PREIS MEDJULLEljJ I*
Samstag, 25. Januar 1902
152, Jahrg.
Nr. 21
Eichener Anzeiger
Erscheint täglich mit Ausnahme des Sonntags.
General-Anzeiger, Amt;- und Anzeigeblatt für den Kreis Eiehen.
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Kirchhöfe zu erlangen, bcslattung angeführten Gründe erscheinen mir
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universllälsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen,
Die „Gießener Lomilienblätter" werden dem Anzeiger viermal wöchentlich beigclegt. Der »hessische Landwirt" erscheint monatlich einmal.
berichten. Die unsere Aufgabe, gedient. ^(Sehr
Verantwortlich für den allgemeinen Teil: P. Wittko; für den Anzeigenteil: H. Beck
Stören mit ,ferde8tärkeD Betrieb.
Mit allgemeinen Raisonnements ist uns nicht richtig I)
Die Behauptung, ich sei Vorstandsmitglied bandes deutscher Industrieller gewesen und als Ministerium gekommen, ich sei daher ein von
i und Lager- : Ausstattung.
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58, Telephon 27.
bei den Verhandlungen über den russischen Handelsvertrag dem hierüber berathenden Ausschuß sein Bureau in dankenswerther Weise zur Verfügung stellte, als dekorative Persönlichkeit in den Ausschuß eingetreten. Das bedeutete aber gar nichts. Was die Zuchthausvorlage anlangt, so habe ich nichts weiter gethan, als daß ich mich an dem bekannten Anträge Büsing-Möller-Sattler mit be- theiligte.
Vollständig unrichtig ist die Bemerkung, ich hätte nach Antritt meines Ministeramts auf einer Agitationsreise durch Rheinland und Westfalen gesagt, ich würde meinen ganzen Einfluß -ausbieten, um das Zustandekommen der Gewerbegerichtsnovelle zu verhindern. Erstens habe ich überhaupt keine Agitationsreise gemacht, sondern ich habe mich nur, einer Einladung folgend, von meinen ftniheren Wählern verabschiedet, und dann habe ich die mir vorgehccktene Sache überhaupt mit keinem Worte berührt. Das Ganze ist also pure Erfindung. (Beifall.)
Abg. Lenzmann (fteis. Vp.): Das Gesetz über den unlauteren Wettbewerb hat allerdings nicht die Wirkung erzielt, die man von ihm erwartet hatte. Gewiß hat ein Minister Rücksichten zu nehmen,
des Centtalver- solches in das
Hinsichtlich der Gewerbeinspektoren kann von Geheimerlasien keine Rede sein. Von meiner Seite handelt es sich hier um ein einfaches Schreiben, das einem Erlasse des Reichskanzlers und des Staatssekretärs des Reichsamts des Innern beigefügt und in dem Ministerialblatt meines Ressorts zum Abdruck gebracht ist. Die Berichte der Gewerbeinspektorcn sind auch nicht zu spät erschienen, sondern kamen im vergangenen Jahre bereits zu Anfang Juli heraus, während sich die Veröffentlichung bisher fast stets bis zum Spätherbst hinzog. Auch ich habe aber den Gewerbeinspektoren sagen lassen, sie möchten uns mehr Sachliches Schlußfolgerungen zu ziehen, ist in erster Linie
Auch die anbercn gegen die Feuer- juristischen, theologischen und kirchlichen nicht stichhaltig. Wir wünschen, daß die
.. — diesem privaten Organe abhängiger Mann, trifft nicht zu. Ich habe keinerlei Ursache, mich über die großen Verdienste dieses Verbandes hier zu äußern, ich kann nur erklären, daß ich mich von seiner Leitung schon als Privatmann ferngehalten habe und noch mehr als Abgeordneter. Ich habe mit der Leitung des Ccntralverbandes nie etwas zu thun gehabt (Hört! Hört! rechts), ich bin nur, als der Centralverband
26, Wiu,r
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aber ein Minister soll die Ansichten auch als Minister vertreten, die er als Abgeordneter gehabt hat. Sie kennen bis jetzt nur Minister von der rechten Seite. Rehmen Sie einmal einen Minister von der linken Seite, dann werden Sie sehen, daß dieser auch als Minister seinen bivljerigen Ansichten treu bleibt. (Lachen rechts.)
Ich oabc mich eigentlich nur zum Wort gemeldet, um über eine wichtige Kulturfragc, die Feuerbestattung, zu sprechen. Der Staat kann über einen Leichnam nur verfügen, wenn cc> das Interesse der Gesammtheit erheischt. Die Gei nntheit Hai aber kein Interesse daran, ob man sich begraben oder verbrennen läßt. Gegen das Verbrennen tunn man sanitäre Gründe nicht anfiujrcn. Eher önnte man aus solch-n Gründen das Begrabcnlassen verbieten. Verbrennen kann sogar unter Umständen, bei beuchen u. s. iv.. nothwcndig erscheinen. Jetzt werden ja auch schon Leichcntheile in der Anatomie z. B. verbrannt. Eine Verbrennung empfiehlt sich auch deshalb, weil es immer schwerer ist, in großen Städten
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der Bahnstation.
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spiel dafür, wie man Sozialpolitik nicht treiben soll. Wenn man den Landwirthcn jetzt nicht Hilst, so werden diese gcnöthigt fein, sich selbst zu helfen, indem sic auf genossenschaftlichem Wege ihre Versorgung mit allen Lebensbedürfnissen selbst in die Hand nehmen, und insbesondere auch eigene Bäckereigenossenschaften gründen. Ich würde das im Interesse der Handwerker bedauern, aber es wird im äußersten Nothfalle den Landwirthcn nichts Anderes übrig bleiben, als nach diesem Strohhalm zu greifen. Die sächsischen Fabrikinspektoren haben bei allen ihren Berichten die größte Objektivität bekundet, und ich muß daher die ihnen von Herrn Fischer gemachten Vorwürfe zurücklvcisen.
Die Freizügigkeit wollen auch wir nicht aufheben, wir hrttc. nur ihre Auswüchse beseitigen. (Lachen links.) Das ist uns auch von dem früheren Landwirthschaftsminister zugesagt worden. Eine gute Heimathspolitik ist durchaus nothwcndig, um das deutsche Reich kräftig und gesund zu erhalten. Daß das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb ein Messer ohne Heft und Klinge ist, darüber, glaube ich, sind wir uns Alle einig. Sie Alle werde Fälle kennen, in denen dieses Gesetz in der Judikatur versagt hat. Wenn auch jetzt noch keine organische Revision des Gesetzes vorgenommen wird, so sollten doch wenigstens hinsichtlich des Ausverkaufswesens in ba§ Gesetz sofort spärfere Bestimmungen ausgenommen werden. Fast alle Handwerkerkammern haben gewünscht, daß der Nachschub von Maaren bei Ausverkäufen verboten wird. Der Schutz des Mittelstandes ist unbedingte Nothwendigkeit, denn wenn wir nur Arbeiter und Millionäre haben, dann sind wir auf dem besten Wege zum Zukunftsstaat. (Beifall rechts.)
Preußischer Handelsminister Möller: Die gestrige Ausführung des Grafen Posadowsky, daß man mich nach meinen Thaten als Mnister und nicht nach stühcren Reden als Abgeordneter be- urtheilen soll, kann ich selbstverständlich nur unterschreiben. Sollten Sie anderer Meinung sein, so würden Sie damit sagen, daß cs ein Unding wäre, wenn überhaupt einmal ein Abgeordneter Minister wird. Jeder, der in die Regierung eintritt, hat mit anderen Augen die Dinge anzusehen, wie als Abgeordneter. Er steht nicht nur unter dem Drucke größerer Verantwortlichkeit, sondern auch unter dem Gefühl, daß er hundert Rücksichten zu nehmen hat, die nicht vorliegen, wenn er einen einseitigen Parteistandpunkt vertritt. Herr Fischer hat mir den schweren Vorwurf der Unwahrheit gemacht, wenn ich behauptet habe, die sozialdemokratische Partei erhebe Beiträge von den Krankenkassen. Diese Behauptung ist zu wiederholten Malen durch die Presse gegangen, aber nicht berichtigt worden; und ich glaube auch, hier im Hause ist sie aufgestellt worden, ohne daß eine Berichtigung erfolgte. Angesichts dieser Thatsache können Sie mir nicht den Beweis der Wahrheit für meine Behauptung zuschieben, im Gegentheil, es liegt jetzt an Ihnen, chic Sache zu entkräften. (Lachen bei den Soz., Zuruf des Abg. Fischer: Ist ja geschehen.) Wenn Herr Fischer widerspricht, so nehme ich selbstverständlich meine Aeußcrung zurück. Ich kann sie nicht beweisen, aber sie hat in der Presse gestanden, und übrigens liegt die Sache mehr als fünf Jahre zurück. Was die Bäckereiverordnung anlangt, so kann ich nur mittheilen, daß die Verhandlungen über ihre Abänderung von Neuem in Gang gekommen sind, da nunmehr die Berichte von den Provinzialbehörden fämmtlich eingelaufen sind. Es geht als zweifellos aus diesen Berichten hervor, daß in den Bäckereien vielfach Mißstände in Bezug auf innere Einrichtungen und familäre Verhältnisse bestehen und nach dieser Richtung eine Erweiterung der bezüglichen Vorschriften nothwendig ist. Andererseits aber ist zu berücksichtigen, daß die Bäckereiverordnung vor allen Dingen die mittleren Betriebe schwer trifft. Schon als Abgeordneter habe ich es immer betont, daß man diesen mittleren Betrieben gegenüber mit fami- lören Vorschriften vorsichtig sein muß, den Handwerkern, die ein eigenes Haus bereits haben, wird man es nicht auferlegen dürfen, von heute auf morgen große Aenderungen vorzunehmen. (Sehr richtig, rechts.) Auch im Fabrikbetriebe erläßt man ja Vorschriften für ba§, was künftig zu geschehen hat in neuen Betrieben, während man gegenüber den alten eine gewisse Schonung walten läßt. Wenn die Uebelstände sehr groß sind, dann wird man allerdings auch diese Rücksicht nicht anwenden dürfen, aber sonst wird man eine gewisse Karenzzeit gewähren müssen. Im Ucbrigen herrschen über die Vorschriften der Bäckereivcrordnung große Meinungsverschiedenheiten; sie sind auch die Ursache gewesen, daß sich die Verhandlungen so sehr in die Länge gezogen haben, und sie machen es uns nicht leicht, eine allseitig befriedigende Remedur eintreten zu lassen. Ich habe es stets betont, auch im preußischen Abgcordnetenhause, daß man mit dem Erlaß solcher Verordnungen vorsichtig fein muß; das ist auch mein heutiger Standpunkt, jedenfalls aber halte ich dafür, daß Rückschritte, die eine Schädigung der Arbeiter mit sich bringen, unmöglich sind.
Parlamentarische Verhandlungen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
126. Sitzung vom 24. Januar.
1 Uhr. Das Haus ist ä u ß e r ft schwach besetzt. Am Bun- veZrathstisch: Graf Posadowsky u. A.
Die zweite Berathung des Etats des Reichsamts des Innern wird beim Titel „Gehalt des Staatssekretärs" fortgesetzt. Mit zur Debatte stehcn die Resolution Wassermann (nat.-lib.), die eine jährliche Uebersicht über die Arbeitsverhältnisse in den Betrieben des Reichs und den Werkstätten der Heeresverwaltung fordert, die Resolution Roesicke (wild-lib.), die ein Gesetz betreffend die Errichtung kommunaler Arbeitsnachweise auf paritätischer Grundlage, und die Resolution Albrecht und Gen. (Soz.), die das Inkrafttreten der Zinkhütten-Ordnung fdjon zum 1. Oktober dieses Jahres begehrt.
Neu eingcgangcn ist zu diesem Titel eine Resolutton Basser- mann (nat.-lib.) und Gen., durch welche der Reichskanzler ersucht wird, im nächsten Etat eine finanzielle Unterstützung für das. Internationale Arbeitsamt in Basel vorzu- sehen.
Abg. Schwarze ((Str.): Ich muß meine Partei gegen die Angriffe des Abg. Fischer in Schutz nehmen. Die neuliche Rede meines Freundes Hitze beweist doch, daß wir eine kräftige Sozialpolitik wollen. Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne chr, das ist der Standpunkt der Sozialdemokraten. Sie sind der wahre Jakob in der Sozialpolitik (Heiterkeit), das Centrum verfolgt nur erreichbare Ziele. Auf die katholischen Arbeiter werden Sie mit Ihren Reden keinen Eindruck machen. Wir wahren den Standpunkt ausgleichender Gerechtigkeit. Wir stellen darum auch keine extremen Forderungen, aber wir wollen dem Lande einen kräftigen Bauernstand erhalten. Die Geschichte beweist, daß das Ccntrum in der Sozialreform immer auf dem Platze ist. Das beweist auch unser Antrag in der Zolltarifkommission, die Zollüberschüsse zur Wittwen- und Waisenversorgung zu verwenden. Die Sozialdemokraten verlangen, daß man ihren Reden hier aufmerksam lauscht, ober als gestern der Kollege Roesicke redete, waren von Ihnen nur sieben Mann anwesend. (Lachen bei den Sozialdemokraten.) Das Centrum verhetzen Sie gegenüber dem Lande, weil Sie wissen, daß Sic im offenen ehrlichen Kampfe seine Macht nicht rauben können. Daß die Sozialreform jetzt in einem langsameren Tempo als früher fortschreitet, ist allein Schuld des BundeSraths, und auch das Centrum ist der Ansicht, daß man wieder zu einem schnelleren Arbeiten auf diesem Gebiete gelangen muß. Was die Gewerbeinspektoren anlangt, so würde ich es kehr bedauern, wenn man ihnen in geheimen Erlassen wirklich den Mund verboten haben sollte. Man sollte ihre Thätigkeit erweitern und auch das Bauhandwerk den Gewerbeinspektoren unterstellen, da die schon so oft geforderte reichsgesetzliche Regelung der gesammten Verhältnisse im Baugewerbe wohl doch nicht so bald «Pi erlangen fern wird.
Bairischer Ministerialdirektor von Herrmann: Die bairische Regierung wendet den Bauunfällen fortgesetzt ihre Aufmerksamkeit zu. Sie hat nicht nur Bauunfall-Verhütungsvorschriften erlassen, sondern auch Bauaufseher angestellt, die den Kreisen der Arbeiter entnommen sind. Außerdem aber strebt die bairische Regierung danach, daß für das Bauhandwerk der Befähigungsnachweis eingefüyrt wird. Sie hat sich in dieser Frage nicht nur mit den Handwerkerkarnrnern, sondern auch mit den einzelnen Regierungen zwecks reichsgesetzlicher Regelung in Verbindung gesetzt. Die bairiscbe Regierung hat also Alles gethan, was in ihren Kräften stand, um die Zahl der Bauunfälle zu vermindern.
Abg. Oertcl (kons.): Der Befähigungsnachweis im Baugewerbe ist eine spruchreife Frage. Wie in der ganzen Sozialpolitik, so möchte ich auch in diesem Punkte dem Grafen Posadowsky zurufen: Etwas mehr Dampf, Herr Staatssekretär! Die Frauenftage wollen wir hier nicht lösen, sonst dürfte der Staatssekretär etwas zu lange auf die Bewilligung seines Gehalts warten. Bei der Ausdehnung der Erwerbsgelegenheiten für die Frauen dürfen wir nicht die Schranken außer Acht lassen, die dem Weibe von Gott und der Natur gezogen sind. Es ist auch nicht zu verkennen, daß, je mehr sich der Mann von der Frau Konkurrenz machen läßt, er um so weniger in der Lage ist, einen Haushalt zu begründen. Wir befinden uns also in einem circulus vitiosus, was wir auf der einen Seite für die Frauen thun, nehmen wir ihnen auf der anderen Settc. Herr Müller-Meiningen meinte: Wer da sagt, daß die Frau ins Haus gehört, muß auch dafür sorgen, daß jede Frau von Staatswegen einen Mann bekommt. Nun, was ich in dieser Beziehung nach Lage der Gesetzgebung und der christlichen Religion thun konnte, habe ich gethan (große Heiterkeit), ich habe in dieser Beziehung um hundert Prozent mehr gethan, als Herr Müller. (Heiterkeit.) Wenn er den Zolltarif als den Nährvater der Ehelosigkeit bezeichnete, so erinnere ich Herrn Müller daran, daß die Ehcfurcht und Ehelosigkeit nicht in den Kreisen herrscht, die mit der Noth des Lebens kämpfen, sondern gerade in den gut fituirten Kreisen. So lange wir nicht im Schlaraffenland leben, wo die Kinder auf den Bäumen wachsen, oder wo die blinder nicht wie der tomunkulus in der Retorte destillirt werden, sondern die Frauen die inder gebären, werden wir gewisse Berufe den Frauen immer verschließen müssen.
Die Aeußcrung des Staatssekretärs über die Sozialdemokratie war nicht glücklich und nicht gut, denn die Sozialdemokratie ist nicht die Arbeiterpartei, sondern eine rebolutionöre ^artCm t. ®j n 9 e r ruft: Sehr richtig!) Wir sind auch
eine Arbeiterpartei, aber wir wollen die Arbeiter nur insoweit S uiit der Verfassung und den Gesetzen vereinbar ist.
Wie stellt sich bei der Sozialdemokratie Theorie und Praxis? Der Leipziger sozialdemokratische Konsumverein hat eine Million Dividende vertheilt, das ist % mehr, als die sämmtlichcn Angestellten an Gehältern bekommen. (Hört! Hört! rechts.) In anderen sozialdemokratischen Konsumvereinen hat man mit ausdrücklichem Hinweis auf die Schmälerung der Dividenden eine Erhöhung der sehr niedrigen Löhne und Gehälter abgelehnt. Die Angestellten selbst haben ihren Klagen lauten Ausdruck gegeben, z. B. in einer Versammlung in Berlin, wo Worte wie „Menschen- schindercl", „Profitwuth" die mildesten Ausdrücke waren. Für eine besonnene, maßvolle Sozialpolitik sind alle meine politischen Freunde. Selbst wenn die Lasten hierfür noch größer werden würden, die Großindusttie würde sie schon in chr Exernpel hinein- kalkuliren, aber der Mittelstand muß geschont werden. Eine gesunde Sozialpolittk muß zugleich Mittelstandspolittk sein. In der letzteren ist man aus dem Stadium der ewigen Erwägungen noch nicht herausgekommen. Die Bäckereiverordnung ist noch immer nicht aufgehoben, obwohl sich gerade der mittlere Bäckereibetrieb absolut in denselben nicht hincin- sinden kann. Warum soll denn immer gerade der Mittelstand das Versuchskaninchen sein? Die Bäckereiverordnung ist nur ein Bei-
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Errichtung von Krematorien an allen Orten gestattet tvcrde, dann werden auch die Kosten der Verbrennung nur sehr gering sein. Die verbündeten Regierungen müßten aber zunächst eine obligatorische Leichenschau Vorschlägen. Jetzt ist nur in einigen Bundesstaaten eine solche Leichenschau. Nach Einführung einer Leichenschau würden keine juristischen Bedenken mehr gegen eine fakultative Lcichenverbrennung geltend gemacht werden können. In Preußen scheinen allerdings mehr andere Gründe die Leichcnverbrennung zu hindern. Tie Allmacht der katholischen und auch der evangelischen Kirche hindert dort die Einführung der fakultativen Feuerbestattung. Aber wenn der allmächtige Gott aus den verwesten Leichenresten einen neuen verklärten Menschen schaffen kann, kann er cs sicher auch aus den Aschenresten. Die Lcichcn- vcrbrennung hat mit der Unsterblichkeit der Seele nichts zu thun.
Vieepräsident Gras Stolberg: Ich möchte den Redner daraus ausmerksam machen, daß seine Betrachtungen in dieser Ausführlichkeit doch nur in losem Zusammenhänge zu dem Gehalt des Staatssekretärs stehen.
Abg. Lenzmann (fortfahrend): Wenn man die Lcichcnbe- ftattung als durch Jahrhunderte geheiligte Institution betrachtet muß man logischer Weise auch die Civilehe aufheben und die Leib» eigcnschaft wieder entführen. Denn auch hier handelt es sich um solche Institutionen. Aber der Fortschritt der Zeit besteht doch darin, daß man fortschreitet. Wir wollen ja keine obligatorische Leichenverbrennung, sondern ,iur eine fakultative. Wir schonen also Ihr Gefühl, schonen Sie auch das unsere und zwingen Sie uns nicht dazu, geschehen zu lassen, daß das Auge, das uns gestern noch liebevoll angebhdt bat, morgen das Opfer des scheußlichen Wurms wird. Die Schule wollen Sie uns schon nehmen, lassen Sie uns wenigstens die Todten! (Beifall links.)
Abg. Wurm (Soz.): Es ist ganz verfehlt, die Frage der Feuerbestattung mit der religiösen zu verquicken, denn erstere ist nur eine sanitäre, eine hygienische Frage. Herr Möller will jetzt nicht für seine Abgeordnetenreden verantwortlich gemacht werden, aber er ist doch gerade wegen dieser Reden Minister geworden. Mein Kollege Fischer hat dcn Minister gefragt, ob er die als Minister gesagte grobe Unwahrheit, daß die Kassenärzte 25 Proz ihres Einkommens unserer Parteckasse zuführen müßten, zurück- nehmen werde. Wir brauchen doch wahrlich auf solche' blöd» sinnige Anschauungen nichts zu erwidern. Der Minister sagte, er habe mit der Leitung des Centtalverbandes nichts zu thun ge* habt, sondern sei dort nur eine dekorative Person gewesen. Vielleicht ist er als Minister auch nur eine dekorative Person. Der Minister sagte, die Rede über die Gewerbegerichte hätte er nicht gehalten, aber sie hat doch in allen Zeitungen gestanden. Herr Qertel hat ganz Recht, wir haben uns nicht gemausert, wir sind die alte, revolutionäre Partei. Doch wollen wir keine Revolution mit Sensen und Heugabeln, mit denen Sie (nach rechts) uns beglücken wollten, sondern eine Revolution der Köpfe. Für die schlechten Löhne in Arbeiterkonsumvereinen sind wir nicht verantwortlich. Wir verurtheilen es auf das Schärfste, wenn der Dividenden wegen schlechte Löhne gezahlt werden. Sie, die Sie die Freizügigkeit aufheben und die alte Gesinde-Ordnung aufrecht erhalten wollen, haben fein Recht, uns Vorwürfe zu machen. Kehren Sie vor Ihrer eigenen Thürel Mit Ihren Reden gegen die Bäckereiverordnung wollen Sie nur die Bäckermeister zu sich herüberlocken. Aber cs wird Ihnen doch nicht gelingen, die Bäcker werden auch einsehen, daß der Brodwucher und der Zolltarif auch sie schädigen wird. Dem Gehege der Zähne des Staatssekretärs ist gestern das Wort entflohen, wir feien die Arbeiterpartei. Herr Oertel sagte, seine Partei sei auch eine Arbeiterpartei. Er ist aber gegen die Arbeiter, während wir für sie sind. Das meiste Elend heute könnte gelindert werden, wenn man eine wahrhafte Sozialpolittk triebe. Wenigstens ben zehnstündigen Maximalarbeitstag sollte man doch einführen, und ein Reichsarbeitsamt errichten. Der Reichskanzler sagte im Vorjahr, das Wichtigste ist, festzustellen, was ist. Der Staatssettetär aber will gerade verhindern, was ist, weshalb legte er den Gewerbe-Inspektoren einen Maulkorb an. (Graf Posadowsky ruft: Nein!) Nun, wozu war denn der Geheimerlaß? Früher gab cs einen Staatssekretär, der war froh, als er sich in die Öffentlichkeit flüchten konnte. Die Gewerbeaufsichtsbcamtcn müssen ausführlich sagen dürfen, was sie denken, die blanken Ziffern ohne Raisonnements haben gar keinen Werth. Leider steht auch noch der Berlepsch'schc Erlaß in Kraft, daß die Gewerbe-Inspektoren mit Arbeiter-Organisationen nicht in Verbindung treten dürfen. Ein Mitglied dieses Hanfes, das sich durch Anti-Arbeiterfreundlichkeit auszeichnet, der Abg. Schlumberger, hat kürzlich den Kronenorden bekommen. Dem Verdienste seine Krone! Der Reichskanzler sagte neulich, der Bundesrath habe gar nichts zu sagen, die Bundesrathsmitglieder sind nur Puppen, die nur ja und nein sagen, wenn an der Strippe gezogen würde. Auch sagte der Reichskanzler: lieber die Einbringung von Vorlagen haben Sie gar nichts zu sagen, das ist Sache der Krone. So versteckt sich einer hinter den andern. Wenn Sie die Könige und Fürsten Preisgeben wollen für all den Zorn, den Unwillen in der Arbeiterschaft, gut, wir haben gar nichts dagegen. Unbegreiflich ist es, daß man das Inkrafttreten der Zinkhüttenverordnung bis zum 1. Oktober 1903 hinausschieben _und somit noch 1% Jahre lang die Arbeiter dem mörderischen Einwirken der Bleivergiftung schutzlos preisgeben will. Wir verlangen, daß diese Verordnung bis spätestens zum 1. April dieses Jahres in Kraft tritt und erwarten, daß unsere bezügliche Resolution von der Regierung berücksichtigt wird. Wahrscheinlich ist Minister Müller der verantwortliche Redakteur, der an der verzögerten Durchführung der Zinkhüttenverordnung die Schuld trägt. Die Verwendung von weißem Phosphor zur Zündholzfabrikatton muß direkt verboten werden, da sich alle Schutzvorrichtungen als unzureichend erwiesen haben. Diejenigen, die sich eine Phosphornekrose zugezogen haben, bekommen nicht einmal die Unfall- oder Invalidenrente, denn einmal sagt man: die Phosphornekrose ist kein Unfall, sondern eine Krankheit, und das andere Mal sagt man: Sie sind kein Invalide, denn Sie bleiben arbeits-


