152. Jahrg
Freitag, 24 Oktober 1902
Nr. 250
den
assessor Curschmann vor, beglückwünscht sodann den Stadtverordneten Tr. Schäfer zu seiner Wiedergenesung, und gicbt dem Bedauern über die schwere Erkrankung des Beigeordneten Grüneberg Ausdruck.
Die infolge der Neuorganisation der städtischen Volksschulen zum Rektor, bezw. zu Hauptlehrern ernannten Herren Hahn, Schaaf und Knauß haben den Bürgermeister beauftragt, der Stadtverordneten-Versammlung für das durch ihre Wahl in sie gesetzte Vertrauen zu danken.
Stadto. Pirr giebt hierauf in Betreff der in der vorigen Sitzung über die Eingabe der Gastwirte auf Aufhebung der Grenzsperre für Schlachtvieh geäußerten Angaben hinsichtlich der hohen Ferkelprcise eine Erklärung ab. Der Vorsitzende des landwirtschaftlichen Bezirksoereins Gießen habe in der letzten Hauptversammlung seine (Pirrs) Stellungnahme zur Eingabe der Gastwirte zu einem Angriff auf ihn benutzt und chm entgegnet, daß nicht die Magnaten aus der Provinz Ober- hoffen Ferkel verkauften, sondern die Bäuerchen. Herr Schleme sollte wissen, daß in der Provinz Schweinezucht gar nicht üblich ist; jede Woche kämen größere Transporte Jungschweme
Verantwortlich für den allgemeinen Tellr P. Witiko; für den Anzeigenteil: H. Beck.
Rotationsdruck und Verlag der Brühl'fchen Unioersitätsdruckerei (Pietsch Erben), Gießen.
Sitzung der Stadtverordneten.
Gießen, 23. Oktober 1902.
Anwesend: Bürgermeister Mecum, Beigeordneter Georgi, die Stadtverordneten Brück, Emmelrus, Euler, Faber, Dr. Gaffky, Dr. Gutfeisch, Hanau Haubach, Heichelheim, Helfrich, Jann, Jughardt, Keller, Kirch, Krumm, Lerb, Loder, Loos, Petri, Pirr, Dr. Schäfer, Schaffftaedt, Schmoll und Wallenfels. .
Entschuldigt: Beigeordneter Grunebcrg, die Stadtverord- netto Dr. Fuhr, Heyligensta-dt und Schiele .
Bürgermeister Mecum stellt vor Eintritt m die Tagesordnung der Versammlung den neu ernannten Magistrats-
Kolonialpost.
London, 23. Okt. Eine Washingtoner Drahtung des Daliri Telegraph" bestätigt die E n t s ch e r d u n g d e - Königs von Schweden. Dieselbe habe Ueberraschung hervorgerufen, weil erwartet wurde, der König wurde ent-
Parlamentarisches.
Berlin, 23. Okt. Reichskanzler Graf Bülow nahm an derheutigen Reichstagssitzung-nicht teck weck erdem & n ;P r in Potsdam Vortrag hrelt. Zn «lreicyslagsrreiien ö sich dabei um eine Besprechung b« partometiärWn gitLation handele wie sie durch die bisherigen Wstimmllngen des Reichstages über den Zoll- -? ss"
Regierungen weder daran dachten, den Reicysrag auszu W noch chre Zolltarif-Barlage zurü-^uziehen Tie Verbündeten Regierungen legten vielmehr Wert daraus, daß ihre Vorlage geschaftsordnungsmabig >n zw°ltei und dritter Lesung vom Reichstag erleorgl wird. ------
scheiden, daß die aus Samoa gründete engliiai-amercka- nische Expedition notwendig war. ^eses Ergebnis des Schiedsspruches werde der tyälrgen Det^rbung des Falles durch bie deutsche Regierung zuge'chrreben. ^.re Vereinigten Staaten würden die EntsKeidung des Königs als Praze- fall anerkennen. ________
mCn naoien""?i ch e r Abstimmung wird der Schl u tz • antrag mit 209 gegen 104 Stimmen angenommen. Nur die Sozialdemokraten, die Freisinnigen und em kleiner Theu der National-Liberalen stimmten dagegen. Der Präsident hat sich der Abstimmung enthalten.
Abg Müller-Meiningen (frei). Vp.) konstatrrt zur Geschastr- ordnung, daß er durch den Schluß verhindert worden sm, aus Aeußcrungen des Abg. Heim zu erwidern.
Abg. Sargmann 'freis. Vp.) konsratirt, daß es ihm durch den Schluß der Debatte unmöglich gemacht worden sei, die Bedenken der kleinen und mittleren Bauern Oldenburgs gegen Hafer- und Gerstenzölle borzubringen.
Es folgen die Abstimmungen, zunächst die über dui Antrag Dr. Heim auf einen Minimalzoll von 6 Ml. für ® C ^Der Antrag Heim wird in der — auf Antrag der Sozialdemokraten — namentlichen Abstimmung mtt 242 gegen 83 Stimmen abgelchnt. Dafür stimmen daS bairische Centtum, der Bund der Landwi.rthe, ein Thcil der Konservativen und Antt- semiten und die National-Liberalen von Kaufmann-Helmstedt, Lichtenberger, Graf Oriola, Deinhard. Zwei Abgeordnete haben sich der A b st i m m u n g e n t h a l t e n. Dagegen stimmen die anderen Parteien.
Hierauf wird in namentlicher Abstimmung der Kommissionsbeschluß auf einen Gersten-Minimalzoll von 5,50 M k. mit 183 gegen 133 Stimmen angenommen. Dafür stimmen: Centrum, Konservative, Reichspartei, Antisemiten und die National-Liberalen: H i s ch e, v o n K a u f m a n n, Lichtenberger, Graf O r i o l a und D e i n h a r d ; 6 Abgeordnete haben sich der Abstimmung enthalten. Dagegen stimmen die anderen Parteien. ,, . .
Es folgt die Abstimmung über die Posttlon Gerste deS
Ö ^De/ Antrag der Kommission (7 Mk.) wird gegen die Freisinnigen und Sozialdemokraten a n g e n o m m e n. Damit ist die Regierungsvorlage (4 Mk.) gefallen.
Nun erfolgt die Absttmmung über Hafer.
Präsident Graf Ballestrem theilt mit, daß Abg. vr. Henn seinen Antrag auf 6 M k. M i n d e st z o l l für Hafer, m Konse- ouenz der Ablehnung seines Antrags über Gerste, zurückgezogen habe.
Es wird daher über den K o m m i s s i o n s a n t r a g zum Tarifgeseh (5,50 Mk. Mindestzoll) abgestimmt, und zwar auf Anttag der Sozialdemokraten namentlich.
Der Kommissionsantrag wird mit 180 gegen 139 Stimmen angenommen. 2 Abgeordnete haben U.der Abstimmung enthalten. Die Parteigruppirung ist un We,entlichen dieselbe, wie bei der Abstimmung über Gerste.
In »der darauf folgenden einfachen Absttmmung über die Position Hafer im Tarif (nach der Regierungsvorlage 6 Mk., nach der Kommission 7 Mk.) wird der Antrag der K o m m i s s i o n auf 7 Mk. mit derselben Mehrhett angenommen.
Die Weiterberathung wird auf Freitag 1 Uhr vertagt.
Schluß 6 Uhr.
auf einem ganz anderen Standpunkte gestanden als heute; jetzt ist > es mit vollen Segeln in den Militarismus und M°r'Nismus hinein- gesteuert. Deshalb trauen wir ihm mcht, wenn es-sagt, es wolle Re Zollüberschüsse zur Schaffung einer Arbeiter-Wittwen- und Waisen- Versorgung festgelegt wissen; wenn erst wieder neue Schifte und neuc^Kanonen gefordert werden. dann wird e- diesen angedt.chen Vlan sehr bald zu Grcwe tragen. Bei den kleinen Landwirthcn befragt im Durchschnitt die Einnahme aus Viehzucht 40 Prozent ihrer Gesammteinnahme. Es liegt also auf der. Hand, daßdurch einen hohen Futtermittelzoll ihre Existenz auf das Schwer e gefährdet wird, und es wäre somit die Annahmedes 6°lltar s ein nationales Unglück. Fort mtt diesem Zolltarif I Fort mit dem Zollgesetz I (Beifall bei den Sozialdemokraten.)
ö Dr. Heim ((Str.): Ich mochte die Regierung ersuchen, unS doch endlich einen stichhaltigen Grund dafür anzugeben, warum f.e den Gerstcnzoll so niedrig bemessen hat Wir kennen keinen wirth- fchaftlichen Grund, der dafür spricht, hie Gerste schlechter zu be^- handeln als die anderen Getrcidearten. Die Versuche, die gestern Herr Gothein machte, meinen Kollegen Gerstenberger zu widerlegen zeigen mir, daß er entweder Herrn Gerstenberger nicht verstanden hat ober daß er von der Sache nichts versteht. (Heiterkeit.) Dec Gerstcnbau ist immer mit einem großen Risiko verbunden. Die Gerste ist diejenige Frucht, die, sobald das Frühjahr kommt, der. Eitt- werthung entgegensieht. Aber welche Ansichten Herrscheri ,n (nach links) Kreisen. Sagte mir doch unlängst einer von $6"™- Senn Sie die Gerste jetzt nicht mtt Vortheil verkau en können dann lassen sie sie doch einfach bis zum nächsten Jahre liegen.
rechts und im Centrum.) Was man von Ihnen über landwirth- schaftliche Dinge hört, ist sehr oft der reine Gerstenschleim. (Heiter- kcit) Ich habe immer geglaubt, die Sozialdemokraten wurden un^ bei dieser Position vcrtheidigcn, denn w't Gerste und Hafer kann doch kein Brotwucher getrieben werden, und Antialkoholiker sind ^ne ja auch! (Heiterkeit.) Es ist von Preußen au-, Vorschlägen gewesen, die Gerste mit vier Mark zu verzollen. (Hort, hort!) Ich hätte nur gewünscht, daß unsere bairischen ^trctcrtnbJep®e^°^?aC(; benutzt hätten. Wenn sie nur aufgestanden waren und etwas gesagt hätten Aber sie haben den richtigen Moment verschlafen (Heiterkeit) Daß e8 den kleinen Brauern schlecht geht, liegt an her unlauteren Konkurrenz der großen Brauereien, welche die kleinen unterbieten. Bei uns in Baiern verkauft jetzt eine große Brauerei an eine Militärkantine das Maß Brer — das ist ein Littr und nicht
i »in kleiner Fingerhut, wie man ihn hier bekommt (.Heiterkeit) ' um 13’/2 Pfennige. (Hört, hört!) Dabei kann der kleine Brauer : nicht bestehen. Die kleinen Brauer werden von den großen aus- , gefressen. (Heiterkeit.) Und nun soll der Bauernstand Noth leiden, । damit die großen Brauereien nach bessere Geschäfte machen können.
Es find gerade die großen Brauereien unb nur bicjc allein, bie Gerste aus bem Auslanbc kaufen. Das ist ihr Patriotismus. Wenn bie kleinen Brauer erst ganz vernichtet sein werden, wo es für sie nur noch einen Strick geben wird, nämlich den zum Auf hangen (Heiterkeit), dann wollen wir einmal sehen, wie die Großbrauer sich zusammenschließen werden, um das „fluffige Brod zu vertheuern Du Reichskanzler hat davon gesprochen, daß bie Landwirtschaft mit 18, die Industrie aber nur mit 8 Prozent geschützt werde. q>a aber kann sich denn bie Lanbwirthschaft zu Syndikaten zusammenschließen? Das thut aber bie Industrie auf allen Gebieten. Es giebt sogar eine Menge internationaler Syndikate. Ich erinnere nur an bas für Thomasmehl, und diese Syndikatdildung wird sich auch auf das Gewerbe der Großbrauer ausdehnen Der Einwand, daß wir dem kleinen Bauer auch die Gerste vertheuern, ist schon vom Abg. Gerstenberger widerlegt worden mit bem Hinweis daraus, baß wir bie Futtergerste ja gern vom Zollschutz ausnehmen wollen Unb ich glaube, es werden sich trotz dem Abg. Gothein schon Mittel finden, die e§ ermöglichen, die Futtergerste zolltechnisch von der Braugerste zu unterscheiden.
Der Herr Abg. Müller-Meiningen hat nur vorgeworfen, meine ganze Haltung in der Zollftage fei inkonsequent gewesen. . Das ist einfach nicht der Fall. Meine Haltung in der Zollfrage ist in der erstell Lesung, in der Kommission und in der zweiten Lesung stets die nämliche gewesen. Unb auch bem Bund der Landwirthe gegenüber habe ich sie nicht im Mindesten geändert. (Widerspruch links.) Ja, Sie möchten wohl gern, daß wir unS entzwetten. Aber keine Bange, wir wissen doch, daß unsere Interessen schließlich zusammengehen. Aber dabei ist doch nichts, daß ich gerade einen Freund, wenn er meiner Ansicht nach eine Dummheit oder Uebereilung begeht, ein Bischen beim Ohr nahm (Große Heiterkeit.) I« Uebrigen bringen mich gerade Versuche, wie bie des Llbg. Muller- Meiningen, immer mehr zur Ueberzeugung, daß wir doch recht dumm wären, wenn wir gegen einander losziehen wollten, ((--ehr richtig! rechts.) Daß wir dadurch nur der Linken einen Gefallen thäten, die ja sonst nur auf Porzellanfüßen steht und umfallen würde, wenn man sie nur anbläst. (Heiterkeit.) Herr Muller- Meiningen erwiderte gestern auf bie Bemerkung, daß die Bauern sich vor der vielen Gerste gar nicht zu retten wußten derartige Klagen stammten nur aus Gegenden, wo man auf bie Behandlung der Gerste nicht bie geringste Sorgfalt verwende, wo man überhaupt wenig arbeite, sondern das ganze Jahr tanze und Kirmes feiere. Nun, ich glaube, die Besitzer dürften es wohl nicht sem, die tanzen, sondern die 5tznechte und Mägde. Und bann: Im „Vorwärts" sehen wir an jedem Sonntag 50 Vergnugungsanzeigen und gleichzeitig bie Ankünbigung von Versammlungen gegen bie Arbeitslosigkeit. (Lachen links.) Ja, ich mache ja Niemand einen Vorwurf daraus, ich kann beides sehr gut auseinanderhalten. Aber ebenso steht es bei den Bauern. Daß sie sich vergnügen, schließt nicht aus, baß sie schwer zu arbeiten haben. Unb man kann, wenn sie sich die ganze Woche abgearbeüet haben, es ihnen boch nicht verargen, wenn sie Sonntags auch einmal tanzen. A mal muß man doch auch jung sein. (Groge Hetterkett.) Ich
Parlamentarische Perhandlunflen.
Nachdruck ohne Vereinbarung nicht gestattet.
Deutscher Reichstag.
201. Sitzung vom 23. Oktober.
will die Rede des Abg. Müller-Meiningen nicht sehr tragisch nehmen. Die „Deutsche Tageszeitung" meinte, es Ware eine Bierrede gewesen. Da kann ich nicht beistimmen. So bicrfroh ist d^ Abg. Müller-Meiningen wohl nicht, und einen Bierbaß hat er audj nicht. (Heiterkeit.) Ich meine, die Rede war wett eher.einJjon einem lyrischen Tenor servirtes Zungenragout. (Große Hetterkett ), Wenn das Vier einmal so wasser,g wird, wie die Rededes J g. Müller-Meiningen, dann ist die Gerstenftage überhaupt ge^t. (Große Heiterkeit. Beifall im Centrum und rechts. Die dadurch verursachte Unruhe hält eine Zett lang an, so daß der folgende Redner Anfangs weder verstanden, noch, da er von feinem Platz ans spricht, überhaupt nur bemerkt wird.)
Abg Schwarz-München (b. k. P., fast unverständlich) spricht sich im Interesse der fconfumenten, die doch die Zeche zu zahlen hätten, gegen eine Erhöhung des Gerstenzolls au5.
Bairischer Ministerialdirektor Geiger: Der Abg. vr. Heim hat vorhin behauptet, daß der bairische Finanzminister, w Riedel einen Zollsatz von 3 Mark für Hafer hier durchgesetzt hatte. Ich habe diese Aeutzerung als unrichtig zu bezeichnen. Herr Dr. Heim hat dann noch einige Bemerkungen daran geknüpft über das Verhalten der bairischen Minister im Auchchuß ,m Allgemeinem Ich muß dagegen Verwahrung einlegen und mochte bemerken, daß Herr Dr Heim selbst zugegeben hat, daß er keine genaue Kenntniß über die Vorgänge besitzt. (Lachen im Centrum.) .
Äicepräsidem Graf v. Stolberg: Es ist em Schlußantrag em- gegangen von den Herren Rettich, v. Tiedemann und L-pahn Ich stelle die Unterstützungsftage. (Die gesammte Rechte und daS (Senfrum unterstützt den Antrag.) Die Unterstützung reicht auS
Abg. Singer: Ich beantrage namentliche Abstimmung über den Schlußantrag. (Unruhe rechts und im Centtum.)
(Der Antrag auf namentliche Abstimmung wirb von Sozialdemokraten und den freisinnigen Parteien unttrstutzt.)
Vieepräsident Graf Stolberg: Der Abg. Rettich hat fernen ^XntCeinß^d^9banite jetzt
mC^ VttepräsidentÄ Stolberg: Ich erkenne da? an. Wir lern*
t Uhr. Das Haus ist gut besetzt.
Am BunbeSrathstisch: Graf P o s a d o w s k y u A
Die -weite Berctthung bes Zolltarif-Gesetzes wird fortgesetzt beim § 1 (Mindestsätze) Position 3 unb 4G e rst e uiib ä a f e r Im Gegensatz zu den 3, bezw. 5 Mark-Sätzen der Re- fiVrunhat di- für beide Arien
6,50 Mark-Mindestsätze vorgeschlagen. .
Mg Dr. H e i m (Centr.) beantragt 6 Mark, die Sozialdemokraten Albrecht und Gen. Z o l l fr e ihe 11.
Mg. Franke« (nat.-lib.): Die Ausführungen des srhrn. b. Wangenheim, die Industrie habe ke,ne Rücksicht auf die Laitt)- wirthschaft genommen, muß ich als eine Beleidigung der Industrie bezeichnen, soweit Rheinland und Westfalen tn Betracht kommen. Daß der Zolltarif zu Stande kommt, ist für das Land eine Lebensfrage, wir werden Alles thun, was in unseren Straften steht, um dies Ziel zu erreichen. Die Agrarier betrachten die ganze Frage als Machtfrage, sie wollen die Regierung zwingen, ihnen zu Willen -u sein und drohen nun sogar mit einer Herabsetzung der Jnbusttie- zölle. Aus bem großen rheinisch-westfälischen Jndufttiebezirk sinb fünf Abgeorbnete hierher entsankst, bie für eine mäßige Zollerhöhung eintreten, und nur einer, der für bie agrarischen Forbe- ^^^Präsibent Gras Ballesttem: Ich bitte den Rebner, allrnälig xum Gersten- und Haferzoll zu kommen. (Große Heiterkeit.)
Abg Franke« (fortfahrend): Ich komme zum Hafer und zur Gerste und erkläre, daß ich für -.bie Regierungsvorlage sttmme. Meinen Wählern gegenüber kann ich bas verantworten. Ich gehe aber nicht einen Pfennig darüber hinaus.
Mg. Lucke (Bb. der Landw.): Ich danke dem Mg. Muller- Meiningen dafür, bah er bie Bedeutung des Bundes der Lanbwirthe so richtig gewürdigt hat. Es ist ganz zutteffenb, daß der Bund bet Lanbwirthe bem Centtum unbequem ist; bei ben nächsten Wahlen in ber Pfalz werben die Herren alle verschwinden. Vielleicht geben uns die Gegner höherer Zölle einmal das Rezept an, wie bie Lanbwirthe bei den heutigen Preisen höhere Lohne zahlen können. Die Preise für Lebensrnittel sind heute 30 Prozent billiger als vor der Schutzzollgesetzgebung, aber für Löhne muh bte Land- wirthschaft 130 Millionen mehr zahlen. Erzählen Sie mir mal, wie wir das machen sollen! Sie werden doch so gerecht sein unb das, was Sie ben Industriearbeitern zugestehen, auch den Bauern bewilligen, die nach Karl Marx proletarisirt werden. Sollte bie Lanbwirthschaft nicht in absehbarer Zeit die Bevölkerung bester ernähren können, so gehen wir bedenklicher, Zuftariden entgegen. Wit leben heute nicht nur in einer passiven Handelsbilanz, sondern auch in einer passiven Zahlungsbilanz. Der Zollwucher, bon bem bie Herren immer reden, ist nur etne Erfindung von ihnen. Die Re- Aerung meint, wir müssen ben Zolltarif haben, um zu Haudels- verttägen zu gelangen. Das verstehe ich mcht. Wir sind doch ine besten Abnehmer der DerttagSlänber, unb jeder Kaufmann kommt seinen Kunden entgegen. Die Regierung sagt bet jeder Gelegenheit: So wttd'S gemacht! Ja, wozu sind totr bf”11«-?“" Dann soll man unS doch zu Hause lasten! (Hett^kett.) Wenn , Sie (nach links) den Freihandel durchsetzen, .ich versichere Sie, nach drei Jahren ist Keiner von Ihnen mehr hier (Ha, na! bei den Sozialdemokraten.) Einer der Herren Sozialbemokraten ha mir mal in seinem Aerger auf meine Frage gesagt, toer im Zukunfts- ffaat nicht arbeiten will, ben werben wir schon pcttken Das steht doch schon in ber Bibel, baß, wer nicht arbeitet, mich mch^ester-soll Dazu brauchen wir nicht erst bte Sozialbernokraten. (Lachen bei den Sozialbernokraten.) Wie wollen Sie es denn machen, um bte LÜderlichen und Faulen auS der Welt zu schaffen? (Erneutes Lachen bei ben Sozialdemokraten.) Wie Genien bte dauern über die Regierung? Ich hab'S hier in ber Tasche. (Große Heiterkeit; Ruf: RauS damit I) Redner greift du Brusttajche und z.eht einen Brief heraus, ben er verliest. Es heißt dann, bie Rebe be-e Reichskanzlers sei eine Entschuldigung von Anfang bis zu Ende ge- mefert. Genügt Ihnen bas, meine Herren? j^ufe: ^tnl $eüer> feit) Die Bauern können mit bem jetzigen Gersttnzoll nicht aus- kornmen. Ich wundere mich, daß Herr Roesicke als Großbrauer sich fiter auf einmal der kleinen Brauereien annimmt Wir werden für den Lag Heim stimmen. Ich hofft, daß die R-grerung doch noch nicht das letzte Wort gesprochen hat (Setfan rechts.)
Abg. Echinger (Ctt.) tritt für den Antrag Heim ein.
Ma. Stolle (Soz.): Warum werben bte Protokolle über die Verhandlungen bes Wirthschaftlichen Ausschustes mcht veröffentlicht? Heraus mit ber Wahrheit! Als bte Schutzzoll-Aera inaugurfrt wurde, hat Fürst BtSmarck offen und ehrlich erklärt, daß es chm auf Finanzzölle ankomme. Der jetzige Kanzler nimmt einen ga^z anderen Standpunkt ein. Fürst Bismarck war der größte Arbeiterseind, aber er ging wenigstens gerade auf ft'n^el los. Auch der jetzigen Regierung ist es viel weniger um den Schutz der nationalen Arbeit, als darum zu thun, Geld zu erhalten. Man will das Geld dem Arbetter abpressen, um neue Militär- und FlottenauLgaben machen zu können. ES soll ja schon wieder eine Vermehrung des LandheereS in Aussicht stehen. Neue direkte feuern aber wollen die MehrheitSparteien Nicht, wett dadurch die Schaltern der Reichen belastet werden. Durch bie Futtermittelzoll- wfrd der Neme Bauer in ber unerhörtesten Weise geschabigt, vor
•m in Sachsen, wo es keine Großgrunbbescher giebt, unb. i ber. ; hfl?« nidit wie bie sächsische Regierung diesen Zollen hat ■mmtm tonneT & Ceittrum hat zu Dr. Windthorsts Zetten
«rscheim IS,Nch mit Ausnahme des Sonntags. fF ? jk ▲ ▲▲ A#
Die „Gießener Zamiliendtätter" werden dem fl 11| |/IX B B Bf 1 X H B 1 »iC M,
Anzeiger viermal wöchentlich beigelegt. Der WV ■ ■ L V D V
„hesstfche Landwirt" erscheint monatlich einmal. ~ II tr
General-Anzeiger, Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Giehen
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