Ausgabe 
21.6.1902 Drittes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

Nr. 143

Erscheint täglich außer Sonntags.

Dem Gießener Anzeiger werden im Wechsel mit dem Hessischen Landwirt die Siebener Familien- blütter viermal in der Woche beigelegt.

Rotationsdruck u. Ver­lag bi. Brüh l'schc- Unwers. Buch-u.Stei! druckerei (Pietsch Erben) fhetaL i. Expedition wu Druckerei:

Schul st raße 7.

Adresse für Depeschen: Anzeiger Gießen.

Fernsprcchanscliluß Nr. 51.

Drittes Blatt. 153. Jahrgang Samstag 31. Juni LAOS

Bezugspreis:

mmjrw monatlich 7oPf., viertele

W iV jährlich Mk. 2.20; durch

Gietzener Anzeiger M

W General-Anzeiger « 'S

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen WM

, to

PaientJätitafe/n Kosmos

Kronen-Papier» Wäsche' md achte beim Einkauf auf die nebenstehende

Schutzmarke._____

Sport.

Keine Automobilwettfahrt durch die Schweiz! In der Schweiz ist man auf Automobil­fahrer im ganzen nicht 'gut zu sprechen. Die Gebirgs­kantone Graubünden und Wallis haben den Motorwagen­verkehr aus den Bergstraßen ganz verboten. Neuerdings haben die in Frage kommenden Kantonsregierungen auch

Universitäts-Nachrichten.

Zur Angelegenheit des F rauen st udiums an der Berliner Universität hat der akademische Senat bestimmte Vorschläge dem Ministerium unterbreitet, die darauf hinausgehen, einen Unterschied zu machen zwischen den mit dem Reifezeugnis versehenen Frauen und Len anderen Zuhörerinnen. Das Recht der Imma­trikulation konnte auch denMaturae" aus ver­schiedenen Gründen nicht zugesprochen werden. Ter Senat würde, wenn er die Immatrikulation der Frauen gestattet, in die Rechte der Fakultäten eingreifen, von denen nament­lich die juristische und die medizinische sich ablehnend' verhalten gegen die Zulassung der Frauen zu allen ihren Vorlesungen und Kursen. Immerhin besteht bei der Uni­versitätsbehörde eine Bereitwilligkeit, den Abiturientinnen gewisse Erleichterungen beim Studium zu gewähren und sie mit den weniger vorgebildeten Frauen nicht aus gleiche Stufe zu stellen. Im übrigen sind die angesehensten Uni­versitätslehrer mehr für die Begründung einer beson­deren Frauen-Universität. Schon jetzt hat die Zahl der studierenden deutschen Frauen bald 1000 erreicht.

ladungen zu dem vom 2.-5. August d. I. hrer stattsinden- den großen Turnfeste ergangen. Als Festplatz ist em großer Wiesenplan ausgewählt worden, der neben dem Rheinstromc in unmittelbarer Nähe der Stadt schön ge­legen ist, und von dem ein entsprechend großer Teil zum Schauplatz des turnerischen Wettstreites hergerichtet wird. Den Mittelpunkt des festlichen Lebens wird.das große Fest­zelt bilden, das für 3000 Personen Raum bieten soll. Als weitere Stätten der leiblichen- Erquickung sind drei große Bierzelte, ein geräumiges Weinzelt und ein Wiener Cafe vorgesehen.

Frankfurt a. M., 19. Juni. Ein brennendes Fahrrad erregte gestern nachmittag auf dem Opernplatze allgemeines Aufsehen. Unter einem ruhig seines Weges ährenden Radfahrer schlugen plötzlich Helle Flammen hoch empor, sodaß er Mühe hatte, schnell genug vom Rade zu kommen, um ohne Schaden zu bleiben. Ein Schutzreifen aus Celluloid hatte sich ohne nachweisbare Ursache ent­zündet. ' ,

Franfurta. M, 19. Juni. In Baden-Baden ist nach langem Leiden der Rittmeister a. D. Otto v. Wilke, 47 Jahre alt, gestorben. Er war lange Jahre der Eigentümer und Chef der Fabrik von Treu u. SUrglisch, die fern Groß^ Vater, der Geh. Kommerzienrat dtuglisch, vor 80 Jahren begründete. Außer seiner Mutter, der Witwe des 1896 verstorbenen Wirkt. Geh. Legationsrates v. Wilke, trauern um ihn zwei jugendliche Töchter aus seiner heute durch den Tod gelösten Ehe mit einem Fräulein Donner aus Frankfurt a. M. Der Beisetzung, die am 18. d. Mts. hier stattfand, wohnte u. a. eine Deputation des hessischen Garde-Dragoner-Regiments Nr. 23 bei, dem Rittmeister von Wilke während zwanzig Jahren angehörte.

WasserdichterAusc: :l: Luftund fester halibarsr Verputz durch Bekteidungmit£]

Absolut bestes Mundwasser der Welt.

Grosse Flasche Mk. 1.50, kleine Flasche Mk..85.

Zu tzaben ui Gießen auf dem Fabriklager bei Herrn Emil lIorNt, Riegelpfad. 175

ifraspscle.MusterSewelse überBewährun^ V sendetporlofrei der fabnkant \ Ä-Wl Andernach

K in Beueld/n Rhein .

- Man verlange überall:

OWOs vorzügliche

gekündigt; dann sind dieSchlierse eer" wieder mal fertig für Berlin; gleich danach hören auch dasSchil­ler-Theater" und die beiden Königlichen Bühnen auf; alle anderen mimen tapfer weiter. Zwei haben sogar in diesen schwülen Junitagen npch mit Novitäten aufgewartet. Zu beneiden ist der Autor freilich nicht, der sein Werk vor ausverschenktem Hause in Szene gehen lassen muß und mit den zahlreichen Taschentüchern statt der erhofften Thränen nichts wie Schweißtropfen trocknen sieht! Im Neuen Theater" am Schiffbauerdamm war es Felix Tör- mann, der nervöse Neu-Wiener, der mit feinenLedigen Leuten" einen Erfolg errang, wie ihn sonst der Tummel­platz der französischen Paprikaschwänke, das Residenz-The­ater, erlebt. Und doch ist es blutiger Ernst, dieser Wiener Sumpf, den Dörmann da mit satirischer Schärfe gezeichnet hat. Tie Kupplermutter mit den drei industriellen Töch­tern und dem jungen, unerfahrenen Mann, der in seiner ersten blinden Liebe das alte thörichte Wagestück, das so viele schon bereut haben, aufs Neue unternehmen, das Sumpfblümchen verpflanzen, retten will, sind Menschen, die nicht blos in Wien zu finden wären. Und doch, das liebe brave Theater fürHöhere Töchter" und solche, die es ewig bleiben, hätte dieLedigen Leute" lieber ein Haus weiter schicken sollen. Verwandte Züge hatte das Berliner SittenstückGefallene Mädchen" von Fritz Schäfer imCarl Weiß-Theater". Aber hier ist nach dem alten Rezept des Volksstückes auf einenbefriedigenden Schluß" hingearbeitet worden. Der elende Verführer von zwei Schwestern, selbst-, verständlich ein Bankier, der europamüde und depothungrig ist, wird im letzten Akt mit wohltönenden Reden entlarvt, und aus der Thür gewiesen. Trotz allen Pfeffers i st mir Tormanns bittere Satire wahrer oorgekommen und des­halb lieber gewesen. Schaden können indessen beide Stücke nicht mehr anrichten. Leute, die heuer noch einen Parquett- platz ohne eiserne Verpflichtung dazu absitzen, sind Phleg­matiker, die sich weder von guten noch schlechten Beispielen beeinflussen lassen. . . ,,

Eine Art Theater, das man im Vorubergehen genießt, und ohne etwas dafür zu bezahlen, scheint sich bei uns mehr und mehr einzubürgern. Das ist die Schaufenster- Arbeit. Eigentlich ein Wiederaufleben mittelalterlicher Ge-

Politische Tagesschau.

Bodenreform.

In seinem BucheBodenreform" erzählt Adolf Da- pras ch k e:

Der Bauer Kilian kaufte in den zwanziger Jahrenfür2700Thaler gleich 8100 Mk. einen Kartoffelacker in Schöneberg. Was der Bauer und seine Familie und seine Knechte und Mägde zur Besserung des Bodens gethan haben d^rch rationelle Bearbeitung, durch Düngung, Bewässerung, Fruchtfolge usw., das alles bewirkt eine Steigerung der Grundrente, die durch Arbeit erzeugt wurde, die dem Bauer nicht arbeitslos wurde, nicht gleichsam zuwuchs, keineZuwachsrente". Als aber dies Kartoffelland in den siebziger Jahren für 6 000 0 00 Mk. verkauft wurde, da zeigte sich ohne Zweifel in dem Preisunterschied von 5991000 Mk. ein Wert, der nicht durch die Arbeit eines Bauernhauses erzeugt werden konnte. Aus dem Kartoffelacker war Bau- stellenterrain geworden. Berlin war gewachsen. Alle die j Staatsmänner, die in jenen schicksalsreichen 50 Jahren für Deutschland gedacht, die Feldherren, die seine Schlach­ten gewonnen, die Soldaten, die ihr Leben fürs Vater­land eingesetzt, die Erfinder, die der Industrie neueBahnen eröffnet, die Fabrikanten, die Kaufleute, die Arbeiter, die Mnstler, die Lehrer alle, die geistig und körperlich zur Ausrichtung und Größe des Deutschen Reiches und damit auch seiner Hauptstadt beigetragen, sie alle hatten mitgearbeitet, aus den 8000 Mk. 6 0^0 000. Mk. werden zu lassen."

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 21. Juni 1902.

** Der 25. Deutsch e Fleischer-Verb ands tag wird in den Tagen vom 16. und 17. Juli d. I. in Stuttgart abgehalten werden. Vor allem werden Fragen, wie: Oeff- Uung der Grenzen behufs Einfuhr von Lcylachtvieh usw. wiederum den Verhandlungen allgemeines Interesse und den zu fassenden Beschlüssen eine weittragende Bedeutung geben. Mit dem Verbandstage ist eine große deutsche Fach-Ausstellung für Fleischerei, Kochkunst und ver­wandte Gewerbe verbunden.

Mainz, 19. Juni. Gestern nachmittag wurde die be­scheidene Wohnung eines auf demAcker" wohnenden be­jahrten Manries von der Polizei gewaltsam geöffnet, La die Thür zu der Wohnung den ganzen Tag verschlossen war und die Hausbewohner glaubten, es sei dem Manne ein Unfall zugestoßen. Alan fand die Leiche des Mannes im Bette liegen, und es stellte sich heraus, daß ein Schlag­anfall seinem Leben ein Ende gemacht hatte. Das Zimmer des Verstorbenen glich mehr einem Stall, als einer menschf- lichen Wohnung; ein pestilenzartiger Gestank herrschte in den Räumen, wo sich Unrat und Schmutz seit Jahren an­gesammelt hatten. In der letzten Zeit hatte der Sonder­ling niemand mehr in seine Behausung h meingelassen; er selbst starrte vor Schmutz und hatte.ein erbärmliches, halb­verhungertes Aussehen. Bei einer behördlichen Revision der Wohnung fand man in einer Schublade zwei Sparkasse­bücher mit einem Einlagekapital von 15 000 Mk. Diese Summe fällt anlachende Erben".

P.-A. Worms, 19. Juni. An sämtliche dem Mittel­rheinkreise angehörende Turnvereine sind nunmehr die Ein-

wohnheiten. DerFlickschuster im Gaden" in Scheffels Heini von Steier" hatte Genossen auch unter den anderen Zünften. Aber damals hatte dieses an der Straße arbeiten etwas Gemütliches und geschah nicht wie heute im Angesicht von Hundert und aber Hundert Vorübergehenden, um der schrecklichsten aller Göttinnen, der Reklame, zu dienen. Ten Anfang haben wohl die Amerikaner gemacht, die in großen Schaufenstern ihre Schreibmaschinen von jungen Damen in Thätigkeit vorführen ließen. Dann kamen kleine Z i g a r e t t e n - Fabrikanten, die dunkeläugige Ber­linerinnen in orientalische Kostüme steckten, und bie duften­den Tabakröllchen von ihnen vor den Augen des Publikums Herstellen ließen. Visitenkartendrucker folgten ihnen; auch ingeniöse Schuster mit auf die Scheibe gemaltem Preis- kourant blieben nicht zurück, und selbstverständlich bemäch­tigten sich die Riesenbazare der schönen Passagen-Versper- rungs-Jdee erst recht. Tietz, das Warenhaus in der Leip­ziger Straße, hat jetzt einen Seidenwebstuhl im Schau­fenster, und jeder, ders lernen will, braucht nur aufzu­passen. Sonst florieren neben den Reisekoffern und an­deren, Sehnsucht in die Ferne erweckenden, Dingen die Strohhüte in den Auslagen; Strohhüte zu allen Preisen, von 25 Pfennigen aufwärts. Ueber die Grenze desauf­wärts" ist sich manch einer nicht recht klar; und wer ge­wöhnt ist, immer das Beste, weil es schließlich doch das Billigste ist, zu verlangen, kann einen ekligen Schreck krie­gen, wenn ihm der Verkäufer echte Panamahüte für fünfzig und mehr Mark vorlegt. Zwischen einem solchen Uner­fahrenen und dem betreffenden Hutmacher entspann sich dabei folgender Dialog: A:Also fünzig Mark sagen Sie? Hm, haben Sie noch teurere?" B.:Gewiß, dieser hier kostet 75!" A.:Und darüber nichts mehr?" B.: B.:O doch, der hier kostet 100 und dieser hier 120 Mark! Aber was suchen Sie denn in den Hüten so auf­fällig?" A.: (lächelnd):Die Löcher!" B.:Welche Köcher, mein Herr?" A:Wo der Ochse die Hörner durch- steüt, der so dumm ist, sonen Hut zu kaufen!" Sprach's und empfahl sich. Se non e vero, c den trovato! Man darf nur nicht an die Modellhüte unserer lieben Damen dabei denken! A. R.

wfdiibereien aus der Kaiserstadt.

(Nachdruck verboten.)

Dackels Erlösung. Sommer-Novit'aten. Schaufenster-Arbeit als Reklame. Strohhiite und was sie kosten.

Unsere vierbeinigen Mitbürger gehen einem fröhlichen Tag entgegen. Die Tage der Hunde sperre sind vorüber und am 24. d. M. werden sie endlich wieder in alle ihre Rechte eingesetzt, Ketten und Leinen werden ins historische Museum für Hunde, und die melancholischen Mops- uno verbissenen Terrier-Gesichter wandeln sich langsam wieder in das alte zufriedene Aussehen. Im Ernst gesprochen: selbst die Leute, die keine Hundefreunde stnd, haben es in den drei Monaten eriannt, daß dieses ewige an der Leineführen von Bob und Dolly und Flick und Flock noch schlimmer ist, als ihre oft verwünschte Freiheit. Denn das liebe Publikum, das als Besitzer von diesen, nun ein­mal mit manchen nicht gerade ästhetisch berührenden Ge- wohnheiten behafteten, Vierfüßlern in Frage kam, benutzte die Leit der Sperre nicht etwa als eine willkommene Periode für fciie früher verabsäumte Erziehung. Im Gegenteil, die Belästigung im Verkehr war ärger als vorher, und so manche hochdramatische Verwicklung mit Sturzkatastrophe wurde in dieser Zeit durch eine ganz gewöhnliche Hunde­leine hervorgerufen. Dazu kamen die Belästigungen, luenn man verreisen wollte. Wege zur Polizei, Scheine, Kon­trollen usw. Und zu Hause lassen wollte mau den klugen Puck" doch auch nicht. Wenn einer die Erholun'g in der Sommerfrische nötig hat, ist er's. Thatsächllch Haven manche Familien darum den Tag ihrer Wreise in die gewohnte Villegiatur bis zum Ablauf der Sperre per)ü)vben. Natür­lich hat auch die Ansichtskarten-Jndustrie ihren Anteil an dem langersehnten Tage. Tie drollige Jtete, die ein paar freudig bewegte Tackel vor einem Plakat an der Litfaßsäule zeigt, das die Aufhebung der schrecklichen Maß. regel verkündet, ist kaum noch zu haben, ]o flott ist sie 0e*a^n ^en^etttern kann man immer noch den Schlüssel nicht finden, zum Zuschließen nämlich,Thalia- T.tzeate r" hat man für Freitag.endlich die Ferien an-

für das auf den 24. Juni vorgesehene Automobilrennen ParisWien die Erlaubnis zur rennmäßigen Turchfahrt verweigert durchaus im Einklang mit der Volks- stimmnng. Die Strecke BelfortZürichBregenz wird nun wahrscheinlich als neutral erklärt werden.

Sandel und Verkehr. Volkswirtschaft.

Märkte.

eo. Herchenhain, 17. Juni. Heute fand hier der Johanni-Markt statt. In Rindvieh war der Markt schwach befahren. Kühe kosteten 150 bis 170 Mark, frisch­melkende wurden mehr gesucht, das Stück wurde mit 250 bis 280 Mark bezahlt. Stiere und Rinder waren nicht da. Nur noch einige schlachtbare Saugkälber waren aufgetrieben, die alle verkauft wurden. Tas Stück kostete int Alter von 14 Tagen bis drei Wochen 20 bis 30 Mark. Ter Handel war schlecht, auch waren die Preise etwas zurückgegangen. In Schweinen war der Markt dagegen sehr stark befahren, es waren ca. 700 Stück aufgetrieben. Die Durchschnitts­preise waren folgende: Junge Ferkel 6 bis 8 Wochen alt, kosteten das Paar 55 bis 65 Mark, stärkere Ware 8 bis 12 Wochen alt, 65 bis 80 Mark. Es wurde alles verkauft. Sogenannte lAnlegeschweine kosteten das Paar 90 bis 110 Mark, bessere Qualität und auch ältere, das Paar 115 bis 130 Mark. Hierin wurde ebenfalls alles verkauft. Zucht­schweine, von denen nur wenige da waren, wurden pro Stück zu 90 bis 120 Mark verkauft. Fette Schweine kostete das Pfund Lebendgewicht 45 bis 47 Pfennig, Schlachtgewicht pro Pfund 57 bis 60 Pfennig. Im ganzen wurde saft alles verkauft, auch war der .Handel ein sehr flotter und die Preise verhältnismäßig ziemlich hoch.