Ausgabe 
23.7.1902 Erstes Blatt
 
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'TL Dierlfirmchrichteu. Der Grohh^rzog hat am 16. April dem mit Wirkung vom L August an zum Oberpost- drrektor in Darmstadt ernannten Geheimen Oberpostrat und Vortragenden Rat im Reich-spoftamt Kobelt die bmdesherrliche Bestätigung erteilt. 12. Konkurrenz-Er­öffnungen. Erledigt sind: eine mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Bingenheim, im Kreise Büdingen, die mit einem evange­lischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Gunzen au, im Kreise Lauterbach. Mit der Stelle ist Kantor- und Lektordienst verbunden, die mit einem evan­gelischen Lehrer zu besetzende Lehrerstelle an der Gemeinde­schule zu Meßlos, im Kreise Lauterbach, sämtlich mit dem gesetzlichen, nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalte. 13. Berichtigungen.

** Lehrer-Familienkonferenz. Uns wird ge­schrieben : Schon einmal während der achtziger Jahre des zu Ende gegangenen Jahrhunderts war es Gepflogenheit, daß die preußischen und hessischen Lehrer des mittleren Lahngebietes alljährlich Zusammenkünfte veranstalteten zwecks Pflege und Erhaltung fteundnachbarlicher Beziehungen. Durch die neuerdings an hiesiger Universität ins Leben getretenen Fortbildungskurse für Volksschullehrer haben diese Veranstal­tungen neuen Boden gewonnen, indem die Kursteilnehmer beschloßen haben, allsommerlich einmal nach Schluß des Vortragskurses mit Kollegen und Freunden sich zu einer Fa- milienkonfereuz zusammen zu sinden. Während die vorjährige Konferenz eine stattliche Zahl von Lehrerfamilien im Jagd­schlößchen von Dutenhofen vereinigte, findet die diesjährige Versammlung nächsten Samstag den 26. Juli, nachmittags von 4 Uhr ab auf Tertors Hardt statt. Lehrer Storch- Butzbach, in der hessischen Lehrerschaft als Dichter längst bekannt und geschätzt, wird einen Vortrag mit Rezitation eigener Gedichte (Heimat und Vaterland" Gießen, Emil >th) hallen. Für sonstige Unterhaltung ist durch musika­lische und humoristische Nummern ebenfalls bestens gesorgt, und so steht zu erwarten, daß die Veranstaltung den besten Verlauf nehmen wird. Alle Mitglieder der hiesigen und benachbarten Bezirkslehrervereine sind mit ihren Familien freundlichst eingeladen.

!? Da werden Weiber zu Hyänen. In einem unserer Nachbardörfer wurde kürzlich der Lehrer von der Mutter einer seiner Schsiler attaquiert und dabei von der­selben, die wegen einer unbedeutenden Rüge, welche ihr Kind vom Lehrer erhalten hatte, in Wut geraten war, mit den Fingernägeln gehörig bearbeitet. Der schwer belellrigte Schulmeister hat mit Recht Strafantrag gestellt. Der Ehemann der zur Bestrafung Angezeigten freute sich nun sehr, daß seine bessere Hälfte endlich einmal hinein- tzefallen ist und wahrscheinlich vom Gericht exemplarisch bestraft werden wird, hat er doch selber schon häufig unter den Angriffen seiner Frau leiden müssen, ohne, wie der Lehrer dies igethan hat, zum Strafrichter gehen zu können.

** Steinkohlenbezugsgesellschaft. Herr Merkel hat das Amt eines Einkassierers niedergelegt. Vom 1. August ab übernimmt Herr Friedrich Bosold hier die Stelle eines Einkassierers.

e. Bad-Nauheim, 22. Juli. Da das 19. hessische Feuerwehrfest in Bad-Nauheim am letzten Sonn­tag und Montag empfindlich durch Regenwetter gestört wor­den ist, so hat der Festausschuß heute beschlossen, am nächsten Sonntag, den 27. Juli, eine Nachfeier zu ver­anstalten. Diese diachfeier wird hier als Volksfest im großen Stiele angesehen und der Eintritt auf den Festplatz ist für jedermann frei. Sämtliche Veranstaltungen bleiben auf dem Festplatz bestehen, zum Teil auch der reiche Schmuck der Häuser und Straßen Nauheims. Am letzten Sonntag vermochten kaum die Hälfte der Besucher in den Zelten des Festplatzes Unterkunft zu finden; bei gutem Wetter, wo man auch die freistehenden Tische benutzen kann, dürfte der Festplatz für nächsten Sonntag genügen.

W. Reichelsheim i. d. W., 22. Juli. Vorgestern konnten hier durch den Vorstand unseres Gewerbevereins drei Schülern unserer gewerblichen Zeichenschule auf Grund von gelieferten Arbeiten die Gesellenbriefe überreicht werden. Zwei sind von Weckesheim, einer von Blofeld. Die Prüfungs­note lautete für allegut". Unsere gewerbliche Zeichenschule wird gegenwärtig von 25 Schülern besucht.

* Laubach, 22. Juli. Der kürzlich hier verstorbene Rentner Krieger hat das hiesige Krankenhaus mit' 18 000 Mark, die evangelische Kirche mit 10000, den Armenverein mit 1000 Diark testamentarisch bedacht. Am vorigen Sonntag hatte der oberhessische Geschichts­verein von Gießen aus einen Ausflug hierher gemacht. Die etwa 60 Teilnehmer besichtigten die Stadt, das Schloß und die Kirche, wurden im Schloßgarten von der Herrschaft bewirtet, hörten dann im Kasino einen Vortrag von Prof. Röschen über das Haus Solms und besonders über einige verdienstvolle Laubacher Grafen und kehrten, nach dem im Schützenhof eingenommenen Nachtessen, um V210 Uhr nach Gießen zurück.

|| Nieder- Florstadt, 22. Juli. Die auf der Staatsstraße von hier nach Ossenheim arbeitende Dampf­walze, einer Niederlahnsteiner Firma gehörig, ist gestern morgen explodiert. Das große Schwungrad ist in hun­dert Teile gesprungen und so noch viele andere Telle, und der heiße Dampf ist nach allen Richtungen entwichen, und doch ist der Führer der Maschine wie durch ein Wunder un­versehrt geblieben.

|| Ober-Mockstadt, 21. Juli. Am Sonntag gegen Abend hat sich auf unserer sonst ruhigen Dorfstraße ein blutiges Familiendrama abgespielt. Ein erst vor Kurzem von dem Militär Entlassener, der wegen Wild­dieberei mit anderthalb Jahren bestraft ist, und nachdienen mußte, war nut feinem Vater in Streit geraten. Der Vater wies ihn zmn Hause hinaus und riegelte die Hausthüre zu, der gute Sohn nahm aber die Radhacke und schlug die Thür em. Der Vater verfolgte ihn auf die Straße, der Sohn schlug aber die Hacke dem Vater an den Kopf, daß er blutend zusammenbrach. Die beiden anderen Söhne eilten mit einer Stange und einem Misthaken herbei und ver­prügelten ihren Bruder. Vater und Sohn liegen schwer ver­letzt darnieder.

Mainz, 21. Juli. Während sich die Familie eines in der Parkusstraße wohnenden Weinhändlers auf der Regatta befand, wurde gestern Nachmittag in ihrer Wohnung der Silberschrank, dessen Jnhall auf über 5000 All. be­wertet wird, völlig ausgeraubt. Den Dieben war ihre Manipulation dadurch erleichtert, daß man nur die Abschluß- thüre abgeschlossen hatte, während alle anderen Thüren offeu-

standen. Es dürfte ihnen reichlich Zell zur Verfügung ge­standen haben, ihren Staub in Sicherheit zu bringen, da man die Zeit des Einbruchs nicht kennt, die Anzeige bei der Polizei aber erst am Abend erfolgte.

Worms, 22. Juli. Wie dieWormser Ztg." erfährt, umspannt die direkte Interessensphäre des Hauses Cor­nelius Heyl genau 10 985 Köpfe;es sind hierbei ledig­lich die im Hause beschäftigten Personen und deren Frauen und Kinder zusammengezählt. Was eine solche Firma bei einem städtischen Gemeinwesen von insgesamt ca. 40 000 Seelen ganz naturgemäß für eine Einwirkung auf die all­gemeine Lage der Verhältnisse ausüben muß, kann sich jeder Vorurteilsfreie selber ausrechnen. Es ist nur zu hoffen, daß eine gesunde Handelspolitik des Reiches die von Amerika be­drohten Interessen von Stadt und Land baldigst sicherstellen möchte, damit die industrielle Entwickelung unserer Stadt, wie auch das mit dem Aufblühen der letzteren zusammen­hängende Gedeihen unserer Landwirtschaft gewährleistet werden können. Beide Interessensphären berühren sich in unserem Kreise auf das innigste."

Frankfurt, 22. Juli. Heute weilte der Hausmarschall des Kaisers, Graf Eulenburg hier, um mit dem Besitzer des ehemaligen Palasthotels Fürstenhof, jetzigen Hotel Imperial am Opernhause, Rücksprache zu nehmen wegen eines Früh­stücks, das der Kaiser am 10. Oktober hier in dem genannten Hotel den Teilnehmern am Ko ngresse zur Be­kämpfung des Mädchenhandels geben will. Die Kaiserin ist Protektorin dieser Bestrebungen und des Kon­gresses. Man rechnet auch auf die Teilnahme des Kai­sers an dem Frühstück, wobei allerdings bemerkt werden muß, daß der Kaiser die Kongreßteilnehmer auch im Hom­burger Schlosse empfangen wird, sodaß man wohl hinter die kaiserlicheAnwese nheit in Frankfurt ein Fra­gezeichen setzen darf. Ferner besteht die Absicht, für den kaiserlichen Hof eine Etage des Hotels Imperial dauernd zu mieten, damit der Kaiser einerseits hier bei Bedarf stets ein würdiges Quartier habe und damit er andererseits feinen durchreisenden Gästen hier Gastfteundschaft gewähren könne. Von der Gastfreundschaft der Stadt Frank­furt scheint der Kaiser demnach keinen Gebrauch mehr machen zu wollen. Zunächst war sogar in Aussicht genommen, eine Villa als Hofquartier zu mieten, man kam aber wieder da­von ab und setzte sich mit dem genannten Hotel in Verbin­dung.

** Kleine Mitteilungen aus Hessen und den Nachbarstaaten. Der Taunusklub Wetterau ist bei der Königl. Eisenbahn-Direktion in Frankfurt vorstellig geworden, daß die Rückfahrkarten Friedberg-Schotten, mit welchen man seither ab Laubach zurückfahren konnte, auch zur Hinfahrt nach Laubach Berechtigung erlangen möchten; diesem Ersuchen wurde die Genehmigung erteilt. Die Wahlen des Weinhändlers Karl Gärtner und des Leder­händlers und Stadtverordneten Karl Friederich in Alzey zu Bürgermeisterei-Beigeordneten der Kreisstadt Alzey haben die Großh. Bestätigung erhalten.

Vermischtes.

Berlin, 22. Juli. Unter Mitnahme von 54000 Mark ist gestern nachmittag der bei der Seehandlung an­gestellte frühere Schutzmann Friedrich Wagner flüchtig geworden. Wagner war von der Hauptkasse der Seehandlung beauftragt, Effekten im Wert von 200 000 Mk. bei den hiesigen Banken einzulösen. Nachdem er 54 000 Mk. ein­gezogen, verschwand er, ohne daß bisher eine Spur von ihm entdeckt. Die nicht eingelösten Wertpapiere ließ Wagner der Seehandlung zustellen.

*Newyork,22. Juli. Ein Sohn des früheren Mayors von Newyork, Strong, ist mit Juwelen im Werte von einer Viertelmillion Dollars verschwunden. Tie Juwelen gehören seiner Maitresse Lady Hope, diemoch die Gattin eines englischen Lords ist. Es wurde ein Steck­brief erlassen.

* Tie stolzen H erren Primaner. Im Lahn- steiner Tageblatt wurde vor einigen Tagen mitgeteilt, daß auf der elektrischen Straßenbahn Niederlahnstein-Koblenz für dieliebe Schuljugend" Fahrkarten zu besonders billigem Preis ausgegeben werden. Tas hat dem ge­nannten Blatte folgende Zuschrift von vier tiefgekränkten Primanern eingetragen:Redaktion des Lahnsteiner Tage­blatts. Was Ihren Artikel über die Ermäßigung des Fahr­preises für die liebe Schuljugend anbetrifft, so weisen wir Sie bezw. den betreffenden Verfasser darauf hin, daß doch unter dieser lieben Schuljugend die Gymnasiasten von Nieder- bezw. Oberlahnstein zu verstehen sind, welche in Koblenz das Königliche Gymnasium oder dasRealgymnasium besuchen. Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß inan wohl gewöhnlich unterliebe Schuljugend" die Schüler der unteren Klassen einer Volksschule versteht. Wir müssen uns aufs entschiedenste dagegen wehren, mit dieser Be­zeichnung genannt zu werden. Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß sich unter Ihrerlieben. Schuljugend" Primaner von 18 bis 20 Jahren befinden, die woyl einen etwas achlmugsvolleren Titel verdienen alsliebe Schul­jugend". Wir weisen diesen so herablassend klingenden Namen zurück und verbitten uns ein für allemal eine solche Bezeichnung." (Wenn diese, um mit dem prächtigen allen Th. Fontane zu reden,überheblichen" Herren Jungen ihre liebe Schul- und ihre Studienzeit hinter sich haben und im Philisterium stecken werden, dürften sie sich die Zeit noch oft zurückwünschen, in der sie zurlieben Schuljugend" zählten und üble Unarten wie diese in ihrer Grünhett sich zu schulden kommen ließen.)

* Heber einen Fahrkartenschwindel, der dieser Tage auf einigen Strecken der Pfälzischen Bahnen entdeckt worden ist, wahrt man, wie aus Ludwigshafen ge­schrieben wird, an den amtlichen Stellen noch immer tiefes Stillschweigen, obschon die mit diachdruck betriebene Unter­suchung bereits zu greifbaren Resultaten geführt zu haben scheint. Die Aufdeckung des Schwindels ist durch den Umstand veranlaßt worden, daß auf den in Betracht kom­menden Bahnstrecken die Einnahmen aus den Wochenabonne- mentskarten seit längerer Zett beträchtlich zurückgegangen waren, während eine Abnahme der Zahl der auf solche Karten fahrenden Personen nicht zu konstatieren war. Ein­gehende Revisionen auf den Stationen und in den Zügen ergäben bann so schwerwiegende Verdachtsinomente der Fälschung, daß die Besitzer der beanstandeten starten sofort in Haft genommen wurd en. Wettere Verhaftungen wie berichtet wird, sind es bisher im ganzen 11 wurden noch in den iLtzten Tagen vor­

genommen. Die Fälschung der Karten beging der 26 Jahre alte, bei der Billetdrnckerei der Pfälzischen Bahnen be- chäftigte, in Schifferstadt wohnhafte Jak. Schwind, während der gleichfalls in Diensten stehende Magazin­arbeiter Jak. Lorch in Iggelheim die Karten an die Arbeiter veräußerte. Die Abnehmer selbst mußten wissen, > die Karten gefälscht sind, well sie dieselben nie bis zum Tage des Ablaufs benützten, um sie nicht an den die Kontrolle ausübenden Schaffner zur Ablieferung bringen zu müssen. Unter diesen Umständen wird es schwer sein, nachzuweisen, wie lange der schlau eingesädelte Betrug seitens der Verhafteten schon betrieben wird.

* Vom Mörder des Dr. Ordenstein, Firmin Chabaneix, wird noch berichtet, daß er fein kleines mütter­liches Erbe (15 000 Francs) allmählich aufgebraucht, seinen Dienst als Postangestellter verlassen hatte und seine Haus­miete (75 Frcs.) schuldig war. Außer dem Meffer, mit dem er seinem Opfer die tätliche Wunde versetzte, trug er auch noch einen sechsläufigen Revolver bei sich; außerdem fand man in seiner Wohnung zwei ähnliche, ganz neue Meffer. Er verweigert beharrlich jede Auskunft über die Beweggründe seiner That.

Gerichtssaat.

M. Gießen, 22. Juli. Fe ri e n ft r a ff a m m er. Den Vorsitz führt Landgerichtsrat Müller, die Staatsanwaltschaft vertrat Gerichts- assessor Schuhmann. Der Landwirt Johannes F r a n k V. von Ulrich­stein ist angeklagt, einen Grenzstein in der Absicht, einem Anderen Nachteil zuzufügen, verrückt zu haben Vergehen im Sinn des § 274 St.G.B. Der Angeklagte hat einen als Grenze zwischen |einem Acker und einem Gemeindegrundstück dienenden Stein um em Stück in das Gemeindeland hineingefetzt, um einen größeren Strich Landes als jein Eigentum beanspruchen zu können. Zu seiner Verteidigung fühtt er an, daß der Grenzstein von vornherein falsch gesetzt worden sei und er lediglich den wirklichen Besitzstand durch dessen Vorrückung habe wieder Herstellen wollen. Durch das Zeugnis des Geometers, der die Grenzregulierung vorgenommen hatte, wurde jedoch festgestellt, daß der Grenzstein das wirkliche Besitzverhältnis genau regulierte und daß die Anlieger des Ge­meindelandes bet der Setzung des Grenzsteins auf die durch diesen gezogene und einzuhaltende Grenze besonders aufmerksam gemacht worden waren. Das Gericht nahm an, daß der Angeklagte in voller Kenntnis dieser Sachlage und in gewinnsüchtiger Absicht ge­handelt habe und verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe von 2 Wochen. Der Gutsbesitzer Ludwig Singel von Sichertshausen war wegen verlaumderischer Beleidigung des dortigen Feldschützen vom Schöffengericht Vilbel zu einer Geldstrafe von 15 Mk. verurteilt worden. Er Halle gegen denselben, der ihn wegen eines Feldfrevels angezeigt hatte, den Vorwurf der Bestechlichkell erhoben. Das Gericht verwarf die Berufung des An­geklagten gegen das verurteilende Erkenntnis mit der Maßgabe, daß Bestrafung nur wegen einfacher, nicht wegen verlaumderischer Beleidigung Platz zu greifen habe. Die Anzeige sei seitens des Feldfchutzen nicht frivol erhoben worden, sondern auf Verlangen des Beschädigten pflichtgemäß erfolgt. Der Schutz des § 193 SllG.B. sei dem Angeklagten nicht zuzubilligen, da der gegen den Feld­schützen erhobene Vorwurf der Bestechlichkeit nicht zur Wahr­nehmung berechtigter Interessen gemacht werden könne und auch nicht gemacht worden sei. Zwei Radfahrer einer davon der heutige Angeklagte, der Schlosser Wilhelm Lehr von Vllbel wurden von einem Schutzmann angehalten und zum Absteigen ver­anlaßt. weil der eine, der Begleiter des Angeklagten, ein nicht mit einer Nummerplatte versehenes Rad fuhr. Ter Angeklagte selbst, dessen Rad sich in einem den Vorschriften der Fahrradordnuna ge^ nügenben Zustand befand, wurde von dem Schutzmann um Vor­zeigung seiner Radsahrkarte ersucht, konnte dieselbe jedoch, da er sie vergessen hatte, nicht vorlegen. Beide erhielten wegen Zu­widerhandlung gegen die Vorschriften der Fahrradordnung von 1899 die §§ 17 und 19 Strafbefehle auf je 2 Mk.; der heutige An­geklagte legte Einspruch ein und wurde vom Schöffengericht Vilbel freigesprochen. Gegen das Urteil verfolgte die Staatsanwalt­schaft Berufung, die jedoch von der Strafkammer als unbegrünbet verworfen wurde. Das Gericht ging davon aus, daß die Vorschrift der Fahrradordnung von 1897, wonach jeder Radfahrer beim Fahren mit einer Radsahrkarte versehen sein müsse, nicht ohne Grund in der neuen Verordnung von 1899 weggelassen worden sei; dies sei wohl erfolgt, um den Fahrradoerkehr nicht durch lästige Verordnungen einzuengen. Ein Polizeibeamter sei daher nicht berechtigt, einen Radfahrer anzuhalten, lediglich um den Besitz, bezw. das Bei- sichführen der Radfahrkarte zu kontrollieren. Vielmehr sei ein Polizeibeamter zum Anhalten des Radfahrers und zu dem Verlangen, daß derselbe sich legitimiere, nur bann berechtigt, wenn ein Anlaß bazu gegeben sei. Ein solcher habe hier gefehlt; die Aufforberung zur Vorzeigung ber Legitimationskarte sei baher unrechtmäßig gewesen. Gegen ben Taglöhner Heinrich Jung in Gießen, ber wegen Diebstahls im strafrechtlichen Rückfalle an­genagt ist, würbe Haftbefehl erlassen, ba er zum heutigen Ver- hanblungstermin ausgeblieben war. Der Arbeiter Wilhelm Ger Harb in Gießen hakte seiner Schwester ein Portemonnaie mit Inhalt ca. 12 Mk. gestohlen. Von ber Bestohlenen war ber gesetzlich geforberte Strafantrag gestellt worben. Das Gericht ver­urteilte ben Angeklagten, ber rückfällig ist, unter Annahme mil- bernber Umftänbe zu einer achtmonatigen Gefängnisstrafe. In ber Privatklagejache ber Ehefrau Gottfrieb Blumenthal gegen ben Philipp Wilhelm Wien, beibe von Robheim, wegen Körperverletzung hatte bas Schöffengericht Vilbel gegen ben Privat- beklagten auf eine Gelbstrafe von 50 Akk. erkannt. In ber heu­tigen' Verhandlung war ber Angeklagte, ber gegen bas Urteil Be­rufung eingelegt hatte, nicht erschienen. Seine Berufung würbe daher auf Antrag der Privatklägerin sofort verworfen.

!? Gießen, 22. Juli. Die Verhandlung gegen Frau Dr. Tillr aus Bad Nauheim, zu welcher bereits am 5. August vor ber Straf­kammer Termin anberaumt war, ist bis nach ben Ferien vertagt worben. Die Beschulbigte ist übrigens gegen Kaution aus berHaft entlassen.

Zandwirlschast.

°o- Volkartshain, 22. Juli. Landwirtschastslehrer Lintz von Bübingen hielt gestern einen Vortrag über Wiesen pflege unb Fruchtwechsel. Bezüglich ber Wiesenpflege empfahl er vor Allem bie Wiesenegge im Frühjahr richtig zu gebrauchen, bamit bie Luft in ben Erbboben einbringen könne, auch bie Wässerung sei nicht zu vernachlässigen. Dem schlimmen Feinbe, ber Herbst­zeitlose, müsse man mittelst Klauenstechers zu Leibe gehen. Bei ber Wiesenbüngung sollte ber Vogelsberger mit ber Jauche vorsichtig umgehen. Diese laufe znm großen Teil auf bie Wiesen, vernichte ben unentbehrlichen Klee unb auf ben Aeckern fehle sie. Dem Bauer, bem ein Faß Pfuhl fortlause, ginge ber Wert von 1 Ztnr. Ehilisalpeter verloren. Als bestes unb billigstes Düngemittel em­pfahl Herr Lintz bie Komposterbe. Der Bauer müsse sich jeboch drei Haufen nacheinander anlegen, um jebes Jahr einen neuen an­greifen zu können, ba bie Komposterbe erst nach breijähriger Be­handlung richtig wirke. Bezüglich ber Anwendung des künstlichen Düngers sei kein feststehendes Schema zu geben, man müsse viel­mehr durch Versuche feststellen, was bem Boden fehle. Bei Wechse­lung bes Saatgutes solle man hauptsächlich bei (betreibe auf vollen Kern, gute Farbe, guten Geruch unb gute Keimkraft seheii. Die aus ben Aeckern am besten fteljenbe Frucht solle man für sich allein schneiden und einheimsen, um sie bann als Saatgut zu verwenden. Auch solle man dem Beispiele Englands folgen, ivo Scfamite unter sich oft ihr Saatgut wechselten, da sich bie Pflanze burch verän­derte Lebensbedingungen besser entwickele.

-o Aus beut Vogelsberg, 22. Juli. Während am Fuße des Vogelsberges beinahe kein Obst vorhanden ist, sieht man auf bem hohen Vogelsberg beinahe keinen Apfel- ober Birnbaum, beffen Aesie nicht beloben wären.