern folgendes zweifellos ganz amüsante Märlein:
Wenn wir den Fall Löhning mehrfach einer besonderen Würdigung unterzogen haben, so geschah es in der Ueberzeugung, daß er nur ein einzelnes Symptom der kulturwidrigen Gesinnung und des rückständigen Kastengeistes darstellt, wovon ein Teil unserer sogenannten „höheren Kreise" erfüllt ist. Es kann keinem Zweifel unterliegen, das ähnliches wie im Falle Löhnung sich öfter ereignet, wenngleich es aus guten Gründen nicht immer nach außen dringt. Ein Vorgang ähnlicher Art, der uns von zuverlässiger Seite mitgeteilt wird, verdient in werteren Kreisen bekannt zu werben. In einer Stadt Ostpreußens wirkte ein O b e r b ü r g e r - meister 16 Jahre hindurch in tadelloser Amtsführung und mit großem, durch seine Wiederwahl und deren Bestäligring anerkanntem Erfolge. Vor etwa drei Jahren verlobte er sich mit einer an einer dortigen städtischen Schule angestellten Lehrerin. Kaum war diese Verlobnng erfolgt, so erklärte der Regierungspräsident Hegel, ein Schwager des Oberpräsidenten v. Bitter in Posen, dem Stadtverordnetenvorsteher, nach dieser Verlobung sei die Stscklung des Oberbürgermeisters unhaltbar. Diese Aeußerung kam auch der Braut des Oberbürgermeisters zu Ohren. Diese Dame, eine Witwe mit fünf Kindern, die nach dem Tode ihres ersten Gatten sich und ihre Familie ohne jedes Vermögen von ihrer Arbeit ernährte, hatte den Edelmut, um in die amtliche Laufbahn ihres Bräutigams keine Störung zii bringen, ihm nicht nur sein Wort zurückzugeben, sondern auch noch durch Tritte besondere Bemühungen anzustelleii, dainit der Oberbürgermeister diesen Verzicht annchme. Dieser aber, ein Mann von unabhängiger Gesinnung unb ein Ehrenmann, dachte nicht daran, den aus innerster Steigung geschlossenen Bund zu lösen, und heirathete feine Braut. Alsbald nach Vollziehung der Ehe wurde dem Oberbürgermeister vom Regierungspräsidenten Segel eine Disziplinaruntersnchung an* gekündigt, falls er nicht in seine Pensionierung willige. Der Oberbürgermeister hatte aber schon mit Rücksicht darauf, daß infolge der Aeußerung des Regierungspräsidenten zu den: Stadtverordnetenvorsteher auch gewisse „Honorationenkreise" von den Standesbedenken des Herrn Hegel befallen wurden — man muß es erwägen, welches Aufsehen es in einer Mittelstadt erregt, wenn ein Heiratskandidat von Stand und Würderl statt einer der vielen heiralswilligen Honoratiorentöchler eine arme Wittwe heiratet — ■ eine Pensionierung selbst beantragt und willigte, um ich aller Fesseln widriger Vorurteile zu entledigen, in seine Pen- ionierung. Bemerkt muß noch werden, daß bei dem Reyierungs- iräsidenien Hegel der freisinnige und unabhängige Charakter des Oberbürgermeisters, den dieser in seiner amtlichen und bürgerlichen Haltung bewährte, schon wiederholt A n st o ß erregt hatte. So erklärte nach einer Landtagswahl der Regierungspräsident, die Wahl m dem betreffenden K^ise sei gut — hierunter verstand er natürlich konservativ — ausgefallen, wenngleich der Landgerichtspräsident und der Oberbürgermeister freisinnig gewählt hätten. Sollte auch in diesem Falle, wie in dein Falle Löhning, eine fromme Seele durch Auf- tischung von allerlei Klatsch dem Regierungspräsidenten Hegel, wie eine jüngst andere dem Finanzminister v. Rheinbaben im „Reichsboten", zu Hilfe kommen, so wird es an der Antwort nicht fehlen. 9hir zugestoßen, wir parieren!
Diese Geschichte ist zwar sehr schön, aber sie entspricht nur zu einem Teile den Thatsachen. Wir sind in der Lage, aus eigener Kenntnis Genaueres darüber mttzutcilen. Der Vorgang hat sich s. Zt. in Tilsit abgespielt. Oberbürgermeister The sing, vordem Stadtrat in Danzig, war s. Z. von den Tilsiter Stadtverordneten zum Stadtoberhaupt gewählt worden, nachdem er ihnen die Versicherllng gegeben hatte, daß er freisinnigen Anschauungen, die in jener Stadt weitaus dominieren, huldige. Kauin aber hatte er sein neues Amt angetreten, als er sich auch schon in einen Gegensatz zu der Bürgerschaft stellte. Er suchte seinen privaten Verkehr fast ausschließlich in den dortigen Ofsizierskreisen, verkehrte kaum je in der sogen. „Bürgerhalle", einem sowohl von der gesamten Ausschlag gebenden Bürgerschaft wie von dem größten Teil der höheren Beamtenschaft, dem Richterkollegium re., gern und viel frequenüerten Vereinshause, und trat einer anderen geselligen ^Bereinigung, der Casinogesellschaft, an deren Spitze ein als freisinnig bekannter Landgerichtsdirektor stand, überhaupt nicht, sondern nur einer ganz exklusiven Gesellschaft bei, die sich fast ausschließlich aus dem Offizierkorps und den großen Gutsbesitzern der Tilsiter Niederung, b. h. also bec konservativen Partei ober bem Bunbe ber Landwirte an- gehärenden Herren, zusammensetzt. Seine derben Sühne
schickte er auf eine Kadettenanstalt, — kurz und gut, er that alles, um sich in der, wie gesagt, überwiegend freisinnigen Bürgerschaft unbeliebt zu machen. Wenn er nach Ablauf der ersten Wahlperiode zum Oberbürgermeister wiedergewählt wurde, so verdankte er das in Wahrheit einzig und allein dem Umstande, daß der um die Stadt hochverdiente Stadt- verordnetenvorsteher, ein nationalliberaler Industrieller von größtem lokalen Einflüsse, aus persönlicher Sympathie den Mann nicht fallen lassen wollte, der durch seine (des Stadtv.- Vorstehers) Initiative nach Tilsit berufen worden war. Er hätte in seiner Selbstschätzung das Unterliegen des Oberbürgermeisters als eigenes Unterliegen angesehen, unb ihn wollte bie Bürgerschaft nicht fallen lassen, benn man hielt ihn, nicht ohne guten Grunb, für kaum ersetzlich.
Nun aber traten ganz besonbere Umftänbe ein. Man begann zu munkeln von einer vom Oberbürgermeister an» geknüpften Liaison mit einer stäbtischen Lehrerin unb von baraus erwachsenen Zwistigkeiten mit seiner Gattin, mit ber er in langjähriger Ehe verbunben roar. Es kam schließlich zur Ehescheidung unb nun heiratete ber Herr Oberbürgermeister Thesing nach ganz kurzer Zeit jene Lehrerin.
Das ist im wesentlichen ber Sachverhalt, der zu ber Pensionierung bes Oberbürgermeisters Thefing führte, bie biefer wohlweislich selber beantragt hatte, um den Unannehmlichkeiten eines Disziplinarverfahrens aus dem Wege zu gehen! —
Heber die Stellung des Grafen Bülow zum eigentlichen Fall Löhning findet sich im „Pesler Llob" eine Zuschrift aus Berlin, bie ben Anschein zu erwecken sucht, daß ihr Verfasser über Bülows Stellung zu ber Sache unterrichtet ist. Unter anderem heißt es da:
„Es wäre bedauerlich, wenn bie allseitig verlangte und von dem zuständigen Minister versprochene Aufklärung der Löhning- schen Pensionierung darunter leiden sollie, daß man sie zum Gegenstand einer Kraftprobe zwischen R e g i e r u u g unb öffentlicher Meinung zu machen versucht. In ber Hauptsache gibt es ohnehin keine Verschiedenheit der Auffassung. Es weiß schließlich jeder, daß bie Verquickung eines politisch notwendig geworbenen Vorgehens gegen Löhning mit seiner Liebes-, Ver- lobungs- und Heiratsgeschlchte dem Ministerpräsidenten Grasen Bülow ebenso zuwider ist, wie nur irgend einer der darüber in Harnisch geratenen Zeitungen. Auch hegt gewiß niemand lebhafter als Graf Bülow den Wunsch, daß der von seinem Finanzkollegen angetretenc Beweis für das Ausschlaggeben polen- politischer Rücksichten bei der Entfernung des Posener ©teuer- direktors unzweudeutig geführt werde."
Danach bestände also doch eine Differenz zwischen bem Ministerpräsidenten unb bem Finanzminister. Man wirb nicht umhin können, beren Fortschleppung bis zum Zusammentritt bes preuß.Lanbtag als keineswegs wünschenswert anzusehen, wie man sich auch in Zukunft zu bem „Fall Löhning" zu stellen haben wirb._____________________________________________
Kor dem Aesuch des Königs von Italien.
Aus Berlin, 25. -August, wird uns geschrieben:
In ber Rahe des Potsdamer Platzes und auf dem Bahnhofe in Berlin sieht es weihnachtlich aus. Es duftet nach Tannen. Gewaltige Mengen dunkelgrüner Reiser lagern in der Bahnhofshalle, offene Güterwaggons sind ganz beladen mit riesigen Tannenzweigen, rasch und umsichtig geht die Verteilung vor sich. Messungen werden vorgenommen, man hört Hämmer klopfen, Spaten klirren; Bretter, graue Sackleinwand, Säulen, Postamente, Farben- unb Bronce- töpfe treten diskret in Erscheinung; Männer mit wichtigen Mienen notieren wichtige Dinge; die Beamten und Schutz? leute haben eine seierlich>-erwartmigsvolle Haltung; Unter den Linden, in der berühmten Prachtstraße, die lange Zeit ein so trostloses Aussehen gewährte, wird mit Feuereifer gearbeitet, das durch die Umgestaltung und „Verschönerung" entstandene Chaos zu beseitigen; Bretterbuden und Löcher, lebensgefährliche Hindernisse des Berliner Asphalt, bie sich mit jedem Tage vermehrten zum Schrecken argloser Wanderer, verschwinden mit zauberhafter Geschwindigkeit; in den Stadtverordneten-Familien herrscht große Nachfrage nach weißen Ehrenjungfrau-Gewändern, in den Innungen ein ebenso ungestümer Bedarf an Fracks und Cylinderhüten; die kleinen Gipsfiguren-Jungen, die Medaillon- und Ansichts- Eartenöerläufer mit dunklem Haar und malerischer Kopfbedeckung erfreuen sich ungewohnten Wohlwollens jetzt, da sie noch einmal so stolz die Straße ziehen — mit einem Wort: Berlin erwartet den Gast des Kaisers, den König von Italien.
Nach den Vorbereitungen zu schließen, wird der Empfang großartig werden und dem Empsana des König Humbert nicht nachstehen, der an jenem köstlichen Maitage 1889 seinen glänzenden Einzug in Berlin hielt und auf dem ganzen Wege von nicht endenwollenden jubelnden Kundgebungen der Bevölkerung begrüßt wurde. Aber, mag sich das Bild wiederholen, mag es Überboten werden, der Unterschied drängt sich doch auf, daß damals Berlin den erprobten, treuen Freund, den Bundesgenossen, der es mit ganzer Seele war, willkommen hieß- während der junge König Viktor Emanuel für uns Deutsche em unbeschriebenes Blatt ist. Man weiß noch nicht recht, woran er glaubt, ob er innerliche Sympathien empfindet für den Zweibuüd, an den sich beim „Verbrüderungsfest" m Toulon, April vorigen Jahres, sowie durch den jüngsten Besuch in Peters- brug eine bemerkliche Annäherung vollzog - ob er die Bundesaenossenschast mit Deutschland und Oester reich-Un- narrt mehr im kühlen Lichte des Nützlichen, des Zweckmäßigen betrachtet. Der italienische Minister des Auswärtigen, Herr Prinetti, wird den König auf seinem Berliner Besuch begleiten. Von Herrn Prinetti weiß man schon
etwas mehr: daß er früher mit viel Feuer für die Annäherung an Frankreich thättg gewesen ist und diese Neigung beibehalten hat, wenn ihm auch die Staatskunst gebot, ein Bündnis zu erneuern, das Italiens Macht stärkt, ohne ihm dafür Verpflichtungen oder gar Opfer nach der militärischen Seite hin aufzuerlegen. Prinetti hat in der Diplomatie den Ruf, ein „schlauer Fuchs" zu sein; er nimmt das Gute, wo er es findet. Eigentliche politische Fragen giebt es zwischen Italien und Deutschland nicht, geschweige denn irgendwelche Differenzen politischer Art. Wenn Graf Bülow und Minister Prinettt sich zurückziehen zu einem kollegialen Meinungsaustausch, bann kann nur em Thema in Betracht kommen: ber künftige Handelsvertrag mit Italien. Im Interesse unseres Gartenbaues sindd von der Mehrheit der Zvlltarifkommiffion bie Zölle auf eine Reihe ttalie- niscl)er Hauptausfuhrwaren, insbesondere auf Südfrüchte, zum Teil erheblich heraufgesetzt worden. Die Bertteter'der Regierung haben dagegen Einspruch erhoben; alber es scheint, daß auch in der zweiten Lesung des Tarifentwurfs das Ergebnis der Beratung und Abstimmung im wesentlichen kein anderes sein wird. Graf Bülow kann also Herrn Prinetti einstweilen nicht viel Hoffnungen auf einen Umschwung machen, er wird ihm nur versprechen können, daß die Regierung ihr Möglichstes thun will, das Reichstagsplenum zu einem größeren Entgegenkommen gegenüber den Wünschen des Verbündeten zu bewegen. Damit wird sich Herr Prinetti bescheiden müssen. Ein Schelm giebt mehr, als er hat.
Verhältnismäßig Wenige sind auserwählt, dem Einzug des Königs von Italien beizuwohnen. Soeben ergeht eine Bekanntmachung des Berliner Polizeipräsidenten wegen der Absperrungen. Begreiflicherweise keine populären Maßregeln. „Nach! Bedarf" werden auch die Bürgersteige der Straßen gesperrt, durch die der Zug seinen Weg nimmt. Die Fahrdämme sind für jeglichen Verkehr gesperrt. „Ich wollt', ich wär' dabei gewesen!" so wirb an diesem Tage gar mancher enttäuschte Einwohner Berlins mit dem Dänenprinzen Hamlet ausrufen.
Das Anarchistenor gan „Neues Leb en" brachte biefer Tage im Briefkasten unter „Bombe" folgende schamlose Notiz, bie zeigt, wie frech sich die Anarchisten ausführen:
„Ei freilich auch bei uns wird der am 28. d. Alls, ftattfinbenbe Besuch des Königs von Italien gefeiert werden. Zunächst haben unsere Genossen aus Paterson Platziv Bombonino, Iwan Dolchpwski und Dynamito Gly- cerino, Spreng indiäuftio ihren Besuch angekündigt. Tann haben mir aus gut informierter Quelle bie sichere Nachricht, daß am 28. August (unserem Expedttionstag) zur Feier des Tages bie Polizeiposten in der Nähe der Expeditton versechsfacht werden, — damit uns Anarchisten kein Leid geschieht. Bei ber hochwichtigen Bedeutung, bie solche Besuche für bas Volk haben, hat das Exekutivkomitee der Berliner Anarchisten beschlossen, in „Neues Seben" eine Abhandlung über die Nützlichkeit der Fürstenbesuche für das Volk und einen anderen Artikel über die Schad lichkeit der Attentate (insbesondere für bie davon Betroffenen) zu publizieren. Der Redatteur hat für diese beiden hochinteressanten Publikationen ein Extrahonorar von 1 Mk. 93 Pfg. erhalten (mehr war zurzeit nicht in ber Kasse). Diese Agitattonsnummer wird in einer Auslage von 75000 Exemplaren gedruckt und — probatum eft — per Luftballon in den Feststraßen verbreitet. Ist doch fein, nicht wahr? Ja man muß die Feste feiern, wie sie fallen." Wahrhaftig, diese Notiz ist der Gipfel der Schänrlosig- teit. Derartiges Gewäsch ist selbstverständlich nicht ernft zu nehmen, es ist aber gewiß angebracht, daß die Berliner Sicherheitsbehörden sich vorgenommen haben, die anarchistische Bewegung ganz besonders streng zu überwachen. Insbesondere ist, wie uns von anderer Seite gemeldet wird, an die Polizei-Organe Berlins und der Vororte An- weisung ergangen, wahrend der nächsten Tage die dort ansässigen, als verdächtig geltenden Italiener genau zu observieren.
Schließlich erhallen wir folgenden Drahtbericht: se. F r a n f f u r t a. M., 26. Aug. (Drahtbericht unseres fc.-Korrespondenten.) Wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahre, trifft der König von Italien am Sonntag, den 31. d. Mts., 6 Uhr abends, von Potsdam kommeno, in Frankfurt a. M. auf dem Hauptbahnhofe mit großem Gefolge ein und begießt sich nach dem Hotel Imperial am Opernplatz. Vom Bahnhof bis zum Hotel wird ihn eine Schwadron seines Regiments (1. Kurhessisches Husaren-Regiment Nr. 13, König Humbert von Italien) eskortieren. Am Opernplatz findet eine Parade stall, die der König persönlich abnimmt. Nach der Parade veranstaltet das Ofsizierkorps des Husaren- Regiments seinem Ches ein. Diner, an dem 70 Personen teilnehmen. Gegen 9 Uhr setzt der Königseine Reise nach Rom fort.
Mitüche Tagesschau.
Vom französischen Kulturkampf.
Die „Libre Parole" veröffentlicht einen von Francois Coppöe unb Eduard Dramont unterzeichneten Artikel mit ber Ueberscheift: „Die Liga für Verweigernngder Steuerzahlung". Dann wird bie Steuerverweigerung als ein Mittel bezeichnet, um sich „einer Regierung zu widersetzen, welche bie Achtung der Steuerzahler verloren habe, indem sie deren Eigentum, Freiheit unb Recht nicht respektiert". Ein Telegramm aus Mende berichtet, baß ber Gerichtshof von Marovejols sich nach Chanae begeben hat, um bort bei denjenigen Ordensschwestern, bie sich dem Gesetze nicht unterworfen habe».


