N 118
»rftetnt ««glich tufett Sonntags.
Dem Gießener Anzeiger «erden Im Wechsel mit dem Hessischen Lasdwltt die Lietzener Samtlien« MÄttef viermal in der Woche beigelegt.
-iotationSdruck u. Verlag der Brüh l'sche» Unwers.-Buch- u.®teü»» druckerei (Pietsch Erben) Rebafttxm. Grpeditton und Druckerei:
Schnlstratze f.
Adrefle für Depeschen: Anzeiger Sieben.
Fernsprechanschluß Nr. 51.
Freitag 23. Mai 1008
152. Jahrgang
Erstes Blatt.
Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen
Bezugspreis» monatlich 7b P1^ viertel jährlich Mk. 2.20; durch Abhole- u. Zweigstellen' monatlich Ko Pf.; durch diePost Mk. 2.—viertelt jährt. auSschl. Bestellg. Annahme von Anzeige« für die Tageünuinm« vis vormittags 10 Uhr^ ZeilenpretS: lokal ILPf, auswärts 20 Psg.
Verantwortlich: für den polit. u. öligem. Teil: P. WiUko: für ,Stadt und Land^ und ,Gerrchtssaal':N.Dtt^ mann; für den Anzeigenteil: Hanb Beck.
GletzenerAnzerger
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Politische Tagesschau.
Amerikanische Kohle
ist, Berichten and Hafenstädten zufolge, in diesem Jahre nicht in solchen Mengen nach Europa verschisst worden, als die Ankünfte im vorigen Herbst vermuten ließen, lieber den Umfang der Lieferungen amerikanischen Anthrazits an Rußland fehlt es einstweilen an statistischem Material. Was den Absatz nach den Mittelmeerländern betrifft, so ist die Amerikanisch« Kohlen-Transpvrt-Gesellschast bemüht, durch ihre Zweigniederlassung in Algier den Vertrieb aus-ugestalten; mit welchem Erfolge, darüber ist nichts bekannt geworden. In Algier befindet sich auch ein deutsches Kohlendepot, begründet von den Hamburger Rhedereien Sloman, Freitas, der Levantelinie und anderen am Mittelmeerverkehr beteiligten Firmen. Die deutschen Dampfer nehmen also jetzt in Algier deutsche Kolhen ein, anstatt, wie früher in Malta englische. Da auch in Port Said ein deutsches Kohlendepot eingerichtet ist, kommt das amerikanische Feuerungsmaterial für die deutsche Mittelmeerschiffahrt nicht in Betracht, ebensowenig das englische. Frankreich verbraucht ständig in nicht unbeträchtlichen Mengen amerikanische Kohlen, auch die Schweiz ist hier zu nennen. Durch einen von den fran- züsischen Eisenbahnverwaltungen bewilligten Ausnahmetarif stellen sich die Kosten für den Transport an der Küste Frankreichs nach der Schweizer Grenze niedrig genug, um den erfolgreichen Wettbewerb des amerikanischen Produktes auf dem schweizerischen Markte zu ermöglichen.
Prof. Ehrhard und der liberale Katholizismus.
Der Verfasser des vielberühmten Buches „Der Katholizismus und das 20. Jahrhundert", Prälat, Prof. Dr. theol. Ehrhard, der bekanntlich aus Men und Oesterreich durch die Jesuiten hinausgeärgert, einen Ruf als Nachfolger des Professors Kraus nach Freiburg angenommen hat, hat nunmehr die angekündigte Verteidigung gegen seine Krittler im „Vaterland" und in den Innsbrucker Jesuitenblüttern, gegen die Festreden des Paters Schweykart, des Barons Morsey und anderer, aber auch Einigermaßen gegen seine wohlwollenden Kritiker in libe ralen Blättern veröftentlicht. Die Schrift führt den Titel „Ltberaler Katholizismus. .Ein Wort an meine Kritiker."
Die Jesuiten Pater Rösler und Pater Michael Hofmann, Dvmpfarrer Dr. Braun und andere Hutten Ehrhard hauptsächlich vorgeworfen, er habe Uneinigkeit in das katholische Lager bineingetragen, sein Buch sei eine Parteischrift des liberalen Katholizismus, sein Ziel der Aussöhnung der modernen Welt mit dem Katholizismus gehe thatsächlich auf eine Verminderung der Autorität des Papstes und der Kirche hinaus. Ehrhard antwortet, nicht er habe die große Frage der Versöhnung der Kirche mit der modernen Welt aus die Tagesordnung gebracht. Sie habe sich, wie alle großen Fragen, selbst auf die Tagesordnung gesetzt. Ehrhard empfiehlt die Einschränkung der Forderungen der Kirche an die Welt auf das notwendige Maß Die Lehrautorität des Papstes und der Kirche sei auf das eigentliche kirchliche Dogma zu beschränken und allen sonstigen Kundgebungen des Papstes und der Bischöfe gegenüber müsse volle Meinungsfreiheit gelten. Diese Auffassung sei aber keineswegs als „liberaler Katholizismus" zu verketzern, wie es seine Gegner gethan hätten, denen Ehrhard die Worte Goethes zuruft: Habt ihr einmal das Kreuz vom Holze tüchtig gezimmert, — paßt ein
lebendiger Leib freilich zur Straft daran. Ehrhard erklärt: „Ich verurteile den liberalen Katholizismus so, wie ihn die katholische Kirche verurteilt, ich verwahre mich aber dagegen, daß die katholische Richtung, der ich huldige, der von der Kirche verurteilte liberale Katholizismus fei."
Er werde auch in Zukunft der Aufforderung, seiner Richtung zu entsagen, „Den zähesten Widerstand entgegen» etzen, so lange diese katholische Richtung, die gemäßigt ortschrittliche im besten Sinne des Wortes und im Gegen- atze zur extrem-konservativen, sich jener freien Bewegung und jener Anerkennung ihres echt katholischen Charakters erfreuen wird, welches das autoritative Lehramt der Kirche innerhalb ihrer berechtigten Grenzen niemals versagt hat." Diesem etwas verwickelten Bedingungssätze fügt Ehrhard die bestimmtere Erklärung hinzu: „Den Versuch, diese Richtung in der Gegenwart durch die Bezeichnung „liberaler Katholizismus" als nichtkatholisch, unkirchlich, ja sogar als unbewußt kirchenfeindlich zu brandmarken, weise ich mit aller Entschiedenheit zurück." In seiner persönlichen Polemik geht Ehrhard den jesuitischen Gegnern ziemlich scharf zuleibe, geißelt ihre unübertreffliche Oberflächlichkeit und schämt sich der Inferiorität ihrer Kritik, die den ehrlichen Versuch einer Auseinandersettung mit den Gegnern des Katholizismus nicht gelten lasftn wolle, um schließlich zu dem Spruche zu gelangen: „In necessariie
unitas, in dubiia liberias, in onmibu« caritas
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Aus SIM unö Land.
Gießen, 22. Mai 1902.
** Ernennungen. Der Großherzog hat den Oberlehrer an der höheren Bürgerschule zu Dieburg und derzeitigen provisorischen Lehrer an der Victoriaschule und oem Lehrerinnenseminar zu Darmstadt H en sing zum Oberlehrer an den beiden letzteren Anstalten ernannt. — Der Großherzog hat den Kanzleiwärter am südlichen Kol- legiengebäude Hofmann zu Darmstadt zum Kanzleidiener bei dem Ministerium des Innern ernannt. Ferner wurde der August Thewald zu Mainz zum Kreisamts- Schreibgehilfen ernannt.
** Der Finanz-Ausschuß der zweiten Kammer stimmte gestern, wie zu erwarten war, in feiner Mehrheit dem Main-Neckar-Bahn-Vertrag im Sinne der Regierungsvorlage zu, ebenso dem Darmstädter Theaterumbau, sotvie der Errichtung der beiden neuen Irrenanstalten. Die neue Irrenanstalt für Oberhessen soll zuerst gebaut werden. Als Ort wurde auch seitens des Ausschusses Gießen der Vorzug gegeben.
** Konkurrenzeröffnung. Erledigt ist bie mit einem evangelischen Lehrer zu besetzende 5. Lehrerstelle an der Gemeindeschule zu Schlitz, im Kreise Lauterbach, mit dem gesetzlichen, nach dem Dienstalter sich bemessenden Gehalt. Dem Grafen von Schlitz-Görtz, steht das Präsen- tationsrecht zu.
** Erledigte Stellen im Bereich des 18. Armeekorps. Eiserseld (Amt), Polizei-Wachtmeister, jährlicher Gehalt 1500 Mk. steigend bis zum Höchstbetrage von 2100 Mk. nebst 250 Mk. Wohnungsgeld und 100 Mk. Kleidergeld. Fechenheim, Orts-Polizeibehörde, oPlizeidiener für den Tag- und Nachtdienst, während der Probezeit monatlich 100 Mk. nach der definitiven Anstellung auch 150 Mk. Teuerungszulage jährlich, außerdem freie Dienstkleidung, Frankfurt (Main) I, Garnison-Baubeamten, Baubote, 3 Mk. Tagegeld. — Großh. hessisches Landeshojpital Hofheim, Großh. Tirektton des Landeshospitals. 4. Bureaugehrlfe, jährlicher Gehalt 500 Mk. bar und vollständig freie Station.
** Gemeindesteuern. Die Stadt Gießen erhebt für das Rechnungsjahr 1902/03 697 229.40 Mk. Gemeinde- teuern, und zwar 100 Proz. von der Einkommensteuer gleich 370 281 Mk., 200 Prvz. von den Grundzahlen der Grundsteuer aus 81679.35 Mk. gleich 163 358.70 Mk.; der Gewerbe teuer aus öö 704.00 Mk. gleich 111408 Mk., der Kapital« rentenfteuer aus 26 090.85 Mk. gleich 52 181.70 Mk. Ferner kommen zur Erhebung von den Mitgliedern der evangelischen und der katholischen Kirchengemeinde 10 Proz. von der Einkommensteuer und 20 Proz. von den Grundzahlen der Grund-, Gewerbe- und Kapitalrentensteuer. — An nachträglichen Gemeindesteuern, von denen z. B. im Jahre 1900/01 12 520.88 Mk. erhoben wurden, sind vorgesehen 8000 Mk.
** Der kath. Lehrerverein für das Groß- Herzogtum Hessen hielt seine 9. Generalversammlung am 19. und 20. d. M. in Friedberg ab. Aus den sehr umfangreichen Verhandlungen sei folgendes mitgeteilt: Ter Verein, der vor 12 Jahren gegründet wurde, gliedert sich in 15 Bezirksvereine mit zusammen 917 Mitgliedern. Tas Vereinsorgan, „Die Hess. Schulblätter" erscheint in einer Auflage von 1100 Exemplaren. Tie vor drei Jahren gegründete Sterbekasse zählt 209 und die Hilfskasse der Schulverwalter 87 Mitglieder. Tas Vermögen der sterbe* taffe beträgt 8230 und das der Hilfskasse bereits 12 400 Mark. In Der Ersatzwahl des Vorstandes wurden Weber- Dromersheim und Platz-Dieburg wieder, und für Ries- Worms, der eine Wiederwahl nicht mehr wünschte, K'astell-- Worms gewählt. Tie Vorversammlung am Pfingstmontag war von 80 delegierten und die gestrige Hauptversammlung von 300 Mitgliedern aus allen Teilen des Landes besucht. An den Großherzog und den Bischof wurden Ergebenheitstelegramme abgefandt. Kreisrat Fey, Schulinspektor Süß, Justizrat Jöckel, Beigeordneter Hieronimus, die Professoren Tr. Seidelberger und Dr. Kübel u. a. hatten die Versammlung mit ihrem Erscheinen beehrt, während Ministerialrat Tr. Eisenhuth und Oberschulrat Dr. Scheuermann ihr Fernbleiben entschuldigt hatten. Wohlthuend berührte es, daß bei der Beratung über die in letzter Zeit so viel genannte Kirche na ufsichtssrage alle Anwesenden einmütig betonten, daß es für Den katholischen Lehrer eigentlich keine sogenannte Kirchenaufsichtsfrage gebe, da er es vielmehr für selbstverständlich betrachte, seine Kinder in der Kirche zu beaufsichttgen. Lehrer Weber- Tromersheim empfahl folgende Resolution zur Annahme: „Ter kathol. Lehrer hält sich durch das Kirchengebot zum Besuche der hl. Messe an Sonn- und Feiertagen gebunden. Er fühlt sich aber auch als Erzieher und Religionslehrer im Gewissen verpflichtet, Die ihm an vertrauten Kinder Dazu anzuhalten unD Dabei zu beaufsichtigen." Tie Resolution fanD einstimmige Annahme, lieber Die Frage der Orga- niftenbefoIDung referierte Lehrer Schäfer-Bensheim. Nach langer Matte tour De auf Antrag Des Dekans Bayer- Gießen eine Einigung dahin erzielt, zuerst Erhebungen über Leistungen und Bezahlung Der Organisten anzustellen und auf GrunD Dieser Erhebungen bei den vergesetzten Behörden weitere Verhandlungen anzuregen.
*♦ Prof. Falbs Prophezeiungen sind für die erste Hälfte des Wonnemonats mit unheimlicher Genauigkeit eingetroffen. Dagegen ist et mit seinen Voraussagungen für die zweite Hüfte des Mai bis jetzt gründlich hereingefallen. Nach ihm sollen Die Aussichten für Die zweite Maihälfte nicht ungünstig fein. Es stünden allerdings zahlreiche Gewitter bevor, doch sonst bleibe es verhältnismäßig trocken. Nun, bis jetzt war von der Trockenheit noch nichts zu merken. Für die letzten Tage des
^fauberdea aus der Kaiserstadt.
(Nachdruck verboten.)
Sportfreude» der Pfiugßwoche. — Ausgebliebene Maigäste. — Die Not der Fremden in Berlin.
Das war wieder mal ein Pfingstwetter, cm das sich die ältesten Leute nickt erinnern könnten, selbst wenn sie nicht schon gestorben wären. Es goß in Den schönsten Schrägstreifen, bildete richtige kleine Ententtmvel und weichte alle ungepflasterten Wege mit vieler Sorgfalt auf: trotzalledern, Die Berliner waren unterwegs. Das Pfingstkonzert, das Die Regentropfen zur Nacht auf Den Fensterl,lechen vollführt hatten, genügte ihnen nicht. Und so sah man sie denn in dichten Schwärmen hinansziehen, jedesmal, wenn eine kleine Gießpause eintrat; unsere Küchenfeen selbstverständlich in sommerlichster Tracht, die bei der Heimkehr allerdings einen etwas kläglichen Eindruck machte; hinaus nach Halensee, dem Tanzparadies; nach der Hasenheide, dem ewigen Jahrmarkt; einen Teil auch nach dem Kurfürstendamm, wo Arendt mit Taylor, Dem schwarzen Amerikaner, um Die Siegespalme im Radfahren ringen, ringeln aber radeln sollte. Atme auf, banger Leser, Die Ehre Berlins, Deutschlands, nein ganz Europas ist roieDer mal gerettet dank der Waden- muskeln des göttlichen Willy. Um eine Pneumatiklänge bat er den Mobren geschlagen, und die Stadt Der Intelligenz hat ihn gefeiert, wie es die Leuchten Der Menschheit verdienen, herrlich bekränzt Durchfuhr er nach errungenem Siege die Bahn, und Da es gerade Pfingsten war___so loderte natürlich das Feuer der Begeister
ung um so höher, und kein Regenschauer konnte es auslöschen. Ueberhaupt: der richtige — oder wie es momentan heißt: Der richtig gehende Berliner hat sich von Falb und Genossen vollständig emanzipiert und genießt das Leben wie die Chokolade, toarnt und kalt, fest und flüsfig, und es beionunt ihm! Was wäre sonst aus Dem Berliner Sportklub „Komet" geworden, Der für die Pfingsttage einen Dauermarsch Dresden-Berlin veranstaltet hatte unD Dabei
sogar einen neuen Weltrekord erzielt hat? In etwa 27i/4 Stunden legte der Sieger — natürlich ein Vegetarier, Denn wir Fleischvertilger nützen das schöne Wetter ja nie richttg aus — die 200 Kilometer zurück, und traf „völlig frisch" am Ziel, im Licht-, Luft- und Sportbad am Kur- fürstendamm ein. Da der Himmel für fortwährende Erfrischungen gesorgt hatte, war das eigentlich kaum verwunderlich. Nach ihm langten noch etliche Andere an. Etliche waren allerdings des Wetters wegen unterwegs schnöde in eine Bahnstation geschlichen und hatten charakterloser Weise die Eisenbahn benutzt. Hoffentlich werden sie durch Nachexerzieren gestraft und im Wiederholungsfälle zwangsweise in den Automobilklub abgeschoben. Ein pflichtvergessener Kunde ist in diesem merkwürdigen Wonnemonat auch der Maikäfer in Berlin. Zwar stand in einer unserer «unfehlbaren Zeitungen schon eine Plauderei über den braunen Gesellen und iren flotten Handel, Den unsere Jungen Damit treiben, unb wie die Preise Dafür schon gefallen seien. Aber Das waren entschieden keine frischen, sondern Konserven-Maikäser, Die der findige Reporter gesehen hatte! Scherz beiseite, es giebt dies Jahr wirklich keine, wenn sie nicht etwa noch kommen, und wenn nicht unsere Gardefüsiliere wären, die bekanntlich scherzweise „Maikäber" heißen! Ter Berliner behauptet von diesem Regiment, daß der Kaiser mit Vorliebe dort seine Flügel- abjutanten wähle, weil eben Maikäfer dafür am besten geeignet seien; ebenso bezeichnet er bie Chausseestraße, in ber ihre Kaserne liegt, als die wärmste Gegend von Berlin, weil dort Die Maikäfer sogar im Winter hausen! 2en strammen Jungen, Die viel Besuch hatten zum Feste, wäre auch ein bischen mehr Sonne zu gönnen gewesen. Uebrigens zeigen Diese Hochfluttage des Verkehrs, wie unprakttsch man vielfach bei Der Taufe Der Berliner Straßen Dorgegangen ist. Ter einfache Landmann, Der von seinem kleinen Torfe nach Berlin kommt und nicht an ber Bahn gleich in Empfang genommen werden rann, irrt mitunter wie Der selige Odysseus ratlos durch das Gewirr her Häusermassen. Sein Gedächtnis ist viel zu ungeschult, als daß er Lindenstraße,
Linbengasse unb Unter Den LinDen stets auseinanderzuhalten wüßte; vielleicht will er nach Dem Mühlen w e g unb gerät in bie Mühlen straße; auch einen Mühlen Damm unb einen Mühlen grab en haben wir zur besseren Uebersicht her Riesenstadt angelegt. Dann die Unzahl von gleich? beginnenben Straßen unb Ufern ober Alleen, bie Reihe von Kirch gaffen, Die auf bie heilige Elisabeth ober Hebwig, den tapferen, Georg, Michael, Nikolaus, Immanuel, Jakobus ic. getauft s tnb. Auch eine Königin Augusta-Straße unb eine Kaiserin Augusta-Straße zeugt von bem feinen UnterfcheiDungsvermögen unserer Namengeber; ebenso kann sich eine „Friedel"- neben einer „Friedeu"sttaße sehen lassen. Tie Behrenstraße, die Großbeeren- und bie Meinbeerenstraße bilden gleichfalls ein hübsches Triumvirat, unb wer in Die Straßburger Straße will unb nachher in ber Straußberger umherirrt, mag sich damit trösten, daß »er nicht Der erste und nicht der letzte ist, dem dieses Pech beschert ward. Schlimmer noch sinh die Straßen, die eine ältere oder „kleine" Schwester haben, wie die Leipziger unb Die Schutzenstraße, neben denen eine „Alte" Leipziger unb „Alte" Schützenstraße existiert, und bie „Stralauer und die Jägerstraße,' welche mit „kleinen" Straßen gleichen Namens als Konkurrenz behaftet sind. Vergegenwärttgt man sich dazu noch frie Gruppe der „alten" und „neuen" Jakobs-, Grün-, Wilhelms-, Friedrichs- ic Straßen, sowie bie Parallelbenennungen in Den benachbarten Vororten, so kann man sich nicht wundern, wenn die biederen Märker auf her Heimfahrt wettern unb fluchen über den Berliner „Kudhelmubdel", dem fte zum Opfer gefallen sinh, ehe sie ihre Frennbe unb Berwanbte gefunben haben. Auch für den brieflichen Verkehr ist dieser Fingerzeig nicht ohne Interesse. So mancher Brief kommt zu spät, so mancher gar nicht an, weil vielleicht „Simsonstraße" schlecht geschrieben für „Simeonstraße" gelesen würde unb umgekehrt. A. R.


