er &e£-erfdyt fre-<g-ten bfe von trat Svz-rcr^- b-em of rnten aufgestellten Kandidaten sowohl auf Seite der Arbeitnehmer- wie auch Geber.
§ Butzbach, 24. August. In der letzten Turnstunde tmfercr Volksschule stürzte das zehn Jahre alte Töchterchen des hiesigen Gerichtsdieners Luther bei einer ihr befohlenen Hebung am hohen Reck plötzlich ab und rücklings zu Boden. Auf dem letzteren war eine Matte oder Aehnliches als Vorkehrung gegen Unfälle nicht vorhanden, weshalb auch das Kind wie bewußtlos dalag. Bei der entstandenen Panik wurde zuerst nach den Eltern des Mädchens geschickt statt zu dem Arzt, und dieselben in besonderen Schreck versetzt. Glücklicherweise kam das Kind bald zum Bewußtsein, und es konnte feftgefteUt werden, daß es keine Verletzungen erlitten hat.
— Friedberg, 23. Aug. Der Großherzog wird um Mitte Septeinber auf ungefähr zehn Tage in dem hiesigen Großh. Schloß Wohnung nehmen, um von hier aus den Divisionsmanövern beizuwohnen, die bekanntlich in der Wetterau stattfinden. Zur Zeit wird im Schloß alles für die Ankunft des hohen Gastes vorbereitet. Eine zusammengestellte Kompagnie wird, wie in früheren Jahren bei Anlaß von längerem Verweilen des Großherzogs, die Wache am südlichen Burgthor und die Ehrenwache am Schloß versehen.
Q Friedbe rg, 22. Aug. Tas Grundstück, aus dem sich das Römerbad befindet, (vgl. unseren Bericht in Nr. 19ö des „G A."i, gehört der isarelitischien Gemeinde. Diese hat das baufällige Haus abgebrochen und beabsichtigt, hier einen Neubau zu errichten. In dem untersten Stock des alten Gebäudes befand sich der Eingang zum Bad, zu welchem ca. 90 Stufen führen, und eine Brunnenbrüstung, auf welcher jedenfalls ein Ziehbrunnen angebracht war. Gegenwärtig ist man damit beschäftigt, den Brunnen vollständig auszupumpen, und zu reinigen. Zur Renovierung des Römerbads hat der hessische Staat und ein Altertunisverein Summen zugesagt, man spricht von 2500 und 1500 Mark. Die übrigen Kosten des Neubaus, etwa 8000 Mark, deckt die israelitische Gemeinde.
Homburg, 24. Aug. Ter Kaiser hat, wie schon kurz mitgeteilt worden ist, unserer ihm so lieb gewordenen „Perle der Taunusbäder", eine große Ueberraschung bereitet. Aks er am Freitag bei seinem Spaziergänge durch den Kurpark das Aretier des Bildhauers Professor Fritz Ger 1h besuchte, um das für uns bestimmte Tenkmal für Kaiser Wilhelm I. in Augenschein zu nehmen, erkundigte er sich auch angelegentlich nach dem Schicksal des sogen. Landgrafendenkmals, das die Stadt zur Erinnerung an das ausgestorbene hessische Fürstenhaus zu errichten gedenkt. Tas nahezu vollendete Modell fand seinen Beifall, indessen konnte er sich nicht enthalten, zu fragen, warum man eigentlich den ersten, bedeutenderen Entwurf des Meisters nicht gewählt habe. „Gefallen hat die Skizze, Majestät", erwiderte Gerth, „aber man glaubte nicht, daß die Stadt die ersorderlicheu Mittel aufbringen könne." Tie Ausführung sollte ungefähr 40 000 Mk. kosten. „Nun", entgegnete der Kaiser, „dann will ich das Tenkmal ausführen lassen und es der Stadt schenken; die Homburger sollen ihre alten Grafen nicht vergessen." Schön nachmittags wurden der Oberbürgermeister v. Marx, der Baurat Jacobi mid der Kurdirektor Freiherr v. Maltzahn auf das Schloß befohlen, um mit dem Kaiser über die Platzfrage zu beraten. Ter Entwurf zum Denkmal soll sämtliche elf Landgrafen, die von 1622 bis 1866 in Hessen- Homburg regiert haben, in Reliefs zur Tarstellung bringen, außerdem .auch den Prinzen Leopold, der als Major in preußischen Tiensten in der Schlacht bei Groß-Görschen am 2. Mai 1813 den Heldentod sand. Besonders ausführlich soll Friedrich II. „mit dem silbernen Bein" (1681—1708), der Wiedererbauer des Homburger Schlosses uud Waffen- gefahrte des Großen Kurfürsten, behandelt werden, der sich um die Hebung des Landes durch Förderung des Ge- werbfleißes und durch Aufnahme von Hugenotten und Waldensern sehr verdient gemacht hat. In einer außerordentlichen Stadtverordnetensitzung beschlossen gestern Magistrat und Stadtverordnete der Stadt eine Adresse an den Kaiser, in der sie ihm für den Entschluß, dem Landgrafen von Hessen-Hornburg ein Denkmal zu errichten, ihren Tank aussprechen.
Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Ter gemischte Ausschuß für den Sängerwettstreit hat sich für die Errichtung einer provisorischen Fest halle ausgesprochen. Als Bauplatz ist das dem Eisenbaynsistus gehörige Gelände an der Forsthaus- straße in Frankfurt vorgesehen. Die Halle soll für 8000 Zuhörer, 1600 Sänger und 120 Musiker Raum bieten. — Generalkonsul Gerson, der in Frankfurt und im Großherzogtum Hessen seit vier Jahrzehnten die Geschäfte des königlich sächsischen Generalkonsulats und der Konsulate für die thüringischen Staaten führte, ist mit Rücksicht auf fein Alter von 82 Jahren nm die Enthebung von diesen Aerntern eingekommen.
Vermischtes.
"Berlin, 23. Aug. Ter 68jährige Geh. Sanitätscat T r. Hermann Schlesinger hat heute Selbstmord durch Vergiften begangen, lieber die Beweggründe zu der That hat sich bischer noch nichts ermitteln lassen.
* Saßnitz, 24. Aug. Tie von der Akt.-Ges. Siemens u. Halske in Berlin angelegten Stationen für drahtlose Telegraphie Saßnitz-Kolberg, deren Entfernung 170 Kilometer beträgt, tauschten heute morgen die ersten gedruckten und gesprochenen Tepcsch,en aus.
* Zu dem Raubmord an per Justizrätin Ihm er in Potsdam, über den wir schon berichteten, wird noch folgendes gemeldet: Tie Villa der Ermordeten besitzt drei Eingänge, von denen der Mörder den nach dem Garten zu benutzt hat. Die alte Dame war menschenscheu und geizig. Die Dienstboten klagten über äußerst kärgliche Kost, und es wurde sogar vor einigen Wochen in einem Gesindestreitsalle polizeilich festgestellt, daß das Mädchen nur eingeweichtes Brot und Fallobst erhalten hatte, während Frau Jßmer selbst hauptsächlich von Wurst lebte. Sie kaufte die Lebensbedürfnisse selbst ein, indem sie, m e in Umschlagetuch gehüllt, ausging. Wegen dieses Geizes wurde sie vor nicht allzulanger Zeil polizeilich angehalten, einem Dienstmädchen 42 Mark für Kost :c. zu zahlen Ende Juli dieses Jahres spielte sich vor der Villa ein Austritt zwischen der Justizrätin und drei Männern ab, und man glaubt, daß es sich auch da um Geltendmachung der Forderung eines Dienstmädck^nS handelte. Ter eine von den Männern hatte am Gitter geklingelt und, als man ihm mitteilte, die Justizrätin sei sehr furchtsam, crmiöcrt: „Ick bue sc nischt!" Gleich daraus hatte sich auffallenderweije die eine Gittertyür geöffnet, der Mann war, während je ine Genossen
sich im Gebüsch versteckten, an das Fenster getreten und hatte mit Frau Jßmer gesprochen. Nach der kurzen Unterredung traten die drei Leute zusammen und unterhielten sich, wobei der eine zu dem vorher am Fenster Gewesenen äußerte: „Na, denn gehste noch zur Polizei", worauf dieser in der Richtung der Villa ausrief: „Dir werd' ich's noch ein brock en." Andererseits machte sich ein Mann verdächtig, der die Villa am Donnerstag mittag verließ. Er trug ein Paket unter einem Arm und machte den Eindruck eines Arbeiters. Er schleuderte den an der Thür aufgehängten Frühstücksbeutel in das Gebüsch und stieg dann über das Gitter. Als dem Polizeikommissar gemeldet wurde, daß die Frühstücksbeutel zwei Tage von der Frau noch nicht in das Haus geholt seien, und daß der Terrier in den beiden letzten Nächten draußen gewesen und augenscheinlich sehr hungrig sei, begab er sich mit mehreren Beamten nach der Villa. Ein Schutzmann sah vom Hintergarten aus durch ein Fenster in die Stuben. Da er darin alles in Unordnung liegen sah, so verschaffte sichrer Kommissar gewaltsamen Eingang und fand Frau Jßmer an der Küchentreppe ermordet vor. Der Mörder hatte über die Leiche, deren Schädel mit einem stumpfen Instrument sehr schwer verletzt worden war, drei Decken gebreitet. Vermutlich hat der Mörder die Justizrätin, als sie ihm den Rücken zudrehte, niedergeschlagen. Der Kommissar erstattete von dem Morde sofort telegraphische Meldung, worauf alsbald der Polizeipräsident, der Erste Staatsanwalt mit bem Staatsanwaltsrat Tr. Mendelssohn und einer Gerichtskom- mission erschienen. Nach einiger Zeit wurde der Verdacht, auf eine bestimmte Person gelenkt. Ob und was der lÄ> morbeten geraubt wurde, konnte bei der grenzenlosen Unordnung und da niemand über die Eigentumsverhältnisse genau unterrichtet ist, noch nicht ermittelt werden. Am gestrigen Sonntag ist der Maler Otto Wagner aus Neuendorf-Potsdam, Vater des letzten Dienstmädchens der Justizrätin, wegen dringenden Verdachts der Ermordung der Rätin, von der Kriminalpolizei verhaftet worden. Er machte bei feiner Verhaftung einen Selbst- mordversuch und verwundete sich leicht.
"Ein Zweikampf. In Avignon fand zwischen zwei französischen Infanterie-Leutnants infolge eines Wortwechsels über die Schließung der Kongregationsschulen ein Degenduell statt. Beide wurden leicht verwundet.
" Duell zweier Offiziere. In Temesvar trugen der Oberleutnant im Husaren-Regiment Nr. 3 Baron Feilitzsch und der Leutnant im Infanterie-Regiment Nr. 101 Kumer ein Säb elduell unter schwersten Bedingungen aus, das ein blutiges Ende fand. Gleich beim ersten Gang wurde dem Leutnant Kummer durch einen wuchj- tigen Hieb der Schädel gespalten, und er mußte, lebensgefährlich verletzt, sofort ins Gamisonsspital transportiert werden.
"Prof. Doyen als Duellant. Der Pariser Chirurg Doyen, der das Zwillingspaar Dudica- Nadica mit Erfolg operiert hatte, sollte wegen dieses Falles in den letzten Tagen zur Waffe greifen, um feine Ehre zu verteidigen. Die Sache kam folgendermaßen: Doyen hatte die Lperalionsvorgänge photographieren laifen, sodaß sie finematographisch bemonftriert werden konnten. Er hat dies auf dem letzten deutschen Chirurgenkongreß in Berlin gethan und den lebhaften Beifall feiner Fachkollegen gefunden. Radica überstand die Operation sehr gut,'sie wurde später von neuem wegen Drüsenanschwellungen operiert und befindet sich jetzt ganz wohl. Doyen hegt und Pflegt sie und nennt sie scherzweise eine lebendige Katalognummer seines Museums. Dudica oder, wie die Pariser sie nannten: Tovendica, ist ihrer schweren Tuberkulose erlegen. Nun erschien kürzlich ein Artikel von Professor Legrain in Paris, in welchem behauptet wurde, Doyen lasse unter Vernachlässigung aller ärztlichen Würde auf einem Jahrmärkte in einer Pariser Vorstadt jenen kinematographischen Bilder- cyklus vorführen. Legrain habe das Budenschild mit dem Namen des Chirurgen mit eigenen Augen gesehen. Doyen antwortete, da ihm die Jahrmarktbude vollständig fern stand, mit einer Duellforderung, welche selbstverständlich in den wissenschaftlichen Kreisen Aufsehen erregte. Die Feststellung des Thatbestandes ergab schließlich, daß die kinematographischen Bilder Fälschungen waren, daß eine Wachspuppe als „Dudica" nach der Operation ausgeschrieen wurde, und daß — wie vorauszusehen war — der Budenbesitzer Professor Doyen nicht einmal kannte. Legrain nahm seinen heftigen Angriff zurück, Doyen erflärte sich befriedigt, und die Angelegenheit Dudica-Radica verlief ohne neuerliches Blutvergießen.
* Heber die Hochwasser-Katastrophe bei Meran in Tirol, bei der die Gattin des Leipziger Augenarztes und Univ.-Professors Tr. Schön, den Ä)d fand, liegen jetzt eingehende Berichte vor, aus denen wir folgendes entnehmen: In den Wänden des Jfinger, jener gefürchteten Pyramide, die nicht nur manchem Touristen das Leben kostete, sondern durch ihre Brüchigkeit schon manchen verderbenbringenden Muhrbruch verursachte, löste sich, durch den letzten wolkenbruchartigen Regen eine Menge Material los und wälzte sich durch das Naifthal, durch die im letzten Jahrzehnt erst hergestellten großartigen Nais- nerbauungen in das tiefe Bachbett eingebämmt, gegen Obermais. Die Hewohner der an der Naif liegenden Schlösser Vernaun, Goyen, Laders, Romitz, Trautmannstorff, sowie anstoßende Wirtschaften, Villen und Bauernhäuser beobachteten ängstlich das Wüten der Elemente auf den Berges- Höhen, bis plötzlich ein schreckliches Getöse erfolgte. Haushoch stürzten die rotbraunen, aus regengetränktem Sand und mächtigen Felsblöcken bestehenden Fluten ins Thal, alles im und am Wege Stehende mit sich reißend. Tas Jammern der erschreckten Anwohner wurde übertönt vom fürchterlichen Rollen des Baches, und als nach kurzer Zeit die Flut zu sinken begann, zeigte sich ein Bild grauenhafter Verwüstung. Am ärgsten hauste der Bach bei der Klosterrestauration St. Valarllin. Hier, wo sich das Gefälle des Vachbettes schon etwas verflacht, wurde seinerzeit auf Wunsch der Geistlichkeit als Besitzerin des großen Gutes trotz des Protestes des Obmannes der Naifbachgesellschast eine feste Brücke geschlagen. An dieser Brücke staute sich die Flut und trat zu beiden Seiten über die Ufer. Am linken Ufer stand nahe des Klosterhofes St. Valentin die vom Besitzer des Schlosses Trautmannstorff, Herrn von Teuster, vor zwei Jahren neuerbaute Pension Naifmühle. Dieses Haus bot Widerstand und stürzte sofort zusammen. Wenn man beb en ft, daß dieses Haus von ziemlicher Größe und aus massivem Mauerwerk ausgeführt war, kann man sich von der Gewalt der dahinwälzenden schlammigen Masse eine Vorstellung machen. Tas Haus war nur bewohnt von Frau Prof. Tr. Schön, welche dort am 8. August mit ihrem leidenden Sohne zu längerem Kuraufenthalt ein- getroffen war und einer Pflegerin Vermutlich befanden fich nur diese drei Personen im Hause. Kurz vorher machte |bcr Obermaiser Gemeindearzt Tr. Hans Jnnerhojer Visite
bei seinem Patienten und war eben aus dem Hause getreten, um die an stürm enden Wogen des Baches zu beobachten, als fast im gleichen Momente eine am Ufer stehende Frau, die Gattin eines Gärtners, von der Seite chres Mannes weg von den Fluten mitgerissen wurde und verschwand. Tr. Jnnerhofer wollte noch die Insassen der Naifmühle warnen, doch hatten die haushohen Wogen schon ihr Zerstörungswerk vollbracht und die drei genannten Inwohner unter den Trümmern der Naifmühle begraben. Tabei wurde Fran Prof. Luise Schön, welche im 54. Lebensjahre steht, während ihr Sohn und die Pflegerin, wenn auch mit einigen Verletzungen, und den Trümmern gerettet werden konnten. In Meran wurde auf die Kunde vom Ausbruche des Naif die Feuerwehr alarmiert, die zu gleicher Zeit auch von allen Ecken und Enden dngerufen wurde, um überschwemmte Keller- und Souterrainlokalitäten auszupumpen. Bei der Ankunft am Valentiner Hofe handelte es sich zuerst darum, eine Verbindung mit bem cm bem Ufer herzu stellen, was in dem tiefen Schlamm und bei der Steilhell der Ufer an dem reißenden und immer noch massenhafte Felsblocke mit» führenden Bache nur mit Lebensgefahr und aufopfernder Arbeit der wenigen am linksseitigen Ufer sich befindlichen Männer gelang.
* Aus den Alpen. Der Konservator des archäologischen Museums in Genf, Emll Tunant, der den 3700 Meter hohen Mont-Pleureux allein bestiegen hat, ist ab gestürzt. Tie Leiche ist berells geborgen. — lieber d i e Katastrophe am Wetterhorn wird folgendes Nähere berichtet: Zwei Eispickel fand man auf der Wetter- hornfpitze in den Schnee eingesteckt, einer war vom Blitz halb verbrannt. Tie Leichen von Fearson und Brawand waren vom Blitz geschwärzt, der Schädel von Brawand eingeschlagen, sein Pickel war vom Blitz angeschmolzen, der Schaft halb gespalten. Das Unglück ereignete sich ivähreud eines starken Gewitters am Mittwoch vormittag. Man glaubt, der Bruder Fearsons sowie der Führer Bohren seien über die himmelhohe Nordwand hinausgeschleudert worden; man hofft, diese zwei Leichen am Fuße der Felsen im Lawinenschnee zu finden. Heute wird nach chnen geforscht. Brawand und Bohren hinterlassen Frauen und jtinber. Brawand war Gemeindekassierer in Grindelwald. Im Hotel Schoenegg weilen seit einiger Zeit Vater, Mutter, drei Brüder und zwei Schwestern Der Verunglückten zwei Brüder Fearson. — Drei Touristen sind auf dem Grotz- Glockn er verunglückt. Genauere Daten fehlen zur Zell noch
Gerichtssaat
E. Gießen, 23. Aug. Ferienstrafkammer. Den Vorsitz führte Landgerichtsdirektor Dr. Güngerich, die Anklagebehörde vertrat Gerichtsassessor Schuhmann. — Durch Urteil Großh. Schöffengerichts zu Gießen vom 4. Juli 1902 waren die Schülerinnen Emma Strobel in Gießen wegen Diebstahls, Marie Lietz und Bertha Brühl wegen Hehlerei zur Strafe des gerichtlichen Verweises und die Peter Brühl Ehefrau von Gießen ebenfalls wegen Hehlerei nach § 259 des Str.-G.-B. in eine Gefängnisstrafe von zwei Wochen verurteilt worden. Gegen dieses Erkenntnis hatten die Ehefrau Brühl und ihre Tochter Bercha Berufung verfolgt Da letztere in der heutigen Hauptverhandlung nicht erschienen ivar, so wurde gemäß dem staatsanwaltlichen Antrag die Verhandlung über ihre Berufung vertagt, dagegen über die der Ehefrau Brühl verhandelt. Auf Grund einer umfangreichen Beweisaufnahme wurde folgender Thatbestand festgestellt: Es war dem Lehrer der Strobel und Lietz aufgefallen, daß die Kinder sehr vir! Geld zum Vernaschen hätten. Die Strobel gestand denn auch alsbald ein, daß sie einer Witwe Malkomesius in Gießen, bei der sie im Lausdienste war, aus einer Kommode etwa 30 ML gestohllm hätte. Dieses Geld hatte sie mit der kleinen Brühl und Marie Lietz teils vernascht, teils — wie die Angeklagte selbst zugeben mußte, dieser gegeben. Auch brachte sie der Angeklagten öfters Konsumwaren mit, die sie natürlich für dieses Geld gekauft hatte. Die Angeklagte will nicht gewußt haben, woher chre Tochter dieses Geld gehabt hätte. Ihre Tochter hätte ihr nur gesagt, sie hatte das Geld, es waren 7,50 Mk., von anderen Kindern. Sie hätte deshalb das Kind geschlagen und sei dann zum Staplern und mit diesem zum Lehrer gegangen; doch sei es zu spät gewesen, da die Untersuchung schon im Gange war. Besonders sprach gegen diese Tarslellungsweise derAngeklagten die Aussage der Schiüerui Strobel, die von Anfang an geständig gewesen war. Diese will zum Diebstahl durch die Aeußerung der Angeklagten, sie brauche noch Geld zur Konfirmation, ob sie es ihr nicht bringen könnte, verlettet worden sein. Später, wie die Sache schon in Untersuchung gewesen wäre, hätte die Angeklagte sie zu überreden versucht, auf der Polizei auszusagen, sie hätte nicht Frau Malkomesius, sondern chr das Geld genommen; sie hätte schon so viel für die Familie der Zeugiu gelogen, nun möge Zeugin auch für sie einmal lügen, damit die Sache nicht so weit käme. Das Verhalten der Angeklagten während der Untersuchung war mindestens zweideutig. Denn ziierst behauptete sie, die Kinder hätten das Geld in ein Taschentuch eingewickelt gefunden, dann, das Geld sei chr gestohlen worden, und wie das nichts hals, suchte sie auf die Mutter der Strobel und Lieg, sowie auf die Kinder selbst einzuwirken. Die Beweisaufnahme gestaltete sich jedoch infofern für die Angeklagte günstiger, als die Glaubwürdigkeit der Zeugin Emma Strobel durch das Zeugnis des Lehrers Wörner' und des Kaplans Tr. . Friedrich über ihre Wahrheitsliebe sehr in Frage gestellt wurde. Diese bekundeten nämlich, daß sie sehr verlogen sei. Der Gerichtshof verwarf sowohl die von der Staatsanwallschaft wie von der Anklagebehörde eingelegte Berufung. Es wurde bei der Begründung des Urteils hervorgehoben, daß die. Angel lagte sich hätte sagen muffen, daß die Strobel das Geld nicht auf richtige Weise erlangt haben könnte. Bei der Strafzumessung wurde mildernd die bisherige Unbestraftheit der Angeklagten, schärfend dagegen in Betracht gezogen, daß sie die Kinder nicht von ihren unredlichen Treiben abgehallen, sondern davon Nutzen gezogen hatte. — Daraus kam die Sache gegen Ludwig Ringe, Gärtner in Friedberg, zur Verhandlung. Es wurde ihni zur Last gelegt, daß er im strafrechtlichen Rückfalle 1. am 16. Oktober 1896 zu Gießen dem Brauereibesitzer Förtsch in Gießen eine Laterne im Werte von etwa 2,50 Mk., 2. im Februar oder März 1902 in Friedberg, dem Kaufmann Christian Heß aus dessen offenem Garten ungetähr 40 Johannisbeerstöcke und 3. im Frühjahr 1901 dem Gärlnereibesiyer Karl Hegar m Friedberg ungefähr 60 - 70 Stück Thujor (Lebensbäume) aus dessen nicht verschlossenen Garten genommen habe, in der Absicht, sich dieselben rechtswidrig anzucigneri. In der heutigen Hauptverhandlung wurde aus Grund zahlreicher Zeugenaussagen • und Sachoerständigen-Gutachten folgender Sachverhalt klargestellt. Ter Angeklagte hatte am 16. Oktober 1896 für seinen Tienflherrn Fleischhauer von Leihgestern dem Siebrauerei- bescher Förtsch Gerste zugefahren. Aus dem Heimwege nahm er eine Laterne mit, die fein Dienstherr später wieder zurückgab. Später im Jahre 1902 betrieb der Angeklagte in Friedberg etwas Gärtnerei auf gepachtetem Boden. Im Februar oder März wurden dem Raufmann Christian Heß zu Friedberg aus seinem Garten, der nut keiner Einsriedigung versehen war, ungefähr 40 Johannis- bcernbdc und dein Gärlnereibescher Hegar donselbst 60—70 Thujas (Lebensbäume) gestohlen. Aus Anzeige begab sich der Polizeiwachtmeister Weiß anfangs April mü eadioeqtänbigcn in den Heß'schen Ganen. Toll waren eine große Anzahl Johaimisbeerslöcke gewaltsam entfernt worden. Tarauf gingen der Wachtmeister und die Sachvcrsländchen m den Rotschild'schen Garten, in dem der Angeklagte etwa 4 Wochen vorher 11 Johannlsbeerstöcke em- gepflanzt hatte. Tic Sachverständigen stelllen fest, daß diese Stöcke den gestohlenen genau entsprachen. Wie die Stücke herausgenommen wurden, zeigte sich, daß sie nicht nach gärtnellscher Weise ausgegraben, sondern irgendwo ausgerifien worden waren. An den Stämmchen befand sich Moos und Grashalme. Tie Erde an den Stöcken war


